Georg Kaiser
(* 25. November 1878 in Magdeburg; † 4. Juni 1945 in Ascona)
Flehruf
Nicht, mächt’ger Schöpfer, lasse so geschehn,
Wenn du zerfallne Formen wandelnd richtest.
Daß Mensch ich wieder. Dies mein Sterbeflehn,
Bevor du jetzt mich odemlos vernichtest.
Mach mich zum Baum, den bald der Beilhieb fällt.
Zur Ratte in dem gift’gen Maul der Schlange.
Zum Fuchs, der sich im Eisen heiser bellt.
Zum Lamm, verzuckend in des Wolfes Fange.
Mach mich zum Wurm, den jeder Schuh zertritt.
Zum Vogel mit zerbrochenem Gefieder.
Mach leiden mich, wie nie solch Wesen litt.
Laß so mich endlos sein. Nur Mensch nicht wieder.
Aus: Das Gedicht. Eine Sammlung von Benno von Wiese. Frankfurt/Main: 2. Aufl. Suhrkamp, 1984, S. 66
Heute ein böses Märchen von Guillaume Apollinaire, keine freundliche Räuberromantik. Es entstand kurz vor dem ersten Weltkrieg, in dem Apollinaire gegen die Deutschen kämpfte. Er starb einen Tag nach dem Waffenstillstand an der Spanischen Grippe (oder den Folgen der Kopfverletzung?).
Guillaume Apollinaire
(* 26. August 1880 in Rom; † 9. November 1918 in Paris)
SCHINDERHANNES
Für Marius-Ary Leblond
Im Wald, wo er die Rast befohlen,
liegt Schinderhannes mit der Schar.
Im Mai muß man vor Liebe johlen –
so lagern sie hier, Paar bei Paar.
Dem Jacob Born sitzt was im Blute:
er prüft, ob jeder Schuß auch trifft,
und zielt nach Benzels spitzem Hute –
der liest mit Fleiß die Heilge Schrift.
Das Julchen rülpst, daß Gott bewahre –
und klagt, daß sie den Schlucken hat.
Dem Hannes ist ein Ton entfahren,
weil Schulz mit einem Zuber naht.
Er ruft (und seine Tränen fließen):
O Zuber mit dem duftgen Wein!
Wenn wir auch heut dran glauben müssen –
der Mai wird ausgetrunken sein!
Mamsell, herbei und gib dir Mühe!
Der Kräutlein gibts ein ganzes Schock.
aus Moselwein ist diese Brühe –
Prost, Räuberchen im Unterrock:
Frau Räuberin hat schief geladen:
sie will den Hanns, doch der hat Zeit:
Mit der Amour kanns Weile haben –
ein leckrer Bissen wär gescheit!
Denn heut, wenns dunkel wird am Rheine,
bring ich den reichen Juden um.
Hell glänzt, wenn harzge Fackeln scheinen,
als Gulden jede Maienblum!
So hält man Tafel rund im Kreise
und f. . .t und lacht beim Abendschmaus,
und wird ganz schwach, nach deutscher Weise,
und geht und bläst ein Leben aus.
Deutsch von Paul Celan, aus: Paul Celan, Gesammelte Werke in fünf Bänden. Band 4: Übertragungen I. Übertragungen aus dem Französischen. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1983, S. 786ff.
Schinderhannes
Dans la forêt avec sa bande
Schinderhannes s’est désarmé
Le brigand près de sa brigande
Hennit d’amour au joli mai
Benzel accroupi lit la Bible
Sans voir que son chapeau pointu
À plume d’aigle sert de cible
À Jacob Born le mal foutu
Juliette Blaesius qui rote
Fait semblant d’avoir le hoquet
Hannes pousse une fausse note
Quand Schulz vient portant un baquet
Et s’écrie en versant des larmes
Baquet plein de vin parfumé
Viennent aujourd’hui les gendarmes
Nous aurons bu le vin de mai
Allons Julia la mam’zelle
Bois avec nous ce clair bouillon
D’herbes et de vin de Moselle
Prosit Bandit en cotillon
Cette brigande est bientôt soûle
Et veut Hannes qui n’en veut pas
Pas d’amour maintenant ma poule
Sers-nous un bon petit repas
Il faut ce soir que j’assassine
Ce riche juif au bord du Rhin
Au clair de torches de résine
La fleur de mai c’est le florin
On mange alors toute la bande
Pète et rit pendant le dîner
Puis s’attendrit à l’allemande
Avant d’aller assassiner
Aus: Guillaume Apollinaire, Rhénanes, Alcools, 1913
Gedichte, das sind auch Geschenke — Geschenke an die Aufmerksamen. (Paul Celan, Brief an Hans Bender)
Zum 100. Geburtstag Paul Celans ein Geschenk aus dem Band „Die Niemandsrose“.
