Die schwarzen Boten

César Vallejo

(* 16. März 1892 in Santiago de Chuco, Peru; † 15. April 1938 in Paris)

Los heraldos negros

Hay golpes en la vida, tan fuertes… ¡Yo no sé!
Golpes como del odio de Dios; como si ante ellos,
la resaca de todo lo sufrido
se empozara en el alma… ¡Yo no sé!

Son pocos; pero son… Abren zanjas oscuras
en el rostro más fiero y en el lomo más fuerte.
Serán tal vez los potros de bárbaros Atilas;
o los heraldos negros que nos manda la muerte.

Son las caídas hondas de los Cristos del alma,
de alguna fe adorable que el Destino blasfema.
Esos golpes sangrientos son las crepitaciones
de algún pan que en la puerta del horno se nos quema.

Y el hombre… ¡Pobre… pobre! Vuelve los ojos, como
cuando por sobre el hombro nos llama una palmada;
vuelve los ojos locos, y todo lo vivido
se empoza, como charco de culpa, en la mirada.

Hay golpes en la vida, tan fuertes… ¡Yo no sé!

Die schwarzen Boten

Es gibt Schläge im Leben, so stark… Ich weiß nicht!
Schläge wie von Gottes Haß, als habe vor ihnen
der Schlick alles Erlittenen
Lachen in der Seele gebildet… Ich weiß nicht!

Es sind wenige; aber sie sind da… Sie reißen dunkle Gräben
ins grimmigste Gesicht und in den stärksten Rücken,
Es sind vielleicht die Folterqualen barbarischer Attilas
oder die schwarzen Boten, die uns der Tod schickt.

Es sind die tiefen Stürze der Christusse der Seele,
eines anbetungswürdigen Glaubens, den das Schicksal lästert.
Diese blutigen Schläge sind das Knistern
eines Brotlaibs, das an der Backofentür verbrennt.

Und der Mensch… Der Arme… der Arme! Er endet die Augen,
wie wenn ein Handschlag auf die Schulter uns ruft;
er wendet die irren Augen, und alles Erlebte
staut sich wie eine Lache aus Schuld in seinem Blick.

Es gibt Schläge im Leben, so stark… Ich weiß nicht!

Aus: César Vallejo: Die schwarzen Boten. Los heraldos negros. Gedichte (spanisch/deutsch), übersetzt von Curt Meyer-Clason, hrsg. u. mit Anmerkungen und einem Nachwort von Alberto Pérez-Amador (= Werke Bd. IV). Aachen: Rimbaud Verlag, 1999

(Mit Dank an Àxel Sanjosé und den Rimbaud Verlag)

Nokturne Schrei

Gibt es Expressionismus in den spanischsprachigen Literaturen? Wohl nicht. Bestimmt aber Gedichte mit Anklängen, Anmutungen. Dieses vielleicht. (Mit Dank an Àxel Sanjosé und den Verlag).

Xavier Villaurrutia

(* 27. März 1903 in Mexiko-Stadt; † 25. Dezember 1950 ebda.)

Nocturno grito

Tengo miedo de mi voz
y busco mi sombra en vano.

¿Será mía aquella sombra
sin cuerpo que va pasando?
¿Y mía la voz perdida
que va la calle incendiando?

¿Qué voz, qué sombra, qué sueño,
despierto que no he soñado,
serán la voz y la sombra
y el sueño que me han robado?

Para oír brotar la sangre
de mi corazón cerrado,
¿pondré la oreja en mi pecho
como en el pulso la mano?

Mi pecho estará vacío
y yo descorazonado,
y serán mis manos duros
pulsos de mármol helado.

Nokturne Schrei

Ich habe Angst vor meiner Stimme
und suche vergeblich meinen Schatten.

Ob jener Schatten ohne Körper,
der dort vorbeigeht, meiner ist?
Und meine die verirrte Stimme,
welche die Straße in Brand steckt?

Welche Stimme, welcher Schatten, welcher wache
Traum, den ich nicht geträumt habe,
werden die Stimme und der Schatten
und der Traum sein, die mir geraubt wurden?

