Rezension der Anthologie „Der gelbe Akrobat“ von Werner Friebel auf literaturkritik.de. Zur Feier des (kürzesten) Tages hier mal ein paar Abschnitte mit Anmerkungen von mir (rot).
So schlecht kann heutzutage die Zeit für Gedichte in der öffentlichen Wahrnehmung gar nicht sein, wenn sogar Bundespräsident Horst Köhler* anlässlich des zehnjährigen Jubiläums von „lyrikline.org“, dem Internetprojekt für Gedicht-Originalrezitationen, im Oktober 2009 medienwirksam die Bedeutung der Poesie würdigte: „Warum sind für viele Menschen Gedichte so wichtig – und vorgelesene Gedichte erst recht? Weil Gedichte die dichteste, anspruchsvollste und subjektivste Art sind, Sprache zu gestalten, die Welt ins Wort zu fassen, die Existenz zum Ausdruck zu bringen. Gedichte sind kleine Widerstandsnester gegen die riesige Flut an Sprachmüll, der uns täglich aus allen Medien entgegenkommt.“ **
*) „Klassikerzitat“! „sogar Horst Köhler“, wie peinlich
– und beweist es das wirklich?
**) pikant, u. dumm, weil der Redner, sicher unbewußt, soeben selb- und allermeist zu dieser „Müllflut“ beiträgt
Auch wenn diese euphemistische Einschätzung der zeitgenössischen Lyrikrezeption vielleicht* nicht mehr als eine kulturidealistische Beschwörungsfloskel war, lässt sich in der Tat beobachten, dass die Zahl der auf Papier publizierten Gedichtbände seit ein paar Jahren deutlich ansteigt**, allerdings hauptsächlich im Portfolio der Klein- und Selbstverlage***. Denn die im Zuge der Digitalisierung stark gesunkenen Kosten für Print-On-Demand lassen zumindest die in Standardformaten gedruckten Bücher zu überschaubaren finanziellen Risiken werden und weil ein Stück Leseholz neben den haptischen Annehmlichkeiten gegenüber Bildschirm und Plastikmaus vor allem eine vermeintlich bessere Reputation und Rezeption verspricht, blüht der Markt der Eitelkeiten im Lit-Bizz in oft blickverstellendem Wildwuchs**** – eben nicht immer im positiven Sinn von Köhlers Grußwort, sondern oft auf dem Mist windiger Geschäftemacher.
*) „vielleicht“, hah!
**) jetzt noch die „Bücherflut“ (in den 90ern wars die „Asylantenflut“)
– aber liegt das Problem wirklich darin? Letztlich übernimmt er die herrschende Argumentation des Literaturbetriebs, daß aus der „Flut“ nur die 1 od. 2 Dutzend Autoren wesentlich sind, die „sie“ kennen + besprechen! Die „Flut“-Metapher hat wohl immer diese Funktion!
***) „Kleinverlage“: weiß der nicht, daß die das Herz der deutschen Lyrik sind? Taschenspielertrick, „Kleinverleger“ in die „Flut“ einzuordnen!
****) „blickverstellendem Wildwuchs“ !! er möchte sich nicht von zu vielen Büchern u. Namen „den Blick verstellen“ lassen: brav!
Deshalb ist auch bei etlichen Lyrik-Anthologien von Verlagen mit teilweise hochtrabenden Namen Vorsicht geboten*, weil damit oft nur möglichst viele (Autoren-)Fliegen mit einer Klappe geklatscht werden sollen, etwa durch Druckkostenbeteiligungen, käuflich zu erwerbende Mindestabnahmemengen oder schlichtweg zur Aquise für weitergehende „Geschäftsbeziehungen“. Aus diesem Sumpf von Büchern-die-die-Welt-nicht-braucht ist es für Lyrikinteressierte oft schwierig, die ernsthaft und sorgfältig editierten Anthologien herauszufischen**, die auch ästhetisch-intellektueller Wegweiser*** im Szene-Dschungel**** und Appetizer auf mehr sein können.
*) Richtig! Wäre noch besser, wenn er Namen u. Titel nennte!
**) dafür ist ja die Kritik da, oder?
***) ä.-i. Wegweiser, nana!
****) „Szene-Dschungel“: bitte bitte nicht so viele Bücher schreiben, die „Wegweiser“ verlieren sonst die Übersicht!
Ein solch anspruchsvolles Unternehmen hatten sich der Publizist und Suhrkamp-Autor Michael Buselmeier und der Lyrikspezialist Michael Braun vorgenommen, als sie nun für den Buchverlag des Leipziger „Poetenladen“ die Lyrik-Anthologie „Der gelbe Akrobat“ mit 100 deutschen Gedichten der Gegenwart zusammenstellten, um damit einen profunden Überblick der stilistisch und inhaltlich vielfältigen deutschsprachigen Lyrikszene zu vermitteln.
*) Anspruchsvoll, profund, vielfältig: vgl. Gertrude Steins Warnung vor Adjektiven (Gertrude Stein: Was ist englische Literatur und andere Vorlesungen in Amerika. Zürich: Verlag der Arche 1965)
Michael Braun und Michael Buselmeier, die schon lange als engagierte Herausgeber und kompetente Kritiker deutschsprachiger Lyrik bekannt und „im Geschäft“ sind, ging es dabei nicht um ein buchhandelskompatibles Potpourri von „Greatest Hits“ aus deutschen Feuilletons, sondern um eine dezidiert subjektive Auswahl aus den Texten, die seit 1991 im Kulturteil der Wochenzeitung „Freitag“ aus Jahrbüchern und Literaturzeitschriften zusammengetragen und dort publiziert worden waren.
