124. Neuropolitik Teil II: „Sind die Monster zahm geworden?“

„As long as presidents and politicians in general
behave like criminals in the opinion of their nations,
there will be people angry enough to stop them.
So better be honest to survive as a leader!“

(Ernest Otto Friedell 1898-1993)

G&GN-INSTITUT BERLIN New Cologne (Teil I siehe 6.9.09) / Was „politische Lyrik“ sei, beantwortet Tom de Toys seit über 20 Jahren mit seiner „Direkten Dichtung“ auf seine eigene Art, nämlich in einem unzeitgemäßen Versuch, sowohl seelische als auch soziale Themen in einer interdisziplinären Fusion zu synchronisieren. Zu Zeiten der „SocialBeat“-Bewegung brauchte man weder die „politische“ Frage (man hatte „seinen“ Brinkmann) noch die „spirituelle“ (man hatte „seinen“ Ginsberg) zu stellen: man war SOWIESO voller „Wut“ UND „Visionen“ (in einem damaligen Radio-Interview mit Hadayatullah Hübsch anläßlich eines der legendären SB-Festivals schön dokumentiert), BEIDE Denkfiguren waren die seelischen (Ab-)Gründe, um überhaupt als Dichter öffentlich zu werden! Und auch in den späten 90ern des letzten Jahrhunderts waren die anfänglichen Poetry Slams noch ganz selbstverständlich eine brodelnde Politperformance. Die „INFLATION DES KRITISCHEN“ im sogenannten „Underground“-Literaturbetrieb bis zum Endstadium des Verfalls aller authentisch „engagierten“ Textproduktionen erreichte ihren Höhe- und Schwerpunkt in der neuen Gattung der „Comedyliteratur“, die sich gerne hinter dem etwas cooler klingenden Markenzeichen „Clubliteratur“ versteckt. Heroische Anti-Koma-Ausnahmen in diesem salonfähig etablierten, dekadenten, massenmedienkompatiblen Slambetrieb bilden heutzutage grandiose kritische Texter & Performer wie der erwachsen gewordene Toby Hoffmann und die Wienerin melamar, aber die restlichen angeblichen „Monster“-Poeten (apropos: als Dichtermonster bezeichnete sich De Toys bereits 1994, die FAZ griff das dann 1997 im Autorenportrait auf) treiben eher „bemüht“ alkoholisiert oder akademisiert durch die jeweilige Splittergalaxie… Eine wirkliche „WÜTEND-VISIONÄRE“ Vernetzung der ganzen Bandbreite „subversiver“ Poeten im deutschsprachigen Raum, um zu einem fulminanten Schlag gegen die Oberflächlichkeit der Gegenwart auszuholen (ja, es gab solche Anliegen einmal wirklich – lang ists her! Gruß an Yussuf Schönauer & Thomas Nöske), scheitert letztlich daran, daß es gar keinen Begriff von Subversion mehr in einem alles als Pop „komplex“ aufsaugenden Zombietum gibt (Adonis ist tot, Adorno auferstanden!) – oder um es mit einem Slogan zu sagen, den man in manchen Szene-Locations auf T-Shirts gedruckt lesen kann: „THE REVOLUTION IS NOT TELEVISED“. Soll heißen: wer was wann wo eigentlich wirklich tut, um die Welt zu verändern, steht in den Sternen (manchmal auch in Pommern), aber nicht in den Büchern… also wird Hubble die Zeichen bestimmt bald entziffern 🙂 Zum Abschluss dieses kurzen Ausfluges in die Tiefenprärie der Schöngeistigkeit möge ein brandneues Poem von De Toys erwähnt sein, das soeben in dessen myspace-Blog aktiviert wurde, wo es nun die nächsten Jahre digital abkühlen kann:

Tom de Toys, 14.+18.12.2009

XX-MAS(ZEN)

wieviele jahre sollen noch nutzlos
an uns vorüber ziehen und wieso
versuchen verantwortliche vor der
wahrheit wie wundern zu fliehen
sobald der erste schnee rieselt wird
jeder reiche zum mörder in anderen
regionen des paradieses bedarf es
keiner chemischen zauberei die
allerkleinsten engelwesen mutieren
durch außerirdische gesetzeslücken
zu eintagsfliegen als vorspeise für
präsidenten im hochsicherheitstrakt

INTERNETQUELLEN:

TOM DE TOYS „XX-MAS(ZEN)“ © by G&GN-Trademark POEMIE:
http://blogs.myspace.com/index.cfm?fuseaction=blog.view&friendId=482406116&blogId=522737337

