Anna Louisa Karsch 300

Die Dichterin Anna Louisa Karsch, oft genannt die Karschin, wurde geboren als Anna Luisa Dürbach am 1. Dezember 1722, heute vor 300 Jahren, in Hammer bei Schwiebus, heute Świebodzin; gestorben ist sie am 12. Oktober 1791 in Berlin. Der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim ernannte sie zur „deutschen Sappho“. Was es ihr gebracht hat? Die Nachwelt hat bis heute (!) ihr Werk nur in Auswahl ediert, offenbar auch nicht zum Anlass des 300. Geburtstages*. Los, Verleger, straft mich Lügen.

*) Naja, bei der „pommerschen Sappho“ Sibylla Schwarz hat es noch 100 Jahre länger gedauert.

Ob Sappho für den Ruhm schreibt?
An die Frau von Reichmann
Den 10. März 1762.

Frau, schreib ich für den Ruhm und für die Ewigkeit?
Nein, zum Vergnügen meiner Freunde!
O das Gerüchte trägt nur eine kurze Zeit
Mit unserm Ruhme sich; sobald wir von dem Feinde
Der Menschheit überwunden sind,
Verflattert er so leicht wie Blätter, die der Wind
In irgend einen Fluß gewaltig fortgetrieben.
Homer, Virgil, Horaz und Pindar sind geblieben;
Die Griechin aber nicht, die meine Leier trug,
So zärtlich war wie ich, nach ihrem Phaon frug
Und nach dem Leben nicht; sie flog zum Tode wieder.
Nichts blieb uns als ein Brief und zwei beflammte Lieder.
Die andern schrieb der Neid sich diebisch heimlich ab,
Und endlich fanden sie in einem Brand ihr Grab!
Oh, Sappho war berühmt! ihr Volk, ein Volk von Prinzen,
Trug seine Dichterin auf viel Gedächtnis-Münzen,
Und mancher Künstler hieb ihr Bild in Marmor aus,
Und Kenner redeten ihr Lob bei jedem Schmaus.
Halb Göttin war das Weib; neun Bücher schrieb sie voll
So schön, als wären sie geschrieben vom Apoll.
Und ach! von alledem, was sie so schön geschrieben,
Ist nur ein kleiner Rest für unsre Zeit geblieben!
Frau, solch ein Schicksal trifft auch meine Lieder einst’.
Wenn Du voll Zärtlichkeit bei meiner Asche weinst 
Noch ehe sich an mir die Würmer satt gefressen, 
Dann, Frau, hat schon die Welt mich und mein Buch vergessen.

Aus: Anna Louisa Karschin, Gedichte und Lebenszeugnisse. Herausgegeben von Alfred Anger. Stuttgart: Reclam, 1987, S. 74

Angekündigt: Briefe und Gedichte. Herausgegeben von Claudia Brandt und Ute Pott. Göttingen, Niedersachs : Wallstein, 2022, 1. Auflage. Schriften des Gleimhauses Halberstadt #13. ISBN-978-3-8353-4932-2 416 Seiten, auch als eBuch („Eine Edition der schönsten und wichtigsten Briefe und Gedichte der berühmten Stegreif-Dichterin.“)

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