Wer den Lyrik-Avantgarden folgen will

Von Sabine Scho, hier ein Auszug:

1953 eröffnete H. C. Artmann seine „Acht-Punkte-Proklamation des poetischen Actes“ wie folgt: „Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, daß man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben. Vorbedingung ist aber der mehr oder minder gefühlte Wunsch, poetisch handeln zu wollen.“

Das war weniger Koketterie als Notwehr einer später als Wiener Gruppe bekannt gewordenen Lyrik-Avantgarde, die schlicht zunächst weder Publikations-, noch Auftrittsmöglichkeiten hatte. Dichter*innen-Avantgarden, das ist 2016 nicht viel anders, finden und fanden sich zunächst jenseits der ausgetretenen Pfade. Zumal, als um 1996 bei vielen Publikumsverlagen die Mischkalkulationen fielen, große Konzerne das Ruder übernahmen und aktuelle Lyrik kaum noch verlegt wurde, war dies das Rebirthing einer Avantgarde aus Notwehr.

Neue Non-Profit-Verlage entstanden im Anschluss beinahe ausschließlich für Dichtung, allen voran Kookbooks, der von Daniela Seel zusammen mit ihrem Gestalter Andreas Töpfer gegründet wurde und jenseits der Literaturhäuser selber Lesungen und Performances an ständig wechselnden Örtlichkeiten organisierte.

Kollektive wie die G13 und Kollaborationen, die ganz neue Formate ins Leben riefen, wie die rottenkinckschow, folgten. Letzte liefert ein forschungsbasiertes Bühnenformat zur Erzeugung von Anschaulichkeit, das von den Autorinnen Ann Cotten, Monika Rinck und Sabine Scho 2008 ins Leben gerufen wurde.

Die Einmaligkeit der Themendarbietung ist darüber hinaus singulär. Man setzt, ganz entgegen künstlerischer Verwertungslogiken, auf das Prinzip der Nicht-Wiederholbarkeit.
Wer also den Lyrik-Avantgarden folgen will, muss sie zumeist auf Abwegen suchen, was nicht im Umkehrschluss heißen muss, dass ihre Protagonist*innen nicht hier und da schon zu Ruhm und Ehre gekommen wären, oder den Zug durch die Feuilletons und Goethe-Institute nicht längst angetreten hätten.
Aber selbst bekannte Vertreter*innen wie Ann Cotten, Elke Erb, Oswald Egger, Monika Rinck oder Ulf Stolterfoht sind der Off-Szene treu geblieben, lassen einige oder noch alle ihre Bücher dort verlegen, oder gründen gleich einen eigenen Lyrik-Verlag wie jüngst Ulf Stolterfoht die Brueterich Press. / (vollständig lesen!) Mehr hier

L&Poe ’17-07

Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,

img_4431seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound.  In der heutigen Ausgabe: Hadayatullah Hübsch, Tom Raworth, Dagmara Kraus, Kladde & Ingolddebatte, Shakespeare und manches andere. Lesen!

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Die Themen in dieser Ausgabe

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Das neue Gedicht

Dagmara Kraus

çatodas

drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
kau dir an der kruste hier muskeln an, nimm
an floskeln tuste gut daran, te tłusteste zu meiden
ah, das wusstest du schon, na dann

drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
die eine hockt noch schief im rachen, indes die andern
angenähte tanten machen, wie damals die aus
liza stara, am saalrand die, parade rara

drei sprachen sind zu groß für deinen mund, mein kind
sagst du bélier, verbrauchst du zu viel spucke
meinst du wichurę, zeigst aufs regenzuckeln
und rührst dir was aus drei familien, führst krudes

in die fleur-de-lilien und setzt dort wechselbälger aus
kuckuckskinder, bülbülschinder, wie du wörtchen
aus drei sprachen klaubst, wie du urkreol
verschraubst, was syntaktisch, synku, sich nie binden

ließe. pfui, du fiese mutter, biest du, arge hast dein kind
betrogen, um die eine muttersprache; alles dreimal
3 x strachy, 3 ça-to-das, selbdritt fällst durchs fehlerfach
deine zunge, kindlein, splisst: père, quoi to ist, äquator

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Ex Libris: Hadayatullah Hübsch (1)

Ich bin Hadayatullah Hübsch fast zweimal begegnet. Einmal waren wir in Leipzig auf der Messe, mit der Zeitschrift „Wiecker Bote“, die ich ein paar Jahre lang mit herausgab. Angelika Janz las aus ihrem „im Verlag des Wiecker Boten“ erschienenen Buch „orten vernähte alphabetien“ (2002). Neben mir saß ein bärtiger Herr. Nach der Lesung kamen zwei Bärte ins Gespräch. Weiter hier

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Tom Raworth (1938-2017)

His poetry is, maybe above all, provocative, upending readers’ expectations about how a text should operate, and inviting a level of interpretive participation that pushes the poet, the text, and the audience toward equality as co-partners in making it. Writers have characterized his work by its “laconic egolessness” (Geoff Ward); its speed, “half-emotional, like someone laughing at his own joke while he is telling it” (Fanny Howe); its “tragedian’s sense of the comic as one of life’s fated inevitabilities” (Lyn Hejinian). / Mehr

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Kladde

Gesehenes, Hingekritzeltes, Beiseitegesprochenes, Kommentare und Zitate, Stoßseufzer und Wutausbrüche, ausnahmsweise nicht von mir, sondern aus meinen Postmappen

In den Untiefen [wer wohnt in ’ner Ananas ganz tief im Meer? sprich oberflächlich also nicht?] moderner [definiere er] Dichtung ringen seit jeher [jwd] zwei [why?] widerstreitende [Steuerfestsetzungen, nein ..] Prinzipien [zwei Seelen wohnen, ach] um die Vorherrschaft [totale Poetik?]. Das Unverständliche kämpft mit dem Verständlichen [das Unverständliche kämpft also zumindest verständlich?], das Hermetische mit dem Zugänglichen [das Hermetische verschränkt einfach nur die Arme], das Autistische [Sowas macht mich sauer. Es gibt keine autistischen Texte. In diesem Fall aber einen unreflektierten Rezensenten, der sich anschickt, Autismusdiagnöschen zu verteilen] mit dem Kommunikativen [zumal autistisch und kommunikativ keine Gegensätzlichkeiten sind]

Aus & zu: Webforum für Lyrik. Glückliche Missverständnisse. Muss große Dichtung schwierig sein? Eine Kolumne zum ewigen Streit zwischen dem Verständlichen und dem Unverständlichen. Von Gregor Dotzauer. Tagesspiegel

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Plauderlyrik

Am 2. Februar veröffentlichte Felix Philipp Ingold einen Artikel über Stilverfall und Sprachverflachung in der Gegenwartsliteratur. Auszug:

Der Trend zu unreflektiertem literarischem Tun ist, wohlgemerkt, nicht bloss in Erzähltexten zu beobachten, er bestimmt auch die zeitgenössische deutschsprachige Poesie. Sie hat sich mehrheitlich – vorab in den privilegierten Genres des Liebes- und des Naturgedichts – zu einer Art Plauderlyrik gewandelt, bei der einzig der Zeilenfall oder ein parodistisch gesetzter Endreim noch kundtut, dass der Text als Gedicht zu lesen ist.

L&Poe dokumentiert Ingolds Fazit der sich anschließenden Debatte.

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Übersetzen in Randzonen

Drei Übersetzer, die sich in besonders exponierte Randzonen vorwagten, haben wir aufgesucht, um etwas über den Umgang mit solchen Schwierigkeiten zu erfahren. Es handelt sich um sprachlich und kulturell disparate Projekte, die aber gerade deshalb exemplarische Fragen aufwerfen.

William Wordsworths «The 1805 Prelude», erstmals übersetzt von Wolfgang Schlüter, tritt die lyrische Bewegungsfähigkeit einer Sprache hervor. Rainald Simon unternimmt bei seiner Übertragung des altchinesischen «Shijing» den Versuch, zwei disparate Sprachsysteme und damit Kulturen zu verbinden – das grammatisch offene, monosyllabische Chinesisch mit einer durchdeklinierten indoeuropäischen Sprache. Die für die Übersetzerin Beate Thill wegweisende Begegnung mit dem frankofonen Dichter Tchicaya U Tam’si aus der Volksrepublik Kongo wiederum illustriert die interkulturelle Wandlungsdynamik einer europäischen Ausgangssprache. / Martin Zähringer, Neue Zürcher Zeitung

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„Crossing Half of China to Sleep with You“

Eine Performance von Christoph Winkler über Lyrik, Übersetzung und Tanz in Berlin

Die chinesische Lyrikerin Yu Xiuhua wurde mit dem Gedicht „Crossing Half of China to Sleep with You“ über Nacht zum Star. Das Gedicht wurde vielfach ins Englische übersetzt. Diese Texte differieren mitunter nur in wenigen Worten – und doch ändert sich so ihre Bedeutung. Jede Übersetzung beinhaltet ein Scheitern. Für den Choreografen Christoph Winkler und den Performer Naishi Wang ist das der Ausgangspunkt für eine neue Performance:

Beide folgen beim Übertragen der Wörter in Bewegungen, Gesten und Posen einer Subjektivität, die dem Gebrauch der Worte ähnlich ist. So entstehen Kombinationen physischer Symbole und lyrischer Metaphern, die oszillieren, ineinander verschmelzen und sich gegenseitig irritieren. Über den Atem des Tänzers, werden Yu Xiuhuas Worte und Laute eingesogen und finden Resonanz in Körper und Bewegung. Das Scheitern des Übersetzungsvorgangs wiederholt sich bei der Übertragung in die Sprache des Körpers und kreiert eine Atmosphäre der Uneindeutigkeit./ Mehr

Premiere: 22. Februar 2016, 20 Uhr, Vierte Welt| Neues Zentrum Kreuzberg| Galerie 1. OG | Kottbusser Tor| Adalbertstr. 96. 

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Gestorben
  • Am 6. starb Robert Kiepert, Berlins größter Buchhändler. In seiner Buchhandlung habe ich in den 90er Jahren viele Lyrikbände kaufen können. Nachruf: Berliner Zeitung
  • Ebenfalls am 6. die italienische Dichterin Giovanna Vizzari(* 1930)
  • Am 7. starb der französische Dichter Louis-François Delisse (85) und der italienische Schriftsteller Giuseppe Colli (* 1924)
  • Wie erst jetzt bekannt wurde, ist die Schriftstellerin Anne Dorn bereits am 8. Februar im Alter von 91 Jahren in Köln verstorben. Der WDR schreibt: „Dorn ist eine Spätberufene der Literatur. Erst mit 65 Jahren, im Jahr 1991, veröffentlichte sie ihren ersten Roman. Privat hatte sie sich schon viel früher mit dem Schreiben auseinander gesetzt. „Eigentlich hat mich das Leben dazu gezwungen zu schreiben“, so die Autorin. „Mein Leben war so kompliziert geworden, dass ich es mir auf dem Papier ordnen musste. Und da gibt es dann kein Zurück mehr. Das war plötzlich eine Möglichkeit zu atmen.“ Mit 86 veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband. Vgl. Sächsische Zeitung | Lyrikzeitung
  • Am 8. starb der norwegische Schriftsteller und Übersetzer Kjell Heggelund
  • Am 10. starb der ukrainische Schriftsteller Bogdan Nikolajewitsch Bojtschuk in New York im Alter von 89 Jahren
  • Ebenfalls am 10. der polnische Schriftsteller Władysław Janusz Obara
  • Am 11. starb der Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti mit 96 Jahren in Bern. „Kurt Martis erster Mundart-Gedichtband «rosa loui» war 1967 eine Sensation. Das Titelgedicht des Bändchens lautet: «so rosa/ wie du rosa/ bisch/ so rosa/ isch/ kei loui süsch// o rosa loui/ rosa lou/ i wett so rosa/ wär ig ou». Wer in Schweizer Wandergebieten nicht so gut bewandert ist, könnte den Text für ein Liebesgedicht halten. Dabei geht es um einen Flurnamen im Berner Oberland. Der Literaturkritiker Werner Weber schwärmte damals: «Die Röseli- und Gemüsegartenmissverständnisse, die Küsschenschämigkeiten und die Scheiden-tut-weh-Schleichereien: der ganze Trauerwonnezauber, in welchem die Mundart für den Dichter nicht einmal mehr dichtet und denkt, sondern nur noch selbsttätig abschnurrt – es ist überwunden. Der Mann, der es zustande gebracht hat, heisst Kurt Marti.» / Neue Zürcher Zeitung | Süddeutsche Zeitung | Neues Deutschland | Vgl. Lyrikzeitung
  • Am 11. die aus Frankreich stammende algerische Schriftstellerin und Kämpferin Djamila Amrane-Minne (Danielle Minne) / AL Huffington Post
  • Am 12. der in Polen geborene israelische Autor und Journalist Yitzhak Livni (82) (Jerusalem Post)
  • Am 12. der sowjetische und russische Dichter Michail Alexandrowitsch Busygin (85)
  • Am 14. starb der Schweizer Afrikakenner Al Imfeld im Alter von 82 Jahren. Vgl. bluewin.ch | Lyrikzeitung

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Die Shakespeare-Leseecke

geht weiter mit Sonett #25:

LEt those who are in fauor with their stars,

Deutsch von Dorothea Tieck:

Mag jener, den der Sterne Gunst beglückte,

Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen

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 Hausacher LeseLenz Ausschreibung

Die Stadt Hausach und der Hausacher LeseLenz vergeben in Kooperation mit der Neumayer Stiftung und dem Verein zur Förderung des Hausacher LeseLenzes e.V. drei Arbeits- und Aufenthaltsstipendien ohne Gegenleistung.

