Lyrikzeitung & Poetry News

22. Mai 2012

72. Volksfeindliche Musik

Die sowjetischen Kulturfunktionäre in Moskau, der Doktrin des „Sozialistischen Realismus“ folgend, verschmähten seine Musik und bezeichneten sie als „westlichen Formalismus“ und „volksfeindlich“. Aus dem sowjetischen Komponistenverband ausgeschlossen, musste der gescheiterte Komponist fortan vom Instrumentieren von Filmmusiken und privater Unterrichtstätigkeit leben. Herschkowitz lehrte in seiner Moskauer Wohnung namhafte sowjetische Komponisten wie Alfred Schnittke, Boris Tischtschenko und Sofia Gubaidulina die Zwölftontechnik Schönbergs und trug dabei entscheidend zur Verbreitung dieser, in der Sowjetunion verbotenen Musik bei.

Die einzige Aufführung seiner Kompositionen im Moskauer Exil fand 1960 statt und präsentierte zwei Liederzyklen nach Gedichten von Paul Celan und Ion Barbu. Stark an dem Gehalt der Gedichte orientiert, ist die Klavierbegleitung in diesen Liedern kein gewohnt fließendes Akkordband, sondern es ertönen punktuelle Klangereignisse, die auf Augenhöhe mit dem Ausdruck des Gesangs stehen.

Die Bandbreite der angewandten vokalen Techniken erstreckt sich vom Flüstern über den Schönbergschen Sprechgesang bis zu nahezu ariosen Passagen. Zu den expressionistischen Gedichten Paul Celans passt die Ästhetik Herschkowitz’ glänzend. Vielleicht weil sich ihre Biografien in vielem ähneln.

Doch bei der Liedvertonung des romantischen Liebesgedichts von Heinrich Heine „Wie des Mondes Abbild zittert“ wirken die Klänge im Gegensatz zur verliebt-schwärmerischen Poesie erschreckend kalt. Kaum eine Konsonanz ist in dem Zusammenspiel von Klavier und Gesang zu hören. Sind es nur unsere ungeübten Ohren, die sich nach ein paar Wohlklängen sehnen, oder hat der Komponist bewusst auf die Ästhetik des Schönen verzichtet? Ganz im Sinne Adornos, der meinte: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch.“ Auf die Musik bezogen, hätte Adorno auch gut sagen können: „Nach Auschwitz noch eine Konsonanz zu komponieren, ist barbarisch.“ Vielleicht war der tragischen Figur des Herschkowitz nicht nach Melodien zum Mitpfeifen und Harmonien zum wohligen Einschlummern. …

Seine Frau kümmerte sich nach seinem Ableben um die Herausgabe seiner musiktheoretischen Schriften. Die Musik Herschkowitz´ aber ist bis heute nicht verlegt worden. / Margarete Buch, Allgemeine Deutsche Zeitung für Rumänien 19.5.

Vgl. auch hier: Dmitri Schostakowitsch und die sowjetische Musik der 1920er Jahre, NZZ 19.5.

18. Mai 2012

56. Matrix

2005 erscheint die erste Ausgabe der Literaturzeitschrift Matrix, die der Pop Verlag Ludwigsburg seitdem viermal im Jahr herausbringt. Gegen das Vergessen und das Vergessen des Vergessens lautet das Motto jener ersten Matrix, das man naturgemäß auch als übergreifendes Motto für alle Literatur und Kunst lesen kann. Im Mai 2012 erscheint Matrix, die Zeitschrift für Literatur und Kunst, zum 27. Mal, diesmal, nach Schwerpunktausgaben zu, beispielsweise, Herta Müller in Matrix 18, sorbischer Literatur in Matrix 24 (ediert von Róža Domašcyna) oder Thomas Bernhard in Matrix 25, mit einem Schwerpunkt zu Wjatscheslaw Kuprijanow. …

Friede­rike Mayröckers dieses Jäck­­chen (nämlich) des Vo­gel Greif überragt alle von mir gelesenen Lyriktitel des guten Jahr­gangs 2009 dermaßen, daß der Peter-Huchel-Preis fast schon wieder zu klein ist für die­ses große, lebendige Buch. Ich gehe in diesem Augenblick des Schreibens noch einen Schritt weiter und benenne dieses Jäckchen (näm­lich) des Vogel Greif als das mich am meisten begeisternde unter den von mir zur Kenntnis genommenen Gedicht­büchern im deutschen Sprachraum nach 2000. Bei jeder Ge­legen­heit wiederhole ich gern: Friederike Mayrö­cker (Man müszte wenigs­tens zwei­hundert Jahre alt werden): spätes­tens seit 1999 ein lyri­scher Liebling …

