148. LITERATUR DANK ALKOHOL? EIN DOPPELTER… ALTER HUT!

Tom de Toys schrieb in mein im letzten Sommer gegründetes Facebook-Forum Lyrikzeitung (aber jetzt ist Winter, und ich habs nicht gleich gefunden. Sonst hätte ich mir #145. Rausch und Literatur sparen können! Danke, Tom, fürs Aufpassen!):

Widerlegung der Hanser-Hypothese eines ansonsten Abstinenten

„Verleger Michael Krüger hält Zusammenhang zwischen Schreiben und Alkohol-Konsum für eine Ausnahme: Man weiß wenig über den Alkohol-Konsum von Schriftstellern. Dieses Fazit zieht der Autor und Verleger Michael Krüger. Er glaube nicht, dass sich Autoren in einen Rausch tränken, um anschließend mit dem Schreiben zu beginnen, sagte Krüger im Deutschlandradio Kultur. Ausnahmen habe es jedoch bei Schreib-Experimenten in der surrealistischen Periode gegeben. Der unter Schriftstellern verbreitete Alkoholismus hänge eher mit der psychischen Natur vieler Autoren zusammen, die der eines verwundbaren Kindes ähnele.“
29.1.2010 (11:30h) @ www.dradio.de/kulturnachrichten/201001291100/2

Als ich vorhin zufällig im Radio das ganze Interview zu dieser Kurzmeldung hörte, fragte ich mich, ob das dazugehörige Buch nicht „gut läuft“ und die erneute Aufwärmung verhindern soll, daß der Verleger im Frustsuff ertrinkt, denn: das hatte ich doch schonmal gehört oder gelesen… aber wo und wann? NATÜRLICH: IN DER LYRIKZEITUNG :-))) Nämlich vor fünf Jahren:

http://www.pom-lit.de/lyrikzeitung/lpoe2005okt2.html
= 92. Mit Rum gedruckt:
(…) Der Schriftsteller Michael Krüger ahnte es schon vor Jahren: Schreiben und Trinken bedingen einander. In seinem Buch „Literatur und Alkohol“ stellte er den unbedingten Zusammenhang von Poesie und Promille her. / Spiegel 21.10.

Michael Krüger / Ekkehard Faude: „Literatur und Alkohol“ (Libelle Verlag):
http://www.dradio.de/dlf/sendungen/buechermarkt/371804/
= 29.04.2005 © 2010 Deutschlandradio: „Vom Trinken und Schreiben“ (Von Katharina Rutschky)

Bei der weiteren Recherche staunte ich nicht schlecht: Dieses Buch wurde damals ja bereits im DRadio besprochen! Nun bleibt für mich die Frage offen, ob das HEUTIGE Interview womöglich DERSELBE Beitrag von damals ist? Ein Lückenfüller??? Oder Aufwärmung des Themas in Zeiten von allmählich hinfort schmelzendem Glühwein??? Da kam mir die zündende Idee: ich habe doch selbst einmal 1 Gedicht unter A-Einfluß fabriziert, ja doch: 1 einziges Gedicht von mir ist WÄHREND DES A-RAUSCHES entstanden! Das war… warte… müßte 1997 in jenem Düsseldorfer Café xy gewesen sein, wo „Das Rilke Radikal“ während seiner D’doof-Tour gastierte! Ha! Gefunden! Und so kann ich nun den r-A.-dio-Beitrag auffrischen und die Hanser-Hypothese wiederlegen, daß Alkohol nur vor oder nach dem Inspirationsrausch konsumiert würde, sondern auch DABEI – welch unglaublich unerwartete Sensation! Der Titel meines Gedichtes lautet „(ohne Titel)“, veröffentlicht ist es im vergriffenen 97er-G&GN-Heft „FÜR IMMER WACH“:

Tom (de) Toys, 7.4.1997 @ Café Modigliani

(ohne Titel)

schon wieder nichts
zu schreiben nur die zeit
die jeder geist benötigt
um sich selbst
zu überlisten als ein
brillenloses ungetüm
mit sprachgenossenschaften
in den einzelnen
bewußtseinslandeplätzen
windungen mit windgeschwindigkeit
das lachen bleibt
im linken nasenflügel stecken
wie ein amputierter engel
der zu keiner bodenständigkeit
bereit sein kann solange
bilder gegen bilder kämpfen

