Literatrue in Zeiten des Wettbewerbs

L&Poe Journal #02-2022

Ein Mailwechsel (Teil 1)

Name, Alter, Beruf und Vorerkrankungen: Literatrue in Zeiten des Wettbewerbs

Betreff: Aw: Stadtschreiber in Halle Datum: 10.10.2022 20:46 Von: michael spyra <—@—> An: Konstantin Ames <—@—>

Lieber Konstantin, danke für den Hinweis. Ich saß in den letzten 3 Jahren mit in unterschiedlichen Jurys und weiß vom Fehlen transparenter Argumente, dem Ausbleiben von Begründungen, die über den persönlichen Geschmack hinaus gehen, dem Mangel an Sprache beim Sprechen über Literatur und dem Ehrgeiz, seinen Geschmack durchzudrücken, weil die anderen Stimmen irgendwie auch als Angreifer auf denselben wahrgenommen werden, dem trostlosen Hin und Her zwischen Vorlieben und Analyse derselben, Begründung derselben, Legitimation des Eigenen, dem missgünstigen Blicken über den Tellerrand, der fehlenden Biografiearbeit, dem Blockaden am Ende der eigenen Lesebereitschaft und den verzweifelten Versuchen auch etwas anzusprechen, was nicht den Lesegewonheiten entspricht, was nicht dem eigenen oder dem Geschmack der anderen entspricht, den Kompromissen, den letzten beiden Namen im Briefumschlag, dem Zufall, der getragen werden muss, aber auch der viel zu schnellen Einigkeit, der zweifelhaften Zustimmung und der Arbeit, beidem auf den Grund zu gehen. Und ja, vielleicht mache ich eine Bewerbung.

Das Thema dieser Mail sei also Wettbewerb. Nun: Ich weiß es nicht sicher, aber meine Ahnung wird mit den Jahren immer fester. Es ist weniger wichtig was du schreibst. Wichtiger ist, wie DU! damit auftrittst und wen du kennst. Weil die die dich kennen erst sagen können, ob du stimmig bist; ach, und um Stimmigkeit geht es natürlich auch. Manchmal lernst du jemanden kennen, weil du gutes Zeug schreibst. Manchmal, weil du zur richtigen Zeit am richtigen Tisch sitzt und manchmal musst du dich ranschleimen, um jemand wichtigen als Freund zu gewinnen. Wenn jemand wichtiges dein Freund ist, dann wird der auch gut finden, was du schreibst, weil auch er weiß, dass es egal ist, was du schreibst.

Wie soll man Qualität auch erkennen? Immer gefangen im eigenen Lesehorizont, ist alles, was man nicht kennt, natürlich originell. Über die Blase der Präferenzen, kommt auch selten jemand heraus.

Hab ich letztens von K. gelesen, dass er W. gut findet, weil der auch Gedichte über die Provinz schreibt. Toll! So geht es für gewöhnlich weiter und immer so weiter. Guckst du dir die Finalisten beim Lyrikpreis X oder Xten Lyrikpreis an, fällt dir auf, dass es auch hier einen Ton gibt, oft ohne Ausschlag nach oben oder unten, reimund klanglos, tonlostrostloses Zeusch, mit der Tendenz zum Bierernst, aber nicht zu weit in Richtung Celan! Da wäre nicht mal Günter Eich angekommen. Die hätten seine Inventur aussortiert. Der Stallgeruch ein Trauerspiel oder Resultat der Sortierung immer gleicher Vorjuroren, der Kompromisse immer gleicher Jurorendiskussionen! Aber: ehrenwerter Ansatz: „Wenn ich schon nicht mit meinem Scheiß groß rausgekommen bin, probiere ich, von dieser Position aus anderen, die so schreiben, wie ich es mag, zu helfen groß raus zu kommen.“ Ein perpetuum-lyrik und weiter geht es. Natürlich gibt es hier einen großen Unterschied zwischen öffentlich gemachter Privathaltung und öffentlich gemachter Privathaltung. Obwohl… wohl besser zwischen dem, was persönlich gefällt und ausgezeichnet wird. Einen Unterschied zwischen Bekenntnis und Auszeichnung. Beides ändert sich durch a) neue Erfahrungen b) lange Weile c) Invasion etc. was auch immer einen aus der Komfortzone der eigenen Erwartungen und Haltung locken mag, innere Motivation oder äußerer Anstoß. Wir hatten jetzt eine längere Pause und ich bin nicht mehr auf dem Laufenden. Schreib mir doch kurz, was du so getrieben hast. Das Schöne an diesem ekelhaften Bekanntheitsgroove ist nämlich, wenn man jemanden ein bisschen kennengelernt hat, nimmt die Toleranz gegenüber dessen Erfolge im Betrieb zu. Und so schließe ich meine Mail mit diesem selbstverursachten Lächeln und weltbesten Stoff für ein Sonett.

