122. Liebesfest

Fast zur gleichen Zeit erschienen im Frühjahr 2010 zwei Bücher mit Liebesgedichten: Raoul Schrotts Anthologie mit Texten altägyptischer Liebeslyrik und Michael Lentz’ Gedichtband „Offene Unruh“. Der Unterschied könnte nicht größer sein. Während die fast 3.500 Jahre alten Gedichte in hochpoetischer Sprache ein wahres Liebesfest aus Sehnsucht und Liebesglück feiern, werden die Lentz-Gedichte von einem sachlich-kühlen, „unruhigen“ Sprachton geprägt. Die ungetrübte Liebe dort wird in den modernen Texten von einem gebrocheneren Bild der Gefühle verdrängt. Die Liebe ist „ein wort das auf der stelle tritt“, „ein zuviel gesungenes lied“, so heißt es bei Lentz. Seine Verse handeln auch von der Unvollkommenheit der Liebe und dem Misstrauen gegenüber einer verbrauchten Sprache der Gefühle.

Diese skeptische Haltung fehlt in den altägyptischen Texten, die Schrott in seinem Band vorstellt, völlig. Die Texte, entstanden um 1300 v. Chr., aufgeschrieben auf Tontafeln, Vasen, Tonscherben und Papyrusrollen, durch Zufall erhalten, sind beeindruckende literarische Zeugnisse, heute fremd in ihrer ungebrochen romantisierenden Verklärung von Liebe, aber zugleich faszinierend darin, dass sie Liebe so ausschließlich und selbstverständlich zum Mittelpunkt des Lebens machen. …

Vergleiche der Geliebten, der „einzigen schwester“, mit dem „funkelnden sirius der am horizont aufsteigt / zum beginn eines guten jahres“ mit Lapislazuli oder mit Lotosknospen stehen am Beginn der Entwicklung einer poetischen Bildersprache. Sie wird um 1300 v. Chr. aufregend neu gewesen sein. Im „Hohen Lied“ beispielsweise, das vierhundert bis sechshundert Jahre später entstand, oder in den Gedichten der Sappho um 600 v. Chr. waren die sprachlichen Möglichkeiten, die in den altägyptischen Gedichten noch „erfunden“ und erprobt wurden, bereits Allgemeingut lyrischen Sprechens und wurden in immer neuen Formen belebt und erweitert.

/ Herbert Fuchs, literaturkritik.de

Raoul Schrott: Die Blüte des nackten Körpers. Liebesgedichte aus dem Alten Ägypten.
Carl Hanser Verlag, München 2010.
96 Seiten, 16,90 EUR.
ISBN-13: 9783446234857

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