Dichterin Sarah Kirsch öffnet ihre Tagebücher der 80er Jahre – Geboten werden Notate vom Leben auf dem Lande – Manchmal läuft Neufundländer Robert durchs Bild / Christian Eger, Mitteldeutsche Zeitung
Der älteste nachgewiesene literarische Text in Frankfurter Mundart datiert um 1730: Christian Friedrich Henrici alias Picander druckte ein angeblich von einem Schweden mitgeteiltes Gedicht in der als fremd empfundenen Sprache ab. / Mehr bei DA-im-Netz
Die chinesischen Behörden verweigern dem Autor Liao Yiwu die Ausreise zur Teilname am Literaturfestival in Köln. Die Polizei habe ihn darüber informiert, dass er auf einer Liste von Personen stehe, die nicht ins Ausland reisen dürften, sagte Liao der Deutschen Presse-Agentur. Der 50-jährige Dichter und Romancier durfte schon im Herbst nicht zur Frankfurter Buchmesse und nach Berlin reisen. / Deutsche Welle
WIENER
MUSEUMSQUARTIER
Verklagt ihn wegen
Schwerer
Sachbeschaedigung
Durch
Beschreibung des
Gehsteigs
Mit gedichten
VORM MQ
Zu 3 900 Schadensersatz:
MQ will den gehsteig
Auswechseln!
Dabei sind die gedichte laengst
fast ganz verwittert
Und nur mehr schwach lesbar.
Oeffentliche
Hauptverhandlung
Do. 18.2.
– 11 uhr
Landesgericht
8. Wickenburgg.22
Saal 101 /1.Stock
Info:
0043 1 330 37 01
0664 11 24 232
Aktuelles auf seinen facebook-seiten
..
Es drohen ihm bis zu
EIN JAHR HAFT
Und Schadenersatz
Sowie Kosten der gerichte
..
Ermutigungen und
1 promill-beteiligungen an eingeklagter schadenssumme und
Der Gerichtskosten
Bitte auf
PSK 7 975 059
Blz. 60 000
…
Bisher gab es 3 350 anzeigen in 35 jahren gegen seethalers gedichte-verbreitungen…
Seit diesem Jahr unterstützt das Migros-Kulturprozent Lyrikprojekte auch in der Westschweiz. Diese in unserem Land einmalige Förderung wurde 2006 in der Deutschschweiz lanciert, wie die Direktion Kultur und Soziales des Migros-Genossenschafts-Bundes MGB am Mittwoch bekannt gibt. Die Unterstützung des Lyrikschaffens findet durch Beiträge an Publikationen, Audio-CDs und Veranstaltungen statt. Qualitativ überzeugende Lyrikbände und -Audio-CDs von zeitgenössischen französischsprachigen Schweizer Autorinnen und Autoren erhalten einen Produktionsbeitrag sowie einen Beitrag als Autorenhonorar. / Klein Report 4.2.
Die Übersetzung ist ein Schreiblabor, lese ich in der Annotation eines wissenschaftlichen Buches über Übersetzung im französischen Mittelalter, und:
Die französische Sprache erweist sich als riesige Pyramide in ständigem Aufbau, ein Gewebe von Kultur und Träumen, ein Gedicht, ein Wettlauf von Menschen und Idealen – und Ideen –, ein Kontinuum des Machens und des Machenkönnens auf dem Weg nach Babel. / fabula
Giovanni Dotoli, Traduire en français du Moyen Âge
Préface d’Alain Rey
Paris : hermann, coll. „Savoir Lettres“, 2010? 522 p.
