113. Demokratisierung

In Rahmen des Projekts Austrian Books Online, einem Public-Private-Partnership der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) mit Google, werden seit 2010 urheberrechtsfreie Werke der ÖNB digitalisiert. Nun sind die ersten 100.000 Bücher online gegangen. Sie können über den Online-Katalog der Bibliothek kostenlos aufgerufen, online gelesen, im Volltext durchsucht und vollständig herunterladen werden. Generaldirektorin Johanna Rachinger feiert dies heute in einer Aussendung als „Meilenstein in der Demokratisierung des Wissens und in der Geschichte der Österreichischen Nationalbibliothek“.

(…) Insgesamt sollen rund 600.000 Werke mit rund 200 Millionen Seiten digitalisiert werden, darunter rund 200.000 Bände des Prunksaals … / Der Standard

www.onb.ac.at

Unter den digitalisierten Werken Bücher von Gryphius, Weckherlin, Logau etc.

Gaistliche und weltliche Gedichte.
Autor/in:Weckherlin, Georg Rudolph
Ort/Verlag:Amsterdam : Jansson 
Erscheinungsjahr:1648 

112. Goldene Mitte der Poesie

IX. Lyrikfestival „Złoty Środek Poezji“ (Goldene Mitte der Poesie) Kutno
21.-23.6.

Motto: „Nowa poezja, ojczyzna i dziewczyna“ (Neue Poesie, Vaterland und Mädchen)

Kutno (Polen)
Kutnowski Dom Kultury ul. Żółkiewskiego 4 99-302 Kutno

Eingeladen sind

aus Polen Ewa Lipska, Tadeusz Dąbrowski, Sergiusz Sterna-Wachowiak

aus Deutschland Angelika Janz, Jan Wagner, Uljana Wolf.

Im Rahmen des Festivals finden Konzerte der Volksmusikbands Zdrowie Pięknych Pań und Gęsty Kożuch Kurzu, der singenden und melodeklamierenden Dichter Dawid Majer mit dem Projekt Latające Gruszki [fliegende Birnen] sowie Piotr Kulpa mit den Bändern mea culpa und Trupa Propaganda statt.

Am Samstag findet das 8. Offene Ein-Gedicht-Wettbewerb (VIII Otwarty Konkurs Jednego Wiersza) statt. Gedichte der Wettbewerbsteilnehmer werden von der Jury in der folgenden Besetzung beurteilt: Marek Krystian Emanuel Baczewski, Karol Bajorowicz und Grażyna Baranowska.

111. Frühling. Lentz …

selbst hat in „offene unruh“ ein Gedicht namens „kaum frühling“ geschrieben, das er als „janusköpfig“ bezeichnet und das mit den Versen beginnt: „ist der krokus verblüht / was stellt er an das ganze jahr / soll auch ich einfach verschwinden? / jedes jahr dieses große hallo / als sei weiß gott was geschehen.“ Gerade arbeitet er an einem Nachwort zu Gedichten von Jesse Thoor, der, so Lentz, die schönsten Frühlingsverse überhaupt geschrieben habe. Und tatsächlich verblüffen Thoors „Rufe zur Nacht“ durch ihre liedhafte Einfachheit: „Ich, der Dichter Jesse Thoor – / dem Zünglein, Zeh und Ohr / und die Seele fror! // Wenn der März alle Bäche taut, / singe ich wieder laut! / Du meine hohe Braut! // Singe ich dein Herz gesund! / Du meines Sterbens Grund! / Küsse ich deinen Mund!“

Und auch Dirk von Petersdorffs Empfehlung ist hochgradig inspirierend – das betörende Gedicht „Fastfrühling“ von E. E. Cummings: „im Fast-/frühling“, beginnt es, „ist die welt schlamm-/selig und der kleine / lahme luftballonmann / flötet weit und winzig.“ / Uwe Ebbinghaus, FAZ (mehr Frühling mit Hans Magnus Enzensberger, Nora Gomringer, Christoph Buchwald, Marion Poschmann, Silke Scheuermann, Oleg Jurjew

Eine exklusive Lesung mit eigenen und klassischen Frühlingsgedichten von Silke Scheuermann, Nora Gomringer und Oleg Jurjew finden sie im Internet unter www.faz.net/frühlingslyrik.

