120. Der drittgrößte Dichter

Zu den zehn Nazi-Autoren, die Düsterberg zusammen mit acht seiner Schüler und dem Wirtschaftsjournalisten Marc-Wilhelm Kohfink in Porträts vorstellt, gehört auch Gerhard Schumann, dessen Werdegang Jan Bartels beschreibt.

Bartels versucht, ein „differenziertes Bild der kulturpolitischen und literarischen Tätigkeiten Schumanns“ zu zeichnen. Wie den zusammengestellten sozio-biografischen Daten zu entnehmen ist, trat Schumann 1930 in die NSDAP ein, wurde SA-Standartenführer, SS-Obersturmführer, Reichskultursenator und damit Mitglied in der Reichskulturkammer sowie Präsidialrat in der Reichsschrifttumskammer. Im Frühjahr 1942, als die militärische Situation für das Reich schwierig geworden war und die Nazis um so mehr in Führungspositionen „ideologiefeste Parteigenossen“ brauchten, wurde er zum Chefdramaturgen des Württembergischen Staatstheaters ernannt. 1943 schrieb er das als „Durchhaltedrama“ eingestufte Stück „Gudruns Tod“. Rechnet man noch die Preise hinzu – in den Jahren 1935 und 1936 wurden Schumann der Schwäbische Dichterpreis, der Lyrikpreis der Dame und der Nationale Buchpreis verliehen – dann ist klar, dass man Schumann zu den Nazi-Dichtern zählen muss, auch wenn er sich gegen diese Einordnung in der Nachkriegszeit heftig zur Wehr setzte und den Versuch unternahm, sich als Dissident zu inszenieren.

Es gelang ihm sogar mit diversen Tricks, die zunächst erfolgte Einstufung als „Minderbelasteter“ bei dem gegen ihn angestrengten Spruchkammerverfahren (zu dem er als Hauptschuldiger vorgeladen war) in einem zweiten Verfahren aufheben zu lassen. Nun hatte Schumann freie Bahn, um seine literarischen Tätigkeiten fortzusetzen: Er positionierte sich „im national-konservativen politischen Spektrum der Bundesrepublik, fügte sich nahtlos ein in den anti-kommunistischen Zeitgeist des Kalten Krieges“.

Schumann betätigte sich als Verleger, pflegte Kontakte zu seinen alten Gesinnungsgenossen und schrieb weiterhin politische Lyrik „für die neo-nazistische Deutsche Wochenzeitung“. Von einer „inneren Umkehr“ konnte demnach keine Rede sein. Die Anerkennung von bestimmter Seite blieb nicht aus: „Für sein ‚tapferes Bekennen zu Volk und Vaterland‘ erhielt Schumann 1981 die ‚Ulrich-von-Hutten-Medaille‘ des gleichnamigen Freundeskreises, zwei Jahre später schließlich nahm der Dichter auch den ‚Schillerpreis des deutschen Volkes‘ entgegen – wiederum verliehen vom rechtsextremen DKEG“ (= Deutsches Kulturwerk Europäischen Geistes, eine der NPD nahe stehende Organisation).

Neben dem „nationalen Sozialisten“ Gerhard Schumann werden folgende Schriftsteller in dem von Rolf Düsterberg herausgegebenen Band vorgestellt, die das Dritte Reich „herbeigesehnt, herbeigeschrieben, herbeiagitiert und schließlich […] etabliert und konsolidiert“ haben:

Hermann Burte – der Alemanne (1879-1960), von Kathrin Peters, Artur Dinter – der antisemitische Spiritist (1876-1948), von Uwe Hirschauer, Kurt Eggers – der intellektuelle Schläger (1905-1943), von Julia Liebich, Hanns Johst – der Literaturfunktionär und Saga-Dichter (1890-1978), von Rolf Düsterberg, Heinrich Lersch – der Arbeiterdichter (1889-1936), von Steffen Elbing, Eberhard Wolfgang Möller – der „nationale Amtsdichter“(1906-1972), von Marc-Wilhelm Kohfink, Hans Rehberg – der Preuße (1901-1963), von Sonja Gevers, Rainer Schlösser – der Dichter-Soldat (1899-1945), von Stefan Hüpping, Tüdel Weller – der Propagandadichter (1902-1970), von Janin Egbers. …