HUHEDIBLU
Schwer-, Schwer-, Schwer-
fälliges auf
Wortwegen und -schneisen.
Und – ja –
die Bälge der Feme-Poeten
lurchen und vespern* und wispern und vipern,
episteln.
Geunktes, aus
Hand- und Fingergekröse, darüber
schriftfern eines
Propheten Name spurt, als
An- und Bei- und Afterschrift, unterm
Datum des Nimmermenschtags im September -:
Wann,
wann blühen, wann,
wann blühen die, hühendiblüh,
huhediblu, ja sie, die September-
rosen?**
Hüh*** – on tue#… Ja, wann?
Wann, wannwann,
Wahnwann, ja Wahn, –
Bruder
Geblendeter, Bruder
Erloschen,## du liest,
dies hier, dies:
Dis-
parates -: Wann
blüht es, das Wann,
das Woher, das Wohin und was
und wer
sich aus- und an- und dahin- und zu sich lebt, den
Achsenton, Tellus, in seinem
vor Hell-
hörigkeit schwirrenden
Seelenohr, den
Achsenton tief
im Innern unsrer
sternrunden Wohnstatt Zerknirschung? Denn
sie bewegt sich, dennoch, im Herzsinn.
Den Ton, oh,
den Oh-Ton, ah,
das A und das O,
das Oh-diese-Galgen-schon-wieder, das Ah-es-gedeiht,
auf den alten
Alraunenfluren gedeiht es,
als schmucklos-schmückendes Beikraut,
als Beikraut, als Beiwort, als Beilwort,
adjektivisch, so gehn
sie dem Menschen zuleibe, Schatten,
vernimmt man, war
alles Dagegen –
Feiertagsnachtisch, nicht mehr, -:
Frugal,
kontemporan und gesetzlich
geht Schinderhannes zu Werk,
sozial und alibi-elbisch*, und
das Julchen, das Julchen:
daseinsfeist rülpst,###
rülpst es das Fallbeil los, – call it (hott!)***
love. §
Oh quand refleuriront, oh roses, vos septembres?**
Aus: Paul Celan, Die Gedichte. neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. u. kommentiert von Barbara Wiedemann. Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 160f
Einige Anmerkungen nach dem Kommentar von Barbara Wiedemann.
**) Septemberrosen: bezieht sich auf ein Gedicht von Paul Verlaine, das Celan übersetzt hatte, siehe auch letzte Zeile dieses Gedichts mit einer Paraphrase auf Verlaines Text, der oroginal in Celans Übersetzung lautete: „Wann blühen wieder die Septemberrosen?“ Celan zitiert und verwandelt, die letzte Zeile seines Gedichts heißt übersetzt: O wann werden, o Rosen, eure September wieder blühen? Im Kontext des Gedichts keine Herbstsentimentalität, sondern eine unheimliche (Wieder-)Bedrohung, man kann es alles in allem etwa so lesen: Oh, wann werden sie wieder zuschlagen? (Vgl. letzte Zeile des zweiten Abschnitts).
***) Hüh und Hott verwendet Celan mehrfach für „Die Geister rechts und links. Die Hü- und die Hott-Intellektuellen“.
#) on tue, frz. man tötet. Bezieht sich auf ein Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko mit dem Titel „Verlaine“. In einer früheren Fassung schrieb er es aus: on tue les poètes pour les citer, man tötet die Dichter, um sie dann zu zitieren.
##) versteckter Bezug auf die (jüdischen) Autoren Arnold Zweig und Ossip Mandelstam
###) Bezieht sich auf ein antideutsches Gedicht von Guillaume Apollinaire während des 1. Weltkrieges, das Celan übersetzt hat, daraus: „Das Julchen rülpst, daß Gott bewahre (…) So hält man Tafel rund im Kreis / und f…t und lacht beim Abendschmaus, / und wird ganz schwach nach deutscher Weise, / und geht und bläst ein Leben aus.“
§) Call it love: Titel eines Gedichts von Hans Magnus Enzensberger (aus „Verteidigung der Wölfe“)
Wiedemanns Kommentar weist etliche weitere Anspielungen nach, aber man muss vielleicht nicht jeder Spur nachgehen. Lesen und wiederlesen hilft vielleicht mehr.