MELAMAR: http://www.myspace.com/melamarpoetry

TOBY HOFFMANN: http://www.myspace.com/hoffmannpoetry

6 Comments on “124. Neuropolitik Teil II: „Sind die Monster zahm geworden?“

  1. Pingback: 52. Neuropolitik Teil III: „KOMMUNISMUS & KAPITALISMUS SIND BEIDE DASSELBE ANGSTVERWALTUNGSPRINZIP“ « Lyrikzeitung & Poetry News

  2. die telefonische live-uraufführung des poems „XX-MAS(ZEN)“ geschah am gestrigen 20.12.09 in Köln im ausstellungsraum Jürgen Bahr:

    http://www.juergenbahr.com

    im rahmen der ausstellung von PETER RECH. der vortragende dichtger befand sich mit seinem zugeschalteten telfon während seiner lesung in NEU-kölln.

    wußten sie, daß Köln und Neukölln offizielle PARTNERSTÄDTE sind??? ist das nicht schöööön!!!!!!!

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  3. AKTUELLER DENN JE!!! „Immer enger werden die Maschen des Ganzen nach dem Modell des Tauschakts geknüpft. Es läßt dem einzelnen Bewußtsein immer weniger Ausweichraum, präformiert es immer gründlicher, schneidet ihm a priori gleichsam die Möglichkeit der Differenz ab, die zur Nuance im Einerlei des Angebots verkommt. Zugleich macht der Schein der Freiheit die Besinnung auf die eigene Unfreiheit unvergleichlich viel schwerer, als sie im Widerspruch zur offenen Unfreiheit war, und verstärkt so die Abhängigkeit.“
    Theodor W. Adorno: KULTURKRITIK UND GESELLSCHAFT (1949/1951)

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  4. wow, danke, verehrter gratz, für die ergänzung. du weißt, WIE dankbar ich für deine mühe bin… ich war in der zwischenzeit auch fleißig: hier nun das video vom sonnenuntergang mit aufsteigendem mövenschwarm, fast so schön wie bei euch da oben!

    http://vids.myspace.com/index.cfm?fuseaction=vids.individual&videoid=101506438&release=101859259

    leider wie immer bei myspace: die verarbeitung dauert bis zu ZWEI TAGEN, bis man den kompletten track sehen kann. aber in den ersten fünf minuten kriegt man schon einen recht netten eindruck der situation 🙂 ICH WÜNSCHE DIR NOCH EIN ERHOLSAMES WOCHENENDE – MACH NE PAUSE ZWISCHENDURCH: POESIE IST NICHT ALLES (HAHA, ICH SITZ IM GLASHAUS, ICH WEISS, ABER ICH WERF NUR MIT KAMELLE)

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  5. deutschlandradio jetzt !!!! michael, bist du online! schalts radio ein, irgendne alte dichterin redet!!! sehr berührend, keine ahnung wers ist!!!!!

    hahahaha, es war die mayröcker, schon vorbei, mist. wow, die spricht super ruhig und tief, sehr sehr gut!!!!

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  6. danke, michael. ich hatte bei einer einzigen stelle im tex ein „mulmiges“ gefühl, meine innere stimme sagte, da ist ein „schönheitsfehler“… aber es bedurfte erst eines mehrstündigen spaziergangs im frostigen sonnenuntergang, bis es beim anblick eines aufsteigenden vogelschwarms am urban-ufer „klick machte“: der satzteil

    „treiben eher „bemüht“ alkoholisiert durch die jeweilige Splittergalaxie“

    gehört ERGÄNZT UM EINE KLEINE FEINE ERWEITERUNG, so daß er so lauten muß:

    treiben eher „bemüht“ alkoholisiert oder akademisiert durch die jeweilige Splittergalaxie“

    um die real-existente palette abzudecken. als beispiel möge hier z.b. „TITEL – Das Magazin“ (im internet, heißt doch so in etwa?) gelten, deren macher ja inzwischen doktoren sind, aber damals eins der ambitioniertesten und bestkopiertesten (gestochen satt schwarz, kein trash!) underground-zeitschriften machten (daß sie trotzdem artige studenten waren, wußte ich damals gar nicht!): „LABYRINTH & MINENFELD“, dessen legendärste ausgabe vom G&GN-institut jahrelang als verkleinerte raubkopie kostenlos in umlauf gebracht wurde 🙂 michael: bitte bitte übernimm die ERGÄNZUNG des satzes in meinen offiziellen ticker, ok? es ist mir ein herzensanliegen, daß VOLLSTÄNDIG ist, was vollständig sein kann (manchmal „sieht“ man ja einfach nicht sofort „das ganze“, so wie bei meinem greifswalder sonett, das erst nach jaaaahren das richtige fehlende wort erhielt)

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