Diese Vorselektion minderte sicher die Gefahr* des Sich-Verlierens in der überbordenden Materialfülle, ließ dabei aber zwangsläufig** viele wichtige und erfrischende Stimmen, vor allem der jüngeren Lyrikszene, außen vor. Immerhin reichen sich in dieser Sammlung viele „Groß-Dichter“ seitenweise die Verse und neben bekannten Namen finden sich viele unbekannt gebliebene, teilweise vergessene, oft aber wortmächtige Autoren aus dem „literarischen Unterholz“*** mit teilweise**** bemerkenswerten Gedichten. Dass diesen die verdiente Reputation versagt blieb, zeige laut den Herausgebern, „wie ungerecht die selektierende Literaturkritik häufig verfährt“. Konsequenterweise haben die beiden bei ihrer Textauswahl „literaturkritische Kurzschlüsse“ und „literaturkritischen Opportunismus“ zu vermeiden versucht und stattdessen, oft auch spontan, das „jeweilige ästhetische Erregungspotential“ des Autors zugrunde gelegt.
*) als wären die genannten Kenner sonst in der Gefahr, sich in der „Flut“ zu verirren (ersaufen hieße es dann wohl)
**) „zwangsläufig“: nicht gerade logisch. Offenbar von seiner eigenen bildlichen Argumentation getrieben bemäntelt er einen Mangel der Anthologie mit einer Zwangsläufigkeit. Ergo: Wer sich der Flut entgegenstemmen will, darf nicht zu tief in die junge Szene blicken, hehe!
***) Hier stellt er die guten, weniger bekannten Autoren gegen die „Szene-Flut“
****) in unscheinbaren Beiwörtern zeigt sich der Kenner
Die thematische Spannweite* der ausgewählten Texte reicht von der „Naturlyrik ohne falsche Behaglichkeit“ der Martha Saalfeld über Literaturbetriebs-Verweigerer wie den „verkannten**“ Wolfgang Dietrich bis zu dem Wiener Sprachanarchisten und „Nestbeschmutzer“ Ernst Jandl, von dezidiert politisch und gesellschaftskritisch orientierten Autoren wie Volker Braun und dem umstrittenen kroatischen Reaktionär Marian Nakitsch bis zu Hilde Domins leiserer*** Widerstandshaltung, die sich im „Dennoch jeden Buchstabens“ als Wille zur Selbsterhaltung „im kleinen Ton meiner Stimme“ zeige. An Bord****) sind gemäß dem ,Arche-Noah-Prinzip‘ anthologischer Erfassung Ost- und Westdeutsche, Österreicher, Schweizer und als Stellvertreter der rumäniendeutschen Sprachinsel***** auch Autoren der „Aktionsgruppe Banat“, aus welcher ja auch Herta Müller stammt (die allerdings hier nicht vertreten ist).
* das ist ein breites Spektrum, löblichst über einige der Ränder hinausblickend (die anderen werden mit der Zwangsläufigkeit entschuldigt. Sage nicht ich, sondern der Kritiker)
Vieles wäre zu sagen davon, zB zum Jargon (ich habe einige Wörter im O-Text unterstrichen)
** verkannt von wem?
*** leiser als wer? der kroat. Reaktionär?
****) er bleibt der Metapher treu. „Das Boot ist voll“
*****) „Stellvertreter der rumän… Sprachinsel“, nunja, es sind deutsche Gedichte, eins von den 2 vertretenen in Deutschland geschrieben
…
In diesen Interpretationsminiaturen entwickeln die Herausgeber eine Vielfalt an fundierten Überlegungen, die sich wie Köhlers lyrikline-Grußwort auch* mit der Relevanz von Lyrik in einer Zeit beschäftigen, in der allerdings im Gegensatz zur präsidialen Botschaft „angesichts der sinnlichen Attraktivität der Massenmedien literarische Texte im Kalkül der Mächtigen keine Rolle mehr spielen“.
*) „fundierte Überlegungen“ wie Horst Köhler. Rezensent wird doch nicht gar sein ghost writer sein?
Dazu immer wieder Kennerblicke aufs „Eingemachte“* der Literaturtheorie wie etwa der ,Sprachreflexiven Dekonstruktion‘ am Beispiel Ulf Stolterfoht: „Zum Konzept der lyrischen De-Montage und De-Komposition gehört es auch, dass das eitle Auftrumpfen mit Reim und Metrum ironisch konterkariert wird.“ Mit der Gefahr, dass Lustigkeits-Überschwang unfreiwillig ins Kabarettistische kippen kann, hinüber zu „einer gewissen ironischen Überanstrengung, ja Redundanzen-Überschwemmung.“**
*) Halt so Kennerblicke: eingemachte Scheiße (vorher quirlen nicht vergessen!) – Im Ernst ein Rat für Rezensenten: wenn man zu oft auf Metaphern zurückgreifen muß, stimmt was nicht.
**) Redundanzen-Überschwemmung, ja, find ich auch!
Natürlich muss man nicht jeder Interpretation zustimmen*, zumal auch ein Lyrik-Insider** kaum alle Autoren kennen wird, aber glaubwürdig und authentisch erscheinen die Anmerkungen nicht zuletzt deshalb, weil sie auch die Schwächen einiger Texte bloßlegen, denn die Herausgeber haben sich nicht davor gescheut, den einen oder anderen „Durchhänger“ mit auf Tour zu nehmen. Dabei kommentieren sie sich ihre Auswahl nicht nur schön, sie können auch „böse“***, wenn sie etwa den einen oder anderen Autor der „biederen Reimerei“ überführen****, süffisant manche***** Ost-Dichter als „westwärts orientierte Leichtfüße mit einer Tendenz zum Witzeln“ karikieren und dabei auch keineswegs die Prominenz verschonen, wenn sie beispielsweise bei Peter Rühmkorf****** die „Alterslust vieler Dichter am Kalauer, an der nächstliegenden Pointe“ als „oft stupides Durchexerzieren von altherrenneurotischen Gelegenheitspoemen mit gewaltsam lustigen Capriccios“ konstatieren.