Schockierend wirkt die Feststellung von Julia Liebich, wonach die Publikationen von Kurt Eggers bis in die Gegenwart fortwirken und dieser „Trommler der NS-Bewegung“ heute „der neo-nationalsozialistischen Jugend […] immer noch als Idol“ gilt. Als Beleg führt sie beispielsweise die Aussage von Siegfried Tittmann an, stellvertretender Bundesvorsitzender der Deutschen Volksunion (DVU), der Eggers als bedeutendsten deutschen Dichter neben Goethe und Schiller bezeichnet. Dabei sind die Taten, mit denen der fanatische Antisemit Eggers sich brüstete, an Abscheulichkeit kaum zu überbieten. Seine Werke, mit denen er das Soldatentum feiert, wollte er als „Kriegsrufe“ verstanden wissen.

/ Erhard Jöst, literasturkritik.de

Rolf Düsterberg (Hg.): Dichter für das „Dritte Reich“. Biografische Studien zum Verhältnis von Literatur und Ideologie.
Aisthesis Verlag, Bielefeld 2009.
336 Seiten, 29,90 EUR.
ISBN-13: 9783895287190

Das Jahr 1945 wurde von den Schriftstellern als „Stunde Null“ und Tabula Rasa bezeichnet – nur woher so schnell neue „rasierte“ Menschen nehmen? Selbst die neuen Texte kamen ja nicht selten aus der Manuskriptschublade. Die DDR-Literaturwissenschaft setzte von 1945 bis Anfang der 60er Jahre die Phase der „Herausbildung der DDR-Literatur“ an (Kurze Geschichte der deutschen Literatur. Berlin: Volk und Wissen 1981). Auch der Thüringer Barde Uwe Lammla setzt eine Zäsur, wenn er schreibt: „Ich habe also guten Grund zu der Behauptung, daß etwas faul sei im Vaterlande, und zwar seit 1945.“ (So auf seiner Homepage, ähnlich auch andernorts, etwa in seinem Essayband „Erlkönig“, Arnshaugk 2003, in dem Text „Das Reimgedicht. Ein modernes Tabu“.) Ich hab das gelegentlich hier kommentiert (bequem über die Suchfunktion in der rechten Spalte zu finden).

Heute lese ich die Grenzscheide 1945 erneut in einem Kommentar bei Facebook, und zwar zu einem Gedicht Tom Bresemanns in Gregor Koalls Lyrikmail:

„Sehr geehrter Herr Koall,
mir Schmunzeln und Vergnügen und nachdenklichem Herzen lese ich viele
Lyrikmail-Gedichte.

Nur: Mir ist aufgefallen: Keiner von denen, die nach dem 2. Weltkrieg
geboren sind, kann’s.
So wie heute der Bresemann. Der kann’s nicht.
Sie würden mir einen Gefallen tun, wenn Sie die Bresemänner in Zukunft
weglassen würden, vielleicht zugunsten von ein paar Franzosen oder
Engländern.

Mit freundlichen Grüßen
Frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr
XYZ“

Nicht daß ich was gegen Franzosen und Engländer hätte. Aber natürlich sehe ich die Literatur der nach 45 Geborenen anders als der XYZ-Anonymus.

Ich will nicht behaupten, daß die zitierten Urteile, denen sich viele ähnliche hinzustellen ließen, in irgendeinem Zusammenhang stünden. Jeder darf sich seine Hausgötter selber aussuchen, und wer jetzt kein Haus hat, kann ja nachplappern, was ihm andere einflüstern. Wer ist der Größte: Goethe oder Bresemann? (Nur mal weil er da genannt wurde). Brecht oder Benn? (Spiegel und Junge Freiheit nehmen den Ball gern auf).

