Der Wiener „Zettelpoet“ Helmut S., der seit 35 Jahren im öffentlichen Raum seine sogenannten Pflück-Texte hinterlässt, muss sich am 18. Februar wegen Sachbeschädigung im Straflandesgericht verantworten. Er soll im November 2009 am Vorplatz des Museumsquartiers (MQ) 14 Steinplatten mit einem Farbstift und in breitem Schriftzug „verunziert“ haben. / Standard 2.2.
Die Standard-Leser nehmen rege Anteil. ZB:
12 Monate für 3.900,- Schaden.
Wie groß waren noch mal die Schäden bei Bank Burgenland, Hypo, Meinl, Bawag, Eurofighter ….
Für alle ungeahndeten Schweinereien der letzten 10 Jahre reichen wohl die Zeichen kaum.
Salopp hochgerechnet werden das wohl ein paar
Zehntausend Jahre sein.Sofern …. irgend jemand mal ermitteln und anklagen würde.
vielleicht kann ihm ja der eine oder andere nen zehner schicken. betrachten wir es halt einfach als unseren persönlichen kunstförderungsbeitrag 😀
Eine lange Geschichte. Der Zettelpoet hat einen Namen, er heißt Helmut Seethaler. Hier seine Spur durch L&Poe:
2005 Mai #40. Pflück dir ein Gedicht
Seit 30 Jahre klebt Helmuth Seethaler (52) seine Lyrik direkt in die Öffentlichkeit – und zieht damit den Ärger der Wiener Behörden auf sich.
Der Dichter verwendet Doppelklebeband. Innerhalb weniger Sekunden hat er die Säule in der U-Bahnstation Stephansplatz eingewickelt und beginnt eifrig, seine bedruckten Zettelchen darauf zu kleben.
2005 Jun #18. Rauferei um Zettelpoesie
Der „Zettelpoet“ Helmut Seethaler ist gestern Nachmittag , laut Polizei, in der U-Bahnstation Westbahnhof in eine Rauferei verwickelt gewesen.
2005 Jul #64. Zettelpoet unter Dauerbeschuss
Jüngster Akt: Bezirksamt will Helmut Seethaler entmündigen lassen, Bezirksgericht stellt Verfahren ein
2005 Aug #9. Seethaler nach Berlin?
Noch steht der Poet, doch leid ist er Wien, bald packt er die Zettel und klebt in Berlin.
2005 Aug #47. Über 2 000 Anzeigen
hat er sich so eingehandelt. Abgesehen von etwa zehn Verurteilungen, wurde er in allen anderen Fällen in zweiter Instanz freigesprochen. Das Kuriose an der Sache: Zwar entfernen die Behörden regelmäßig Seethalers Gedichte und halsen sich durch die Prozesse gegen ihn Kosten auf, doch gleichzeitig bezuschussen sie ihn. Zwar lebt der „Zettelpoet“ vor allem von der finanziellen Unterstützung von etwa 2 500 seiner Fans und Förderern. Doch auch der Staat gewährt ihm – wenn auch unregelmäßig – Literaturstipendien in der Höhe von etwa 1 000 Euro im Jahr.
2009 Feb #4. hoffnung.at
Der Kampf zwischen Wiener Linien und Zettelpoet Seethaler geht weiter
Abitur in Hamburg. Die Welt berichtet:
Im Bereich Lyrik galt es, Rilkes „Flamingos“ zu betrachten. „Wissen ist der Schlüssel zum Können“ heißt in einem Aufsatz von Elsbeth Stern, anhand dessen der Bildungs[be]griff erörtert werden sollte.
Aber vielleicht ist das Wissen dem (Lesen-)Können auch im Weg. Sollte jemand von denen anschließend Germanistik studieren, mein Rat: vergessen Sie alles. Das Bekannte ist nicht erkannt, wissen die Philosophen. Natürlich schadet es nichts, wenn man weiß, was ein Sonett, eine Synästhesie oder ein Daktylus ist, wer oder was Fragonard und Phryne sind. Aber: Weil wir wissen, was Barock-, Sturm und Drang- und expressionistische Lyrik ist, verfehlen wir das einzelne Gedicht, das vor uns liegt. So kriegen Sie’s nie nie nie. Vielleicht müßte dieses (in der Regel ohnehin fragwürdige) Wissen raus aus den Lehrplänen. Lesen statt Wissen. Aber das kriegen wir nie nie nie.