P.S. mein anderes A-Gedicht vom 18./19.2.1996: „KARNEVAL IN DOITSCHLAND (100 JAHRE B(R)ETON)“ ist NICHT unter A-Einflußß entstanden, sondern IMITIERT nur den a-bedingten Drehimpuls des Sprachzentrums und wurde damals von einem Kölner Realschüler im Deutschunterricht (nicht bei Theo Breuer, da waren nur Mädels) dementsprechend grandios performt! auch darüber berichtete L&POe bereits:

http://www.pom-lit.de/lyrikzeitung/lpoe2008jan3.html
= 122. Karnevalismus: Das folgende „karnevalismuskritische“ Gedicht von De Toys wurde damals von Schülern einer Kölner Realschule, wo er eine Deutschunterrichtsstunde mitgestaltete, theatralisch performt, um die „besoffene“ Auflösung des Reims stimmakrobatisch nachzuempfinden, wodurch allen der fröhliche Zugang zur Lyrik erleichtert wurde…

(c) G&GN-Institutsarchiv @ http://www.wulle.de/GGN/TACHELES/tt2.htm#karneval

147. Auswahl in Hamburg

Kommenden Donnerstag können Literaturfreunde in Hamburg zwischen dem neuen ham.Lit-Festival und einem Abend zu Ehren des Autors Hermann Peter Piwitt, der gerade 75 wurde, wählen.

„Vom Roman bis zur experimentellen Lyrik, über Erzählung und Slam, spannt das Festival einen Bogen bis hin zur Musik“, sagt die Website des Festivals. Dabei sind u.a. Jan Wagner, Ann Cotten, Daniel Falb, Monika Rinck. (Das Wort „experimentell“ gehört ja zu den leeren Füllwörtern des Betriebs. In dem Kontext bedeutet es meist einfach: „Seht her, wir haben auch Lyrik dabei“).

Über die andere Veranstaltung berichtet Frank Keil, Die Welt 31.1., daß

einer der ganz großen Hamburger Autoren geehrt wird: Hermann Peter Piwitt. Den Schriftsteller, der gerade 75 Jahre alt wurde, hat man einst in einem Atemzug mit Peter Rühmkorf, Hans-Magnus Enzensberger oder Martin Walser genannt. Und dann? „Die merkwürdigen Usancen des Literaturbetriebes führten dazu, dass Hermann Peter Piwitt mehr und mehr zum Geheimtipp avancierte und seine öffentliche Wahrnehmung sank“, heißt es leidlich verlegen im Programmflyer des Literaturhauses.

(Übrigens heißt die Welt-Überschrift: „Junge Wilde und ein alter Meister“)

146. Wechsel in Frankfurt

Das Literaturhaus Frankfurt und das Hessische Literaturforum im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm bekommen neue Leiter. Der Lyriker Hauke Hückstädt wird Programmgeschäftsführer, und Harry Oberländer übernimmt die Stelle seines bisherigen Chefs Werner Söllner. Dieser hatte bei einer Münchner Tagung über die Securitate eingestanden, eine Zeitlang für den Geheimdienst gearbeitet zu haben. Bericht bei Faz.net

Vgl. L&Poe

145. Rausch und Literatur

Ich glaube eben nicht, dass man während des Rausches schreibt. Es gibt Ausnahmen. Also zum Beispiel der berühmte französische Dichter Henri Michaux hat im Peyote-Rausch automatisch Texte geschrieben. Es gibt auch andere Beispiele, die das versucht haben. Nur ist das eher sozusagen aus der surrealistischen Periode der Écriture automatique, dass man versucht hat, was kommt eigentlich raus, wenn man die Barrieren des Bewusstseins niederreißt und sich im Rausch befindet.

… einer der berühmtesten Fälle ist natürlich immer Dylan Thomas, der ein wirklicher Alkoholiker war, also ein Kranker, ein krankhafter Trinker, der aber dann, wenn er gesoffen hat, tatsächlich so etwas Dionysisches kriegte, und seine unerhörten Metaphern sozusagen sind auch dem Rausch geschuldet.

/ Michael Krüger im Gespräch mit Jürgen König, DLR 29.1.