Georg Heym
(* 30. Oktober 1887 in Hirschberg, Schlesien; † 16. Januar 1912 in Gatow)
UMBRA VITAE
Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen
Und sehen auf die großen Himmelszeichen,
Wo die Kometen mit den Feuernasen
Um die gezackten Türme drohend schleichen.
Und alle Dächer sind voll Sternedeuter,
Die in den Himmel stecken große Röhren,
Und Zauberer, wachsend aus den Bodenlöchern,
Im Dunkel schräg, die ein Gestirn beschwören.
Selbstmörder gehen nachts in großen Horden,
Die suchen vor sich ihr verlornes Wesen,
Gebückt in Süd und West, und Ost und Norden,
Den Staub zerfegend mit den Armen-Besen.
Sie sind wie Staub, der hält noch eine Weile.
Die Haare fallen schon auf ihren Wegen.
Sie springen, daß sie sterben, und in Eile,
Und sind mit totem Haupt im Feld gelegen,
Noch manchmal zappelnd. Und der Felder Tiere
Stehn um sie blind und stoßen mit dem Horne
ln ihren Bauch. Sie strecken alle Viere,
Begraben unter Salbei und dem Dorne.
Die Meere aber stocken, ln den Wogen
Die Schiffe hängen modernd und verdrossen,
Zerstreut, und keine Strömung wird gezogen,
Und aller Himmel Höfe sind verschlossen.
Die Bäume wechseln nicht die Zeiten
Und bleiben ewig tot in ihrem Ende,
Und über die verfallnen Wege spreiten
Sie hölzern ihre langen Finger-Hände.
Wer stirbt, der setzt sich auf, sich zu erheben,
Und eben hat er noch ein Wort gesprochen,
Auf einmal ist er fort. Wo ist sein Leben?
Und seine Augen sind wie Glas zerbrochen.
Schatten sind viele. Trübe und verborgen.
Und Träume, die an stummen Türen schleifen,
Und der erwacht, bedrückt vom Licht der Morgen,
Muß schweren Schlaf von grauen Lidern streifen.
Ende Oktober 1911
Aus: GEORG HEYM, UMBRA VITAE. NACHGELASSENE GEDICHTE. LEIPZIG: ROWOHLT 1912, S. 5f

Das Celanjahr neigt sich, der 100. Geburtstag naht. Heute ein weiteres Gedicht.
Judenwelsch, nachts Ich gab, ich gab - als Stein kommt es zurück. Es schwirrt. es trifft. Im Eiterlicht, im Angesicht der Mörder, Hände: Schlaft ihr nicht? Sie treffen. Sie trafen. Wir schlafen, wir schlafen. Und jene - die 'andern'? Wir schlafen, wir wandern.
(20.5.1961)
Aus: Paul Celan, Die Gedichte. Neue kommentierte Gesamtausgabe in einem Band. Hrsg. Barbara Wiedemann. (suhrkamp taschenbuch 5105). Berlin: Suhrkamp, 2020, S. 426
(Pariser Gedichtnachlaß 1948-1970, Zeitraum Niemandsrose)
Zwei Anmerkungen nach dem zitierten Band:
„Eiterlicht“: In der aktuellen „Zeit“ vom 19. Mai hatte Celan eine Rezension von Marcel Reich-Ranicki zu einem Buch von Walter Jens gelesen. Jens geht darin auf Celans Gedicht Matière de Bretagne (aus Sprachgitter) ein, dessen Anfang lautet: Ginsterlicht, gelb, die Hänge / eitern gen Himmel. Der eingerückte Teil des Gedichts bezieht sich u.a. auf Matière de Bretagne, die Hände und schlafen werden von dort übernommen. Jens geht in dem besprochenen Buch auf das Gedicht ein und weist darauf hin, dass „matière“ nicht nur Geschichte und Fabel bedeutet, sondern auch Eiter. Celan schrieb sofort einen Brief an Jens, in dem er sich bedankt, dass Jens (und nicht ihm) die Synonymie von matière und Eiter aufgefallen sei. – In der FAZ vom 20. Mai war Ingeborg Bachmanns Erzählung Undine geht abgedruckt. Die Beziehung von Mörder, Hände und anders als die andern geht in sein Gedicht ein.