Mit lieben Grüßen Micha

Betreff: Wenn es kommt zur Literatrue, frag immer noch nach G[x]mack. Datum: 11.10.2022 10:21 Von: Konstantin Ames <—@—> An: michael spyra <—@—>

Müsste ich Priester sein, oder sonst ein stoischer Perv, um solche Verberei nicht zu mögen, erstrecht aber die Neohauptwörter: Literatrue, Lehreren, aber vor allem: d*r Gechmack. Da steckt etwas drin, das wir laut Stirner endlich groß schreiben oder damit aufhören sollten: Ich. Nach meiner Erfahrung sind Juryker in ihren Sitzungen Menschen weniger ähnlich als Spiegeln. Da das aber kein gutes Bild gibt, ersetze x Spiegel durch – – – Seeigel, das ist natürlich animal appropriation, und wir machen -weil wir es können, verdammt — aus dem S-Wort einen Sehspiegel, und sind dem Juryker immer noch näher als dem Mensch, der den Pfiff gehört hat. Seinen Pfiff. Und dann fing er auch an zu pfeifen. Pfiff erstmal so. Dann sah er eine Sozialisation. Pfiff sie an. Die war nicht sehr musikalisch, spielte aber Cello oder Cembalo. Sozialisation war ihm zu hölzern, auch zu wenig animiert. Da ploppte es immer öfter in seinem Ohr. Das musste was sein. Nein! Es sollte etwas sein. Einfach so. Andere sagten: Das ploppte aber schon vorher. Und ein richtiger Plopp kann niemals im Ohr sein. Kunstplopps ploppen nicht im Ohr. Sondern im Finger, im schönen Finger. Oder im Hals, im schönen Hals, aber nie und nimmer im Finger. X schnitt sich die Finger gedanklich ab. Poetisch gedacht, tut eben nicht nur manchmal weh. Lügt daran, dass man in der Wüste Denn wohnt. Er hätte auch den Namen der Finger abgeschnitten, bloß: Das hätte er vorher tun sollen. Dann hätte aber niemand seine Finger gekannt. Neue Finger wachsen nicht so schnell nach. Sind ja Bäume. Ja, Finger sind Bäume. Finger sind Bäume, die aufs glibberige Haifischpipi da oben zeigen. Doch! Zigmal gesehen. Nicht? Achso, geträumt ist nicht gesehen. Stimmt diese Stimme? Nein, ich meine nicht die Stimme der Metapher. Ich meine die Stimme. Stimmt die denn? Ist die nicht vielleicht falsch. Nein, eine Stimme kann man nicht ankreuzen. Ich meine auch nicht die Stimme zwischen Buchdeckeln oder die Stimme unterm Sargdeckel. Ich meine nicht die höhere Lyrikstimme. Nicht die hochtimbrierten Dinger am Sonntagabend auf Radioeins. „Böse Menschen haben keine Lieder. Warum haben die Russen Lieder?“ — Wer hat das gesagt? Warum höre ich lieber Russisch, das ich nicht verstehe, als diese ausgefuchsten Abgefuckten, die Wetten abschließen, wer denn nun am weitesten spuckt. Erinnerungsrest an den Chandos-Brief: Da ist irgendwo eine Gießkanne. Löcherig? x weiß nicht. Test 1, denn wir wissen es längst: Es geht nicht um den Text. Test 2, denn wir wissen etwas längs dazu: Es geht um den Text, denn es geht um den Dichter, pardon derzeit: D[x]ter. Ey, kreuz einfach irgendwas an, ok? Sagt die Ironie. Aber das Rhizom sagt: Der Beginn von allem ist der Streit. Nichts Gutes beginnt gut, freundlich, lyrisch. Das ist mit der Jurysitzung nicht anders als mit dem Puffbesuch. Gibt es nicht auch gute Gründe, beides sein zu lassen. Spaß zu Spaß: Bisschen Spiegel musste sein. Herein marschiert die Dezision, die mit dem Carl-Schmitt-Orden dran, und sie tut was sie kann, sie drillt wie der Vogel tiriliert. Wieder bei den Tieren und auch den Zwitschermaschinen, lieber schreiben lassen, einen fahren lassen, gelassen sein, als … ja, was denn eigentlich?! Sie müssen ´einen raushauen´, sonst werden sie alle noch abgeschafft. Juryker sind die Junker von heute, und die Junker sind noch nicht ganz weg. Oh-oh.

