Daniil Charms
(Даниил Хармс; * 17.jul./ 30. Dezember 1905 greg. in Sankt Petersburg; † 2. Februar 1942 in Leningrad)
(1931)
Aus: Daniil Charms: Die Wanne des Archimedes. Gedichte. Aus dem Russischen von Peter Urban. Wien: Edition Korrespondenzen, 2006, S. 95
роберт мавр –
Ну с начинаю
движутся года.
Смотреть и радоваться в книгу
сделанную много сотен лет тому
назад не буду больше никогда.
Садитесь в круг
ученья каждому открою двери.
Без цифр наука как без рук.
начнёмте с цифр:
три контуром напоминает
перерезанное сердце
Согласны?
Все хором –
согласны!
Màrius Torres
(* 30. August 1910 in Lleida; † 29. Dezember 1942 in Sant Quirze Safaja, Provinz Barcelona)
Aviat, als asils i als bancs de la ciutat,
entrarà al cor dels pobres tot el fred que s’acosta,
i a les mans, consumides de tant d’haver captat,
la misèria i l’hivern curullaran l’almosta.
Un silenci profund i vivent com un hoste
s’instal·larà a les cambres del vell palau tancat,
i pels camins, allargassats sota la posta,
descendiran les clares nits sense pietat.
I, tanmateix, que bells, el violeta pàl·lid,
el verd brillant, encès d’or immaterial
d’aquest ponent d’octubre, orgullosament alt!
Dura beutat que gela tot foc amb el seu hàlit!
Només, darrera els ulls, puja un vent aspre i càlid,
com d’una cova on crepités una fornal.
Sehr bald wird in den Heimen, auf den Stadtbänken
ins Herz der Armen all die Kälte dringen, die herannaht,
die Schale beider Hände, so abgenutzt vom Betteln,
werden das Elend und der Winter reichlich füllen.
Ein tiefes Schweigen, so lebendig wie ein Gast,
zieht in die alten Kammern des geschlossenen Palastes,
und auf den Wegen, die der Sonnenuntergang verlängert,
steigen die klaren Nächte gnadenlos herab.
Und doch: Wie schön sie sind, das blasse Violett,
das helle Grün, von unstofflichem Gold entzündet,
dieses Oktoberabends voller stolzer Höhe!
Du harte Schönheit, deren Atem Feuer macht zu Eis!
Hinter den Augen nur steigt auf ein rauer, warmer Wind,
als wenn in einer Höhle eine Schmiede glühte.
Aus:
Màrius Torres: Poesies/Gedichte. Katalanisch/deutsch. Übertragen von Àxel Sanjosé. Aachen: Rimbaud Verlag, 2019. (https://www.rimbaud.de/books/marius-torres-poesies-gedichte/)
Mit freundlicher Genehmigung.
Alfred Wolfenstein
(* 28. Dezember 1883 in Halle; † 22. Januar 1945 in Paris)
MUND
Im Wege ist mein Mund mir, wenn ich sprechen will,
Er liegt so sicher und aufdringlich still,
In des Gesichtes Reize ist er zu verstrickt.
Er blickt zu sehr hinaus und wird erblickt.
Ein Fremder ist er, welcher mich genießt,
Mühlos von meinen Worten überfließt.
Und fast nur hört — er spricht fast gar nicht was er spricht
Und macht doch den, der alles tut — und ist fast nicht,
Ist nicht einmal das Tor, — ein Loch, durchschrien
Vom Geist voll Scheu, — ein Zufall, — ja ich hasse ihn —
Der ich mich liebe.
Aus: Alfred Wolfenstein, Die gottlosen Jahre. Berlin: S. Fischer, 1914, S. 43
Ossip Mandelstam
(Осип Эмильевич Мандельштам, * 3.Januar jul./ 15. Januar 1891 greg. in Warschau; † 27. Dezember 1938 in einem Lager bei Wladiwostok)
„Ma voix aigre et fausse …“*
Paul Verlaine
Und ich sag dir mit der letzten
Ehrlichkeit:
Alles Quatsch und Cherry Brandy,
Engel mein.
Da, wo den Hellenen Schönheit
Strahlend war,
Gähnt für mich aus schwarzen Löchern
Meine Schmach.
Helena, verfrachtet übern
Meeresgrund.
Aber mir bleibt nur mit Salzschaum
Übern Mund.
Meine Lippen wird bestreichen
Leere, Nichts.