144. Salingers Feinde

Feinde hat er viele, denn der Homo sapiens sapiens, besonders wenn er auch noch Kritiker und Schriftsteller ist, hat Probleme mit Gattungsgenossen, die geheimnisvoller als er selber sind. Ian Hamilton („Lyriker, Essayist und Robert-Lowell-Biograf“) hat lange auf den Spuren Salingers geforscht. Eine Erforschung des „Privaten“, die er mangels hinreichender Ergebnisse als Essay präsentiert. Aber wenn man „Das Werk und der Rest. Auf der Suche nach J.D. Salinger“ gelesen hat, hat man den Eindruck, noch weniger über den Menschen zu wissen: als habe Hamilton die Puzzleteile beim Lesen nur neu arrangiert. Und das Werk, zerpflückt mit dem einzigen Ziel, Hinweise auf die Biografie zu finden, macht einer parasitären Textauslegung Platz. / Jacques A. Bertrand, Le Magazine Littéraire (Nachdruck einer Rezension von 1989)

Ian Hamilton: Auf der Suche nach J. D. Salinger („In search of J. D. Salinger“). Limes-Verlag, Berlin 1989

143. Pilgerfahrten

Christophe Fricker, mittlerweile 32 Jahre alt und folglich in dem Alter, wo man so langsam seinen Platz im Leben einnimmt, beschreibt in diesem Buch die Reisen seiner Zwanzigerjahre. Der seit Jahren an einer amerikanischen Hochschule deutsche Literatur unterrichtende Autor, der im vergangenen Jahr den Hermann-Hesse-Förderpreis erhielt für seine bemerkenswert formbewusste Lyrik, ist sich der Ambivalenz von sogenannter Reiseliteratur durchaus bewusst. Ironisch und subtil thematisiert er ihre Gefahren. …

Auch der Lyriker macht sich in diesen anschauungsgesättigten, doch immer auch reflektierten Texten bemerkbar, insofern der Autor geradezu Pilgerfahrten zu dem von ihm besonders geschätzten Dichter Dick Davis in Columbus, Ohio oder zu Robert B. Shaw unternimmt, der am Mount Holyoke College lehrt, das man durch Joseph Brodsky kennt. /Tilman Krause, Die Welt 30.1.

Christophe Fricker: Larkin Terminal. Von fremden Ländern und Menschen. Plötter, Leipzig. 144 S., 14, 90 Euro.

142. von Jandl weg auf Jandl zu

2001 wurde der Ernst-Jandl-Preis initiiert, der mittlerweile alle zwei Jahre verliehen wird. 2009 wurden alle beim Preis lesenden Autorinnen und Autoren sowie die Jurymitglieder gebeten, sich künstlerisch mit einem Jandl-Gedicht auseinanderzusetzen. Das Ergebnis dieser Arbeiten liegt nun in Buchform vor: von Jandl weg auf Jandl zu ist beim Czernin Verlag erschienen, herausgegeben von Reinhard Urbach. Vertreten sind namenhafte Schriftsteller wie Jandls langjährige Freundin Friederike Mayröcker, der mittlerweile ebenfalls verstorbene Thomas Kling, selbst Ernst-Jandl-Preisträger von 2001, und die Nobelpreisträgerin des Jahres 2009, Herta Müller. Aber auch unbekannte und vor allem junge Autoren finden sich in der Anthologie versammelt. Und alle gedenken sie Ernst Jandl auf vollkommen verschiedene Weise. Kurze Essays, mosaikartige Gedankenbilder, Antwortgedichte, von Jandls Gedichten inspirierte Gedichte, Bilder, Collagen – die Formenvielfalt dieser 47 Begegnungen und Überlegungen, wie es im Untertitel heißt, ist groß. Fortsetzen solle man Jandls Gedichte, hat Helmut Heißenbüttel gefordert.  Doch was heißt das? / Kristoffer Cornils, Berliner Literaturkritik 29.1.

URBACH, REINHARD (HG.): von Jandl weg auf Jandl zu. 47 Begegnungen und Überlegungen. Czernin Verlag, Wien 2009. 108 S., 17€.