Um das Blut meines verschlossenen Herzens
wallen zu hören,
soll ich da das Ohr auf meine Brust legen
wie die Hand auf die Pulsader?

Meine Brust wird leer sein
und ich ohne Herz,
und meine Hände werden harte Pulsschläge
aus eiskaltem Marmor sein.

Aus: Villaurrutia, Xavier: Sehnsucht nach dem Tod. Nostalgia de la muerte. Sämtliche Dichtungen spanisch / deutsch. Hrsg. v. Alberto Pérez-Amador Adam. Übertragen von Curt Meyer-Clason. Aachen: Rimbaud Verlag, 2007

Teleskop

Louise Glück

TELESKOP

Es gibt einen Moment, wenn du dein Auge abwendest,
da vergisst du, wo du bist,
weil du, scheint es, von jeher
anderswo lebst, in der Stille des nächtlichen Himmels.

Du bist nicht länger hier in der Welt.
Du bist an einem anderen Ort,
einem Ort, wo menschliches Leben keine Bedeutung hat.

Du bist nicht ein Geschöpf in einem Körper.
Du existierst, wie die Sterne existieren,
nimmst teil an ihrer Stille, ihrer Unendlichkeit.

Dann bist du wieder in der Welt.
Nachts, auf einem kalten Hügel,
zerlegst du das Teleskop.

Später merkst du,
nicht, dass das Bild falsch ist,
falsch ist der Bezug.

Du siehst wieder, wie weit entfernt
jedes Ding von jedem anderen ist.

Aus: Louse Glück: Averno. Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Draesner. München: Luchterhand, 2007, S. 159

Hier gibt es den Originaltext

Zum Literaturnobelpreis 2020

Die amerikanische Lyrikerin Louise Glück (* 22. April 1943 in New York City) erhält den Literaturnobelpreis 2020. Auf Deutsch gibt es zwei Gedichtbände in der Übersetzung von Ulrike Draesner: „Averno“ (2007) und „Wilde Iris“ (2008), beide zur Zeit nicht lieferbar.

Jürgen Brôcan übersetzte vier Gedichte für die Anthologie „Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts (München: Stiftung Lyrik Kabinett).

Ein Gedicht erschien in Sinn und Form 6/2019 (Übersetzung Uta Gosmann). – Im Lyrikjahrbuch 2001 (C.H.Beck) erschien das Gedicht „Vesper“ auf Englisch.

Louise Glück in der Lyrikzeitung | im Lyrikwiki

Der Morgen

Zum 100. Geburtstag des schizophrenen Dichters Ernst Herbeck (* 9. Oktober 1920 in Stockerau; † 11. September 1991 in Maria Gugging) ein kurzes Gedicht und eine lange Interpretation seines Arztes Leo Navratil.

Der Morgen

Im Herbst da reiht
der Feenwind
da sich im Schnee
die Mähnen treffen,
Amseln pfeifen heer
im Wind und fressen.

Leo Navratil

Ernst Herbecks Gedicht „Der Morgen“

Ein vierzigjähriger Mann, durch eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte im Sprechen behindert und seit 20 Jahren schizophren, hospitalisiert, schreibt auf Aufforderung und nach Themaangabe zu dem Titel „Der Morgen“ ein sechszeiliges Gedicht, das viele Menschen seltsam und rätselhaft berührt und ihnen nicht mehr aus dem Kopf geht.
Der Morgen

