Gertrud Kolmar
(* 10. Dezember 1894 in Berlin; † vermutlich Anfang März 1943 in Auschwitz)
Die Jüdin
Weil sich die Menschen nicht zu mir wagen,
Will ich mit Türmen gegürtet sein,*
Die steile, steingraue Mützen tragen
In Wolken hinein.
Ihr findet den erzenen Schlüssel nicht
Der dumpfen Treppe. Sie rollt sich nach oben,
Wie platten, schuppigen Kopf erhoben
Eine Otter ins Licht.
Ach, diese Mauer morscht schon wie Felsen,
Den tausendjähriger Strom bespült;
Die Vögel mit rohen, faltigen Hälsen
Hocken, in Höhlen verwühlt.
In den Gewölben rieselnder Sand,
Kauernde Echsen mit sprenkligen Brüsten –
Ich möcht’ eine Forscherreise rüsten
In mein eigenes uraltes Land.
Ich kann das begrabene Ur der Chaldäer **
Vielleicht entdecken noch irgendwo,
Den Götzen Dagon***, das Zelt der Hebräer,
Die Posaune von Jericho.
Die jene höhnischen Wände zerblies,
Schwärzt sich in Tiefen, verwüstet, verbogen;
Einst hab’ ich dennoch den Atem gesogen,
Der ihre Töne stieß.
Und in Truhen, verschüttet vom Staube,
Liegen die edlen Gewänder tot,
Sterbender Glanz aus dem Flügel der Taube
Und das Stumpfe des Behemoth. †
Ich kleide mich staunend. Wohl bin ich klein,
Fern ihren prunkvoll mächtigen Zeiten,
Doch um mich starren die schimmernden Breiten
Wie Schutz, und ich wachse ein.
Nun seh’ ich mich seltsam und kann mich nicht kennen,
Da ich vor Rom, vor Karthago schon war,
Da jäh in mir die Altäre entbrennen
Der Richterin und ihrer Schar.
Von dem verborgenen Goldgefäß
Läuft durch mein Blut ein schmerzliches Gleißen,
Und ein Lied will mit Namen mich heißen,
Die mir wieder gemäß.
Himmel rufen aus farbigen Zeichen.
Zugeschlossen ist euer Gesicht:
Die mit dem Wüstenfuchs scheu mich umstreichen,
Schauen es nicht.
Riesig zerstürzende Windsäulen wehn,
Grün wie Nephrit, rot wie Korallen,
Über die Türme. Gott läßt sie verfallen
Und noch Jahrtausende stehn.
Aus: Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk [Bd. 2) Gedichte 1927-1937. Hrsg. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2003, S. 91f
*) Hoheslied 8, 10: Ich bin eine Mauer, und meine Brüste sind wie Türme. Sprüche 31, 17: Sie gürtet ihre Lenden mit Kraft und regt ihre Arme.
**) In der Bibel wird „Ur in Chaldäa“ als Heimat des Stammvaters Abraham genannt.
***) Gott der Philister mit Tempeln in Aschdod und Gaza
†) Wasserungeheuer in der Bibel
Erstdruck: Blätter der jüdischen Buchvereinigung. 3. Jg. H. 2, Berlin, September 1936, S. 7. – Das Gedicht gehört zum Zyklus Weibliches Bildnis, der 1938 in dem Band Die Frau und das Tier (Berlin, Jüdischer Buchverlag E. Löwe) gedruckt wurde. Das Buch erschien im August, der Verlag wurde nach der Pogromnacht vom 9. November aufgelöst.
Das Gedicht entstand 1933 und war für einen geplanten Gedichtband 1933 bei der Deutschen Verlagsanstalt bestimmt, der dann nicht erschien.
Alfred Margul-Sperber
(geboren 23. September 1898 in Storozynetz, Österreich-Ungarn; gestorben 3. Januar 1967 in Bukarest)
Mein liebster Leser!
Vorspruch zu meinen Gedichten
Ich schulde dir Aufklärung, warum ich diese Gedichte schrieb;
Ich habe die Welt so lieb,
die blaue Luft und das leuchtende Meer und den schwebenden Schritt der Frauen,
Ich liebe mein vergangenes Leben.
Siehe, ich habe meinen Gedichten den Duft der schwindenden Tage gegeben,
das Heimweh der Kindheit und die Hoffnungslosigkeit meiner Lieben
und aller Freundschaften, die mir schwanden und blieben.
Mein Leben war niemals interessant
Aber vor allem gilt mein Lied
dem Menschen. O allen, die trostlos und müd
Liebe zur Erde im Herzen tragen,
allen, die in diesen dunkelnden Tagen
Wahnsinn des Hasses entsetzlich entzweit,
Ich will nicht, dass du meine Gedichte liest,
da doch Lesen meistens Missverstehen ist,
aber du sollst Wonne und Trauer, Weinen und Lachen
meiner Seele noch einmal durchmachen!