ISBN : 978 27056 6981 2
Prix : 35 €
Eine wahre Fundgrube die Zeitung. Noch mal aus dem Tagesspiegel:
Vielleicht werden einmal Gedichte in der Tankstelle an der Prinzenallee hängen. Ausgesucht sind sie jedenfalls schon einmal. Nicola Caroli war eines Tages in die Tankstelle marschiert, hatte sie den jungen Mitarbeitern unter die Nase gehalten. Zuvor hatte sie mit dem sich sträubenden Besitzer noch gewettet. „Wetten, dass ihre Jungs mitmachen werden“, sagte sie siegessicher. Denn Nicola Caroli wettet nur, wenn sie weiß, dass sie gewinnt. Der Tankstellenbetreiber grummelte. Jetzt wird er Teil des „Printemps des Poètes“, eines Lyrikprojekts, das in diesem Jahr im Wedding stattfinden wird. Wenige Meter von der Tankstelle entfernt hat Nicola Caroli ihren Laden „Wortwedding“ eingerichtet. / Anna Pataczek, Tagesspiegel 4.2.
Noch ein Ausriß aus dem Artikel:
Die japanische Künstlerin Maki Shimizu stellt Reime aus, wie „Ruhig blöd. Ruhig Blut.“ Sie schreibt mit Tusche auf lose Blätter und hängt sie an die Wand.
Kaum war Ruhe, geht er von vorne los: der Streit ums Geld, das Deutsche vor ihrem Fiskus in der Schweiz verstecken. Dabei wird gedroht, beleidigt, geschmäht. Das freut vor allem die Rechtspopulisten, die nach den Minaretten nun am liebsten die Deutschen verbieten wollen. / Tagesspiegel 4.2.
(Ists auch nicht Lyrik…)
Rolf Dieter Brinkmann und Ralf Rainer Rygulla experimentierten in den sechziger Jahren mit Oberflächenübersetzungen: Übertragungen von Texten rein nach ihrem Klang und ohne Kenntnis der Originalsprache – so wurde etwa aus Appollinaires „La jolie rousse“, also „Die hübsche Rothaarige“, im Deutschen „Der joviale Russe“.
Aus diesem Geiste kommt auch Uljana Wolfs Wörterbuch „für falsche freunde“. Der Klangreichtum aus Alliterationen und Binnenreimen, der genau komponierte Rhythmus machen die Texte zu verführerischen Miniaturen. Gleichzeitig öffnen sich durch das Falschverstehen und Wörtlichnehmen, durch die Verschiebung von Redensarten und die Vermischung von Sprachen neue Assoziationsräume. …
„Falsche Freunde“ ist ein kunstvolles Spiel mit den Fallstricken der Sprache. Man kann sich darin spielend verheddern – oder innehalten und andere, zweite Wahrheiten entdecken./ Ulrich Rüdenauer, Tagesspiegel 4.2.
Uljana Wolf:
falsche freunde.
Gedichte. kookbooks Verlag. Idstein 2009. 88 Seiten, 19,90 €.
Orhan Veli Kanık
Quantitativ
Ich liebe schöne Frauen.
Ich liebe auch die Arbeiterinnen.
Die schönen Arbeiterinnen
Liebe ich noch mehr.
Quantitatif
Güzel kadınları severim,
İşçi kadınları da severim.
Güzel işçi kadınları
Daha çok severim.
In: Orhan Veli Kanık: Fremdartig / Garip. Gedichte in zwei Sprachen. Deutsch von Yüksel Pazarkaya. Frankfurt/ M.: Dağyeli 1985, S. 38/39.