Im Herbst da reiht
der Feenwind
da sich im Schnee
die Mähnen treffen,
Amseln pfeifen heer
im Wind und fressen.
Herr Csabor Bathori, der eine große Zahl von Herbeck-Gedichten ins Ungarische übersetzt hat, fragte mich, wie das Wort „reiht“ zu verstehen sei. Da es sich um ein gewöhnliches Wort deutscher Sprache handelt, überlegte ich mir, in welchem Zusammenhang das Wort „reiht“ normaler Weise vorkommt. So sieht die Sternseherin Lise (Matthias Claudius) die Sterne „aufgereih’t wie Perlen auf der Schnur“. Man kann also Perlen aufreihen oder reihen. Der Wind könnte die Herbstblätter reihen. Der Sinn bleibt ungewiß. – Eine andere Frage ist die nach der Bedeutung der „Mähnen“, die im Schnee sich treffen. Es müssen wohl Pferde sein. Eine ungewöhnliche Metonymie: „Mähnen“ für „Pferde“. Dieses erste Gedicht Ernst Herbecks (er hatte auch vor Beginn seiner Erkrankung nie Gedichte geschrieben) ließ ein Bild in mir entstehen: Während ein „Feenwind“ die herbstlichen Blätter aufwirbelt und seltsam anordnet, kommt im Schneegestöber des frühen Morgens ein Trupp von Reitern zusammen. Amseln pfeifen „heer“ im Wind und fressen. Ich vermute, daß Herbeck „hehr“ (erhaben, heilig) schreiben wollte. Dadurch erhält das rätselhafte Gedicht noch eine weitere geheimnisvolle Note.
In einem anderen Leser dieses kurzen Gedichtes könnte ein ganz anderes Bild entstehen. Welches Bild in Herbecks Kopf war, wissen wir nicht. Es ist nicht uninteressant, zu sehen, wie die Übersetzer in andere Sprachen dieses Gedicht verstanden haben. In einer englischen Übersetzung dieses Gedichtes wird „Feenwind“ mit „wraithwind“ übersetzt. Wraith ist der (Toten-)Geist, ein Doppelgänger oder eine Erscheinung kurz vor oder nach dem Tod eines Menschen. „In fall the wraithwind turns out“ – „Der Geisterwind bringt die Toten aus den Gräbern heraus“.
Otto Breicha sah in seiner Besprechung dieses Gedichtes „das Mähneschütteln hurtiger Schlittenpferde“. Breicha nannte Emst Herbecks „Morgen“ einen „luftigen“ Text, eine „Epiphanie“ nach Joyce und ein „Fluidum-Gedicht“ nach Okopenko, ein „aufregendes Stück Poesie“, das er beim ersten Lesen wahrgenommen hat, wie damals, als er expressionistische Dichtung und Hölderlins „Hälfte des Lebens“ zum erstenmal gelesen und erlebt hatte.
Roger Cardinal wollte dieses Gedicht nicht „entziffern“, meinte aber, daß die Assoziationen des Lesers die ästhetische Wahrnehmung ergänzen und deshalb zur Auffassung eines Gedichtes dazugehören. Auch für ihn schienen die „Mähnen“ solche von Pferden zu sein, die aus verschiedenen Richtungen hergeritten werden, um sich hier zu treffen. An einem Ort, wo es nur den Wind und keine Menschen gibt. Cardinal erinnnert das „reiht“ an reitet und der „Feenwind“ an Goethes Erlkönig („Wer reitet so spät durch Nacht und Wind“). Das Zusammentreffen der Reiter läßt ihn Böses ahnen: „Drohung, Gewalt, Tod“. Daß am Schluß die Amseln fressen, könnte in der menschenleeren und tristen Atmosphäre ein hoffnungsvolles Zeichen sein.
Gerhard Roth lenkt unsere Aufmerksamkeit auf das Wörtchen „da“, das beim Lesen oder Hören des Gedichtes der bewußten Wahrnehmung leicht entgeht. „Im Herbst da reiht“ – dieses „da“ sei wie der Anfang eines Märchens; und das zweite „da“ rühre noch stärker märchenhaft an – „da sich im Schnee die Mähnen treffen“, „da“ ist kein Lieblingswort von Ernst Herbeck, aber wo es auftritt, da tut sich etwas, geschieht etwas, wie in dem Gedicht „Der Dolch“: „da steht er schon tief drinnen im Blute… Da dolchte es in mir herum… Da muß etwas geschehen sein.“ „Amseln pfeifen heer im Wind und fressen“. Diesen Satz nennt Roth „ein (kleines) Gedicht für sich, „heer“ erzähle von einem „uralten Wissen, von einem Raum, den noch kein Mensch betreten hat“. Die Amseln, so spüre man, „wissen etwas, das wir nicht wissen, sind Boten jenes Geheimnisses“, das sich schon im Feenwind angekündigt habe.