Schülerin-Meinung: Albtraum: Gedichtanalyse
Kaum jemand lernt Esperanto als Muttersprache, so dass alle dieselben Voraussetzungen haben. Kritiker werfen den Entwicklern eine Bevorzugung der europäischen Sprache als Basis vor und verneinen daher den internationalen Anspruch des Esperanto. Außerdem sprechen sie einer künstlich erschaffenen Sprache die Möglichkeit für schöngeistige Ausdrucksformen ab. Dies widerlegte schon Marie Hankel, die als erste Frau Lyrik auf Esperanto verfasste. / Schweriner Volkszeitung 2.2.
Hier Textprobe + Info (Esperanto)
1925 veröffentlichte André Breton in der Zeitschrift „La Révolution Surréaliste“ anonym einen offenen Brief an die Chefärzte der Irrenanstalten, in dem es hieß: „Die Wahnsinnigen sind die individuellen Opfer par excellence der Diktatur der Gesellschaft; im Namen dieser Individualität, die erst den Menschen ausmacht, fordern wir, dass diese Gefangenen der Sensibilität befreit werden.“ Interessant sind auch die beiden Holzschachteln eines unbekannten „Geisteskranken“ aus dem Jahre 1878. Sie sehen den berühmten boxes des amerikanischen Künstlers Joseph Cornell (1903 bis 1972), der auf der Documenta 1968 und der von 1972 seine Arbeiten ausstellte, zum Verwechseln ähnlich. Auch hier die Ordnungsliebe, die ihr Zwanghaftes ausstellt.Gleich zu Beginn der Ausstellung Zeichnungen von Unica Zürn (1916 bis 1970). Die Künstler- und Dichterin hat immer wieder Monate in der Psychiatrie zubringen müssen. Ihre Kunst ist von ihrer Krankheit nicht zu trennen. Und beides wohl auch nicht von Hans Bellmer, dem surrealistischen Künstler, mit dem sie fast zwanzig Jahre verbrachte. In der Ausstellung heißt es, sie habe „eine enge, aber konfliktreiche Beziehung“ miteinander verbunden. Das aber kennt man. Aber hier in den Räumen der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, mitten in der Sammlung Prinzhorn, fällt es einem auf. So viel Naivität hatte man hier nicht erwartet.
In eine ihrer suggestiven Zeichnungen von Augentieren, die im Wasser zu schweben scheinen, hat Unica Zürn ein paar Zeilen eingeschrieben, die hier ganz so, wie sie sie schrieb, in toto zitiert seien: „Ich weiss nicht wie man die Liebe macht Wie ich weiss „macht“ man die Liebe nicht Sie weint bei einem Wachslicht im Dach ach sie waechst im Lichten, im Winde bei Nacht. Sie wacht im weichen Bilde, im Eis des Niemals im Bitten wache wie ich. – Ich weiss: wie ich macht man die Liebe nicht“. / Arno Widmann, FR 1.2.
„Surrealismus und Wahnsinnn“ ist noch bis zum 14. Februar zu sehen in der Sammlung Prinzhorn in der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, Voss-Straße 2. Dienstag bis Sonntag 11-17 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
What might my late parents have thought, I wonder, to know that there would one day be an occupation known as Tooth Painter? Here’s a partial job description by Lucille Lang Day of Oakland, California.
Tooth Painter
He was tall, lean, serious
about his profession,
said it disturbed him
to see mismatched teeth.
Squinting, he asked me
to turn toward the light
as he held an unglazed crown
by my upper incisors.
With a small brush he applied
yellow, gray, pink, violet
and green from a palette of glazes,
then fired it at sixteen hundred
degrees. We went outside
to check the final color,
and he was pleased. Today
the dentist put it in my mouth,
and no one could ever guess
my secret: there’s no one quite
like me, and I can prove it
by the unique shade of
the ivory sculptures attached
to bony sockets in my jaw.
