The Panther

Der Guardian druckt zwei Gedichte von Robin Robertson nach Rilke, darunter dies:

The Panther

Exhausted, he sees nothing now but the bars
that flicker past him in a blur;
it seems there are a thousand bars
and behind the thousand bars an empty world.

The drill of wheel and return: turning on his heel till
he seems to pass through his own body – like whisky
swilled to the neck of the bottle then back on itself.
He swings on the pivot of his numb and baffled will.
Sometimes, though, the sprung shutter of the eyes
will slide open and let an image enter – a face, perhaps –
shooting through the tensed muscles, lightening
the limbs, streaming into his heart to die.

The Guardian , Saturday February 23, 2002:
Hier gab´s die vier Gewinner eines Wettbewerbs „Haiku on the euro“ (Preise übrigens in Euro!) – und mehr als ein Dutzend weitere Einsendungen. Die Briten probierens erst mal in der Poesie, eh? – Einer liest sich so:

The Queen’s part German
Johnny Foreigner on coins?
Our next king’s part Greek
by Dave Hill

Ein anderer:

Finally it’s here
Now used in all of Europe
‚Cept England of course.
by Harvey

Langsamer Satz

Bereits in Erika Burkarts vor nahezu fünfzig Jahren erschienenem lyrischem Erstlingswerk «Der dunkle Vogel» nehmen Naturbilder und -betrachtungen einen breiten Raum ein. Im neuesten Gedichtband, «Langsamer Satz», erfährt die Thematik Umsetzungen, die in verstärktem Mass Leidensfähigkeit, aber auch spirituelle Kraft der Dichterin offenbaren, die am 8. Februar ihren 80. Geburtstag feiern konnte. Der beim Blick auf eine «Neue Schule, Bäume, gleich alle, / niederzumachen im Kriegsverfahren» sich erhebenden Klage «Das Verlorene ist / die schwerste Last. / Auf der dunklen Erde bin ich, / gefangen im Holzweg, / ein trüber Gast» lässt sich die Einsicht gegenüberstellen «Ab Fliessband entsorgt von der Zeit, / sind wir Partikel der Ewigkeit / eines Lichts, das zu lieben / unsre Natur keine Wahl lässt». /HANNS SCHAUB, Landbote Winterthur 23.2.02

Erika Burkart: Langsamer Satz. Gedichte. Ammann Verlag, Zürich 2002, 92 S., Fr. 29.90.

Rezensionen

Im Literaturteil der NZZ: das Gedicht “ Rohrflöte “ von Tristan Corbière. -In der Frankfurter Anthologie der FAZ stellt Ruth Klüger ein Gedicht von Christian Morgenstern vor – „Die Behörde“ / FAZ 23.2.02

Maike Albath bespricht

Giuseppe Ungaretti: Ein Menschenleben. Die Wüste und weiter. Reiseprosa 1923-69. Aus dem Italienischen von Angelika Baader und Michael von Killisch-Horn. Paul-Kirchheim- Verlag, München 2001. 454S., Fr.89.-.

/ NZZ 23.2.02

Poetisches Weltwunder: Victor Hugo 200

Victor Hugo ist das poetische Weltwunder des 19.Jahrhunderts. Kein anderer Dichter im ganzen Europa hat sein Jahrhundert so beherrscht wie der am 26.Februar 1802 geborene Franzose. In einem gewaltigen Œuvre, das beginnt mit den «Odes et Poésies diverses» von 1822 und endet mit den letzten Gedichten der «Légende des Siècles» von 1883 und der poetischen Vision «La Fin de Satan», die der Tod 1884 abbrach, hat Hugo in allen Gattungen, dem Drama, dem Roman, der Lyrik, neue Wege eröffnet. …Prinzipiell gibt es kein Wort, das nicht vom Wogen seiner fortgehenden Dichtung erfasst werden könnte. Während die Lyrik eines Baudelaire oder Mallarmé die äusserste Konzentration und Verknappung bei gesteigerter Komplexität und innerer Vielfältigkeit der poetischen Kommunikation bis an die Grenzen der Mitteilbarkeit sucht, ist Hugo ein Lyriker der grossen Form, der Oden, Balladen, Legenden und Kontemplationen. Nichts, was in seiner poetischen Vision sich isolieren liesse, immer strebt das Einzelne zum umgreifenden Ganzen, das am Horizont eines jeden Werks wie eine Fata Morgana in den Farben des Traums aufscheint. / Karlheinz Stierle, NZZ 23.2.02

Zum 200. Geburtstag des Dichters schreiben auch: Ute Stempel , NZZ 23.2. / Marc Zitzmann, NZZ 23.2.02 (Hugos Spuren in Paris) / Wolf Lepenies, Süddeutsche 23.2.02 / FR 23.2. („Staatsdichter, Weltepiker, Erotomane“) / Wilfried Wiegand, FAZ 23.2. /

Informationen über die französischen Veranstaltungen zu Hugos 200. Geburtstag: http://www.victorhugo.culture.fr

