15. Mars-Haiku

Im Zusammenhang mit dem geplanten MAVEN-Flug zum Mars veranstaltet die NASA einen Lyrikwettbewerb. Auf Going to Mars Site kann man bis 1.7. ein Haiku eingeben. Zwischen dem 15. und 29.7. wählt das Publikum die besten 3 Haikus aus, die an Bord der MAVEN im November zum Mars aufbrechen werden. / examiner.com

Landplätze auf dem Mars. Image credit: NASA/JPL-Caltech/ESA

14. Blauzungenvirus

In ihrer kleinen grammaturgie hat die polnisch-stämmige Dichterin Dagmara Kraus nun gleich vier dieser Plansprachen lyrisch verwendet.

“Myrana” von Josef Stempfl; “Volapük” des katholischen Priesters Johann Martin Schleyer; die neue, noch etwas unausgegorene Plansprache “Tcatcalaqwilizi“ aus dem Jahr 2009 und vor allem “Langue bleue”, nach ihrem Erfinder Léon Bollack auch “Bolak” genannt.

Eine Menschheit – eine Sprache, ist zumeist der Traum, der hinter einem Plansprachenprojekt steckt. Und so muss eine Lyrikerin, die ihre Gedichte in Plansprachen zusammenstellt, wohl auch den Traum von einer universalgültigen und -verständlichen Poesie träumen.

Gerade Kraus, die sich auch als Übersetzerin polnischer Gedichte hervorgetan hat, etwa von Miron Białoszewski, weiß um die Schwierigkeit ein Gedicht von einer Sprache in die andere zu übertragen. Ein solcher Übersetzungsprozess geht vor allem in der Lyrik nie ohne bedeutende Verluste von statten, sei es die Form, die Musikalität, der besondere Ton, etwas muss der Verständlichkeit immer geopfert werden. Welch eine schöne Utopie bietet da eine Allpoesiesprache, die allen gleich zugänglich und verständlich ist. Eine Sprache transportiert zugleich aber auch immer eine Weltanschauung. Deshalb beherbergt eine Allsprachenutopie auch immer zugleich die  Dystopie einer Weltanschauung, die dann über all den anderen stünde. (…)

Es erübrigt sich zu betonen, dass sich diese Dichterin im Elfenbeinturm der Gelehrsamkeit eingerichtet hat und der Leser sich unter Mühen zu ihr hinaufarbeiten, oder besser gesagt, hinaufschwingen muss.

Diese Herausforderung kann nach einer Weile aber auch ein Auseinandersetzungs- und Enträtselungsfieber hervorrufen, und man infiziert sich bei Kraus mit der maladie de la langue bleue, dem Blauzungenvirus, der nur bei Wiederkäuern vorkommt.

/ Mónika Koncz, Fixpoetry


Dagmara Kraus: kleine grammaturgie, 
72 Seiten, 12,00 Euro, roughbooks 2013.

In der Rezension zitiertes Gedicht in langue bleue:

ne seri nif ib gev[1]
dog[2]
kval[3]
virt[4]
div[5]
madr[6]
per di lers[7]
it ag sor A[8]
tanɥ sfaksed is mis mri[9]
be smoko gaɥ[10]
ileɥ sigaretu oni treɥ[11]
it lu tim nu sferno[12]
me tvevo[13]
bo ɥe sor A ra ru komo[14]

__________________
[1] wir sind neun auf der Erde
[2] ein hund
[3] ein pferd
[4] eine tugend
[5] ein gott
[6] eine heimat
[7] ein vater aus eisen
[8] und dieser Herr A
[9] so zufrieden wie fräulein marie
[10] sie rauchen schon seit langem
[11] viel weniger zigaretten
[12] und die zeit ist nicht weit
[13] ich zaudere
[14] aber da ist ja herr A, der zurückkommt

13. Aufzeichnungen

«Am Fenster, wo die Nacht einbricht»: Das Buch der am 14. April 2010 verstorbenen Dichterin enthält nachgelassene Aufzeichnungen aus dem Zeitraum zwischen Herbst 1996 und Jahresanfang 2010. Es handelt sich nicht um Tagebücher – Erika Burkart hat nie Diarien verfasst. Sechzehn Hefte lagen dem Herausgeber Ernst Halter vor; weitere Hefte tauchten später auf, nachdem er die Arbeit abgeschlossen hatte. Etwas mehr als die Hälfte des Textes hat Halter für die Veröffentlichung berücksichtigt und in Kapitel eingeteilt, deren Inhalte Leitthemen aus Erika Burkarts Werk aufgreifen. /

Erika Burkart: Am Fenster, wo die Nacht einbricht. Aufzeichnungen. Hrsg. von Ernst Halter. Limmat-Verlag, Zürich 2013. 306 S., Fr. 38.–.

