Wendetabu

L&Poe-Journal #02 – Tabu

Tabu ist die persönlichste Ecke im Journal. Es gibt Traumtabu, Lesetabu, Foto-, Sprach-, Sterntabu usw., heute also Wendetabu. Aus dem Tagebuch, Juli 1990

30.6.90 Eldena Jazz Evening in der Klosterruine, letztes Konzert für Ostmark vor der Währungsumstellung, die um Mitternacht beginnt. Die Musiker, auch ausm Westen, werden in Ostmark ausgezahlt. Es heißt, sie wollen es anschließend im Utkiek versaufen.

5.7.90 DDR-Bürger kaufen Rotwein, Rosentaler Kadarka, der oft nur in Bonzenläden zu haben war, kaufen sie jetzt weil so billig (und der am Sonntag der DM-Einführung angekarrt wurde), offenbar in großen Mengen auf. Verkäuferin im neuen Früh- und Spät (ehem. Intershop): Kommt nächste Woche wieder rein. (Dasselbe mit Joghurt).

Warum warten sie auf die nächste Wochenzuteilung, statt sofort Nachlieferung zu verlangen (oder den Lieferanten zu wechseln)? Warum kann der Rostocker Hafen (bzw. Großhandel) anscheinend immer noch nicht billige Bananen liefern, so daß wir an den täglich aus Hamburg belieferten Westständen (wie seit 3 Monaten) anstehen?

6.7.90 Berlin. Im Zug G. von der ASF [Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen]. Sie war die Lehrerin, die auf einem Mensaforum sehr emotional über ihre Entlassung sprach. „Mein Brief an die Fraktion hat gestern auf dem Kreisparteitag „eingeschlagen“. Man spricht von Anmaßung: schließlich sei man nur seinem Gewissen verantwortlich. Ziemlich trübe. Drei oder vier Leute, die in der Hektik der Wahlkämpfe Verantwortung hatten, halten sich für die Elite und von Basis nicht viel. Wahl der Landtagskandidaten auf nächsten Mittwoch vertagt.“ G. redet viel, aber nicht unsympathisch. Kaputt, Opfer des Systems. Den 90jährigen Vater am 10. November besucht. Ehrenmitglied der SPD seit 1979. Kennt W.Roth, hat Wehner noch kennengelernt, spricht von (u. mit) „Jochen“ (Vogel) usw.

In der Zug-Mitropa für 1 Tasse Kaffee + Sandwich m. Ketchup: 6,50 DM.

Auf S-Bhf Friedrichstr. auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig Zug nach Charlottenburg – einfach einsteigen.

Vormittag in der Preuß. Staatsbibliothek. – Fulminantes Spätstück. Tageskarte der BVG verloren. Zu Fuß zum Kudamm. Bei Vobis Portfolio gekauft. Kudamm der Länge lang. Obst beim Koreaner (alles mind. 1 DM billiger als in Greifswald). Döner-Kebab. Zurück mit Bus über Kudamm, Kantstr. U—Bahn 6 Richtung Tegel bis Friedrichstr.! Im Schaufenster der Sowjet. Buchhandlung Solshenizyn, Heym, Gumiljow (2,50 DM). Beim Warten auf den Stadtbus 2 Zigeunerinnen, denen ich 2 (von ca. 4 verbliebenen) DM gebe + 2 Nektarinen. Zu Hause merke ich dann, daß 2 Tafeln Schokolade fehlen – vermute, daß sie mir die ältere aus dem Beutel geklaut hat.

7.7. Samstag vorm. einkaufen: in der HO-Kaufhalle kein Stück Brot mehr, dafür wie seit Umstellung noch immer auf Korb warten. Auf dem Markt vor bzw. um beide (West-)Gemüsestände Riesenschlangen, ebf. wie immer. Als ich es kurz vor 12 noch einmal versuche, Bananen alle. Anstehen + Wucherpreise, wie gehabt fast. Geduldig wir, selbstredend.

