Übers Wasser

Sylvia Plath

(* 27. Oktober 1932 in Jamaica Plain bei Boston, Massachusetts; † 11. Februar 1963 in Primrose Hill, London)

 

Deutsch von Judith Zander, aus: Sylvia Plath, Übers Wasser. Aus dem Amerikanischen von Judith Zander. Wiesbaden: luxbooks, 2013, S. 17 / Rücktitel. Originaltext „Crossing the water“ hier.

Meine Worte

Andrej Bely

(* 14. Oktober jul./ 26. Oktober 1880 greg. in Moskau; † 8. Januar 1934 ebenda)

Meine Worte

O meine Worte — Perlen — Wasserspiel
in Mondenträumen, schäumend, aber ohne Ziel, —
launischen Vogels Flug,
vom Nebel zugeweht.

O meine Träume — seufzend dunkler Trug,
erstarrter Tränen Gletscher, der in Abendflammen steht,
wahnwitzger Riese, der
pfeift auf ein Zwergenheer.

O meine Liebe — ein Geläut, sehnsüchtig trüb,
das tönt und das doch keiner halten kann, —
du Traum, unendlich lieb,
durchlebt schon irgendwann.

Mai 1901
Serebrjany Kolodes

Андре́й Бе́лый

Мои слова

Мои слова — жемчужный водомет,
средь лунных снов, бесцельный, но вспененный,
капризной птицы лёт,
туманом занесенный.

Мои мечты — вздыхающий обман,
ледник застывших слез, зарей горящий, —
безумный великан,
на карликов свистящий.

Моя любовь — призывно-грустный звон,
что зазвучит и улетит куда-то, —
неясно-милый сон,
уж виданный когда-то.

Май 1901
Серебряный Колодезь

Deutsch von Uwe Grüning. Aus: Gamajun, kündender Vogel. Gedichte des russischen Symbolismus, russ.-dt. Hrsg. Christa Ebert. Leipzig: Reclam, 1992, S. 68f

 

Donnerlied

Justus Georg Schottel (Schottelius)

(* 23. Juni 1612 in Einbeck; † 25. Oktober 1676 in Wolfenbüttel)

Donnerlied

SWefel / Wasser / Feur und Dampf
Wollen halten einen Kampf;
Dikker Nebel dringt gedikkt
Licht und Luft ist fast erstikkt.

Drauf die starken Winde bald
Sausen / brausen / mit Gewalt
Reissen / werfen / Wirbelduft
Mengen Wasser / Erde / Luft.

Plötzlich blikt der Blitz herein
Macht das finstre feurig seyn
Swefelklumpen / Strahlenlicht
Rauch und Dampf herein mit bricht.

Drauf der Donner brummt und kracht
Rasselt / rollet hin mit Macht
Prallet / knallet grausamlich
Puffet / sumsend endigt sich.

Bald das Blitzen wieder kommt
und der Donner rollend brummt:
Bald hereilt ein Windesbraus
und dem Wetter macht garaus.

Aus: Justus Georgius Schottelius, Fruchtbringender Lustgarte : In sich haltend Die ersten fünf Abtheilungen/ Zu ergetzlichem Nutze/ Ausgefertigt … / [zubereitet von Iusto-Georgio Schottelio …]. Lüneburg : Cubach ; Wulffenbüttel : Bißmark, 1647, S. 258f (Göttinger Digitalisierungszentrum)

Setz dich. Schreib auf

Guntram Vesper

(* 28. Mai 1941 in Frohburg; † 22. Oktober 2020 in Göttingen)

An einen Freund

Setz dich.

Schreib auf
dies und das:

alles ist wichtig.

Morgen könnte
die Schrift abgeschafft sein

sie zittert schon.