(Bei der Berliner Literaturkritik steht: von Jandl weg nach Jandl hin. Nach einem Hinweis Ron Winklers, s. Kommentar, habe ich das korrigiert. M.G.)

141. Drogenballaden

«Narcocorrido» werden die glorifizierenden Balladen über das Treiben der Drogenkartelle im Norden Mexikos genannt. Seit mehr als dreissig Jahren gibt es das Genre, es geniesst hohe Popularität. Die Regierung will ihm nun per Gesetz einen Riegel vorschieben. Doch das Aus für die Narcocorridos ist unwahrscheinlich.

«Contrabando y Traición» (zu Deutsch Schmuggel und Verrat) gilt als die Mutter aller Drogenballaden. Aus dem Jahr 1974 stammt der Song, und komponiert haben die Hymne nicht die ungekrönten Könige des Genres, Los Tigres del Norte, sondern es war ein unbekannter Mariachi-Sänger. / Knut Henkel, NZZ 29.1.

140. Der Tod

… Jerome David Salingers geht mir nah. Ich habe alle seine Bücher gelesen, es sind noch um einiges weniger als Koeppens. Was wird sich im Tresor finden? Welche Schlammschlachten werden entbrennen? Was auch immer. Alles an seinen Büchern hat mich „seinerzeit“ hineingerissen. Die Sprache (man muß es im Original lesen)! Zumindest für den Slang seines „Fängers im Roggen“ gibt es keine Entsprechung im Deutschen, die wunderbaren federnden Sätze werden allzuoft allzu schlicht. Mir gefiel, wie der junge Holden ein Gedicht der Schullektüre mißversteht, also wohl: versteht. (Ich kann jetzt nicht zitieren, die englische Ausgabe ist wohl bei meiner Tochter? Hallo!). Salingers Buch war auch meine erste Begegnung mit dem Schottisch des Robert Burns:

O Jenny’s a‘ weet, poor body,
Jenny’s seldom dry:
She draigl’t a‘ her petticoatie,
Comin thro‘ the rye!

Comin thro‘ the rye, poor body,
Comin thro‘ the rye,
She draigl’t a‘ her petticoatie,
Comin thro‘ the rye!

Gin a body meet a body
Comin thro‘ the rye,
Gin a body kiss a body,
Need a body cry?

Gin a body meet a body
Comin thro‘ the glen,
Gin a body kiss a body,
Need the warl‘ ken?

(Auszug, mehr hier)

a‘ weet: all wet
gin [g wie in give]: if
draigl’t a‘ her petticoattie: draggled (wet by trailing on the ground) all
her petticoats
glen: Tal
warl‘: world
ken: know

Und vermutlich war „Raise High the Roof Beam, Carpenters“, eine der Geschichten über die Kinder der Familie Glass, meine erste nähere Begegnung mit der Dichterin Sappho. Es stammt aus dem Fragment eines Brautlieds:

Raise high the roof-beam, carpenters. (Hymenaeus!)
Like Ares comes the bridegroom, (Hymenaeus!)
taller far than a tall man. (Hymenaeus!)

(H. T. Wharton)

In der deutschen Fassung Michael Schroeders:

Macht hoch die Tür!
Oh Hymenaios!
Hebt höher den Türsturz,
zimmernde Männer!
Auf die Hochzeit!
Kriegsgottgleich naht der Bräutigam!
Oh Hymenaios
Größer als ein große
r Mann!
Auf die Hochzeit!

Sappho: Untergegangen der Mond. Lieder und Strophen. Ausgewählt aus dem Griechischen und neu übertragen von Mchael Schroeder, Artemis und Winkler 2006, S. 54

ὐμήναον.
γάμβρος ἔρχεται ἶσος Ἄρευϊ,
[ὐμήναον]
ανδρος μεγάλω πόλυ μείζων·
[ὐμήναον].

Artists, raise the rafters high!
Ample scope and stately plan–
Mars-like comes the bridegroom nigh,
Loftier than a lofty man.

Anonymous,
Edinb. Rev., 1832, p. 109.

111
ἴψοι δὴ τὸ μέλαθρον ἀέρρετε τέκτονες ἄνδρες. γάμβρος εἰσέρχεται ἴσος Ἄρευι͵ ἄνδρος μεγάλω πόλυ μέζων.

