128. Dum derra dum!

Den etwas düsteren, schmalen Eingang zum Buchladen könnte man glatt übersehen, und drinnen kommt man aus dem Staunen nicht heraus – ausgerechnet hier zwischen Körperskulpturen und Jongleuren, Taschenspielern und abgewrackten Gurus, hier auf der all-American Meile aus Rummelplatz und Laufsteg, Sportplatz, Strandpromenade und Eitelkeitskirmes: keiner dieser standardisierten Buchsupermärkte, vollgestapelt mit qietschbunten Bestsellern, dum dum, und mindestens fünfzig Kaffeevariationen im Ausschank, sondern ein liebevoll und sachkundig sortierter, unabhängiger Laden. Allein fünf Regale voll Lyrik! Dum derra dum! / Klaus Modick besucht eine Buchhandlung in Venice Beach, taz 19.12. (ob er ein Buch aus diesen 5 Regalen gekauft hat, ist nicht überliefert)

127. Elias, das Opfer auf dem Karmel

Aus Hans Zimmermanns 9. Rundbrief 2009
4. Advent 2009

Liebe Freunde,

nun geht das Mendelssohn-Bartoldy-Jahr zuende, und so wurde es Zeit, mit Blick auf das großartige Oratorium dieses Komponisten die Eliaskapitel aus dem 1.Könige-Buch zu vervollständigen: Es fehlte ja noch das große zentrale Kapitel über das Opfer auf dem Karmel zwischen der märchenhaften Erzählung vom Aufenthalt des Elias bei der Witwe und ihrem Sohn und der meditativ-stillen Gottesberührung, die gerade die Feuer des dramatischen Brandopfers auf dem Karmel und die darauf folgenden Regenfluten transzendiert. Ohne dieses Durchschreiten der elementarischen (wie in Mozarts Zauberflöte) und seelischen (wie in Wagners Siegfried) Schwellen bliebe das Wirken des Elias eine Restauration des Gottes Israels, ein Kampf um die geistige Führung der zwölf Stämme, und immerhin eine Beseitigung der Verehrung des „Herrn“ (das ist die Bedeutung des Titels „Baal“) durch Er-Klärung Gottes als des Daseinsgrundes aller Ichbinheit bzw. der Ich-Bin-Gründung allen Daseins (JHWH). Es ist paradox, ja absurd, daß ausgerechnet der „Herr“-Titel später den Gottesnamen verdeckt, ersetzt und umgepolt hat, so daß das Urteil des Volkes bei Mendelssohn dann lautet: „Der Herr ist Gott“. Wie, also doch der Baal, der „Herr“, statt JHWHs, des Ichbin-Grundes allen Daseins? Man möchte den Kopf zwischen die Knie legen und weinen.

Aber, wer hier schon weint, was will der tun, wenn er liest, wie Elias die „Herren“-Priester abschlachten läßt, und wenn er im Oratorium den mitfühlsamen Psalmvers hört, „ob tausend fallen zu deiner Seite und zehentausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen“? Meine Güte, das ist derartig alt, derartig archaisch, derartig abartig — nein, bei aller Brutalität dieser selbstherrlichen Chöre: ich glaube dem romantischen Klassizisten von 1846 nicht, daß er auch nur einen Funken der Feuergewalt verstehen konnten, die hier zum Ausdruck gekommen ist, und seine protestantisch-biederen Hörer schon gar nicht: Eingezwängt in die Kirchenbänke oder sittsam auf Konzertstühlen sitzend, folgsame Ohren für Gehorsamsprediger oder pinguinberockte Kapellmeister, zugleich auch zivilisationsstolze Kolonialherren über die Wilden in Übersee, denen man den Glauben an den „Herrn“ aufzäumt, an den „Herrn“ — war das die Geistkraft des Elias, des Elischa, des Nazoraios Johannes?

Hans Zimmermanns Quellensammlung aus 12 Sprachen

126. Mayröckers Zettelwirtschaft

Das Werk der Dichterin Friederike Mayröcker, die morgen Sonntag unglaublicherweise 85 Jahre alt wird, ist nicht allein den pulverigen Sandspuren von Deinzendorf entsprossen: jenem Ort im Bezirk Hollabrunn, dessen Fauna in „langsamen Blitzen“ die Bilderketten der Lyrikerin durchwirkt.

In Deinzendorf war Mayröcker noch ganz das behütete Kind: jene „Fritzi“, deren Zettelwirtschaft den Literaturbetrieb bis heute in ungläubiges Staunen versetzt. Kindheitslandschaften sind das Formularpapier, in das poetische Existenzen eingetragen werden. Mayröcker, deren Arbeit vegetabil erscheint – und somit gegen äußere Erschütterungen unempfindlich -, deren Texte in scheinbar organischem Wachstum aus Wortsprossen und Zitat-Keimen hervorgehen, hat die Fährnisse des Zeitverlusts endgültig überwunden.

Ihre fragilen, dennoch streng und gewissenhaft bearbeiteten Notate gleichen Explosionserscheinungen. Die Elemente der Sprache, durchaus schockhaft gegeneinander gesetzt, beginnen einander in lockeren Gebilden wechselseitig zu erhellen: „Ich bin so traurig jetzt und habe Angst vor dem / Verlassen dieser Welt die ich so sehr geliebt mit ihren Blüthen / Büschen Bäumen Monden mit ihren wunderbaren nächtlichen / Geschöpfen.“

Es wird gerne vergessen, dass Mayröcker während vieler Jahre die Existenz einer öffentlich wenig gelittenen Dichterin durchleiden musste, ehe sie zur Prima inter pares werden konnte. / Ronald Pohl, DER STANDARD 19.12.

Friederike Mayröcker schlägt mit ihrer obsessiven „Schreibdrangseligkeit“ dem Alter ein Schnippchen. Ihre Texte altern nicht. Vielleicht, weil sie immer aus Neu-Gier auf Welt entstanden sind; weil die Autorin jedem neuen Tag nachspürt, in Liebe und Leid, Verzückung und Demut. So stehen wir fassungslos vor ihrem Alter und freuen uns über das magische Junggebliebensein ihrer Arbeiten. / Walter G. Goes, Ostsee-Zeitung Rügen 19.12.