12. Förderung

Der Deutsche Literaturfonds fördert Literatur (also Sachen die richtig Arbeit machen, Romane und Übersetzungen), im einzelnen:

Ergebnisse der Kuratoriumssitzung vom 26. und 27. April 2013

Folgende Autorinnen und Autoren bzw. Übersetzerinnen und Übersetzer erhielten ein Halbjahres- bzw. Jahres-Stipendium:

  • Oliver Bukowski (für ein Theaterprojekt)
  • Brigitte Döbert (für ein Übersetzungsprojekt)
  • Sherko Fatah (für ein Romanprojekt)
  • Thomas Hettche (für ein Romanprojekt)
  • Thomas Kapielski (für ein Prosaprojekt)
  • Michael Kleeberg (Verlängerungsstipendium für einen Roman)
  • Ute Krause (für einen Kinderroman)
  • Tim Krohn (für ein Romanprojekt)
  • Ralf Rothmann (für ein Romanprojekt)
  • Gregor Sander (für ein Romanprojekt)
  • Rainer G. Schmidt (für ein Übersetzungsprojekt)
  • Ulrich Woelk (für ein Romanprojekt)

Einen Projektzuschuss für zwei Ausgaben erhielt die Zeitschrift

  • Krachkultur

Insgesamt wurden 271.380 Euro an Fördermitteln vergeben.

Mehr

11. Valzhyna Mort

Valzhyna Mort wurde 1981 in Minsk geboren und wuchs in einer russisch sprechenden Familie auf. Das Weissrussische, die in der Sowjetunion unterdrückte Volkssprache, lernte sie erst in der Schule. Es sei das musikalische Moment, hat sie einmal erzählt, das sie an dieser Sprache so anziehe, die Möglichkeit, Vokale und Silben miteinander spielen zu lassen. Gleichwohl ist ihr Verhältnis zur weissrussischen Sprache nicht ungebrochen: «diese sprache hat nicht einmal ein system. / ein gespräch mit ihr zu führen ist unmöglich – / sie schlägt einem sofort in die fresse». So hat sie es in ihrer zweiten Gedichtsammlung formuliert, die auf Deutsch 2009 unter dem Titel «Tränenfabrik» erschienen ist. Dort setzte sie noch ganz auf das Weissrussische. Nun kommt die englische Sprache hinzu. Seit einigen Jahren wohnt Valzhyna Mort in Washington. Und so wie sie in ihrem neuen Band Prosa und Lyrik nebeneinanderstellt, verbindet sie die Sprache ihrer Kindheit mit jener ihres gewählten Wohnorts.

Aus dieser Mischung der Sagweisen und Genres gewinnt Mort einen eigenen, einmal kindlichen, dann wieder von Reflexion durchsträhnten Ton. «Koste keine Früchte vom Familienbaum!», heisst es an einer Stelle. / Nico Bleutge, NZZ

Valzhyna Mort: Kreuzwort. Deutsch von Katharina Narbutovic und Uljana Wolf. Edition Suhrkamp, Berlin 2013. 107 S., Fr. 19.90.

10. Nicht jeden Tag

Im Focus Jürgen Prochnow „über deutsche Rente, deutsche Lyrik und Bürokratie. Und über die Sehnsucht des Kapitänleutnant aus „Das Boot“ nach ewiger Ruhe im Meer“:

Bei uns wurde wirklich nicht täglich Rilke gelesen oder ins Theater gegangen.

