Kategorie: Altägyptisch
88. Agitprop aus Elephantine
Die Zeit (Nr. 22, S. 38) berichtet über ägyptische Funde, die seit 100 Jahren in Kisten lagern und jetzt digitalisiert und entziffert werden:
Götter sind in weltlichen Texten zumindest erwähnt oder in radikaler Agitprop-Prosa als Adressat genannt, wie auf dem Papyrus P23040; das Klagelied, gerichtet an Gott Chnum, ist nichts anderes als ein Aufruf priesterlicher Kreise zum bewaffneten Widerstand gegen die persische Herrschaft: »Wir rufen dich an, Herr der Götter / Mögest Du zerlegen ihre Anführer / Mögest Du schlachten ihre Starken / Mögest Du töten ihre Vertrauten.«
19. [Heutzutage]
To whom do I speak today?
Brothers are evil,
Friends of today are not of love. . . .
To whom do I speak today?
There are no righteous,
The land is left to those who do iniquity.
Zu wem soll ich heute sprechen?
Die Brüder sind böse,
Freunden kann man heute nicht mehr trauen. …
Zu wem soll ich heute sprechen?
Es gibt keine Rechtschaffenen mehr,
Das Land gehört denen die Böses tun.
Die Klage ist 4000 Jahre alt. Den englischen Text fand ich in Bartlebys “Familiar Quotations”, 14. Ausgabe 1968 (1. 1855). Als Quelle wird dort angegeben: Papyrus, 2000 v.Chr., Berliner Museum. Da die Quelle alt und die Überlieferung über die Zeiten und Räume flatterhaft ist, habe ich den englischen Text frei übersetzt.
Eine deutsche Fassung unter dem Titel “Die Gedichte des ‘Lebensmüden’” in: Altägyptische Dichtung. Ausgewählt, übersetzt und erläutert von Erik Hornung. Stuttgart Reclam 1996, S. 106-109. Die Anmerkung dort: “Auszug aus einem Werk, das wie die Klagen zur ‘Auseinandersetzungsliteratur’ des Mittleren Reiches gehört und nur in einer einzigen Handschrift, dem Papyrus Berlin 3024 aus der 12. Dynastie (um 1800 v.Chr.), erhalten ist. Auch als ‘Gespräch eines Mannes mit seinem Ba’ bekannt, wurde der Text erstmals 1896 durch A. Erman bearbeitet (…).” (Ba ist bei den alten Ägyptern einer der Bestandteile der “Seele”, etwa die Persönlichkeit oder Individualität). Hier eine Abbildung des Papyrus 3024. Hier eine englische Ausgabe des Handbook of Egyptian Religion von Adolf Ermann, 1907, hier die deutsche von 1905.
Ich nehme es als poetische Definition unter “Heutzutage” (die Überschrift ist eine Zutat von mir) in mein Diktionär und als Gedichtfragment in meine Anthologie.
22. Sonne, Mond und ISS
Sonne und Mond spielen in der Dichtung seit mindestens 4.000 Jahren eine Rolle. Das muß man nicht belegen. Peter Rühmkorf hat über den Mondwahnsinn in der deutschen Literatur geschrieben. Hier ein paar nur sehr grob chronologisch sortierte Beispiele für die Sonne:
- Du erscheinst vollkommen am Horizont des Himmels (Echnaton)
- Fear no more the heat o’ the sun (Shakespeare)
- My mistress’ eyes are nothing like the sun (Dito)
- The day’s grown old; the fainting sun has but a little way to run (Cotton)
- Geh unter, schöne Sonne, sie achteten / nur wenig dein (Hölderlin)
- Und die Sonne machte den weiten Ritt / um die Welt. (Arndt)
- Wie sank die Sonne glüh und schwer (Droste-Hülshoff)
- While we slumber and sleep the sun leaps up from the deep (Rossetti)
- Le soleil du matin doucement chauffe et dore (Verlaine)
- I’ll tell you how the sun rose (Dickinson)
- Sonne hat ihn gesotten. (Heym)
- And here face down beneath the sun (MacLeish)
- sonne! die du uns leuchtest und sengst die fofemberwiese (Okopenko)
- Plötzlich ging die Sonne aus (Bayer)
- Here Comes The Sun (Harrison)
- We were born of a sun stroke (Mohammed)
ISS-Gedichte gibts noch nicht so lang, aber es gibt sie. Vgl. hier und hier.
Hier nun ein Foto von gestern mit Mond und ISS vor der Sonne:
4. Ihr Kanu
Die alten Ägypter hatten die Sonne und den Fluß:
Die Liebe der Schwester ist auf jener Seite.’
Es ist der Fluß dazwischen.
Krokodile liegen auf der Sandbank.
Ich steige herab zum Wasser.
