Der Literatur- und Politikwissenschaftler Thomas Wild, Jahrgang 1973, hat nun … zum ersten Mal systematisch untersucht, welches enge Verhältnis namhafte deutschsprachige Schriftsteller der nachgeborenen Generation zu [Hannah] Arendt unterhielten. In einer Folge von ausgezeichnet lesbaren Einzelessays beschäftigt er sich mit Hilde Domin und ihren Gedichten. Er erklärt, wieso Arendt Uwe Johnsons „Jahrestage“ für ein „Meisterwerk“ über das Verhältnis theoretischer und literarischer Darstellungsformen hielt und wieso sie Ingeborg Bachmann als ideale Übersetzerin für Eichmann in Jerusalem empfand. Und er widmet sich Rolf Hochhuths „Stellvertreter“ sowie Hans Magnus Enzensbergers Hinwendung zu Arendt in dem Moment, als jener von Adorno nichts mehr wissen wollte. / Tagesspiegel 7.2.
Thomas Wild:
Nach dem Geschichtsbruch. Deutsche Schriftsteller um Hannah Arendt. Matthes & Seitz,
Berlin 2009.
288 Seiten, 29,90 €.
Außerdem über
Christophe Fricker: Larkin Terminal. Von fremden Ländern und Menschen. Ploettner Verlag, Leipzig 2009. 144 Seiten, 14,90 €.
Am Ende einer Woche, in der es zwei verheerende Bombenanschläge gab, verlässt Ali al-Nidschar das Haus, um über Gedichte zu reden. Mit 60 anderen Gästen drängt sich Nidschar, emeritierter Professor für Landwirtschaft, in die Räume eines literarischen Salons in der Mutanabi-Straße in Bagdad. Es ist einer von etwa einem Dutzend neuer Salons, die in den letzten zwei Jahren nach dem Nachlassen der Gewalt in der Stadt entstanden sind. „Sie sind ein Ergebnis der Freiheit“, sagt Nidschar, während er die Ankunft der Vortragenden erwartet. In dieser Woche geht es um einen Lyriker namens Abdul Wahab al-Bajati, einen der Begründer der modernen irakischen Dichtung. „Natürlich hat die Stadt Angst“, sagt Nidschar. „Aber die Leute scheren sich nicht um die Bomben. Ich weiß um das Risiko, das ich eingehe, aber es kümmert mich nicht.“ / John Leland, Die Welt 6.2.
Es fällt auf, wie gern der Lyriker Kurt Leonhard mit Gedankenketten und Reihungen gearbeitet hat: Zeichen für die intellektuelle Kraft, die in ihm steckte, und für die Vielzahl seiner Überlegungen, die er für seine Gedichte bändigen musste. Aber auch Hinweis darauf, wie er seine Zeilen, die von großer Musikalität zeugen, rhythmisierte. Meistens, so zitierte ihn Harald Vogel, gebe „die primäre Silbenmusik“ den Ausgangspunkt für ein Gedicht. Aber es brauche, so Kurt Leonhard, noch mehr, um aus einem Gedicht ein gutes Gedicht zu machen, nämlich einen genau bestimmten „magischen Akkord“, damit an die Stelle des Sinnes der Zauber trete. / Gaby Weiß, Eßlinger Zeitung 6.2.
Bereits im ersten Gedicht dieses Bandes, auf der zweiten Zeile, fällt eher beiläufig der anspielungsreiche Satz «alles was ich / bin verdank ich der syntax». Dieses «Ich», das Ulf Stolterfoht in Kleinbuchstaben sprechen lässt, könnte natürlich er selber sein, der Lyriker, aber ebenso gut ist denkbar, dass hier das eben erst entstehende Gedicht spricht: von sich. In Stolterfohts Gedichten stellen sich solche Fragen öfter − obschon alles, jedes Wort und jeder Satz, immer klar scheint, eindeutig auf fast schon irritierende Weise. Mit «fachsprachen XXVIII – XXXVI» präsentiert Ulf Stolterfoht die vierte Lieferung seiner Fachsprachen-Gedichte, die man anders nicht bezeichnen kann, weil er mit ihnen ein Genre begründet hat, das singulär ist. Das Verfahren scheint inzwischen vertraut, die Ergebnisse sind jedoch immer wieder überraschend.