In den Zeitungen über das Preisgebahren der Großhandelsbosse: In Rostock droht ein Ratsvertreter, kurzfristig eine Großkaufhalle für Billigprodukte bauen zu lassen, wenn sich das nicht schlagartig ändere. Kaufhallen verdienen bis zu 8 DM pro kg Fleisch. – Vom Schlußausverkauf: Der Großbuchhandel kippte Bücher für 80 Millionen in Tagebauhalde. Westdeutsche Antiquariate bedienen sich. – KKW-Verkaufsstelle [Kernkraftwerk, wurde in der DDR bevorzugt beliefert] wirft Kartons mit DDR-Schokolade, TÜTENSUPPEN USW. in den Müll, wo sich die Bürger bedienen – bevor die Ratten kommen. Staatsanwalt dazu: Wenn es kein sozialistisches Eigentum mehr gibt, gibt es auch keine Veruntreuung. Die Zeitungen sollten täglich Preislisten aus W.-Bln. oder Kiel drucken, daß man vergleichen kann. In Dörfern Bürgerinitiativen, die sich absprechen, Lebensmittel billiger in der Stadt einzukaufen, bis „ihr“ Konsum nachzieht.

So, 8.7.90 In der Domstr. Höhe Sprach-Lit/[ehem.] Stasi Polizei + schwarze Autos mit Berliner Nummer m. zeitungslesenden Männern: Gestern abend spielte der Ministerpräsident [Lothar de Maiziere] im Dom auf der Bratsche. Dem Dom gegenüber, am Verwaltungshaus des Museums, Transparente: „Erst die Schalmei, jetzt die Bratsche. Damals Ausbürgerung. Jetzt materielles Aus für Künstler/ Kulturschaffende“. (Aber der Protestierer Münch hat seinerzeit für die Ausbürgerung gesprochen).

Mit Rike beim Spaziergang Wörterraten. Wörter mit U? „Ungezogen, unkreativ…“

Mo 9.7.90 E. fliegt nach Bonn zur „Gesamtdt. Frauenkonferenz“.

Vor 9 Schlangen vor den Technik-Läden. Dirigierte Marktwirtschaft – Uni-Buchhdlg. mit demselben Schaufenster wie vor 1 Wo., nur fehlen die gefragtesten Titel (z.B. Anais Nin).

Mittag aufm Markt: das übliche Gedrängel, Schlangen um Bananen… Bauern verkaufen Kartoffeln vom LKW, 5 kg 5 DM. (Am nä. Tag andere: 2,5 Kg. für 2 DM).

Lange Schlangen vor den Sparkassen (erster Auszahltag [der D-Mark]). Post zahlt nicht aus: kein Geld da.

Verkäuferin im ehemaligen „Freßex“ [teurer „Exquisit“- oder „Delikat“-Laden] auf die Frage, ob sie noch Nordhäuser [Doppelkorn, in der DDR beliebte Schnapssorte] bekämen: Weiß sie nicht, ob die das noch herstellen. (Am 13. in Rostock ebf. im ehem. Delikat fast die gleiche Antwort).

In der taz Gespräch mit einem „hauptamtl. inoffz. Mitarbeiter“. „Abschöpfung“ ausländischer Professoren, kostenloser DDR-Urlaub, Reisekader, Regionalwissenschaften…

FS: Fellini, Orchesterprobe (Tele 5)

KWV weist daraufhin, daß beim Abpumpen von bundesdt. Waschautomaten und Geschirrspülmaschinen Kaltwasser beizumengen ist, da die PVC-Leitungen nur für 60 Grad ausgelegt sind. Hitzefeste Leitungen können erst Ende des Jahres eingebaut werden.

Di, 10.7.90 „Die Deduktionen bundesdt. Logik sind keinesfalls historisch wetterfest. Kann man denn aus den Fehlern anderer wirklich nur lernen, daß man es selbst am besten macht?“ (Stefan Schwarz in der taz von heute, zur Debatte Kil-Jonas-Reich).

Nachts 11 gebrüllter Dialog Unihof-Gefängnisfenster [an das Unigelände grenzte das Stasigebäude mit U-Haft|: „Jaanaa, ich liebe diiich!“ – „Ich liebe dich ganz ganz ganz ganz ganz ganz doll!“. Wenig später (sie ist mit Dritten zusammen bereits um die Ecke vorm Audimax): „Uuwee, Jaanaa liebt dich seeeehr!“ (Er antwortet, mir schon unverstandlich, sie darauf: Ich Dich noch viiel viiel meeehr!“ etc.

Mi 11.7.90 Nach Rostock, wegen Lesung Papenfuß.

Die Städte (Stralsund, Rostock) auch schon ohne große Um-Bauten freundlicher durch Reklame, weggeputzte Dreckecken u. viele (kauflustige) Menschen.

Auflauf auf dem Boulevard: aber nicht der Buchbasar, sondern Pril. – Das Antiquariat unterscheidet zwischen DDR-Büchern u. Belletristik. Alles überteuert.