Und den Vogel wird mir zeigen, was
Armut ist.**
Ob zum Teufel, ob zum Kotzen –
Alles eins.***
Engel Mary, trinke Cocktails,
Saufe Wein!
Und ich sag dir mit der letzten
Ehrlichkeit:
Alles Quatsch und Cherry Brandy,
Engel mein.
2. März 1931
Deutsch von Rainer Kirsch (1967)
Aus: Ossip Mandelstam, Poet’s Corner 8. Ausgewählt von Rainer Kirsch. Berlin: Unabhängige Verlagsbuchhandlung Ackerstraße, 1992, S. 19
** In der Ausgabe Ossip Mandelstam, Hufeisenfinder. Russisch und deutsch, hrsg. Fritz Mierau, Leipzig: Reclam, 1975, S. 137: „Einen Vogel wird mir zeigen, was / Armut ist.“ Ebenso im zerlesensten Band meiner Sammlung der „Weißen Lyrikreihe“ des Verlages Volk und Welt: Tristia, 1985. Ralph Dutli, Mitternacht in Moskau. Die Moskauer Hefte. Gedichte 1930-1934, Frankfurt/Main: S. Fischer, 1990, übersetzt: „Armut zeigt mir höhnisch reizend / Ihr Gesicht.“ (S. 55).
*** Dutli a.a.O.: „Hoppla, weiter, auch mich lockt es“
„Ma voix aigre et fausse …“*
Paul Verlaine
Я скажу тебе с последней
Прямотой:
Всё лишь бредни, шерри-бренди,
Ангел мой.
Там, где эллину сияла
Красота,
Мне из черных дыр зияла
Срамота.
Греки сбондили Елену
По волнам,
Ну а мне – соленой пеной
По губам.
По губам меня помажет
Пустота,
Строгий кукиш мне покажет
Нищета.
Ой-ли, так-ли, дуй-ли, вей-ли.
Всё равно.
Ангел Мэри, пей коктейли,
Дуй вино!
Я скажу тебе с последней
Прямотой:
Всё лишь бредни, шерри-бренди,
Ангел мой.
2 марта 1931
Georg Trakl
(* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien)
HÖLDERLIN
Der Wald liegt herbstlich ausgebreitet
Die Winde ruhn, ihn nicht zu wecken
Das Wild schläft friedlich in Verstecken,
Indes der Bach ganz leise gleitet.
So ward ein edles Haupt verdüstert
In seiner Schönheit Glanz und Trauer
Von Wahnsinnn, den ein frommer Schauer
Am Abend durch die Kräuter flüstert.
Aus: Georg Trakl, Dichtungen und Briefe. Hrsg. Hans Weichselbaum. Salzburg, Wien: Otto Müller, 2020, S. 304
(Nachlass, Gedichte 1909-1912)
Aus: Sir Gawain und der Grüne Ritter
Dann stellten sie dem Ritter höflich und taktvoll Fragen über ihn selbst, bis er freundlich mitteilte, von welchem Hof er komme, daß sein einziger Herrscher der edle und vornehme Artus sei, der mächtige König der Runden Tafel; [905] Gawain selbst sitze vor ihnen, gekommen, das Weihnachtsfest mit ihnen zu verbringen, so wie es der Zufall gewollt habe. Als der Herr des Hauses gehört hatte, wen er als Gast bei sich hatte, lachte er vor Freude laut auf, und mit ihm freuten sich alle Burgbewohner, [910] und sie suchten eilends die Gesellschaft dieses Mannes, der Ehre, Tapferkeit und höfisches Wesen in seiner Person vereinigt und immer nur gelobt wird; überall in der Welt genießt er höchsten Ruhm. Jeder der Männer flüsterte seinem Nachbarn zu: [915] »Jetzt werden wir Beispiele höfischer Lebensart kennenlernen und die makellose Redeweise der Hofgespräche. Welche Wirkung von der Sprache ausgehen kann, werden wir ohne weiteres von ihm lernen können, denn wir haben hier den Vater der vollkommenen Höfischkeit aufgenommen. Wahrhaftig, Gott hat uns eine große Gnade erwiesen, [92o] daß Er uns einen solchen Ritter wie Gawain als Gast beschert, [jetzt zu Weihnachten,] da die Menschen sich der Geburt unseres Herrn freuen und sie in fröhlichen Liedern besingen sollen.