9. Da spielt Franz Kafka

„Die Küche“ ist eine Variante auf eine klassische Carver-Short-Story: Ein Junge sitzt am Fluss und angelt fast den Fisch seines Lebens. Aufgeregt rennt er nach Hause, um seinem Vater davon zu erzählen – aber der ist beschäftigt:

„Mein Vater war betrunken / und saß in der Küche mit einer Frau, die nicht seine Frau war und auch / nicht / meine Mutter.“

Die Sprache der Gedichte ist von schlichter Eleganz: Man versteht diese Lyrik, die sich auf keine intellektuellen Spiele einlassen muss, die oftmals wunderbar leicht und von bitterer Komik ist: Während einer Zugfahrt sitzt ein Mann im Speisewagen. Plötzlich weist der Schaffner auf einen Tennisplatz vor dem Fenster hin. Da spielt Franz Kafka gerade, sagt er. Die Leute sehen hinaus, und der Reisende bemerkt:

„Kafka selbst war Vegetarier und Abstinenzler, / aber das braucht keinen zu kratzen.“

Das Außergewöhnliche an diesem Band: Raymond Carver hat seinen eigenen Gedichten thematisch passende Texte von ihm verehrter Autoren zur Seite gestellt. Von Tomas Tranströmer oder von Anton Tschechow beispielsweise. So entsteht ein reizvoller Dialog. Hinzu kommt die herausragende Übersetzung von Helmut Frielinghaus. Und die bringt eine weitere traurige Geschichte mit sich: Auch für Frielinghaus waren Carvers Gedichte das letzte Projekt; nach der Übersetzung starb er. Immer wieder ist man zu Tränen gerührt von diesem einmaligen Buch – erst recht beim letzten Gedicht, das den einfachen Titel „Spätes Fragment“ trägt:

„Und – hast du bekommen, was / du haben wolltest von diesem Leben, trotz allem? / Ja, hab ich. / Und was wolltest du? / Sagen können, dass ich geliebt werde, mich geliebt / fühlen auf dieser Erde.“

/ Martin Becker, DLR

Raymond Carver: Ein neuer Pfad zum Wasserfall. Gedichte
Aus dem Amerikanischen von Helmut Frielinghaus
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2013
160 Seiten, 18,99 Euro

8. Czollek’s view

Presently, young German poetry flocks together around three places: Hildesheim, Leipzig and Berlin. This accumulation is easy to explain. Hildesheim and Leipzig, because they shelter the two institutions in Germany where one can study creative writing. It is safe to say, therefore, that they constitute a laboratory for new forms of poetry. Berlin has established itself mainly as a city of residence for poets of all ages because of an attractiveness it presently radiates – living is cheap and culture is rich. A brief survey done among colleagues and friends leads me to assert that roughly 72,4% of all published German poets currently reside in Berlin while, for younger poets, they will be evenly spread between Leipzig and Berlin, fewer still in Hildesheim. There are, of course, many young poets living outside of the three towns but from the perspective taken in this article they have not yet developed a considerable poetic momentum and decisive impact on present discussions within younger contemporary poetry. (…)

The number of publishing houses has been on the rise for the last years and one can find publishers that cover a wide variety of different poetics: KOOkbooks, the most important German publishing house for poetry whose poetics have exerted a great influence over the past years and can be situated close to the “disciplinary” approach mentioned above; the Verlagshaus j.Frank, also based in Berlin and of a slightly younger age might be seen to represent the poetic counterthesis to KOOK proclaiming the reintroduction of urgency and relevance (contested terms, I know) into the sphere of contemporary poetry; one must also mention Luxbooks, famous for its translations of American poetry but also important for the German-speaking context; Roughbooks, a more experimental and by now almost traditional publishing house based in Switzerland; furthermore Fixpoetry, Poetenladen, Edition Azur, yedermann, parasitenpresse, as well as houses not specifically focused on poetry but with a poetry-publishing branch such as Suhrkamp, Berlin Verlag, Hanser Berlin, Hochroth, Schöffling, Wallstein Verlag, and many more. (…)

Trying to explain my position in this discussion I will start off with an hypothesis: in contemporary poetry as well as in the writing of younger German poets one thing is systematically absent: history. In the following, I will try to argue in favor this hypothesis and hope that a lack of information on the side of the reader will not render my arguments selective. It is more a mode of thought I will try to propose whose relevance can also be judged from afar.