 

110. Dichter auf Banknoten

Die israelische Regierung beschloß am Sonntag die Ausgabe neuer Geldscheine mit Porträts berühmter hebräischer Dichter. Ein 50-Schekel-Schein trägt das Bild von Shaul Tchernichovsky (Saul Tschernichowski) und ein 200-Schekel-Schein das von Nathan Alterman.

Im nächsten Jahr kommt ein 20-Schekel-Schein mit dem Bild von Rachel Bluwstein (bekannt als Rachel die Dichterin), und ein 100-Schekel-Schein mit Lea Goldberg.

Kritiker monierten die Auswahl – alle vier Dichter sind aschkenasische Juden. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu lobte die neuen Scheine – „Sie sind schön und rühren unser Herz mit Poesie“ – und schlug vor, in die nächste Serie ein Bild des Sepharden Yehuda Halevi aufzunehmen, den er einen der größten Dichter Israels nannte.

Der Knessetabgeordnete Arieh Deri (Shas) nannte die Billigung der neuen Geldscheine symptomatisch für die Behandlung der Mizrachi-Bevölkerung, die im Obersten Gericht, in den Hochschulen und Medien, bei den Staatspreisen, in der gegenwärtigen Regierung und nun auch auf den neuen Geldscheinen ausgeschlossen sei.

Der Abgeordnete Isawi Freij (Meretz) schlug seinerseits vor, den israelpalästinensischen Autor Emile Habibi auszuwählen.

/ Haaretz

Aschkenazim (Ostjuden) sind die ursprünglich in Nordfrankreich und Deutschland lebenden und später nach Osteuropa weitergezogenen Juden, die nach „deutschem“ Ritus beteten und Jiddisch sprachen. Sephardim sind die „Westjuden“, die ursprünglich in Spanien lebten.und Judenspanisch (Sephardisch, Ladino) sprachen. Mizrachim ist heute in Israel die Bezeichnung für aus Afrika und Asien stammende Juden, die meist Arabisch sprechen.

Saul Tschernichowski (Hebräisch ‏שאול טשרניחובסקי‎; * 20. August 1875 in Michailowka, Russisches Reich; † 14. Oktober 1943 in Jerusalem)

Nathan Alterman ( (Hebr. נתן אלתרמן‎, * Juli 1910 in Warschau; † 28. März 1970 in Tel Aviv)

Leah Goldberg (Hebräisch לאה גולדברג‎, * 29. Mai 1911 in Königsberg; † 15. Januar 1970 in Jerusalem)

Rachel Bluwstein Sela (20. September (Julianischer Kalender) 1890 Saratow – 16. April 1931 Tel Aviv) meist Rachel (Hebr. רחל‎) oder  Rachel die Dichterin (Hebr. רחל המשוררת‎) genannt

109. Kunst, Spektakel, Revolution No. 4

»Die Verwirklichung der Poesie«

Call for Papers!

Gerade ist die dritte Ausgabe der Broschüre „Kunst, Spektakel, Revolution“ erschienen und schon beginnen wir mit der Redaktionsarbeit für die vierte Ausgabe. Die vierte Nummer unserer (beinahe) jährlichen Publikation wird die Revolutionsepoche zwischen 1789 und 1871 behandeln und dabei insbesondere in den Blick nehmen, welche Tendenzen sich in der Dichtung zu dieser Zeit Bahn brachen – dementsprechend steht das Thema der Ausgabe unter dem Titel „Die Verwirklichung der Poesie“. Das Heft wird sich, dokumentierend und ergänzend, am letztjährigen Themenblock der Reihe orientieren, in dem wir uns mit Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine, Comte de Lautréamont, Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire auseinandergesetzt haben.