Was es heißt, edel gesittet zu sein, wird dieser Ritter uns nun Vorleben, [925] und alle, die ihn hören, werden wohl über die Kunst des Minnegesprächs etwas lernen können.«
Aus: Sir Gawain und der Grüne Ritter. Sir Gawain and the Green Knight. Englisch/Deutsch. Übersetzt und hrsg. v. Manfred Markus. Stuttgart: Reclam, 1998, S. 62ff
Then queries and questions carefully framed
on private matters were put to that prince.
So he spoke of his court, in courteous words,
as that which highborn Arthur held as his own,
who ruled the Round Table as its regal king —
and their guest, he told them, was Gawain himself,
come to them at Christmas as his course unfolded.
On learning whom luck had brought him the lord
laughed out loud for sheer heart’s delight.
Within that moat every man was eager to move,
and pressed forward promptly to enter the presence
of „that paragon of prowess and of perfect manners,
whose virtues and person are constantly praised:
of all men on earth most worthy of honor!“
Each man of them, murmuring, remarked to his fellows,
„Now we shall see courtesy cleverly displayed
among faultless feats of fine conversation!
We will learn untaught how to talk nobly
when we face such a fine father of breeding!
God has graced us indeed, with a grand blessing,
to grant us the guest that Gawain will make
when we sit and sing glad songs of Christ’s new birth.
The meaning of his mannered ways
will show what words are worth —
and teach us terms to play
the game of lovers‘ mirth.“
Quelle: https://docs.google.com/document/d/1gKkQdZ2kjm-9jhggdfHFZxGWH1Uzyb7ojDzgmhgyBJA/edit#!
Adam Mickiewicz
(* 24. Dezember 1798 in Zaosie bei Nowogródek, heute Weißrussland; † 26. November 1855 in Konstantinopel)
… Ich zähle nicht die Silben, suche nicht nach Reimen,
Ich schreibe wie ich rede, laß Gedanken keimen,
Sobald ich an die Brust mich schlage, strömen Worte,
Und wenn ein Götterfunke blitzt aus der Aorte,
Ist es nicht der Verstand, nicht Traum, die es mir lohnen:
Von Gott hab ich die Gabe der Inspirationen;
Bevor ich seh, was kommt, kann ich es schon empfinden,
Es zeigt mir unsren Weg, die Tugend und die Sünden.
………………………………………
Dem Dichter ist nur eines, wisset, Wein und Brot:
Inspiration im Herzen und der Weg zu Gott!Paris,
Fragment einer Improvisation
25. Dezember 1840
Deutsch von Karl Dedecius, aus: Adam Mickiewicz, Dich anschaun. Liebesgedichte. Polnisch und deutsch. Übertragen u. herausgegeben von Karl Dedecius. Frankfurt/Main u. Leipzig: Insel, 1998, S. 5 u. 62
Ja rymów nie dobieram, ja zgłosek nie składam,
Tak wszystko napisałem, jak tu do was gadam.
W piersi tylko uderzę, wnet zdrój słów wytryśnie,
A jeśli na tym prądzie iskra boża błyśnie,
Nie wynik to rozumu ani płód marzenia:
Od Boga ją przyjąłem na skrzydłach natchnienia;
Nim widzi; przyszłość, chwytam myśli, czuciem rządzą,
Nim silny, grzechy nasze i przyszłość osądzę.
………………………………………
Wiedzcie, że dla poety jedna tylko droga!
W sercu szukać natchnienia i dążyć do Boga!
Albert Ehrenstein (* 23. Dezember 1886 in Ottakring, Österreich-Ungarn; † 8. April 1950 in New York)
Der Ritter Rokoko
Der Ritter Rokoko
ritt auf seinem Pferde
weit weg von seiner Burg,
der schönen, die da hieß »Reim auf erde«,
weit weg von seinem Weib,
der Schönen, die da hieß »Reim auf urg«.
Als Ritter Rokoko von seinen Buhurten
kam, da winkte nicht sein Weib
vom Söller mit dem weißen
Seidentuche, der alte Reim auf urten,
so hieß der graue Knappe,
kam nicht entgegen, wie geheißen,
bis zur dürren Föhre. Rappe,
das Roß, zog scheu den Weg
zur Burg, der tauben, todesstillen.
Der Ritter dann sprang ab
und eilte, rufend seiner Fraue
Namen, seiner Säle Geheg
durch, durch Todesstillen.