Ich habe dir nicht zu g e f a l l e n gemeint
mein Wunsch ging nicht dahin, dass mich einst Professoren rühmend nennen –
aber jeder Einsame, der um Namenloses weint
möge in mir seinen Bruder erkennen!
Aus: In Dornbüschen hat Zeit sich schwer verfangen. Expressionismus in den deutschsprachigen Literaturen Rumäniens. Hg. Michael Markel. Regensburg: Friedrich Pustet, 2015, S. 36f
Zu Horaz, der heute 2085 Jahre alt ist (* 8. Dezember 65 v. Chr. in Venusia; † 27. November 8 v. Chr.). Auch in der deutschen Literatur kam man nicht an ihm vorbei, er hatte es selbst vorhergesagt: „Ich habe mir ein Denkmal errichtet dauerhafter als Erz“, aere perennius. Paul Fleming hat die Geste nachgeahmt (das Rezept funktioniert, bis heute lernt man es in der Schule: „Man wird mich nennen hören“…). Man kopierte seine Versmaße und setzte sich mit seinen Motiven auseinander (Gedichte von Moritz August Thümmel, Gottfried August Bürger, Goethe, August von Platen, Eduard Mörike, Bertolt Brecht, Heiner Müller…). Eins aus der Kette heute.
Heiner Müller
Leben des Horaz
Der Arrivierte mit dem Haß auf sein Startloch.
Unter Brutus ist er Demokrat
Tod dem Tyrannen und mir auch ein Landgut
Pazifist bei Philippi, er skandiert den Boden
Dann lernt er seine Lektion (er auch), wechselt
Die Laufbahn schwamm drüber Augustus. Das Landgut
Schenkt Mäcen ihm für einen Platz in den Oden
Acht Spiegel im Schlafzimmer und kein Wort mehr von Brutus
Er macht seinen Weg in die Chrestomathien
Aere perennius Liebling der Philologen.
Aus: In diesem besseren Land. Gedichte der Deutschen Demokratischen Republik seit 1945. Ausgewählt, zusammengestellt u. m.e. Vorwort versehen von Adolf Endler und Karl Mickel. Halle: Mitteldt. Verlag, 1966, S. 55
Heiner Müller hat sich über die Jahrzehnte immer wieder mit Horaz beschäftigt, wovon mehrere Gedichte in verschiedenen Fassungen zeugen, aber auch Spuren im dramatischen Werk und im Gespräch. Ausführlich kommentiert in der Ausgabe Heiner Müller, Warten auf der Gegenschräge. Gesammelte Gedichte. Hrsg. Kristin Schulz, Berlin: Suhrkamp 2014. Darin wird aus einem Gespräch mit Heiner Müller zitiert:
»Horaz hatte erst mit Brutus gekämpft, nach der Niederlage bei Philippi aber rechtzeitig die Flucht ergriffen und die Seite gewechselt. Er hat sich mit der Erinnerung an das, was war, eingerichtet. Daraus entsteht eine kolloquiale Form von Lyrik. Eine Gelassenheit, die den Schmerz in Eleganz versteckt. Seine Episteln und Satiren sind ein einziges Geplauder. Ab und zu kommt ein Funken hoch, der mit Form beruhigt wird. Horaz ist die Verabsolutierung der Form, aus der Notwendigkeit, sich mit einer Realität abzufinden, die man sich eigentlich ganz anders geträumt oder vorgestellt hatte. Es ist eine Form, die alles aufnehmen kann. Sie ist nicht klassizistisch. Sie schließt keine Realität aus. Die Form dient als Schutz gegen Erfahrungsdruck. Im Grunde genommen war es für Horaz eine Situation wie für Brecht in Hollywood. Nur ohne Rückkehr.« (.a.a.O. S. 481).
Am 7. Dezember 1940 gelingt es der Dichterin und Malerin Paula Ludwig, auf der Flucht vor den Nazis in Lissabon ein Schiff nach Brasilien zu bekommen.