Zum einen in der Kategorie Kinder- und Jugendbuch, zum anderen ein Stipendium für Lyrik oder Prosa. Ein drittes Stipendium trägt den Namen „Gisela-Scherer-Stipendium des Hausacher LeseLenzes“. Dieses Stipendium soll an Gisela Scherer erinnern, die im Jahr 2010 verstorben ist. Sie war Mitbegründerin des Hausacher LeseLenzes vor 20 Jahren und hatte die Idee der Hausacher Stadtschreiber-Stipendien mitentwickelt. Das Gisela-Scherer Stipendium kann sowohl für Lyrik und Prosa als auch in der Kategorie Kinder- und Jugendbuch vergeben werden.

Die Stipendien werden jeweils für drei Monate zugeteilt und bestehen aus der Bereitstellung einer Wohnung in Hausach und der Zahlung von € 1.500.- pro Monat und Stipendium.

Einsendeschluß: 30.4. Mehr hier

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Neue Zeitschriften
  • poet #21. Gesprächsthema: Literatur und Fortschritt. Peter Bürger stellt Adorno in Frage. Jo Lendle begreift die neue Vielfalt als Chance. Gespräche mit Sascha Macht, Sabine Scholl und Ann Cotten. Jürgen Ploog meint, daß unser Leseverhalten auf dem Stand der Zeit um 1900 stehengeblieben ist. Zehn venezolanische Dichter. Prosa aus Angola. Gedichte von Keith Waldrop, Andra Schwarz, Paul-Henri Campbell, Uwe Hübner und Barbara Maria Kloos. Braun & Buselmeier kommentieren Gedichte von Sonja vom Brocke, Uwe Kolbe, Elke Erb, Friedrich Ani, Carolin Callies und Jürgen Brôcan.
  • Abwärts! #18. Die Zeitung erhöht ab März auf 36 Seiten. Auf den jetzigen 32: 14 Totenscheine für unsterbliche Musiker. Gedichte von Tone Avenstroup, Bert Papenfuß (Aalheimat, mit Gebrauchsanweisung und Fußnoten), Andreas Paul, Andrej Oponenko, Kai Pohl, Jazra Khaleed, Ronald Galenza, Steve Dalachinsky, Robert Mießner, Henryk Gericke. Prosa von Jannis Poptrandov, Asta Oliva Nordenhof. Leonard Cohens Suzanne ins Singdeutsche gebracht.

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Kurz gesagt
  • Wer über Bedeutungslosigkeit klagt, hat jedenfalls von Subkultur nichts verstanden. Subkultur könnte heißen: etwas ist „nichts“ im Ganzen, aber „alles“ im Einzelnen; etwas „taucht nicht auf“ und ist trotzdem da, insistiert. Daniel Falb, Unsichtbar sein und trotzdem da sein? Interview, in: randnummer 3, 2010, S. 72
  • „Ein schöner Tag. Mein zweiundsiebtes Jahr./ Kein Lüftchen weht. Wie war es, als ich glücklich war.“ Volker Braun am 7.5.11. Aus: Volker Braun: Handbibliothek der Unbehausten. Neue Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2016.  109 Seiten, 20,00 EUR. ISBN-13: 9783518425435 / Besprechung
  • University Days (one-line poem by Tom Raworth): this poem has been removed for further study

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Kurz berichtet
  • Die Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse hat am Donnerstag die nominierten Autoren bekanntgegeben. In der Kategorie Belletristik konkurrieren Brigitte Kronauer, Anne Weber, Natascha Wodin, Lukas Bärfuss und Steffen Popp um den mit insgesamt 60.000 Euro dotierten Literaturpreis. Dass unter den nominierten Titeln mit „118 Gedichte“ von Steffen Popp auch ein Gedichtband vertreten ist, sei richtig und nachvollziehbar. So spiegele die Jury die weite und facettenreiche Literaturlandschaft wider. / mehr
  • Vor 40 Jahren hat in Heidelberg alles angefangen. Der Literaturwissenschaftler und Lyriker Michael Speier stellte den ersten „Park“ vor. Der umgrenzte und zugleich gestaltete Raum stand für Gedichte, deren Autoren noch Stefan George gelesen hatten und die französische Dichtung schätzten. 40 Jahre später liegen 69 Hefte von jeweils rund 100 Seiten vor, die einen Querschnitt geben über das, was in dieser Zeit künstlerisch mit Sprache gemacht wurde. Mehr als 300 Autoren finden sich dort mit Erstveröffentlichungen … Mehr
  • Gegen den alltäglichen Twitter-Nonsens helfen nur Gedichte, und auch Gespräche über Bäume sind in politisch ernsten Zeiten umso dringender erwünscht: „Baum, hast im Wald nix verloren, / stehst, Baum, am schönsten allein! / Bist Baum, in Freiheit geboren; / nicht im Wald, sondern solo sollst sein!“, fordert F. W. Bernstein, Gründungsmitglied der Neuen Frankfurter Schule, einer der folgenreichsten Literatur-Gruppenbildungen Deutschlands. / Richard Kämmerlings, Die Welt
  • Der niederländische Lyriker Willem Tjebbe Oostenbrink und der ostfriesische Autor Wilko Lücht sind die Gewinner des Emder Preises für plattdeutsche Literatur / Mehr
  • Künstlern empfiehlt Nachtigäller in einem Blogbeitrag, aus der VG Bildkunst auszutreten, falls ihnen an ihrer Sichtbarkeit gelegen ist. Mehr
  • Die israelische Notenbank gab eine neue Serie von Geldscheinen heraus, auf der Dichter dargestellt sind. Nathan Alterman auf der neuen 200-Schekel-Note (etwa $50) und Shaul Tchernichovsky auf der 50-Schekel-Note. Rachel Bluwstein, bekannt als „Dichterin Rachel“, auf der 20-Schekel-Note und Leah Goldberg, eine Dichterin und Kinderbuchautorin, auf der 100-Schekel-Note. / Jewish Standard
  • Die amerikanische Allroundkünstlerin Patti Smith (Rockmusik, Lyrik, Malerei, Fotografie) erhielt am Mittwoch im Pariser Hôtel de Lauzun, quai d’Anjou (IVe), in dem einst Baudelaire und Rimbaud verkehrten, die Vermeil-Medaille der Stadt Paris. / Le Parisien
  • Im schottischen Edinburgh berieten Experten aller medizinischen Schulen Schottlands darüber, wie die Poesie von Robert Burns und andere Kunstwerke  unterstützend im Medizinstudium und der ärztlichen Praxis eingesetzt werden können. / Scotsman
  • Der libanesische Dichter Akl Awit erhält den Prix Nikos Gatsos für sein Buch «L’échappée», L’Orient des Livres, aus dem Arabischen übersetzt von Antoine Roumanos. / L’Orient, Le Jour

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Lyrikkalender

Am 19. ist Brancusitag in Rumänien, am 20. Welttag der Sozialen Gerechtigkeit (UNO). Am 20. Februar 1909 wurde das Futuristische Manifest in der Zeitung Le Figaro veröffentlicht. Am 20. Februar 1933 traf sich Hitler heimlich mit deutschen Industriellen zur Finanzierung seines Wahlkampfs für die letzte Reichstagswahl, zu der andere Parteien als die NSDAP zugelassen war. 21. ist Internationaler Tag der Muttersprache (UNO) und in der evangelischen Kirche Gedenktag für den „Apostel der Lappen“ Lars Levi Læstadius. Am 21. Februar 1989 wird Václav Havel wegen „Rowdytums“ zu neun Monaten verschärfter Haft verurteilt. Noch im selben Jahr wurde er Staatspräsident seines Landes, so schnell geht es manchmal.

Geburtstage haben: am 18. 1867: Hedwig Courths-Mahler, 1898: Luis Muñoz Marín (puertorikanischer Dichter), 1925: Jack Gilbert, amerikanischer Dichter, 1926: A. R. Ammons, 1931: Toni Morrison, 1933: Yoko Ono, 1934: Audre Lorde, 1938: Elke Erb,   am 19. 1473: Nikolaus Kopernikus, 1747: Heinrich Leopold Wagner, 1812: Zygmunt Krasiński, polnischer romantischer Dichter, 1826: Claus Pavels Riis, norwegischer Dichter, 1869: Howhannes Tumanjan, armenischer Dichter, 1881: Paul Zech, deutscher Dichter, 1888: José Eustasio Rivera, kolumbianischer Dichter, 1896: André Breton, 1917: Margarete Neumann, 100. Geburtstag der DDR-Schriftstellerin, Mutter von Gert Neumann, 1920: Jaan Kross, estnischer Schriftsteller, 1936: Frederick Seidel, amerikanischer Dichter, am 20. 1751: Johann Heinrich Voß, deutscher Dichter und Übersetzer, 1894: Curt Corrinth, deutscher Schriftsteller, 1909: Heinz Erhardt, 1967: Kurt Cobain, 50. Geburtstag, am 21. 1837: Rosalía de Castro, spanische Dichterin, die außer Spanisch auch Galizisch schrieb und eine Wegbereiterin der Moderne wurde, 1846: Svatopluk Čech, tschechischer Dichter, 1871: Paul Cassirer, deutscher Verleger (Else Lasker-Schüler, Walter Hasenclever, Kasimir Edschmid, René Schickele, Wolfgang Koeppen) und Galerist, 1895: Erich Knauf, Journalist, Schriftsteller und Liedtexter („Mit Musik geht alles besser“), von den Nazis hingerichtet, 1903: Anaïs Nin, 1903: Raymond Queneau, 1907: W. H. Auden, 1920: Ishigaki Rin, japanische Dichterin, 1926: Karl Otto Conrady, deutscher Literaturwissenschaftler, Gedichtanthologie „Der Conrady“, 1944: Ingomar von Kieseritzky, 1955: Gerhard Gundermann, Liedermacher, am 22. 1788: Arthur Schopenhauer, 1819: James Russell Lowell, US-amerikanischer Lyriker, Essayist und Diplomat, 1886: Hugo Ball, Dada-Mitbegründer, Pionier des Lautgedichts, 1892: Edna St. Vincent Millay, 1914: Karl Otto Götz, (K. O. Götz,) Maler des Informel, surrealistischer Lyriker, 1925: Gerald Stern,  am 23. 1899: Erich Kästner, 1899: Elisabeth Langgässer, 1942: Fernanda Seno, portugiesische Dichterin, 1945: Robert Gray, australischer Dichter, 1952: Knud Wollenberger, deutschsprachiger Lyriker dänischer Nationalität, am 24. 1304: Ibn Battuta, marokkanischer Gelehrter und Reisender, am 24. (14. alten Stls) 1621: Sibylla Schwarz (396. Geburtstag), 1786: Wilhelm Grimm, Sprachwissenschaftler, 1837: Rosalía de Castro, spanische, galizische Autorin, 1895: Wsewolod Wjatscheslawowitsch Iwanow, russischer Schriftsteller, Mitgründer der Serapionsbrüder, 1885: Stanisław Ignacy Witkiewicz, polnischer Schriftsteller, 1902: Richard Alewyn, deutscher Germanist, 1909: Abu al-Qasim asch-Schabbi, tunesischer Dichter, 1935: Ryhor Baradulin, weißrussischer Dichter