Aus: Guntram Vesper, Ich hörte den Namen Jessenin. Frühe Gedichte. Frankfurt/Main: Frankfurter Verlagsanstalt, 1990, S. 7

 

Einsilbiger nie als im August ’61

Konstantin Ames

REUNITED

BDDRD, Land der Zweifler und Kranfahrer, aber aber! Aber:
Einsilbiger nie als im August ’61. Erlebnis Formulierung Tat –
Ueber Schafe und Kühe im außermoralischen Sinne, schreib:
Neu: neunundfünfzig Bitterfelder, neu: ’89 Erzähllungenkranker.
Ich lerne, ich bereite vor, ich übe mich. Klar: Segelfliegerei!
– Tatütata! Der Segelflug hat Glück bei den Alraunen. Schreib:
Einer flog schlenkrig drüber rüber. Las 2006: Schwarz, rot, geiler
Dô wuohs in zweier Staaten Erde Wurm um Wurm zusammen, was

Vögeln, schwarzen, roten, gelben, den schon freien Versehen, Speise war, in der Luft

Aus: Konstantin Ames, Alsohäute (roughbook 011), Leipzig u. Holderbank SO: 2010, S. 19

Schlaflosigkeit

Dámaso Alonso

(* 22. Oktober 1898 in Madrid; † 25. Januar 1990 ebenda)

Schlaflosigkeit

Madrid ist eine Stadt von über einer Million Leichen (nach der letzten Statistik).
Manchmal des Nachts wälze ich mich und richte mich auf in der Grabkammer, in der ich seit fünfundvierzig Jahren verwese,
und verbringe lange Stunden damit, dem stöhnenden Wind zu lauschen oder Hundegebell oder dem sanften Strömen des Mondes,
und verbringe lange Stunden damit, wie der Wind zu stöhnen, wie ein wütender Hund zu bellen und wie Milch aus dem warmen Euter einer gelben Riesenkuh zu rinnen,
und verbringe lange Stunden mit der Frage an Gott, der Frage, warum meine Seele langsam verwest.
warum über eine Million Leichen verwesen in dieser Stadt Madrid,
warum tausend Millionen Leichen allmählich in der ganzen Welt verwesen.
Sag mir: welchen Garten willst du mit unserer Verwesung düngen?
Fürchtest du, die Rosenfelder des Tages könnten verdorren,
die Todeslilien im Trauerfeld deiner Nächte?

Insomnio

Madrid es una ciudad de más de un millón de cadáveres (según las últimas estadísticas).
A veces en la noche yo me revuelvo y me incorporo en este nicho en que hace 45 años que me pudro,
y paso largas horas oyendo gemir al huracán, o ladrar los perros, o fluir blandamente la luz de la luna.
Y paso largas horas gimiendo como el huracán, ladrando como un
perro enfurecido, fluyendo como la leche de la ubre caliente
de una gran vaca amarilla.
Y paso largas horas preguntándole a Dios, preguntándole por qué se pudre lentamente mi alma,
por qué se pudren más de un millón de cadáveres en esta ciudad de Madrid,
por qué mil miliones de cadáveres se pudren lentamente en el mundo.
Dime, ¿qué huerto quieres abonar con nuestra podredumbre?
¿Temes que se te sequen los grandes rosales del día,
las tristes azucenas letales de tus noches?

Deutsch von Karl August Horst. Aus: Museum der modernen Poesie, eingerichtet von Hans Magnus Enzensberger. Erster Band. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1989, S. 256ff

Der Sänger legt eine Spur

Kalevala. Das finnische Epos des Elias Lönnrot

Die Kalevala ist ein Epos von der Vorgeschichte des finnischen Volks, aber Anfang und Ende handeln vom Sänger und seinem Lied. Hier der Schluss des 50. Gesangs, der Sänger spricht:

Halbverse 583-620

Viele habe ich jetzt um mich, allerlei an Leuten gibt es,
Die mit strenger Stimme sprechen, die mit böser Stimme sticheln;
Dieser zürnte meiner Zunge, jener schmähte meine Stimme,
Schimpfte über mein Geschnarre, sagte, daß ich zu viel singe,
Schlechten Laut erklingen lasse, falsch das Lied zum Vortrag bringe.

Ihr sollt nicht, ihr lieben Leute, euch darüber sehr verwundern,
Wenn ich Kind auch zu viel vorsang, wenn ich Kleiner schlecht auch schilpte!
Nie war ich in einer Lehre, nie bei sangesmächtgen Meistern,
Fand nicht Worte in der Fremde, in der Ferne keine Formeln.