Aus der wunderbaren, in meiner Wahrnehmung sehr österreichischen Zeitschrift „Freibord“, herausgegeben von Gerhard Jaschke, Nr. 124 (2/2003), S. 31-33

Hier eine andere Interpretation zu Herbeck

Dein Liljen-hals pranget

Philipp von Zesen

(* 8. Oktober 1619 in Priorau bei Dessau; † 13. November 1689 in Hamburg)

Aus: Salomons Des Hebräischen Königs Geistliche Wollust. Die Vierte Abtheilung.

Aus: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart in 10 Bänden. Hrsg. Walther Killy. Band 4: Gedichte 1600-1700 Hrsg. Christian Wagenknecht, München: dtv, 2001, S. 103

hinlenden: hingehen

Lutherbibel 2017

Hoheslied 4. Kapitel

3 Deine Lippen sind wie eine scharlachfarbene Schnur, und dein Mund ist lieblich. Deine Schläfen sind hinter deinem Schleier wie eine Scheibe vom Granatapfel. 4 Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut, an der tausend Schilde hangen, alle Köcher der Starken. 5 Deine beiden Brüste sind wie zwei Kitze, Zwillinge einer Gazelle, die unter den Lotosblüten weiden. 6 Bis es Tag wird und die Schatten schwinden, will ich zum Myrrhenberge gehen und zum Weihrauchhügel.

Quelle: Die Bibel nach Martin Luthers Übersetzung, revidiert 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart.

Die Glocken

Edgar Allan Poe

(* 19. Januar 1809 in Boston, Massachusetts; † 7. Oktober 1849 in Baltimore, Maryland)

Edgar Allen Poes letztes Gedicht. Es erschien kurz nach seinem Tod in einer Zeitschrift – die Redaktion teilte mit, dass es in der ersten Fassung, die ihr zum Druck übergeben worden war, nur 18 Zeilen umfasste, die endgültige Gestalt besteht aus 4 teils längeren Teilen. Es gilt als Klangwunder und steht seit Generationen in amerikanischen Schulbüchern. Das Gedicht wurde von Hans Wollschläger übersetzt.

Aus: DIE GLOCKEN

Aus: E.A. Poe: Der Rabe. Gedichte & Essays. (Gesammelte Werke in 5 Bänden, Band 5). Aus dem Amerikanischen von Arno Schmidt, Hans Wollschläger, Friedrich Polakovics und Ursula Wernicke. Zürich: Haffmans, 1994, S. 165-171.

Das Dampfbad

Peter Gosse

(* 6. Oktober 1938 in Leipzig)

Das Dampfbad

Wir kommen, wie wir gehn: in weißen Laken.
Des Greises wie des Säuglings Haut: Gerunzel.
Das Leben kurz, und kurzgeschorn Rapunzel. –
Warum nur laß ich die Metaphern staken

statt hinzusehn: Der Dampf ist waschecht Dampf!
Wie treibt er doch in gute Schweißausbrüche!
Wie treibt er Süchte in mir und die Flüche
mir aus! Hier ist Sein Sein! Ohne Gestampf

hüpfe, Sonett, in der Terzette Düse
wie Flüßchen Sorgue vorm Häuschen in Vaucluse!
(Von Angst frei, zu vergehn; daß die vergeht —

frei auch von dieser Angst!) Hoch lebe, Dampf!
Gib atemnehmend Atem, lös den Krampf!
Wie rede ich. So drollig, so verdreht.

