Antike Landschaft auf pommerschem Sand

2200 Jahre nach Sappho schrieb Sibylla Schwarz, auch genannt die pommersche Sappho. Landschaftsdichtung kann sie auch. In der kurzen Lebensspanne von 17 Jahren, 5 Monaten, 2 Wochen und 2 Tagen probierte sie sich in allen Gattungen, die ihr erreichbar waren. Faunus ist eine Schäfererzählung in Prosa mit eingestreuten Gedichten (Sonette, Lieder und Sprüche) und einem Vorspiel in Alexandrinern (jambische Sechsheber mit Mittelzäsur). Dieses baut eine veritable Schäferlandschaft auf, die der Gegend von Fretow ähnelt, wo Sibyllas Vater, der Bürgermeister der Hansestadt Greifswald, ein Landhaus hatte, in Wahrheit ehrlich der Stadt, deren Bürgermeister er war, in einer kriegsbedingten finanziellen Notlage abgekauft. Für die junge Dichterin ein Glücksfall, denn dort konnte sie die Sommer verbringen, fern (10 km) der Stadt mit ihren scheelen Blicken und erst kaiserlichen, dann schwedischen Besatzungssoldaten. (Es half nur eine Zeit. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod kamen die Soldaten und brannten ihren Musenhof auf pommerschem Sand nieder.) Jetzt aber lebt sie noch, eine junge Frau mit dichterischen Gaben und Kenntnissen der neusten deutschen, niederländischen und englischen Literatur und mit ihrem Freundeskreis, Liebe nicht ausgeschlossen. Ein paar Kilometer übers Wasser einer kleinen Bucht gibt es das Dorf Gristow mit eiszeitlichen Hügeln, das ist ihr Helicon, wo Apollo mit den Musen Haus hält. In Fretow soll sich Venus, die griechische Sappho sagte Aphrodite, zum ersten Mal verliebt haben. Also bauen die örtlichen Schäfer der Göttin der Liebe zu Ehren einen Tempel, so schön, ach was, schöner noch als der Tempel der Göttin Artemis / Diana in Ephesos, der eins der Sieben Weltwunder der Griechen war. Lesen Sie selbst.

Sibylla Schwarz

( * 24. Februar [14. Februar jul.] 1621 in Greifswald, † 10. August [31. Juli jul.] 1638 ebd.)

Aus: Faunus.

DEr Früling hatte schon den Feldern abgenommen 
Jhr weisses Winterkleid / an dessen stat war kommen 
Jhr grün gemahlter Rock / eß ließ die Nachtigal / 
Die schöne Singerin / sich hören über all ; 
Der warmen Sonnen Liecht hett auch schon aufgeschlossen 
Den Frost / des Wassers Bandt / und kam mit seinen Rossen 
Gleich iezund auß der See / der diken Bäume Schaar / 
Die vor gantz abgelaubt / bekam jhr grünes Haar.
Die Blumen hetten sich schon hin und her gesetzet / 
Der Mensch die kleine Welt / war gleichsam mit ergetzet / 
Der Bauren Coridon erhub sich auch ins Feldt / 
Mit seiner Kühe Heer / als wers ein Krieges=Heldt.
Mirtillo folget jhm mit grosser Herde Schaffen / 
Menalcas und sein Volck die wolten auch nicht schlaffen ; 
Hier sah man wie die Kuh den Stier verjagen kan / 
Dort kam mit brüllen her jhr dickköpfichter Mann ; 
Hier sah man zwene Böck sich stossen gantz verwegen 
Einander auff die Haut / dort dan sich nieder legen 
Ein mutigs geiles Pferd / und wältzen sich herum ; 
Die Ziegen tantzten auch all in die qver und krüm ; 
Der Ackerman hub an das Feld mit Lust zu bauen / 
Der Schiffer kühnes Volck den Wellen sich zu trauen; 
Der kluge Vogeler ging leis und gahr geheim / 
Das leichte Feder=Vieh zu fangen mit dem Leim ; 
Der Jäger bließ sein Horn / und jagte mit den Winden 
Den schnellen Haasen nach / den Hirschen und den Hinden ; 
Die Wälder lachten selbst ; Jn Summa alle Welt 
Hätt jhren gantzen Muht auff Fröligkeit gestellt : ¶

ALs ein mahl die Schäffer / der Göttin Venus zu Ehren / einen Tempel erbaueten / welcher nicht unbillig der DianenKirche zu Epheso konte verglichen / wo nicht gahr vorgezogen werden / und für das achte Wunder der Welt zu halten seyn ; Zu dem war derselbe an einem überauß lustigen Orte / der die Art an sich hatte / daß der / welcher nuhr denselben anschauete / dadurch alles seines Leydes vergessen muste ; Der Musen Eigenthum / der Helicon / war / nebst einer kleinen Jnsul / gleich dabey. Disen Tempel nun seiner Würde nach zu beschreiben / würde zu vihl werden / sintemahl auch meine Feder viel / viel zu schwach dazu ist / die Musen selbst / ob sie zwar Tag und Nacht daran arbeiten / können diesen Ort nicht gnugsam entwerffen ...

Aus:

Sibyllen Schwarzin /
Vohn
Greiffswald aus Pommern /
Deutsche Poëtische
Gedichte /
Nuhn
Zum ersten mahl / auß jhren eignen
Handschrifften / herauß gegeben
und verleget
Durch
M. SAMUEL GERLACH /
auß dem Hertzogtuhm Würtemberg.
und in
DANTZIG
Gedrukt / bey seel. Georg Rheten Witwen /
im M.D.C.L. Jahr. [Danzig 1650]


Zweiter Teil, Bogen A j / A j b.

Der erste Teil meiner Werkausgabe erschien im Januar 2021 bei Reinecke & Voß in Leipzig unter dem Titel: Sibylla Schwarz (1621-1638). Werke, Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe. Faunus wird im zweiten Band enthalten sein, der 2022 auch bei Reinecke & Voß erscheint

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