Während sich Hölderlin und Heine vor dem Hintergrund der deutschen Misere, in je unterschiedlicher Weise, auf die Impulse bezogen, welche die französische Revolution der weltweiten Emanzipationsbewegung gab, befinden sich Lautréamont, Rimbaud und Baudelaire in Frankreich in einer Situation, in welcher der deutsch-preußische Frankreich-Feldzug eine emanzipatorische Bestrebung zu zerstören drohte. Diese fünf Dichter sind jedoch nicht eigentlich „politische“ Dichter, die bloß die Forderungen politischer „Parteien“ zu ihrem Inhalt gemacht hätten. Ihr Vermächtnis ist nicht die Formulierung eines positiven Programms – vielmehr drückt sich in ihrer Formsprache die Tendenz einer Negativität aus, die zur Aufhebung einer schlechten Gegenwart drängt. Gleichzeitig wird an ihnen das Besondere sowie die Beschränkung der Dichtkunst sichtbar – was diese vorwegnahm, drängt in einem historischen Ereignis zur Wirklichkeit, das nicht Kunstgeschichte ist: Die erste große proletarische Erhebung in der Pariser Commune von 1871, in der zahlreiche Momente der ganzen Moderne kulminierten und die unter Aufsicht der preußischen Militärs von der französischen Bürgerklasse blutig niedergeschlagen wurde. Sich dieses Ereignis von unserer Gegenwart her neu zu erschließen und kritisch-historisch anzueignen, bedeutet aber gerade im Blick auf die Poesie, sich der Gebrochenheit der Revolutionsgeschichte bewusst zu werden: Das Dunkle und Düstere bei Hölderlin, auf den sich später auch Paul Celan bezog, die Flucht Heines vor dem Antisemitismus aus Deutschland und die rasende Vernichtungswut bei Lautréamont weisen darauf hin, dass in dieser Poesie auch bereits Momente erkennbar sind, die mit dem Geschichtsbruch zu tun haben, der sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland vollzog und der auch die Geschichte der Revolution nicht unangetastet lässt.

– – –

Soweit der inhaltliche Rahmen des letztjährigen Themenblocks. Für das Heft ist die Redaktion auf der Suche nach weiteren AutorInnen! Insbesondere in drei Themengebieten wollen wir noch Texte haben:

1.) Die französische Revolution von 1789
Wir suchen dringend eine/n AutorIn, der/die einen einführenden Text über die französische Revolution von 1789 (und die darauffolgenden Erhebungen) schreiben kann. Zum einen erachten wir es als immens wichtig, die französische Revolution wieder ins Gespräch zu bringen, da kaum Wissen über dieses, das Wesen der Moderne prägende, Ereignis zirkuliert, zum anderen geht es um ein Ereignis, welches die deutsche Philosophie und Dichtung entscheidend beeinflusst hat. Es soll darum gehen, eine Auseinandersetzung mit der Dichtung des 19. Jahrhunderts historisch-materialistisch zu rahmen, wobei folgende Fragen berührt werden sollen: Welche neuen Bedingungen schaffen die bürgerlichen Revolutionen? Von welchen gesellschaftlichen Gruppen werden diese Auseinandersetzungen getragen? Wie stehen sie in einem Zusammenhang mit der Konstituierung des modernen Proletariats und einer möglichen proletarischen Revolution? Welche Versprechungen und Hoffnungen sind damit verbunden, deren möglich-und-wirklich-Werden und das Ausbleiben ihrer Einlösung auch den Erfahrungshintergrund der modernen Dichtung bilden? Welche Rollen spielen die Agrar- und Hungerrevolten in der französischen Revolution, inwiefern agieren Bauern, Handwerker, Arbeiter und Arbeitslose unabhängig von der Bourgeoisie? Was bedeutet die französische Revolution für Frauen und den Frühfeminismus? Wie etablieren sich mit der französischen Revolution spezifische gesellschaftliche Bereiche, die wir heute als Öffentlichkeit und Kultur kennen? Usw. – hierbei sind gern auch unkonventionelle Textformate gefragt (cut-up’s etc.).