*) Natürlich nicht, danke!
**) das zumal; wer so spricht, meint natürlich sich: auch er kennt sie nicht alle!
***) sie können auch ironisch, schau an!
****) „überführen“
*****) „manche, einige, gewisse, sogenannte“ (schrieb mal der Ex-Ost-Dichter Kunert)
******) auch die Prominenz wird nicht verschont; v.a. die tote
Und ein aufmerksamer Leser wird nach diesen 100 so unterschiedlichen Gedichten wohl auch dem von Braun und Buselmeier gleich zweimal zitierten Ästhetiker Friedrich Theodor Vischer zustimmen, der einst in seiner Abhandlung über die „Wissenschaft des Schönen“ philosophierte: „Die lyrische Poesie ist ein punktuelles Zünden der Welt im Subjekt.“
Der Schlußsatz gibt noch mal eine gute Definition des „aufmerksamen Lesers“; der informierte könnte freilich die Achseln zucken. Vischer hatten wir im Grundkurs. (Ich im Osten, Braun im Westen).
Michael Braun / Michael Buselmeier (Hg.): Der gelbe Akrobat. 100 deutsche Gedichte der Gegenwart, kommentiert.
Poetenladen, Leipzig 2009.
360 Seiten, 19,95 EUR.
ISBN-13: 9783940691088
Während der Zeit der Veröffentlichung der „Lyrikstationen 2009“ in der Lyrikzeitung hat Theo Breuer weiter an Sprache und Layout des Texts gearbeitet, so daß der Essay, der nun als Ganzes und mit vielen farbigen Abbildungen angereichert im Poetenladen (http://www.poetenladen.de/) zu lesen ist, sich von der Version in der Lyrikzeitung an verschiedenen Stellen leicht unterscheidet. Die Stationen 4 und 12 haben sich durch Hinzufügungen inhaltlich verändert: Hier wurden noch einige Einzeltitel bzw. eine Reihe von Gedichten ergänzt sowie der Fließtext ganz am Ende dank zweier zwischenzeitlich eingetroffener Büchersendungen sowie eines hübschen Hinweises von Egon Günther (als Kommentar zur Einleitung / Nachricht 72) um einen Satz erweitert
„Unklarheit“ ist ein Stichwort in Raoul Tranchirers „Enzyklopädie für den unerschrockenen Leser“, ein gewiss existenzielles Problem: „Unter den Menschen herrscht eine beklagenswerte Unklarheit über die Verhältnisse“, heißt es da. Der Enzyklopädist will dem abhelfen und uns die Welt erklären, mit seinen Kollegen Wobser und Collunder und gegen seinen wissenschaftlichen Gegner Klomm, und wer begierig zur Behebung seiner Unklarheit weiterliest, findet sich zwar erhoben und erheitert, aber doch so ratlos wie zuvor: „Die eine Hälfte führt bei verkümmertem Leib ein schwächliches Dasein und lernt volle kräftige Lebensbewegungen überhaupt nicht kennen, während die andere Hälfte unter dem Gewicht ihres Körpers immer tiefer sinkt und sich kaum erheben und am Bewegungsleben teilnehmen kann.“ …
Anzuzeigen ist eine neue, die zweite, Ausgabe der Werke Ror Wolfs, auf zwölf Bände ist sie angelegt, die ersten beiden sind erschienen: Die Gedichte „in größtmöglicher Vollständigkeit“ unter dem Titel „Im Zustand vergrößerter Ruhe“, und ein Band der auf drei Bände angelegten Ausgabe der Raoul-Tranchirer-Enzyklopädien. Eine Prachtausgabe hat der Schöffling Verlag da hergestellt, großformatig, augenfreundlich gedruckt, in starkes rotes Leinen gebunden, zu einem zivilen Preis, der Enzyklopädienband im Vierfarbdruck, mit zahlreichen Collagen des Verfassers versehen. Eine reine Freude, und all das ohne jeden Jubiläums-Anlass; und kein Editionsgrab, sondern eine „Ausgabe letzter Hand“ – Ror Wolf hat die Prinzipien offenbar mitbestimmt und darüber entschieden, welche Teile seines Archivs er öffnet, was er den jeweiligen Band-Herausgebern zur Verfügung gestellt hat und was nicht. …
Besonders an den Gedichten kann man nun erneut studieren, wie sehr die Fußballsonette, Hans Waldmanns unendliche Abenteuer oder Pfeifers Reisen Wortmusik aufführen. Man muss diese „Klinggedichte“ laut lesen, wahrlich eine Abschaffung der Langeweile durch Musik, wie ein Gedicht heißt; durch Musik, und eben durch unentwegte Katastrophen: „Der Himmel knirscht, kein Rost, kein Bodenfrost./ Nur oben brennt das Ministerium,/ und in der Ferne explodiert die Post“. / FR 21.12.
Die RWW
Ror Wolf: Werke. Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2009.
Im Zustand vergrößerter Ruhe. Die Gedichte.