Matrix 28 erscheint Ende Juni 2012. Der Preis der rund 280 Seiten umfassenden Ausgabe (davon sind 255 Seiten dem rund um mehr als ein Dutzend neuer Gedichte von Friederike Mayröcker angelegten atmenden Alphabet, in dem kein Buchstabe ausgelassen wird,  gewidmet) beträgt, man reibe sich ruhig die Augen, es ist kein Druckfehler: 10,00 EUR. Ab sofort freut sich Traian Pop, der Verleger des POP Verlags in Ludwigsburg, auf Vorbestellungen bzw. Interesse an einem Matrix-Abonnement: pop-verlag@gmx.de/ Theo Breuer, Edition Das Labor

15. Mai 2012

44. Schmelz­hütte des Worts

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„Im riesigen Wortwalzwerk der Gegenwarts­dichtung muss es eine Gießerei geben, in der der ganze Wortbruch und -schrott geschmolzen und Chemisch analysiert wird, um, durch die verschiedenen Abtei­lungen gegangen, als glänzender Stahl zu funkeln, scharf und elastisch.

Schmelz­hütte des Worts zu sein, ist die Funktion Krutschonychs und der Gruppe seiner Sa’umer.“ hieß es da, und entfachte von neuem meine Suche nach den Gespenstern. Eine Einzel­publikation mit Texten Krutschonychs fand ich noch nicht, aber eine zwei­bändige Ausgabe mit den Werken Chlebnikows, die Peter Urban bei Rowohlt besorgt hatte. Das war schon mal ein Anfang. Und es sollte lange ein Anfang bleiben. Zwanzig Jahre lang, man wagt es gar nicht auszu­sprechen.

Im letzten Jahr dann erschien im jungen aber jetzt schon verdienst­vollen Verlag Reinecke & Voß Krutschonychs „Phonetik des Theaters“. Valeri Scherstjanoi, der unver­wüstliche Laut­poet hat sie besorgt und aus­gestattet. Das kam für mich einer Befreiung gleich. Endlich hatte das Gespenst einen Körper bekommen. Dieses Buch gibt nun, zwar keinen erschöpfenden, aber einen instruktiven Einblick in das Wort­walzwerk des Sa’um. Und das Buch hat etwas erfri­schend Zeit­gemäßes, weil es nicht nur an der Dichtung, sondern auch an der Inszenierung der Dichtung arbeitet. Weil es eine Einheit aus Klang, Geste, Gebärde, Bewegung vorstellt, die dieses Kunstwerk ist, das wir eher vorläufig Gedicht nennen, denn:
„Die Aufgabe der sa-umnischen Sprache ist: Eine für die gegebene Sprache ungewöhnliche Lautreihe zu erspüren, das Ohr und den Hals, die den Laut aufnehmenden und reproduzierenden Organe des Hörens und des Sprechens zu erfrischen.“ (Krutschonych in: Woher und wie kamen die Sa-umniki? Phonetik des Theaters. S.64) / Jan Kuhlbrodt, Poetenladen

Alexej Krutschonych
Phonetik des Theaters
Herausgegeben von Valeri Scherstjanoi
Reinecke & Voß 2011 
10 Euro, Taschenbuch

Zum Verlag

19. April 2012

68. Die Revolution gefiel mir

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Ossip Mandelstam habe ich zuerst bei der Nationalen Volksarmee gelesen. Ich war Soldat im Grundwehrdienst, die Wehrpflicht dauerte 18 Monate – ein langes Stück Lebenszeit für einen jungen Menschen. Man war gefangen, es gab sechs Tage Urlaub pro Halbjahr und höchstens einmal pro Woche konnte man Ausgang bekommen – das war kein Recht, sondern wurde gewährt. Jeweils nach Dienst bis Mitternacht, das war am Mittwoch ab 18, Sonnabend ab 13 Uhr oder Sonntag nach dem Frühstück. Auch Frühstück war Dienst, man mußte mitmarschieren, der Spieß befahl ein Lied und wir sangen: „Rot ist meine Waffenfarbe“ oder sowas. Ich bekam nicht oft Ausgang am Sonntag. Einmal wollte ich mich vorm Frühstück drücken und sagte dem Unteroffizier, ich hätte Ausgang und wollte mich vorbereiten. Er ließ mich gewähren, aber ich bekam später 14 Tage Ausgangssperre „wegen Belügens von Vorgesetzten“.