111
Raise high the roof-beam, carpenters. Like Ares comes the bridegroom, taller far than a tall man.
(Elpenor)

Ich verdanke Salinger also außer seiner Sprache und seinen Figuren auch ein paar Erinnerungen an Erstlektüren. So wird dieser kleine Nachruf zu einem Blatt meiner Anthologie.

Link zu Sappho-Materialien

139. Goldwasser auf den Pflastern Neuköllns (I)

Samstag, 30. Januar 2010, 19:30 Uhr, Eintritt: 5,- Euro
Goldwasser auf den Pflastern Neuköllns (I)
Lettrétage

Die Rede ist hier von stählernen Zukunftsverwandten. Sie winken Dir zu, ehe sie an blühenden Korallenriffs hinabgleiten. Sie stoßen auf Gründe, die ihnen fremd sind. Tasten sich hinein in Erinnerungslandschaften (Danziger Bucht), treten an zur kollektiven TraumArbeit der Dichterwesen. Dabei verschütten manche Goldwasser auf den Pflastern Neuköllns, nach dem Ping Pong oder davor. Und halten sich irgendwo zwischen den Klingeltönen fest.

Frank Norten (Ibiza), geboren in Köritz/Brandenburg. Medizinstudium an der Humboldt-Universität in Berlin (DDR) und langjährige ärztliche Tätigkeit an mehreren Berliner Nervenkliniken. Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, Promotion über den Selbstmord bei Schizophrenen. Seit neun Jahren meist in Spanien lebend. Seit Mitte der 90er Jahre Produktion von ausschließlich Lyrik. Besuch einiger Schreibwerkstätten. 2008/2009 Teilnahme an der Autorenwerkstatt des Lyrikkabinetts München.

Gedichtbände: Rauch aus meinem Mund (Tortuga Presse, Berlin 2000), Die Frau von Capri (edition innsalz, Aspach 2002), Jestesmy wygnancami (Miniatura, Kraków 2004). Übersetzungen ins Polnische, Französische (veröffentlicht in Aujourd`hui Poéme, Paris), Englische und Litauische.
http://www.franknorten.com

Bastian Winkler (Berlin), geboren 1977 in Wunstorf bei Hannover; lebt in Berlin, wo er Hörspiele, Prosa und Gedichte verfasst. Veröffentlichte den Gedichtband „Quengelszungen“ und studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim; dort wirkte er anschließend als Dozent. Veröffentlichungen von Lyrik u.a. in der Bella triste.

Julia Trompeter & Xaver Römer als Duo „Sprechduette“ (Berlin/Köln)
Julia Trompeter, geboren 1980 in Siegburg, lebt in Berlin. Studium der Philosophie und Germanistik in Köln. Seit 2005 Redakteurin bei http://www.einseitig.info. Zahlreiche Auftritte in literarischen Zirkeln zwischen Weimar und Stuttgart. Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien sowie in literarischen Radiosendungen. Seit 2008 wissenschaftliche Mitarbeit und Promotion über den aristotelischen Begriff der Katharsis an der FU-Berlin.
Xaver Römer, geboren 1969, studierte Jazzgitarre in Rotterdam, wohnt in Köln und schreibt Lyrik und Prosa.
http://www.myspace.com/sprechduette

Isabella Vogel (Berlin), geboren 1988 in Berlin; studiert Französische Philologie und Philosophie in Berlin. Veröffentlichungen im Tagesspiegel, in verschiedenen Anthologien und Literaturzeitschriften, Beiträge in lauter niemand (8. Ausgabe und 9. Ausgabe), Vertonung eines Gedichtes durch das Maxim-Gorki-Theater. Mitglied im Autorenforum Berlin. Moderatorin in dem Literatur- und Kunstforum Blauer Salon.
http://www.poetenladen.de/isabella-vogel.htm

Clemens Kuhnert (Berlin), geboren 1965 in Berlin. Arbeitete nach dem Studium an der TU München als Architekt. Mitbegründer der Münchner Literaturzeitung TORSO sowie der Berliner Autoreninitiative lauter niemand. Dort Organisator des Literaturlabors und Herausgeber der gleichnamigen Literaturzeitung. Veröffentlichte 2008 den Gedichtband Tina die Teilzeitstewardess, herausgegeben von Alexander Krohn im Verlag Distillery Press (Berlin). Weitere Beiträge u.a. im Jahrbuch der Lyrik 2005, im lauter niemand (Ausgaben 2 und 6) sowie in der CD-Anthologie Nachrichten von der Poesie (SZ/WDR, 2008).
http://www.lauter-niemand.de/seite_clemens_kuhnert.htm