Hrsg. von Friedmar Apel. 478 Seiten,
49 Euro.
Raoul Tranchirers Enzyklopädie für unerschrockene Leser. Band II. Hrsg. von Thomas Schröder. 488 Seiten,
79 Euro.
Der französische Schriftsteller Jean-Pierre Rosnay starb am 19.12. in Paris im Alter von 83 Jahren. Bekannt wurde er in den 50er Jahren durch die Radiosendung Le Club des Poètes, die bis Ende der 60er lief. / pure people
San Francisco bleibt eine der weltgrößten Lyrik-Städte, und D.A. Powell ist ihr bester Dichter. Seine Gedichte kartographieren die geheimnisvollen Räume zwischen Innen- und Außenwelt und lenken den Blick auf ihre jeweiligen chronischen Gebrechen.
schreibt Dean Rader, San Francisco Chronicle vom 20.12. in einer Vorstellung der besten Gedichtbände 2009.
Stocking stuffers:
„Slamming Open the Door,“ by Kathleen Sheeder Bonanno (Alice James Books; 80 pages; $15.95); „The Looking House,“ by Fred Marchant (Graywolf; 63 pages; $15); „The End of the West,“ by Michael Dickman (Copper Canyon; 96 pages; $15); „And How to End It,“ by Brian Clements (Quayle; 122 pages; $14); „Sightmap,“ by Brian Teare (University of California Press; 96 pages; $16.95)
„Gott Richard Wagner“ nennt der Dichterfürst Stéphane Mallarmé den Komponisten. Es entsteht ein veritabler französischer „Wagnerisme“, der gleichermaßen Poeten, Komponisten, und Maler inspiriert. Maler wie Puvis de Chavanne, Gustave Moreau, Odilon Redon illustrieren seine Musikdramen, Schriftsteller wie Paul Verlaine, Karl Huysmans und René Ghil suchen nach literarischen Entsprechungen für das, was sich da auf der Ebene der Musik abspielt. Und der am 21. Dezember 1859 in Metz geborene Gustave Kahn, ein großer Verehren von Baudelaire und Verlaine, erlebt diese ästhetische Kulturrevolution als Poet und als Kritiker. In einem Artikel aus dem Jahr 1886 schreibt er:
„Das zentrale Ziel unserer Kunst ist es, das Subjektive zu objektivieren, also die Entäußerung der Idee, anstatt das Objektive zu subjektivieren, also die Natur, so wie ein Einzelner sie wahrnimmt. Vergleichbare Überlegungen haben sowohl zur harmonischen Vielfalt bei Wagner geführt als auch zu den neuesten Techniken der Impressionisten.“ …
Gustave Kahn blieb es vorbehalten, mit seinen 1887 unter dem Titel „Palais Nomades“ veröffentlichten Gedichten den Weg zum „Vers libre“ zum freien Versmaß aufzustoßen, und damit den forcierten Subjektivismus auch in die Formensprache hineinzutragen. Er musste sich diese Erfinderschaft allerdings mit anderen teilen, zu sehr sind seine Gedichte eingebettet in eine allgemeine poetische Bewegung. / Eberhard Spreng, DLR Kalenderblatt 21.12.
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
Gedichte
lies sie einmal dunkel
einmal hell
lies sie mit den Augen des Mittags
und lies sie
mit den Augen der Mitternacht
Werner Lutz, Kussnester
Klaus Anders, Silbermanns Rosen, 93 Seiten, Broschur, Wiesenburg, Schweinfurt 2009.
Michael Arenz (Hg.), Der Mongole wartet. Zeitschrift für Literatur und Kunst, 19. Ausgabe, mit Gedichten von Erwin Einzinger, Bernd HARLEM Fischle, Florian Günther, Michael Hillen, Holdger Platta u.a., 516 Seiten, Broschur, Zenon, Düsseldorf 2009.
Heinz Ludwig Arnold (Hg.), TEXT+KRITIK. Zeitschrift für Literatur, 184. Ausgabe: Carlfriedrich Claus, mit Klang-Gebilden und zahlreichen weiteren Texten von Carlfriedrich Claus sowie Beiträgen von Janet Boatin, Friedrich W. Block, Annette Gilbert, Michael Grote, Michael Lentz, Brigitta Milde und Günter Peters, 141 Seiten, Broschur, edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2009.
Heinz Ludwig Arnold und Hermann Korte (Hg.), Lyrik der DDR, mit einer Vorbemerkung und einem Nachwort der Herausgeber, 500 Gedichte von 180 Autorinnen und Autoren, darunter Erich Arendt, Johannes Bobrowski, Heinz Czechowski, Günther Deicke, Elke Erb, Jürgen Fuchs, Durs Grünbein, Peter Huchel, Jayn-Ann Igel, Peter Jokostra, Sarah Kirsch, Richard Leising, Inge Müller, Helga M. Novak, Detlef Opitz, Richard Pietraß, Christa Reinig, Lutz Seiler, Holger Teschke, Günter Ullmann, Uwe Warnke, Ulrich Zieger, 448 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Lesebändchen, S. Fischer, Frankfurt am Main 2009.
Über einige Davongekommene
Als der Mensch
unter den Trümmern
seines bombardierten Hauses
hervorgezogen wurde,
schüttelte er sich und sagte:
Nie wieder.
Jedenfalls nicht gleich.
Günter Kunert
Sonnabend abend sah ich eine TV-Sendung über Friederike Mayröcker und las einige Artikel zu ihrem Geburtstag. Im Gespräch erwähnte sie auch, daß sie manchmal Gedichtzeilen träume und dann sofort aufschreiben müsse, um sie nicht zu verlieren. Vor dem späten oder frühen Zubettgehen stellte ich noch eine Folge von Theo Breuers Fortsetzungsessay Lyrikstationen 2009 online, in der er Sandra Trojans Bienen-Gedicht höchlich und zu Recht lobt (wie auch den gesamten Gedichtband). „Wenn ich in Bienen spreche“. Im Traum dann war ich 20 Jahre jünger, Revolution war in Greifswald, Herbst 89. Es gab drei Gruppierungen mit heftig konkurrierendem Programm, eine nannte sich Bienensprecher. Ich wußte im Traum, daß ich ihn vergessen würde, wenigstens dies wollt ich behalten.