1984

Aus: Peter Gosse, Erwachsene Mitte. Gedichte Geschichten Stücke Essays. Leipzig: Reclam, 1986, S. 42

 

Jedes Gedicht

Roberto Juarroz

(* 5. Oktober 1925 in Coronel Dorrego, Provinz Buenos Aires; † 31. März 1995 in Temperley, Provinz Buenos Aires)

JEDES GEDICHT MACHT DAS VORHERIGE VERGESSEN,
radiert die Geschichte aller Gedichte aus,
radiert seine eigene Geschichte aus
und auch die Geschichte des Menschen,
um ein Gesicht aus Worten zu gewinnen,
das der Abgrund nicht ausradieren kann.

Auch jedes Wort eines Gedichts
läßt das vorherige vergessen,
löst sich einen Moment
vom vielgestaltigen Baumstamm der Sprache
und trifft sich danach mit den anderen Worten wieder,
um den unumgänglichen Ritus zu erfüllen,
eine andere Sprache zu begründen.

Und auch jede Stille des Gedichts
läßt die vorhergehende vergessen,
geht in die große Amnesie des Gedichts ein
und umhüllt Wort um Wort,
bis sie später hervorkommt und das Gedicht einhüllt
wie eine Schutzhülle,
die vor den anderen Sprecharten bewahrt.

Das alles ist nichts Außergewöhnliches.
Im Grunde
läßt auch jeder Mensch den Vorgänger vergessen,
alle Menschen vergessen.

Wenn sich nichts gleich wiederholt,
dann sind alle Dinge letzte Dinge.
Wenn sich nichts gleich wiederholt,
dann sind sie auch erste Dinge.

(im Gedenken an Antonio Porchia)

Aus dem argentinischen Spanisch von Tobias Burghardt

Cada poema hace olvidar al anterior, / borra la historia de todos los poemas, / borra su propia historia / y hasta borra la historia del hombre / para ganar un rostro de palabras / que el abismo no borre.

También cada palabra del poema / hace olvidar al anterior. / se desafilia un momento / del tronco multiforme del lenguaje / y después se reencuentra con las otras palabras / para cumplir el rito imprescindible / de inaugurar otro lenguaje.

Y también cada silencio del poema / hace olvidar al anterior, / entra en la gran amnesia del poema / y va envolviendo palabra por palabra, / hasta salir después y envolver el poema / como una capa protectora / que lo preserva de los otros decires.

Todo esto no es raro. / En el fondo, / también cada hombre hace olvidar al anterior, / hace olvidar o todos los hombres.

Si nada se repite igual, / todas las cosas son últimos cosas. / Si nada se repite
igual, / todas las cosas son también las primeras.

(en la memoria unitiva de Antonio Porchia)

Aus: Atlas der neuen Poesie. Hrsg. Joachim Sartorius. Reinbek: Rowohlt, 1995, S. 372

Abscheu

Vorsehung

Leben und Tod bestimmt das Schicksal,
Reichtum und Rang vergibt der Himmel.
Das sagten schon die Alten,
und das gilt auch heute noch.
So mancher Weise stirbt in jungen Jahren,
der Simpel scheidet vielfach erst als Greis.
Der Dummkopf hortet seine Güter,
ein wacher Geist jedoch kommt nie zu Geld.

Hanshan zugeschrieben (vermutlich 7. Jh.)

Aus: Abscheu. Politische Gedichte aus dem Alten China, hrsg. u. aus dem Chinesischen übersetzt von Thomas O. Höllmann. München und Schupfart: roughbook 051, S. 37

Unseriöser Nachtrag:

Ich habe den chinesischen Text durch ein Scanprogramm gejagt, einmal als traditionelles und einmal als vereinfachtes Chinesisch. In beiden Fällen scheint der Scanner die beiden letzten Zeilen ausgelassen zu haben. Hier die zwei – sagen wir: noch nicht völlig befriedigenden – Ergebnisse:

Leben
Haben

Ming Tian Yu Chuan Ming Nian Bao Qian

Es gibt nichts als kurzfristigen Reichtum
Yuan Ben Gu ist nicht gut, aber reich
Der Tod ist teuer
Ich bin so reich
kalt