Saget nicht: die Glücke mußt du büßen
saget nicht: dein Fuß erschreckt die Schwelle
Wenn ich falle werde ich zur Welle
Welle auf dem Weltmeer euch zu grüßen
Meiner Kniee Abdruck bleibet nicht im Steine
Meine Stimme wird verweht von Winden
Nirgends könnet ihr mich wiederfinden
Nimmer hören – wenn ich um euch weine
Wenn ich weine – da ich zu euch kehre
zu euch kehre aus dem fernen Raume
aus dem sanften – aus dem bösen Traume
Wenn ich zu lieben euch noch mehr begehre
*
Eure Erde will mich nicht mehr dulden
Ausgestoßen bin ich aus den Gärten
Ohne Zehrung ohne Tröstung und Gefährten
jagt ihr mich aus euren satten Mulden
Aus: Paula Ludwig, Versensporn 38. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2019, S. 31
Oscar Walter Cisek
(* 6. Dezember 1897 in Bukarest; † 30. Mai 1966 ebenda)
Nervöser Abend
In den teergetränkten grauen
Himmel greifen nackte Bäume –
wenn ich doch nur nicht versäume,
was ich Lichtes könnte schauen!
Schatten kriechen durch die Gassen,
nirgend sich der Blick mir weitet –
ach, wenn mir nur nicht entgleitet,
was mich könnte leben lassen!
Aus: In Dornbüschen hat Zeit sich schwer verfangen. Expressionismus in den deutschsprachigen Literaturen Rumäniens. Hg. Michael Markel. Regensburg: Friedrich Pustet, 2015, S. 94
Das Expressionismusjahr 2020 (100 Jahre Menschheitsdämmerung) geht in die letzte Runde. Heute noch einmal Gustav Sack, Heute vor 104 Jahren fraß ihn der Erste Weltkrieg (er hatte sich zunächst anders als viele der Mobilmachung verweigert, dann aber wegen bedrängender Mittellosigkeit sich selbst gestellt und wurde postwendend im Oktober 1914 an die Front expediert). Während seiner Greifswalder Studentenzeit wohnte er hier bei mir gleich um die Ecke (um 115 Jahre früher). Er schrieb Gedichte und Prosa, hatte aber keine hohe Meinung vom „Dichten“ und von „Dichtern“.
Gustav Sack
(* 28. Oktober 1885 in Schermbeck; † 5. Dezember 1916 bei Finta Mare, Rumänien)
Das Hopsassa
Was du nur willst! Dieweil du reimen kannst
und in beliebtem Hopsassa
erzählst was dir zu Leids geschah,
schmähst du auf jeden braven Wanst,
der reimlos seine Wege geht
und von der Narrheit nichts versteht,
die dich, indes er ißt und trinkt,
in schmerzliche Ekstase bringt
und dich ekstatisch hungern läßt.
Er soll dir deine Narrenqualen
etwa mit seinem Gelde zahlen?
Dir ist dein Narrsein ja ein Fest!
So zahle deine Feste selber
und neide nicht voll Prahlerei
und widriger Phantasterei
ihm seine wohlgeratnen Kälber,
du elendiger Hopsassa
und Tschingterassa Bum!
Aus: Gustav Sack, Versensporn 35, Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2019, S. 3 (zuerst erschienen 1920 in einer zweibändigen Werkausgabe bei S. Fischer).
Rainer Maria Rilke (* 4. Dezember 1875 in Prag, Österreich-Ungarn; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz)
Aus „Sieben Gedichte“
(Spätherbst 1915)
I
Auf einmal faßt die Rosenpflückerin 
die volle Knospe seines Lebensgliedes,
und an dem Schreck des Unterschiedes
schwinden die [linden] Gärten in ihr hin.
III
Mit unsern Blicken schließen wir den Kreis,
daß weiß in ihm [die] wirre Spannung schmölze.
Schon richtet dein unwissendes Geheiß
die Säule auf in meinem Schamgehölze.
Von dir gestiftet steht des Gottes Bild
am leisen Kreuzweg unter meinem Kleide;
mein ganzer Körper heißt nach ihm. Wir beide
sind wie ein Gau darin sein Zauber gilt.
Doch Hain zu sein und Himmel um die Herme
das ist an dir. Gieb nach. Damit
der freie Gott inmitten seiner Schwärme
aus der entzückt zerstörten Säule tritt.
VII
Wie rief ich dich. Das sind die stummen Rufe,
die in mir süß geworden sind.
Nun stoß ich in dich Stufe ein um Stufe
und heiter steigt mein Samen wie ein Kind.
Du Urgebirg der Lust: auf einmal springt
er atemlos zu deinem innern Grate.
O gieb dich hin, zu fühlen wie er nahte;
denn du wirst stürzen, wenn er oben winkt.
München, um den 1. Novemer 1915
Aus: Rainer Maria Rilke, Werke in drei Bänden. Hrsg. Dieter Nalewski. 2. Band. Leipzig: Insel, 1978, S. 232ff
Federico García Lorca
(* 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 18. August 1936 auf dem Weg von Viznar nach Alfacar, Provinz Granada)
1910
(Zwischenspiel)
Meine Augen von damals, neunzehnhundertzehn,
sahen nicht, wie die Toten begraben wurden,
sahen nicht das Aschefest des Mannes, der den Morgen beweint,
nicht das Herz, das im Winkel liegt und wie ein Seepferdchen zittert.