Todestage: am 18. 814: Angilbert, fränkischer Hofkaplan, Diplomat und Dichter am Hof Karls des Großen, Spitzname Homer, 1294: Kublai Khan, bekannt durch ein berühmtes Gedicht von Coleridge, 1405: Timur Lang (Tamerlan), mongolischer Herrscher, berühmt durch Mickels Gedicht „Der See“, 1546: Martin Luther, der Mönch, Reformator, Übersetzer, Antisemit war auch ein großer Dichter, 1564: Michelangelo, 1780: Kristijonas Donelaitis,  litauischer Dichter, schrieb auch auf Deutsch, 1803: Johann Wilhelm Ludwig Gleim, 1807: Sophie von La Roche, 1854: Thomas Abbott, englischer Dichter, 1939: Jakub Lorenc-Zalěski (Lorenc „hinter dem Walde“), bedeutender sorbischer Dichter und Publizist, Großvater von Kito Lorenc, 2001: Hermann Adler, deutschjüdischer Schriftsteller und Publizist, 2013: Otfried Preußler, am 19. 1837 (vor 180 Jahren): Georg Büchner, 1887: Multatuli, niederländischer Schriftsteller, 1952: Knut Hamsun,  1988: René Char, 2016: Umberto Eco, am 20. 2003: Maurice Blanchotam 21. 1721: Christoph Heinrich Amthor, deutscher Lyriker, von Telemann vertont, 1841: Dorothea Tieck, Shakespeare-Übersetzerin, 1862: Justinus Kerner, 1918: Hedwig Lachmann, Lyrikerin und Übersetzerin (ungarische Lyrik, Edgar Allen Poe), 1980: Alfred Andersch, 2006: Gennadi Ajgi, tschuwaschischer Lyriker, am 22. 1671: Adam Olearius, 1913: Ferdinand de Saussure, Schweizer Sprachwissenschaftler, 1939: Antonio Machado, spanischer Lyriker, 1943: Hans und Sophie Scholl, 1945: Ossip Brik, 1985: Salvador Espriu,  2006: Hilde Domin am 23. 1653: Georg Rodolf Weckherlin, 1821: John Keats, 1904: Friederike Kempner, schlesischer Schwan (Textkette), 1984: Uwe Johnson, 1955: Paul Claudel, am 24. 1799: Georg Christoph Lichtenberg1836: Dániel Berzsenyi, ungarischer Dichter, 1940: Ludwig Kessing, Bergmann, Arbeiterdichter, 1941: Oskar Loerke, 1975: Hans Bellmer, deutscher Künstler

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Rückblende: Februar 2002

Thomas Kling lebt, schreibt über 9/11 und zitiert Petrarca von 1352 : „Ich will, dass mein Leser, wer es auch sei, nur an eines denkt: an mich, nicht an die Verheiratung seiner Tochter, nicht an die Nacht bei der Freundin, nicht an die Intrigen seiner Feinde, nicht an Bürgschaften, nicht an sein Haus oder Feld oder an seine Geldkasse, und dass er, zumindest solange er mich liest, bei mir ist. Wenn er mit Geschäften überbürdet ist, soll er das Lesen aufschieben, sobald er sich aber anschickt zu lesen – da soll er die Last der Geschäfte und die Sorge um seine Privatangelegenheiten von sich werfen und seinen Sinn auf das richten, was er vor Augen hat. Wenn ihm diese Bedingung nicht passt, soll er von diesen unnützen Schriften fernbleiben.“ – Es ist höchste Zeit, Okopenko herauszuholen aus der österreichischen Enge. Er verdient ein größeres Publikum, das allmählich findet, dass Robert Gernhardt zwar ein passabler Kasperl ist, aber keine große Literatur schreibt, sagen die Ösis. Überhaupt, die österreichische Literatur ist keine Unterabteilung
der deutschen. Borchardt beim Duce, Literaturvereinswesen, Zoff um Anne Carson.

Dies und mehr hier.

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Zum Schluß Hansjürgen Bulkowskis Poetopie

wir – Billardkugeln, die knallend aneinanderstoßen, die Stöße lautlos weitergeben

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„Plappernde Plauderlyrik“

Nachüberlegungen zum NZZ-Essay „Sie schreiben, wie sie talken“ (2017-02-02) und zur anschliessenden Debatte in der Presse und im Internet

Dass man meine nüchternen Beobachtungen und Überlegungen zur sprachlichen Verfassung der Gegenwartsliteratur für „polemisch“ halten kann, bleibt mir ebenso unbegreiflich wie deren Einschätzung als Plädoyer für das „Erhabene“.
Aus den zahlreichen Feedbacks auf den kleinen stilkritischen Essay in der NZZ – insgesamt ein Dutzend privat, drei via die Redaktion, weitere im Internet – kann ich, egal ob lobend oder kritisch reagiert wird, kaum Gewinn ziehen.
Auffallend sind vorab Missverständnisse und Vorurteile. Missverstanden wird fast durchweg der von mir verwendete Stilbegriff. Es geht mir keineswegs darum, guten und schlechten Stil in Widerstreit zu bringen – alle Stillagen haben ihre Berechtigung, und ich halte ja explizit fest, dass es mir nicht um deren hierarchische Bewertung geht, vielmehr um deren Koexistenz.
Ich wende mich freilich gegen die Vermengung aller möglichen Silformen zu einem General- oder Zeitstil, der individuelle Stilbildungen zunehmend verdrängt. Stets sind es Personalstile gewesen, die die Literatur als Kunst vorangebracht haben, Epochenstile waren und bleiben in ihrer Konventionalität befangen.
Stillosigkeit bezeichnet bei mir mithin einen Mangel an individueller stilistischer Ausprägung, und nicht einen grundsätzlich „schlechten“ Stil:
Stillos, in meinem Verständnis, kann auch ein noch so brillant praktizierter Zeitstil sein, und umgekehrt ist es, wie bei Handke oder Strauss, durchaus gängig, dass ein unverkennbarer, „starker“, „schwieriger“ Personalstil reichlich ungeschlacht daherkommt – nicht durch Anpassung an die defizitäre Alltagssprache, sondern in Durchsetzung der eigenen sprachlichen Unverkennbarkeit.
Dass im Übrigen weithin auch die Handschrift als individuelle sprachliche Äusserung in Verfall gekommen ist, mag als zusätzliches Argument für meine These gelten:
Die übliche Schreibbewegung ist heute der Tasten- oder Sensordruck, allenfalls das Wegwischen, derweil die meisten Zeitgenossen (Autoren, Autorinnen nicht ausgenommen) kaum mehr in der Lage sind, mit der Hand einen zusammenhängenden, unverkennbar persönlichen Schriftzug zu entfalten, ganz zu schweigen von persönlichen handschriftlichen Briefen, die neuerdings bloss noch als Kuriositäten durchgehen.
Meine Sorge gilt allgemein dem Schwinden individueller Freiheits- und Ausdrucksambitionen – jedes noch so ausgefallene Verhalten oder Gestalten wird sogleich zum Trend, die einzelne, verifizierbare und belangbare Person verliert sich im Dunst des aktuellen, bunt und doch bloss dumpf brodelnden Zeitgeists.
Eigentlich sollte man doch den herben Verlust beziehungsweise die bewusste Vernachlässigung individueller, eben auch sprachlicher, literarischer Qualitäten bedauern dürfen, ohne deswegen den „grauen Häuptern“ zugeordnet zu werden.

Nachbemerkung: Fortschritt ist, zumindest in kulturellen Dingen, einzig noch durch Rückschritte zu verwirklichen. Autoren wie Camus, Char, Hemingway, Beckett, Nabokov, sogar Solshenizyn haben – vor einem halben Jahrhundert – bei all ihrer Unterschiedlichkeit einen jeweils individuellen Stil entwickelt, der sich auf jeder Seite, in jeder Strophe ihres Werks unverkennbar manifestiert. Dennoch, nein, eben deswegen fanden sie bei der Kritik wie auch beim breiten Publikum damals ein Interesse, von dem kaum etwas übriggeblieben ist.

Felix Philipp Ingold
2017-02-10

Leseecke 25

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 22-28 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

25

LEt those who are in fauor with their stars,
Of publike honour and proud titles bost,
Whilst I whome fortune of such tryumph bars
Vnlookt for ioy in that I honour most;
Great Princes fauorites their faire leaues spread,
But as the Marygold at the suns eye,
And in them-selues their pride lies buried,
For at a frowne they in their glory die.
The painefull warrier famosed for worth,
After a thousand victories once foild,
Is from the booke of honour rased quite,
And all the rest forgot for which he toild:
  Then happy I that loue and am beloued
  Where I may not remoue, nor be remoued.

Einige Anmerkungen zum Text:

  • who are in fauor with their stars denen die Sterne günstig stehen
  • 2 bost boast
  • 3 of from
  • 4 Vnlookt for ignoriert, unbeachtet ioy joy (verb!) „erfreue mich an dem was ich am meisten verehre“, also meiner Liebe that what
  • 6 but nur Marygold Ringelblume (öffnet sich bei Sonnenschein)
  • 7 pride a) das, worauf einer stolz ist b) Pracht (beides mit mißbilligendem Unterton) buried lies dreisilbig buri-èd, Reim auf spread. Die ganze Zeile hat 2 Bedeutungen a) wenn sich selbst überlassen, ist ihr Ruhm in ihnen verschlossen (wie die Blüte der Ringelblume im Schatten) b) ihr Eigendünkel, nur in ihnen selbst ruhend, stirbt mit ihnen ab
  • 8 frowne a) wenn die Sonne zu scheinen aufhört b) wenn ihr Herr seine Gunst entzieht
  • painefull warrier sich abmühender Krieger, vielleicht auch: schmerzerfüllter famosed lies dreisilbig famosèd worth vermutlich Druckfehler (Reim fehlt). Malone vermutet: fight. Manche halten die Alliteration (famosed for fight) für zu harsch. Capell liest might.
  • 10 foild überwunden
  • 11 rased (razèd) getilgt
  • 12 toild sich abmühte
  • 13/14 beloued / remoued in Shakespeares Englisch vollständige Reime

 

Deutsche Fassung von Dorothea Tieck:

Mag jener, den der Sterne Gunst beglückte, 
In öffentlichen Würden stolz sich blähn, 
Ich, den Fortuna nicht so glänzend schmückte, 
Genieße meiner Ehren ungesehn.
Ein Fürstengünstling spreizt der Blätter Kranz, 
So wie die Primel in dem Licht der Sonne; 
Doch nur in ihm begraben liegt sein Glanz: 
Ein Zürnen, und er stirbt in seiner Wonne.
Der Thatendurst'ge Held, an Ehre reich, 
Nach tausend Siegen, einmal überwunden, 
Wird aus dem Buch des Ruhm's verlöschet gleich, 
Vergessen sind die Müh'n, die Todeswunden.
  Wohl mir! ich gab und fand der Liebe Freuden. 
  Wo ich nie scheide, nichts mich zwingt zu scheiden.

Quellen

  • Q = Shake-speares Sonnets. Never before imprinted (1609) (Quelle der Originaltexte)
  • B = Benson, Poems: Written by Wil. Sh. (1640)
  • Burrow = W. Shakespeare: The Complete Sonnets and Poems. Ed. Colin Burrow (Oxford World’s Classics), Oxford University Press, 2002
  • B/H = Shakespeare, The Sonnets. Hrsg. Raimund Borgmeier, Michael Hanke. Stuttgart: Reclam, 2006
  • Borgmeier = Shakespeare: The Sonnets. Die Sonette. Engl. u. in ausgewählten deutschen Versübersetzungen. Hrsg. Raimund Borgmeier. Stuttgart: Reclam, 1974

Ex Libris: Hadayatullah Hübsch (1)

Im Regal unter „H“ stehen 6 Titel von Hadayatullah Hübsch, es ist überfüllt, aber an Hübsch liegt es nicht. Gerade mal einen halben Zentimeter brauchen die 6 Titel. Es gibt noch an anderen Stellen Verschiedenes: so die von ihm herausgegebene Anthologie „social beat D“, Edition Druckhaus 1995. Irgendwo muß es auch einen Gedichtband geben, momentan nicht auffindbar wie etliche weitere von den dünnen Heften und Faltblättchen.
Ich bin Hadayatullah Hübsch fast zweimal begegnet. Einmal waren wir in Leipzig auf der Messe, mit der Zeitschrift „Wiecker Bote“, die ich ein paar Jahre lang mit herausgab. Angelika Janz las aus ihrem „im Verlag des Wiecker Boten“ erschienenen Buch „orten vernähte alphabetien“ (2002). Neben mir saß ein bärtiger Herr. Nach der Lesung kamen zwei Bärte ins Gespräch. Zuerst über die Lesung bzw. die Vortragsweise. Er hatte Vorschläge. Ich weiß nicht mehr, worüber wir sonst sprachen, kurz vor Schluß fragte er mich, ob ich nicht mal einen Aufsatz über ihn schreiben wolle.