Das Meer der Liebe

„Ich wollte Deutsch lernen, deshalb habe ich angefangen, auf Deutsch zu dichten.“ Lyrik als Sprachübung? Kein eben gewöhnlicher Beweggrund, Gedichte zu schreiben – aber der Libanese Victor Matar ist auch kein gewöhnlicher Mensch. Er ist ein Idealist, einer, der an die Liebe als universales Prinzip glaubt und der anderen Menschen mit seinen Gedichten Hoffnung geben will. Aber auch einer, der schon als Kind in seiner Heimat Krieg und Zerstörung erleben musste, bis er mit 20 Jahren floh und in Deutschland Asyl suchte. Ein Widerspruch?
Nicht für Matar: „Mein Prinzip ist es, niemals zu resignieren. Jeder kann etwas aus seinem Leben machen, egal, wie groß die Schwierigkeiten erscheinen“, sagt er mit eindringlichem Blick. Er selbst ist das beste Beispiel dafür. Als er 1987 nach Esslingen kam, zweifelte er noch daran, ob er diese Sprache jemals verstehen würde. Jetzt – mit 36 – hat der gelernte Elektroinstallateur im Tebbert-Verlag seinen ersten Gedichtband veröffentlicht: „Das Meer der Liebe.“ / Eßlinger Zeitung 22.2.02

Victor Matar, „Das Meer der Liebe“, Tebbert-Verlag 2002, 12,70 Euro.

Himmelsphysik und Poesie: der Dichter Oswald Egger

Der Kreis ist ja seit Nikolaus Cusanus und Meister Eckhart eine Grundhieroglyphe der Mystik, ein Ort des Göttlichen, der Schutz bietet und Kraft ausströmt. Eine diskrete Pointe in Eggers neuem Gedichtbuch «Nichts, das ist» markiert in diesem Zusammenhang die Differenz zu allen instrumentellen Auffassungen vom Gedicht: «Mein Gedicht ist mein Halbmesser … Es schneidet mir Erde und Rede einufrig entzwei.» Das ist nicht nur als ein Hinweis auf den Radius der «Rede» zu verstehen, sondern auch als ironische Abgrenzung von dem vielzitierten Diktum des Nachkriegsdichters Wolfgang Weyrauch, der einst dem Gedicht eine aktivistische Funktion zugewiesen hatte: «Mein Gedicht ist mein Messer.»
Diese grobschlächtige Auffassung einer funktional zurüstbaren Poesie wird von Egger ebenso abgewiesen wie alle Forderungen nach Verständlichkeit und Identifizierbarkeit. Alles, was Spurenelemente geläufiger Sprache und «zeitgenössischer» Metaphorik in sich trägt, hat der Sprachmystiker Egger aus seinen Texten ausgeschieden. Zugelassen sind nur Wörter von faszinierender Klanggestalt, naturmagisch aufgeladene Vokabeln, nie zuvor gehörte Wort-Aggregationen, die der Autor in feierlich-flüsternder, virtuos-lautmalerischer, kryptisch-zungenrednerischer Diktion vorträgt. / Michael Braun, Basler Zeitung 22.2.02

«Die Erde der Rede». Gedichte/Theater. Hg. v. Felix Philipp Ingold. Verlag Josef Kleinheinrich, Münster 1993. 100 S., ca. Fr. 48.-.
«Herde der Rede (Poem)». Edition Suhrkamp, 1999. 302 S., Fr. 21.-.
«Poemanderm Schlaf (Der Rede Dreh)». Edition Howeg, Zürich 1999. 310 S., Fr. 24.-.
«Nichts, das ist». Gedichte. Edition Suhrkamp, 2001. 160 S., Fr. 15.-.

Physiker und Lyriker

Beautiful equations are as concise as haikus and as compelling as verse, writes Graham Farmelo.

Who was the 20th century’s greatest English-speaking poet? TS Eliot, WB Yeats, Sylvia Plath? Not for me; my nomination is the theoretician Paul Dirac, honorary poet laureate of modern physics. … Dirac’s most famous poem enabled him successfully to predict the existence of antimatter, a triumph that his colleague, the quantum pioneer Werner Heisenberg, judged to be the supreme achievement of 20th-century physics./ The Guardian , Thursday February 21, 2002

It Must be Beautiful: Great Equations of Modern Science, published this month by Granta, Ł20.

Bestaunen, nicht verstehen

Oscar Sandner, 1927 in Bregenz geboren, hat sein Leben im Kulturbetrieb verbracht: als Leiter der entsprechenden Abteilung der Stadt Bregenz, Lehrbeauftragter für Kunstgeschichte an der Universität Innsbruck, Ausstellungskurator und Verfasser von Prosa, Hörspielen, einem Drama, Lyrik und zahlreichen Essays. Seine Gedichte sind im Band «Strukturen der Molasse» (1973) sowie in Zeitschriften erschienen.
Nun legt er in bemerkenswert schöner Ausstattung und unter dem tautologieverdächtigen Titel «Der Horizont des Sehens» seine gesammelten Gedichte vor: Arbeiten aus den Jahren 1957 bis 2000. …
«Oscar Sandners Gedichte muss man nicht verstehen», schreibt der Verlag, «man kann sie bestaunen.» Na ja. / sagt Manfred Papst, Neue Zürcher Zeitung , 21. Februar 2002

Oscar Sandner: Am Horizont des Sehens. Gesammelte Gedichte. Edition Isele, Eggingen 2000. 216S., Fr. 28.-.