Meine Augen von damals, neunzehnhundertzehn,
sahen die weiße Wand, wo die Mädchen Wasser ließen,
das Maul des Stiers, den giftigen Pilz
und unfaßbaren Mondschein in den Winkeln
auf den trockenen Zitronenstücken unterm harten Schwarz der Flaschen.
Meine Augen von damals auf dem Hals des kleinen Pferdes,
auf dem durchbohrten Busen von Rosa, der schlafenden Heiligen,
auf den Dächern der Liebe, mit Seufzern und kühlen Händen,
in einem Garten, wo die Katzen Frösche fraßen.
Eine Rumpelkammer, wo alter Staub Moos und Statuen versammelt.
Truhen voll mit dem Schweigen aufgefressener Krebse.
Dort, wo der Traum auf seine Wirklichkeit prallte.
Dort meine kleinen Augen.
Bitte keine Fragen. Ich habe die Dinge gesehen:
Sie suchen ihre Linie, doch sie finden ihre Leere.
Lücken liegen schmerzend in der menschenleeren Luft
und in meinen Augen Kleiderwesen – ohne Körper!
New York, August 1929
Übersetzung: Martin von Koppenfels
Aus:
Federico García Lorca: Dichter in New York. Poeta en Nueva York. Gedichte. Spanisch und deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Martin von Koppenfels. Berlin: Suhrkamp 2019.
Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags.
1910
(Intermedio)
Aquellos ojos míos de mil novecientos diez
no vieron enterrar a los muertos,
ni la feria de ceniza del que llora por la madrugada,
ni el corazón que tiembla arrinconado como un caballito de mar.
Aquellos ojos míos de mil novecientos diez
vieron la blanca pared donde orinaban las niñas,
el hocico del toro, la seta venenosa
y una luna incomprensible que iluminaba por los rincones
los pedazos de limón seco bajo el negro duro de las botellas.
Aquellos ojos míos en el cuello de la jaca,
en el seno traspasado de Santa Rosa dormida,
en los tejados del amor, con gemidos y frescas manos,
en un jardín donde los gatos se comían a las ranas.
Desván donde el polvo viejo congrega estatuas y musgos.
Cajas que guardan silencio de cangrejos devorados.
En el sitio donde el sueño tropezaba con su realidad.
Allí mis pequeños ojos.
No preguntarme nada. He visto que las cosas
cuando buscan su curso encuentran su vacío.
Hay un dolor de huecos por el aire sin gente
y en mis ojos criaturas vestidas ¡sin desnudo!
Nueva York, agosto de 1929
Federico García Lorca
(* 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 18. August 1936 auf dem Weg von Viznar nach Alfacar, Provinz Granada)
Landschaft mit Menschenmenge, die sich erbricht
(Abend auf Coney Island)
Die fette Frau kam vorneweg,
riß die Wurzeln aus und durchnäßte das Pergament auf den Trommeln.
Die fette Frau,
die die sterbenden Tintenfische auf links dreht.
Die fette mondfeindliche Frau
rannte durch die Straßen und geräumten Wohnungen,
ließ kleine Taubentotenköpfe in den Ecken liegen,
scheuchte die Gelagefurien der letzten Jahrhunderte auf,
rief nach dem Dämon des Brotes auf den Hügeln des leergefegten Himmels
und ließ eine Gier nach Licht in die Untergrund-Kreisläufe sickern.
Es sind die Friedhöfe. Ich weiß, es sind die Friedhöfe
und der Schmerz der unterm Sand begrabenen Küchen.
Es sind die Toten, die Fasane und die Äpfel anderer Zeiten,
die uns die Kehle hoch drängen.
Es kam das wirre Rumoren aus dem Wald des Erbrechens
mit den leeren Frauen, mit Kindern aus warmem Wachs,
mit gärenden Bäumen und unermüdlichen Kellnern,
die tellerweise Salz servieren unter den Speichelharfen.
Es hilft nichts, mein Sohn. Erbrich es! Dagegen gibt es kein Mittel.
Es ist weder das Erbrechen der Husaren über die Brüste der Prostituierten
noch das Erbrechen der Katze, die achtlos einen Frosch verschluckt hat.
Es sind die Toten, ihre Erdhände kratzen
an den steinernen Pforten, wo Pudding und Plätzchen verfaulen.
Die fette Frau kam vorneweg
mit den Leuten von den Schiffen, den Kneipen und den Gärten.