2.) Comte de Lautréamont
Wir suchen dringend eine/n AutorIn, der/die einen Text über Comte de Lautréamont beitragen könnte. Der Text soll die Auseinandersetzung mit Lautréamont fortführen, den wir bereits in unserem zweiten Heft begonnen haben (siehe: hier). Im oben beschriebenen Zusammenhang soll Lautréamont als Dichter des Negativen vorgestellt werden, der den katastrophischen Verlauf des 20. Jahrhunderts bereits antizipierte. Folgende Aspekte erscheinen uns dabei als beachtenswert: Raserei und Rausch der Gewalt in der Dichtung / das Verhältnis der Vernunft zu ihrer dunklen Seite, die sich gewaltvoll Bahn bricht / Repression in den Bildungsanstalten des 18. und 19. Jahrhunderts und Revolte der Jugend / das Verhältnis von Revolution und Gewalt / das Programm einer neuen Dichtung, nach dem nicht ein einziger, sondern alle dichten sollen / Sexualität und Gewalt bei Lautréamont.

3.) Autorinnen des 19. Jahrhunderts
In der Nachbereitung des vierten Themenblocks der Veranstaltungsreihe „Kunst, Spektakel, Revolution“, ist uns aufgefallen, dass wir mit Hölderlin, Heine, Lautréamont, Rimbaud und Baudelaire ausschließlich Männer in der Dichtung behandelt haben. Ohne es bewusst intendiert zu haben, haben wir damit einen männlich geprägten Blick auf die Literaturgeschichte reproduziert – ein selektiver Blick, der sich sachlich nicht rechtfertigen lässt, denn es gibt in der von uns fokussierten Epoche zahlreiche Dichterinnen, deren Wirken auch für den Themenkomplex »Verwirklichung der Poesie« interessant und wichtig sein dürfte. Ohne es kaschieren zu wollen, hoffen wir, dieses Ungleichgewicht in der vierten Broschüre wenigstens ein Stück weit korrigieren zu können und fordern euch daher auf, uns Portraits von Autorinnen des 18. und 19. Jahrhunderts zuzuschicken (für unseren Themenkomplex bspw. relevant: Olympe de Gouges, Mary Darby Robinson, Karoline von Günderrode, Bettina von Armin, Rahel Varnhagen, uvm.). Auch sie sollen im Kontext der gescheiterten oder ausgebliebenen Revolution und der Widersprüche der Moderne behandelt werden. Dabei soll es nicht darum gehen, Literatinnen in erster Linie unter dem Aspekt ihrer Weiblichkeit zu lesen, sondern ihre Werke immanent ernst zu nehmen – auch wenn dabei das Geschlechterverhältnis ein wichtiger Aspekt ist, was sich für Frauen vor allem als ein Schreiben gegen Widerstände dargestellt hat, wie es Virginia Woolf in ihren literaturhistorischen Essays beschrieben hat.

– – –

Alle oben genannten Aspekte und Fragestellungen sind nicht als strenge inhaltliche Vorgaben zu verstehen – wir sind offen für eure inhaltlichen Vorschläge, auch wenn sie in einer Verschiebung oder Korrektur unserer Fragestellung bestehen. Wir nehmen dabei auch Texte an, die unabhängig von den oben genannten Punkten, auf unterschiedliche Weise auf die bisherigen Ausgaben von „Kunst, Spektakel, Revolution“ reagieren. Wichtig ist uns dabei ein Zugang zur Geschichte, der im Benjamin’schen Sinne in einem „Gegen-den-Strich-bürsten“ besteht und von einem rächenden Motiv geleitet wird, das sich einer universellen Emanzipation der menschlichen Gattung verpflichtet sieht. Bezüglich Format und Umfang dienen die Texte der bisherigen drei Ausgaben zur Orientierung (siehe hier: http://spektakel.blogsport.de/broschur/).

Wenn ihr einen Text beisteuern wollt, bitte schickt uns bis zum 19. Mai 2013 ein Abstract an folgende Emailadresse: ksr-reihe[at]web.de (die Redaktion behält sich vor, Textvorschläge abzulehnen). Über einen Deadline-Termin kommunizieren wir dann.