Inschrift unterwegs, nach Stralsund: „Alle Hoffnung ist zerstört, wenn deine Stimme der SED gehört“. Etwas weiter: „Wähle nicht die SED, das tut jedem Deutschen weh.“ In Rostock am Studentenwohnheim: Make love, not money. Im Fahrstuhl: Rot Front. (Hätt er nur früher!). Auf einem Bretterzaun in der Stadt: Haut die Glatzen, bis sie platzen. – Anarchie ist Freiheit. – Deutschland peinlich Vaterland!

Bl. erzählt mir, daß er selbst beinahe eine Stasi-Karriere gehabt hätte. „Dann säß ich heute auf der anderen Seite der Barrikade.“

Papenfuß-Lesung fällt aus – dringende Auslandsverpflichtungen. DFF [Deutscher Fernsehfunk, neuer alter Name des DDR-Fernsehens]: Der Frühling braucht Zeit. Film v. Günter Stahnke (1965) einer der 11.-Plenum-Filme. [Auf dem 11. Plenum des Zentralkomitees der SED wurde fast die gesamte Jahresproduktion der DDR-Filmgesellschaft verboten] Genre historischer Film. „Neue Techniken u. alter Leitungsstil vertragen sich nicht.“ Heroische Anstrengungen der gesunden Kräfte der Partei pp.

Do, 12.7. Entschlossen, Computer doch zu kaufen. Erst zur Bank, wo 100 Leute davorstehen. Seiteneingang zwecks Kredit. Erst habe ich SV-Ausweis nicht dabei, dann: so niedrige Kredite vergeben wir nicht mehr. Dafür Überziehungskredit von 2000 DM, was mir Umgehung der Schlange ermöglicht. Dann zum Gryps-Compu-Laden. Zusammenstellung dauert. Wegen 1tägigem Zögern die Gelegenheit (24-Nadel-Drucker für 550 DM) weg – er will aber noch mal versuchen, leiht mir solange 9-Nadler.

Dann mit R. einkaufen für WB-Party zu U.s Ehren. Schwierig in unserer komischen Markwirtschaft. Kaufhalle sowie 3 weitere Läden haben überhaupt keinen Wein außer Wermut u. Likörwein. Schließlich finden wir einen Getränkeladen, der tatsächlich 2 Sorten Roten u. 3 Weißen hat. Nicht gerade was man will u. nicht gerade was Billliges, aber wenigstens was. Dann Grillkohle: hatte den Auftrag leichtfertig übernommen, weil ich am Währungsunions-Sonntag im Schaufenster welche gesehen hatte u. mir irgendwie vorgestellt, das ginge von nun an. War aber weg („kommen Sie nächste Woche wieder“). Dann aber im BHG-Laden doch noch Erfolg. (Stelle fest, daß ich sehr ungeduldig gegen diese schlampige Marktwirtschaft bin.)

Dann die Fete bei Li., die einen Bauernhof bei Dersekow hat. Im Garten unterm Kirschbaum, Kaffee und Kuchen, Wein und dann Gegrilltes. H. zornig über die alten Machhaber, die alle straffrei ausgehen. W. und A. über den Greifswalder Sexshop „Wenn man nicht reingehen will, kann man ja auch nach Katalog bestellen (man will ja nicht, aber)“. Gerüchte über Entlassung von einem Drittel der Mitarbeiter, angeblich noch im Sommer. Der Institutschef empfiehlt, sich schon mal umzusehen« Abends H. Computer aufstellen.

14.7. Spur der Steine im Kurs [noch einer der verbotenen Filme].

Di 17.7.90 DDR-intim: Journal mit DDR-Mädchen, mit Tips für Wessis. Im Zug vor Rostock Wahrnehmung: das Kornfeld, dahinter verfallenes Gehöft mit halbverfallener Holländermühle, alles in DDR-Grau, daneben aber, neu, der Farbtupfer in Gestalt eine (West-)Markise. Es wird, schon auf dem flachen Land. Bunter. Oder die (nagelneue) BRD-Fahne neben dem gleichfalls neuen bunten Vereinswimpel am Schrebergartenverein.

Tanta Trude: alternatives Café neben dem Kino Metropol. Davor Sitzgruppe: Punks usw. auf Sesseln auf Bürgersteig. Reaktion der Zuschauer von der Straßenbahn aus.

Im Kursbüro B. mit einem Kollegen über Prof. Heuer vom PDS-Vorstand, der heute da war und gut aufgenommen wurde. B.: Beschämend, daß wir solche Leute niedergehalten haben. Ich: Jetzt ist es zu spät. Er (schweigt). Sprechen dann über einen Studenten, der etwas gefragt hat. Heuer habe das ganz gut charakterisiert: Leute, die heute verdammen, was sie angebetet haben, und anbeten, was sie verdammt haben. Die jede Fahne im Keller haben.