Das Erbrechen rührte leise seine Trommeln
zwischen einigen Mädchen aus Blut,
die Schutz vom Mond erflehten.
Ich Armer! Ich Armer! Ich Armer!
Dieser Blick war mein und ist es nicht mehr.
Dieser Blick, der nackt im Alkohol zittert
und unglaubliche Schiffe entsendet
durch die Anemonen der Kais.
Er ist meine Waffe, dieser Blick,
der von jenen Wellen kommt, zu denen der Morgen sich nicht vorwagt.
Ich, ein Dichter ohne Arme, verirrt
in der Menge, die sich erbricht,
ohne überschwengliches Pferd,
das das dichte Moos auf meinen Schläfen kappt.
Doch die fette Frau kam immer noch vornweg
und die Leute suchten nach den Apotheken,
wo der bittere Wendekreis zum Stillstand kommt.
Erst als man die Flagge hißte und die ersten Hunde kamen,
staute sich die ganze Stadt an den Geländern der Landungsbrücke.
New York, 29. Dezember 1929
Übersetzung: Martin von Koppenfels
Aus: Federico García Lorca: Dichter in New York. Poeta en Nueva York. Gedichte. Spanisch und deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Martin von Koppenfels. Berlin: Suhrkamp 2019, S. 57ff
Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags.
Paisaje de la multitud que vomita
(Anochecer en Coney Island)
La mujer gorda venía delante
arrancando las raíces y mojando el pergamino de los tambores.
La mujer gorda,
que vuelve del revés los pulpos agonizantes.
La mujer gorda, enemiga de la luna,
corría por las calles y los pisos deshabitados
y dejaba por los rincones pequeñas calaveras de paloma
y levantaba las furias de los banquetes de los siglos últimos
y llamaba al demonio del pan por las colinas del cielo barrido
y filtraba un ansia de luz en las circulaciones subterráneas.
Son los cementerios. Lo sé. Son los cementerios
y el dolor de las cocinas enterradas bajo la arena.
Son los muertos, los faisanes y las manzanas de otra hora
los que nos empujan en la garganta.
Llegaban los rumores de la selva del vómito
con las mujeres vacías, con niños de cera caliente,
con árboles fermentados y camareros incansables
que sirven platos de sal bajo las arpas de la saliva.
Sin remedio, hijo mío. ¡Vomita! No hay remedio.
No es el vómito de los húsares sobre los pechos de la prostituta,
ni el vómito del gato que se tragó una rana por descuido.
Son los muertos que arañan con sus manos de tierra
las puertas de pedernal donde se pudren nublos y postres.
La mujer gorda venía delante
con las gentes de los barcos, de las tabernas y de los jardines.
El vómito agitaba delicadamente sus tambores
entre algunas niñas de sangre
que pedían protección a la luna.
¡Ay de mí! ¡Ay de mí! ¡Ay de mí!
Esta mirada mía fue mía, pero ya no es mía.
Esta mirada que tiembla desnuda por el alcohol
y despide barcos increíbles
por las anémonas de los muelles.
Me defiendo con esta mirada
que mana de las ondas por donde el alba no se atreve.
Yo, poeta sin brazos, perdido
entre la multitud que vomita,
sin caballo efusivo que corte
los espesos musgos de mis sienes.
Pero la mujer gorda seguía delante
y la gente buscaba las farmacias
donde el amargo trópico se fija.
Sólo cuando izaron la bandera y llegaron los primeros canes
la ciudad entera se agolpó en las barandillas del embarcadero.
Nueva York, 20 de diciembre 1929
„Sie sind verflucht, und leben werden wir“, schrieb die Dichterin Ite Liebenthal kurz vor ihrer Ermordung durch die Nazis. Und doch; kein Tag, an dem nicht stundenlang Hitler und seine Kumpane und Helfershelfer die Dokumentarkanäle füllen, während ihre Opfer nur in Nischen vorkommen. Ob Ite Liebenthal wenigstens etwas bekannter wäre, wenn der Insel-Verlag auf Rilke gehört und ihre Gedichte veröffentlicht hätte? Vielleicht gäbe es einen Band bei Insel oder Suhrkamp? Im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek findet sich nur eins von den zwei oder drei zu ihren Lebzeiten erschienenen Bänden. 1947 erschien ein Band im Karl Rauch Verlag Jena, danach gibt es ein paar Zeitschriftenpublikationen und zwei Lyrikhefte 2012 (Grillenfänger, Potsdam) und 2013 (Versensporn, Jena). Vorliegendes Heft bietet auf 30 Seiten den Inhalt ihres zweiten Buchs von 1921 / 1924 sowie Texte aus dem Nachlass, der sich in Abschriften in Tel Aviv und Genf befindet. Für 3 Euro beim Verlag.
