65. Rückblende Juli 2001: Journalistischer Sumpf

Gestorben ist der deutsche Schriftsteller Arno Reinfrank in London im Alter von 66 Jahren. Reinfrank verließ die Bundesrepublik 1955 aus Protest gegen die Adenauer-Politik. Seit 1989 gehörte Reinfrank dem deutschen Schriftstellerverband PEN (Ost) an.

Zwei weitere Lyriker starben durch Selbstmord.

Der holländische Rockmusiker, Maler und Lyriker Herman Brood sprang im Alter von 54 Jahren vom Dach des Amsterdamer Hilton Hotels in den Tod. Er trug einen Abschiedsbrief bei sich, in dem stand, dass er keine Lust mehr habe.

Der Italiener Mario Stefani nahm sich schon im März das Leben. Die FAZ zitiert eine große Zeile:

„Wenn Venedig die Brücke nicht hätte, wäre Europa eine Insel.“

Dante: das Persönliche war politisch, schreibt der amerikanische Dichter Robert Pinsky in einer Besprechung des Dante-Buches von R.W.B. Lewis / The New York Times *) 29.7.01 . Pinsky veröffentlichte vor kurzem (2001!) eine Übersetzung des Inferno.

Dass Federico Hindermann zu den besten Schweizer Lyrikern der Gegenwart gehört, ist kaum bekannt (schrieb die NZZ):

Das liegt nicht nur an der modischen Zerstreutheit der Literaturkritiker, sondern auch an der diskreten Eleganz, mit der dieser Autor sich während seines ganzen Lebens der Publizität entzog und Einordnungen widersetzte. Einem Kritiker schrieb er einmal: «Es gibt doch, wenigstens für mein Empfinden, kaum etwas Überflüssigeres als die üblichen Anzeigen von Lyrik mit drei oder vier herausgerissenen Versen und dem Vermerk über die Richtung des Verfassers.»

Unzufriedenheit mit der Kritik auch andernorts:

T. S. Eliot durchbrach den Nebel über dem journalistischen Sumpf seiner Zeit mit der Gründung der von ihm herausgegebenen Zeitschrift «Criterion»; der britische Lyriker und Literaturwissenschafter Craig Raine versucht mit «Areté» neuerdings das Gleiche.

Wer auf dem Kopf gehe, sagte Paul Celan in seiner „Meridian“-Rede im Oktober 1960, interpretiere die Welt anders, weil er den Himmel als Abgrund unter sich habe. Dieses Bild hat seitdem eine eigentümliche Karriere gemacht: Celans Interpreten proben den Kopfstand, weil sie glauben, nur so mit ihm auf Augenhöhe zu sein. Doch stehen ihnen die Kommentatoren gegenüber. Sie müssen mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen, wenn sie die Gedichte in Lemmata teilen, um sie danach dem Leser als Gedichte wieder zurückzugeben. / Süddeutsche 27.7.01

Liest man Bashos Gedichte in einer westlichen Übersetzung, kann leicht der Eindruck entstehen, die Einfachheit dieser immerhin vierhundert Jahre alten Gedichte impliziere poetische Anspruchslosigkeit. Aber gerade das Gegenteil ist wahr, denn wie stets ist poetische Unmittelbarkeit Ergebnis einer komplexen Rhetorik. /Hans Jürgen Balmes NZZ 26.7.

Thema im Juli war das Forum der 13 (hier) und Marcel Beyers west-östliche Erfahrungen mit Meldestellen, heißen sie nun Hausbuch (Dresden) oder Einwohnermeldeamt (Köln).

Die taz veröffentlicht Gedichte vor 10 Jahren wie heute fast nur noch in der wahrheit. So am 26.7. „sechs Grünbein-Anekdoten“ von Thomas Gsella (mit Gastreimen von Klaus Cäsar Zehrer). Der Anfang geht so:

Durs Grünbein saß zuhaus und schrieb
an seine Frau: „Ich hab dich lieb.“
Die Olle fands nach Tagen:
„Mir kannste det doch sagen!“

Ansonsten war über die taz als lyrikfreie Zone zu berichten:

Vorbei die Zeiten, als sie Ernst Jandls auf originelle Weise auf der Titelseite gedachten und als sie, noch Anfang der neunziger Jahre, serienweise internationale Poesie vorstellten. Die heutigen taz-Macher scheinen zu glauben, daß der heutige taz-Leser anderes erwartet. Ein Viertel des mageren zweiseitigen (hinter einer selbstreferentiellen „taz muß sein“-Seite versteckten) Kulturteils nimmt ein Lara-Croft-Foto ein. Milosz: Fehlanzeige.

Sonst aber sehr viel über den polnischen Dichter. Die Süddeutsche schrieb:

Er ist amerikanischer Staatsbürger, einer der bedeutendsten polnischen Dichter des 20. Jahrhunderts und in Litauen aufgewachsen – so viel zu den Wurzeln seines Schaffens. Als er 1980 überraschend den Literaturnobelpreis erhielt, wusste sein deutscher Verlag nicht, dass er die Rechte an einigen seiner Werke besaß – so viel zu seinem damaligen Bekanntheitsgrad.

Lesenlernen mit Stein & Draesner (Gertrude und Ulrike) war angesagt:

Ein weiteres wesentliches Element für das Lesenlernen ist die Wiederholung. Und da die Wiederholung als Variation, Modulation, Reihung, angedeutete Endlosschlaufe zu Steins bevorzugten Stilmitteln gehört, wurde „The First Reader“ ein wunderbares Gertrude-Stein-Buch, ein Dokument ihrer immer noch frischen literarischen Minimal-Art, verwandt beispielsweise den Prosapoemen aus „Zarte Knöpfe“ oder den Gedichten aus „Spinnwebzeit“. Mit Gertrude Stein lesen zu lernen ist eine herzerweiternde Übung. Ulrike Draesners Übersetzung vertieft den Lesegenuss. Mit ihrem sprachschöpferischen Ansatz der „Radikalübersetzung“, den sie bereits bei ihrer Übertragung von Shakespeare-Sonetten praktizierte, wird sie Gertrude Steins Sprachexperiment gerecht, wenn sie sich, wie die Stein, oft weniger am Wortsinn als an der Sprache selbst orientiert.