Im nächsten Jahr an gleicher Stelle kam ich beim Stand des Verlags Der Islam vorbei. Nach meiner Gewohnheit sichtete ich den Drehständer mit Flyern und Heftchen, und da ich als Laufkunde auf der Suche nach Prospekten nicht aufdringlich erscheinen wollte, sah ich den Herrn dahinter nur aus dem Augenwinkel an. Er trug einen dunklen Bart und mir schien, er hätte mich fragend, fast forschend angesehen, ich erwiderte den Blick nicht, steckte meine schmale Beute ein und ging. Zehn Meter weiter im Gedränge des Messehallengangs fiel mir ein: Mensch, das war Hübsch! Meine Ignoranz tat mir leid, aber ich kehrte nicht um. Man trifft sich immer zweimal im Leben, aber nicht immer ein drittes Mal. Ein paar Jahre später die Nachricht von seinem Tod.

Eins der Hefte in meinem Regal trägt den Titel „Mein Weg zum islam“. Es hat eine ISBN, aber keinen Preis und keine Jahreszahl. Es war noch zur D-Mark-Zeit. 22 Seiten in recht großer Schrift. Der Autor erzählt sein Leben von der Geburt in Chemnitz 1946, der Flucht vor den Russen, der Schulzeit und Jugend zwischen Rockmusik, rebellischer Dichtung und linker Politik. Haschisch und LSD tauchen auf und werden alltägliche Praxis. Er versucht eine Kommune zu gründen, aber als er merkt, „daß die Leute, mit denen ich in einem Haus zusammenlebte, mich als Führer haben wollten, während ich davon träumte, als gleicher unter gleichen zu leben“, geht er eines Tages grußlos weg. Er kommt zur Mutter der Kommunen, der Kommune I in Berlin. „Ich wurde dort auch aufgenommen und führte bald das Rauchen von Haschisch ein.“ Beim Jahreswechsel 1968/69 nimmt er eine Überdosis und erlebt schlimme 8 Tage und Nächte, er landet im Irrenhaus. Der Anwalt eines großen Verlages, bei dem von ihm, dem einst Günter Grass eine große Zukunft als Lyriker prophezeit hatte, 1969 ein erster Gedichtband erscheinen sollte, boxt ihn nach 14 Tagen raus. Er geht nach Frankfurt zurück, verkauft Drogen und beschäftigt sich mit Zen-Buddhismus. Mehrere Aufenthalte in der Irrenanstalt. Er reist nach Marokko, wo ihm amerikanische Hippies Haschisch anbieten. Es wird immer schlimmer. Eines Tages auf einer Autofahrt durch Marokko, auf dem absoluten Tiefpunkt „ein Wunder“. „Eine unsichtbare Kraft hielt mich fest. Ich stand wie verwurzelt, schaute in den Himmel, und aus meiner Brust kam das Gebet: ‚O Allah, bitte reinige mich!‘ “

Er kannte den Islam nicht, nur Zen und Christentum. Aber er betete zu Allah, für ihn eine Art Offenbarung.

Noch nicht die Heilung. Schlimme Zeiten folgen. Gefängnis und Irrenhaus in Spanien. Dann in Frankfurt ein zweites Wunder. Beim Hören pakistanischer Musik im Haus der Mutter erscheint aus dem Wort OM, im Hinduismus ein Wort für Gott, ein weißer Blitz – direkt zu der Stelle im Regal, wo der Koran steht. „Ich hatte nur wenige Zeilen gelesen, als mir plötzlich ganz klar wurde, daß hier Gott zu mir sprach.“ Er sagt der Mutter, er sei Muslim geworden – sie hält ihn für verrückt. Er findet eine Moschee, man nimmt ihn auf und hilft ihm. Noch ist er sehr krank. Er träumt vom Teufel, erschrickt über die vielen Sünden, die er begangen hat, und beschließt, auf die Pilgerreise nach Mekka zu gehen. In Spanien nimmt er eine Fähre nach Marokko, aber man läßt ihn nicht herein. In Spanien folgt Gefängnis, Krankenhaus, wieder Gefängnis, ein Prozeß. Schließlich in Frankfurt bringt ein drittes Wunder den Durchbruch. Zwei dicke weiße Strahlen, „wie Laser-Strahlen“, aus den Augen des 3. Khalifen der Ahmadiyya-Muslim-Jamaat, der gerade in Frankfurt weilt, direkt in seine Augen. Die weiße Farbe der Strahlen bedeutet, wie er später erfährt, daß die Person, von der sie ausgingen, erleuchtet ist.

Das dritte Wunder ist der Durchbruch und die Heilung.

Lesen Sie in der nächsten Ausgabe der Lyrikzeitung das Gedächtnisprotokoll eines Gesprächs, daß ich postum mit Hadayatullah Hübsch führte.

Tom Raworth (1938-2017)

With Tom Raworth’s death, the world of poetry, and of human intelligence in general, has become lesser. I am not alone in thinking him the finest British poet of his lifetime. For over five decades Tom’s work was a blazing light across the often murky path of British poetry. He was a friend to so many, gregarious and kind, in his person as well as his work on the page. He was a mentor to even more, including myself and many of a new generation of contemporary poets, who will see his legacy as a link between a positively historical period of invention and the maelstrom of our present time. Along with his work, he will also pass on a profound inheritance to those who knew him – while being deeply intellectual as a man, as subtle and complex as his poetry, he was utterly unpretentious, humble, admirably without patience for fools and hypocrites, and viewed common human decency as more important than anything else, including poetry.

Tom led an incredible life, publishing over 40 books, with his first The Relation Shipemerging in 1966. He spearheaded the British Poetry Revival with his unforgettable readings as well as his work with Goliard Press, which published Charles Olson’s first collection in the UK, amongst other now greats. He made a collectively vital impression on the new poetry of both Britain and America in the 60s. But this doesn’t really capture it. / S.J. Fowler, 3:AM Magazine

Raworth has spent his career being unapologetically radical in his politics, unapologetically hilarious in his manner, and unapologetically complex in his poetics. He has been a particularly transatlantic writer, living in the US for several years in the seventies, and publishing, with Goliard, Charles Olson’s first writing to appear in the UK. He’s particularly beloved for the spicy collages in his annual Christmas cards, which poets all over the world await gleefully every December.
His poetry is, maybe above all, provocative, upending readers’ expectations about how a text should operate, and inviting a level of interpretive participation that pushes the poet, the text, and the audience toward equality as co-partners in making it. Writers have characterized his work by its “laconic egolessness” (Geoff Ward); its speed, “half-emotional, like someone laughing at his own joke while he is telling it” (Fanny Howe); its “tragedian’s sense of the comic as one of life’s fated inevitabilities” (Lyn Hejinian). / Poetry Foundation

TelegraphPoetry Foundation | Wunderhorn

L&Poe Rückblende: Februar 2002

Trakl-Preis an Andreas Okopenko

Es sah einmal so aus, als schriebe Andreas Okopenko seine Lyrik für eine kleine Minderheit. Als 1980 im Verlag Jugend & Volk Okopenkos Gesammelte Lyrik erschien, war das ein Unterfangen, das erhebliche Widerstände überwinden musste. Nie hatte sich Okopenko in den Vordergrund gedrängt, nie war er der Mann für die großen Auftritte. Er hatte einen guten Ruf, aber für die erste Liga schien ihn niemand vorgesehen zu haben. …
Es ist höchste Zeit, Okopenko herauszuholen aus der österreichischen Enge. Er verdient ein größeres Publikum, das allmählich findet, dass Robert Gernhardt zwar ein passabler Kasperl ist, aber keine große Literatur schreibt. Bei Okopenko findet der Leser Gedichte, die aus der Laune des Augenblicks geboren sind, und dem Kleinen, Unscheinbaren, Nebensächlichen Tiefe und Sinn verleihen. Der Lyriker spricht vom Fluidum, wenn er erklärt, was es mit jenen Momenten auf sich hat, die kurzfristig das Glück unverhoffter Schönheit feiern. Ihnen sucht er Dauer zu verschaffen: „Eine Straße im Grün / in das du trittst / und da schimmert es: / das sind Schienen.“ …

Am Montag wurde dem 1930 im slowakischen Kaschau / Kosice geborenen Andreas Okopenko in Salzburg der Georg-Trakl-Preis, eine der wichtigsten Lyrik-Auszeichnungen im deutschen Raum, überreicht. … Den Trakl-Förderungspreis für Lyriker unter 40 Jahren erhielt Martin Tockner, Jahrgang 1966. Tockner stammt aus dem Salzburger Land und ist bislang noch nicht literarisch hervorgetreten. / Anton Thuswaldner FR 6.2.02

Haiku on the euro

Die Briten waren noch „drin“, aber nicht im Euro. Sie probierens erst mal in der Poesie, schrieb ich als Kommentar zu einem britischen  Wettbewerb zum Thema (Preise übrigens in Euro!). Hier ein Beispiel:

Finally it’s here
Now used in all of Europe
‚Cept England of course.

Ganz viel Kling und kein Ende auch im Februar

Vier Beispiele.

In der NZZ-Reihe Kleines Glossar des Verschwindens schrieb Thomas Kling über die Totenrede. / NZZ 2.2.02

Manhattan Mundraum II

Vier Monate nach den Ereignissen [also 9/11], da die publizistische Hysterie längst wieder abgeflaut ist, veröffentlicht nun die österreichische Literaturzeitschrift „manuskripte“ (Nr. 154) in ihrer aktuellen Ausgabe ein Gedicht des Lyrikers Thomas Kling, das unmittelbar unter dem Eindruck der terroristischen Attentate entstanden ist, gleichwohl für die ästhetische Verarbeitung des Schocks eine gültige Form gefunden hat. Das Gedicht vermeidet den Fehler der meisten Texte, die mit großem Meinungsgefuchtel und Betroffenheitsbekundungen den „Schock“ vermeldeten, dass „nichts mehr so sei wie zuvor“. „Manhattan Mundraum zwei“ darf dagegen als erstes Gedicht zum 11. September gelten, das über die Bekundung unsagbaren Entsetzens hinausgelangt. Das Gedicht schreibt das phänomenale Großstadtpoem „Manhattan Mundraum“ fort, das Klings preisgekrönten Gedichtband „morsch“ (1996) eröffnete. Anstatt sich in larmoyanten Spekulationen zu ergehen, sucht Kling die Nähe zu den Verfahrensweisen des Dichters Paul Celan. Er arbeitet mit Techniken der extremen Engführung, verkürzt den Stoff auf wenige Schlüsselchiffren, die in ihrer Rätselstruktur unterschiedliche Deutungen zulassen. Die Ereignisse des 11. September werden im Text selbst nicht explizit; sie sind zurückgenommen in suggestive Chiffren: das „loopende auge“, der „algorithmen-wind“, die „lichtsure“, das „totnmehl“. Mitunter glaubt man Anspielungen auf Augenzeugenberichte zur Katastrophe zu vernehmen, nebst einem deutlichen Hinweis auf Celans „Todesfuge“, etwa im Begriff der „Luftsiedler“, denen bei Celan „ein Grab in der Luft“ geschaufelt wurde. / Michael Braun, Rheinpfalz Online 12.2.02

Thomas Kling über Petrarca

…er verlangt seinen Briefpartnern (Gelehrten, Dichtern, Adeligen) oft genug das Äußerste an Geduld ab. Typisch in der keine Widerrede duldenden Entschiedenheit ist diese Stelle, aus einem in Vaucluse verfassten Schreiben an den Florentiner Theologen Francesco Nelli vom August 1352 : „Ich will, dass mein Leser, wer es auch sei, nur an eines denkt: an mich, nicht an die Verheiratung seiner Tochter, nicht an die Nacht bei der Freundin, nicht an die Intrigen seiner Feinde, nicht an Bürgschaften, nicht an sein Haus oder Feld oder an seine Geldkasse, und dass er, zumindest solange er mich liest, bei mir ist. Wenn er mit Geschäften überbürdet ist, soll er das Lesen aufschieben, sobald er sich aber anschickt zu lesen – da soll er die Last der Geschäfte und die Sorge um seine Privatangelegenheiten von sich werfen und seinen Sinn auf das richten, was er vor Augen hat. Wenn ihm diese Bedingung nicht passt, soll er von diesen unnützen Schriften fernbleiben.“ / Süddeutsche 4.2.02