In langen, ausschwingenden Versen, die ein strenges formales Korsett energisch bündeln, liest man Sprachfertigteile, oft ganze Sätze, herrliche Trouvaillen und kleine Theoreme, die mit Sprachwitz neben- und gegeneinander gestellt werden und zu einem dichten Gewebe verknüpft sind. Stolterfoht nutzt gerne kontaminierte Phrasen, die er aus ihrem Kontext herauslöst. Er isoliert sie, stellt sie gleichsam kalt und bringt sie in einer neuen Umgebung unter − und schafft zugleich gerade damit diese neue Umgebung. …
Ein weiterer Gedichtband, für den Ulf Stolterfoht verantwortlich zeichnet, hat zu tun mit seiner Tätigkeit als Dozent am Literaturinstitut Leipzig. Die Vorgabe an die Studierenden seines Seminars war, «Cowboygedichte» zu schreiben, und entstanden ist eine bunte Sammlung von Texten, die alle um die mythische Figur aus dem mythisierten Wilden Westen kreisen. Die Vielfalt der Aneignung ist erstaunlich. Der Cowboy ist bald arbeitslos, bald Gegenstand einer nachgestellten ethnografischen Darstellung in der Manier des 17. Jahrhunderts, dann wieder ist er eine Figur mit Bezug auf den Nationalsozialismus. Oder er ist zu Hause in einer ostdeutschen Umgebung und bedroht von Kolonisation. Der Cowboy als lyrischer Wechselbalg und historisches Leitfossil löst sehr unterschiedliche, stets lesenswerte Gedichte aus, die alle von mehr handeln als nur vom einsamen Kuhhirten. / Martin Zingg , NZZ 6.2.
Ulf Stolterfoht: Fachsprachen XXVIII – XXXVI. Urs Engeler Editor, Basel 2009. 126 S., Fr. 32.90. Ulf Stolterfoht und der Lyrikkurs des Literaturinstituts Leipzig: Cowboylyrik. Roughbook, Band 3. Urs Engeler Editor, Basel 2009. 80 S., Fr. 14.50.
Unbekannte Fotos, die Marilyn Monroe wenige Monate vor ihrem Tod im Gespräch mit dem 83jährigen Lyriker Carl Sandburg zeigen, wurden in New York vorgestellt. „Wie bekannt“, sagte der Fotograf Len Steckler, „liebte Marilyn alte Männer; sie liebte Intellektuelle – und Carl war sehr väterlich zu ihr“. / New York Post
Vgl. L&Poe 2005 Aug #29. Klassische Bildung
Sehr geehrter Herr K.
nein, wir sind an einem „Linktausch“ nicht interessiert. Wir suchen und finden uns interessierende Links, die wir dann gern in unsere Liste aufnehmen. Ebenso kann es jeder, der die Lyrikzeitung lesenswert findet, seinerseits halten. Aber nix „im Gegenzug“. Danke, bitte.
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Sehr geehrter Herr Appelt,
danke für Ihr Angebot, 7 Millionen deutscher und Schweizer Mailadressen „ganz legal“ und „nach den strengen Regeln des Datenschutzes“ für schlappe 1000 Euro zu verkaufen. Aber wir kaufen und verkaufen auf diesem Wege grundsätzlich nichts. Auch halten wir es keineswegs für legal, sondern für kriminell, wenn am Rande der Legalität besorgte Daten weiterverkauft werden. Sie bieten die Daten sortiert nach Kategorien wie
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Deswegen ist für Albert Ostermaier die „Tragödie des Teufels“ auch eine „Tragödie des Menschen“, der das Böse in sich selbst vorfinde. Damit bringt der 1967 geborene Lyriker und Dramatiker die neueste Oper des bedeutenden ungarischen Komponisten und Dirigenten Peter Eötvös auf dem Punkt.
„Die Tragödie des Teufels“ heißt das aktuelle Projekt, Ostermaier hat das Libretto beigesteuert. / Marco Frei, Donaukurier
„Vieles ist machbar“, betont Rademacher und verspricht: „In der Form hat es Lyrik noch nicht gegeben.“ Denkbar seien Gedichte, die auf der Wieste schwimmen, zwischen Blumen drapiert sind oder als einzelne Buchstaben in Form eines Mobiles zum Pflücken im Baum hängen. „Die Gedichte beziehen sich thematisch jeweils auf den nächsten Ausstellungsort“, erklärt Gerd Geiser, aus dessen Feder die lyrischen „Happen“ stammen und der ferner eine Lesung im Beiprogramm plant. / Kreiszeitung
(Die Wieste ist ein Nebenflüßchen der Wümme und entspringt und mündet östlich von Bremen)
wer hätte das gedacht. textrabatt nr.7 begrüßt das jahr 2010. am dienstag 9.2., 19 uhr. die autoren:
hannah lenz
silke peters
anja röhl
mathias schulz
lesen für euch das neuste! im mehrgenerationenhaus speicher im katharinenberg 35/stralsund
langsamer Gang
ein Anfang warst du ein Beginn in seinem Zauber,
oft denke ich, einsam, daran zurück,
eine Schildkröte hattest du bei dir,
sie wird älter als ich, sagtest du,
aber ich erzählte dir von Hanne Lenz
die brachte für Eric Celan, den Sohn des Dichters
aus Israel ein Schildkröte mit, nach Paris,
aber die vertrug dort das Klima nicht
und war, Anfang und Ende, bald tot
(Wilhelm Fink)
Zum Tod von Hanne Lenz schreibt Rainer Moritz, Süddeutsche. 28.1. 2001 erschien der Briefwechsel, den sie und ihr Mann Hermann Lenz mit Paul Celan führten, bei Suhrkamp.