Andre waren in der Lehre, mich ließ man nicht fort von Hause,
Meiner Mutter mußt ich helfen, sie, die einsam war, umsorgen;
Ward daheim nur unterwiesen, unterm eignen Speicherbalken,
An der eignen Mutter Spindel, bei des Bruders Schnitzwerkspänen,
Und auch dies als kleines Kind nur, nur als Hemdenmatz, als magrer.

Aber sei dem, wie ihm wolle: eine Spur lief ich den Sängern,
Lief die Spur und brach die Spitzen, knickte Zweige, zeigt’ die Fährte;
Damit ist der Weg geebnet, nun die neue Bahn gebrochen
Sängern, welche weiter greifen, Dichtern, reicher ausgerüstet,
In der Jugend, die emporsteigt, in dem Volke, das heranwächst.

Zusammenfassung des 50. (letzten) Gesangs

Die Jungfrau Marjatta bringt von einer Preißelbeere einen Sohn zur Welt 1-350. Als Kind noch geht er verloren und wird schließlich im Sumpf gefunden 351-424. Man holt einen alten Mann herbei, ihn zu taufen, aber der Alte will den (vaterlosen) Jungen nicht taufen, ehe die Sache geprüft und ein Entscheid getroffen sei (ob man ihn am Leben lassen solle) 425-440. Väinämöinen kommt, die Angelegenheit zu untersuchen, und verkündet, der seltsame Sohn müsse getötet werden; aber der einen halben Monat alte Knabe weist ihn wegen des Fehlurteils zurecht 441—474. Der Alte tauft ihn zum König von Karelien. Darüber ergrimmt Väinämöinen und zieht auf ewig hinweg mit der Voraussage, man werde ihn noch einmal herbeisehnen, damit er dem Volke einen neuen Sampo, eine neue Kantele und ein neues Licht bringe. Mit einem kupfernen Boote fährt er dorthin, wo sich Himmel und Erde berühren und wo er immer noch weilen mag. Die Kantele aber und seine großen Lieder ließ er dem Volk als Erbe zurück 475-512. Schlußgesang 513-620.

Aus: Kalevala. Das finnische Epos des Elias Lönnrot. Aus dem finnischen Urtext übertragen von Lore Fromm und Hans Fromm. Wiesbaden: Marix Verlag 2005 (Lizenzausgabe des Hanser Verlags, München 1967), S. 327 und 340.

Kantele: finnisches Saiteninstrument. Sampo: Zaubermühle, ein Gerät, das seinem Besitzer mit Zauberkraft Wohlstand schafft.

der punkt überm ypsilon

Edward Stachura

(* 18. August 1937 in Charvieu, Frankreich; † 24. Juli 1979 in Warschau)

Aus: der punkt überm ypsilon

ach, maltesischer falke mein
lass ab, lass die schranken schranken sein
halt dich an mich, wie an ne chance
wirf ein auge auf meine flanke
wirf nen zahn auf die geblasene seife
und beisse mal zu
du bist keine tse-tse-mücke du
beiss zu, beiss zu
das sind äpfelchen voll schlaf
das und noch das und noch das und noch das und noch ah
da, das wartet auf dich

im dekanat, lola, im tribunal
im kubinat im konkubinat
in der krawatte im quadrat im rossmühlrad
in der marinade im vollzeitschema
nein, nicht Schwester
wohl eher frate

lola, hör zu
du bist keine polonistin
das ist schon ein großes plus
ich bin kein antifeminist
das ist das zweite große plus
deine aeroaquadynamischen formen
sind das dritte plus im fluss
bleibt nur ein satz
noch zwischen uns

ich weiß, lola
für dich ist das ein klacks
du übst dich drin von kind auf, oder fast
aber mich hat es immer viele nerven gekostet
und die traurigkeit danach
traurigkeit ist zu wenig gesagt
mir ist danach immer so tragisch blöde zumute

och sokole mój maltański
porzuć porzuć ty te szranki
chwyć się mnie jak szansy
rzuć no okiem na me flanki
rzuć no zębem na me bańki
kąśnij że-se
tyś nie mucha tse-tse
kąśnij przecie
to jabłuszka pełne snu
to i jeszcze to i jeszcze to i jeszcze to i jeszcze o
toto czeka nacie