Den langen Sonntag zwischen den Mahlzeiten hatte man also Lesezeit. Ich war schon leidenschaftlicher Leser von Gedichten. Seit 1967 erschien das monatliche Poesiealbum für 90 Pfennig. Heft 2: Wladimir Majakowski. Wahrscheinlich war etwas von ihm in der Schule vorgekommen, ich erinnere mich nicht, aber an Hugo Hupperts Verdeutschungen blieben Erinnerungen. „Zur Frage des Frühlings“ hieß eins der Gedichte, es hatte Metaphern wie

„Ja, heut und morgen, | beinah schon ewig / taumelt die Stube, | von Sonne besoffen.“

Oder:

„Das Tageslicht | dreht | seinen Flammenwerfer.“

[die geraden Striche im Text markieren Majakowskis berühmte Treppen im Vers].

Ebenfalls 1967 startete der Verlag Volk und Welt seine „Weiße Lyrikreihe“ mit einem Band von Anna Achmatowa. 1967 war das Jahr, in dem ich die russische Lyrik für mich entdeckte.

Die Armee hatte natürlich auch eine Bibliothek. Dort fand ich den Band „Oktober-Land. Russische Lyrik der Revolution“, der ebenfalls 1967 erschienen war. Der eingeklebte Ausleihzettel verriet mir, daß ich der einzige Ausleiher war*. Vorn das Faksimile aus einer Satirezeitschrift, „Solowej. Zeitschrift für Proletarische Satire“ vom Heiligabend 1917 mit einem Zweizeiler von Majakowski auf dem Titelblatt, in Hugo Hupperts Übersetzung:

„Friß Ananas, Bürger, | und Haselhuhn. / Mußt bald | deinen letzten Seufzer tun.“

Das erste Gedicht des Bandes war von Welimir Chlebnikow, es begann so:

„Die Freiheit kommt strahlend und nackt,  streut Blumen aufs Herz, immerzu. / Wir schreiten im rhythmischen Takt | und stehn mit den Sternen auf du.“
(Deutsch von Wilhelm Tkaczyk).

Die Revolution gefiel mir.

Auch Anna Achmatowa fand ich in dem Band wieder und Gedichte von Andrej Bely, Alexander Blok, Sergej Jessenin, Boris Pasternak und vielen anderen und eben auch eins von Ossip Mandelstam …

Michael Gratz, weiter in: Wasser Prawda

*) ich weiß es, weil ich das Buch geklaut hab. Falls es jemand heute im Bundeswehrfundus vermißt: ist verjährt, hoff ich.

12. April 2012

39. Linzer “Tage der Poesie”

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Die Eröffnung bestreiten Literaten, die der russischen Literatur verbunden sind: Hendrik Jackson arbeitet u. a. als Essayist, Lyriker und Übersetzer. Als solcher hat er Alexej Parschtschikows noch zu Lebzeiten selbst zusammengetragene Gedichtsammlung Erdöl übersetzt. Jackson liest Texte des Dichters, ebenso eigenes. Originaldichtungen Parschtschikows, der den “Metarealisten” zugerechnet wird, werden von dessen Witwe Ekaterina Drobyazko gelesen. Dann: Im Linzer Botanischen Garten etwa lesen Freitagnachmittag Christian Filips und Arno Camenisch: ” literarisches Übersetzen als Erkenntnismittel, um Ordnung ins Chaos dichterischer Einfälle zu bringen”, heißt es dazu. / Der Standard

2. April 2012

4. “Literarische Rowdys”

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Denn die Parolen und Losungen der “literarischen Rowdys”, wie sie jetzt beschimpft wurden, lauteten:

  • Zerschlagung der Kunst!
  • Wir hauen die Natur entzwei! Um etwas Neues daraus zu machen.
  • Die Oberiuten sind eine neue Formation revolutionärer Kunst!
  • Wir sind Oberiuten und keine schreibenden Saisonarbeiter!
  • Wir sind nicht Lieferanten zeitkonformer Literatur!
  • Und Gedichte müsse man so schreiben,…
  • …dass das Glas zerspringt, wenn man sie gegen ein Fenster schmeißt.