A gallery opens when I smile.
Even the forgery gleams.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2009 by Lucille Lang Day and reprinted from The Curvature of Blue, Cervena Barva Press, 2009, by permission of Lucille Lang Day and the publisher. Introduction copyright © 2009 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
Generationen sind viele im Umlauf, auch das Label „Blank Generation“ gibts schon, aber jetzt hat Matthias Hagedorn es im Blog auf jetzt.de auf die Gegenwartslyrik angewandt. (Jedenfalls kenne ich hier keine älteren Referenzen – lasse mich gerne unterrichten.) In einem längeren Essay, der verdient, gelesen und diskutiert zu werden, macht er sie hier aus:
Entgegen der Gewohnheit von Künstlern, sich als „Gruppe“ zu definieren, ein „Generationenprojekt“ ausrufen zu müssen und ein „Manifest“ zu proklamieren, vergaß die „blank generation“ (benannt nach einem Song von Richard Hell) jegliches kuratorische Wissen und öffnete sich neuen Lösungen. Was dabei herauskommt ist u.a. nachzulesen in der von Peter Ettl herausgegebenen Anthologie »Die inneren Fernen«. Obwohl unter den Zeltschrägen einer gemeinsamen Edition bilden die Lyriker der „blank generation“ keine einheitliche Gruppe. Es gibt keinen gemeinsamen arspoeticagleichen Ansatzpunkt als den, Literatur anders einzuordnen, um schließlich eine Art literaturkritischer Mutation hervorzuzaubern. Eben durch die Verschiedenheit der Gedichte, durch die Unvereinbarkeit der gezielten Darlegungen und dank dieser Inkompatibilität werden die Autoren selbst zum Sinnbild der gegenwärtigen Lage der kulturellen Gesellschaft. Die Lyrik ist nie homogen, sie resultiert aus zahlreichen Stimmen und Stilen, die manchmal Berührungspunkte aufweisen, manchmal aber auch nicht.
Die Autoren, über die er unter dieser Überschrift schreibt: Matthias Kehle, Axel Kutsch, Theo Breuer, Peter Ettl, Wolf Doley, Holger Benkel, Francisca Ricinski, Peter Engstler, Stephanie Neuhaus, A.J. Weigoni. Nicht zu früh stirnrunzeln oder wegklicken! Es sind sämtlich Autoren abseits der Zentren, sie erfreuen sich nicht übertriebener Aufmerksamkeit der Kritik, vorsichtig gesagt, sie kommen in mehrfacher Hinsicht „aus dem Hinterland“:
Es fällt auf, daß manche lyrische Innovationen der letzten Jahre aus dem Hinterland kommen, ob aus der Edition YE Sistig in der Eifel, der Landpresse in Weilerswist, der Edition Das Labor aus Bad Mülheim oder der Silver Horse Edition aus Marklkofen, ob Peripherie Zentrum oder Zentrum Peripherie ist, entscheiden die interessierten Leserinnen und Leser mit jedem neuen Gedichtband neu.