(Liebe sagen. Gedichte aus dem ägyptischen Altertum. Leipzig: Reclam 1973, S. 45)
Die Inka die Sonne und den Mais:
Sonne mein! Es lodert
das prächtige Gold deines Haars,
hat unsere Maisfelder umhüllt!
(Ketschua-Lyrik. Leipzig: Reclam 1982, S. 85)
Die Chippewa im wasserreichen Minnesota ihr Kanu:
In her canoe I see her,
Maiden of my delighted eyes.
I see in the rippling of the water
The trailing light slipped from her paddle blade.
A signal sent to me.
Ah, maiden of my desire,
Give me a place in thy canoe
…
Translated by Frances Densmore, with assistance from Robert Higheagle, as it appears in “Where One Voice Ends Another Begins: 150 Years of Minnesota Poetry,” published by MHS Press. Vollständig hier, Marianne Combs, MPR News
122. Liebesfest
Fast zur gleichen Zeit erschienen im Frühjahr 2010 zwei Bücher mit Liebesgedichten: Raoul Schrotts Anthologie mit Texten altägyptischer Liebeslyrik und Michael Lentz’ Gedichtband „Offene Unruh“. Der Unterschied könnte nicht größer sein. Während die fast 3.500 Jahre alten Gedichte in hochpoetischer Sprache ein wahres Liebesfest aus Sehnsucht und Liebesglück feiern, werden die Lentz-Gedichte von einem sachlich-kühlen, „unruhigen“ Sprachton geprägt. Die ungetrübte Liebe dort wird in den modernen Texten von einem gebrocheneren Bild der Gefühle verdrängt. Die Liebe ist „ein wort das auf der stelle tritt“, „ein zuviel gesungenes lied“, so heißt es bei Lentz. Seine Verse handeln auch von der Unvollkommenheit der Liebe und dem Misstrauen gegenüber einer verbrauchten Sprache der Gefühle.
Diese skeptische Haltung fehlt in den altägyptischen Texten, die Schrott in seinem Band vorstellt, völlig. Die Texte, entstanden um 1300 v. Chr., aufgeschrieben auf Tontafeln, Vasen, Tonscherben und Papyrusrollen, durch Zufall erhalten, sind beeindruckende literarische Zeugnisse, heute fremd in ihrer ungebrochen romantisierenden Verklärung von Liebe, aber zugleich faszinierend darin, dass sie Liebe so ausschließlich und selbstverständlich zum Mittelpunkt des Lebens machen. …
Vergleiche der Geliebten, der „einzigen schwester“, mit dem „funkelnden sirius der am horizont aufsteigt / zum beginn eines guten jahres“ mit Lapislazuli oder mit Lotosknospen stehen am Beginn der Entwicklung einer poetischen Bildersprache. Sie wird um 1300 v. Chr. aufregend neu gewesen sein. Im „Hohen Lied“ beispielsweise, das vierhundert bis sechshundert Jahre später entstand, oder in den Gedichten der Sappho um 600 v. Chr. waren die sprachlichen Möglichkeiten, die in den altägyptischen Gedichten noch „erfunden“ und erprobt wurden, bereits Allgemeingut lyrischen Sprechens und wurden in immer neuen Formen belebt und erweitert.
/ Herbert Fuchs, literaturkritik.de
Raoul Schrott: Die Blüte des nackten Körpers. Liebesgedichte aus dem Alten Ägypten.
Carl Hanser Verlag, München 2010.
96 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783446234857
61. Liebeslyrik III
Fast zeitgleich mit dem von Felicitas von Lovenberg in der FAZ (vgl. Meldung Nr. 184 vom 27. Februar 2010) überschwenglich gelobten Band „Offene Unruh“ mit 100 Liebesgedichten und der von Raoul Schrott herausgegebenen Sammlung mit altägyptischer Liebeslyrik „Die Blüte des nackten Körpers“ (vgl. Meldung Nr. 17 vom 4. März 2010) ist im Verlag Ralf Liebe der Gedichtband „skype connected. Ein Liebesbrevier“ von Michael Basse erschienen.
Armin Steigenberger schreibt in seiner Besprechung in poetenladen.de: „Basse zeichnet die reife Liebe zweier Menschen, die sich am Morgen ihre Träume mitteilen, um so nachzuträumen, was der andere geträumt hat; zwei, die mitunter alles in Frage stellen, was man überhaupt in Frage stellen kann. Wer meint, Liebe sei etwas zwischen zwei Herzen und ginge allenfalls durch den Magen, der kann studieren, wie sehr Liebe hier auch durch den Geist geht.“
Heute wird „skype connected“ im Lyrik Kabinett (20 Uhr, Amalienstraße 83/Rgb., München) vorgestellt. Michael Basse liest, Einführung von Katrin Schuster
Michael Basse: „skype connected. Ein Liebesbrevier“, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2010, 67 S., 15 Euro