w dziekanacie, lola, w trybunacie
w kubinacie w konkubinacie
w krawacie w kwadracie w kieracie
w marynacie w schemacie na etacie
nie, nie siostro
raczej bracie

słuchaj, lola
ty nie jesteś polonistką
to jest duży plus
ja nie jestem antyfeministą
to jest drugi wielki plus
twoje formy aeroakwodynamiczne
to jest trzeci plus in plusk
pozostawałby przed nami
krótki dosię sus

ja wiem, lola
to dla ciebie pestka,
w tym się ćwiczysz prawie że od dziecka
ale mnie to zawsze dużo nerwów kosztowało
i smutno mi potem
smutno to za mało
jakoś mi potem tragicznie jest głupawo

Aus: Edward Stachura, der punkt überm ypsilon. aus dem Polnischen übersetzt von Dagmara Kraus. Berlin: hochroth, 2013, S. 14f

 

Edward Stachura. Fotograf unbekannt. Wikimedia Commons

Mit uns

2020 ist doppelt Celanjahr zwischen 50. Todes- (um den 20. April) und 100. Geburtstag (23. November). Heute ein weiterer Text Celans, aus dem Zyklus „Eingedunkelt“, der im März und April 1966 in der Psychiatrischen Universitätsklinik Paris entstand und 1968 in der Suhrkamp-Anthologie „Aus aufgegebenen Werken“ publiziert wurde.

MIT UNS, den
Umhergeworfenen, dennoch
Fahrenden:

der eine,
unversehrte,
nicht usurpierbare,
aufständische
Gram.

[9.4.1966]

Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Suhrkamptaschenbuch 5105. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 272

Südlicher Morgen

Jorge Luis Borges
(* 24. August 1899 in Buenos Aires; † in 14. Juni 1986 in Genf)

Südlicher Morgen
an Kurt Heynicke

Die Fahnen sangen reife Farben
Der Wind
Ist in den hohlen Händen ein Bambuszweig
Wie ein klarer Baum
die Welt
wächst auf
Über die Dächer schallt
Der Hahnenschrei der Sonne
In allen Augen birst das Licht
Der Sonnensporen
Mein Schatten fällt
ein welkes Blatt
Himmel fliegt hoch
Die schwarzen Vögel rudern
wie losgewordne Nächte
Der junge Morgen
Auf meiner Schulter singt wie ein anderer Vogel

Dies ist Borges’ freie Übersetzung eines eigenen Gedichts, die er dem Dichter Kurt Heynicke im März 1921 während der Überfahrt nach Argentinien vom Dampfer »Reina Victoria Eugenia« aus sandte.

Lila Bujaldón de Esteves hat diesen Fund kenntnisreich vorgestellt und kommentiert, siehe bibliographische Angabe weiter unten, hier daraus ein paar Hinweise.

Die Handschrift befindet sich in Marbach; das zugrunde liegende spanische Ausgangsgedicht von Borges war kurz zuvor in der ersten Ausgabe der Madrider Zeitschrift Ultra erschienen (wurde später von ihm in keinem Gedichtband aufgenommen):

Mañana
A Antonio M. Cubero

Las banderas cantaron sus colores
    y el viento es una vara de bambú entre las manos
El mundo crece como un árbol claro
Ebrio como una hélice
    el sol toca la diana sobre las azoteas
    el sol con sus espuelas desgarra los espejos
Como un naipe mi sombra
ha caído de bruces sobre la carretera
Arriba el cielo vuela
    y lo surcan los pájaros como noches errantes
La mañana viene a posarse fresca en mi espalda.

Hier eine Arbeitsübersetzung davon:

Morgen
An Antonio M. Cubero

Die Fahnen sangen ihre Farben
    und der Wind ist ein Bambusrohr in den Händen.
Die Welt wächst wie ein heller Baum
Trunken wie ein Propeller
    bläst die Sonne das militärische Wecksignal über die Dächer
    zerreißt die Sonne mit ihren Sporen die Spiegel
Wie eine Spielkarte ist mein Schatten
der Länge nach auf der Landstraße hingefallen
Oben fliegt der Himmel
    und die Vögel gleiten durch ihn wie umherirrende Nächte
Der Morgen kommt und setzt sich frisch auf meine Schulter.