(Sicher, der Leser muss das nicht alles wissen und bemerken. Aber dafür gibt es ja kommentierte Ausgaben: im Einzelfall bremst die Kenntnis der Entstehungsumstände vielleicht allzu freischwebend spekulierende Interpretationen aus. Interpretieren kann man immer noch: später.)
Friedrich Wilhelm Wagner
(* 16. August 1892 Hennweiler/ Hunsrück, † 22. Juni 1931 Lungensanatorium Schömberg)
In einer deutschen Stadt
Hier haben die Frauen müde Münder
Und einen bescheidenen Blick.
Sie meinen: Dienen ist viel gesünder
Als ein großes Geschick.
Und die Männer haben dicke Bäuche
Und reden von Politik.
Und schwärmen für die alten Bräuche
Und suchen verbotenes Glück.
Und Kinder haben große Augen
Und verzweifeln an der Welt –
Sie sollen alle mal was taugen
Für König und Geld.
Aus: Friedrich Wilhelm Wagner: Versensporn 42. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2020, S. 6
Das Gedicht erschien zuerst in Die Aktion 15/1914.
Die Dichtung ist das beste an Russland. Ihr Gründer: Der 1711 im hohen Norden Russlands in dem kleinen Dorf Mischaninskaja geborene Bergbaustudent Michail Wassiljewitsch Lomonossow … (Oleg Jurjew)
Michail Lomonossow
(Михаи́л Васи́льевич Ломоно́сов, Michail Vasil’evič Lomonosov; * 8.jul./ 19. November 1711 greg. in Mischaninskaja, Gouvernement Archangelgorod; † 4.jul./ 15. April 1765 greg. in Sankt Petersburg)
Aus: Brief über den Nutzen des Glases
An den wirklichen Kammerherrn
ihrer Kaiserlichen Hoheit
und Ritter der Orden des Heiligen
Alexander und der Heiligen Anna
seine Exzellenz Iwan Iwanowitsch Scbuwalow
von dem Kollegienrat und Professor
Michail Lomonossow
1752
Wie falsch, Schuwalow, jene von den Dingen denken,
die Mineralien mehr als Glase Achtung schenken
Mehr zwar sind sie an zauberischem Glanze reich,
doch ist an Nutzen es und Schönheit ihnen gleich …
Wir sehn es als ein Bild aufrichtigen Wesens an:
Der ist kein Schmeichler, den man leicht durchschauen kann.
Hat man den Trank gemischt, das Glas es uns erweist,
der Lüge Vorhang durch ein rein Gewissen reißt
Doch liegt denn etwa, Glas, darin Dein ganzes Lob,
daß Wein durch Dich zu größrer Süße sich erhob?
Niemals! Es ist der Anfang Deines Wertes nur,
den Meisterschaft Dir lieh vereint mit der Natur.
(…)
So geht das Glas als Perle, die der echten gleicht,
geliebt hin durch die Welt, so weit der Erdball reicht.
Mit ihr schmückt Steppenvolk sich in des Nordens Breiten,
der Araber am Strand der südlichen Gezeiten.
Fern in Amerika, so hört man, Wilde leben,
die edles Silber gern, das ihre Berge geben,
dem Kaufmann aus Europens Ländern überlassen;
sie handeln Perlen ein aus Glas in wahren Massen.
Darin sind weiser sie als wir, so wie mir dünkt,
daß sie sich des entledigen, was Unglück bringt.
Ihr Leben lang wird sie Erinnerung erfüllen,
wie ihre Väter man erschlug um Goldes willen.
O Böses ohne Maß! Kam denn der Mensch hierher
nach so viel Fährnissen auf unbekanntem Meer,
erfolgreich, diese schönen Küsten zu erreichen,
den Grenzen, die Natur ihm setzte, zu entweichen,
indem auf schwankendem Holz er um die Erde kreist,
daß er sich dann als Feind, als grimmiger, erweist?
In hundert Nöten bleibt er und Gefahren leben,
da er des Schicksals Willkür hilflos preisgegeben,
des Meeres Stürmen er aufs feste Land entflieht –
und plötzlich es mit Sturm des Krieges überzieht.
Da brennen schon die alten Königsstätten nieder;
dem Feind die Kronen und den Raben ihre Glieder!
Aus ihren goldnen Särgen wirft man die Gebeine
hinab in Gruben, faulen Leichen zum Vereine,
und niemals satt des Goldes die Tyrannen schneiden
Hände und Häupter ab, Ring, Kopfschmuck zu erbeuten.