Ich kann auf Türkisch nur radebrechend „ikí espresso“ bestellen, zwei Espresso. Aber die Übersetzung scheint wenig befriedigend. Die Sprachen sind zu wenig kongruent. Im türkischen Original herrscht eine hör- und sichtbare Struktur. 3 / 4 / 3 / 3 Wörter pro Zeile, unter den 13 Wörtern je dreimal kadınları und severim, je zweimal güzel und işçi. Metrum und Reim sind so nichts Äußeres, sondern ergeben sich von allein aus der Wortfolge. Rainer Kirsch hat einmal vorgeschlagen, chinesische Gedichte nicht in zweitklassige romantisch-deutsche zu übertragen, sondern die Verse dem Chinesischen numerisch und in der geringeren Determiniertheit nachzubilden, also zB in einem klassischen Gedicht im Idealfall je fünf unflektierte und kaum verbundene Wörter pro Zeile:
Bett vor hell Mond Glanz (Li Bai) (5 Wörter / 5 Silben)
statt:
Vor meinem Bette / ich Mondschein seh (A. Forke) (6 / 9)
In fremdem Lande lag ich. Weißen Glanz / Malte der Mond auf meine Lagerstätte (Hans Bethge) (13 / 21)
Vor meinem Bette heller Mondenglanz (Otto Hauser) (5 / 10)
Mondlicht sah ich vor meinem Lager (Hans Schiebelhuth) (6 / 9)
Man solle einmal eine ganze Sammlung solcher Rohübersetzungen drucken, schlug Kirsch vor. Vielleicht fände sich irgendwann jemand, der damit etwas anfangen könnte.
Das hat, soweit ich sah, keiner gemacht. Vielleicht nicht nur an kaufmännischem Kalkül scheiternd, sondern gar mehr noch an der Arroganz der Fachleute? Könnte ich mir denken. (Ich verrate ein Geheimnis der Wissenschaft: die die Dinge verstehen und uns erklären, mögen das Selberdenken der Amateure garnicht.)
Für unser Gedicht versuche ich Analoges:
Schöne Frauen lieb-ich,
Arbeiter Frauen auch lieb-ich.
Schöne Arbeiter Frauen
Mehr noch lieb-ich.
Das ist verständlich, für meinen Geschmack auch poetisch. Es ist fremdartig, klar: schließlich stammt es aus der Türkei (und sogar aus einem Gedichtband, der ebenden Titel trägt).
(Gibt es in der nahen Ferne des WWW Liebhaber türkischer Poesie, die mir ihre Lieblingszeile oder Strophe so – erklären?)
Der mit $100,000 sehr gut ausgestattete Kingsley Tufts Poetry Award geht an den Lyriker D.A. Powell, der an der Universität San Francisco unterrichtet. Powell hat u.a. die Bände „Tea“, „Lunch“, „Cocktails“ und „Chronic“ veröffentlicht. In einer Besprechung in der Los Angeles Times beschrieb der Kritiker John Freeman ihn als „modernen Romantiker: besessen, wütend und von der Liebe umgewendet. Seine Sprache ist mit Wendungen aus Liedern und Filmen, aus den süßlichen Soundtracks so vieler Musicals durchsetzt. ‚liebe‘, schreibt er in einem Gedicht, ‚ist im refrain, wartet auf ihre geburt‘.“
Der Preis wird seit 1992 an einen Dichter in der Mitte seines Schaffens vergeben. Powell ist 46 Jahre alt.
Gleichzeitig wurde bekanntgegeben, daß der Kate Tufts Discovery Award ($10.000) an Beth Bachmann für ihren ersten Gedichtband „Temper“ geht. Bachmann lehrt an der Vanderbilt University in Nashville. / Lee Margulies, LA Times Blog
Von D. A. Powell ist bei luxbooks bereits 2008 der Band Cocktails, Ausgewählte Gedichte erschienen.
(Und ich werde wieder mit der Nase auf zwei Besonderheiten der US-amerikanischen Lyrikszene hingewiesen: (1) an den Hochschulen des Landes ist Platz für viele hundert Lyriker, die so ihre Brötchen verdienen und StudentInnen beeindrucken können und (2) es gibt zahlreiche hochdotierte Preise auch für alte und junge Lyriker.)