To be fair, even a brief look on recent publications and prices distributed to poets allows for the impression that history is not at all absent from the general field of poetry. Isn’t there continuous reference to the Holocaust? Didn’t Nora Gomringer win the Ringelnatz Price under special mentioning of her Auschwitz-poem “Und es war ein Tag“? Isn’t there a strong sense of history and its presence in Günther Grass’ controversially discussed poem “Was gesagt werden muss” ? Weren’t political and historical aspects the most discussed and written-about topics of the 70s and 80s? Regarding this background, the rejection of history and its presence in younger poetry seems all too understandable. Why the fuss, then?

These are the arguments that are usually brought forward if I argue with my fellow young poets and friends in poetry about this alleged presence of history in contemporary German poetry. To them, I usually answer: yes and no. For one, the superficial evocation of something does not at all imply its confrontation, it might as well mean its domestication, a way to deal with its pressing presence by talking about it in a specific and ritualized way. Although virtually everybody agrees that this is bad poetry in terms of aesthetics, one needs to take a closer look at it. A striking characteristic of these poems is the ritualized manner in which history is addressed, the repetitive imagery employed that evolves around ever the same monotonous binary constructions: empathy and horror, doomed history and saved presence, Black milk, trains, Schindlers List, etc. In political poetry from the 70s and 80s, discussions of political issues did not really concern the poetic function of poetry at all but rather present a form of political agitation that simplified the poem, subjected aspects to the message and became a tactical element in the political sphere. This is not the presence I am talking about. And it is not its lack either. In both cases history remains outside the poem exhausting itself in mourning, empathy and its strategic employment.

Auszüge aus einem Artikel Max Czolleks in dem niederländischen Onlinemagazin Samplekanon.

7. Streichend schreiben

Mit 87 Jahren veröffentlichte der grosse französische Lyriker und Essayist Yves Bonnefoy einen schmalen Gedichtzyklus, der sich von all seinen vorhergegangenen unterschied. Es handelt sich um 28 Sonette des italienischen Typus – mit jeweils zwei Quartetten und zwei Terzetten –, doch ohne Reime. Trotzdem: Die Form ist streng, und gerade diese Strenge erwies sich als ungemein befruchtend. «Der Zwang», so Bonnefoy in seinem kurzen Vorwort, «wurde zum Bohrer, durchdrang Ebenen der Abwehr, schuf Zugang zu Erinnerungen, die verschlossen geblieben waren, ja unterdrückt.» Bonnefoy nennt sein Verfahren, das darin besteht, im Rahmen der vorrangigen Form auf die Klangwirklichkeit der Wörter zu bauen, «streichend schreiben» (französisch «raturer outre»). Ein Prozess der Reduktion und Dekonstruktion, der unverhofft zu neuen Sinnverknüpfungen und Einsichten führte. / Ilma Rakusa, NZZ 23.4.

Yves Bonnefoy: Streichend schreiben. Gedichte. Aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz. Stiftung Lyrik-Kabinett, München 2012. 79 S., Fr. 21.–.

6. American Life in Poetry: Column 419

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

It pains an old booklover like me to think of somebody burning a book, but if you’ve gotten one for a quarter and it’s falling apart, well, maybe it’s OK as long as you might be planning to pick up a better copy. Here Ron Koertge, who lives in Pasadena, has some fun with the ashes of love poems.

Burning the Book

The anthology of love poems I bought
for a quarter is brittle, anyway, and comes
apart when I read it.

One at a time, I throw pages on the fire
and watch smoke make its way up
and out.

I’m almost to the index when I hear
a murmuring in the street. My neighbors
are watching it snow.

I put on my blue jacket and join them.
The children stand with their mouths
open.

I can see nouns—longing, rapture, bliss—
land on every tongue, then disappear.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2012 by Ron Koertge, whose most recent book of poems is Fever, Red Hen Press, 2006. Poem reprinted by permission of Ron Koertge. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

5. Gestorben

Die Dichterin Eather Dohollau, keltischen Ursprungs, die seit 1958 in Saint-Brieuc lebte, starb im Alter von 88 Jahren. Im Jahr 2000 wurde sie zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. / ouest france

4. Weiß

Wollte mal wieder was weißnen:

Hausherrin Doris Runge gestaltete mit den lyrischen Schwergewichten (v.l.) Arno Rautenberg, Heinrich Detering und Jan Wagner die Jubiläumsmatinee des Vereins Literatur im Weissen Haus / Lübecker Nachrichten