Sie treiben dann den Rest hin zu der Berge Schlünden,
edles Metall zu schürfen in den tiefsten Gründen,
Bedrängnisse und Angst, die Fesseln, Hunger, Wunden,
drein mit der Arbeit die Tyrannen sie gebunden,
verhindern jene nun, die Gänge abzustützen,
sich vor der Erdenlast, die sie bedeckt, zu schützen.
Der Berg stürzt ein: In seinen Schoß begraben ruhn
die Unglückseligen, wahrhaft glücklich nun,
daß ihrer unmenschlichen Herrscher sie jetzt frei,
der Schmähungen, der Leiden und der Sklaverei …
Deutsch von Annemarie Rau. Aus: Altrussische Dichtung aus dem 11.-18. Jahrhundert. Aus dem Russischen hrsg. von Helmut Grasshoff. 3. Aufl. Leipzig: Reclam, 1977, S. 221-224
ПИСЬМО О ПОЛЬЗЕ СТЕКЛА
К Высокопревосходительному господину
Генералу-Поручику,
действительному Ея Императорского Величества
Камергеру, Московского Университета куратору
и орденов Белого Орла, Святаго Александра
и Святыя Анны Кавалеру Ивану Ивановичу Шувалову,
писанное 1752 года
Неправо о вещах те думают, Шувалов,
Которые Стекло чтут ниже Минералов,
Приманчивым лучем блистающих в глаза:
Не меньше польза в нем, не меньше в нем краса.
Не редко я для той с Парнасских гор спускаюсь;
И ныне от нея на верьх их возвращаюсь,
Пою перед Тобой в восторге похвалу
Не камням дорогим, ни злату, но Стеклу.
И как я оное хваля воспоминаю,
Не ломкость лживого я счастья представляю.
Не должно тленности примером тое быть,
Чего и сильный огнь не может разрушить,
Других вещей земных конечный разделитель:
Стекло им рождено; огонь его родитель.
(...)
Так в бисере Стекло подобяся жемчугу,
Любимо по всему земному ходит кругу.
Им красится народ в полунощных степях,
Им красится Арап на южных берегах.
В Америке живут, мы чаем, простаки,
Что там драгой металл из сребреной реки
Дают Европскому купечеству охотно
И бисеру берут количество несчетно,
Но тем, я думаю, они разумне нас,
Что гонят от своих бедам причину глаз.
Им оны времена не будут ввек забвенны,
Как пали их отцы для злата побиенны.
О коль ужасно зло! На то ли человек
В незнаемых морях имел опасный бег,
На то ли, разрушив естественны пределы,
На утлом дереве обшел кругом свет целый,
За тем ли он сошел на красны берега,
Чтоб там себя явить свирепого врага?
По тягостном труде, снесенном на пучине,
Где предал он себя на произвол судьбине,
Едва на твердый путь от бурь избыть успел,
Военной бурей он внезапно зашумел.
Уже горят Царей там древние жилища;
Венцы врагам корысть, и плоть их вранам пища!
И кости предков их из золотых гробов
Чрез стены падают к смердящим трупам в ров!
С перстнями руки прочь и головы с убранством
Секут несытые и златом и тиранством.
Иных, свирепствуя, в средину гонят гор
Драгой металл изрыть из преглубоких нор.
Смятение и страх, оковы, глад и раны,
Что наложили им в работе их тираны,
Препятствовали им подземну хлябь крепить,
Чтоб тягота над ней могла недвижна быть.
Обрушилась гора: лежат в ней погребенны
Бесчастные! или поистине блаженны,
Что вдруг избегли все бесчеловечных рук,
Работы тяжкия, ругательства и мук!
(...)
Hans Reimann
(* 18. November 1889 in Leipzig; † 13. Juni 1969 in Schmalenbeck bei Hamburg)
Schwitters
Mit Vornamen heißt er Kurt, könnte aber auch Emil betitelt sein.
Er leitet an künstlerischem Unbemitteltsein.
Manchmal schwitterst er, manchmal nicht.
In der Finsternis leuchtet sein merzliches Licht.
Er kann, wenn er will, verrückte Bilder kleben.
Der Güter höchstes ist das Leben.
Nächstens schreibt er ein Vierteldutzend prima Dramen.
Ach, wir Armen! Amen.
Aus: Hans Reimann u.a.: DADA im Leipziger „Drachen“. Mit einem Nachwort von Karl Riha. Siegen: Universität-Gesamthochschule (Vergessene Autoren der Moderne), S. 13
Ricarda Huch
(* 18. Juli 1864 in Braunschweig; † 17. November 1947 in Schönberg im Taunus)
Zwei Liebesgedichte
Liebesreime XXXIV
Goldnes Liebchen, Sonne, Perle, Blume,
Und ihr Augen, liebe Weihnachtslichter!