Sprachspeicher

Am Anfang war der Zauberspruch: „Eiris sazun idisi,…..sazun hera duoder,/ suma hapt heptidun, …..suma heri lezidun,/ suma clubodun….. umbi cuoniowidi:/ insprinc haptbandun, …..invar vigandun.“ …: „Einst sassen frauen …..sassen frauen hier und dort. / Einige hefteten stricke…..einige hinderten’s heer, / einige fingerten …..an fesseln: / entspringt den haftbanden! …..entkomm den feinden!“
Ob der aus dem Frühmittelalter stammende Zauber bei Thomas Kling gewirkt hat, muss offen bleiben, aber zumindest hat er ihn übersetzt und in seinen „Sprachspeicher“ aufgenommen, der die Ergebnisse seiner Reise durch Vergangenheit und Gegenwart der deutschen Lyrik zusammenfasst. In dem 360 Seiten starken Buch geht es dem auf Hombroich lebenden Lyriker nicht um die eigenen Gedichte, sondern darum, „zu zeigen, was die deutsche Sprache dichterisch zu bieten hat“. / Neuß-Grevenbroicher Zeitung 14.2.02

Österreichische Literatur ist keine Unterabteilung

der deutschen Literatur. Dazu gehören auch slowenische Autoren wie diese zwei, die sich selbstbewusst auf einen eigenständigen Weg begeben. ath / schreiben die Salzburger Nachrichten über eine Lesung der Kärntner Slowenen Maja Haderlap und Fabjan Hafner (2.2.02)

Borchardt im Dienste Dantes

Zwanzig Jahre hatte er an einer deutschen Version der «Divina Comedia» (immer unterschied er an der ungewohnten, aber historisch korrekten Schreibung des Wortes mit einem m den Kundigen vom Ahnungslosen) gearbeitet, mit der er nicht etwa Dante ins Deutsche hatte übersetzen, sondern die literarhistorische und sprachgeschichtliche Lücke hatte heilen wollen, die das Fehlen eines deutschen Dante im ausgehenden Mittelalter hinterlassen hatte.

So klang sein Dante, wie er hätte klingen können, wenn es einen solchen um 1300 denn gegeben hätte. Das Resultat seiner so stupenden wie vergeblichen Arbeit ist ein Werk in einem fiktiven Oberdeutsch, das er in einer eher peinlichen Audienz sogar dem Duce überreichen durfte. Bis 1943 lebte er einigermassen unbehelligt in Italien, seit 1943 aber, als die Macht de facto ganz an die Deutschen überging, war Borchardt wegen seiner jüdischen Vorfahren gefährdet. / Hans-Albrecht Koch, NZZ 5.2.02

In der „Welt“ plädiert Bernd Wagner für Skepsis

gegen literarisches Vereinswesen,

indem er auch an seine DDR-Lehrjahre erinnert:

Was habe ich nicht für Wege zurückgelegt, um Gespräche führen zu können, die über das stets etwas Konspirative des kleinen Kreises hinausgingen. Verbände und Vereine sind die Erben der Salons in der Massengesellschaft. Der erste, den ich kennen lernte, war der „Kreis junger Autoren“, der Anfang der siebziger Jahre in einem Hinterzimmer des „Hotel Newa“ in der Invalidenstraße tagte, deren Namen eines gewissen Symbolgehaltes nicht entbehrte, denn die jungen Autoren waren zwischen 50 und 70 und ihre Ansichten so verstaubt wie das Mobiliar des Hotels. Das Elend nahm ein Ende, als Sarah Kirsch als meine Mentorin dafür sorgte, dass ich an der Schlacht zwischen staatstreuen und kritischen Autoren im „Schriftstellerverband der DDR“ teilnehmen konnte. Doch kaum war ich in dem Verband drin, war sie draußen, und die freigewordene Mentorenstelle nahm Paul Wiens ein, der seine Zeit als Lyriker hinter sich, aber, wie ich inzwischen weiß, als „Offizier im besonderen Einsatz“ des MfS stets ein offenes Ohr für mich hatte. / Die Welt 2.2.02

Preis-Zoff in Großbritannen (und Kanada)

Neither rhyme nor reason

sagt der Kritiker Robert Potts zur Gewinnerin des Eliotpreises, der Kanadierin Anne Carson (“ a poetic injustice „, nach seiner Meinung). Er hat den furchtbaren Verdacht, daß die Autorin aus purem Unvermögen auf Metrik verzichtet – auf alles andere offenbar sowieso. Dabei hätte es einen über die Maßen würdigen Preisträger gegeben,
Speech! Speech! by Geoffrey Hill (Penguin, £9.99), one of the few truly major English poets since 1945 and a writer whose poetic career has been exemplary: a parsimonious release of wholly crafted volumes, each of which has advanced and amplified a sophisticated engagement with large questions of history, philosophy, theology and aesthetics (etc.),
aber die Juroren haben halt versagt bzw. eine Chance verpaßt).
Mehr im Guardian , Saturday January 26, 2002 (Dichter und Kritiker widersprechen Potts)

Auch anderswo fliegen die Fetzen (bzw. die Messer), wie ein Artikel in The Globe and Mail („Canada´s Most Trusted News Source“) vom 2.2. unter dem Titel „Who´s afraid of Anne Carson“ zeigt:

The knives were out even before Carson beat out Nobel Prize-winning poet Seamus Heaney earlier this month for the T. S. Eliot Prize for her latest book, The Beauty of the Husband: a fictional essay in 29 tangos. In a long screed in Books in Canada in July, 2001, Montreal poet David Solway says her „autistic performance“ is „all surface and no body.“
Another Montreal poet, Carmine Starnino , writing in Canadian Notes and Queries, sneered that Carson was „primitive “ and „unaccomplished“ and didn’t deserve to have her writing considered as poetry.

Die Wiederentdeckung eines lange verschollenen Kunstschatzes erregt in England Aufsehen. Eine Sammlung von neunzehn Aquarellen des frühromantischen Dichtermalers William Blake (1757 bis 1827), die dieser 1804 als Illustrationen für eine Neuausgabe des Versessays „The Grave“ des schottischen Geistlichen und Lyrikers Robert Blair (1699 bis 1746) gemalt hat, ist, nachdem sie 165 Jahre lang als vermißt galt, bei einem Kunsthändler in Swindon in der Grafschaft Wiltshire aufgetaucht. / FAZ 5.2.02

Afghanistan ohne Dogma

Die Gazette sprach mit dem afghanischen Schriftsteller Atiq Rahimi:

Unserer kulturellen Vergangenheit bis zum 17., 18. Jahrhundert. Ich liebe diese Literatur, ich verschlinge diese Bücher und bin stark beeinflusst davon. Es gab eine Offenheit, eine Insolenz allem gegenüber, die damaligen Autoren wagten es, von Gott anders zu sprechen, sie interpretierten den Koran und wandten ihn nicht wie eine starre Doktrin an. Der Islam bis zum 17., 18. Jahrhundert beruhte auf buddhistischer und zoroastrischer Basis, er gründete nicht auf der Angst vor Gott, sondern auf der Liebe zu Gott. Es war eine Philosphie, die sich fast schon zu einer humanistischen Philosophie des Menschen hin wandelte, eine vom Sufismus geprägte mystische Philosophie, die gegen die muslimischen Dogmen ankämpfte. Und dann gab es diese wunderbare Dichtung, die von der Frau und vom Wein, sprach; die Liebe des Menschen zu Gott wurde stets mit der Trunkenheit durch den Wein verglichen, ohne die spätere Sakralisierung. Fardusi, Khayyam, Rumi und Nezami , das sind meine Autoren.

Atiq Rahimi, Erde und Asche, Aus dem Persischen von Susanne Baghestani, Claassen-Verlag (www.claassen-verlag.de), München 2002, 112 Seiten, 13 Euro

Master from Deutschland

But which poets happen to translate well is unpredictable. Paul Celan , a German-speaking Romanian Jew, was long thought untranslatable, his deeply hermetic poetry depending on nuance, ambiguity and verbal duplicity. But Celan, who died in 1970, wrote one of the most famous of post-war poems, “Deathfugue”, a haunting incantation about the Holocaust:

black milk of daybreak we drink it at evening
we drink it at midday and morning we drink it at night
we drink and we drink
we shovel a grave in the air where you won’t lie too cramped

“Death”, he concludes, with German fugues in mind, “is a Master from Deutschland.” The quotation comes from a new translation by Celan’s distinguished biographer, John Felstiner. It is at least the fourth that this reviewer has read and, though not the best of them, it comes across as powerfully as any. Mr Felstiner’s ear is a shade less subtle than his rival Michael Hamburger ’s, but several of his readings are newly illuminating. “Selected Poems and Prose of Paul Celan” is the largest selection yet published and, along with the famous pieces, includes some essays, lectures and early poems. Despite his elusiveness, Celan seems to inspire English translators, so that he, like the much more accessible Czeslaw Milosz , must now be seen as a classic of world literature. / Über neue Übersetzungen von Czeslaw Milosz, Joseph Brodsky und Paul Celan ins Englische schreibt ein (online) Ungenannter in The economist , 24.1.02

Much of Christensen’s linguistic virtuosity

puts one in mind of the phenomenon known as reduplication, a morphological process in certain languages (such as Turkish, Indonesian, Somali, Greek, Nez Percé—but excluding English and Danish) which copies all or part of the base to which it applies, in order to mark a grammatical or semantic contrast. Whether full or partial, reduplication can serve to intensify an adjective, place a verb into the future or the past, pluralize a noun or scatter its distribution, render an action continuous, or simply imply repetition. Moreover, Christensen makes skillful use of compound noun constructions in a way that is not only pleasurable, perhaps onomatopoeic, but also hints at the strange marriages of earth and air, water and fire, that define the world by seeming to defy it: „knotgrass“ and „sweetgrass,“ „icelocked“ and „iceplant,“ „fireweed and mugwort,“ „brickworks,“ „stoneskies,“ „groundwater,“ „greylight,“ „morningpale“ and „summerwarm.“ Occasionally Christensen veers from verbal and visual acuity and lapses into preciosity or précis: „I write like winter,“ she states at the end of 13, „write like snow / and ice and cold / darkness death / write.“ But overall, her play with letters and numbers—units that assume signification only within a structured economy, by existing within a system—is seductive, how she uses them to reveal how „a drop of water falls // on a leaf on a branch on a tree / on an earth.“ In her authentic relationship to „earth as it is in heaven,“ Christensen can even imagine „a / door with no house standing wide open still“—and somehow she ushers us inside. / Andrew Zawacki, The Boston Review Feb/Mar 2002.

L&Poe ’17-06

Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,

img_4431seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound.  In der heutigen Ausgabe: Kritik der Kritik, Arten der Kritik nach Borges, ferner Drawert und Campbell, Shakespeare, Eva Strittmatter, Clemens Schittko und manches andere. Lesen!

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Die Themen in dieser Ausgabe

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Das neue Gedicht

Katerina Angelaki-Rooke

POETISCHES POSTSCRIPTUM

Die Gedichte können nicht mehr schön sein,
 seit die Wahrheit hässlich geworden ist.
 Die Erfahrung ist jetzt der einzige Körper der Gedichte,
 und je reicher die Erfahrung wird,
 desto mehr nährt und stärkt sich das Gedicht.
 Meine Knie schmerzen
 und ich kann mich der Dichtung nicht mehr
                                    zu Füßen werfen,
 nur meine erfahrenen Wunden kann ich ihr schenken.
 Die Adjektive sind verblüht:
 Ich kann jetzt nur noch mit meinen Phantasien
 die Dichtung ausschmücken.
 Und doch werde ich ihr dienen,
 immer und solange sie mich will,
 denn nur sie kann mich ein wenig
 den verschlossenen Horizont meiner Zukunft
                             vergessen machen.