Kurz vor Kriegsende, im Mai 1945, herrschten in Schleswig-Holstein unbeschreibliche Zustände; das kleine Land war überfüllt mit Soldaten und Flüchtlingen. Bei Wilhelm Lehmann in Eckernförde war eine schwangere Frau aus Ostpreußen untergebracht. Als es so weit war, sei er ins Nachbardorf geeilt, um die Hebamme zu holen. Unterwegs überkam es ihn dann – die sommerliche Natur triumphierte über das vom Menschen angerichtete Chaos: „Als ich die vertrauten Wege lief, bemächtigte sich meiner die getroste Glorie des hellen Junitages. Der Wind, uns meist befeindet, hatte sich gelegt. Eine grüne Pastorale tat sich auf. Die Wesen riefen: ‚Wir sind auch noch da!‘ Im Schutz eines Steinbruchs breitete sich ein weißes Beet samenden Wollgrases; Spindeln, Rocken gleich, ragten die Stängel. Der Roggen blühte, der Sand wärmte. Der fade Todesernst setzte aus, eine Ordnung gegen alle Unordnung drang durch…. Ich eilte, aber ich hastete nicht.“
Lehmann erzählte dieses Erlebnis 1961 im Rahmen seiner Münchner Poetik-Vorlesung über die Entstehung von Gedichten. Leider ist nicht überliefert, wie der Vortrag bei den Zuhörern ankam. Zwar befand sich Lehmann, als Dichter ein Vertreter der „Inneren Emigration“, zu dieser Zeit auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Doch stand die Naturlyrik bereits unter Ideologieverdacht, zumal unter der jüngeren Generation. Bertolt Brechts Klage, dass ein Gespräch über Bäume ein Verbrechen geworden sei, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt, war längst ein geflügeltes Wort. Der junge Peter Rühmkorf etwa höhnte über die lyrische „Utopie aus dem Blumentopf“, die bei dem nach Sinn und Vergessen suchenden Publikum der 1950er-Jahre so beliebt war. …
Wilhelm Lehmann wurde in der jungen Bundesrepublik als „Nestor der deutschen Lyrik“ gehandelt, als Kopf einer „naturmagischen Schule“. Doch war er, wie seine Rezensionen, Glossen oder „Gedenkblätter“ zeigen, im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit ein Außenseiter. Für Lehmann blieb der Dichter ein „Seher“, waren „Ergriffenheit und Staunen“ „erzeugender Grund“ einer Dichtung, die dem modernitätsgeschädigten Menschen Heilung versprach. Der Kahlschlaglyrik eines Günter Eich (der Lehmann im Übrigen verehrte) stand er genauso ablehnend gegenüber wie der Gedankenlyrik seines Antipoden Gottfried Benn, wie er einem konsternierten Horst Bienek erklärte. Rilke warf er vor, die Dinge für sein Programm der Verinnerlichung missbraucht zu haben, und dem DDR-Lyriker Peter Huchel, der in Westdeutschland mit Preisen überhäuft und auf eine Stufe mit Hölderlin gestellt wurde, widmete Lehmann eine seiner wenigen Polemiken, in der er Huchel Unanschaulichkeit und mangelnde Präzision bescheinigte. / Oliver Pfohlmann, literaturkritik.de
Wilhelm Lehmann: Gesammelte Werke in acht Bänden. Band 7, Essays II.
Herausgegeben von Wolfgang Menzel.
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2009.
594 Seiten, 40,00 EUR.
ISBN-13: 9783608950465
Zwischen Prosa und Lyrik bewegt sich das Werk der Literatin und Dichterin Friederike Mayröcker. Erzählungen, Gedichte, Hörspiele, Bühnentexte und Experimentelles zählen zu ihrem Schaffen. Heute feiert sie ihren 85. Geburtstag.
„Ich kann alles durch meine Augen in mich aufnehmen und aus mir herausschreiben“, so Mayröcker. Die österreichische Poetin schuf mit nahezu 100 Publikationen ein umfangreiches und eigenwilliges Werk.
Am Sonntag wird sie 85 Jahre, denkt aber noch lange nicht ans Aufhören: „nur nicht enden möge diese Seligkeit dieses Lebens nur nicht enden / ich / habe ja erst angefangen zu schauen zu sprechen zu schreiben zu weinen“, heißt es etwa in einem im März dieses Jahres erschienen Gedichtband.
Seit über 50 Jahren erscheinen in dichter Folge Prosa- und Lyrikbände von Mayröcker. Ihre nächste Prosaarbeit „ich bin in der Anstalt. Fußnoten zu einem nichtgeschriebenen Werk“ kommt im Mai heraus. / ORF
Mehr: Mayröcker ist 85: „Ich lebe nur in Sprache“ (ORF) / Ich bin eine Bettlerin des Wortes“ (ORF) / Die Promi-Geburtstage vom 20. Dezember 2009: Friederike Mayröcker (Trierischer Volksfreund) /
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
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Das Wiedersehen
Von fern gleicht er noch einem, den man kannte,
das weiße Haar, wie Kohle, die verbrannte,
wie Asche, noch warm von erloschenen Feuern,
was nützt es, einem Toten zu beteuern,
daß er noch lebe, er weiß es besser,
er hat den Fuß bereits erhoben
zum Schritt in eine unermeßliche Tiefe
und schaut noch einmal dankbar nach oben
und wendet sich ab, als ob jemand ihn riefe.