Und an der kahlen Mauer ab
eine Spinne sich Verhaue
machte, ganz dem Ort gemäß,
und das allein der Ritter sah.
Und wieder eilte hin und her
der Ritter Rokoko,
schon nicht mehr klagend, seinem Sinn gemäß,
doch Tränenspuren viel man sah,
wo sein rüstungswunder Fuß
sorgend eilte hin und her.
Doch endlich, als zum erstenmal
ins Schlafgemach des Ritters Fuß
trat, lag so bleich und kalt und kühl
wie Marmorstein die Frau im Pfühl.
Und bald lag bleich und kalt und kühl,
so sanft umschlungen mit der Frau
der Ritter Rokoko.
Aus: Albert Ehrenstein, Werke. Hrsg. Hanni Mittelmann. Band 4/1. Gedichte. Erster Teilband. Boer, 1997, S. 14. Erstveröffentlichung in Der Sturm 3 (1912/13), 142-143, S. 248. Das Gedicht entstand 1902. Es erschien 1914 in dem Band Die weisse Zeit. Textfassung nach diesem Band. Einzige Abweichung in der Sturm-Fassung: Vers 15 lautet „zur Burg, der bleichen, todesstillen.“
Filippo Tommaso Marinetti
(* 22. Dezember 1876 in Alexandria, Ägypten; † 2. Dezember 1944 in Bellagio, Italien)
DER ABEND UND DIE STADT
(Aus »La Vie Charnelle«)
Die Stadt stand gemauert in Stolzes Wonne und Sonne …
Die hohnvolle Stadt für den Schauder der Nacht,
der aus der Ferne stieg zum Kampf mit der Helle,
sträubte plötzlich mit der Hand, brunstentfacht
der Türme erklingend Bündel gen Himmel,
und die Türme, gezückt wie schwarze Speere,
zerrissen des Abends Fleisch, das schlaffe und hehre.
Und der Abend ward wund; und seine Goldstimme schwieg …
Und sein schlotterndes Fleisch, überwältigt von Weh,
sank über die Stadt, bei der Holztauben sanftem Lied.
Und den biedren Türmen kamen blaue Tränen.
Weinen um ihrer Spitzen übereilter Missetat.
Und die Stadt, von Stolz berauscht und von Hohn,
ganz verängstet, des Abends fernes Geweine zu hören,
lehnte sich auf die Ebene, harrend der Nacht.
Und ihr Antlitz, geschminkt mit Blut und Grauen,
tränkt sich im Fluß, der melancholisch rinnt
und großer Wolken Geschmeide wälzt
und der Speere Reflex, den seine Flut verdünnt.
Sodann hob der verletzte Abend, keuchend unter der Schwere
unendlicher Finsternis, sein traurig Gesicht
stadtwärts und dachte, ob wohl am andern Tag ob der Sünde
die entsetzte Armut ihre Stimme in Raunen verkehre,
wenn ihr Blick sein rotes Blut am erhabnen Gemäuer finde.
Über die Gießbäche geneigt, die sich entfärben,
füllte mit kläglichem Wasser der Abend seinen güldenen Becher
und wusch großmütig weg die Spur der verbrecherischen Tat,
denn der Abend verzieh der grausamen Stadt.
Und zerschunden ging er hin, in der Augen Grunde
höchstes Mitleid … und sein Schritt ward sacht,
auf daß sein Tritt am Himmel nicht Sterne verwunde.
Und mit blauen Tränen starben die Türme in der Runde.
Aus: Die Aktion 1911-1918. Wochenschrift für Politik, Literatur und Kunst. Herausgegeben von Franz Pfemfert. Eine Auswahl von Thomas Rietzschel. Berlin und Weimar: Aufbau-Verlag, 1986, Sp. 230 – Nr. 37, 1913, Sp. 330)
Originalausgabe: Die Aktion 37 / 1913. Sondernummer. ANTHOLOGIE JUENGSTER FRANZOESISCHER LYRIK. Gedichte von Henri Martin Barzun, Nicolas Beauduin, Blaise Cendrars, Jean Clary, Tristan Derème, Léon Deubel, Fernand Divoire, Henri Hertz, Louis Mandin, P. T. Marinetti, Alexandre Mercereau, Florian Parmentier, Lucien Rolmer, Jean Royère, Valentine de Saint-Point, Theo Varlet. Ausgewählt und übersetzt von Hermann Hendrich (Auderghem-Bruxelles) (so auf der Titelseite).