Celan, Paul / Lenz, Hanne / Lenz, Hermann: Paul Celan – Hanne und Hermann Lenz: Briefwechsel. Mit drei Briefen von Gisele Celan-Lestrange
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3518412728, Gebunden, 256 Seiten, 20,45 EUR
In der FR vom 5.2. porträtiert Claus-Jürgen Göpfert den Lyriker Harry Oberländer, der seinen Freund Werner Söllner an der Spitze des Hessischen Literaturforums ablöste.
Mit Joschka Fischer buddelte er im Keller eines Hauses an der Jordanstraße, um mehr Raum zu schaffen für die legendäre Karl-Marx-Buchhandlung. Und als Fischer gegenüber das Karl-Marx-Antiquariat eröffnete, war Oberländer auch dabei: „Zwei Monate lang habe ich dort verkauft – Belletristik hatten wir wenig, dafür viel Gesellschaftstheorie.“ Bei der beließ es der Lyrikfreund aber nicht: Er arbeitete bei Opel in Rüsselsheim, wie andere Mitglieder der Gruppe „Revolutionärer Kampf“.
Er weiß, wie sich Biografien damals gabelten: Einige gingen in den Untergrund, landeten im Terrorismus. „Da war ich resistent“, sagt Oberländer: „Ich hielt es immer für idiotisch, was die machten.“ Schon das „Komitee gegen Folter“, das sich damals am Main gründete, schreckte ihn: „Eine absolut stalinistische Angelegenheit, wie die SED in den 50ern.“ Er entschied sich für die Bücher und das Schreiben. 1985 gründete er „in einem Dachkämmerchen am Opernplatz“ zusammen mit dem Schriftsteller Paulus Böhmer das Hessische Literaturbüro, aus dem das Literaturforum hervorging.
Nirgendwo in China ist die Sehnsucht nach einer unverwechselbaren Sprache ausgeprägter als in der Gegenwartslyrik. In der chinesischen Öffentlichkeit freilich spielt sie allenfalls eine marginale Rolle. Womöglich ist es aber gerade die geringe Publikumsresonanz, die die Leidenschaft, mit der die poetische Spracharbeit betrieben wird, steigert. Immerhin bleibt man so unterhalb der Reizschwelle der Zensur und muss nicht auf Leser- und Verlagserwartungen schielen. In ihrer von niedrigen Buchauflagen und Veröffentlichungen in avantgardistischen Zeitschriften geprägten Nischenexistenz kann die Gegenwartslyrik nahezu beliebig experimentieren und auch Tabuthemen wie Sexualität oder die Aufarbeitung der traumatischen Vergangenheit angehen. Kurz: Im chinesischen Kulturbetrieb geniesst die Lyrik momentan den grössten Freiraum. …
Mustergültig veranschaulicht dies das «vielleicht berühmteste Gedicht der Volksrepublik China» (Wolfgang Kubin), nämlich Bei Daos «Die Antwort». Auf die verzweifelte Frage: «Die Eiszeit ist längst vorbei, / Warum herrscht noch überall das Eis?» antwortet ein selbstgewisses Ich: «Ich sage dir, Welt, / ich – glaube – nicht!» …
Um die Poesie vor jeglicher Instrumentalisierung zu bewahren, versucht die sogenannte «dritte Generation» (in Abgrenzung von der Aufbaugeneration und den hermetischen Lyrikern) sich ästhetisch und thematisch grundlegend neu zu erfinden. Paradigmatisch gelingt dies Haizi (1964–1989) mit seiner gleichsam persönlichen Mythologie. / Li Shuangzhi und Michael Ostheimer, NZZ 6.2.