Was ich von dir nicht weiß und nicht erriet
aus Worten und Gebärden – die noch keiner
gedeutet hat wie ich! – weil ich vermied,
an dir zu rätseln und dich so viel reiner
begriff in deinem Abgeschlossensein,
brach über mich in einem Traum herein:
da sah ich, wie du bist, wenn du dich gibst.
Und deine sanfte Hoheit, wenn du liebst,
war still und spendend über mich geneigt.
Die Schale war ich, die empfängt und schweigt. –
Nun kenn ich dich! Was du mir nie gegeben,
nie geben wirst, ist doch in meinem Leben!
Und ist, – ich stahl nicht, hab es nicht erschlichen! –
als hätte ich’s geraubt und wär entwichen,
und straft mich schwer, wie Heiliges ergrimmt,
das freche Hand von seiner Stätte nimmt.
Und ward mir doch gereicht und offenbart,
als meine Seele dalag unbewahrt
und ungewarnt, – und hilflos, tagvergessen
hinnahm, was ihrem Los nicht zugemessen.
Aus: Ite Liebenthal, Versensporn 10, Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2013, S. 18
Ite Liebenthal
(15. Januar 1886 Berlin – 30. November 1941 im Wald von Rumbula / Riga)
Mein Vaterland, du bist vor mir gestorben,
doch wirst du auferstehn und ich mit dir.
Die dich vernichteten und mich verdorben,
sie sind verflucht, und leben werden wir!
(16. November 1941)
Aus: Ite Liebenthal. Versensporn 10. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2013 (2. Aufl. 2015)
„Am 27. November 1941 wird sie mit dem „7. Osttransport“ vom Bahnhof Berlin-Grunewald nach Riga deportiert.
Unmittelbar nach ihrer Ankunft, am Morgen des 30. November, wird Ite Liebenthal mit den anderen 1052 Insassen des Transportes im Wald von Rumbula ermordet.“ (Aus dem zitierten Heft)
„Im Wald von Rumbula (auch Rumbuli, deutsch Rummel), einem Kiefernwäldchen im gleichnamigen Stadtteil von Riga, ermordeten Angehörige der SS Ende 1941 an nur zwei Tagen über 26.000 lettische sowie 1053 Berliner Juden.“ (Wikipedia)
Alexander Blok
(Block; Александр Александрович Блок, * 16. November jul./ 28. November 1880 greg. in Sankt Petersburg; † 7. August 1921 in Petrograd)
Die Dichter
Ein ödes Quartier war am Stadtrand entstanden
Auf versackendem sumpfigem Grund.
Hier wohnten die Dichter, und traf wer den andern.
Rann ein Spottlächeln ihm um den Mund.
Und mochte auch über dem traurigen Sumpf
Der erquickendste Sonnenschein laufen –
Das Mietervolk hockte den ganzen Tag dumpf
Und verbissen beim Schreiben und Saufen.
Im Suff aber schworen sie Freundschaft auf immer.
Schwadronierten schön zynisch und deftig.
Erbrachen im Klo. Schlichen still auf ihr Zimmer.
Und dort schrieben sie wieder geschäftig.
Sie krochen hervor wie verwilderte Köter,
Schauten sinnend aufs flammende Meer
Und schnalzend, mit Kennerblick, ganz Schwerenöter,
Jedem Weibergezöpf hinterher.
Sie schwelgten in Zukunftsmusik süß erhoben.
Schimpften einhellig auf die Verleger.
Beschluchzten das silberne Wölkchen hoch droben
Und das Blümelein drunten am Wege.
So lebten die Dichter. Freund Leser, verzeih:
Sicher denkst du, da warst du mehr nütze –
Mit deiner tagtäglichen Abstrampeiei,
Deiner kläglichen Spießbürgerpfütze?
Du irrst dich, mein Freund voller blinder Kritik!
Immerhin – für das Dichterherz gibt
Es Wölkchen und Zöpfe und Zukunftsmusik,
Was »zu hoch« dir zu schweben beliebt.
Mit dir und dem Eheweib bist zu zufrieden
Wie mit Rußlands Verfassung, du Wicht!
Doch wir – uns sind Weltschmerz und Weltsuff beschieden,
Und Verfassungen reichen uns nicht!
Und lieg ich am Zaun wie ein Köter verreckt,
Von der Erde zertreten, so ist
Es Gott, der mit Schnee meinen Leib sanft bedeckt,
Und der Sturm, der die Stirne mir küßt.