Über Holger Benkel schreibt Hagedorn:
Wie schon in dem Band „kindheit und kadaver“ verfügt Holger Benkel aus Schönebeck (bei Magdeburg) auch in seinem Band »meißelbrut und andere gedichte« über kulturelle Deutungsmuster und Übersetzungsmöglichkeiten, die anderen fehlen. Für diesen Lyriker leuchtet die Devise einer abfallgeplagten Epoche auch als Lebensdevise ein. Seine Biographie erscheint als Zwischenexistenz, als interkulturelle Existenz, aber sie dient ihm der produktiven Herausforderung und nicht irgendeiner ‚Verostung‘. Für jemanden, der auf dem Land zu Hause ist und der die Welt der Arbeit ganz genau kennt, der Schreibkrisen hinter sich hat und erst spät entdeckt wurde, scheint das Bild des Außenseiters wie geschaffen. Kein Buch ist für Autoren riskanter als eines, das Gefahr läuft, zu hastig gelesen zu werden. Die Gedichte von denen hier die Rede ist, behandeln einen großen, weitläufigen und einschüchternden Gegenstand, da kann Eile alles vernichten. Sorglichkeit, scheint mir, hat Benkels Umgang mit der Sprache geprägt. Das einzelne Wort, und sei es das harmloseste, besitzt bei ihm einen eigenen Wert, ist unersetzlich und kostbar. So kam er mit immer weniger Sätzen aus, und sie hatten ein immer größeres Gewicht. Der Glanz, der unvergleichliche Klang seiner Gedichte nährt sich aus dieser Ehrfurcht vor dem einfachen Wort. Seine Gedichte kreisen oft in parabolischer Form um den Tod. Bei Holger Benkel sind Selbstwahrnehmung und öffentliches Rollenklischee schon früh miteinander verschmolzen. Jeder Dichter scheint eine ihm eigene Welt zu bewohnen mit einem ihm eigenen Mobiliar, seiner Poesie. Das Typische an der Poesie von Holger Benkel liegt im eigenen Klang. Seine Gedichte verlangen nach einer alle Sinne mit einbeziehenden Lektüre, um in ihrem vollen Gehalt erfasst zu werden; sie erfordern Respekt und Ruhe. Der Magdeburger Börde, in der er geboren wurde, hält er bis heute die Treue.
Für mich fast kurios, daß meine Lyrikzeitung in einem Aufsatz zu diesem Thema vorkommt. Aber es ist doch nicht allzu abwegig, ist es doch erklärtes Ziel meiner Sammelwut, nicht „die eine“ Szene zu dokumentieren, sondern möglichst viele (wenn auch keineswegs all und jede). Ebenso erscheint Andreas Heidtmanns Poetenladen als ein Ort, diesen (neuen?) Regionalismus mitzuorganisieren, die Nachbarschaft ist mir recht. Hagedorn über Heidtmann:
Als Herausgeber scheint er eine Art Universalpoesie im Sinn zu haben. Der Poetenladen soll weder in den Klappkasten der schöngeistigen noch der engagierten Literatur passen, hier spiegelt sich die deutschsprachige Gegenwartspoesie in all ihren Facetten und Spielarten. Nimmt man ergänzend den von Shafiq Naz edierten Lyrikkalender dazu, stellt man fest, daß wir in geistig in guten Zeiten leben, so aufregend war deutsche Lyrik seit dem Barock nicht mehr.
Shall we have a discussion?
Das diesjährige Augsburger Brecht-Festival zeigt, wie der Dichter junge Songschreiber bis hinein in die Hip-Hop-Szene inspiriert – und warum er als früher Vorläufer der Web-2.0-Generation angesehen werden kann / Hermann Weiß, Die Welt 31.1.
Frank Quilitzsch sprach mit W. Daniel Wilson über Goethes Ansichten zu Homosexualität und Kindsmord, Thüringische Landeszeitung 29.1.
Bei den Epigrammen, die Sie zitieren, nimmt das lyrische Ich unterschiedliche Rollen an. Man kann es nicht mit dem Dichter gleichsetzen. Dennoch gibt es Biografen, die daraus Rückschlüsse auf die Person Goethes ziehen – bis hin zu spekulativen Behauptungen wie der, dass er schwul gewesen sein soll. Sie tun so etwas nicht.
Nein. Über diesen biografischen Fragen droht das eigentlich Wertvolle an Goethes Darstellungen unterzugehen. Man kann zum Beispiel das Epigramm aus dem Notizbuch der schlesischen Reise im Jahre 1790 – „Knaben liebt ich wohl auch doch lieber sind mir die Mädchen / Hab“ ich als Mädchen sie satt, dient sie als Knabe mir noch“ – im Zusammenhang der literarischen Tradition sehen, aber auch mit Goethes Interesse für Antinous, den Geliebten des Kaisers Hadrian. Man kann es aber auch im Zusammenhang mit der Vielstimmigkeit bei Goethe sehen, dass er, wie Sie sagen, Rollen annimmt und ausprobiert. Dieses Epigramm war vielleicht zusammen mit einem anderen konzipiert, das Goethe veröffentlichte: „Niemand liebst du, und mich liebst du so heftig, Philarchos, / Ist denn kein anderer Weg, mich zu bezwingen, als der?“ – es wäre schwer, diese Zeilen auf seinen Aufenthalt in Venedig zu beziehen. Ich habe vorgeschlagen, dass da vielleicht sogar eine Frau als Sprecherin fungiert. Jedenfalls ist Goethes Auseinandersetzung mit machtbedingter Sexualität hier viel interessanter als seine eigenen sexuellen Praktiken oder Neigungen, die wir sowieso nicht kennen.