Die Presse-Umfrage zum 85. Geburtstag der großen österreichischen Schriftstellerin. Elfriede Jelinek, Evelyn Schlag, Peter Handke, Julian Schutting, Bodo Hell, Franz Josef Czernin, Kathrin Röggla, Andreas Okopenko, Andrea Winkler: Wer ist Friederike Mayröcker?

Interview der Presse vom 7.11.:

Frau Mayröcker, das letzte Mal haben wir uns zum Interview noch in Ihrer Wohnung getroffen. Gibt es dort noch das Taferl mit der Aufschrift „Tabu“, das die Räuber fernhalten soll?

Friederike Mayröcker: Ja, das Taferl gibt es noch. Aber in die Wohnung lasse ich niemanden mehr hinein. Alle Interviews, die ich jetzt gebe, gebe ich im Tirolerhof. Bei mir ist es viel zu voll, und das, obwohl ich noch eine Wohnung dazubekommen habe, die von Ernst Jandl. Aber dort schaut es mittlerweile genauso aus.

Vor zwölf Jahren haben Sie noch gesagt, Sie würden aufräumen, sobald Sie mit dem Buch fertig sind.

Das habe ich aufgegeben.

Bücher, Manuskripte, Notizen, Briefe: Haben Sie immer schon gesammelt?

Das ist kein Sammeln! Da sammelt sich vielmehr etwas an. Es ist wie in einer Fabrik oder einer Werkstätte. Was sich bei mir anhäuft, ist das Material, mit dem ich arbeite. Ich mache mir auch andauernd Notizen: Wenn ich unterwegs bin, schreibe ich auf kleine Zettel, wenn ich in meinem Bett liege, in ein A4-Heft. Das Material wird dann verarbeitet. Aber ich habe nie gesammelt: Ich flehe meine Freunde sogar an, mir ja nichts mitzubringen, mir auf keinen Fall etwas zu schenken!

Mehr zu Mayröckers Geburtstag: ND 19.12. (Gunnar Decker) / Wiener Zeitung / Die Presse 17.12. /

Die ORF-TV-Kulturredakteurin Katja Gasser widmet der Dichterin das Porträt „Rasen und Rotieren im Kopf“, das an Mayröckers Geburtstag (20. Dezember) um 9.55 Uhr in ORF 2 und bereits am Vorabend auf 3sat (19.20 Uhr) zu sehen ist.

Ö1 feiert die Jubilarin am 20. 12. (21.15 Uhr) mit einem Zusammenschnitt jener Festveranstaltung, die zu Mayröckers Ehren im RadioKulturhaus ausgerichtet wurde.
„Ö1 extra“: „Sprachgeschenke“

ORF Nachtbilder – Poesie und Musik
Scardanelli
Musik von Miles Davis
19. Dezember 2009
00:08 Uhr Mehr

„Tonspuren“: „Fritzi und ihre Fans“ (18. Dezember, 22.15 Uhr in Ö1)

„Rasen und Rotieren im Kopf“ (20. Dezember, 10.05 Uhr, ORF 2)

125. Lyrik ist schwyrig

Man kennt ihn als Kult-Regisseur der schrägen Komödie „Wer früher stirbt, ist länger tot“, der Kassen-Knüller von 2006. Doch die Kunst des Kabaretts ist ihm auch vertraut: Seit seiner Jugend verfasst Marcus H. Rosenmüller Gedichte und Lieder

Ähnlich multitalentiert als Musiker, Kabarettist und Schauspieler (seit 2004 etwa als Minister Söder im Singspiel beim Starkbieranstrich am Nockherberg) ist Stephan Zinner. Nun konnte man beide bei einem kabarettistischen Gastspiel im Wirtshaus Zum Gutmann erleben….

Rosenmüller trägt eigene Gedichte vor, die durch schräge Reime und skurrile Inhalte gefallen: „Muss der Reim denn immer sein / Kann man sich nicht vom Reim befrei’n? / Sakradi, mir fallt nix ein“, reimt er, um programmatisch hinzuzufügen: „Lyrik ist schwyrig!“. Anschließend straft er sich selbst Lügen, wenn ihm Reime glücken, die einem Poeten wie Peter Rühmkorf zur Ehre gereichen hätten. / Walter Buckl, Donaukurier

124. Neuropolitik Teil II: „Sind die Monster zahm geworden?“

„As long as presidents and politicians in general
behave like criminals in the opinion of their nations,
there will be people angry enough to stop them.
So better be honest to survive as a leader!“

(Ernest Otto Friedell 1898-1993)

G&GN-INSTITUT BERLIN New Cologne (Teil I siehe 6.9.09) / Was „politische Lyrik“ sei, beantwortet Tom de Toys seit über 20 Jahren mit seiner „Direkten Dichtung“ auf seine eigene Art, nämlich in einem unzeitgemäßen Versuch, sowohl seelische als auch soziale Themen in einer interdisziplinären Fusion zu synchronisieren. Zu Zeiten der „SocialBeat“-Bewegung brauchte man weder die „politische“ Frage (man hatte „seinen“ Brinkmann) noch die „spirituelle“ (man hatte „seinen“ Ginsberg) zu stellen: man war SOWIESO voller „Wut“ UND „Visionen“ (in einem damaligen Radio-Interview mit Hadayatullah Hübsch anläßlich eines der legendären SB-Festivals schön dokumentiert), BEIDE Denkfiguren waren die seelischen (Ab-)Gründe, um überhaupt als Dichter öffentlich zu werden! Und auch in den späten 90ern des letzten Jahrhunderts waren die anfänglichen Poetry Slams noch ganz selbstverständlich eine brodelnde Politperformance. Die „INFLATION DES KRITISCHEN“ im sogenannten „Underground“-Literaturbetrieb bis zum Endstadium des Verfalls aller authentisch „engagierten“ Textproduktionen erreichte ihren Höhe- und Schwerpunkt in der neuen Gattung der „Comedyliteratur“, die sich gerne hinter dem etwas cooler klingenden Markenzeichen „Clubliteratur“ versteckt. Heroische Anti-Koma-Ausnahmen in diesem salonfähig etablierten, dekadenten, massenmedienkompatiblen Slambetrieb bilden heutzutage grandiose kritische Texter & Performer wie der erwachsen gewordene Toby Hoffmann und die Wienerin melamar, aber die restlichen angeblichen „Monster“-Poeten (apropos: als Dichtermonster bezeichnete sich De Toys bereits 1994, die FAZ griff das dann 1997 im Autorenportrait auf) treiben eher „bemüht“ alkoholisiert oder akademisiert durch die jeweilige Splittergalaxie… Eine wirkliche „WÜTEND-VISIONÄRE“ Vernetzung der ganzen Bandbreite „subversiver“ Poeten im deutschsprachigen Raum, um zu einem fulminanten Schlag gegen die Oberflächlichkeit der Gegenwart auszuholen (ja, es gab solche Anliegen einmal wirklich – lang ists her! Gruß an Yussuf Schönauer & Thomas Nöske), scheitert letztlich daran, daß es gar keinen Begriff von Subversion mehr in einem alles als Pop „komplex“ aufsaugenden Zombietum gibt (Adonis ist tot, Adorno auferstanden!) – oder um es mit einem Slogan zu sagen, den man in manchen Szene-Locations auf T-Shirts gedruckt lesen kann: „THE REVOLUTION IS NOT TELEVISED“. Soll heißen: wer was wann wo eigentlich wirklich tut, um die Welt zu verändern, steht in den Sternen (manchmal auch in Pommern), aber nicht in den Büchern… also wird Hubble die Zeichen bestimmt bald entziffern 🙂 Zum Abschluss dieses kurzen Ausfluges in die Tiefenprärie der Schöngeistigkeit möge ein brandneues Poem von De Toys erwähnt sein, das soeben in dessen myspace-Blog aktiviert wurde, wo es nun die nächsten Jahre digital abkühlen kann:

Tom de Toys, 14.+18.12.2009

XX-MAS(ZEN)

wieviele jahre sollen noch nutzlos
an uns vorüber ziehen und wieso
versuchen verantwortliche vor der
wahrheit wie wundern zu fliehen
sobald der erste schnee rieselt wird
jeder reiche zum mörder in anderen
regionen des paradieses bedarf es
keiner chemischen zauberei die
allerkleinsten engelwesen mutieren
durch außerirdische gesetzeslücken
zu eintagsfliegen als vorspeise für
präsidenten im hochsicherheitstrakt

INTERNETQUELLEN:

TOM DE TOYS „XX-MAS(ZEN)“ © by G&GN-Trademark POEMIE:
http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendId=482406116&blogId=522737337

MELAMAR: http://www.myspace.com/melamarpoetry

TOBY HOFFMANN: http://www.myspace.com/hoffmannpoetry

123. Umbra vitae

Nacht, Somnambule, Irre, Krieg, Hora mortis, Morgue – bereits einige Titelstichworte von Georg Heyms Nachlassgedichten lassen ahnen, worum es in der Sammlung „Umbra vitae“ geht: um „Schatten des Lebens“, erhascht in wüsten „Nebelstädten“ und im „Mauergestrüpp“ trister Hinterhöfe, auf Trümmerfeldern und Grabstätten, an dunklen Teichen und im „Garten der Irren“. Heym, der 1912 mit 24 Jahren beim Eislaufen in Berlin verunglückte, war ein Meister poetischer Intensität, besonders auf dem Gebiet des Untergangs. Im Titelgedicht „Umbra vitae“ heißt es etwa: „Selbstmörder gehen nachts in großen Horden, / Die suchen vor sich ihr verlornes Wesen, / Gebückt in Süd und West und Ost und Norden, / Den Staub zerfegend mit den Armen-Besen.“Auf einen Blick verdichtet finden sich Heyms abgründige Themen in den Illustrationen zur gediegenen Edition von „Umbra vitae“ im Kurt Wolff Verlag München (1924), die textlich auf der Erstausgabe bei Rowohlt (1912) basiert. Dieses Juwel expressionistischer Buchkunst ist jetzt als Nachdruck erschienen… / Alexander Košenina, FAZ

Georg Heym: „Umbra vitae“. Nachgelassene Gedichte. Mit 47 Originalholzschnitten von Ernst Ludwig Kirchner. Philipp Reclam Verlag, Stuttgart 2009. 66 S., geb., 52 S., br., 34,90 €.

122. Lyrikstationen 2009 (9)

Fortsetzungsessay von Theo Breuer

9

das Denken völlig unter den Begriffen zu ersticken –
In der Zwischenzeit, mein lieber Sohn,

Geht der Gesang zu Ende

In A. J. Weigonis Novelle Vignetten (poetenladen.de/theo-breuer-weigoni.htm) lese ich:

In der Antike kamen am mittelländischen Meer Menschen aus verschiedenen Weltgegenden zu­sammen, sie praktizierten eine Atmosphäre des freien geistigen Austauschs. Die Bibliotheca Ale­xandrina ist daher nicht nur ein Reich des Geistes, sondern auch ein Geisterreich.

Brennglas. Zur Subversion wird ihnen die Mattigkeit. Die Teilhabe an dieser Welt besteht für Na­taly und Max im Lustwandeln. Die rhythmische Berührung der gezeichneten Erde mit den Füßen ist ihre rituelle Weltbeschwörung. Im Unterwegs-Sein bringen sie ihre Befindlichkeiten behutsam zum Sprechen, indem sie ihre Wirklichkeit im Zusammenspiel mit anderen Realitäten untersu­chen; sie deuten ihre Innenwelt auf der Suche nach dem wahren Sinn und Inhalt solange aus, bis sie am Ende der Interpretation neben sich steht wie ein zweites Phänomen er Sache selbst. So befreien sich Nataly und Max Schritt für Schritt von einem unseligen Verfahren: das Denken völlig unter den Begriffen zu ersticken.

Die abgewetzten Begriffe sind nicht aus der Welt zu schaffen. Man verwendet sie vor allem auch dann, wenn es schnell gehen soll mit einer Antwort, einer Festlegung. Ich bin für die Abschaffung der Begriffe, versuche sie möglichst zu vermeiden. Statt­des­sen – du wort mit ach und och (Helmut Krausser) – plädiere ich für: Wörter   Wörter   Wörter mit (und ohne) Bodenhaftung wie Ampel, Bratkartoffeln, Café, Di­mitroffstraße, Engel, Fußspitze, Glühlampenwerk, Hinterzimmer, Inhaber, Janis Jop­lin, Keilriemen, Leberwurst, Messer, Nadel, Ofen, Pfau, Rollstuhl, Standfrau, Trach­tenmusik, Uhr, Vorgänger, Watte, Expresso, You-Tube, Zitronenkuchen – die ich in Florian Günthers herrlich lebendig-schnoddrigem Mir kann keiner lese.