108. Poetopie

du hast nur eine Kindheit, und die muss dein ganzes Leben vorhalten

Hansjürgen Bulkowski

107. Die Slowenen

Šalamun ist weit gereist und weltgewandt. Ein Umstand, der mir irgendwie zur slowenischen Dichtung zu passen scheint, und auch dass sich hier, in der slowenischen Dichtung, die Einflüsse der Moderne und Postmoderne ihren ureigensten Ausdruck suchen.

Vor ein paar Wochen auf der Messe drückte mir Hans Thill vom Künstlerhaus Edenkoben einen Band von Veno Taufer in die Hand, auch ein Slowene. Wasserlinge, so heißt das Buch, verdient eine eigene Besprechung, hier sei nur angemerkt, auch dieser Text verweist auf eine eigene (slowenische) Interpretation moderner Dichtung.

Zuweilen ertappe ich mich bei dem Gedanken, in Slowenien das Herz der europäischen Dichtung zu finden. Aber die Slowenen, scheint es, sind immer unterwegs – zum Beispiel Šalamun.

Er verbrachte Zeit zum Beispiel in den USA, und wenn man seine Texte liest, so meint man, auch Nordafrika sei ihm nicht fremd.

Aber natürlich handelt es sich hier in Rudert! Rudert! nicht um kunstvoll entworfene Postkartentexte, sondern um oszillierende Gebilde ohne feste Ränder. Sie sind nicht auf den Punkt zu bringen, entziehen sich beständig einem begrifflichen Zugriff, aber wie sie das tun, ist an Eleganz kaum zu überbieten. / Jan Kuhlbrodt, Fixpoetry

Tomaž Šalamun, Rudert! Rudert! Gedichte Deutsche Erstausgabe Slowenisch / Deutsch, übersetzt von Gregor Podlogar und Monika Rinck
ca. 176 Seiten, Hardcover, fadengeheftet, mit Lesebändchen ISBN 978-3-902113-95-5 € 21,00 Edition Korrespondenzen Wien 2012   

106. Lieblingsstellen

Der April ist National Poetry Month in den USA. NBC Latino fragte in den USA lebende Latino-Dichter, welche anderen „Latino“-Dichter sie am meisten inspirieren. Die Nuyorican*-Spoken-Word-Künstlerin Giannina Braschi wählte eine Stelle aus einem Gedicht von César Vallejo:

I want to live always, even on my belly,
because, as I was saying and I say it again,
so much life and never! And so many years,
and always, lots of always, always, always!

(Translation by Tess O’Dwyer)

Mir wird es immer gefallen, zu leben, sogar auf dem Bauch,
denn, wie ich soeben sagte und es wiederhole,
so viele Leben und nie! Und so viele Jahre,
und immer, oftmals immer, immer, immer!

(Deutsch von Erich Arendt, aus: César Vallejo, Funken wie Weizenkörner. Gedichte. Berlin: Volk und Welt 1971, S. 79)

Me gustará vivir siempre, así fuese de barriga,
porque, como iba diciendo y lo repito,
¡Tanta vida y jamás! ¡Y tantos años,
y siempre, mucho siempre, siempre, siempre!

Lupe Méndez nannte Martin Espadas “Sing Zapatista”

Sing the word zapateado, tap and stamp of women dancing in the plaza
to the hummingbird rhythms of Veracruz, guitarist in fedora
watching his fingers skitter like scarabs across the wood,
shawled dancer lost in the percussion of her feet.

Andere nannten Gedichte von Demetria Martinez, Pablo Neruda, Tato Laviera, Louis Reyes Rivera, Gioconda Belli und Pedro Pietri.

/ Kristina Puga, NBC Latino

*) Zusammenziehung von New York und Puertorican

Giannina Braschi (* 5. Februar 1953 in San Juan) ist eine puertoricanische Schriftstellerin und Wissenschaftlerin, führende Vertreterin der Nuyoricanbewegung. Wikipedia schreibt:

Obwohl ihre Bücher als Romane eingestuft werden, sind ihre späteren Werke Experimente sowohl in Stil und Format und zeigen viele fremdländische Einflüsse.