Ja, wär‘ ich der Kaiser aller Dichter,
Dichtet‘ ich euch bald zu Ehr und Ruhme!
Soll mein Lied verklären dich auf Erden,
Nicht, wie jetzt, du meine Lieder weihn,
Müßtest du erst minder herrlich werden,
Oder ich ein größrer Dichter sein!
Aus:Gedichte von Ricarda Huch. Leipzig: Haessel, 1894, S. 225
Über Vertonungen
Dichterliebe.
Wär‘ ich Meister Rafael,
Malt‘ ich dich, wie er Madonnen,
Kämest nie mir vom Gestell,
Wärest immer mein Modell,
Aller Lieb‘ und Schönheit Bronnen,
Wär‘ ich Meister Phidias,
Formt‘ ich deine holden Glieder,
Käm‘ Apoll auch vom Parnaß
Voller Neid in mein Gelaß,
Dich nur schüf‘ ich immer wieder.
Wär‘ ich Meister Zebaoth,
Macht‘ ich dich zum Lieblingsengel;
Morgenrot und Abendrot
Dienten dir auf mein Gebot,
Und das Milchstraßengeschlängel.
Da ich nur ein Dichter bin,
Noch dazu ein unverlegter,
Droht Verlust dir statt Gewinn,
Tritt ein Bettler vor dich hin,
Und dein Herz von dannen trägt er.
Aus: Ebd. S. 18
Anna de Noailles
(* 15. November 1876 in Paris; † 30. April 1933 ebenda)
(COMTESSE MATHIEU DE NOAILLES)
JUGEND
O Jugend, eines Tages wirst du gehn, —
wirst gehn und hältst die Liebe in den Armen,
ich werde leiden, weinen, — du wirst gehn
und nichts in dir wird meiner sich erbarmen.
Mit dunklem Mund, mit schreigefüllten Blicken
will ich dich rufen, so von Schmerz bewegt,
daß bald der Tod, um meinen Ton zu sticken,
mein armes Herz in seine Hände legt.
O traurig schöne Liebe, ist es denkbar,
daß, die dich hielt in so getreuer Pflege
einst wandern wird auf dem verdorrten Wege,
wo deiner Füße Schatten nicht mehr sichtbar?
Wie kann ich ohne dich den Frühling schaun,
die Märzsonntage, die die Luft vergolden,
Drehorgelklang und Mengen in den Aun, —
die Glutmusik von Tristan und Isolden,
Wie kann ich ohne dich den Lärm der Fahrten,
der Züge Pfiff und lautes Rasen tragen, —
ganz wie in heimlich übervollen Tagen,
als deine Augen Länder offenbarten.
O Liebe, soll ich fern von dir die Ufer,
die feuchten Quais, weiß, überblaut betreten,
auf denen einstmals die verliebten Rufer
Leander — Hero zueinander spähten?
Dir fern, den Mond schaun, der in Zedern blüht,
die Wollust weißer Orientnächte sehn,
Vergangenheit im Herz daneben stehn,
wenn Phaedra und Hermione erglüht?
Indessen reifer Sommer Gluten breitet
ewig dir fern, in diesem Buche lesen,
wie Ronsard die Geliebte sich erlesen,
die lächelnd ihm aufs Ruhmeslager gleitet?
Und wenn der Herbst auf roten Buchenpfaden,
das Laub, — wo Rousseaus Liebste saß, — jetzt fegt, —
die Alte sein mit Spindel und mit Faden
die jungen Mädchen Schicksalskarten legt… ?
O daß der Tag kommt, der von dir mich stieß,
von deinen Träumen, Tränen, deinem Glück,
von Freude und von Liebe, — welch Geschick
für Jene, welche nichts ersehnt als dies!
(L’ombre des Jours, 1902)
Aus: Die lyrische Bewegung im gegenwärtigen Frankreich. Eine Auswahl von Otto und Erna Grautoff. jena: Eugen Diederichs, 1911, S. 28f
JEUNESSE
Pourtant tu t’en iras un jour de moi, Jeunesse,
Tu t’en iras, tenant l’Amour entre tes bras,
Je souffrirai, je pleurerai, tu t’en iras,
Jusqu’à ce que plus rien de toi ne m’apparaisse.