Ich bin grund­sätzlich selten verstimmt, aber profilarme Begriffe wie Liebeslyrik, Na­turlyrik oder politische Ly­rik ma­chen mich zornig. Da wirkt Tom Schulz im Vorwort des saustar­ken Sammelbands alles außer Tiernahrung schon wieder besänftigend, wenn er von viel­schichtig politisch spricht, und in der Tat bleibt in den ausgewählten Gedichten die (immer wieder fein verschlüsselte) Botschaft sekundär, spielen Wort, Klang und Form die erste Geige. Lyrik ist Lyrik ist Lyrik. Im Prismenglas des Gedichts geben sich alle wesentlichen Aspekte des Daseins mit ihrem gleichsam unendlichen Farbenreichtum ein immerwährendes Stelldichein. Wäre das Gedicht An die Nach­ge­bore­nen kein gelungenes, originelles Gedicht, die politische Aussage wäre bes­ser in ei­ner Tages­zeitung aufgehoben. Im Brechtschen Sound bleibt es allgegenwär­tig, ist stets abrufbar: Was sind das für Zei­ten, wo / Ein Ge­spräch über Bäume fast ein Verbre­chen ist / Weil es ein Schwei­gen über so viele Untaten einschließt!

Die wunderbar klingenden, vielschichtigen Gedichte Wil­helm Lehmanns (Lehmann war einer der wichtigsten Exponenten der Lyrischen Moderne. Er gehört als Theore­tiker in die Linie Poe, Valéry und Benn, Rudolf Hartung) werden gern unter dem Beg­riff Naturlyrik subsumiert und das Nachdenken über Lehmanns Lyrik unter einem ein­zigen Begriff erstickt. Lehmann? Ach ja, der Naturlyriker, und weiter geht’s im Text. Wilhelm Lehmann (Schwarzer Blitz, Holunderbeere) schrieb brillante Ge­dichte; wie einen Schatz hüte ich den in goldgelbes Leinen eingebundenen Sam­mel­band Meine Gedichtbücher von 1957, der mit diesem Gedicht einsetzt:

An meinen ältesten Sohn

Die Winterlinde, die Sommerlinde
Blühen getrennt –
In der Zwischenzeit, mein lieber Sohn,
Geht der Gesang zu End.

Die Schwalbenwurz zieht den Kalk aus dem Hügel
Mit weißen Zehn,
Ich kann es unter der Erde
Im Dunkeln sehn.

Ein Regen fleckt die grauen Steine –
Der letzte Ton
Fehlt dem Goldammermännchen zum Liede.
Sing du ihn, Sohn.

Seit einiger Zeit wird erfreulicherweise erneut versucht, das Werk Wilhelm Leh­manns, der von 1882 bis 1968 lebte, zu neuem Dasein zu erwecken. Gesammelte Werke in acht Bänden erscheinen bei Klett-Cotta. Seit 2004 gibt es in Kiel die Wil­helm-Leh­mann-Gesellschaft, die 2009 den nach Lehmann benannten Literaturpreis ins Leben rief. Erster Preisträger ist Jan Wag­ner.

An all das dachte ich, als ich am 13. Oktober 2009 zusammen mit Shafiq Naz, dem Herausgeber des deutschen Lyrikkalenders, Hans Bender besuchte und die­ser mir unvermittelt einen großen Ordner in die Hand drückte, der durch einen glück­lichen Zufall nicht beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs mit den vielen anderen Ordnern, die das 27.000 Briefe, Karten, Manuskripte und Notizen umfassende Hans-Bender-Ar­chiv beherbergen, in die Tiefe gerissen wurde – womit auch der Verfasser von Wie es kommen wird nicht gerechnet hatte.

Bebend blätterte ich und stieß wie vom Blitz getroffen auf handgeschriebene Ge­dichte und Briefe von Wilhelm Lehmann. Ich verspürte sekundenlang eine starke ganzkör­perliche vegetative Reaktion, begriff ich doch in jenem Augenblick erst, und das auf wahrhaft sinnliche Weise, was am 3. März 2009 in der Kölner Severinstraße gesche­hen war. Als ich es aus den Nachrichten erfuhr, galten meine Gedanken den beiden tödlich verunglückten jungen Menschen, das Archiv interessierte mich zu­nächst über­haupt nicht. Erst in den Wochen danach machte ich mir klar, was eigent­lich passiert war, verfolgte regelmäßig die Bergungsarbeiten und hoffe, daß sich im Laufe der nächsten Jahre zeigen wird, daß der überwiegende Teil der unschätzbaren Sammlung gerettet wurde und nur das Wenigste unwiederbringlich verloren ist. Hier saß ich in der Taubengasse, ganz in der Nähe der Severinstraße, hielt das liebevoll arrangierte Dokument in Händen und konnte es einfach nicht fassen.

Respekt vor der Schöpfung, vor dem Daseienden, Genauigkeit des Sehens, die Empfindung, daß alles nur einmal vorhanden ist und nur in verwandelter Gestalt immer herrscht: das wäre gewis­sermaßen die Inhaltsangabe meiner Gedichte.

Das gelungene Gedicht versetzt Menschen wie Dinge aus einem ungenauen in einen genauen Zustand. Es betrügt ihn und sie gerade nicht um das Dasein, sondern verleiht es ihnen.

Wilhelm Lehmann

  • Hans Bender, Wie es kommen wird
  • Florian Günther, Mir kann keiner
  • Helmut Krausser, Auf weißen Wüsten
  • Tom Schulz (Hg.), alles außer Tiernahrung

121. Johnny Becher

Mein Gegengift in festen Reimen (vgl. #120) stammt von Katharina Stooß, geboren nach 1945, genauer 1982 in Bad Mergentheim, lebt in Leipzig und München:

Die Ballade von Johnny Becher

Johnny Becher!
„Wer ist Johnny Becher?“

„Johnny Becher war unser Namenspatron,
von 59 bis zur Reunion.
Er hat gefixt, er hat gedichtet,
er hat sein Girl mit ner Knarre gerichtet.
Johnny Becher!“

In: Roughbook 003: Cowboylyrik. Urs Engeler Editor 2009

Meine Anthologie: Wortfest

120. Der drittgrößte Dichter

Zu den zehn Nazi-Autoren, die Düsterberg zusammen mit acht seiner Schüler und dem Wirtschaftsjournalisten Marc-Wilhelm Kohfink in Porträts vorstellt, gehört auch Gerhard Schumann, dessen Werdegang Jan Bartels beschreibt.

