Hollands Blume

Eins der bekanntesten Gedichte der Greifswalder Barockdichterin Sibylla Schwarz (deren 400. Geburtstag im nächsten Jahr groß begangen wird) heißt „Ein Gesang wieder den Neidt“. Es ist eine Verteidigung der Poesie gegen ihre Verächter. 4 seiner 23 Strophen verteidigen das Recht des weiblichen Geschlechts auf Partizipation an der Kunst und Poesie. In der ersten als trotzige Behauptung, in der 2. wird daran erinnert, „daß selbst die Musen Mägde sein“. Die beiden anderen Frauenstrophen gelten konkreten weiblichen Poeten. Namentlich genannt werden zwei antike Autorinnen, Cleobulina und Sappho – diese hat quasi die europäische Poesie vor 28 Jahrhunderten mit erfunden, jene ist „nur“ für ihre Rätsel bekannt, die bei Aristoteles und Plutarch zitiert wurden. Zuerst aber ist von einer Gegenwartsdichterin die Rede, die nur indirekt genannt wird:

Ganz Holland weiß dir für zusagen
Von seiner Bluhmen Tag und Nacht ;
Herrn Catzen magstu weiter fragen /
Durch den sie mir bekant gemacht.

Nein, es geht nicht um holländische Tulpen (die waren da noch gar nicht eingeführt). Es geht um eine holländische Dichterin (die Niederlande waren da noch nicht abgefallen): Anna Maria von Schürmann, auch van Schu(u)rman wurde am 5. November 1607 in Köln geboren, sie starb am 4. Mai 1678 in Wieuwerd, Westfriesland und war eine niederländische Universalgelehrte, genannt »der Stern Utrechts« und eben auch „Hollands Blume“. (Schau an, sie haben sich mit ihr geschmückt). Sie war durchaus nicht unangefochten als eine der ersten Studentinnen Europas, eine Pionierin. Sie nahm in Utrecht versteckt in einem Holzverschlag an Vorlesungen teil, aber sie lernte. Sie sprach und schrieb Niederländisch, Französisch, Deutsch, Englisch, Italienisch, Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Syrisch/Aramäisch und Äthiopisch, brillierte in vielen Künsten und Wissenschaften und schrieb neben Gedichten gelehrte Bücher. Sibylla Schwarz las von ihr bei dem damals hochberühmten holländischen Dichter Jacob Cats (sie schreibt ihn Catz).

Mehr bei FemBio.

In der Lyrikzeitung heute zwei Ehrengedichte auf Anna Maria Schurman aus einem ihrer Bücher. Das erste ist ein Epigramm unter einem Bildnis der Autorin.

(Die letzte Zeile ist offenbar so zu verstehen, dass das Werk dieser Frau die Männer beschämt und ihnen Hohn spricht – vgl. auch das zweite Gedicht.)

Hier siehstu Jun(g)fern Schürmans bild
  Dern Lob die gantze Welt erfüllt.
Sie ist der Tugend schönste Bluhm
Aller Jungfraun Pracht und ruhm.
  Aller Frauwen Ehren Krohn.
  Aller Männer spott und Hohn.


Eine größere Ansicht siehe hier pid_87531-2

Das zweite Ehrengedicht stammt von Jaob Cats. Man beachte den Doppelpunkt nach „gantz und gar“ in der Gedichtmitte, der hier einen Perspektivwechsel anzeigt: „Sie“ nach dem Doppelpunkt ist nicht die unwürdige Jugend, sondern sie, die Jungfrau, die die Männer beschämt und belehrt.

JACOB CATS
über
Jungfr. Annen von Schürmans
Vortreffliches Werck / worinnen das alte und
wolbedenckliche Frag-stücke
Ob die Zeit des menschlichen Lebens
veränderlich / oder fest gesetzt sey?
verhandelt / und
Durch den Hochgelahrten Herrn Johann von
Beverwyck der Medicin Doctorn,
Allken gelahrten Leuten zum Probierstein
vorgestellet wird.

OB GOTT durch seinen Schluß dem Menschen zu sei’m Leben
Ein gewisse Zeit und Ziel gesetzet gnau und eben/
Ob/ oder/ man durch Witz den ungewissen Tag
Abkürzen oder ihn verlängern kan und mag:
Ist frey ein harter Streit ? der nun so lang getrieben /
Davon auch mit der Zeit viel Bücher sind geschrieben/
Viel Federn gar verstümpfft / viel Geister hievon matt/
Und gleichwol dieser Zanck annoch kein Ende hat.
In dem nun dieses Werck die klügste Geister treiben/
So ist ein Jungfrau her / gantz treflich auch zuschreiben
Von dieser Heimligkeit ; weil jetzt der Jugend Schahr
Auff schlüpffrig’r Tugendbahn laufft irrig gantz und gar:
Sie steigt biß in die Lufft mit ungemeinen Flügeln/
Durchstreicht Athen und Rom / beschaut dern hohe Hügeln/
Und alles was ein Mensch in alten Schrifften fand:
Doch ist das heilig Buch ihr bester Grund und Pfand/
Und hieruff geht sie fest; Wer wils ihr wiederstreiten ?
Die Tochter unser Zeit / die Fam’* steht ihr zur Seiten ;
Drumb schrey ich überlaut ; O aller Jungfrau’n Krohn!
Und aller Frauen Ehr ! der Männer Spott und Hohn.

  • Fama

Aus: Der HochEdlen/ Hochgelahrten/ Tugend-vollenkommen/ Jungfrauen/ Annen Marien von Schürmann/ Märck-Stein/ Von der Zeit und Ziel unsers Lebens / Erstlich in Lateinischer Sprache gar zierlich beschrieben/ und Aus derselben nachmahls zu jedermännigliches Nachricht in Niederländischer und Hochteutscher Sprache übergesetzet, 1679 (Digitalisat)

Nachtrag: Der erste Band (von zweien) der ersten Werkausgabe von Sibylla Schwarz seit 1650 ist derzeit in der Drucklegung und sollte rechtzeitig zum Weihnachtsfest beim Verlag Reinecke & Voß oder in der Buchhandlung Ihres Vertrauens zu haben sein.

Sibylla Schwarz
(1621-1638)
Werke, Briefe, Dokumente
Kritische Ausgabe
Band 1: Briefe, Sonette, Lyrische Stücke, Kirchenlieder,
Ode, Epigramme und Kurzgedichte, Fretowdichtung.
Mit den Worterklärungen für beide Bände
Herausgegeben von Michael Gratz
Reinecke & Voß, Leipzig, ca. 270 Seiten

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