War was da? Rückblick auf eine Debatte (2)

L&Poe Journal #02-2022

Weiter im Text.

Konstantin Ames: Grußwort zum Endebeginn des Lyrikbetriebs (Fortsetzung von gestern)
Das JbdL wird an eine Institution übergeben, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Auslese zu betreiben. Ich meine nicht den Akt des Auswählens, ich meine gezielte Elitebildung, und die dazu passende Attitüde mit allen Unerfreulichkeiten für  a l l e  Beteiligten.


Der Text nimmt Fahrt auf. Diese Wendung versteht man nur, wenn man über einige Kontextinformationen verfügt. 2021war mitgeteilt worden, dass der langjährige Herausgeber Christoph Buchwald ausscheidet und das Jahrbuch von Matthias Kniep weitergeführt wird. Kniep nun ist Mitarbeiter des Hauses für Poesie, und von dieser – ich sag mal ehrgeizigen – Institution ist hier die Rede.
Diejenigen, die nicht ganz so frisch dabei sind, werden sich wahrscheinlich erinnern: Anfang der 2010er war aufs Jahr gerechnet von höchstens etwas mehr als einem Dutzend Neuerscheinungen an Gedichtbänden die Rede. Der so sprach, Thomas Wohlfahrt, wurde aufs schönste beschieden von Michael Gratz.

Das bezieht sich auf eine Veranstaltungsreihe des Hauses für Poesie. Hier komme ich ins Spiel. Ich hatte damals gegen die genannte Zahl polemisiert, die mir viel zu niedrig vorkam und vorkommt. (Noch Ältere als die hier schon Angesprochenen erinnern sich, dass Theo Breuer (in vergleichbar polemischer Absicht) von eher 2000 als so paar 12 oder 20 Lyrikveröffentlichungen gesprochen hatte. Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu…).
Eine kurze Zeit nach dieser Affäre wurden die Neuerscheinungen tatsächlich alljährlich dokumentiert; in der Zeitschrift Gegenstrophe. Es gibt sie nicht mehr.
Es gibt stattdessen eine Liste mit Adelspatenten, die „Lyrik-Empfehlungen“.


Ames‘ Thema ist institutionalisierte Elitenbildung. Ausgewählte Personen wählen andere nun auch ausgewählte aus. Offenbar gibt es eine Grundtendenz im Betrieb, die Zahlen klein zu halten. Wer sollte auch die Vielen alle lesen, kaufen, rezensieren und fördern?
Es hätte geben sollen ein Zentrum für Poesie. Es nennt sich dieses Zentrum „i. Gr.“ mittlerweile: Haus für Poesie; was m.E. nichts anderes ist als die griffige Kurzform für: Haus für Freunde des Hauses für Poesie.

Ein bisschen Polemik. Wenn ich mich richtig erinnere, war nicht nur Ames skeptisch, ob denn ein (1) „Zentrum“ für Poesie sinnvoll und wünschenswert sei. Warum soll man in München oder Greifswald wünschen wollen, dass „die Poesie“ künftig zentral in der Hauptstadt „gefördert“ wird? Im Sinne des eben erörterten „Kults der kleinen Zahl“ durchaus bedenklich.
Das Lyrikjahrbuch wird ab Ausgabe 2022 vom einzigen umgänglichen und patenten HfP-Mitarbeiter, von Matthias Kniep, und – für die genannte Ausgabe – von Nadja Küchenmeister, Schöffling-Autorin, editorisch bzw. co-editorisch betreut. Auch die zuvor genannten, durchweg schätzenswerten, Kollegen Bonné und Callies sind bei diesem Verlag.



Lauter nette schätzenswerte Menschen also. Es geht nicht um Personen, sondern um Institutionen. (Der Schlag gegen andere Hausmitarbeiter war jetzt nicht unbedingt nötig). – Jetzt kommt der Verlag ins Spiel, auch nett natürlich, aber könnte es Interessenkonflikte geben, wenn ausgewählt wird und Autoren des Verlags, der das Buch herausgibt, unter den Wählenden und Gewählten prominent vertreten ist? – Ich kenne die Reihenfolge der Geschehnisse nicht genau, aber könnte es sein, dass die neue Praxis der Jahrbuchherausgeber, anonyme Einsendungen zu verlangen, eine Reaktion auf die u.a. von Ames geäußerte Skepsis ist?
Der bis vor kurzem im Vergabegremium des Literaturfonds sitzende Verleger Klaus Schöffling profitierte demnach selbst davon, von ebendiesem Fonds gefördert zu werden. Natürlich deckte das nur die Kosten. Klar. Ein kräftiges Gschmäckle hatte diese mühelose Beschaffung von kulturellem Kapital (Bourdieu) für mich gleichwohl. Pro domo war früher (nicht lange her) richtig unsäglich.
– Wo blieb der Aufschrei der Nepotismus-Watch, der 2016 so prompt erfolgte, als die Generation Sunnyboy in diesem Forum kritisch beguckt wurde?
Lyrik ist ein family business geworden. Die Zuständigkeit dafür liegt nicht bei der BKM, wirklich nicht, sondern beim Wirtschaftsministerium – Abteilung Mittelstandsförderung.
Das meiste von Ames bis hierher Gesagte, wenn man ein paar polemische Überspitzungen abzieht, dürfte vielen nachvollziehbar sein. Noch vermag ich nicht zu sehen, was hieran die Aufregung verursachte. Kommt bestimmt noch.

Fortsetzung folgt.

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