Bartels versucht, ein „differenziertes Bild der kulturpolitischen und literarischen Tätigkeiten Schumanns“ zu zeichnen. Wie den zusammengestellten sozio-biografischen Daten zu entnehmen ist, trat Schumann 1930 in die NSDAP ein, wurde SA-Standartenführer, SS-Obersturmführer, Reichskultursenator und damit Mitglied in der Reichskulturkammer sowie Präsidialrat in der Reichsschrifttumskammer. Im Frühjahr 1942, als die militärische Situation für das Reich schwierig geworden war und die Nazis um so mehr in Führungspositionen „ideologiefeste Parteigenossen“ brauchten, wurde er zum Chefdramaturgen des Württembergischen Staatstheaters ernannt. 1943 schrieb er das als „Durchhaltedrama“ eingestufte Stück „Gudruns Tod“. Rechnet man noch die Preise hinzu – in den Jahren 1935 und 1936 wurden Schumann der Schwäbische Dichterpreis, der Lyrikpreis der Dame und der Nationale Buchpreis verliehen – dann ist klar, dass man Schumann zu den Nazi-Dichtern zählen muss, auch wenn er sich gegen diese Einordnung in der Nachkriegszeit heftig zur Wehr setzte und den Versuch unternahm, sich als Dissident zu inszenieren.

Es gelang ihm sogar mit diversen Tricks, die zunächst erfolgte Einstufung als „Minderbelasteter“ bei dem gegen ihn angestrengten Spruchkammerverfahren (zu dem er als Hauptschuldiger vorgeladen war) in einem zweiten Verfahren aufheben zu lassen. Nun hatte Schumann freie Bahn, um seine literarischen Tätigkeiten fortzusetzen: Er positionierte sich „im national-konservativen politischen Spektrum der Bundesrepublik, fügte sich nahtlos ein in den anti-kommunistischen Zeitgeist des Kalten Krieges“.

Schumann betätigte sich als Verleger, pflegte Kontakte zu seinen alten Gesinnungsgenossen und schrieb weiterhin politische Lyrik „für die neo-nazistische Deutsche Wochenzeitung“. Von einer „inneren Umkehr“ konnte demnach keine Rede sein. Die Anerkennung von bestimmter Seite blieb nicht aus: „Für sein ‚tapferes Bekennen zu Volk und Vaterland‘ erhielt Schumann 1981 die ‚Ulrich-von-Hutten-Medaille‘ des gleichnamigen Freundeskreises, zwei Jahre später schließlich nahm der Dichter auch den ‚Schillerpreis des deutschen Volkes‘ entgegen – wiederum verliehen vom rechtsextremen DKEG“ (= Deutsches Kulturwerk Europäischen Geistes, eine der NPD nahe stehende Organisation).

Neben dem „nationalen Sozialisten“ Gerhard Schumann werden folgende Schriftsteller in dem von Rolf Düsterberg herausgegebenen Band vorgestellt, die das Dritte Reich „herbeigesehnt, herbeigeschrieben, herbeiagitiert und schließlich […] etabliert und konsolidiert“ haben:

Hermann Burte – der Alemanne (1879-1960), von Kathrin Peters, Artur Dinter – der antisemitische Spiritist (1876-1948), von Uwe Hirschauer, Kurt Eggers – der intellektuelle Schläger (1905-1943), von Julia Liebich, Hanns Johst – der Literaturfunktionär und Saga-Dichter (1890-1978), von Rolf Düsterberg, Heinrich Lersch – der Arbeiterdichter (1889-1936), von Steffen Elbing, Eberhard Wolfgang Möller – der „nationale Amtsdichter“(1906-1972), von Marc-Wilhelm Kohfink, Hans Rehberg – der Preuße (1901-1963), von Sonja Gevers, Rainer Schlösser – der Dichter-Soldat (1899-1945), von Stefan Hüpping, Tüdel Weller – der Propagandadichter (1902-1970), von Janin Egbers. …

Schockierend wirkt die Feststellung von Julia Liebich, wonach die Publikationen von Kurt Eggers bis in die Gegenwart fortwirken und dieser „Trommler der NS-Bewegung“ heute „der neo-nationalsozialistischen Jugend […] immer noch als Idol“ gilt. Als Beleg führt sie beispielsweise die Aussage von Siegfried Tittmann an, stellvertretender Bundesvorsitzender der Deutschen Volksunion (DVU), der Eggers als bedeutendsten deutschen Dichter neben Goethe und Schiller bezeichnet. Dabei sind die Taten, mit denen der fanatische Antisemit Eggers sich brüstete, an Abscheulichkeit kaum zu überbieten. Seine Werke, mit denen er das Soldatentum feiert, wollte er als „Kriegsrufe“ verstanden wissen.

/ Erhard Jöst, literasturkritik.de

Rolf Düsterberg (Hg.): Dichter für das „Dritte Reich“. Biografische Studien zum Verhältnis von Literatur und Ideologie.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2009.
336 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783895287190

Das Jahr 1945 wurde von den Schriftstellern als „Stunde Null“ und Tabula Rasa bezeichnet – nur woher so schnell neue „rasierte“ Menschen nehmen? Selbst die neuen Texte kamen ja nicht selten aus der Manuskriptschublade. Die DDR-Literaturwissenschaft setzte von 1945 bis Anfang der 60er Jahre die Phase der „Herausbildung der DDR-Literatur“ an (Kurze Geschichte der deutschen Literatur. Berlin: Volk und Wissen 1981). Auch der Thüringer Barde Uwe Lammla setzt eine Zäsur, wenn er schreibt: „Ich habe also guten Grund zu der Behauptung, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945.“ (So auf seiner Homepage, ähnlich auch andernorts, etwa in seinem Essayband „Erlkönig“, Arnshaugk 2003, in dem Text „Das Reimgedicht. Ein modernes Tabu“.) Ich hab das gelegentlich hier kommentiert (bequem über die Suchfunktion in der rechten Spalte zu finden).