(Sie schotten sich immer mehr vor der Wirklichkeit ab. Oder immer noch) Abend Elke Erb im Zwischenbau. Liest 2 Gedichte und drei Kulturbriefe für „Elsevier“ („rechts vom Spiegel“).

Dann Diskussion: „Denken in sozialen Räumen, (weil es hier so überschaubar u. alles letztlich auf den Staat zurückverwies, selbst wenn man nur einkaufen ging).“

Ursachen für Kampagne gegen Chr. Wolf? Weiß sie nicht. Sie hat sich im Zug ein Bild gemacht, das nur dies ausdrückt: daß sie’s nicht weiß. Meldet sich ein Student, der’s weiß (wie zuvor schon S. mit politischem Klischee, das er sofort zurückzieht, als sie einwendet) – Erb zu dem Studenten: „Ich nehms als Anregung: Jemand in Rostock hat gesagt, das ist die Marktwirtschaft.“

Als Chance begreifen: aber (Studentin). Auf die Frage nach Gemeinsamkeiten mit den jungen Autoren: Sie habe sich vorzuwerfen, daß sie über solchen Gemeinsamkeiten (die bei ihr das Ergebnis jahrelanger Bemühung, Jüngeren mitunter zugeflogen scheinen) versäumt habe, sich über die Unterschiede klarzuwerden.

PDS-Zimmer [PDS, Partei des Demokratischen Sozialismus, vorher SED, heute Die Linke. Offenbar war das das Zimmer, in dem ich übernachtete, und ich nannte es wegen der Ausstattung so] im Studentenwohnheim (meinem alten übrigens): An der Wand überm Bett neben einem Plakat der Grünen/UFV: Miniposter „Wir haben nichts zu verbergen!“, Bild Junge u. Mädchen m. heruntergelassenen Hosen, PDS; Nr. 2: „Wer früher nicht feige war, kann heute den Mut haben, das Programm der PDS sympathisch zu finden“, darunter 15 Namen, u.a. Andert, Ensikat, Bofinger, Kahlau, Kusche, Holland-Moritz, Mensching, Wenzel, Thalheim, Rennert, F. Schreiter (ich hänge einen Zettel darunter: Wer früher nicht feige war, kann heute Gründe haben, auch dem Programm der PDS zu mißtrauen – M.G. m.f.G-). Nr. 3 von VL [Vereinigte Linke]: Lieber rote Rüben als Kohl von drüben! Nr. 4 von einer Bürgerinitiative Allianz der Vernunft, Glöwen/DDR, Wider-Vereinigung. Dazu Kinder-Windmühle, rot mit Aufschrift PDS. Dann noch Aufkleber auf einem Bücherregal: PDS – Die Neue – was sonst – !

Mi 18.7.90 S. die Frage zurückgegeben: Wie geht’s? Nicht so gut, sagt er. Er sei doch sehr irritiert. Das Gefühl der Befreiung sei etwa im Februar verschwunden. Bei mir nicht. – Das sei offenbar eine Generationsfrage. (Geht aber doch eher quer durch).

Der Rumäne. Wenn man monatelang „Nieder mit dem Kommunismus“ gerufen hat, wundert man sich hier. Will nun ins Ausland gehen, weil es mit diesem Volk keinen Zweck hat.

An Rostocker Hauswand Inschrift: DSU [Deutsche Soziale Union, eine in der DDR gegründete Partei mit Beziehungen zur CSU], daneben kleiner: Dummheit schützt uns.

Im Zug nach Stralsund, Vater zu den Kindern in Ribnitz: In Mecklenburg wird nicht gelesen. Erst wenn wir in Vorpommern sind, gebe ich’s euch [Die Grenze zwischen den Landesteilen Mecklenburg und Vorpommern liegt zwischen Rostock und Stralsund, genauer zwischen Ribnitz und Damgarten, die heute eine Doppelstadt sind].

Vor dem Bahnhof Stralsund 14 Taxen nebst Fahrern, nur ohne Kunden.

Frau im Zug: Das vermisse ich in der Honeckererziehung meiner Tochter: John Maynard war unser Steuermann. Das haben wir gelernt. Drei Menschenleben gerettet hat der!

[Am 20. Juli flogen wir mit der DDR-Fluggesellschaft Interflug nach Helsinki.]

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