(2011)

Aus: Katerina Angelaki-Rooke, Die Engel sind die Huren des Himmelreichs. Gedichte, übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen mit einem Nachwort von Spyros Aravanis. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017

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Kritik der Kritik

Vermutlich soll man froh sein, daß Gegenwartslyrik, junge zumal, überhaupt besprochen wird. Vielleicht soll man nicht an den zarten Pflänzchen der Kritik herumzupfen. Ich lobe an Kurt Drawert, daß er sich für junge Autoren einsetzt. Schließlich, selbst eine schlechte Kritik ist besser als gar keine.
Ist das eine schlechte Kritik?  Mehr über Kurt Drawerts zu Recht lobende Kritik zu Gedichten Paul-Henri Campbells.

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Arten von Literaturkritiken nach Borges
  • Schlechte Literaturkritiken
  • Gute Literaturkritiken
  • Literaturkritiken die mit „Ich“ beginnen
  • Selbstanzeigen
  • Getarnte Selbstanzeigen
  • Literaturkritiken in denen ein Autor gelobt wird um den Rest der Szene niederzumachen
  • Literaturkritiken in denen ein Autor niedergemacht wird um den Rest der Szene zu loben
  • Gefälligkeitsgutachten
  • Kurze Literaturkritiken
  • Literaturkritiken im Internet
  • Literaturkritiken in der Qualitätspresse
  • Schlechte Literaturkritiken in der Qualitätspresse
  • Literaturkritiken von mir
  • Nacherzählende Literaturkritiken
  • Ideologische Literaturkritiken
  • Kritiken von Marcel Reich-Ranicki
  • Essays
  • Schlechte Essays
  • Schlechte Literaturkritiken

An der Systematik wird weitergearbeitet

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Mittelfinger

Clemens Schittko streckt der Welt den Mittelfinger entgegen: Im Gedichtband „Ein ganz normales Buch“ klagt er den Kapitalismus als Grundübel der Menschheit an. Seine Texte sind frei von Metaphern. Er poltert lieber mit der Kunst der Übertreibung. / DLR

Clemens Schittko: Ein ganz normales Buch
Freiraum-Verlag, Greifswald 2016
128 Seiten, 14,95 Euro

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Wer kennt Ales Rasanau?

Wer kennt Ales Rasanau? Der bedeutendste zeitgenössische Dichter weissrussischer Sprache lebt zurückgezogen in Minsk, macht von seiner Person kein Aufhebens, schreibt jedoch beharrlich an seinem Œuvre, das mittlerweile rund zwei Dutzend Bände umfasst. Seine jüngste poetische Arbeit stellt einen Dialog mit den Schriften des Buchdruckers Franzisk Skaryna dar, der vor fünfhundert Jahren den Psalter ins Altbelarussische übertrug. / Mehr
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Gestorben
  • 3.2. Dritëro Agolli, albanischer Schriftsteller (85) Mehr (frz.)
  • 5.2. Thomas Lux, poet and professor at Georgia Tech, published 14 collections of poetry, and influenced a generation of writers. † Mehr
  • 7.2. Der französische Philosoph und Essayist Tzvetan Todorov starb in Paris im Alter von 77 Jahren. Er hat sich als Sprachwissenschafter einen Namen gemacht, publizierte aber auch zu gesellschaftspolitischen Themen. Mehr
  • 8.2. Tom Raworth, britischer Dichter und visueller Künstler (78) (Nachricht in Vorbereitung)
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Die Shakespeare-Leseecke

geht weiter mit Sonett #24: MIne eye hath play’d the painter and hath steeld, deutsch von Karl Simrock: Mein Auge wird zum Maler, und geschickt

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Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen

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Eva Strittmatter

Ihre Bücher waren begehrt, wurden teilweise als Bückware gehandelt, die Auflagen gingen in die Hunderttausende. Eva Strittmatter legte 1973 mit „Ich mach ein Lied aus Stille“ ihren ersten Gedichtband vor. Da hatte sie schon über viele Jahre Lyrik geschrieben, zunächst im Verborgenen. / Mehr

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Neue Zeitschriften
  • Eleven Eleven 21. Poetry. Fiction. Drama. Literary Nonfiction. California Interest. Asian & Asian American Studies. African & African American Studies. Latino/Latina Studies. Native American Studies. Jewish Studies. Middle Eastern Studies. Women’s Studies. Gay. Lesbian and Transgender Studies. Art. Featuring Michael McClure, Erín Moure, Uri Zvi Greenberg, Philippe Soupault, Abraham Sutzkever et al. Mehr

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Kurz gesagt
  • «Der Verlust der eigenen Sprache ist etwas, was einem spätestens beim Gedichteschreiben als ein Handicap auffällt, weil es hier nicht nur darum geht, eine Sprache zu beherrschen, sondern auch umgekehrt: von der Sprache beherrscht zu sein»  Kathy Zarnegin, bzbasel
  • Γ􀎍α 􀎑α γε􀎑􀎑􀎋􀎌εί έ􀎑α 􀎔􀎓ί􀎋􀎐α 􀎌έ􀎏ε􀎍 / 􀎑α 􀎘􀎓 γε􀎑􀎑ή􀎗ε􀎍 􀎐􀎍α 􀎔􀎏􀎋γή.  Damit ein Gedicht entstehen kann, / muss es eine Wunde geben. Katerina Angelaki-Rooke, Motto in dem gerade erschienenen zweisprachigen Band von Katerina Angelaki-Rooke: Die Engel sind die Huren des Himmelreichs. Gedichte, übersetzt von Jorgos Kartakis und Dirk Uwe Hansen mit einem Nachwort von Spyros Aravanis. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017
  • Als Leser sehe ich es gar nicht ein, mich auf eine bestimmte Art von Literatur festzulegen. Jan Kuhlbrodt, Postkultur
  • Most meanings of / the word [irascible] descend from clunky antonyms / found only in Spanish- English dictionaries or in authoritive / archival audio recordings of forum discussions in proto-Catalan. Mark Young , in: Ygdrasil. Journal of the Poetic Arts. January 2017
  • Equations are the cornerstone on which the edifice of science rests. Yet, argues Graham Farmelo, they can be as exquisite as the finest poetry. / The Guardian 26.1. 2002

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Kurz berichtet
  • Zum Wettbewerb um den Leonce-und-Lena-Preis in Darmstadt, der am 17. und 18. März stattfindet, sind eingeladen: Jennifer de Negri, Sebastian Hage-Packhäuser, Natascha Huber, Mario Osterland, Tobias Pagel, Sigune Schnabel, Andra Schwarz, Jan Skudlarek und Christoph Szalay
  • Die Sylt Foundation schreibt bereits zum 18. Mal das „Sylt-Quelle Literaturstipendium Inselschreiber“ für deutschsprachige Autorinnen und Autoren aus. Mehr hier
  • Zum 14. Mal wird in Lana der Lyrikpreis vergeben, der nach dem Südtiroler Dichter N.C. Kaser benannt ist. Diesmal kommt er dem irischen Dichter Trevor Joyce (*1948) zu und wurde am 6. Februar 2017 um 18.00 im Vigilius Mountain Resort mit dem Preisträger, seiner Übersetzerin Swantje Lichtenstein und der Preisstifterin Ursula Flora gefeiert. Vorgeschlagen hatte ihn der vorige Preisträger Tom Raworth. Mehr
  • Der südkoreanische Dichter Ko Un erhält den Preis der italienischen Fondazione Roma. Seit 2006 organisiert sie ein internationales Poesiefestival, und seit 2014 vergibt sie einen Preis in diesem Rahmen. Ko Un ist der vierte Preisträger nach Adam Zagajewski (Polen), Jacobo Cortines (Spanien) und Carol Ann Duffy (Großbritannien). Mehr
  • Hier gibts 10 Anti-Love poems zum Valentinstag (Englisch)

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Lyrikkalender

Am 11. ist Tag der vietnamesischen Poesie, am 12. Darwin Day, am 14. Valentinstag. Am 11. feiert Britannien (bzw. die anglikanische Kirche) den ältesten englischen Dichter, den man mit Namen kennt: Cædmon, der nicht von Poesie wußte, bis ihm im Traum die Dichtergabe erschien, das war im 7. Jahrhundert. Am 14.2. 1989 ruft Ayatollah  Chomeini zur Tötung des Schriftstellers Salman Rushdie auf. .Geburtstage haben: am 11. Karoline von Günderrode (1780), Else Lasker-Schüler (1869), Hans-Georg Gadamer (1900), Gerhard Kofler (1949), am 12. Friedrich de la Motte Fouqué, (1777), Abraham Lincoln (1809), Lou Andreas-Salomé (1861), am 13. Elijah Levita (deutsch-jüdischer Dichter, 1469), Sigmund Jähn (1937 – 80. Geburtstag), F.C. Delius (1943), Katja Lange-Müller (1951), am 15. Carl Michael Bellman (1740), am 16. Victor von Scheffel (1826), Alfred Kolleritsch (1931), Makoto Ōoka (1931), Aharon Appelfeld (1932), am 17.  Minamoto no Sanetomo (1192), Friedrich Maximilian Klinger (1752), Max Schneckenburger (1819) (Die Wacht am Rhein), Lola Montez (1821), Georg Weerth (1822), Gustavo Adolfo Bécquer (1836), Banjo Paterson (1864),  Emmy Hennings (1885), Georg Britting (1891).

Todestage: am 11. 1795: Carl Michael Bellman, 1798: Karl Wilhelm Ramler, 1829: Alexander Sergejewitsch Gribojedow, 1905: Otto Erich Hartleben, 1960: Victor Klemperer, 1963: Sylvia Plath, 1978: Harry Martinson, am 12. Henjō, japanischer Priesterdichter (890), Muriel Rukeyser (1980), Julio Cortázar (1984), Thomas Bernhard (1989), am 13. 1142: Fujiwara no Mototoshi, 1798: Wilhelm Heinrich Wackenroder, 2004: Selimchan Abdumuslimowitsch Jandarbijew (tschetschenischer Dichter, Separatistenführer), am 14. 869: Kyrill von Saloniki, griechischer Slawenapostel, 1826: Johannes Daniel Falk (O du fröhliche), am 15. 1781: Gotthold Ephraim Lessing, am 16. 1656: Johann Klaj, 1907: Giosuè Carducci, 1938: Otto zur Linde, 1939: Jura Soyfer, 2003: Aleksandar Tišma, 2011 – Justinas Marcinkevičius, am 17. 1647: Johann Heermann, 1856: Heinrich Heine, 1970: Shmuel Yosef Agnon, 1998 – Ernst Jünger, 2010: Lucille Clifton, 2015: Philip Levine
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Rückblende: Januar 2002

Das niedre Pack, das miese Gesocks schreit ja nur so laut, weil es nichts anderes kann als schreien“, schreibt Hermann Lenz am 25. März 1959 an Paul Celan. Manifest eines ägyptischen Dichters vor 3800 Jahren: „O dass ich unbekannte Sätze hätte, seltsame Aussprüche, / neue Rede, die noch nicht vorgekommen ist, / frei von Wiederholungen, / keine überlieferten Sprüche, die die Vorfahren gesagt haben“. Was Israels Rechte gegen Lyrik hat. Warum Silke Scheuermann gegen das Unverständlich-Verpickelte ist. Benn, ein krasser Fall von Niveauverlust.

Dies und mehr hier.
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Zum Schluß Hansjürgen Bulkowskis Poetopie

auch wenn du kein Wort sagst – du schweigst in deiner Sprache

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Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur 2017 an SAID

Der deutsch-iranische Lyriker SAID wird in diesem Jahr mit dem renommierten Alfred-Müller-Felsenburg-Preis für aufrechte Literatur ausgezeichnet.
Diese Auszeichnung, dessen Namensgeber der 2007 verstorbene Autor Alfred Müller-Felsenburg ist, wird seit 1988 jährlich vergeben.
Seit 2012 wird der AMF-Preis im Rahmen des Projektes „literaturland westfalen“  in Kooperation mit dem Westfälischen Literaturbüro Unna im Nicolaihaus in Unna  verliehen
Die öffentliche Preisverleihung findet im Rahmen des diesjährigen Literaturfestivals “hier!” , welches vom Westfälischen Literaturbüro im Rahmen des Projektes Literaturland Westfalen organisiert wird, am Sonntag, 10. September, um 12 Uhr im Nicolaihaus, Nicolaistr. 3, 59423 Unna, statt.
Mit dem in München lebenden lebenden Lyriker zeichnet die Jury einen Schriftsteller aus, dessen Werke auch nach Jahrzehnten im deutschen Exil nicht durch Wortlosigkeit, sondern durch Wortmächtigkeit in Erscheinung treten.
SAID wurde 1947 in Teheran geboren und hat mit 17 Jahren seine Heimat verlassen.  Seit 1965 lebt er als freier Autor in Deutschland. Sein literarisches Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.
Infos über SAID gibt es hier:
Auf Radio Bayern 2  gibt es den Beitrag Eine Kindheit in Teheran zu hören
Informationen zum Literaturpreis gibt es hier:
Informationen zum Literaturfestival “hier!” werden in den nächsten Tagen hier eingestellt:

Tzvetan Todorov †

Der französische Philosoph und Essayist Tzvetan Todorov starb am Dienstag in Paris im Alter von 77 Jahren. Er hat sich als Sprachwissenschafter einen Namen gemacht, publizierte aber auch zu gesellschaftspolitischen Themen.