Leben
Es gibt 4

Ming Tian Yu Chuan Ming Nian Bao Qian
„Es gibt nichts als kurzes und langes Vermögen
Long Yuan ist gut, aber nicht gut
Der Tod ist teuer
Ich bin so reich, ich bin verrückt und wach
kalt

Dunkelheiten

Sergej Jessenin

(Сергей Александрович Есенин, wiss. Transliteration Sergej Aleksandrovič Esenin; * 21. September jul./ 3. Oktober 1895 greg. in Konstantinowo, Gouvernement Rjasan, Russisches Kaiserreich; † 28. Dezember 1925 in Leningrad)

Traumgesichte. Dunkelheiten.
Weiß – ein Pferd. Ich seh wen reiten.
Und die reitet, ist bald hier,
und die kommt, sie kommt zu mir.
Kommt, ist schön, ist wie das Licht,
und ich lieb sie, lieb sie nicht.

Hei, du Birke, Russenbaum!
Stehst am Weg, am Wegessaum,
kannst mir einen Wunsch erfüllen:
um der einen, Wahren willen
laß die Zweige Hände sein,
und die kommt, laß nicht vorbei.

Mond und Mondschein. Träume, Bläue.
Huf und Eisen passen heute.
O das Licht, das so geheime –
so, als leuchtets ihr, der einen!
Ihr, die solches Licht erhellt,
ihr, die’s nicht gibt auf der Welt.

Haderlump ich und Halunke,
versedumm und versetrunken.
Nun, sie kam ja, auf dem Zelter,
Herz, du sollst dich nicht erkälten –
Birkenrußland, dir zu frommen,
sei die Falsche mir willkommen.

2. Juli 1925

Вижу сон. Дорога черная.
Белый конь. Стопа упорная.
И на этом на коне
Едет милая ко мне.
Едет, едет милая,
Только нелюбимая.

Эх, береза русская!
Путь дорога узкая.
Эту милую, как сон,
Лишь для той, в кого влюблен,
Удержи ты ветками,
Как руками меткими.

Светит месяц. Синь и сонь.
Хорошо копытит конь.
Свет такой таинственный,
Словно для единственной –
Той, в которой тот же свет
И которой в мире нет.

Хулиган я, хулиган.
От стихов дурак и пьян.
Но и все ж за эту прыть,
Чтобы сердцем не остыть,
За березовую Русь
С нелюбимой помирюсь.

Июль 1925
Источник: https://sergey-esenin.su/stihi-o-lyubvi/vizhu-son-doroga-chernaya/

Deutsch von Paul Celan
(Anmerkung: „Sie“ müsste eigentlich „er“ sein, denn „der Tod“, um den es zu gehen scheint, derzumindest  in den Schlusszeilen der ersten zwei Strophen abgewehrt wird, ist im Russischen weiblich, смерть, smertj, sozusagen „die Tödin“.)

Aus: Sergej Jessenin: Gesammelte Werke 1: Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1995, S. 246. (Vorabdruck in Sinn und Form 2/1961). Mit dem russischen Text in: Jessenin, Gedichte. Russisch und deutsch. Hrsg. Fritz Mierau. Leipzig: Reclam, 1981, S. 206f.

Was man als Dichter wissen muss

Gary Snyder

(* 8. Mai 1930 in San Francisco)

Anmerkung des Autors:

Eine konfuzianische, dem Lun Yü entlehnte Forderung, die bei K’ung zu der Forderung nach dem cheng ming, der »Richtigstellung der Begriffe« führt, ein Terminus, der dem flaubert’schen mot juste recht verwandt ist.