Deutsch von Ilse Tschörtner. In: Alexander Block: Ausgewählte Werke. Hrsg. Fritz Mierau. Bd. 1: Gedichte, Poeme. Berlin: Volk und Welt 1978, S. 174f
Александр Блок
ПОЭТЫ
За городом вырос пустынный квартал
На почве болотной и зыбкой.
Там жили поэты, – и каждый встречал
Другого надменной улыбкой.
Напрасно и день светозарный вставал
Над этим печальным болотом:
Его обитатель свой день посвящал
Вину и усердным работам.
Когда напивались, то в дружбе клялись,
Болтали цинично и пряно.
Под утро их рвало. Потом, запершись,
Работали тупо и рьяно.
Потом вылезали из будок, как псы,
Смотрели, как море горело.
И золотом каждой прохожей косы
Пленялись со знанием дела.
Разнежась, мечтали о веке златом,
Ругали издателей дружно.
И плакали горько над малым цветком,
Над маленькой тучкой жемчужной…
Так жили поэты. Читатель и друг!
Ты думаешь, может быть, – хуже
Твоих ежедневных бессильных потуг,
Твоей обывательской лужи?
Нет, милый читатель, мой критик слепой!
По крайности, есть у поэта
И косы, и тучки, и век золотой,
Тебе ж недоступно всё это!..
Ты будешь доволен собой и женой,
Своей конституцией куцой,
А вот у поэта – всемирный запой,
И мало ему конституций!
Пускай я умру под забором, как пес,
Пусть жизнь меня в землю втоптала, –
Я верю: то бог меня снегом занес,
То вьюга меня целовала!
24 июля 1908
Federico García Lorca
(* 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 18. August 1936 auf dem Weg von Viznar nach Alfacar, Provinz Granada)
Landschaft mit urinierender Menschenmenge
(Battery-Place-Nocturne)
Sie blieben allein, die Männer:
und sahen dem Tempo der letzten Fahrradstaffel entgegen.
Sie blieben allein, die Frauen:
und warteten auf den Tod eines Jungen an Bord des japanischen Seglers.
Sie blieben alleine, Männer wie Frauen,
und träumten von den klaffenden Schnäbeln sterbender Vögel,
vom Stochern des spitzen Sonnenschirms
in der frisch zertretenen Kröte,
und es herrschte ein Schweigen mit tausend Ohren
und winzigen Wassermündern
in engen Schluchten, die dem wütenden
Ansturm des Monds widerstehn.
Der Junge auf dem Segler weinte und die Herzen brachen vor Angst,
weil es einen Zeugen gab und alle Dinge Totenwache hielten
und auch, weil aus dem himmelblauen Boden mit den schwarzen Spuren
immer noch dunkle Namen und Spucke und Nickel-Radios schrieen.
Es macht nichts, daß der Junge stumm wird, wenn man ihm die letzte Nadel setzt,
und daß die Brise in der Baumwollblüte unterliegt,
denn es gibt eine Totenwelt mit Matrosen, die endgültig sind,
die werden in den Arkaden auftauchen und euch hinter Bäumen gefrieren lassen.
Es nützt nichts, die Biegung zu suchen,
wo die Nacht ihre Reise vergißt,
und auf ein Schweigen zu lauern,
das frei von zerrissenen Kleidern, Schalen und Tränen ist,
wenn selbst das winzige Festmahl der Spinne genügt,
den ganzen Himmel aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Nichts hilft gegen das Wimmern auf dem japanischen Segler,
nichts hilft den Leuten im Zwielicht, die gegen die Ecken taumeln.
Das Feld beißt sich in den Schwanz, um all seine Wurzeln in einem Punkt zu vereinen,
und das Knäuel folgt im wilden Gras seiner unbefriedigten Sehnsucht nach Länge.
Der Mond! Die Polizisten. Die Sirenen der Überseedampfer!
Urinfassaden, Rauchfassaden, Anemonen, Gummihandschuhe.
Alles ist hin in der Nacht,
die über den Terrassen ihre Beine spreizt.
Alles ist hin in den lauwarmen Wasserstrahlen
eines schrecklichen, lautlosen Brunnens.
Oh Leute! Leichte Mädchen! Oh Soldaten!
Ihr werdet reisen müssen durch die Augen der Idioten,
durch freies Feld, erfüllt vom Zischen zahmer, geblendeter Kobras,
durch Landschaften voller Gräber, aus denen taufrische Äpfel wachsen,
damit das grenzenlose Licht erscheint,
das die Reichen hinter ihren Lupen fürchten
– der Duft eines einzigen Körpers mit zweifacher Neigung: Lilie und Ratte –
und damit diese Leute brennen, die fähig sind, rings um ein Wimmern zu urinieren,
ja, selbst auf die Kristalle, wo die Wellen, die nie wiederkommen, faßbar werden.
