117. Prise Hölderlin

Dieses überbordende, sinnlich-experimentelle Schreiben, das Friederike Mayröcker seit Jahrzehnten betreibt, scheint sich in seiner ekstatischen Diesseitigkeit seit jeher aus der Empörung über den Tod zu speisen. Im Gespräch mit Julia Kospach nennt sie ihn den Zerstörer, den großen Feind.

Den allergrößten Gegensatz dazu bildet Kospachs zweite Gesprächspartnerin, Ilse Aichinger, jene andere große alte Dame der österreichischen Literatur – sie wünscht sich zu verschwinden, sehnt den Tod als Erlösung herbei. Beide Interviews stehen sich gegenüber in einem kleinen Band des Berliner Mandelbaum-Verlages und werden ergänzt durch die Assemblagen Daniel Spoerris, der mit Abgelegtem, Welkem, Zerbrochenem die Poesie der Vergänglichkeit aufzeigt.

Aber auch Hölderlin war in den Texten Friederike Mayröckers lange schon da. Ihrer Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit kann der Leser weiter folgen, im jüngsten Gedichtband „Scardanelli“, der bei Suhrkamp erschienen ist – ein schmaler Band, in dem man lange lesen kann.

Das Buch führt in zwei Schritten in die nahe Gegenwart – ein erstes, Mayröcker-Lesern längst bekanntes Gedicht entstand bereits 1989. Es zeigt Tübingen, das „hellrote Hölderlinzimmer“, in dem sie schwebt, „diese Prise Hölderlin“. / Thomas Morawitzky, Stuttgarter Nachrichten 17.12.

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