Miklós Radnóti
(* 5. Mai 1909 in Budapest; von Deutschen ermordet am 9. November 1944 bei Abda nahe Győr)
Erste Ekloge
Quippe ubi fas verstim atque nefas:
tot bella per orbem,
tam multae scelerum facies; …*)
Vergil
Hirt:
Lange schon sah ich dich nicht; war’s der Amselschall, der dich herlockte?
Dichter:
Gern lausch ich ihm, der Wald ist voll Lärm, es kam schon der Frühlingl
Hirt:
Dies ist kein Lenz noch, der Himmel betrügt, sieh nur diese Lache,
jetzt wohl lächelt sie sanft, doch bindet Nachtfrost ihren Spiegel,
fletscht sie dich an, denn April ist’s, glaub nie diesem Narren –,
schau, ganz erfroren sind dort schon die Tulpen, die kleinen.
Doch warum bist du so traurig? Willst du auf den Stein dich nicht setzen?
Dichter:
Nicht einmal traurig bin ich; ich hab mich an diese verruchte
Welt dermaßen gewöhnt, daß sie mich nicht schmerzt, nur mehr ekelt.
Hirt:
Wirklich, ich höre, daß auf den pyrenäischen Gletschern
zwischen blutstarren Leichnamen glühnde Kanonenrohre
widereinander brüllen und daß Soldaten und Bären
von dort gemeinsam fliehn und daß Frauen, Greise und Kinder
mit geschnürten Bündelchen laufen und bäuchlings hinschlagen,
wenn über ihnen der Tod zu kreisen beginnt, und so viele
Tote liegen schon dort, daß es keinen mehr gibt, der sie wegräumt.
Nicht wahr, du kennst Frederico?**) Sag mir, ist er geflohen?
Dichter:
Nein! Vor zwei Jahren schon hat man ihn in Granada getötet.
Hirt:
García Lorca ist tot! daß mir das noch keiner gesagt hat!
Schnell eilt die Kunde von Kriegen einher, doch wer Dichter ist, schwindet
einfach so weg. Sag, hat denn Europa um ihn nicht getrauert?
Dichter:
Man hat es gar nicht gemerkt. Und es ist noch gut, wenn der Wind einst
sich der Brandstätte entsinnt, wo er kohlende Verse gelesen.
Soviel nur wird von dem Werk den neugierigen Nachfahren bleiben.
Hirt:
Tot. Nicht geflohn. Freilich, wohin könnt der Dichter auch flüchten?
Auch der teure Attila***) floh nicht, kopfschüttelnd nur sprach er
ständig sein Nein zu der Welt. Doch sag, wer beweint den Entschwundenen?
Und wie lebst du? Kann dein Wort heutzutage ein Echo noch finden?
Dichter:
Unter Kanonengebrüll? Zwischen Trümmern und brandschwarzen Dörfern?
Doch ich schreibe und lebe inmitten dieser verrückten
Welt wie die Eiche dort lebt, die weiß, daß man morgen sie fälln wird,
da schon das Kreuz auf ihr leuchtet, das sie dem Holzfäller anzeigt,
wissend erwartet sie ihn und treibt bis dahin dennoch Neulaub.
Du hast es gut, hier ist Ruhe, und selten auch gibt es hier Wölfe,
ja du vergissest sogar, daß das Vieh, das du hütest, nicht dein ist,
kam doch der Herr schon seit Monaten nicht, um nach dir zu sehen.
Aber lebe nun wohl, es wird dunkeln bevor ich zu Haus bin,
Nachtfalter regen sich schon und durchrieseln die Luft rings mit Silber.
1938
*) Hier, wo Recht sich verkehrt in Unrecht, Kriege den Erdkreis / So durchtoben in Meng‘ und der Gräul in so mancher Gestalt… Vergil, Georgica (Landbau) 1, 505ff (Übers. Wilhelm Binder)
**) Der spanische Dichter Federico García Lorca wurde nach dem Putsch Francos 1936 ermordet und am Straßenrand begraben.
***) Der ungarische Dichter Attila József (1905-1937) stürzte sich 1937 vor einen Güterzug.
Deutsch von Franz Fühmann, aus: Miklós Radnóti, Ansichtskarten. Nachdichtung und Nachwort von Franz Fühmann. Berlin: Volk und Welt, 1967, S. 37ff
Első ecloga
Quippe ubi fas versum atque nefas: tot bella per orbem, tam multae scelerum facies;…
Vergilius*
PÁSZTOR
Régen láttalak erre, kicsalt a rigók szava végre?