Solche Provokationen entfachten den lautstarken Protest der tonangebenden Literaturfunktionäre. Publikationen wurden unterbunden, die Veranstaltungen angegriffen und diffamiert. Das Ende läutete ein Schmähartikel in der Zeitschrift “Smena” vom 9. April 1930 ein, in dem den Oberiuten Widerstand gegen die Diktatur des Proletariats unterstellt wird.

Das war das praktische Verbot. Oberiu war die letzte eigenständige “linke” avantgardistische Gruppierung in Leningrad vor der offiziellen Gleichschaltung.

Zu Lebzeiten sind deshalb nur zwei Gedichte von Charms in Almanachen erschienen, für sein 1927 fertiggestelltes Buchmanuskript “Die Leitung der Dinge” fand er keinen Verlag. Um 1930 muss ihm klar gewesen sein, dass er nur für sich und den Freundeskreis schrieb. / Rainer Schmitz, DLF

Daniil Charmes:
Werkausgabe in vier Bänden. Galiani Verlag, Berlin 2010 bis 2011. Herausgegeben von Vladimir Glozer und Alexander Nitzberg. Aus dem Russischen von Beate Rausch und Alexander Nitzberg. Je 24,95 Euro

Gudrun Lehmann:
Fallen und Verschwinden Daniil Charms. Leben und Werk. Wuppertal Arco Verlag 2010. 39,90 Euro

Marina Durnowo:
Mein Leben mit Daniil Charms. Aus Gesprächen zusammengestellt von Vladimir Glozer. Galiani Verlag, Berlin 2010. 16,95 Euro

18. März 2012

77. Makarios & Pratajev

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Doktor Makarios und Doktor Pichelstein präsentieren am Freitag ab 21 Uhr im Wismarer Tikozigalpa, Dr.-Leber-Straße 38, Texte, Gedichte und Stories aus dem Nachlass des großen russischen Poeten S. W. Pratajev. Sänger Makarios von der legendären Band / Ostsee-Zeitung

6. März 2012

22. Wie ein Sack, der die Treppe runterfällt

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Die Piratin Marina Weisband kapert ein russisches Lied und schreibt darüber:

Die eigentliche Tragödie beginnt dann, wenn ich mir den gereimten Text ansehe. Die russische Sprache klingt zwar oberflächlich härter, ist in ihrem Wesen aber  fließender. Das Deutsche hingegen klingt im Vergleich dazu – in meinen Ohren – wie ein Sack mit kaputten Schreibmaschinen und Besteck, der die Treppe runterfällt.

Während Rilke es schafft, der Sprache Eleganz zu entlocken, vermag ich das leider gar nicht. Vielleicht fehlt mir hier das Gespür einer Einheimischen für Sprache. Mir ist es wichtig, dass die Sprache nicht stolpert. Also benutze ich gern vokalreiche Worte, die die Sprachmelodie des Originals besser wiedergeben.

Wie geschickt man es auch macht – und ich habe viele professionelle Übersetzungen gelesen – zumeist verliert ein Gedicht gegenüber seiner Originalsprache. Je besser das Werk, desto mehr verliert es, denn umso mehr gab es zu verlieren. Während Fachtexte an unseren Verstand gerichtet sind, zupft Lyrik im Normalfall emotionale Saiten. Die Emotionen entstammen unserer Gewohnheit, unserer Sozialisation, unserer Kultur. Sie sind weniger übertragbar, sie sind das, was uns seit Kindheit im Innersten anrührt.  Wie erreicht man sie genau so, wie sie bei ganz anders gestrickten Menschen erreicht werden? Ich weiß nicht. Mir ist klar, dass eine gute Übersetzung im Prinzip fast ein neues Gedicht in der Zielsprache sein muss. Es wird gegenüber dem Original viel verlieren und viel Eigenes gewinnen. Mich macht es traurig, dass ich das, was ich wirklich zeigen will, nie zeigen kann. Ich übersetze nur. Ich schicke es in die Welt hinaus und hoffe, dass es irgendwo, bei irgendjemandem, etwas anrührt.

