Leben des Horaz

Zu Horaz, der heute 2085 Jahre alt ist (* 8. Dezember 65 v. Chr. in Venusia; † 27. November 8 v. Chr.). Auch in der deutschen Literatur kam man nicht an ihm vorbei, er hatte es selbst vorhergesagt: „Ich habe mir ein Denkmal errichtet dauerhafter als Erz“, aere perennius. Paul Fleming hat die Geste nachgeahmt (das Rezept funktioniert, bis heute lernt man es in der Schule: „Man wird mich nennen hören“…). Man kopierte seine Versmaße und setzte sich mit seinen Motiven auseinander (Gedichte von Moritz August Thümmel, Gottfried August Bürger, Goethe, August von Platen, Eduard Mörike, Bertolt Brecht, Heiner Müller…). Eins aus der Kette heute.

Heiner Müller

Leben des Horaz

Der Arrivierte mit dem Haß auf sein Startloch.
Unter Brutus ist er Demokrat
Tod dem Tyrannen und mir auch ein Landgut
Pazifist bei Philippi, er skandiert den Boden
Dann lernt er seine Lektion (er auch), wechselt
Die Laufbahn schwamm drüber Augustus. Das Landgut
Schenkt Mäcen ihm für einen Platz in den Oden
Acht Spiegel im Schlafzimmer und kein Wort mehr von Brutus
Er macht seinen Weg in die Chrestomathien
Aere perennius Liebling der Philologen.

Aus: In diesem besseren Land. Gedichte der Deutschen Demokratischen Republik seit 1945. Ausgewählt, zusammengestellt u. m.e. Vorwort versehen von Adolf Endler und Karl Mickel. Halle: Mitteldt. Verlag, 1966, S. 55

Heiner Müller hat sich über die Jahrzehnte immer wieder mit Horaz beschäftigt, wovon mehrere Gedichte in verschiedenen Fassungen zeugen, aber auch Spuren im dramatischen Werk und im Gespräch. Ausführlich kommentiert in der Ausgabe Heiner Müller, Warten auf der Gegenschräge. Gesammelte Gedichte. Hrsg. Kristin Schulz, Berlin: Suhrkamp 2014. Darin wird aus einem Gespräch mit Heiner Müller zitiert:

»Horaz hatte erst mit Brutus gekämpft, nach der Niederlage bei Philippi aber rechtzeitig die Flucht ergriffen und die Seite gewechselt. Er hat sich mit der Erinnerung an das, was war, eingerichtet. Daraus entsteht eine kolloquiale Form von Lyrik. Eine Gelassenheit, die den Schmerz in Eleganz versteckt. Seine Episteln und Satiren sind ein einziges Geplauder. Ab und zu kommt ein Funken hoch, der mit Form beruhigt wird. Horaz ist die Verabsolutierung der Form, aus der Notwendigkeit, sich mit einer Realität abzufinden, die man sich eigentlich ganz anders geträumt oder vorgestellt hatte. Es ist eine Form, die alles aufnehmen kann. Sie ist nicht klassizistisch. Sie schließt keine Realität aus. Die Form dient als Schutz gegen Erfahrungsdruck. Im Grunde genommen war es für Horaz eine Situation wie für Brecht in Hollywood. Nur ohne Rückkehr.« (.a.a.O. S. 481).

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