Schriftsteller und Dichter können auch in diesem Jahr wieder beim rheinland-pfälzischen Georg-K.-Glaser-Preis ihren Hut in den Ring werfen. Der mit 10 000 Euro dotierte Literaturpreis und der zusätzliche Förderpreis (3000 Euro) werden vom Klturministerium und dem Südwestrundfunk (SWR) ausgeschrieben. Zugelassen sind alle literarischen Gattungen wie Prosa, Lyrik, Szene und Essay, wie das Ministerium am Montag in Mainz mitteilte.
Die maximal zehn Schreibmaschinenseiten langen Werke müssen noch unveröffentlicht sein. Beteiligen können sich Autoren, die in Rheinland-Pfalz leben, hier geboren oder durch ihr Schaffen mit dem Land verbunden sind. Einsendeschluss ist der 3. Mai.
Der Preis ist nach dem 1910 im rheinhessischen Guntersblum geborenen und 1995 in Paris gestorbenen Autor Georg K. Glaser benannt. Die Preisträger der vergangenen drei Jahre waren Jörg Matheis (2009), Katharina Born (2008) und Dagmar Leupold (2007). / Landesregierung Rheinland-Pfalz
Montag, 01.02.2010, 20 Uhr, BAIZ
Das Subkommando für die freie Assoziation präsentiert die Januarausgabe des 5. Jahrgangs. Es geht um Krankheit, Kunst und Tod, oder umgekehrt: um Putz, Schlupf und Stunk. Katrin Heinau, Clemens Schittko, Su und Ralf S. Werder fahren auf, die Redaktion räumt ab. »Sie kennen die Hölle, aber sie haben festgestellt, daß sie kalt ist. Deshalb gehen sie ohne zu klagen in den Bränden, die sich an ihnen entfachen.« (Christine Sohn)
BAIZ, Christinenstraße 1/Ecke Torstraße, 10119 Berlin, U2 Rosa-Luxemburg-Platz, U8 Rosenthaler Platz, Straßenbahn M8, Bus 240
Ich bemerke erst jetzt, daß arte heute nacht einen Beitrag zum Thema bringt:
Dylan Thomas. Dichter mit Treibstoff Alkohol
arte, 31.1., 23:30 Uhr
Im übrigen, Alkohol hin und her, war Thomas ein großartiger Dichter. Der Leipziger Lyriker Bertram Reinecke hat u.a. sein berühmtes Gedicht „Do not go gentle into that good night“ übersetzt – mittlerweile existieren 4 Fassungen, von denen wohl nur die erste veröffentlicht ist (zumindest in Buchform). Hier die erste Strophe im Original und in Reineckes vier Fassungen:
Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.