La bouche pleine d’ombre et les yeux pleins de cris,
Je te rappellerai d’une clameur si forte
Que, pour ne plus m’entendre appeler de la sorte,
La Mort entre ses mains prendra mon cœur meurtri.
Pauvre Amour, triste et beau, serait-ce bien possible
Que vous ayant aimé d’un si profond souci,
On pût encore marcher sur le chemin durci
Où l’ombre de vos pieds ne sera plus visible ? …
Revoir sans vous l’éveil douloureux du printemps,
Les dimanches de mars, l’orgue de Barbarie,
La foule heureuse, l’air doré, le jour qui crie,
La musique d’ardeur qu’Yseult dit à Tristan.
Sans vous, connaître encore le bruit sourd des voyages,
Le sifflement des trains, leur hâte et leur arrêt,
Comme au temps juvénile, abondant et secret
Où dans vos yeux clignés riaient des paysages.
Amour, loin de vos jeux revoir le bord des eaux
Où trempent azurés et blancs des quais de pierre,
Pareils à ceux qu’un jour, dans l’Hellas printanière,
Parcoururent Léandre et la belle Héro.
Voir sans vous, sous la lune assise au haut du cèdre,
La volupté des nuits laiteuses d’Orient,
Et souffrir, le passé au cœur se réveillant,
Les étourdissements d’Hermione et de Phèdre ;
Toujours privé de vous, feuilleter par hasard,
Tandis que l’âcre été répand son chaud malaise,
Ce livre où noblement la Cassandre française
Couche au linceul de gloire et sourit à Ronsard.
Et quand l’automne roux effeuille les charmilles
Où s’asseyait le soir l’amante de Rousseau,
Être une vieille, avec sa laine et son fuseau,
Qui s’irrite et qui jette un sort aux jeunes filles…
— Ah ! Jeunesse, qu’un jour vous ne soyez plus là,
Vous, vos rêves, vos pleurs, vos rires et vos roses,
Les Plaisirs et l’Amour vous tenant, — quelle chose,
Pour ceux qui n’ont vraiment désiré que cela…
Jean Paul
(* 21. März 1763 in Wunsiedel; † 14. November 1825 in Bayreuth)
»Ah ça!« wandt’ er sich zu Walten (mehr französisch konnt’ er nicht), »Ihre Polymeter!« – »Was sinds?« fragte Knoll trinkend. »Herr Graf,« (sagte Schomaker und ließ die Pfalz weg) »in der Tat eine neue Erfindung des jungen Kandidaten, meines Schülers, er machet Gedichte nach einem freien Metrum, so nur einen einzigen, aber reimfreien Vers haben, den er nach Belieben verlängert, seiten-, bogenlang; was er den Streckvers nennt, ich einen Polymeter.«
Liebe Goldine, ich machte auf der Stelle, so begeistert war ich, den Polymeter: ›Doppelte Sterne erscheinen am Himmel als einer, aber o Einziger, du zergehest in einen ganzen Himmel voll Sterne.‹ Dann nahm er meine Hand mit seiner sehr weichen, zarten, und ich mußte ihm unser Dorf zeigen; da sagt’ ich kühn den Polymeter: ›Sehet, wie sich alles schön verkehrt, die Sonne folgt der Sonnenblume.‹ Da sagt’ er, das tue nur Gott gegen die Menschen, der sich mehr ihnen zuwende als sie ihm. Darauf ermunterte er mich zur Poesie, scherzte aber artig über ein gewisses Feuer, was ich mir auch morgen abgewöhne; Gefühle, sagt’ er, sind Sterne, die bloß bei hellem Himmel leiten, aber die Vernunft ist eine Magnetnadel, die das Schiff noch ferner führt, wenn jene auch verborgen sind und nicht mehr leuchten.
Er tats zu Hause, die Flötentöne des Bruders fielen schön in das Rauschen seiner Gefühle ein – er versiegelte einen geistigen Sturm. Er legte dem Sturm zwei Polymeter über den Tropfstein bei, dessen Säulen und Bildungen bekanntlich aus weichen Tropfen erstarren.
Erster Polymeter
Weich sinkt der Tropfe im Höhlen-Gebirge, aber hart und zackig und scharf verewigt er sich. Schöner ist die Menschen-Träne. Sie durchschneidet das Auge, das sie wund gebiert; aber der geweinte Diamant wird endlich weich, das Auge sieht sich um nach ihm, und er ist der Tau in einer Blume.