Gisela Noy: Sie hat Aufsehen erregt im deutschen Literaturbetrieb. „Zerstörungen“ hieß ihr erstes Buch (1991 im Rowohlt-Verlag erschienen) über eine Frau, die nach einer schweren Depression wieder zurückfinden will ins „normale“ Leben. Gisela Noy, dieses Pseudonym verwendet die Autorin heute noch. „Grauzeit“ nannte sie ihr zweites Buch über Depressionen und dem Weg daraus, um die Jahrtausendwende im „Psychiatrie-Verlag“ erschienen. Radio- und Fernsehsendungen folgten. Fast im Schatten davon – wie immer? – ein Lyrikband, „Atemsäule“, 1997 im Atelier-Verlag Andernach (AVA). Dass Gedichte – so gut sie auch immer sein mögen – immer die zweite Rolle im Literaturbetrieb spielen müssen?
2010 hat die Autorin wieder in die Lyrikkiste gegriffen und bei der Silver Horse Edition im „bayerischen Hinterland“ ihren neuen, fein durcharbeiteten neuen Gedichtband vorgestellt: „Kopfüber“ hat sie ihn genannt. Und kopfüber stürzt sich Gisela Noy in die Wellen der Welt, diesmal aber mit einem eher ironischen Unterton:
IN DER NACHT
In der Nacht
schläft das Herz nicht
klafft der Kopf
krümmt sich
die Hand krümmt sich
vor Einsamkeit der
ganze Leib und
ein Vogel singt
drrrrr-tirili-tirili drlo-drlo-
das heißt: wie mir die Menschen
Leid tun
Gisela Noy, Kopfüber, Gedichte, Silver Horse Edition 2010
/ Peter Ettl
Bemerkenswert nicht nur, daß es Wikipedia auch auf Alemannisch gibt: sondern auch, daß hier nicht der deutsche, sondern der europäische Begriff von Romantik angewandt wird:
Dr William Wordsworth (* 7. April 1770 z Cockermouth, Grossbritannie; † 23. April 1850 z Rydal Mount, Grossbritannie) isch e britische Dichter und e füehrends Mitgliid vo dr änglische Romantik gsi. Er het 1798 zsämme mit em Samuel Taylor Coleridge die Lyrical Ballads (Lyrische Gedichte) verfasst, wo as ersts Wärk vo dr änglische Romantik gälte.
Siis Meisterwärk isch s früehje autobiografische Gedicht The Prelude (Präludium). Wie anderi Romantiker (z.B. dr Friedrich Schiller) au isch er vo de politische Ereignis stark beiflusst worde und het im Napoleon d Verkörperig vo dr Tyrannei gseh. So het er es Gedischt, Thought of a Briton on the Subjugation of Switzerland (Gedanke vom ene Brit über d Underwärfig vo dr Schwiiz) gschriibe, wo vom Ufstand vo de Schwiizer Föderaliste im Stäcklichrieg gege d Regierig vo dr Helvetische Republik, ere Dochderrepublik vo dr revolutionäre Erste Französische Republik, beiiflusst worden isch.
Es wird spannend. Denn Hauke Hückstädt verspricht neue Akzente, einen neuen Ton für eine wichtige literarische Institution in Deutschland. Der designierte Leiter des Frankfurter Literaturhauses, der am 1. Juli seine Arbeit beginnt, nennt „Poesie mein Zuhause“. …
„Kultur ist kein Ornament, sondern das Fundament unserer Gesellschaft“. Das, meint Hückstädt, müssten auch beim Literaturhaus Frankfurt „alle Beteiligten ernst nehmen“. Spiele doch die Literaturstadt Frankfurt „die wichtigste Rolle im deutschsprachigen Raum“ mit der Frankfurter Buchmesse, dem Deutschen Buchpreis, dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels.
Das ist mal ein Wort. Aber was ist mit Berlin, was mit dem jüngsten Verlust des Suhrkamp Verlages an die Hauptstadt? Da lächelt der Mann aus Göttingen. „Ein bisschen Phantomschmerz nach dem Umzug von Suhrkamp steht Frankfurt gut an – das ist ein großer Impuls für neue Aktivitäten“. / Claus-Jürgen Göpfert, FR 2.2.
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