Du geh nicht sanft in diese gute Nacht
brenn, tobe Alter, eh der Tag zerfließt
entzünde Zorn wenn stirbt die helle Pracht
In: Bertram Reinecke: Chlebnikov am Meer. Gedichte und Gedichtgedichte. Stralsund 2003, S. 68
2. Fassung:
Zieh nicht gelassen in dies Dunkel ein
Das Alter loder, wenn die Nacht anbricht
Bricht ihm das Licht, dann muss da Aufruhr sein
3. Fassung:
Geh nicht in diese gute Nacht devot
Das Altersschwärmen hell ins Dämmern fällt
Zuck zornentzückt wenn dir das Licht verloht
4. Fassung
Du sollst nicht sacht in diese Nacht eingehen
Lass Krachen Alter brenne, spiel verrückt
Licht helle mußt dem Dämmern widerstehen
Johannes Bobrowski „schrieb jenseits von Erika Steinbach“, schreibt Fokke Joel in der Zeit, (die Formulierung scheint mir mit Verlaub – natürlich gut gemeinter – Unsinn. Irgendwie schaffen es die Medien immer, alles auf ihre Ebene hinabzuziehen!) „ein Stück Weltliteratur über Vertreibung und Versöhnung. Eine Ausstellung erinnert nun an ihn.“
Als Beitrag zur Versöhnung wollte er mit seinen Gedichten einen „sarmatischen Diwan“ schaffen, benannt nach dem antiken Wort für die Gegend zwischen Weichsel, Wolga, Ostsee und Schwarzem Meer. Eine poetisierte, aus der Erinnerung und Recherchen geborene Welt, die sich in Bobrowskis Lyrik auf den nördlichen Teil der antiken Gegend bezog – dort, wo er aufgewachsen war und er sich als Soldat einer Nachrichtenkompanie am Krieg beteiligt hatte. …
Die ersten Gedichte, die er schrieb, sind bereits Mitte der dreißiger Jahre entstanden. 1944 erschienen acht von ihnen in der Zeitschrift Das innere Reich, in der auch Autoren wie Günter Eich und Peter Huchel veröffentlichten. Die Gedichte von Letzterem waren es auch, die den Kriegsgefangenen, der in einem Bergwerk im Donezbecken arbeitete, tief beeindruckten. Wie bei Huchel spielen in Bobrowskis Versen Natur und Landschaft eine zentrale Rolle. Prägend für ihn war die multikulturelle Gegend um die Memel, wo Deutsche, Litauer, Polen, Russen und Juden bis zum zweiten Weltkrieg zusammenlebten. …
Doch trotz aller Bezüge zur osteuropäischen Landschaft sind Bobrowskis Gedichte keine Naturlyrik, kein reiner Ausdruck der Schönheit der Natur. Landschaft ohne Menschen, schrieb er einmal, das sei für ihn gar keine Landschaft. Andererseits sind es gerade die Naturbilder, die an Bobrowskis Gedichten zunächst faszinieren. Sie geben dem Leser in den teilweise schwierigen, in der Tradition moderner Lyrik schroff gegeneinander gesetzten Bildern eine Ahnung vom Verständnis. Mit der eigenen Naturerfahrung verknüpft, entfaltet sich an ihnen auch der Zauber seiner Verse: „Traum, / mit des Habichts Schrei / endend, dem Rauschen, / hoch, / Zeichen an bläulicher Wand, / gekratzt in den Mörtel / mit dem Nagelrand, Bild, / Abbild, / sarmatisch“ (Stromgedicht).
2008 übernahmen … die Historischen Sammlungen der Landesbibliothek Berlin die rund 2200 Bücher des Dichters. Bis zum 31. März sind einige von ihnen im Lesesaal der Sammlung in einer kleinen Ausstellung zusehen, zusammen mit Fotos und anderen Zeugnissen des Dichters.
Kurt Leonhard, der vor 100 Jahren geborene Esslinger Kunstwissenschaftler, Lyriker und Übersetzer, war kein Napoleon des Geistes. Er saß weder auf dem überheblich hohen Gedankenross noch auf einem ordentlichen Lehrstuhl, sondern gab – unter anderem – Volkshochschulkurse. Schopenhauer, der Denker des Nichts, stand ihm näher als der philosophische Spekulant Hegel. …
Das Heilige war Leonhard, dem erklärten Agnostiker, eine zutiefst vertraute Kategorie. Als Autor eines maßstäblichen Buchs über Dantes „Göttliche Komödie“ war ihm der Gedanke einer Transzendierung der menschlichen Existenz nahe, einer Transzendierung freilich, die sich nicht mehr in religiöser Heilsgewissheit, sondern allenfalls noch in künstlerischen Grenzüberschreitungen eine Form gibt.
