7. Surrealismus und Wahnsinn

1925 veröffentlichte André Breton in der Zeitschrift „La Révolution Surréaliste“ anonym einen offenen Brief an die Chefärzte der Irrenanstalten, in dem es hieß: „Die Wahnsinnigen sind die individuellen Opfer par excellence der Diktatur der Gesellschaft; im Namen dieser Individualität, die erst den Menschen ausmacht, fordern wir, dass diese Gefangenen der Sensibilität befreit werden.“ Interessant sind auch die beiden Holzschachteln eines unbekannten „Geisteskranken“ aus dem Jahre 1878. Sie sehen den berühmten boxes des amerikanischen Künstlers Joseph Cornell (1903 bis 1972), der auf der Documenta 1968 und der von 1972 seine Arbeiten ausstellte, zum Verwechseln ähnlich. Auch hier die Ordnungsliebe, die ihr Zwanghaftes ausstellt.Gleich zu Beginn der Ausstellung Zeichnungen von Unica Zürn (1916 bis 1970). Die Künstler- und Dichterin hat immer wieder Monate in der Psychiatrie zubringen müssen. Ihre Kunst ist von ihrer Krankheit nicht zu trennen. Und beides wohl auch nicht von Hans Bellmer, dem surrealistischen Künstler, mit dem sie fast zwanzig Jahre verbrachte. In der Ausstellung heißt es, sie habe „eine enge, aber konfliktreiche Beziehung“ miteinander verbunden. Das aber kennt man. Aber hier in den Räumen der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, mitten in der Sammlung Prinzhorn, fällt es einem auf. So viel Naivität hatte man hier nicht erwartet.

In eine ihrer suggestiven Zeichnungen von Augentieren, die im Wasser zu schweben scheinen, hat Unica Zürn ein paar Zeilen eingeschrieben, die hier ganz so, wie sie sie schrieb, in toto zitiert seien: „Ich weiss nicht wie man die Liebe macht Wie ich weiss „macht“ man die Liebe nicht Sie weint bei einem Wachslicht im Dach ach sie waechst im Lichten, im Winde bei Nacht. Sie wacht im weichen Bilde, im Eis des Niemals im Bitten wache wie ich. – Ich weiss: wie ich macht man die Liebe nicht“. / Arno Widmann, FR 1.2.

„Surrealismus und Wahnsinnn“ ist noch bis zum 14. Februar zu sehen in der Sammlung Prinzhorn in der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, Voss-Straße 2. Dienstag bis Sonntag 11-17 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.

3 Comments on “7. Surrealismus und Wahnsinn

  1. ja, ich versuche, die quelle/person zu wieder zu finden. na as wär ja ein ding, wenns der andere k wäre! auch spannend 🙂 allerdings vonwegen im nachhinein zuschreiben: „beliebt“ ist vielleicht nicht das richtige wort dafür, ich ahne daß es eher eine „notlösung“ ist: wenn man dann endlich genug historische dokumente zusammen hat, um etwas zu beweisen, dann kommts eben raus. glücklich, wer zu lebzeiten nicht enttarnt wird ;-)))

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  2. kann es nicht eher sein, dass da kandinsky mit kandinsky vermischt wurde?

    dass wassily kandinsky wahrscheinlich synästhetiker gewesen ist, nun ja, das kann man gerade wegen der beschreibungen in seinem buch leicht vermuten und es wäre ja auch naheliegend. dass er aber dann auch schizophren gewesen sein soll, wäre mir jetzt neu.

    victor kandinsky, also der cousin(?) von wassily, war psychiater & forscher auf dem gebiet ‚halluzinationen‘. er hat sich selbst – wenn ich mich jetzt recht erinnere – wegen seiner paranoid getränkten halluzinationen einweisen lassen. das hat dann schon schizophrenere züge. und natürlich wird so auch die familie kandinsky interessant, was die von dir angesprochene forschung angeht.

    wenn dir die referentin wieder einfällt, sag einmal bescheid. das interessiert mich.

    nachträglich ein krankheitsbild oder eine wahrnehmungsvarianz zuzuschreiben, ist aber beliebt. luis carroll hat ja so z.b. das „alice-im-wunderland-syndrom“ indirekt betitelt.

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  3. ich erfuhr erst vor einigen tagen, daß KANDINSKY, der erfinder der sogenannten „abstrakten“ malerei, inzwischen als SCHIZOPHREN diagnostiziert wird. auch bei GOETHE wird dasselbe krankheitsbild vermutet, aber noch darüber geforscht. ich kann leider momentan keine quellenangabe machen, habe auch den namen der referentin vergessen… aber ich werde berichten, falls ich näheres/neues weiß! oder weiß wer anders was?

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