/ faz-blog

26. Februar 2012

113. Alle zitieren Gedichte

Alle zitieren sie Gedichte.

Der heutige Ehrenvorsitzende der Front National Jean-Marie Le Pen will beweisen, schreibt Le Monde, daß er noch in Form ist und seine Lust an der Provokation nicht eingebüßt hat. Am 18.2. zitierte er in einer Rede über Ehre in der Politik im Zuge des Wahlkampfs zur Präsidentenwahl ein Gedicht des Kollaborateurs und Antisemiten Robert Brasillach. Von ihm stammt der Satz: “Man muß sich von den Juden im ganzen trennen und die Kinder nicht auslassen.”

Im Gespräch mit Journalisten sagte Monsieur Le Pen: “Ich habe ja auch mehrmals den Martiniquaner Aimé Césaire zitiert.”

Auch Putin liebt die Dichtung. Ulrich Heyden schreibt in Telepolis:

Auf einer martialischen Wahlkampfveranstaltung beschwor Putin den Sieg bei den Präsidentschaftswahlen am 4. März

Von der Wortwahl hätte man denken können, in Russland tobten Bürgerkrieg und ausländische Intervention. Doch es war nur ein Wahlkampfauftritt von Wladimir Putin. Auf einer Großveranstaltung im Moskauer Sport-Stadion Luschniki zitierte Putin gestern vor etwa 100.000 Menschen den russischen Schriftsteller Michail Lermontow, der in einem Gedicht [hier englisch] beschreibt, wie die russischen Soldaten 1812 vor der Schlacht von Borodino den Eid auf das Vaterland leisteten und “davon träumten, für die Heimat zu sterben”. Damals ging es gegen die Armee Napoleons. Heute geht es gegen diejenigen, so Putin, die sich “in unsere Angelegenheiten einmischen”.

Und auch unser Gauck, den ich mit keinem dieser beiden vergleichen will, zitiert in Bayern vor seinen erschreckten Zuhörern ein Gedicht auf Stalin, das er in den 50er Jahren auswendiglernen mußte und immer noch kann. (Hat er ihnen auch gesagt, daß der Autor aus Bayern stammte?). Hier zwei der Strophen eines Gedichts von Johannes R. Becher:

Dort wirst du, Stalin, stehn, in voller Blüte
Der Apfelbäume an dem Bodensee,
Und durch den Schwarzwald wandert seine Güte,
Und winkt zu sich heran ein scheues Reh.

Mit Marx und Engels geht er durch Stralsund,
Bei Rostock überprüft er die Traktoren,
Und über einen dunklen Wiesengrund
Blickt in die Weite er, wie traumverloren.


8. Januar 2012

30. Bissiger Biermann

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Wie haben wir Biermanns legendäre “Drahtharfe” geliebt, jene ersten, bei Klaus Wagenbach veröffentlichten Balladen, Lieder und Gedichte aus eigener Feder! Sein entschiedenes “Warte nicht auf bessre Zeiten” und die “Ausbürgerung” aus dem verhassten DDR-Staat nach seinem berühmten Kölner Konzert 1976 machten den Liederdichter zur Identifikationsfigur des Zorns. Pegasus bleibt auch im Umgang mit den Texten anderer ungezähmt und bissig. Getreu seinem einst als Heine-Professor an der Universität Düsseldorf verkündeten Motto: “Eine Nachdichtung kann nie so gut sein wie das Original – wohl aber besser!” heftet er dem trostlos durch abendliche Winterkälte trottenden Gaul des Amerikaners Robert Lee Frost in seiner deutschen Fassung von “Stopping By Woods On A Snowy Evening” etwas an, was es im Original nicht gibt: einen Refrain. Dem Russen Bulat Okudshava dichtet das Schlitzohr gar die gesamte dritte Strophe des bekannten Liedes “Ach die erste Liebe” dazu. Was als melancholisches Liebeslied beginnt, wird bei Biermann zum bitterbösen politischen Gesang, der die Entwicklung vom Verräter aus Schwäche bis zum Mörder skizziert. / Dorothea von Törne, Die Welt

Wolf Biermann: Fliegen mit fremden Federn. Hoffmann und Campe, Hamburg. 528 S., 26 Euro.

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