Lutz Steinbrück (Berlin), geboren 1972 in Bremen, lebt als Journalist (taz, Tagesspiegel, FR, Berliner Literaturkritik), Musiker (Band: Nördliche Gärten) und Autor (Lyrik, Drama) in Berlin. 2008 erschien sein Lyrikband Fluchtpunkt:Perspektiven im Lunardi Verlag (Berlin). Veröffentlichungen in den Zeitschriften Belletristik und außer.dem sowie online im Poetenladen, bei Lyrikmail und bei Fixpoetry.
http://www.poetenladen.de/lutz-steinbrueck.htm

138. Lyrik

„Hier liefere Brüderle nur «allgemeine Lyrik».“ – „Polit-Lyriker können das natürlich sehr viel gefälliger formulieren.“ – „Der deutsche Grüne Reinhard Bütikofer bemängelte „zu viel Lyrik“, der Liberale Graf Lambsdorff einen „Mangel an Ehrgeiz“. “ – „Die Lokführer-Lyrik. Vor allem der Schlussteil, wenn’s ums Eingemachte geht. „Wir begrüßen Sie auch in unserem Bordrestaurant.“ – „Das ist echte Lyrik, in der auch Sehnsucht mitschwingt. Offizielle Kulturhauptstadt ist Essen, die sich die Ehre mit der Region teilt.“ – „Auf Lyrik statt Prosa haben CDU und CSU sich in ihrem Wahlprogramm geeinigt.“ – „würde ein TV-Unterhaltungschef, der zur besten Sendezeit einen Lyrik-Wettbewerb ins Programm nehmen will, wahrscheinlich für verrückt erklärt.“

Jaja. Lyrik ist eben auch nur ein Wort aus Lügnerschnauzen. Wie Klima. Oder Frieden.

137. Gedenktag

Zum 150. Todestag von Ernst Moritz Arndt schreibt MATTHIAS KAMANN, Die Welt 29.1.:

Blutrünstig und von Franzosenhass getrieben, unternahm er immer neue verbale Sturmläufe – bei denen er als Lyriker oft strauchelte: „Da hieb dem Bonaparte/ Das Glück eine solche Scharte,/ Dass man auch ohne Warte/ Sie sah auf Meilen Raum.“ Bedenkt man, was in der deutschsprachigen Lyrik jener Epoche möglich war, muss man den Lyriker Arndt schwach nennen. Nur einige Dorf-Idyllen, Zeilen aus Altersgedichten („Wie sollt‘ ich anders denn vor Gott erscheinen/ Am jüngsten Tag als trauernd und zerrissen?“) sowie Kirchenlieder („Kommt her, ihr seid geladen“) lohnen die Lektüre.

Da er aber sonst ein niederer Lyriker war und zudem die Feindschaft gegen Juden predigte („wie Fliegen und Mücken und anderes Ungeziefer“), lässt sich zumindest nachvollziehen, warum in Greifswald gegenwärtig Studentengruppen verlangen, dass man der Universität, die 1933 auf Antrag von rechtsradikalen „Stahlhelm“-Professoren in Ernst-Moritz-Arndt-Universität umbenannt wurde, einen anderen Namenspatron geben sollte.

Und ich finde, Qualität als Lyriker gibt ein gutes Kriterium für einen Namenspatron. Düsseldorf und Frankfurt: können bleiben. Jena? Wird geprüft. Alle andern: Rübe ab, äh, Namensschild.*