Wolfgang Kubin und Tang Xiaodu (Hg.): Alles versteht sich auf Verrat. Gedichte von Haizi, Xi Chuan, Yu Jian, Ouyang Jianghe, Wang Jiaxin, Wang Xiaoni, Zhai Yongming und Chen Dongdong. Aus dem Chinesischen übertragen von Gao Hong und Wolfgang Kubin. Weidle-Verlag, Bonn 2009. 194 S., Fr. 36.50.
Eine der streitbarsten und kreativsten Szenen im Internet bilden die Lyriker. Junge Internetlyrik, Poesiefestivals und Spoken-Word-Performer schaukeln sich derzeit gegenseitig hoch. Die Audioplattform Lyrikline machts seit zehn Jahren vor: Hier sind über 5600 Gedichte von 615 Dichtern aus 50 Sprachen hörbar. Lyrik experimentiert. Sogar der Kurznachrichtendienst Twitter suchte im Wettbewerb 2009 nach neuer Lyrik mit 140 Zeichen und netzspezifischen Themen und Formen.
Im Internet steht es jedem frei, sein Werk zu veröffentlichen. Die Chance, gelesen zu werden, ist gering.
Asien ist weiter. Auf der chinesischen Onlineplattform Shanda Literature schreiben rund 800000 Amateurautoren; weil Millionen Leser dafür winzige Summen bezahlen, haben die Schreibstars ein Einkommen.
/ Christine Richard, a-z.ch
In der Literatur wird ihr oft mißtraut. In der Musik geht das kaum. Interessante Passagen über Techniken (und Bedeutung und Wesen) in Erinnerungen und Notizen des Komponisten Rudolf Wagner-Régeny (1903-1969), die in der DDR nicht gedruckt werden konnten (und in der Bundesrepublik nach der Übersiedlung seines Schülers Tilo Medek 1977 im Gefolge der Biermannaffäre auch erst jetzt: in Sinn und Form 1/2010):
2.2. 1963 Tschaikowski soll die Taktstriche erst eingezeichnet haben, nachdem alle Stimmen der Partitur ausgeführt waren.
Es zeugt davon, daß er den Fluß konzipierte, um ihn später in ein Bett zu setzen. Orff, der mich in den dreißiger Jahren oft besuchte, zeigte mir immer leere Partiturseiten, auf denen nur Taktstriche zu sehen waren. In dieser Schreibweise zeigt sich, daß er rhythmisch-metrisch dachte, bevor er diese Einteilungen mit Stimmen füllte.
23.2. 1963 Unsere Töne bedeuten nicht etwas (was zu erraten wäre). Sie sind das, was sie bedeuten.
Hinter dem Tongebilde verbirgt sich nicht. Mit ihrem KLingen treten sie in Raum und Zeit. Wie ein jeder Körper der Dingwelt leben sie so lange, wie ihr Schein und Sein zusammenfallen. Tritt die Identität auseinander, ist das Ereignis gewesen. (Es west nicht mehr.)
29.1. 1965
Die alten Griechen bilden den Leib aus.
Das Mittelalter die Seele des Menschen.
Die Neuzeit den Geist.
In der Musik bildet sich zuerst das Melodische (800), dann das Harmonische (horizontal, wie vertikal) (15./16. Jhdt.), zuletzt der Rhythmus (20. Jhdt.)
(S. 115f, 117, 119)
Kein Dichter wirbt augenblicklich entschiedener für eine Wiedervereinigung von Naturwissenschaft und Poesie als Raoul Schrott. Erst seit Galilei und Newton, so meint er, habe das nüchtern prosaische Denken binärer Logik, widerspruchsloser Kausalität und beengender Systeme die gemeinsame Basis der „zwei Kulturen“ verschüttet. In Wirklichkeit beziehen beide aber aus dem Geist des Impliziten, Paradoxen, Bildlichen, Imaginären ihre entscheidenden Impulse. Beide Deutungssysteme beruhen letztlich auf Verfahren der Analogie. Nicht erst die Quantentheorie verdeutlicht die Produktivität von Widersprüchen, Licht etwa zugleich als Welle und Teilchen zu betrachten. Was die Natur wirklich ist – so zitiert Schrott gern Niels Bohr –, kann die Wissenschaft nicht herausfinden, sondern nur, „was wir über sie sagen können“.
Ohne Schrott zu erwähnen, verfolgt der Zürcher Literaturwissenschaftler Michael Gamper in einem ungeheuer gescheiten Buch die gleiche Denkfigur aus historischer Perspektive. / Alexander Košenina, FAZ 4.2.
Michael Gamper: „Elektropoetologie. Fiktionen der Elektrizität 1740–1870“. Wallstein Verlag, Göttingen 2009. 332 S., geb., 29,90 €.
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