Wort im weiten Feld

Ein Gedicht von Hans Magnus Enzensberger stellt die Südwest Presse in ihrer Rubrik ¸¸Das Gedicht“ vor, ausgewählt und kommentiert von der Ulmer Lyrikerin Christine Langer. / Südwest Presse 20.2.02

Suchen im Wortbergwerk

Die Süddeutsche befaßt sich am 20.2.02 mit „Text Mining“:

Dichtung und Wahrheit liegen bekanntlich nah beieinander. Und so überrascht es kaum, dass die Software auch Dichter anhand ihres Schreibstils zu unterscheiden vermag. Dem Mathematiker Emanuele Caglioti und seine Kollegen von der Universität La Sapienza in Rom gelang dies sogar mit ganz simplen Mitteln, nämlich dem Kompressionsprogramm „Zip“, das auf fast jedem PC installiert ist. Mit diesem Programm, das Dateien verdichtet und dabei ihre Größe schrumpfen lässt, konnten die Mathematiker verschiedene literarische Texte ihren Autoren zuordnen (Physical Review Letters, Bd. 88, Nr.048702, 2002).

„Zip“ komprimiert Daten, indem es wiederkehrende Zeichenfolgen erkennt und durch ein Kürzel ersetzt. Weil jeder Autor seine individuellen Vorlieben für ganz bestimmte Satzkonstruktionen und Redewendungen hat, erreicht „Zip“ bei seinen Werken einen charakteristischen Komprimierungsgrad. Anhand dieses Wertes konnte das Programm Dante, Pirandello, Macchiavelli sowie acht weitere italienische Schriftsteller unterscheiden. Erfolgsquote: 93 Prozent.

Forscher der University of Pennsylvania behaupten sogar, dass man die Selbstmordneigung von Lyrikern an einfachen Wortmustern erkennt. Laut ihrer Computeranalyse verwendeten Dichter, die den Freitod wählten, auffällig häufig das Pronomen „ich“ statt „wir“ und selten Verben aus dem Bedeutungsfeld Kommunikation (Psychosomatic Medicine, Bd.63, S.517, 2001).

Said – deutscher Dichter aus Persien

„Die Fremde, nicht eine geografische, ist das Wesentliche für alle Lyriker. Die berühmtesten deutschen Lyriker sind oft Fremde im eigenen Land gewesen. Deutschland hat es immer geschafft, die Besten der Besten hinauszujagen, auch vor und nach Hitler, von Heinrich Heine bis Reiner Kunze. Ich halte es mit Schönberg, der sagt, ,Kunst kommt von Müssen“. Man wird Lyriker, wenn man keine andere Wahl hat.“
Was immer aus Said im Iran geworden wäre, das Exil hat ihn jedenfalls „die Weitsicht und Wachsamkeit, die ich als mein drittes Ohr bezeichne“, gelehrt. „Sprache meiner Freiheit“ ist Said das Deutsche geworden. „Das Persische ergreift mich, ich aber ergreife das Deutsche“, so beschreibt er sein Verhältnis zu den Sprachen. / Gespräch mit dem Autor aus Anlaß der Verleihung des Chamissopreises, Münchner Merkur 19.2.02

Heute mit Motto:

Es gibt keinen Tod der Literatur, sondern eine neue Art zu lesen. Es gibt nichts zu verstehen, aber viel, dessen man sich bedienen kann. Nichts zu interpretieren und zu bedeuten, aber viel, womit man experimentieren kann. Literatur muss mit etwas anderem ‚Maschine machen‘, es muss ein kleines Werkzeug für ein Außen sein.

Gilles Deleuzes und Félix Guattari

Wolfgang Rohner-Radegast

Elmar Schenkel über den Dichter Wolfgang Rohner-Radegast/ FAZ 18.2.02.

Hainbund

Die Idylle wird politisch:

Als Dichter verkannt, als Homer-Übersetzer immer noch lebendig: Gedenkblatt für Johann Heinrich Voss, der vor 250 Jahren geboren wurde – „Ich ward durchs Los zum Ältesten erwählt. Jeder soll Gedichte auf diesen Abend machen und ihn jährlich begehen.“ Der Dichterbund „Göttinger Hain“ war an jenem Abend gegründet worden. Er veränderte die deutsche Literatur, begründete ein neues Selbstbewusstsein der Poeten. / Klaus Podak SZ vom 17.02.2001

Poetry Contest

Boston Review sponsors an annual Poetry Contest. Deadline is June 1 2002. First Prize: $1,000. Entry fee is $15 and includes one-year subscription to Boston Review.