Und wer ist der Dritte im Bunde: Kurt Eggers? In einem Wunderwerk deutscher Lexikonkunst, erschienen bei Kröner in Stuttgart 1984, bitte merken Sie sich die Jahreszahl, steht er zwischen Kasimir Edschmid, den einige kennen, und Wilhelm Ehmer, den kaum jemand kennt. (Sonst gibt es in dem Band u.a. Achternbusch, Andersch, Benn, Bense, Bernhard… bis Gomringer, Grass, Gurk. „Ehmer, Wilhelm, der die Silberne Medaille im Literaturwettbewerb (Gruppe „Epos“) der elften Olympischen Spiele 1936 erhielt (…) schuf mit seinen „Gedanken eines Deutschen im Kriege“ gegen England, „Die Kraft der Seele“ (40), vom OKW.* geförderte, weit verbreitete und ethisch bedeutsame Betrachtungen und Auseinandersetzungen, die mit denkerischen Begründungen Front und Heimat aus innerer Notwendigkeit zur Bejahung des Krieges führen.“ – Wohlgemerkt 1984, nicht 44. Franz Lennartz, Herausgeber und Autor jenes Lexikons, hat keine Probleme mit dem Jahr 1945, kein Loch nirgends. Zwischen 1938 und 1978 erschienen 11 Auflagen eines Lexikons der Gegenwartsliteratur, natürlich mit wechselnden Inhalten. Manche Autoren stehen nur zwischen 1938 und 1941 drin, wie Heinrich Anacker, Hans Baumann, Hanns Johst, Baldur von Schirach oder jener Gerhard Schumann, andere wie Brecht, Becher, Benn, Eich, Kafka oder Tucholsky kommen erst nach 1945 dazu, obwohl sie alle schon vorher publiziert hatten. 1978 kommen neu hinzu u.a. Friedrich Achleitner, Herbert Achternbusch, Arnfrid Astel, Volker Braun und Paul Wühr, es scheiden aus, man sehe: Hans Arp, Ingeborg Bachmann, Benn und Celan: alle tot! 1984 aber, Krönung eines Lebenswerks, sind alle wieder da. Oder fehlt einer? Nein. Alle Lebenden und Toten, Gerechten und Ungerächten, Nazis, Kommis, alle Sprachspieler und Reimbossler: da veranstaltet der Lexikonmacher eine Gesamtausgabe, in der alle jemals vertretenen Autoren enthalten sind, 845 Stück, in der jeweils letzten Fassung. Bei manchen wie auch Kurt Eggers also die Fassung von 41 und bei Andreas Okopenko und Oskar Pastior eben die von 78. Ein Lexikon, das man haben muß, so vollständig und grundehrlich, eben „deutsch“, was es ja ohnehin ist. 3 Bände plus Register im Schober. (So etwas gibt es heute nur noch bei Wikipedia).

Über Eggers weiß der wackere Lennartz in den Fassungen von 1938-41: „ein leidenschaftlicher nationaler Dichter der jungen Generation, bewährte sich als Lyriker, Dramatiker und Erzähler. (…) „Der Deutsche Dämon“ (37) findet in harten und gedankenscharfen Gedichten und Kampfgesängen gültigen Ausdruck.“ (Lennartz, a.a.O. 417f)

Wenn Sie noch kein Werk des drittgrößten deutschen Dichters gelesen haben, hier eine Probe:

Die Stunde des Soldaten

Hart dröhnt der Schritt der Bataillone,
Hell klingt der Stahl in Männerhand.
Es wanken Reiche, stürzen Throne,
Und aus dem Meer steigt neues Land.

Es schlägt die Stunde des Soldaten!
Er schreitet schweigend zum Gericht
Und formt die Welt mit seinen Taten,
Sein Willen gibt ihr das Gesicht.

Aus Blut und Eisen steht die Erde
Verjüngt aus Trümmern wieder auf.
Ein neuer Gott spricht jetzt sein „Werde“
Und weist den Welten ihren Lauf.

Aus: Kurt Eggers, Kamerad. Gedichte eines Soldaten. Leipzig: Schwarzhäupter-Verlag 1940, S. 11

Die Reime fest geschlossen, die klischeehaften Ideen zwischen Faustisch und SS: klar gibt es Leute, die das für große Dichtung halten. Ich aber brauche jetzt ein festgereimtes Gegengift, Sie finden es in der nächsten Nachricht.

* OKW: Oberkommando der Wehrmacht

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