Hans Sahl
Wie wohl wäre es 2009 im Lyrikbetrieb des deutschen Sprachraums zugegangen, hätten Robert Gernhardt (1937–2006), Thomas Kling (1957–2005) und Ernst Jandl (1925–2000) nicht in den Jahren seit 2000 die Stifte für immer aus der Hand gelegt? Wenn man bedenkt, wie wenig Platz der Lyrik in den Print-Medien des Feuilletons grundsätzlich bloß eingeräumt wird, gehörten diese drei Dichter zu den poetischen Platzhirschen, denen immer wieder mehrspaltige Artikel eingeräumt wurden, die phasenweise in den Kulturhimmel gehoben wurden, zählen doch alle drei zu den Menschen in der Lyrik, die, jeder auf seine extrem eigenwillige Weise, sowohl originelle Gedichte schrieben als auch mit ihrer bemerkenswerten Art publikumswirksames Aufsehen erregten. Durchaus denkbar also, daß die Zeitungsspalten auch in den letzten Jahren in erster Linie von diesen Herren besetzt geblieben wären. Der arglosen Öffentlichkeit wäre womöglich ein völlig anderes Bild vermittelt worden. Welchen Einfluß hätte das möglicherweise auf die Lyrik, die Verlagsprogramme, den Lyrikbetrieb von heute gehabt, in dem so mancher Sturm im Wasserglas den einen oder anderen in den 1950er und 60er Jahren geborenen Dichter von den Beinen geholt hat.
Thomas Kunst hebt im Nachwort von Estemaga zur Totenklage an: Hilbig ist tot. Born ist tot. Brinkmann ist tot. Brasch ist tot. Kling ist tot. Pastior ist tot. Kunst benennt sechs Namen, die unmittelbar eine Stimmung evozieren, wie sie intensiver nicht sein könnte. Goethes Gedicht Gefunden fällt mir spontan als Antwort ein: Und pflanzt es wieder / Am stillen Ort. / Nun zweigt es immer / Und blüht so fort. Denn, nein, sie sind ja nicht tot, nicht nur zweigen und blühen sie mit ihren Gedichten in den Versen der Nachgeborenen fort, sondern bleiben, indem ich in ihren Büchern lese, total nahe bei mir: Ich verspüre in diesem Augenblick die greifbare Gegenwart dieser lebenden Toten, die Stimmen erklingen, diesmal gemeinsam mit Bessie Smith, quasi quadrophon aus allen Ecken vernehme ich sie, die Stimmen, Stimmen, Stimmen, Stimmen, ich stehe auf, blättere – Und nichts zu suchen / Das war mein Sinn – und vertiefe mich in den Büchern von Wolfgang Hilbig, Bilder vom Erzählen · Nicolas Born, Gedichte · Rolf Dieter Brinkmann, Westwärts 1 & 2 · Thomas Brasch, Der schöne 27. September · Thomas Kling, wände machn · Oskar Pastior, durch – und zurück.
2009 erinnern Verlage mit lauter schönen Editionen an Horst Bingel (1933–2008), Bertolt Brecht (1898–1956), Carlfriedrich Claus (1930–1998), Hilde Domin (1909–2006), Robert Gernhardt (1937–2006), Michael Hamburger (1924–2007), Gerard Manley Hopkins (1844–1889), Walter Kempowski (1929–2007), Pablo Neruda (1904–1973), Peter Rühmkorf (1929–2008), Hans Sahl (1902–1993) und John Updike (1932–2009):
„Ich fand das gleich ’ne Superidee, dass sich die Akademie der Künste mal aus ihren zwei elitären Tempeln rausbewegt,“ sagt Ulrich Matthes. …
Das Projekt, das Staeck 2006 ins Leben rief, heißt „Kunstwelten“. Eine gute Sache: Stipendiaten und Mitglieder der Institution reisen in ländliche, bisher ostdeutsche Gegenden, um dort mit Schülern Filme zu entwickeln, Gedichte zu schreiben, Theateraufführungen zu stemmen. Erziehungswissenschaftler Klaus Hurrelmann befürwortet vor allem, dass dabei die „klebrige, ausgedürrte Sprache“ vieler Jugendlicher trainiert wird. Kostproben gibt’s zuhauf: Im Foyer der Akademie der Künste am Pariser Platz hängt seitenweise Teenie-Poesie. In einem Dokumentarfilm erzählen Jugendliche vom Alltag in einer Vorstadt von Bitterfeld. Und ein Vierminüter zeigt die zauberhaft animierten Gedanken einer vierten Klasse: Da hagelt es Prinzessinnen, Monster und Geburtstage. „Natürlich verabreichen wir homöopathische Dosen“, sagt Matthes, der selbst schon Kunstprojekte leitete. „Aber wenn wir zwei Minuten Selbstbewusstsein vermitteln, lohnt sich das Ganze schon.“ / Annabelle Seubert, Tagesspiegel
NB: Vermutlich liest man in Akademieberlin keine (ostdeutschen) Regionalzeitungen wie Nordkurier. Sonst hätte man mehrfach von der Arbeit der (garnicht akademischen) Künstlerin und Autorin Angelika Janz mit Kindern im östlichsten Rand Mecklenburg-Vorpommerns lesen können…
Vgl. L&Poe
2009 Dez 119. Nahsehen in Vorpommern
2009 Nov 117. Der Pasewalker Stadtdetektiv
2009 Nov 79. Poesiefrühstück: Angelika Janz
2009 Mrz 106. Zum Welttag der Poesie
2008 Okt 78. Im Landkreis wird die Kultur abgewickelt
2008 Okt 4. Deutscher Lokaler Nachhaltigkeitspreis 2008 – Zeitzeiche(N) an Angelika Janz
Fortsetzungsessay von Theo Breuer
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Das Gedicht ist vor Ort. Es vermisst die Welt und zeigt, wie maßlos und unermesslich sie ist. Das Gedicht ist überall, im Irrenhaus, am Krankenbett, auf dem Klo, im Wartezimmer des Arztes, im Central Park, unter Strommasten, auf dem Pferderücken, in den unterschiedlichsten Landschaften.