3. Es ging um einen Umsturz

Jedoch geht es hier nicht allein um gemeinsames Dichten – es geht um einen Um­sturz, eine Revo­lution, die Er­neue­rung der deutsche Lyrik. Über­kommene For­men, Reim, überhöhte Dichter­sprache, all das wollen die Lyriker um Arno Holz zum Ver­schwinden bringen und durch eine neue Art zu dichten ersetzen, in freien Versen, schlich­ter Sprache, in Gedich­ten, deren Zeilen nicht mehr links­bündig sondern (jede Zeile ihre eigene Überschrift) zentriert gedruckt werden sollen. Und dieser Putsch wird als konzertierte Aktion durchgeführt: Mit gleich sieben Heften, die alle im Verlag Johann Sassenbach erscheinen, treten 1898/1899 Arno Holz (mit zwei Heften seines „Phantasus“) und vier seiner ›Schüler‹ an die Öffentlichkeit: Georg Stolzenberg mit „Neues Leben 1“ und „Neues Leben 2“, Rolf Wolfgang Martens mit „Befreite Flügel“, Ludwig Reinhard (d.i. Reinhard Piper) mit „Meine Jugend 1“ und Robert Reß mit „Farben“.
Diese fünf Sammlungen, erweitert durch Stolzen­bergs „Neues Leben 3“ (ur­sprüng­lich 1903 erschienen) und einige verstreut publi­zierte Gedichte Paul Victors – er war zwar Mitglied des Kreises um Arno Holz, jedoch kein Teilnehmer an der konzertierten Aktion – legt nun Robert Wohlleben in einer sorgfältig und diplo­matisch edierten Ausgabe im Verlag Reinecke und Voß vor, der sich dadurch einmal mehr als Fachverlag für Horizont­er­weite­rungen erweist. Denn der Putsch­versuch war nicht erfolg­reich. Von den Zeit­genos­sen mit hämischer Kritik über­zogen, von der Nachwelt kaum beachtet verstummten diese fünf Dichter und ver­schwan­den aus der öffent­lichen Wahr­nehmung ebenso wie weitgehend auch aus den Lite­ratur­geschich­ten, in denen sie meist gerade mal noch eine Fuß­note zu den Einträgen zu Arno Holz hergeben. Ihre Gedichte ver­schwan­den ebenfalls und ließen sich bislang nur mit Mühe in Biblio­theken und Anti­quariaten auffinden.
Doch jetzt verdanken wir Wohlleben, der uns die Texte noch durch einen knappen Kommentar und ein kenntnis­reiches und erhel­lendes Nachwort erschließt, die Gelegen­heit, uns selbst ein Bild davon zu machen, welche Rolle diese Dichter in der Entwicklung der Lyrik spielen, ob sie wirklich nur dilet­tan­tische und banale Epigonen sind, die man nach dem ›kennste einen kennste alle‹-Prinzip getrost ignorieren kann, oder ob es sich nicht doch lohnt, sie als Individuen wahrzunehmen.
Natürlich lohnt es sich. Auch wenn die Dichter unleugbar den Eindruck er­wecken, zu­sam­men­gehörig und Holz zugehörig zu sein. Auch wenn dem heu­tigen Leser vielleicht manches wirklich nach Ober­stufen­schüler­lyrik klingt (um niemanden zu be­leidigen: ich meine meine eigene Ober­stufen­schülerlyrik):

Wer mein Freund ist?

Ein Baum
auf der weiten Haide
einsam
krank.

So etwa beginnt Stolzenbergs Gedicht auf S. 45 des ersten Heftes „Neues Leben“. Es finden sich aber auch ganz andere Töne:

Metallisch glänzt der Abendhimmel.
Unter dunklem Geäst
bläst ein Hirt.
Noch springen munter die Zicklein.
Mücken tanzen.
Ein Schaf schaut in die untergehende Sonne.
Bäh!

