Bienenspäßchen 20

„Bienenspäßchen“ bezieht sich auf ein lateinisches Gedicht des niederländischen Dichters Daniel Heinsius (1580-1655), in dem fast jede Zeile ein eigenes Metrum hat*. Es findet sich im Original und in der Übersetzung von Harry C. Schnur in der Reclamausgabe Lateinische Gedichte deutscher Humanisten, 1. Aufl. 1966, 3. durchges. u. ergänzte Aufl. 2015. Ich benutze es hier für den Spaß, Zeile für Zeile ein Häppchen europäischer Dichtung zu präsentieren, zugleich ein Crashkurs** in klassischer Metrik.

Heinsius war bekanntlich ein Geburtshelfer des deutschen Barock, den auch Sibylla Schwarz las und teilweise übersetzte. Holland war Avantgarde – nicht nur aber auch in der Poesie. Opitz und auch seine Greifswalder Schülerin suchten da Anschluß (allerdings in den niederländischen Dichtungen von Daniel Heinsius und Jacob Cats).

Wer den Text und meine Kommentare zu  Zeilen 1-17 nachlesen mag, findet hier die ersten 17 und hier ab Vers 18.

*) Polymetrie
**) Wohlgemerkt: Crashkurs, den ich (öffentlich) nehme, nicht gebe!

Vers 20:

debita, quam vobis quondam sublegerat ille.

Deutsch:

euch geschuldet, das einst zum Ersatze euch jener bestimmte.

Heute ganz einfach: Hexameter. Wer die nicht sehr komplizierten*, aber historisch und räumlich sich ändernden Regeln nicht lernen mag, merkt sich zwei oder drei Beispielverse, anhand deren man es jedesmal leicht erkennt:

Sing, unsterbliche Seele, der sündigen Menschen Erlösung (Klopstock, erster Vers des Messias)

Im Hexameter steigt des Springquells silberne Säule (Schiller)

Im Hexameter zieht der ästhetische Dudelsack Wind ein (Matthias Claudius)

*Theoriebeispiel, aus Scaliger, Sieben Bücher über die Dichtkunst, Bd. 1, 1994, S. 539 (woraus zu lernen, daß die Theorie der Versmaße darin besteht,die Fehler der anderen Theoretiker zu rügen):

Von Alkman sagen die Grammatiker, er habe einen Hexameter aus reinen Kretikern gedichtet, der deswegen notwendigerweise katalektisch gewesen sei, damit er, wie sie sagen, dreißig Moren nicht überschreite. Dies haben die Dichter nämlich als feststehende Regel anerkannt. Sie führen den folgenden Vers an:

Aphrodite ist es nicht, doch der rasende Eros, wie er scherzt.

 Hier weiß ich nicht, welchen Fehler ich zuerst rügen soll.

(Kretikus: antikes Versmaß daaa da daaa)

Bisheriger Gesamttext

Mellificae volucres,
quae per purpureas rosas
violas amaracumque
tepidique dona veris
legitis suave nectar,
tenerae cives
et seduli coloni
et incolae beati
hortorum redulentium;
gens divino
ebria rore –
agite, o meae volucres, age, gens vaga nemorum,
agite, hinc abite cunctae,
et tumulum magni cingite Lipsiadae.
illic domum laresque
vobis figite, figite.

illic vestri

copia mellis

hereditasque fertur ad vos denuo

Deutsch von Harry C. Schnur:

Honigerzeuger im Flug,
die aus Rosen ihr, dunkelrot,
die aus Majoran und Veilchen
und des lauen Frühlings Gaben
sammelt ein den süßen Nektar –
ihr bewohnt, Kleinchen,
und ihr bewerket fleißig
und ihr besiedelt glücklich
Gärten, welche von Düften schwer.
Volk, von Götter-
taue berauschtes,
mach dich auf, geflügelter Schwarm, der du schweifest im Wald, auf, auf,
machet fort von hier euch alle,
und, wo ein Großer jetzt ruht, Lipsius‘ Hügel umgebt!
Dort sollet Haus und Hof ihr
euch erbauen, erbauen jetzt;

dort sollt reiche

Menge des Honigs

ihr wieder finden und das Erbteil ebenfalls,

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