Solche Offenheit für das Transzendente, das ganz Andere blitzt nicht zuletzt in der Lyrik Leonhards auf, einem eigenständigen Oeuvre, das der Autor wie geheime Notate lange Zeit im Verborgenen hielt (eine Auswahl gab Friedhelm Röttger 1997 unter dem Titel „Leuchtfische“ im Bechtle Verlag heraus). Als „Nachdichter“ und „Sekundärliterat“ pflegte sich Leonhard in einer Mischung aus Bescheidenheit und der ihm eigenen Ironie zu apostrophieren – dem eigenen Werk nicht gerecht werdend und doch einen zentralen Aspekt seines Wirkens unterstreichend: Als Vermittler, namentlich in der Position des Lektors beim Esslinger Bechtle Verlag, prägte er in den 50er-Jahren das hoch ambitionierte Programm des Hauses und hörte das Gras literarischer Innovation wachsen. Die damals noch unbekannten Namen, die er bei Bechtle zur Ehre der Buchaltäre erhob, lesen sich heute fast wie eine Enzyklopädie der deutschen Literatur jener Zeit: Helmut Heißenbüttel, Peter Härtling, Heinz Piontek und Johannes Poethen sind nur einige von ihnen. / Martin Mezger, Eßlinger Zeitung 30.1.
Die dänische Poesie ist hierzulande wenig bekannt, auch wenn es in den vergangenen Jahren immer wieder Versuche gegeben hat, den Blick auf die literarische Vielfalt unseres Nachbarlands zu lenken. So stellte Peter Urban-Halle in der in Berlin erscheinenden Zeitschrift „Park“ (62/2007) ein Gruppenbild dänischer Poesie zusammen, und der Schweizer Verleger Urs Engeler bat im Sommer 2009 die Autoren Moritz Schramm und Alexander Gumtz, für seine Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ einen Blick auf „Neue Gedichte aus Dänemark“ zu ermöglichen. Doch werden Namen wie Lars Skinnebach, Gitte Broeng oder Morten Søndergaard bestenfalls Insidern etwas sagen. …
Der mit dem Petrarca-Übersetzerpreis und dem Preis für Europäische Poesie ausgezeichnete Übersetzer Hanns Grössel (ohne ihn gäbe es die wunderbaren Ausgaben der Gedichte von Inger Christensen und Tomas Tranströmer wahrscheinlich nicht) hat jetzt einige Proben aus dem immerhin auch schon auf neun Bände angewachsenen Werk der 1965 in Südschweden geborenen dänischen Lyrikerin Ulrikka S. Gernes übersetzt. …
Ulrikka S. Gernes entstammt einer Künstlerfamilie, ihr Vater Poul Gernes (eines seiner Bilder ziert den Umschlag der Edition) gründete mit Per Kirkeby und anderen in Kopenhagen eine experimentelle Kunsthochschule; er starb 1996. Gernes’ Gedicht „Die beschlagene Scheibe: Requiem“ erinnert an den Vater und beginnt mit den Worten: „Zum ersten einzigen Mal / habe ich meinen Vater auf dem Schoß, / auf dem Rücksitz des Autos den ganzen Weg / nach Hause. Die Asche meines Vaters.“
Das gesamte Gedicht ist ein Abgesang auf die Vergänglichkeit, die Asche des Vaters, die hier in einem „trotzigen Tanz“ über alle Zäune wirbelt, als „Staub und Erinnerung“. Doch das Tote wird beinahe noch einmal lebendig, und das Gedicht klingt mit einer suggestiven Erinnerung an den letzten Atemzug des Vaters aus – fast ein Stoßseufzer: „Vater, / im Ausatmen unter meinen Lippen.“
… Das Leben als letzter Widerstand rinnt durch jede Ritze dieser Verse, die so durchscheinend sind, weil sie das Dunkle im Hintergrund nie leugnen. Ecce poeta, bitte mehr davon. / Volker Sielaff, Tagesspiegel 31.1.
Ulrikka S. Gernes: Wo Schmetterlinge überwintern können. Gedichte. Friedenauer Presse, Berlin 2009.
32 S., 9,50 €.
Andreas Noga
lyrischer abend
nach der feier der wörter schliefen wir
unseren rausch aus:
all die sätze die wir hörten
zum verkosten in den mund nahmen
waren hochprozentig
sie stiegen zu kopf mit jeder
neuen zeile die eingeschenkt wurde –
wir tranken stürzten verse
in uns hinein tranken als gäbe es
ein morgen das nach dem erwachen
prosaisch kommt
Sistig, 7. November 2009
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