Friederike C. Raderer sagte im österreichischen ORF in einem Beitrag zu Puerto Rico: Mit ihrem Roman „Yo-Yo Boing!“ dem Sprachenmischmasch, das unter den Hispanos in New York üblich ist, (hat sie ) dem „Spanglish“ ein Denkmal gesetzt.“

 Lupe Méndez, zweisprachiger Dichter, Texas

105. Grün übersetzen


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sagt eine Seite, die ein Gedicht von Federico García Lorca als Songtext veröffentlicht:

Verde que te quiero verde
verde viento verdes ramas
el barco sobre la mar
el caballo en la montaña.

Verde, que yo te quiero verde.

Con la sombra en la cintura
ella sueña en la baranda
verdes carne, pelo verde
su cuerpo de fría plata.

Compadre quiero cambiar
mi caballo por tu casa
mi montura por tu espejo
mi cuchillo por tu manta.

Compadre vengo sangrando
desde los Puerta de Cabra
y si yo fuera mocito
este trato lo cerraba.

Pero yo ya no soy yo,
ni mi casa es ya mi casa
dejadme subir al menos
hasta las altas barandas.

Compadre, quiero morir,
decentemente en mi cama.
De acero, si puede ser,
con las sábanas de holanda.

Compadre donde está dime,
donde está esa niña amarga
cuantas veces la esperé
cuantas veces la esperaba.
(1928)

(offenbar eine Songfassung) und diese Sprachen anbietet:

Bildschirmfoto 2013-04-27 um 16.48.00

Ich probiere es also Deutsch und erhalte:

Grüne Ich möchte Sie grün
Wind grünen grünen Zweigen
das Schiff auf dem Meer
das Pferd auf dem Berg.

Grüne Ich möchte Sie grün.

Mit dem Schatten um ihre Taille
sie träumt auf der Schiene
grünem Fruchtfleisch, grüne Haare
Ihren Körper von kaltem Silber.

Compadre ändern wollen
mein Pferd für Ihr Haus
meinen Sattel für Ihren Spiegel
mein Messer für Ihre Decke.

Compadre kommen Blutungen
Ziege von Tor
und wenn ich ein Junge
Ich schloss dieses Angebot.

Aber ich bin nicht ich,
noch ist jetzt mein Haus mein Haus
mir klettern mindestens
bis zu den hohen Balkon.

Freund, ich will sterben,
anständig in meinem Bett.
Stahl, wenn möglich,
mit Bettwäsche aus Leinen.

Compadre wo Sie mir sagen,
wo das Mädchen bitter
wie oft erwartet
so oft wie erwartet.

Gar nicht einmal so schlecht. Fast politisch (Grüne, ich möchte Sie grün). Fast poetischer als Enrique Beck:

gruen

Die letzte Strophe dieser Fassung übersetzte Beck so:

„Sag mir doch, Gevatter, wo,
wo ist deine bittre Tochter?“
„Wievielmal sie deiner harrte!
Harrte deiner, ach, wie oft!“

Das kann Google besser, ganz ohne Zigeunerromantik:

Compadre wo Sie mir sagen,
wo das Mädchen bitter
wie oft erwartet
so oft wie erwartet.

Ein kleines Wortfest an einem sonst kühlen Apriltag. Paßt auch, weil nach Cummings im Frühling die Dinge Leute tun (und nicht umgekehrt). Also hopp, beide Fassungen in meine Anthologie!

Lorcas Originalgedicht heißt „Somnambule Romanze“, aus den „Zigeuner-Romanzen“. Hier gibts zum Vergleich die Fasssungen von Enrique Beck und Friedhelm Kemp, hier das Original.

104. Arno Holz 150

Eine etwas merkwürdige Zusammenfassung, aber wenigstens eine Würdigung, irgendwie doch:

Er galt als ein Mitbegründer des deutschen Naturalismus: Am 26. April 1863 kam der Schriftsteller Arno Holz auf die Welt. Er widmete sich den Dingen des Alltags in einer gewöhnlichen Sprache – und machte sich selbst gerne groß. Allerdings findet man in seiner Lyrik auch nachdenkliche Töne. / DLR

103. Stille Feste

Ein titelloses Gedicht des frühromantischen Schriftstellers Novalis hat es Komponist Wolfgang Rihm (61) angetan. «Als ich es las, empfand ich es sofort als eines der abgründigsten Gedichte der deutschen Sprache.