Heute lese ich die Grenzscheide 1945 erneut in einem Kommentar bei Facebook, und zwar zu einem Gedicht Tom Bresemanns in Gregor Koalls Lyrikmail:

„Sehr geehrter Herr Koall,
mir Schmunzeln und Vergnügen und nachdenklichem Herzen lese ich viele
Lyrikmail-Gedichte.

Nur: Mir ist aufgefallen: Keiner von denen, die nach dem 2. Weltkrieg
geboren sind, kann’s.
So wie heute der Bresemann. Der kann’s nicht.
Sie würden mir einen Gefallen tun, wenn Sie die Bresemänner in Zukunft
weglassen würden, vielleicht zugunsten von ein paar Franzosen oder
Engländern.

Mit freundlichen Grüßen
Frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr
XYZ“

Nicht daß ich was gegen Franzosen und Engländer hätte. Aber natürlich sehe ich die Literatur der nach 45 Geborenen anders als der XYZ-Anonymus.

Ich will nicht behaupten, daß die zitierten Urteile, denen sich viele ähnliche hinzustellen ließen, in irgendeinem Zusammenhang stünden. Jeder darf sich seine Hausgötter selber aussuchen, und wer jetzt kein Haus hat, kann ja nachplappern, was ihm andere einflüstern. Wer ist der Größte: Goethe oder Bresemann? (Nur mal weil er da genannt wurde). Brecht oder Benn? (Spiegel und Junge Freiheit nehmen den Ball gern auf).

Und wer ist der Dritte im Bunde: Kurt Eggers? In einem Wunderwerk deutscher Lexikonkunst, erschienen bei Kröner in Stuttgart 1984, bitte merken Sie sich die Jahreszahl, steht er zwischen Kasimir Edschmid, den einige kennen, und Wilhelm Ehmer, den kaum jemand kennt. (Sonst gibt es in dem Band u.a. Achternbusch, Andersch, Benn, Bense, Bernhard… bis Gomringer, Grass, Gurk. „Ehmer, Wilhelm, der die Silberne Medaille im Literaturwettbewerb (Gruppe „Epos“) der elften Olympischen Spiele 1936 erhielt (…) schuf mit seinen „Gedanken eines Deutschen im Kriege“ gegen England, „Die Kraft der Seele“ (40), vom OKW.* geförderte, weit verbreitete und ethisch bedeutsame Betrachtungen und Auseinandersetzungen, die mit denkerischen Begründungen Front und Heimat aus innerer Notwendigkeit zur Bejahung des Krieges führen.“ – Wohlgemerkt 1984, nicht 44. Franz Lennartz, Herausgeber und Autor jenes Lexikons, hat keine Probleme mit dem Jahr 1945, kein Loch nirgends. Zwischen 1938 und 1978 erschienen 11 Auflagen eines Lexikons der Gegenwartsliteratur, natürlich mit wechselnden Inhalten. Manche Autoren stehen nur zwischen 1938 und 1941 drin, wie Heinrich Anacker, Hans Baumann, Hanns Johst, Baldur von Schirach oder jener Gerhard Schumann, andere wie Brecht, Becher, Benn, Eich, Kafka oder Tucholsky kommen erst nach 1945 dazu, obwohl sie alle schon vorher publiziert hatten. 1978 kommen neu hinzu u.a. Friedrich Achleitner, Herbert Achternbusch, Arnfrid Astel, Volker Braun und Paul Wühr, es scheiden aus, man sehe: Hans Arp, Ingeborg Bachmann, Benn und Celan: alle tot! 1984 aber, Krönung eines Lebenswerks, sind alle wieder da. Oder fehlt einer? Nein. Alle Lebenden und Toten, Gerechten und Ungerächten, Nazis, Kommis, alle Sprachspieler und Reimbossler: da veranstaltet der Lexikonmacher eine Gesamtausgabe, in der alle jemals vertretenen Autoren enthalten sind, 845 Stück, in der jeweils letzten Fassung. Bei manchen wie auch Kurt Eggers also die Fassung von 41 und bei Andreas Okopenko und Oskar Pastior eben die von 78. Ein Lexikon, das man haben muß, so vollständig und grundehrlich, eben „deutsch“, was es ja ohnehin ist. 3 Bände plus Register im Schober. (So etwas gibt es heute nur noch bei Wikipedia).

Über Eggers weiß der wackere Lennartz in den Fassungen von 1938-41: „ein leidenschaftlicher nationaler Dichter der jungen Generation, bewährte sich als Lyriker, Dramatiker und Erzähler. (…) „Der Deutsche Dämon“ (37) findet in harten und gedankenscharfen Gedichten und Kampfgesängen gültigen Ausdruck.“ (Lennartz, a.a.O. 417f)

Wenn Sie noch kein Werk des drittgrößten deutschen Dichters gelesen haben, hier eine Probe:

Die Stunde des Soldaten

Hart dröhnt der Schritt der Bataillone,
Hell klingt der Stahl in Männerhand.
Es wanken Reiche, stürzen Throne,
Und aus dem Meer steigt neues Land.

Es schlägt die Stunde des Soldaten!
Er schreitet schweigend zum Gericht
Und formt die Welt mit seinen Taten,
Sein Willen gibt ihr das Gesicht.

Aus Blut und Eisen steht die Erde
Verjüngt aus Trümmern wieder auf.
Ein neuer Gott spricht jetzt sein „Werde“
Und weist den Welten ihren Lauf.

Aus: Kurt Eggers, Kamerad. Gedichte eines Soldaten. Leipzig: Schwarzhäupter-Verlag 1940, S. 11

Die Reime fest geschlossen, die klischeehaften Ideen zwischen Faustisch und SS: klar gibt es Leute, die das für große Dichtung halten. Ich aber brauche jetzt ein festgereimtes Gegengift, Sie finden es in der nächsten Nachricht.