Man kann die Veränderungen, die Borges vornimmt, gut verfolgen, ebenso wie die Annäherung an die Diktion des Expressionismus – Borges war ein begeisterter zeitgenössischer Vermittler dieser Bewegung in den spanischsprachigen Raum.

Lila Bujaldón de Esteves: »Cuando Borges escribía en alemán. Otro texto recobrado«. Boletín de la Academia Argentina de Letras 76, Nr. 261-262, (2001), S. 387–405

An Gladys

Ernst Blass

(* 17. Oktober 1890 in Berlin; † 23. Januar 1939 ebd.)

AN GLADYS

  O du, mein holder Abendstern …
Richard Wagner

So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht,
Den schwarzen Hut auf meinem Dichterhaupt.
Die Straßen komme ich entlang geweht.
Mit weichem Glücke bin ich ganz belaubt.

Es ist halb eins, das ist ja noch nicht spät …
Laternen schlummern süß und schneestaubt.
Ach, wenn jetzt nur kein Weib an mich gerät
Mit Worten, schnöde, roh und unerlaubt!

Die Straßen komme ich entlang geweht,
Die Lichter scheinen sanft aus mir zu saugen,
Was mich vorhin noch von den Menschen trennte;

So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht …
Freundin, wenn ich jetzt dir begegnen könnte,
Ich bin so sanft, mit meinen blauen Augen.

Aus: Ernst Blass, Die Straßen komme ich entlang geweht. Sämtliche Gedichte. Hrsg. Thomas B. Schumann. München, Wien: Hanser, 1980, S. 13

Heroische Landschaft

Armin T. Wegner

(* 16. Oktober 1886 in Elberfeld; † 17. Mai 1978 in Rom)

Heroische Landschaft

Nun sticht die Zwergin Nacht mit schwarzem Pfahl
Das Sonnenauge aus der Himmelsstirne,
Daß es verblutend aus dem wehen Hirne
Hintropft. Erblindet schreit in ihrer Qual

Die Erde auf. Um offne Gräber knien
Die Palmen, und sie werfen voll Verzagen,
Wie Klageweiber ihre Brüste schlagen,
Die Zweige schluchzend in der Winde Glühn.

Im Schilf verröcheln mit geborstnen Speeren
Des Tempels Säulen, wo im Aas der Sümpfe
Ein Lachen schielt. Die toten Städte stehn

Im Sande auf. Sie zeigen ihre Schwären
Und heben stumm die blutigen Mauerstümpfe,
Wie Bettler, die um eine Münze flehn.

Aus: Gedichte des Expressionismus. Hrsg. Dietrich Bode. Stuttgart: Reclam, 1966, S. 181f

„Im Herbst 1916 schrieb der Dichter und deutsche Sanitätssoldat Armin T. Wegner auf der Reise von Bagdad nach Istanbul ein Gedicht, das von Bildern und Metaphern der Gewalt und des Grauens geradezu überquillt, und veröffentlichte dieses Sonett später unter dem ironischen Titel Heroische Landschaft. Seitdem wird es von den Germanisten als Beispiel für expressionistische „Naturlyrik“, sprachautonome „absolute Poesie“ angeführt und abgehakt. Keiner hat erkannt, dass Wegner hier, wie seine Tagebücher und Briefe belegen, seine Erfahrung als Augenzeuge des Aghet, des osmanischen Völkermords an den Armeniern, seine Trauer und Erschütterung, poetisch zu gestalten versucht hat.“ Norbert Mecklenburg, literaturkritik.de

Kikakokú

Paul Scheerbart

(* 8. Januar 1863 in Danzig; † 15. Oktober 1915 in Berlin)

Kikakokú! 
Ekoraláps!

Wîso kollipánda opolôsa.
Ipasátta íh fûo.
Kikakokú proklínthe petêh.
Nikifilí mopaléxio intipáschi benakáffro –
própsa pî! própsa pî!
Jasóllu nosaréssa flîpsei.
Aukarotto passakrússar Kikakokú.
Núpsa púsch?
Kikakokú bulurú?
Futupúkke – própsa pî!
Jasóllu .........