Da singen Tote für die Lebenden von den Vorteilen ihres Daseins», sagte Rihm den «Stuttgarter Nachrichten» (Samstag). «Wenn man das liest, denkt man: Mensch, die haben es aber gut, die haben wunderbare Feste, gutes Essen, enge Freundschaften und ständig Sex.» Am Ende frage sich der Leser, warum er eigentlich noch auf der Welt und nicht längst bei denen sei. «So saugend ist dieser Text und so abgründig», schwärmte Rihm. / Südkurier

102. Gestorben

Der Schriftsteller und Verleger Clément Marchand starb im Alter von 100 Jahren in Trois-Rivières (Kanada). In seinen Gedichten beschwor er die urbane Welt Quebecs. In seiner langen Karriere gewann er etliche Literaturpreise, darunter zweimal (1939 und 1942) den Athanase-David-Preis. Er war Mitglied der Académie des Lettres von Québec. 1979 begründete er einen Literaturpreis, der 2001 seinen Namen erhielt. / Actualitté

101. Kleinverlagskatastrophe

Kaum jemanden regt es auf: Kürzlich wurden bei einem Brand in der Nähe Leipzigs fünf Millionen Bücher zerstört. Vor allem kleinere Verlage trifft der Verlust sehr hart. (…) Das ist der größte Bücherverlust auf einen Schlag in Deutschland seit den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs. Achtzehn Stunden dauerte es, bis das Feuer gelöscht war. (…) Der im fränkischen Cadolzburg residierende Verlag ars vivendi hatte auch insgesamt 100.000 Bücher in Naunhof gelagert, unter ihnen alle Bände einer von Frank Günther neu übersetzten Shakespeare-Gesamtausgabe, die auf die beiden Jubiläen von 2014 (450. Geburtstag) und 2016 (400. Todestag) hin konzipiert wurde. Sie sind ein Raub der Flammen geworden. / Andreas Platthaus, FAZ

100. Jürgen Fuchs

Nach einem gemeinsamen Auftritt mit Bettina Wegner und Gerulf Pannach, dem Texter der Band Renft, wurde er aus der SED ausgeschlossen. Kurz vor dem Abschluss – die Diplomarbeit war schon mit „sehr gut“ bewertet worden – wurde Jürgen Fuchs wegen seiner Gedichte und Prosawerke vom Disziplinarausschuss der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum „Ausschluss von allen Universitäten, Hoch- und Fachschulen der DDR“ verurteilt und politisch zwangsexmatrikuliert. / buchhandlung89.de

99. Wohin reiste Celan?

1970 erschien in einem Frankfurter Verlag ein Materialband zu Paul Celan. Herausgegeben hatte ihn eine junge Germanistin, geboren 1938, die 1968 mit einer Arbeit über diesen jüdischen Dichter promoviert hatte. Das Buch wurde dem Literaturwissenschaftler Peter Szondi zugesandt, einem Freund Celans. Er bedankte sich bei der Herausgeberin und stellte für sie eine Liste mit Fehlern zusammen, zu berichtigen in der zweite Auflage. Am Ende dieser Liste hieß es lapidar: 1969 fuhr Celan nicht nach Palästina, sondern nach Israel.

Damit legte er einen frappanten Fall von gespaltenem Bewusstsein bei der Herausgeberin offen. Diese, gewiss nicht ohne Empathie für Celan, kannte zweifellos dessen Gedicht „Denk doch“ von 1967, geschrieben unter dem Eindruck des Sechs-Tage-Krieges, in Deutschland veröffentlicht in der Zeitschrift Akzente. 1968 bildete es den Schluss des Gedichtbands „Fadensonnen“. Die Anfangszeilen lauten: „Denk dir: / der Moorsoldat von Masada/ bringt sich Heimat bei“. Der jungen deutschen Germanistin wird nicht entgangen sein, dass Celan mit Kopf und Herz für Israel eintrat. Aber das ignorierte sie. / Jürgen Busche, Freitag 15