* OKW: Oberkommando der Wehrmacht

119. Nahsehen in Vorpommern

Warum sieht das Wasser manchmal blau oder grün aus, obwohl es doch eigentlich farblos ist? Eine Frage, die manch ein Erwachsener nicht beantworten kann. Doch wer wöchentlich in der Kinderakademie der Künstlerin Agelika Janz vorbeischaut, der kann diese Frage beantworten. In die Kinderakademie kommen zum Beispiel Kita-Kinder aus Pasewalk, Viereck und rund 200 Mädchen und Jungen aus zwei Grundschulen der Region, die hier eine Förderung in Sachen Kunst und Kultur erfahren. „Für Pasewalk freue ich mich besonders, dass wir jetzt auch die Mädchen und Jungen aus der Kita „Haus der fröhlichen Jahreszeiten“ aus der Oststadt begrüßen können“, so Angelika Janz. Die rund 30 Kinder können Dank einer Sparkassenspende jetzt immer mit dem hin und her Bus gefahren werden. Jede Stunde beginnt mit einem kleinen Ritual. Jedes Kind legt aus Holzbuchstaben erst einmal seinen Namen. Vincent das Maler-Maskottchen – ein Bär mit Federkiel und Pinsel – sitzt immer bei einem der Kinder, das Geburtstag hat, neu oder auch einmal traurig ist. Alle Themen, die die Kinder über das Jahr behandeln, werden in einem Ich-Heft festgehalten. So wurden 2009 die vier Elemente, das Wasser, die Luft, das Feuer und die Erde besprochen und entsprechende Bilder dazu gemalt. Außerdem erfuhren die Mädchen und Jungen etwas über den Maler Vincent von Gogh und seine Arbeiten.

„Unser Motto ist ,Nahsehen statt Fernsehen‘“, meint Angelika Janz schmunzelnd. So gehöre auch dazu, sich in den Pausen Bücher anzuschauen oder zu tanzen. Und zum Schluss sind Qui Gong, das chinesische Gymnaistikspiel sowie das Vortragen eines Liedes auf der Flöte angesagt. Gestaunt hat Angelika Janz, als es darum ging, mit einem Portrait sich selbst dazustellen, was da für die Kleinen wichtig war, wie sie sich selbst sahen. „Die Tuchfühlung mit der Welt beginnt mit der Selbst-Wahrnehmung, die uns mit der Welt verbindet. Kultur ist das Transportmittel für Basiswissen“, ist Angelika Janz überzeugt. Es sei eine Möglichkeit, über den eigenen Tellerrand zu schauen und Grundlagen für das Selbstbewusstsein zu schaffen. Die Kinderakademie für alle Kitas in Pasewalk wird Dank der Stadt und der weiteren Unterstützung der Sparkasse auch 2010 weitergeführt, freut sich die Künstlerin. / Rita Nitsch, Nordkurier 18.12.

118. Praktikum bei www.lyrikline.org

Gesucht wird ein Assistent des Projektleiters, der ihm zuarbeitet bei: Korrespondenz mit Partnern und Autoren, Datenbearbeitung, bürotechnische Arbeiten und ggf. Veranstaltungsdurchführung
Ihr Profil
Organisationsfähigkeit, Fremdsprachenkenntnisse, sehr guter Umgang mit der deutschen Sprache, Interesse an Lyrik, Kenntnisse der Microsoft_office-Programme (Excel, Word etc.)
Wir bieten
Mitarbeit  bei der Betreuung des von der Literaturwerkstatt Berlin initiierten Webportals http://www.lyrikline.org, Sie ist eine Plattform für Lyrik, auf der Gedichte zu hören und in Übersetzungen zu lesen ist.  Ziel ist der internationale Austausch der Dichter, die Erhöhung der Rezeptionsmöglichkeiten der Lyrik weltweit

Arbeitgeber:
Literaturwerkstatt Berlin
Knaackstr. 97 (Kulturbrauerei)
10435 Berlin
Ansprechpartner:
Frau Samland
Telefon: 030 48 52 450
Telefax: 030 48 52 45 30
E-Mail: mail@literaturwerkstatt.org
Bewerbung:
Per E-Mail

117. Prise Hölderlin

Dieses überbordende, sinnlich-experimentelle Schreiben, das Friederike Mayröcker seit Jahrzehnten betreibt, scheint sich in seiner ekstatischen Diesseitigkeit seit jeher aus der Empörung über den Tod zu speisen. Im Gespräch mit Julia Kospach nennt sie ihn den Zerstörer, den großen Feind.

Den allergrößten Gegensatz dazu bildet Kospachs zweite Gesprächspartnerin, Ilse Aichinger, jene andere große alte Dame der österreichischen Literatur – sie wünscht sich zu verschwinden, sehnt den Tod als Erlösung herbei. Beide Interviews stehen sich gegenüber in einem kleinen Band des Berliner Mandelbaum-Verlages und werden ergänzt durch die Assemblagen Daniel Spoerris, der mit Abgelegtem, Welkem, Zerbrochenem die Poesie der Vergänglichkeit aufzeigt.

Aber auch Hölderlin war in den Texten Friederike Mayröckers lange schon da. Ihrer Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit kann der Leser weiter folgen, im jüngsten Gedichtband „Scardanelli“, der bei Suhrkamp erschienen ist – ein schmaler Band, in dem man lange lesen kann.

Das Buch führt in zwei Schritten in die nahe Gegenwart – ein erstes, Mayröcker-Lesern längst bekanntes Gedicht entstand bereits 1989. Es zeigt Tübingen, das „hellrote Hölderlinzimmer“, in dem sie schwebt, „diese Prise Hölderlin“. / Thomas Morawitzky, Stuttgarter Nachrichten 17.12.

116. Lyrikstationen 2009 (8)

Fortsetzungsessay von Theo Breuer

8

Orte der Augen

Gedichte, meine kleinen Archen

in der nacht setzen wir einander fort:
die perspektive einer nahen landschaft
zweier körper, deren wölbungen

zueinander fließen in atemgeräuschen.
auf fingerspitzen lesen wie die spuren
unsrer haut, wie wellen eines meeres,

das sich ins gespräch vertieft. Jedes mal
darin ist eine antwort auf etwas, das du nicht
beschreiben kannst; die kartographie einer liebe,

worin kein weg mehr vorgeschrieben, kein ziel,
nur dieser eine horizont, der ungefragt ertastet,
was wir fühlen: im schritt wird ein kuss

zum mund, in dem wir uns verlieren, körperlos
gebogen bis zum himmel, der zum schluss
in der luke über uns erscheint, ein fernes bild

der ungelesenen geräusche dieser nacht.