(1897)

Aus: Paul Scheerbart, Katerpoesie, Mopsiade und andere Gedichte. Hrsg. Michael Matthias Schardt. Stuttgart: Reclam, 1990, S. 55

Original in Paul Scheerbart, Ich liebe Dich! Ein Eisenbahnroman mit 66 Intermezzos. Berlin: Schuster & Loeffler, 1897, S. 249

Zu diesem Gedicht gibt es zwei Übersetzungen von Oskar Pastior:

Kikakokü — Eros & Callas
Ein Echo-Kollaps


für John Yau


Bison, Kolibri, Pandas – in die Opposition!
Passat-Winde, ich flüchte.
Pinakothek: Korinthen deklinieren Pepita.
Nekrophilie-Mob im Lexikon, Ostern marsch in die
       Luxus-Cafés — Grenzwert π, Grenzwert π !
Ja soll ich da nicht besser ausflippen, Beinhaus?
Au, Karotten, au Möhring-Panzerkreuzer Kikakokú!
Hochzeit im Busch?
Kinkerlitzchen Bülbül?
Fick dich, Puck — Grenzwert π !
Jawollust, ich soll.

Zweite Sprechprobe:

Schick Max hoch, du! — ergo schnall ab!
Ein Zellophanpapier

Wie sozial Paketdienst Knobel & Wochenschau
Ins Lattenfach ihm pudert:
Ticktack! Bockwurst rotzt Plinse querbeet...
Vier Minister mopsen passepartout im Frack - vier Pro-
pangasflaschen mal vier?
Elliptischer Jason: nein nein nein.
Protokoll, autark: mußtu passen, Chicoreé-Kaktus, du!
Burschenlust-Putsch?
Schicksalsschock ... Turnschuh retour?
Ruckzuck Mottenmimikry —
Paß auf, Kubus ...

Aus: Oskar Pastior, Das Hören des Genitivs. Gedichte. München: Hanser, 1997, S. 104

Korf

Christian Morgenstern

Die Behörde

Korf erhält vom Polizeibüro
ein geharnischt Formular,
wer er sei und wie und wo,

welchen Orts er bis anheute war,
welchen Stands und überhaupt,
wo geboren, Tag und Jahr.

Ob ihm überhaupt erlaubt,
hier zu leben und zu welchem Zweck,
wieviel Geld er hat und was er glaubt.

Umgekehrten Falls man ihn vom Fleck
in Arrest verführen würde, und
drunter steht: Borowsky, Heck.

Korf erwidert darauf kurz und rund:
»Einer hohen Direktion
stellt sich, laut persönlichem Befund,

untig angefertigte Person
als nichtexistent im Eigen-Sinn
bürgerlicher Konvention

vor und aus und zeichnet, wennschonhin
mitbedauernd nebigen Betreff,
Korf: (An die Bezirksbehörde in – ).«

Staunend liest’s der anbetroffne Chef.

Straßenbahn

Gerrit Engelke

(* 21. Oktober 1890 in Hannover; † 13. Oktober 1918 in Etaples bei Cambrai, Frankreich)

Auf der Straßenbahn

Wie der Wagen durch die Kurve biegt,
Wie die blanke Schienenstrecke vor ihm liegt:
Walzt er stärker, schneller.

Die Motore unterm Boden rattern,
Von den Leitungsdrähten knattern
Funken.

Scharf vorüber an Laternen, Frauenmoden,
Bild an Bild, Ladenschild, Pferdetritt, Menschenschritt —
Schlitternd walzt und wiegt der Wagenboden,
Meine Sinne walzen, wiegen mit!:
Voller Strom! Voller Strom!

Der ganze Wagen, mit den Menschen drinnen,
Saust und summt und singt mit meinen Sinnen.
Das Wagensingen sausebraust, es schwillt!
      Plötzlich schrillt
      Die Klingel! —
Der Stromgesang ist aus —
Ich steige aus —
      Weiter walzt der Wagen.

Aus: Gerrit Engelke, Rhythmus des neuen Europa. Jena: Eugen Diederichs, 1921, S. 8f

[In der letzten Strophe sind die Zeilen 4, 5 und 8 eingerückt. Anscheinend stellen das einige Browser nicht korrekt dar, warum?]