119. Anti-Kanon-Standardwerk

Die Moderne ist kein Handstreich, erst Intervalle geben sie frei. Ihre Aura bleibt ein Phänomen der Wahrnehmung. Wann setzt sie ein? Wulf Kirsten sieht ein „eruptives Poesie-Ereignis“ im Zyklus „Heidebilder“ der Annette von Droste-Hülshoff. Oder in dem Gedicht „Die Felswand“ von Conrad Ferdinand Meyer. Das ist der Blick des Dichters als Landschafter. Oder beginnt alles bereits mit Brentano und Schlegel, wie Apollinaire und Breton meinen? Mit Heine und seiner säkularen Wirkung? Nun gut, Deutschland hatte sich ohnehin verspätet. Baudelaire, Verlaine, Rimbaud und Mallarmé, aber auch Whitman finden keine Entsprechung, entfalten im deutschen Sprachraum erst nach 1900 Wirkung.

Die „Wortwende“ im deutschen Gedicht löst um 1880 ein Philosoph aus – Friedrich Nietzsche. Wulf Kirsten stellt ihm zur Eröffnung der poetischen Moderne Detlev von Liliencron als Widerpart an die Seite. Und das bleibt Programm. Jedes Gedicht ist ein Gegenstück zu einem anderen. Das Neue fließt immer aus dem „Disparatesten“, wie man später auch mit der Entgegensetzung von George und Brecht, von Benn und Lehmann sehen wird. Der Dichter Kirsten verhält sich polemisch zum „Stimmen-im-Kanon“-Unwesen. Es gibt keinen Kanon. Alles, was allgemein gelten soll, ist in sich beschränkt. Das einzelne Gedicht ist durch nichts anderes darzustellen als durch sich selbst. …

Der Shoa hat Kirsten nicht nur mit bekannten Gedichten von Gertrud Kolmar, Nelly Sachs, Karl Wolfskehl und Theodor Kramer gedacht, sondern auch mit kaum genannten anderen, unter denen Arthur Silbergleit und Moriz Seeler, aber auch Silja Walter (eine der großen Entdeckungen des Bandes) poetisch hervortreten. Celans „Todesfuge“, der Schluss-Stein dieser Sammlung, ist kaum denkbar ohne die leidvolle Dichtung aus der Bukowina, die uns nicht zuletzt vor den Versen von Alfred Kittner, Alfred Margul-Sperber, Moses Rosenkranz, Selma Meerbaum-Eisinger, Alfred Gong und Immanuel Weissglas verstummen lässt.

…  Gleichsam die letzte verlegerische Großtat des Zürcher Ammann-Verlages. Der Band hat das Zeug zum Standardwerk, die Überschüsse sind bedeutsam. Für Lyrik-Leser unverzichtbar. Am Samstag wird Wulf Kirsten für sein lyrisches Werk in Cuxhaven der Ringelnatz-Preis verliehen. / JÜRGEN VERDOFSKY, FR 24.4.

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