Jürgen Brôcan
Was stört mich das Geschwätz von gestern, wenn Postbote Guido Büchersendungen bringt, die ich gar nicht schnell genug öffnen kann vor lauter Kitzel und Neugierde, Interesse und Ungeduld. Umgehend verblassen beim Öffnen der Päckchen und Pakete diese schnell hingeworfenen, zumeist für den Moment geschriebenen Posts, Kommentare, Leserbriefe und sonstigen Reaktionen, die wir Tag für Tag im Internet und anderswo lesen. Wie groß aber ist die (zum Glück in diesen Jahren eher selten eintretende) Enttäuschung, wenn ich ein Buch aufschlage, den ersten Text lese, die Mundwinkel sich unmerklich nach unten verziehen und ich, fast verstört schon, den zweiten Text lese, den dritten, den vierten, den fünften – und nichts passiert, das heißt, nicht nichts (denn nichts gibt es ja gar nicht), aber nicht das, was ich mir – naturgemäß – jedes Mal erhoffe, wenn ich ein Buch, das Gedichte auf dem Titel verspricht, zu lesen.
Kürzlich gab es eine solche Enttäuschung bei einem 2008 erschienenen Band eines schon ein wenig in die Jahre gekommenen Autors, der weiterhin recht viel schreibt und weiterhin relativ erfolgreich zu sein scheint, was die Auflagenzahlen seiner Bücher angeht. Im Begleitschreiben des Buches ist von fast tausend in wenigen Monaten unter die Leute gebrachten Exemplaren die Rede, eine mich ziemlich verblüffende Zahl, denn insgesamt scheint es nach 2000 im Vergleich zu den 90er oder gar 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer schwieriger zu werden, auch herausragende Gedichtbücher an die Frau oder den Mann zu bringen. Das lyrische Internet, dessen gute Seiten ich sehr schätze, scheint mehr und mehr zur fast übermächtigen Konkurrenz fürs Gedichtbuch und das Interesse am Erwerb von Büchern, belohnt mit dem sinnlichen Genuß des Blickens, Blätterns, Fühlens, Spürens, am Aufbau einer Sammlung immer geringer zu werden.
Ich las und las und las und dachte, was ich immer denke, wenn bedruckte Seiten nicht so bei mir ankommen, wie ich es dem Autor, dem Buch und mir als Leser wünsche: Okay, offensichtlich ist das größte anzunehmende Lyrikunheil eingetreten, du bist augenscheinlich übersättigt, offenbar prallen die Gedichte ab heute von dir ab, du hast anscheinend mehr als genug Gedichte gelesen, das kommt dir alles nur noch als zweiter oder dritter Aufguß vor usw. usw. usw., denn ich empfand nichts als Langeweile und Desinteresse, und so las ich zwar (wie meistens bei solchen Büchern vergeblich auf Besserung hoffend) viel zu viele Seiten, brach aber irgendwann gegen Ende des Bandes den Kopf schüttelnd und vor mich hin brummelnd ab.
Mißmutig verlebte ich den Rest des Tages und dachte kummervoll an eine lyriklose Zukunft: Und schrieb, und schrieb an weißer Wand / Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand. Ich saß da mit schlotternden Knien und totenblaß. Aus und vorbei. Ich sah in den Garten auf die blattlosen Bäume mit ihren feuchten schwarzen Stämmen und den labyrinthischen Astgerippen, in denen die Vögelein schwiegen. Wie soll dat bloß wiggerjonn? singen die Bläck Föös, und ich begriff erstmals die elegisch klingende Frage, die ich seit Jahrzehnten schon kenne und so oft schon gedankenlos mitgesummt habe. Das war’s dann wohl. Mund abputzen und weitermachen, wie der ehemalige Manager Rainer Calmund nach Niederlagen seiner Leverkusener Werkstruppe gebetsmühlenartig posaunte? Hallo?
Am nächsten Tag dann die Büchersendung vom Poetenladen mit der sechsten Ausgabe der Literaturzeitschrift poet – in der ich in zum Teil hochinteressanten Gesprächen mit Friederike Mayröcker (bei jeder Gelegenheit wiederhole ich es gern: ein lyrischer Liebling), Dagmar Nick, Giwi Margwelaschwili, Reiner Kunze, Urs Widmer und Gerhard Zwerenz mit eigenen Augen lese, daß diese Autoren quasi nix mitkriegen von der Power des ständig über die Ufer tretenden Lyrikstroms, der in diesen 2000er Jahren – gleichsam wildgeworden – durch deutsche Städte und Provinzen rauscht. Tiefpunkt einiger zum Teil un/freiwillig drollig klingender Aussagen: Und ich muß auch gestehen, daß ich mit vielen jüngeren Stimmen, wenn ich sie in Zeitschriften finde, nichts anfangen kann – daß ich sie einfach nicht verstehe oder überflüssig finde (Dagmar Nick) – sowie, und jetzt kommt’s, endlich, endlich, Sandra Trojans Gedichtband Um uns arm zu machen.