KÖLTŐ
Hallgatom, úgy teli zajjal az erdő, itt a tavasz már!
PÁSZTOR
Nem tavasz ez még, játszik az ég, nézd csak meg a tócsát,
most lágyan mosolyog, de ha éjszaka fagy köti tükrét
rádvicsorít! mert április ez, sose higgy a bolondnak, –
már elfagytak egészen amott a kicsiny tulipánok.
Mért vagy olyan szomorú? nem akarsz ideülni a kőre?
KÖLTŐ
Még szomorú se vagyok, megszoktam e szörnyü világot
annyira, hogy már néha nem is fáj, – undorodom csak.
PÁSZTOR
Hallom, igaz, hogy a vad Pirenéusok ormain izzó
ágyucsövek feleselnek a vérbefagyott tetemek közt,
s medvék és katonák együtt menekülnek el onnan;
asszonyi had, gyerek és öreg összekötött batyuval fut
s földrehasal, ha fölötte keringeni kezd a halál és
annyi halott hever ott, hogy nincs aki eltakarítsa.
Azt hiszem, ismerted Federícót, elmenekült, mondd?
KÖLTŐ
Nem menekült. Két éve megölték már Granadában.
PÁSZTOR
Garcia Lorca halott! hogy senki se mondta nekem még!
Háboruról oly gyorsan iramlik a hír, s aki költő
így tünik el! hát nem gyászolta meg őt Európa?
KÖLTŐ
Észre se vették. S jó, ha a szél a parázst kotorászva
tört sorokat lel a máglya helyén s megjegyzi magának.
Ennyi marad meg majd a kiváncsi utódnak a műből.
PÁSZTOR
Nem menekült. Meghalt. Igaz is, hova futhat a költő?
Nem menekült el a drága Atilla se, csak nemet intett
folyton e rendre, de mondd, ki siratja, hogy így belepusztult?
Hát te hogy élsz? visszhang jöhet-é szavaidra e korban?
KÖLTŐ
Ágyudörej közt? Üszkösödő romok, árva faluk közt?
Írok azért, s úgy élek e kerge világ közepén, mint
ott az a tölgy él; tudja, kivágják, s rajta fehérlik
bár a kereszt, mely jelzi, hogy arra fog irtani holnap
már a favágó, – várja, de addig is új levelet hajt.
Jó neked, itt nyugalom van, ritka a farkas is erre,
s gyakran el is feleded, hogy a nyáj, amit őrzöl, a másé,
mert hisz a gazda se jött ide hónapok óta utánad.
Áldjon az ég, öreg este szakad rám, míg hazaérek,
alkonyi lepke lebeg már s pergeti szárnya ezüstjét.
1938
„Itt, hol a bűn az erény, harcok dúlják a világot, oly sok alakban lép fel a vétek” (Trencsényi-Waldapfel Imre fordítása, Vergilius – Georgica)
Friederike Mayröcker
(* 20. Dezember 1924 in Wien)
Die Eisenbahnen
die Eisenbahnen
mit ihren gewissenhaften Rädern,
emsig nähen sie die grüne
(oder graue oder weisze)
Landschaft zusammen
wie eine Nähmaschine
das Tuch
Aus: Friederike Mayröcker, Gesammelte Gedichte 1939-2003. Hrsg. Marcel Neyer. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2004, S. 68.
Das Gedicht entstand „vermutlich 1957/1958“)
Noch einmal im Celanjahr 2020:
Paul Celan
DU SEI WIE DU, immer.
Stant vp Jherosalem inde
erheyff dich
Auch wer das Band zerschnitt zu dir hin,
inde wirt
erluchtet
knüpfte es neu, in der Gehugnis
Schlammbrocken schluckt ich, im Turm,
Sprache, Finster-Lisene,
kumi
ori.
Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe. Hrsg. Barbara Wiedemann. Berlin: Suhrkamp, 2018/2020, S. 308f
Entstanden am 3.12.1967. Das Gedicht zeigt Spuren der Lektüre Meister Eckharts (Zitate in Kursiv) und des aktuellen Spiegel.