Christoph Leisten

Der gute Sinn, Gedichte in Anthologien und Zeitschriften zu veröffentlichen, liegt auch darin, hier auf eine wesentlich größere Leserschaft hoffen zu können als mit dem ei­genen Gedichtband (den es in vielen Fällen nicht einmal gibt). So mancher Autor weiß ein Lied davon zu singen, daß er seine poetische Präsenz in der Öffent­lichkeit mehr oder weniger den Magazinen, Online-Portalen und Sammelbänden ver­dankt.

Ganz anders Künstlerzeitschriften wie Holunderground oder Das zweite Bein: Die von Frank Milautzcki in der 6. Ausgabe als Kunstschachtel herausgegebene Zeit­schrift gibt es gerade mal in 30 Exemplaren. Hier findet Lyrik gleichsam unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt: Tut sie das nicht eigentlich immer? Erstaunlich preiswert ist die wohlgefüllte Faltschachtel, bis zum Rand gefüllt mit feinen Gedich­ten (Gedichte, meine kleinen Archen, Peter Rühmkorf in Akzente 3/09), u.a. von Anja Finger, André Schinkel, Walle Sayer und Christoph Leisten, und originellen (origina­len) Graphiken von Frank Milautzcki.

Auf einem Bein kann der Mensch bekanntlich nicht stehn, er braucht Das zweite Bein – und mehr:

  • Michael Arenz (Hg.), Der Mongole wartet
  • Heinz Ludwig Arnold, TEXT+KRITIK
  • Hubert Brunträger (Hg.), Zeichen & Wunder
  • Werner Bucher (Hg.), orte
  • Urs Engeler (Hg.), Zwischen den Zeilen
  • Andreas Heidtmann (Hg.), poet
  • Hadayatullah Hübsch (Hg.), Holunderground
  • Karl E. Jirgens (Hg.), Rampike
  • Michael Krüger (Hg.), Akzente
  • Frank Milautzcki (Hg.), Das Zweite Bein
  • André Schinkel (Hg.), oda – Ort der Augen
  • Helmut Schranz (Hg.), Perspektive
  • Sandra Uschtrin (Hg.), Federwelt
  • Stefanie Weh (Hg.), Decision
  • Norbert Weiß (Hg.), Signum

115. Der fremde Text

In der FR vom 17.12. ein offener Brief von Harry Oberländer an Richard Wagner zur Verteidigung von Werner Söllner. Schluß:

Als jemand, der das Glück hatte, sich nicht in einem totalitären System bewähren zu müssen, bin ich nicht bereit, mich auf einen Richterstuhl zu setzen. Was für ein System das war, davon hatte ich Anfang der achtziger Jahre keinen blassen Schimmer. Das hatte sich schlagartig geändert, als ich den eben ausgereisten Rolf Bossert kennen lernte. Wir hatten ein langes persönliches Gespräch. Als er über eine Hausdurchsuchung sprach, machte ich die Bemerkung: „Bei Hausdurchsuchungen hier ist die Polizei auch nicht zimperlich.“

Als Rolf Bossert daraufhin in Tränen ausbrach, hatte ich dauerhaft etwas gelernt. Sie schrieben: „Kaum war Werner Söllner als IM öffentlich geworden, traten die Verteidiger auf den Plan, die Freunde.“ Dabei wollte ich ungern fehlen, obwohl ich am liebsten nur das folgende Gedicht dazu geschrieben hätte:

Der fremde Text

Der fremde Text, der fugenlose,
hat mich in seiner Perfektion
begeistert und ich hörte schon
wie er verstummte. Eine Rose
ist eine Rose und das Wort das Wort.
Dann kam am Ende eine leere Zeile.
Die Wahrheit wartet, ohne jede Eile
wählt sie den Tag aus und den Ort.

Ich grüße Sie hochachtungsvoll

Harry Oberländer

114. Wie ein früher Hippie

Auf einem berühmten Foto sieht man ihn, langhaarig, langbärtig und ergraut, auf einem fellüberzogenen Sessel sitzen – wie ein früher Hippie. Sein großer Gedichtband, an dem er zeit seines Lebens schrieb, ihn ständig umgestaltete und erweiterte, heißt „Leaves of Grass“.

Im Deutschen wurde das lange, von der ersten Übersetzung des deutschen Freiheitsdichters Ferdinand Freiligrath 1868 angefangen, mit „Grashalme“ übersetzt. In der neuen Übersetzung von Jürgen Brocan, der als Erster das vollständige Buch, in der letzten autorisierten Ausgabe von 1891 – 92, ins Deutsche gebracht hat, heißt der Titel „Grasblätter“ – und hier zeigt sich schon die Besonderheit dieses Lyrikers und seines deutschen Übersetzers ganz prägnant: Es geht nicht nur um die Natur, sondern auch um die menschlichen Fähigkeiten und die menschliche Bearbeitung der Natur. Whitmans Titel bezieht sich auch auf die Druckersprache: „leaves“ meint hier „Papier“, „grass“ eine experimentell gesetzte Seite.

Whitman ist programmatisch ein demokratischer Dichter, er ist in vielerlei Hinsicht der erste Poet der modernen Demokratie, der Massendemokratie. Zeilen wie die folgenden wirkten auch in den USA in der Mitte des 19. Jahrhunderts provozierend, im alten Europa aber geradezu elektrisierend: „Das Selbst sing ich, die schlichte Einzelperson. / Doch spreche das Wort demokratisch, das Wort en-masse.“

Es ist eine Feier des Alltäglichen, eine Feier aller Erscheinungen des menschlichen Lebens, ohne hierarchische oder soziale Unterschiede. Es geht um Jahreszeiten und das Wetter genauso wie um die Industrialisierung, die Mechanik und die neuen Werkzeuge und Instrumente. In Whitmans freien Rhythmen tauchen plötzlich auch Wörter wie „Wissenschaft“ oder „Evolution“ auf – er besingt alles. Es ist fast so, als ob die Sprache der Lyrik, der in der europäischen Tradition eine pathetische, hoch aufgeladene, künstlerische Ausdrucksweise zu eigen war, die sich von der Sprache des Alltags immer weiter entfernte, hier neu erfunden werden würde. / Helmut Böttiger, DLR 16.12.

Walt Whitman: Grasblätter.
Erstmals aus dem amerikanischen Englisch vollständig übertragen und herausgegeben von Jürgen Brocan.
Hanser Verlag, München 2009, 877 Seiten, 39,90 Euro