Und da wir beim Thema sind: Ich sympathisiere mit den Studenten, die die Umbenennung der Greifswalder Universität betreiben. Wenn auch nicht frei von Bedenken. Wird die Uni besser, wenn sie nicht mehr nach einem drittklassigen pommerschen Dichter und Bonner Professor heißt? Ist das also nicht ein Nebenkriegsschauplatz? Zudem mit dem Beigeschmack, daß „wir“ auf der moralisch sicheren Seite sind. Namensgebungen sind nicht mehr zeitgemäß, sagen manche. Aber darum gehts ja nicht, das ist 1933 passiert. (Damals gabs klare stramme Mehrheiten – nicht erst nach der „Machtergreifung“.) Man könnte auch sagen: Umbenennungen sind nicht mehr zeitgemäß. Manche Schulen, Straßen, Kasernen oder so Bedürfnisanstalten haben Namen, die nicht jedem gefallen müssen: Aber sie erinnern uns an Geschichte. Dazu gehört halt, daß nicht immer alle so gedacht (und gehandelt) haben wie Wir heute. Umbenennungen entsorgen immer auch ein Stück Geschichte. Das macht sie beliebt.

*) okay, Halle bleibt auch: Luther war ein verdammt guter Lyriker, auch wenn es nicht alle glauben.

136. Brecht-Festival

Heute startet in Augsburg das Brecht-Festival, das die bisher vernachlässigten Seiten des Künstlers Brecht in den Vordergrund stellen will. Bis zum 10. Februar feiert die Geburtsstadt des Dichters Brecht in zahlreichen Veranstaltungen als „Pionier der Medienkunst“. Um „Brecht und Musik“ soll es dann 2011 gehen. 2012 wird „Brecht und Politik“ Festivalschwerpunkt sein.

Berichtet der Donaukurier. Und zählt:

Brecht schrieb 48 Stücke (Shakespeare 37), über 2300 Gedichte (Goethe 3000), über 200 Erzählungen (Thomas Mann 32) und drei Romane (wie Kafka).

135. Kolonialsprache

«Ich bin zu einem kolonialen Untertan erzogen worden. Für mich ist es daher nicht leicht, über die japanische Sprache zu sprechen, obwohl sie das Innerste meines Bewusstseins formt. (. . .) Dies ist so, weil diese Sprache in mir mit tiefen Schmerzen und mit nicht in Worten benennbarer Trauer verwoben ist.» Diese Zeilen stammen von dem koreanischen Lyriker Kim Shi Jong, der wegen seiner kurzen und in rauem Japanisch geschriebenen Gedichte bekannt und in Japan hoch angesehen ist.

Seine Äusserung zeugt von einer lebenslangen Verstörung, die die koloniale Vergangenheit in der Psyche von Menschen zurücklassen kann. …

Seine Kindheitserinnerungen bestehen aus japanischen Kinder- und Soldatenliedern und Mythen des japanischen Kaiserhauses. 1948 reiste er illegal nach Japan, um den politischen Wirren im postkolonialen Korea zu entgehen. Seitdem lebt er als Lyriker in Japan. / Hoo Nam Seelmann, NZZ 25.1.

134. Eminente Leserin

Bettina Zweifel war sonst keineswegs in Konventionen gefangen, auch wenn sie vom «Tempel der Ehe» sprach, ein steiles Jungfräulichkeitsgebot verinnerlicht hatte und lange Jahre zwischen Sinnlichkeit und Eros unterschied. …

Sie erweist sich als eminente Leserin und gibt bedenkenswerte Kommentare ab. Man könnte ihre Briefe literatursoziologisch angehen und fragen: Was liest eine gebildete junge Frau in den 1920er und 1930er Jahren? Das Spektrum ist erstaunlich weit. Dass sie emphatisch Tagores Lyrik preist, Storm rühmt und zur «Pflege der Weiblichkeit» sogar die unsägliche Agnes Günther, liegt im Trend jener Jahrzehnte. Sie aber wendet sich darüber hinaus eingehend Freuds Traumdeutung zu und Homers «Odyssee». Sie liest Tolstoi und Kleist, C. F. Meyer, Hofmannsthal, George, Rilke, Regina Ullmann, Cécile Ines Loos, Federer, Spittelers «Imago», André Gide und – sehr früh schon – Kafka. / Beatrice von Matt, NZZ 28.1.

Meinrad und Bettina Inglin: «Alles in mir heisst: Du!» Der Briefwechsel. Ausgewählt, kommentiert und herausgegeben von Marzena Gorecka. Ammann-Verlag, Zürich 2009. 464 S., Fr. 42.90