Kategorie: Deutsch

Man hat mich glücklich eingesperrt

Alfred Lichtenstein (* 23. August 1889 in Wilmersdorf; † 25. September 1914 bei Vermandovillers, Département Somme, Frankreich)  Man hat mich glücklich eingesperrt, Dran ist mir nichts gelegen, Und für total verrückt erklärt Des Dichtens nämlich wegen. Denn erstens dicht‘ ich unerlaubt, Grob und unmanierlich. Und zweitens dicht‘ ich überhaupt Und drittens zu natürlich. Und… Continue Reading „Man hat mich glücklich eingesperrt“

Was vermögen die Frauen

Jaroslav Seifert (* 23. September 1901 in Prag; † 10. Januar 1986 ebenda) Ihr fragt, was vermögen die Frauen? Ihr fragt, was vermögen die Frauen? Offenbar alles. Legt jemand drei Strohhalme über den Abgrund, gehen sie leichten Fußes darüber. Ich kann nicht erklären, wieso,… Continue Reading „Was vermögen die Frauen“

Der sogenannte Herr Fröhlich

Herta Müller

Kriegsgreuel

Die Dichterin Sibylla Schwarz hat viel über den Krieg geschrieben, Gedichte, Lieder und ein Trauerspiel. Heute Auszüge aus einem Gedicht, das vielleicht am drastischsten erlebte Kriegsgreuel beschreibt. Sie kannte es. Krieg, das ist Flucht und Vertreibung, Töten, Brandschatzen, Plündern, Vergewaltigen. Kein Heldentum, keine Schonung… Continue Reading „Kriegsgreuel“

Großmeister Kyunyŏ

Großmeister Kyunyŏ (Koreanisch: 균여; Hanja: 均如), 20. September 917 – 19. Juli 973, koreanischer buddhistischer Mönch und Dichter) Wasser und Eis sind vom gleichen Stoff: Erleuchtung und Täuschung sind eins. Nicht achtet unser Meister Du und Ich. In ihm sind alle, die wir leben,… Continue Reading „Großmeister Kyunyŏ“

Park Monceau

Kurt Tucholsky PARK MONCEAU Hier ist es hübsch. Hier kann ich ruhig träumen. Hier bin ich Mensch — und nicht nur Zivilist. Hier darf ich links gehen. Unter grünen Bäumen sagt keine Tafel, was verboten ist. Ein dicker Kullerball liegt auf dem Rasen. Ein… Continue Reading „Park Monceau“

Weingartner Reisesegen

Ic dir nach sihe, ic dir nach sendimit minen funf fingirin funvi undi funfzic engili.Got mit gisundi heim dich gisendi,offin si dir diz sigidor, sami si dir diz selgidor,bislozin si dir diz wagidor, sami si dir diz wafindor. Ich dir nach sehe,ich dir nach… Continue Reading „Weingartner Reisesegen“

Alte Plätze sonnig schweigen

Georg Trakl (* 3. Februar 1887 in Salzburg; † 3. November 1914 in Krakau, Galizien) DIE SCHÖNE STADT Alte Plätze sonnig schweigen. Tief in Blau und Gold versponnen Traumhaft hasten sanfte Nonnen Unter schwüler Buchen Schweigen. Aus den braun erhellten Kirchen Schaun des Todes… Continue Reading „Alte Plätze sonnig schweigen“

Hermann Finsterlin, „utopischer Architekt“ und Gesamtkünstler

Hermann Finsterlin (* 18. August 1887 in München; † 16. September 1973 in Stuttgart) Reinhard Doehl schreibt über ihn: Der utopische Architekt und Gesamtkünstler hat … sich Zeit seines Lebens als Berchtesgadener Künstler gefühlt, sich immer wieder, als seine Familie 1926 längst nach Stuttgart… Continue Reading „Hermann Finsterlin, „utopischer Architekt“ und Gesamtkünstler“

Sängerin an der Lampe

Martina Kieninger XI Beschluss (aus: Leitfaden der Pharmaziegeschichte. 1951) Oh drecksapothekne Assoziationen der Dichtkunst, Signaturmittel Hechtmittel der Belletristik wie gegen spitze Schmerzen der Wortwahl! Ach! Sprache wie geklemmt und ins Gestell übersee verwandter Sprachen Sprach und Brauchgesell schaft einer Wirk Grammatik wie von Viehverlöbnis… Continue Reading „Sängerin an der Lampe“

Grodek

Am 7. September 1914 endet die Schlacht bei Gródek in Ostgalizien zwischen österreichischen und russischen Truppen mit einer Niederlage für Österreich. Georg Trakl nimmt als Sanitäter an der Schlacht teil und überlebt sie nur um wenige Wochen. Georg Trakl (* 3. Februar 1887 in… Continue Reading „Grodek“

Notizen

Cyrus Atabay (* 6. September 1929 in Teheran; † 26. Januar 1996 in München) Aus: Notizen 1 Was für ein Geschäft ich treibe? Ich handle mit zerrissenen Büchern. Und lebe vom Gutglück. 2 Ich habe es weit gebracht: ich brauche weniger Schlaf als ein… Continue Reading „Notizen“

Inmitten dieser Façonschnitt-Epiphanien

Konstantin Ames Vom Bett, wo junge Seehunde lauten als hätte sie’s, in einer Gurgel (meiner), in einen Fluss verschlagen, zum Park (Volkspark) für verschlissene Chefsessel – und es gibt Beweisfotos, wertes Zentralorgan – hinaus auf die Gesellschaftsinseln inmitten dieser Façonschnitt-Epiphanien. Zwo lehnen schon an… Continue Reading „Inmitten dieser Façonschnitt-Epiphanien“

Natureingang

Wolfgang Hilbig (* 31. August 1941 in Meuselwitz; † 2. Juni 2007 in Berlin) Natureingang (frei nach Geoffrey Chaucer) Ach wenn April mit milden Schauern des Lebens dürre Adern bis zur Wurzel badet und Zephyrs süßer Atemhauch die Triebe all in Wald und Feld… Continue Reading „Natureingang“

prosa meiner heimatstraße

Wolfgang Hilbig (* 31. August 1941 in Meuselwitz, Landkreis Altenburg; † 2. Juni 2007 in Berlin) Aus: prosa meiner heimatstraße 3 Aus: Wolfgang Hilbig: Gedichte. Mit einem Nachwort von Uwe Kolbe. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2008