Von den Debatten des russischen Formalismus und dessen Kritik durch Bachtin geprägt und ausgehend, widmet sich Todorov ganz dem Problem, ob und wie sich ein literarisches Werk verstehen lässt, ohne es dabei «fremden» Diskursen, also soziologischen oder psychologischen Paradigmen, zu unterwerfen. Die Lösung findet er in den Beziehungen, die ein Text zwischen den ihn konstituierenden Elementen stiftet. Denn diese sind eben nicht beliebig, sondern folgen den Prinzipien der Auswahl und Kombination.

Zur Aufgabe der Literaturwissenschaft wird es, das Verhältnis zwischen den ergriffenen und verworfenen literarischen Optionen zu verstehen. Oder, wie Todorov es in seinem Aufsatz «Poetik» formuliert: Literaturwissenschaft befasst sich «nicht mehr mit der wirklichen Literatur, sondern mit der möglichen».
(…)
Die Verteidigung der Aufklärung gegen die sie zersetzenden, stets aber auch von ihr selbst hervorgebrachten Kräfte blieb ihm bis zum Ende ein Anliegen: Das noch unübersetzte «Les Ennemis intimes de la démocratie» (2012) ist eine unabdingbare Diagnose unserer Lage – und des politischen Messianismus, der sie zunehmend zu bestimmen scheint. In der Nacht auf Dienstag ist Tzvetan Todorov im Alter von 77 Jahren in Paris verstorben. /
Philipp Theisohn, NZZ

L&Poe Rückblende: Januar 2002

„Das niedre Pack, das miese Gesocks

schreit ja nur so laut, weil es nichts anderes kann als schreien“, schreibt Hermann Lenz am 25. März 1959 an Paul Celan . „Stampfen wir sie alle in den Abfalleimer, lassen wir sie von der Müllabfuhr wegtransportieren oder blasen sie wie eine Hand voll Asche in den Wind.“ / FR 5.1.02

Moderne vor 4000 Jahren

Der Autor steht der Überlieferung gegenüber und muss sie überbieten. Das ist nicht erst die Erfahrung der Moderne, wie die um 1800 v. Chr. entstandene Klage des Chacheperreseneb zeigt:

«O dass ich unbekannte Sätze hätte, seltsame Aussprüche, / neue Rede, die noch nicht vorgekommen ist, / frei von Wiederholungen, / keine überlieferten Sprüche, die die Vorfahren gesagt haben.» / Jan Assmann, NZZ 19.1.02

Israels Rechte gegen Lyrik

In einem großen Leitartikel der Wochenendbeilage der angesehenen liberalen Zeitung „Ha‘aretz“ rechnet Arie Caspi nicht nur in diesem Zusammenhang mit Livnat ab, sondern er zeigt auch die Richtung auf, in welche sich die Regierung Sharon und damit Israel insgesamt bewegen – und er erklärt 24 Stunden vor der Zerstörung von Radio Palästina, warum diese zwangsläufig erfolgen musste: „Die Rechte in Israel kann kein Machtzentrum ertragen, das nicht unter ihrer Kontrolle ist. Deshalb entwickelt sie so große Gewalt gegen die Palästinenser. Deshalb verachtet sie das Oberste Gericht. Deshalb kämpft sie jahrelang gegen jede kritische Erscheinung in der Presse, der Literatur, der Lyrik. Jetzt kommt die Akademie dran. Die Unterdrückung der Akademie ist eine weitere Etappe in der Zerstörung des demokratisch-liberalen Regimes des Staates Israel.“ / Kleine Zeitung 19.1.02

In der taz schreibt Jamal Tuschick über Silke Scheuermann:

Silke Scheuermann will, dass das „Unverständlich-Verpickelte“ in der Lyrik aufhört. Die aus Karlsruhe gebürtige Theaterwissenschaftlerin des Jahrgangs 1973 stammt aus einem Milieu, das jeder Kunst fern steht. Allenfalls in einer „geheimen Abteilung“ ihres Wunschraums ließ sich etwas in der Art aufheben. Sie war schon über zwanzig, als ihre lyrische Produktion in Gang kam. / taz 9.1.02

Wolfgang Hilbig lebt und erhält den Peter-Huchel-Preis 2002

Die in Freiburg im Breisgau tagende unabhängige Jury bewertete Hilbigs erschienen Band „Bilder vom Erzählen“ (Verlag S. Fischer) als herausragende Gedichtedition des Jahres 2001. Hilbig wurde 1941 in Meuselwitz bei Leipzig geboren. Der Peter-Huchel-Preis wird alljährlich am 3. April in Staufen im Breisgau verliehen. Peter-Huchel-Preisträger früherer Jahre waren u.a. Manfred Peter Hein, Sarah Kirsch, Durs Grünbein und Raoul Schrott .insert_ende:text3 / SWR

Im Januar wurde mitgeteilt, daß die kanadische Dichterin Anne Carson den T. S. Eliot-Preis für 2001 bekommt, meldet BBC :

Ms Carson’s poetry describes the death of a marriage through poetry that is „tart, lyrical, erotic, plain-spoken and highly charged“, according to Helen Dunmore, chair of the panel of judges.
und The Times ,22.1.02:
Anne Carson , who has been hailed by Michael Ondaatje as “the most exciting poet writing in English today”, won the £10,000 T. S. Eliot Prize with a collection about the breakdown of a marriage.

Deutsch-jüdische Symbiose? Stefan George jedenfalls war krank und konnte leider nicht

Im September 1933 – George lebte inzwischen in der Schweiz – wollte der Jude und Mussolini-Anhänger Karl Wolfskehl den Meister bitten, etwas zu Gunsten der Juden zu sagen. Der ließ seinem alten Gefährten durch seinen Jünger Frank Mehnert, der mit den Nationalsozialisten sympathisierte, mitteilen, er sei krank und könne ihn nicht empfangen. Das von einigen erwartete Schelt- und Absagegedicht gegen die Nazis hat George nicht geschrieben. / Süddeutsche 21.1.02

In der Serie von Carl Zuckmayers Berichten über Persönlichkeiten aus Hitlerdeutschland druckt die FAZ am 19.1. 2002 einen Text von etwa 1944 über Benn :

Eine Zeitlang verfiel er sogar dem Führer- und Hitlermythos und machte sich zu seinem Fürsprech – was zu einem sofortigen rapiden und gradezu grotesken Sturz seiner dichterischen Fähigkeiten führte. Ich gebe einen Beweis, ein Beispiel das mir seiner Krassheit halber im Gedächtnis geblieben ist. Im Jahr 34 veröffentlichte Benn in der Sonntagsbeilage der DAZ ein Gedicht, deutlich auf den Führer und „die Bewegung“ gemünzt, das mit folgenden greulichen Versen begann:.

„Der kategorische Nenner.
Der hinter Jahrtausenden schlief.
Heißt: Ein paar große Männer -.
Und die litten tief.“

Schlechter gehts nicht mehr / FAZ 19.1.02.

Fritz J. Raddatz lebt – und wundert sich über Benn:

Rätsel Benn. Wunder Gottfried Benn . Da lebt einer zwischen Kasino-Besäufnissen und Kaffeehausamouren, zwischen Schoppen-Dämmer, Bierabend, Vorortausflug und Kaserne, in einem Wrasen aus Spießigkeit und Schneidigkeit, mal bei den schnieken Adligen, mal bei ondulierten Kellnerinnen; und dann geht er nach Hause, Kaffee, Zigaretten – und schreibt so schöne Gedichte, wie sie kaum einer der deutschen Sprache abgerungen hat.
So spricht Fritz J. Raddatz. Seine Benn-Biographie und mehr bespricht Georg Pichler in der Presse , Wien / 11.1.02 .

Gestorben

In Graz ist am vergangenen Donnerstag der Dichter Alois Hergouth im Alter von 76 Jahren gestorben. Der vielfach ausgezeichnete Lyriker war u. a. maßgeblich an der Gründung des „forum stadtpark“ und der Literaturzeitschrift „manuskripte“ beteiligt. / Wiener Zeitung 22.1.02

Im Alter von 85 Jahren ist gestern in Madrid der spanische Romanautor und Nobelpreisträger Camilo José Cela gestorben. Sein vielseitiges Werk zeugt von grosser, lebensnaher Ausdrucksfähigkeit … Camilo José Cela wurde am 11. Mai 1916 in Iria Flavia (Provinz La Coruña) als Sohn einer englischen Mutter und eines galizischen Vaters geboren. 1925 übersiedelte die Familie nach Madrid. In Madrid begann Cela ein Medizinstudium, wandte sich aber bald der Literatur zu und schloss auch sein Jusstudium nicht ab. In den 30er Jahren arbeitete er als Journalist bei der Zeitung «Arriba». Im Bürgerkrieg schloss er sich den aufständischen Truppen General Francos an und wurde schwer verwundet. Nach dem Krieg schrieb Cela zunächst für Blätter der faschistischen Organisation Falange und arbeitete als Zensor des Franco-Regimes. Sein 1942 erschienener Roman «Pascual Duartes Familie», in dem Cela seine Kriegserlebnisse verarbeitete, fiel allerdings selbst der Zensur zum Opfer und wurde verboten. Mit ihm hatte Cela die realistische Literaturform des «tremendismo» geschaffen, die sich durch eine düstere, raue und gewaltsame Sprache auszeichnete und die Literatur in Spanien und Lateinamerika stark beeinflusste. / Landbote Winterthur 18.1.02

Zum Tod von Ian Hamilton

Die englischen Lyriker verfehlen liebend gern ihren Beruf. Andrew Motion , der gerade als Hofpoet waltet, wäre viel lieber Bob Dylan geworden. Seinen Vorgänger Ted Hughes trieb es zur Jagd. In Feld, Wald und auf den Fluren stellte er dem Wild nach oder doch wenigstens den Frauen. Ian Hamilton wäre am liebsten Fußballer geworden, aber sie haben ihn schon in der Schule nie mitspielen lassen.
Er rächte sich, wurde einer der bösartigsten Kritiker und schrieb eine hymnische Monografie über Paul Gascoigne. Im Hauptberuf aber verfehlte er weiter seine Berufung, arbeitete also beim Times Literary Supplement und gründete eigene Literaturzeitschriften. / Süddeutsche Ztg 3.1.02

Außerdem starben im Januar 2002

  • 5. Januar Wadim Schefner (86), sowjetischer, russischer Schriftsteller
  • 17. Januar Anatoli Gawrilowitsch Kowaljow sowjetischer Diplomat und Dichter (78)
  • 23. Januar Herbert Walz deutscher Schriftsteller und Heimatlyriker 86
Rosen und Kognak

Ein paar Jahre lang konnte L&Poe über ein seltsames Geburtstagsritual für Edgar Allan Poe berichten

BALTIMORE (AP) — A small crowd gathered at the old church where Edgar Allan Poe lies buried, waiting, as they do every year, for the arrival of a stranger.
A black-clad man arrived at 2:59 a.m. Saturday, marking the poet’s birthday with the traditional graveside tribute: three red roses and a half bottle of cognac. Only this and nothing more.
It is a rite that has been carried out by a mysterious stranger every Jan. 19 since 1949, a century after Poe drank himself to death in Baltimore at age 40. / New York Times 19.1.:

E. E. Cummings wird Jazz

Es ist nicht nötig, Edward Estlin Cummings einmal eines seiner eigenen Gedichte vortragen gehört zu haben, aber es hilft. Wie er Pausen setzt, die Wörter über seine Stimmbänder gleiten lässt, die Vokale zum Klingen bringt – Musik ist das, nichts anderes. Leute wie Leonard Bernstein, Morton Feldman oder Philip Glass merkten das und vertonten Gedichte des amerikanischen Lyrikers. Jetzt hat das Cummings-Fieber auch auf Jazz und Pop übergegriffen. Auf der aktuellen Björk-Platte „Vespertine“ finden sich Zeilen des Dichters ebenso wie auf dem bemerkenswerten internationalen Platten-Debüt der Schweizer Jazz-Sängerin Susanne Abbuehl bei ECM. / Josef Engels, Die Welt 22.1.02

Schlechter geht es der Gegenwartslyrik. Ruth Padel weiß:

British poetry is currently in a rich, interesting state. The one thing wrong with it is that it is not being read. Or not by the people you would think are its natural audience: the culture-minded middle classes. / Ruth Padel: Death of the reader, Prospect 1.1.02

In der NZZ 19.1.02 bespricht Ralf Müller die Bände 7/8 der Frankfurter Hölderlinausgabe

Die Frankfurter Ausgabe macht einen modernen Schriftsteller lesbar, der die Sprache nicht einfach wie ein Werkzeug zu einem Zweck benutzt, der Gedicht heisst. Immer wieder korrigiert Hölderlin seine Zeilen, streicht oder überschreibt, verändert auch vermeintlich Fertiges. Alles scheint im Fluss der Schrift, nichts endgültig. Hölderlins Manuskripte zeigen mitunter die verwirrende Schönheit mittelalterlicher Palimpseste.