Zweiter
Blick’ in die Höhle, wo kleine stumme Zähren den Glanz des Himmels und die Tempelsäulen der Erde spielend nachschaffen. Auch deine Tränen und Schmerzen, o Mensch, werden einst schimmern wie Sterne und werden dich tragen als Pfeiler.
Philipp von Zesen
(* 8. Oktober 1619 in Priorau bei Dessau; † 13. November 1689 in Hamburg)
Di Lustinne* rädet selbst. i. Aus däm Mehre bin ich kommen / aus däs bitren salzes kraft hab' ich dises sein gewonnen; dässen schaum an meinen lokken wi gefrohrne wasser-flokken annoch** haft. ii. Meinen krum-gekrüllten hahren hat di wild-erbohste Se (wi di hohlen wällen waren) gleiche krümmen eingetrükket / da des schaumes silber blikket in di höh. iii. Als Kluginn' und Himmelinne*** dis mein bildnüs sahen hihr / sprachen si; es kan Schauminne* / ja Schauminne kan mit rächte schahm-roht machen ihr geschlächte durch di Zihr.
Aus: Philipp von Zesen: Adriatische Rosemund, Erstes Buch. (1645). Hier nach: Deutsche Lyrik 1600-1700, hrg. v. Christian Wagenknecht. (Deutsche Lyrik 4). München: dtv, 2001, S. 158.
Walter Hasenclever
(* 8. Juli 1890 in Aachen; † 21. Juni 1940 in Les Milles bei Aix-en-Provence)
1917
Halte wach den Haß. Halte wach das Leid.
Brenne weiter am Stahl der Einsamkeit.
Glaub nicht, wenn du liest auf deinem Papier,
Ein Mensch ist getötet, er gleicht nicht dir.
Glaub nicht, wenn du siehst den entsetzlichen Zug
Einer Mutter, die ihre Kleinen trug
Aus dem rauchenden Kessel der brüllenden Schlacht,
Das Unglück ist nicht von dir gemacht.
Heran zu dem elenden Leichenschrein,
Wo aus Fetzen starrt eines Toten Bein.
Bei dem fremden Mann, vom Wurm zernagt,
Falle nieder, du, sei angeklagt.
Empfange die ungeliebte Qual
Aller Verstoßnen in diesem Mal.
Ein letztes Aug‘, das am Äther trinkt,
Den Ruf, der in Verdammnis sinkt;
Die brennende Wildnis der schreienden Luft,
Den rohen Stoß in die kalte Gruft.
Wenn etwas in deiner Seele bebt,
Das dies Grauen noch überlebt,
So laß es wachsen, auferstehn
Zum Sturm, wenn die Zeiten untergehn.
Tritt mit der Posaune des Jüngsten Gerichts
Hervor, o Mensch, aus tobendem Nichts!
Wenn die Schergen dich schleppen aufs Schafott,
Halte fest die Macht! Vertrau auf Gott:
Daß in der Menschen Mord, Verrat
Einst wieder leuchte die gute Tat;
Des Herzens Kraft, der Edlen Sinn
Schweb am gestirnten Himmel hin.
Daß die Sonn, die auf Gute und Böse scheint,
Durch soviel Ströme der Welt geweint,
Gepulst durch unser aller Schlag,
Einst wieder strahle gerechtem Tag.
Halte wach den Haß. Halte wach das Leid.
Brenne weiter, Flamme! Es naht die Zeit.
Aus: Menschheitsdämmerung. Symphonie jüngster Dichtung. Hrsg. Kurt Pinthus. Berlin: Rowohlt, 1920, S. 207f
MARTINA HEFTER
Essay
Dass ich das alles geschrieben, also
dass ich sowas harmlos Weiches wie Schreiben gemacht hab,
während alle Leute draußen einfach so – zack:
der Fakt, dass ich zu Hause fein auf dem Bettchen liege,
während alle Leute draußen: Zack;
der Fakt, dass ich so fein schreibe, singe, tanze,
während ihr: oje, und ich – ohweh, einfach geendet bin,
und ach, wieder jemand, und da
und da und da,
was macht das mit mir?
Und das ist auch schon wieder in einer Haltung formuliert
die zu meinem Fächer aus Haltungen gehört.
Es ist dahingedudelt
Ich bin kopflos das Sprechen runtergetrudelt.
Aus: Frauen | Lyrik. Gedichte in deutscher Sprache. Hg. Anna Bers. Stuttgart: Reclam, 2020, S. 662
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