Auch liebe, aber auch berauhigte, Grüße K.os

Betreff: Aw: Wenn es kommt zur Literatrue, frag immer noch nach G[x]mack. Datum: 11.10.2022 11:24 Von: michael spyra <—@—> An: Konstantin Ames <—@—>

Da aber was? Schlägt dem Zwitscher die Gurgen quer und hängt den Zilpzapp, der Zappellahm: Es unregelmäßigt im Gewonheitsgetriebe… Moment! Da aber noch was: guck ich mal nicht richtig weg, schon rollt der nächste Kopf durchs Bild und schlag Alarm. Ach, niedlich, neidisch ist ich wieder. Neiddebatte hossassa! Versuch ich zu erklären: „Nein, ich wundere mich nur, dass das möglich ist, weil es doch so offensichtlich ist.“ werd ich mit anderem Ton überzwitschert: „Nein, er wundert sich doch nur, dass so etwas möglich ist!“ Aber eine Antwort bleibt er mir schuldig. Der Betrieb, der bleierne Bleisarg mit der Liste auf dem Beistelltisch: Name, Alter, Beruf und Vorerkrankungen. Also gehörst du dazu, wenn du neidisch auf andere bist. Denn du meinst ja, dass du einen Neidanspruch hast, weil du in derselben Liga spielst. (Regionalliga Ost!) Und trotzdem nein! Wer absteigt und aufsteigt legt nicht der DFB fest oder PEN, seis mit oder ohne -Berelien. Vereinzelt ein gutes Gedicht hier oder da und einer der schreibt. Tatsächlich ja! Erst eine Redaktion die sich erkundigt, dann der Kontakt und da ist dann jemand, der sagt: „Hat mir wirklich gut gefallen.“ Und ist weder Juror noch Mentor oder Autor und nun!? Was mach ich mit dem Lob, wenn es dabei bleibt? Es läuft mir den Bückel rünter und stärkt mein Rückgrat gegen den Neidanfall, Neidanschlag.

Warum neidisch sein böse ist, erkundige ich mich bei der Aufsicht und werde vermerkt: Name, Alter, Beruf, Vorerkrankungen: Neid! Na so was. Da zeig ich hier hin und dort hin und dann wird es schwer das alles auseinanderzuklamüsern. Und dann war es schon immer so und ich wisse doch, was ich tun müsse um dazu. Und wie könne ich denn erwarten dass… Wenn ich also schreibe, weil gefällt, dann gefällt? Nein, so einfach ist es auch nicht, ich hab ja noch meinen Namen und meinen Bekanntenkreis, mal besser mal schlechter. Wohin jetzt mit mir mit meinem Getexte und dem? Das weiß ich doch irgendwie, dass es anderen auch so…

Also heraus damit. Lesebühne, Kochstudio, Herrenkrug … Jurybeschimpfung!

Und dann einen Verlag finden, der mir den Kram auf Kommission druckt oder ganz selber machen und fertig mit dem Firlefanz, dem Flimmer, Flirren, Tirilieren.

Aber aussteigen kommt nicht in Frage. Dann doch lieber noch einen nachsetzen:

A) schreibste was gefällt und passt dich ein wenig besser ins Kollektiv (Oh fuck, da hab ich mir jetzt selbst ne Gänsehaut geschrieben! Die Biografiearbeit lässt herzlich grüßen.) B) du machst auf die Missstände BUH! die Missstände… BUH!… du machst auf die Missstände…BUH!… du machst BUH!

und Ende

One Comment on “Literatrue in Zeiten des Wettbewerbs

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