Wenn ich in Bienen spreche
meine ich Unschärfe, Murmeln
Nektar am Mund. Und wenn ich in
Birnen spreche, in Äpfeln, in Zellen
in Kisten, von Zungen zerfressen
in Zungen, in Menschen, meine ich
Menschen:Schwärme gestempelt
innen & außen, ein Bienentanz
und damit meine ich: Bienentanz
Gleich vom ersten Gedicht Wenn ich in Bienen spreche werde ich hellwach gesummt. Jedwedes dräuende Hirngespinst hat sich im Nu in Nichts aufgelöst. Ich schwebe durch den Funkenflug der Wörter, beginne umgehend im Rhythmus der Verse zu atmen und bin ebenso beglückt und begeistert, wie es Michael Gratz, Herausgeber der Lyrikzeitung, nach der Lektüre dieses die Leser reich machenden Lyrikbands in der Nachricht 58 vom 12. März 2009 – Frisch aus der Post – beschreibt.
Während ich in diesen Tagen in Jörg Bernigs wüten gegen die stunden und Björn Kuhligks Von der Oberfläche der Erde unter den vielen Gedichten einzelne (sehr) starke Stücke finde, deren Duktus im Gedächtnis haften bleibt, besticht in Sandra Trojans Buch die Geschlossenheit des durchgängig beseelten, schwingenden, vielfältigen Ganzen, dessen energisch auftretende Teile weitestgehend zu einer Wortgestalt verschmelzen, die ich gnadenlos meiner Lyrikseele einverleibe.
Sandra Trojan hat früh gefunden, was manche freilich oft vergeblich beim Schreiben aufzuspüren suchen: Stil (Wenn er da ist, ist es gut, Norbert Hummelt), dynamisch erwachsen aus vielen einfach guten, resonanten Wörtern, deren Lebenssaft mir die Lefzen herunterläuft: Und wollene Moose spannen straff. Diesem herrlich geglückten Gedichtbuch wünsche ich tausend Leser – und noch 354 mehr.
Die Gefeierte selbst, ernst wie immer, trug aus hintergründigen Textcollagen vor und erinnerte daran, dass an diesem Tag vor zwanzig Jahren 1700 Menschen bei einem Aufstand in der rumänischen Stadt Temeswar getötet wurden. „Für diese Toten“ las sie, den Tränen nah, ein Gedicht auf Rumänisch. Es war der bewegendste Moment einer Feier für eine Dichterin, die – das zeigte Herta Müllers scheue Verbeugung beim Schlussapplaus der stehenden Zuschauer – sich nicht gern feiern lässt. / Andreas Schäfer, Tagesspiegel 20.12.
Johannes Schenk, rundes Gesicht, verträumte Augen und meist ein Lächeln um die Lippen, war einer von ihnen und dann auch wieder nicht, denn seine Welt war die der Seefahrer. „Die Schiffe, das Meer und die Häfen am Rande haben mir die Bilder geschenkt, die ich beim Schreiben brauche. Es sind manchmal etwas nasse Metaphern, aber ich nehme es hin. Hab sie ja erfahren“, schreibt er in seiner Gedichtsammlung „Überseekoffer“. Das Buch verlegte er 2000 im Eigenverlag, doch die Figuren seiner farbenfrohen und tatsächlich etwas arg durchnässten Gedichte scheinen aus dem 19. Jahrhundert zu stammen: Piraten und Zirkusakrobaten tummeln sich in den balladenartigen Gedichten, vor allem aber Matrosen, Kapitäne und schöne Frauen, die in den fremden Häfen auf Seefahrer warten. Schenks Sehnsucht glich damit nicht der seiner Generation, die lieber als herumschweifende Haschrebellen Goa, Kathmandu oder Afghanistan anpeilten. Sie schien vielmehr aus einer Zeit zu stammen, als die weißen Flecken auf der Landkarte noch zahlreich waren. …
In Schenks Berlin begnügte man sich dagegen nicht mit Träumen: In Kreuzberg wehrten sich die Bewohner in den siebziger Jahren heftig gegen das Vorhaben, eine Autobahn quer durch ihr Viertel zu legen, bald darauf gab es die ersten Krawalle am 1. Mai. Dem friedlichen Schriftsteller, der in den sechziger Jahren seine ersten Gedichtbände „Bilanzen und Ziegenkäse“ und „Zwiebeln und Präsidenten“ veröffentlichte, war das zu gewalttätig. „Er war nicht politisch, er wollte die Welt nur ein wenig schöner machen“, sagt Natascha Ungeheuer und erzählt vom Schenkschen Sonntagscafé, das er 1986 sieben Jahre lang in einer alten Fabrik in Kreuzberg betrieb. Schriftstellerfreunde wie Kurt Mühlenhaupt oder Jurek Becker lasen dort, der Maler A.R. Penck trat mit seiner Penck Band auf und immer wieder der Hausherr selbst. „Johannes war eine Lokomotive beim Lesen, er hat die Leute warm gelesen“, sagt Ungeheuer und springt auf, um einen alten Radiomitschnitt vorzuspielen. Schenks Stimme hat darin zwar nichts von einer Maschine, dafür fließt sie dunkel und samten wie ein Fluss durch das Erzählgedicht. Die klassischen Regeln der Dichtung sind Schenk dabei egal, auch haben seine Verse wenig mit moderner Lyrik gemeinsam, der Verfasser erlaubt sich vielmehr einen sehr persönlichen Stil: „Meine Grammatik ist das Leben, das ich sehe, fühle, rieche und schmecke“, schreibt er einmal. Wer das nicht mag, wird mit den Schenk“schen Versen nichts anfangen können.
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