Aus: Gary Snyder, Maya. Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Alexander Schmitz. München: Carl Hanser Verlag, 1972 (Reihe Hanser 85), S. 7

Verloren bin ich lange nicht

Jürgen Fuchs (* 19. Dezember 1950 in Reichenbach im Vogtland; † 9. Mai 1999 in Berlin)

WENN DU MICH SUCHST
und gar nicht findest
verloren bin ich lange nicht

Kann sein, ich sitz
vor hohen Herren
und kleinen Häschern vor Gericht

Ein Wort, ein Satz
vielleicht auch ein Gedanke
wenn’s hoch kommt ein Gedicht

Ach so, du weißt schon
welches Hinterzimmer
verloren bin ich lange nicht

für amrei und gerulf 8. 2. 75

(Erstveröffentlichung)

Aus: Poesiealbum 356: Jürgen Fuchs. Auswahl Utz Rachowski. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2020, S. 4

Die Mimnermos-Interviews

Anne Carson

(* 21. Juni 1950 in Toronto)

Die Mimnermos-lnterviews (I)

M: Ich wunder mich dass Sie den ganzen Weg gekommen sind
I: Was für ein Sumpfloch
M: Sie mögen keinen Regen
I: Nein fangen wir an können wir mit Ihrem Namen anfangen
M: Nach meinem Großvater benannt
I: Dem Krieger
M: Dem großen Krieger
I: Können Sie uns etwas über ihn erzählen
M: Er liebte Gewitterstürme Oliven und die wilderen Aspekte
des Lebens hienieden Und Kriege
I: Keiner wie er handelt von ihm
M: Ich müsste jetzt zustimmen aber Sie wissen ja ein Großteil
ist erfunden nackt kämpfen und so
I: Ich verstehe den Text den wir haben als eine Art Proöm zu
einem deutlich längeren Werk
M: Nun ich weiß nicht was man bei Ihnen heutzutage so liest
amerikanische Verlage haben mitunter merkwürdige Ideen
I: Ich glaube die Standard-Ausgabe
M: Ärgern Sie sich nicht
I: Ich ärger mich nicht bin nur pflichtbewusst
M: Wie Moos
I: Was für ein komischer Vergleich haben Sie je eine Psychoanalyse
gemacht
M: Nicht dass ich wüsste warum fragen Sie
I: Moos heißt mein Analytiker
M: ln New York
I: Ja
M: Ist er gut
I: Sie ja sehr gut sie durchschaut mich
M: Zu meiner Zeit stand Blindheit höher im Kurs
I: Mystisch
M: Ich glaube ein Wort wie mystisch gab es bei uns nicht wir
hatten Götter und Götternamen die sprichwörtlich waren
zum Beispiel »versteckt in Zeus Hudensack (sic!)«
I: Das würde Doktor Moos gefallen darf ich Sie zitieren
M: Ah die perfekte Zuhörerin ja ich habe immer geträumt sie
eines Tages zu finden

In: Anne Carson: Irdischer Durst. Aus dem kanadischen Englisch von Marie Luise Knott. Berlin: Matthes & Seitz, 2020, S. 23f

Wir habens so gewollt

Rolf Haufs

(* 31. Dezember 1935 Düsseldorf-Bilk, † 26. Juli 2013 Berlin)

NEUNZEHN ZEILEN ZUR POETIK

In Versen ja doch nicht gezählt die Finger
An der Hand. Auch nicht geschmiedet obwohl
Das Feuer brennt. Endlich den Reim der uns
Von alters her ein schön Geklingel. Ihn nur
Wenn keine Not nach innen und nach außen
Mit Zacken im Gemüt läßt sichs nicht schöner
Tanzen. In Stücken Finden wir zur Poesie
Und heben alles auf was stürzt im freien Fall
Wie Bombensplitter scharf mit scharfen Kanten
Und noch etwas bedenken wir. In Wahrheit
Schwärzen wir uns ein und kommen wie getarnt
Aus unsern Höhlen. Schnell stolpern wir erneut
Das Teufelszeug die Wörter reicht nicht aus
Das was uns gegenläuft zu nennen
Dann lieber doch Musik die wie von selbst
Die Dissonanzen streut ganz ohne Deutung
Nur für sich. So ungefähr soll uns verstehn
Wer will. Und wer getroffen wird dem können
Wir nicht helfen. Seis drum wir habens so gewollt.

Aus: Poesiealbum 355, Rolf Haufs. Auswahl Kerstin Hensel. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag 2020, S. 3