Gertrude Stein: „The First Reader“. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Draesner . Zweisprachige Ausgabe. Ritter Verlag, Klagenfurt/Wien 2001, 125 Seiten, 39 DM /Florian Vetsch, taz 24.7.01

Thomas Kling war 2001 in jedem Monat präsent.  „Der surfende Hermes“, schrieb Cornelia Jentzsch:

Kling räumt mit Missverständnissen auf, indem er historisch weit ausholt. Seine Kritiker werfen ihm oft vor, hermetisch zu schreiben, meinen wohl aber eigentlich unverständlich. Der Dichter rückt den Begriff ins rechte Licht, in die unmittelbare Nähe zur mythologischen Hermesfigur. Der Götterbote funktioniert in seiner steten Reise- und Übersetzungstätigkeit zwischen Oben und Unten und zwischen Licht- und Schattenreich als „Teilchenbeschleuniger, als Beschleuniger von Sprachteilchen“, als Vermittler der Sphären. /  Berliner Zeitung 21.7.01

Ob die US-amerikanische Lyrik von Professoren gekapert wurde, diskutierte man in Übersee. „Kaum jemand in den USA schreibt Gedichte, nur Professoren, und kaum jemand liest sie, nur die Professoren, die sie schreiben“.

Die Welt fragte Friederike Mayröcker:

Frau Mayröcker, was empfanden Sie, als Sie erfuhren, dass Sie den Büchnerpreis bekommen?

Friederike Mayröcker: Ich habe geheult. Stundenlang habe ich geweint. Es war Freude, aber auch furchtbare Traurigkeit, weil die Menschen, die ich so geliebt habe, es nicht mehr erleben konnten – Ernst Jandl und meine Mutter.

Sie sind nach Ernst Jandl (1984) und H.C. Artmann (1997) die dritte Büchnerpreisträgerin aus der Wiener Gruppe von Dichtern, die mit experimenteller Poesie Aufsehen erregten. Was war so avantgardistisch an Ihrer Wortkunst?

Mayröcker: Wir trauten der herkömmlichen Sprache nicht mehr und haben damals nach dem Kriege versucht, etwas Neues zu machen. Wir haben aus Büchern, Zeitungen und Zeitschriften Texte montiert Sprachcollagen als Sprachverfremdung. / Welt am Sonntag 15.7.01

Zum Schluß zwei Blicke ins fremdsprachige Ausland. Tschechien (das nicht 2001, aber dunnemals Tschechoslowakei hieß):

Jan Zahradnicek (1905 bis 1960) war … mit dem surrealistischen Spieler Vitezslav Nezval und dem Tragiker Frantisek Halas einer der bedeutendsten Poeten der Epoche. Ihm blieb nichts an privaten und politischen Drangsalen erspart. Der Bauernsohn … stürzte als Junge so unglücklich vom Getreideboden, daß er zeitlebens verwachsen blieb. … Als die Kommunisten zur alleinigen Macht gelangten, verhängten sie über ihn und seine Freunde ein absolutes Publikationsverbot; im Jahre 1951 konstruierte der Staatsanwalt eine Verschwörergruppe katholischer Intellektueller, und man verurteilte Zahradnicek zu dreizehn Jahren Kerker. … (Er) wurde 1960 aus der Haft entlassen. Er starb noch im gleichen Jahr an den Folgen der Haft, und die Gedichte, die er als Häftling geschrieben hatte, zirkulierten wieder in geheimen Abschriften. / Peter Demetz, FAZ 14.7.01

Zahradnicek, Jan
„Vogelbeeren / Jeraby.“ Gedichte. Tschechisch-Deutsch
Bibliotheca Bohemica, Band 39, Vitalis Verlag, Furth – Prag 2001, ISBN 3934774709 Broschiert, 80 Seiten, 24,80 DM

Und Arabien (damals wie heute nicht ein Land, sondern viele):

Ein besonderer Genuss ist das Vorwort, das ungewohnt deutlich Kritik übt – am Hang arabischer Lyriker zum «rhetorischen Wortgeklingel» und am Opportunismus als einem «Grundübel» arabischer Kultur. Dass al-Maaly ausgerechnet Verse des Erzmodernisten Adonis als Beispiel zitiert, ist mehr als pikant. Wohl schätzt er sein literarisches Urteil – aber das ekstatische Loblied auf die iranische Revolution von 1979 («Das Volk des Iran schreibt an den Westen: / Dein Gesicht, du Westen, stürzt zusammen / Dein Gesicht, du Westen, ist abgestorben») ist tatsächlich eine Geschmacklosigkeit. Mit anderen Worten: Der Wanderer zwischen den Kulturen hat das Allzu-Arabische fortgelassen, der Leser weiss es ihm zu danken, wie er ihm dankt für das viele Schöne, das er glücklich ins Deutsche zu retten wusste. / Ludwig Ammann NZZ 3. Juli 2001

Khalid al-Maaly (Hg.): Zwischen Zauber und Zeichen. Moderne arabische Lyrik von 1945 bis heute. Aus dem Arabischen von Khalid al-Maaly, Heribert Becker und Suleman Taufiq. Verlag Das Arabische Buch, Berlin 2000. 493 S., Fr. 49.80.

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