Übersetzung: Martin von Koppenfels
Aus: Federico García Lorca: Dichter in New York. Poeta en Nueva York. Gedichte. Spanisch und deutsch. Übersetzt und mit einem Nachwort von Martin von Koppenfels. Berlin: Suhrkamp 2019., S. 60ff
Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp Verlags.
Paisaje de la multitud que orina
(Nocturno de Battery Place)
Se quedaron solos:
aguardaban la velocidad de las últimas bicicletas.
Se quedaron solas:
esperaban la muerte de un niño en el velero japonés.
Se quedaron solos y solas,
soñando con los picos abiertos de los pájaros agonizantes,
con el agudo quitasol que pincha
al sapo recién aplastado,
bajo un silencio con mil orejas
y diminutas bocas de agua
en los desfiladeros que resisten
el ataque violento de la luna.
Lloraba el niño del velero y se quebraban los corazones
angustiados por el testigo y la vigilia de todas las cosas
y porque todavía en el suelo celeste de negras huellas
gritaban nombres oscuros, salivas y radios de níquel.
No importa que el niño calle cuando le clavan el último alfiler,
no importa la derrota de la brisa en la corola del algodón,
porque hay un mundo de la muerte con marineros definitivos
que se asomarán a los arcos y os helarán por detrás de los árboles.
Es inútil buscar el recodo
donde la noche olvida su viaje
y acechar un silencio que no tenga
trajes rotos y cáscaras y llanto,
porque tan sólo el diminuto banquete de la araña
basta para romper el equilibrio de todo el cielo.
No hay remedio para el gemido del velero japonés,
ni para estas gentes ocultas que tropiezan con las esquinas.
El campo se muerde la cola para unir las raíces en un punto
y el ovillo busca por la grama su ansia de longitud insatisfecha.
¡La luna! Los policías. ¡Las sirenas de los transatlánticos!
Fachadas de crin, de humo, anémonas; guantes de goma.
Todo está roto por la noche,
abierta de piernas sobre las terrazas.
Todo está roto por los tibios caños
de una terrible fuente silenciosa.
¡Oh gentes! ¡Oh mujercillas! ¡Oh soldados!
Será preciso viajar por los ojos de los idiotas,
campos libres donde silban las mansas cobras deslumbradas,
paisajes llenos de sepulcros que producen fresquísimas manzanas,
para que venga la luz desmedida
que temen los ricos detrás de sus lupas,
el olor de un solo cuerpo con la doble vertiente de lis y rata
y para que se quemen estas gentes que pueden orinar alrededor de un gemido
o en los cristales donde se comprenden las olas nunca repetidas.
Alfred Walter Heymel gab die erlesene Zeitschrift „Die Insel“ heraus, er schrieb harmlose Chansons, Jugendstiliges, neckische Lieder vom Gott der Liebesraserei, Malaga und Malvasier und „Gierig junger Küsse Tausch, / Grausam junger Wollust Rausch.“ Doch machte ihn quasi der Tod zum Expressionisten. 1911 erschien in der Zeitschrift „Der Sturm“ ein typisch „expressionistischer“ Aufschrei – nicht gegen Unrecht und Krieg, sondern im Gegenteil: gegen den als tödlich langweilig empfundenen „Friedenreichtum“ seiner Zeit. Drei Jahre später war er, der sich wie viele freiwillig zum Kriegsdienst meldete, tot.
Alfred Walter Heymel
(* 6. März 1878 in Dresden; † 26. November 1914 in Berlin)
Eine Sehnsucht aus der Zeit
Aus sanfter Schwermut und der Liebe Trauer
Ermann ich mich; versuch mich zu ermannen,
Und kann doch Tod und Untergang nicht bannen
Wohin ich flüchten will, ragt Mauer auf an Mauer.
Grüb ich den Acker um, ein guter Bauer,
Dient im Schweiße, wüßte ich, von wannen
Dies alles kommt, und wüßte, wie von dannen
Ich kam aus Schmach und Schande, Scham und Schauer.
Es fehlt uns vielen Dienst und Ziel und Zwang,
Die allen nottun und so wenige wollen;
So schmachten wir in Freiheit sonder Siege.
Im Friedenreichtum wird uns tödlich bang.
Wir kennen Müssen nicht noch Können oder Sollen
Und sehnen uns, wir schreien nach dem Kriege.
Der Sturm 2 (1911/12) November 1911, S. 677. Hier nach: Die Dichter und der Krieg. Deutsche Lyrik 1914-1918. Hrsg. Thomas Anz u. Joseph Vogl. München, Wien: Hanser, 1982, S. 11
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