Ursprung der Welt

Das Rig-Veda ist das älteste Literaturdenkmal Indiens. Es wurde zusammengestellt in der Mitte des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung. Diese Gedichte sind nicht „freie lyrische Ergüsse“, sagen die Gelehrten, sondern Zweckdichtung, Gebrauchskunst.

… der rigvedische Dichter ist ein geistiger „Handwerker“. Sein Dichten wurzelt in praktisch notwendigen Bedürfnissen, gleichsam ohne seine bewußte Absicht wächst seine Kunst über sich hinaus und gipfelt schließlich in der reinen, scheinbar zwecklosen Schönheit gedanklicher und sprachlicher Form. Und der Zweck, dem sie dient, ist ein religiöser.

Paul Thieme in: Gedichte aus dem Rig-Veda. Stuttgart: Reclam 1999, S. 5
Der Ursprung der Welt

1 Nicht existierte Nichtseiendes, noch auch existierte Seiendes damals - nicht existierte der Raum, noch auch der Himmel jenseits davon. Was umschloß? Wo? Im Schutz wovor? Existierte das [Süß-]Wasser? - [Nein, nur] ein tiefer Abgrund!

2 Nicht existierte der Tod, also auch nicht das Leben. Nicht existierte das Kennzeichen der Nacht (Mond und Sterne), des Tages (die Sonne). - Es atmete (begann zu atmen) windlos, durch eigene Kraft da ein Einziges. Nicht irgend etwas anderes hat jenseits von diesem (= früher als dieses) existiert.

3 Finsternis war verborgen durch Finsternis im Anfang. Kennzeichenlose Salzflut war dieses All. Der Keim, der von Leere bedeckt war, wurde geboren (kam zum Leben) als Einziges durch die Macht einer [Brut-] Hitze.

4 Ein Begehren [nach Entstehung] bildete sich da im Anfang, das als Same des Denkens als erstes existierte. Die Nabelschnur (den Ursprung) des Seienden im Nichtseienden fanden die Dichter heraus, in ihrem Herzen forschend, durch Nachdenken.

5 Quer aufgespannt war ein Seil [auf] ihrem [Wege]. Existierte denn ein Unten? Existierte denn ein Oben? Existierten Besamer? Existierten Schwangerschaften? Waren Eigenkräfte (männliche Prinzipien) später, Hingabe (das weibliche Prinzip) früher [oder umgekehrt]?

6 Wer weiß es gewiß, wer wird es hier verkünden, woher geboren (zum Leben gekommen), woher diese Emanation [der Welt] ist? Diesseits sind die Himmlischen von der Emanation dieser [Welt]. Also wer weiß es, woher sie geworden ("gekeimt") ist?

7 Woher diese Emanation geworden ("gekeimt") ist, ob sie getätigt worden ist [von einem Agens] oder ob nicht - wenn ein Wächter dieser [Welt] ist im höchsten Himmel, der weiß es wohl: oder ob er es nicht weiß?

Aus: Gedichte aus dem Rig-Veda. Aus dem Sanskrit übertragen und erläutert von Paul Thieme. Stuttgart: Reclam, 1999, S. 66f

Für wie gewaltig man die Wirkung in Gedichten formulierter Wahrheiten hielt, zeigt sich schon darin, daß man gerade im Zusammenhang mit weltschaffender Tätigkeit von der Gottheit als einem „Dichter“ (kavi) spricht. Auf der sprachlichen Formung – dies ist die ursprüngliche Bedeutung von brahman (n.) – beruht im Rahmen dieser Weltanschauung alles gute Geschehen, dies ist die Wirkung menschlichen wie göttlichen Gedichtes.

Ebd. S. 11

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