(Robert Reß, Farben, S. 9)

Vieles vereint die Dichter. Sie alle notieren Impressionen, geben dem Alltag und seiner Sprache viel Raum (da bähen nicht nur die Schafe, es waten auch Jören ins Wasser, man trinkt ’nen Cognac, ein Botaniker putzt seine Brille u.s.w.) und halten sich natürlich alle an die Holz­schen forma­len Vorgaben. Und doch hat jeder der fünf seinen eigenen Ton und es wäre schlicht falsch, ihre Gedichte nur als Holz-Nachahmungen zu eti­ket­tieren. Etwa wenn es um die Schilderung proletarischen Alltag geht:

Kopf an Kopf füllt der Plebs die Arena.

Seine Edelsten starten.

Wie sie sich abrackern! Wie sie sich schinden!

Das Ziel! das Ziel! Um jeden Preis!

Wenn sie ihr Rückgrat beschwert, reißen sie sichs aus – weg!
Hindert sie ihr Herz – weg!
Wen sein Hirn geniert – weg!

Da:
schon sind sie an den byzantinischen Säulen!

Die Hetzjagd!

[…]

[…] Und wieder ganz anders klingt Georg Stolzenberg:

Jeden Abend,
wenn im Biergarten die Militärkapelle spielt,
lehnen rings das Gitter entlang
Arbeiter in blauen Blusen,
das Kinn in die Hand gestützt.

Elektrisches Licht beleuchtet die ernsten Gesichter.

In die rußigen Seelen
duften
Blumen einer fremden Welt.

(Neues Leben 2, 45)

Die Lektüre dieser Gedichte macht misstrauisch sowohl gegenüber der hämischen zeit­genös­sischen Kritik als auch gegen die vorschnell klassi­fizie­rende (Holz­nach­ahmung, Natura­lismus) Litera­tur­geschichts­schrei­bung. Und dabei lassen sich auch noch herr­liche Ent­deckungen machen, der stille, bis­weilen Robert-Walser-artig bescheidene Ludwig Rein­hard etwa, oder der lako­nische und groß­artig un­pa­the­tische Robert Reß.
Sicher: manche der hier abgedruckten Texte werden wir Heu­tigen mit derselben befrem­deten Rüh­rung betrach­ten, mit der Arno Holz des ersten Dichters gedachte, der Herz und Schmerz zum Reimen brachte; aber daneben wird jeder der vielen Leser, die ich dem Buch wünsche, eine große Zahl von Gedichten finden, die die Lektüre lohnen, einfach weil es gute Gedichte sind.

 

/ Dirk Uwe Hansen, Poetenladen

Robert Wohlleben (Hrg.)
Antreten zum Dichten!
Lyriker um Arno Holz
Reinecke und Voß, Leipzig 2013

Zum Verlag  externer Link

2. Eine Art VerDichtung

Holger Benkel würdigt auf KUNO den meistunterschätzten Lyriker deutscher Sprache, sagt Matthias Hagedorn. Gemeint ist A.J. Weigoni:

literaturmarkt und literaturbetrieb begegnet weigoni mit distanz. in den Verweisungszeichen zur Poesie und  VerDichtung konstatiert er:

“Die heutige Marktliteratur ist realistisch, optimistisch, fröhlich, sexy und didaktisch … Die meisten SchriftstellerInnen haben die künstlerische Kontrolle über die Resultate ihrer Arbeit verloren und lassen sich vermarkten …  Vom utopischen Surplus der Literatur bleibt nicht mehr viel. Statt dieses Mehrwerts liefert die Literatur das, was den Waren zu mehr Wert verhilft … Die Zielgruppe ist an die Stelle der Öffentlichkeit getreten.«, und gibt zu bedenken: »Das Bedürfnis nach Subjektwerdung kann niemals wirklich durch den personalisierten Konsum standardisierter symbolischer Güter gedeckt werden … Als Notwehr dagegen bleibt, eine VerDichtung zu betreiben, ohne sich Illusionen über Kommerzialität und Zeitgeist-Kompatibilität zu machen … Gedichte müssen aus Not und Notwendigkeit entstehen und nicht als Geschäftsgrundlage. Lyrik ist eine Kunstdisziplin, die ihren Weg von unten nach oben antreten muss.«

1. No obligation

A Man Said to the Universe

Stephen Crane (1871–1900)

A man said to the universe:
“Sir, I exist!“
“However,” replied the universe,
“The fact has not created in me
“A sense of obligation.”