Die ersten beiden kursiven Zitate sind Eckharts Übersetzung einer Bibelstelle, Jes. 60, 1, Steh auf, Jerusalem, und erhebe dich und werde erleuchtet.
Gehugnis: Gedächtnis (bei Eckhart)
Schlammbrocken: Bezieht sich auf eine Nachricht im Spiegel, dass US-amerikanische Streitkräfte eine H-Bombe verloren und aus dem Schlamm geborgen hatten.
Finster-Lisene: Eine nicht identifizierte Lektürenotiz Celans
kumi / ori sind die hebräische Entsprechung „erhebe dich, leuchte“. Celan notierte im März 1969: „Kumi ori: / es verdeutlicht sich im Verschwiegensten“.
Paul Klee
(* 18. Dezember 1879 in Münchenbuchsee, Kanton Bern; † 29. Juni 1940 in Muralto, Kanton Tessin)

Strophe:
Rach und Degen
im Sturm ein Schirm
ein Dach dem Regen
Strophe:
Schurm und Stirm
im Sturm ein Schirm
Rach und Degen
ein Dach dem Regen
Neue Möglichkeiten:
Degen und Rach
dem Regen ein Dach
Stirm und Schurm
ein Schirm im Sturm
Schurm und Stirm
Rach und Degen
ein Dach und Regen
im Sturm ein Schirm
Aus: Paul Klee, Gedichte. Zürich, Hamburg: Arche, 2001, S. 15
Dschalāl ad-Dīn Muhammad Rūmī (Rumi)
(* 30. September 1207 in Balch, heute in Afghanistan, oder Wachsch bei Qurghonteppa, heute in Tadschikistan; † 17. Dezember 1273 in Konya),
Du bist der Schreiber und die Schrift bist du, Tint' und Papier und Schreibestift bist du. Du bist die Sternenschrift am Himmel dort, Im Herzen hier die Liebeschrift bist du. Das Blatt, das treibt, das ausgetriebne Lamm, Der Trieb, der Treiber und die Trift bist du. Du bist die Ruh', die Unruh bist du auch, Das Gift und auch das Gegengift bist du. Du Ebb' und Flut, Windstill' und Sturm und Meer; Schiffbruch und Schiff, und der drin schifft, bist du. Was kann ich treffen? was kann treffen mich? Was trifft der Sinn, und was ihn trifft, bist du.
Friedrich Rückert Aus den Ghaselen des Mewlana Dschelaleddin Rumi. #18
––––––––––––––––––––––––––––
Buchstaben sind Behälter; die Bedeutung ist darin wie Wasser; das Meer der Bedeutung ist bei dem, der die Urschrift hat. a)
a) D. i. die Tafel, auf der alles dem Menschen durch Offenbarung gewordene Wissen verzeichnet ist
Aus: Ğalāl ad-Dīn Rūmī جلال الدين رومی Das Maṯnawī مثنوی معنوی Spirituelle Verse. 1001 Verse – Leseprobe. Aus dem Persischen übertragen von Bernhard Meyer.
Wassily Kandinsky
(* 4. Dezember jul./ 16. Dezember greg. in Moskau; † 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich)
FALSCH HANDELN
Ich saß und wartete auf zwei Frauen und einen Mann. Ich saß auf Ziegelsteinen, die (ich wusste es) für Käfige gebraucht werden. Vor mir war das niedere Gebäude mit vielen Tieren darin und fetten Schlangen, die ihre Zunge zeigten. Ich saß und guckte auf die kleine Tür, über der ein Schild hing: „Ausgang“. Ich saß und wartete auf eine Frau, die grünlichgelb war, auf eine Frau, die blau war, auf einen Mann, der lange graue Beine hatte und viel Blau im Gesicht. Viele Frauen und viele Männer kamen heraus. Es waren aber lauter falsche für mich und richtige für andere. Ich wartete aber auf die, die für mich richtig waren und für andere falsch. Und sie kamen, aber von der falschen Seite. Es kommt immer so, wenn man statt durch die Tür, über der ein Schild „Ausgang“ hängt, durch die Tür geht, über der ein Schild „Eingang“ hängt. So falsch können richtige Menschen handeln … Ich war froh, die Ziegelsteine loszuwerden, aus denen man Käfige baut.
Aus dem Russischen von Alexander Filyuka. In: Wassily Kandinsky, Vergessenes Oval. Gedichte aus dem Nachlaß. Verlagshaus Berlin, 2016, S. 15
Neueste Kommentare