  • Friedrich Hölderlin: Historisch-Kritische Ausgabe. Hrsg. von D. E. Sattler. Band 7/8: Gesänge I/II. Stroemfeld-Verlag, Frankfurt am Main, Basel 2001. Zus. 1023 S., Fr. 386.- (Subskriptionspreis bei Abnahme aller Bände Fr. 335.-).
  • Ders.: Hesperische Gesänge. Hrsg. von D. E. Sattler. Neue Bremer Presse, Bremen 2001. 144 S., Euro 24.60.
  • D. E. Sattler: Am Euphrat. Neue Bremer Presse, Bremen 2001. 96 S., Euro 18.60.
Nazim Hikmet 100

Basler Zeitung 15.1.:
Nazim Hikmet hat Empfehlungen für jene hinterlassen, die wie er viele Jahre im Gefängnis verbringen müssen. Wieder halb ernst, halb ironisch empfiehlt er: «Ausserdem vergiss zu keiner Zeit, aus vollem Halse zu lachen.» Diese Empfehlung stammt aus einer Zeit, als es noch keine Isolierzellen gab, wie sie heute für politische Häftlinge in der Türkei vorgeschrieben sind. In jahrelanger Isolation werden Nazim Hikmets Vorschläge absurd. Man kann nicht immer für sich alleine lachen. Die Gefängniszellen, in denen Nazim Hikmet steckte und aus denen ein guter Teil der türkischen Literatur des 20. Jahrhunderts kam, geschrieben entweder von ihm selbst oder von Mithäftlingen, die unter seinem Einfluss zu schreiben begannen, sind Geschichte.

John Berger über Nazim Hikmet

Ich weiß nicht mehr, ob ich Nazim Hikmet überhaupt je gesehen habe. Ich könnte darauf schwören, kann aber die Indizien dafür nicht finden. Ich glaube, es war 1954 in London. Vier Jahre, nachdem er aus dem Gefängnis entlassen worden war, neun Jahre vor seinem Tod. Er sprach auf einer politischen Versammlung am Red Lion Square in London. Er sagte ein paar Worte, dann las er einige Gedichte. Manche auf englisch, andere auf türkisch. Seine Stimme war kräftig, ruhig, äußerst persönlich und sehr musikalisch. Aber es war, als käme sie nicht aus seinem Hals – jedenfalls nicht in dem Augenblick. Es war, als hätte er ein Radio in der Brust, das er mit einer seiner großen, leicht zittrigen Hände an und aus schaltete. … In einem seiner langen Gedichte beschreibt er, wie sechs Menschen Anfang der vierziger Jahre eine Symphonie von Schostakowitsch im Radio hören. Drei der sechs sind (wie er) im Gefängnis. Die Übertragung ist live; die Symphonie wird zeitgleich in Moskau gespielt, mehrere tausend Kilometer entfernt. Als ich ihn am Red Lion Square seine Gedichte lesen hörte, hatte ich den Eindruck, dass die Worte, die er sagte, ebenfalls vom anderen Ende der Welt kamen. Nicht, weil sie schwer zu verstehen gewesen wären (das waren sie nicht), auch nicht, weil sie verschwommen oder müde gewesen wären (sie waren erfüllt vom Vermögen zu überdauern), sondern weil sie so gesagt wurden, als triumphierten sie irgendwie über Entfernungen und transzendierten endlose Trennungen. / FR 12.1.02

Atatürks verlorener Poet

Nazim Hikmet dagegen gelang der geistige und künstlerische Brückenschlag von der Vergangenheit zur Gegenwart. Er bewahrte den Wohlklang der traditionellen Dichtkunst, schuf aber aus unregelmäßig gebildeten Versen und in freien Rhythmen eine moderne Lyrik, die durch einfache Formen und universelle Themen höchste Bewunderung und Popularität erlangte. … In einem seiner späten Verse bekannte er, der Enkel eines Paschas, der ehemalige Student aus Moskau, der an Lenins Leichnam Wache hielt, der Bewunderer Atatürks, den er in seinem „Epos vom Befreiungskrieg“ als „blonden Wolf mit funkelnden blauen Augen“ beschrieb: „Die Lieder der Menschen sind schöner, als sie selber es sind. Mehr als die Menschen liebte ich ihre Lieder.“ / Dietrich Gronau, Berliner Zeitung 15.1.02

Saddam Hussein lebt und bestellt die Dichter seines Landes ein:

Mutter aller Dichter

Im Februar 2000 hatte der Regent (nämlich Saddam Hussein) die Schriftsteller des Landes einberufen, um ihnen sein Verständnis von Literatur aufzunötigen… Vor etwa fünfzig Romanciers, Dichtern, Dramatikern und Jugendbuchautoren verkündete der Regent, dass «Wort und Waffe ein Gewehrlauf» seien und die Literatur sich der Darstellung der «Mutter aller Kriege» zu weihen habe… Hamid Said , einer der bedeutendsten Lyriker des Landes, liess sich gar zu folgendem Kommentar herbei: «Der Führer hat sein präzises Vokabular, das ihm zur Beschreibung dient, als hätte er dasselbe Verhältnis zur Sprache, das ein Juwelier zum Gold hat . . . Er verbindet den Sprachfluss der Lyrik mit der Akkuratesse der Syntax.» Abdul Razak Abdul Wahid wiederum, ebenfalls ein bekannter Dichter, beginnt seine Huldigungsgedichte an den Regenten mit der Anrede «Mein Herrscher». / NZZ 14.1.02

Kritik der Kritik

Vermutlich soll man froh sein, daß Gegenwartslyrik, junge zumal, überhaupt besprochen wird. Vielleicht soll man nicht an den zarten Pflänzchen der Kritik herumzupfen. Ich lobe an Kurt Drawert, daß er sich für junge Autoren einsetzt. Schließlich, selbst eine schlechte Kritik ist besser als gar keine.
Ist das eine schlechte Kritik?

Kurt Drawerts zu Recht lobende Kritik zu Gedichten Paul-Henri Campbells erschien in der Dresdner Literaturzeitschrift Ostragehege und wurde jetzt bei Faustkultur digital zugänglich gemacht. Wenn ich die vermutlich redaktionelle Moderation beiseitelasse, löst der erste Absatz überwiegend Zustimmung bei mir aus:

Wer länger in Amerika war, versteht sicher besser, warum die amerikanische Lyrik narrativer ist, stofflich oft ausschwingender als die europäische und vor allem die deutsche. Damit verbunden sind keine Qualitätskriterien, sondern andere poetische Dispositionen, die anderen Systemen von Wahrnehmung folgen. Schon in den 1960er Jahren hat es in Deutschland die Gespräche über das kurze und das lange Gedicht gegeben, wie sie etwa Karl Krolow mit Walter Höllerer führte, und auch in der zeitgenössischen Lyrik herrscht alles andere als Tendenzgleichheit vor. Die Lakonie, ihre enorme Komprimierung und Assoziationsfähigkeit, ist dabei eine Möglichkeit, Sprache lyrisch zu verwenden. Der Langvers, der die Vorgänge des Gedichtes in eine tiefere Bewegung führt und seine Nähe zur Prosa immer wieder auflösen muss, ist eine andere. Paul-Henri Campbell, ein junger deutsch-amerikanischer Lyriker, der, nach einem Studium in klassischer Philologie und katholischer Theologie, heute in Frankfurt am Main lebt, beherrscht beide Tonlagen. Vor allem aber das Langgedicht, das sich über Motivketten und einem seriellen Ordnungssystem aus sich selbst heraus entfaltet, ist seine Stärke. (…) Entscheidend aber ist das ästhetische Ding, das Gedicht, ob es oder ob es nicht gelungen ist. Und Campbell, der leider noch zu wenig bekannt ist, schreibt geradezu atemberaubende, in ihrem Rhythmus, ihrem Sound, ihrer Bildlichkeit unverwechselbar eigene, soll heißen: dem Leben „abgerungene“ Gedichte.

Die Aussage zum narrativeren und oft ausschwingenden Charakter (eines Teils) der amerikanischen Lyrik ist mir vertraut. Allenfalls das Wörtchen „sicher“ im ersten Satz irritiert etwas: was ist schon sicher. Allem, was man sagen kann, wird widersprochen werden. Ich war nicht lang genug in den USA und nur als Tourist, über die amerikanische Lyrik gelesen und nachgedacht hab ich großteils zu Hause. Ich sehe ähnliche Frontstellungen im Lyrikdiskurs wie hierzulande, so zwischen „akademischer“ und „verständlicher“ Lyrik, nur in weiterem Rahmen. Öfter als bei uns scheinen mir dort die sprachorientierten („sprachverliebten“ sagt man merkwürdigerweise, wenn man es kritisieren will, als wäre Verliebtsein peinlich) Dichter auch zum langen, narrativeren, ausgreifenden Gedicht zu tendieren, während wir uns vorwiegend im kurzen Gedicht austoben und die Unterscheidung vielleicht eher darin besteht, wieviel humoriges, „niederes“ Sprachmaterial zugelassen wird. Wenn ich es an Preiszuerkennungen messe, z.B. beim Huchelpreis, so scheinen dort starke Einzelgedichte Vorrang vor großen Entwürfen zu haben. Im Jahr, als Marion Poschmanns „Geistersehen“ ausgewählt wurde, gab es mit Paulus Böhmers „Am Meer. An Land. Bei mir“ und Ann Cottens „Floridaräume“ starke Konkurrenz von der ausgreifenderen Art. Für 2015 gab es einen starken Bewerber und eine Bewerberin: Sabine Scho und Andreas Töpfer: The Origin of Senses.  Ein langes Gedicht, das „Lyrik“ mit Kunst, Wissenschaft und Kommentar vermischt, unreine Poesie. Spielte es eine Rolle? Wäre es in Frage gekommen? Ausnahmen bestätigen die Regel, Ulf Stolterfohts „Holzrauch über Heslach“ fällt mir ein. Böhmer wurde zwei Jahre später doch noch bedacht, aber z.B. Oswald Egger kam „nur“ mit einem kleineren Nebenwerk quasi zum Zuge.

Also da bin ich ganz bei Drawert. Bin ich? Unversehens nämlich stürzt dieser erste Absatz dann komplett ab mit dem letzten Teilsatz „unverwechselbar eigene, soll heißen: dem Leben ‚abgerungene‘ Gedichte.“ Scho, Cotten, Böhmer: raus seid ihr! Er will blutvolle, dem wahren Leben abgerungene, reine Poesie, nicht so intellektuelles Zeug. Ich sehe den Dichter mit „dem Leben“ ringend. Aber ist es sein eignes? Fremdes? Oder „das Leben“ schlechthin? Kommt man dabei ins Schwitzen? Drawerts Satz impliziert einen Gegensatz von „blutvollem“ Leben und „blutleerer“ Kunstfertigkeit als der „wahren“ Kunst Fremdem. (Thomas Kling hilf!)

Überwiegend prekär wird Drawerts Argumentation im Folgenden. Ich kommentiere es mal punktuell.

Es sind Körpertexte, Schnittstellen zwischen innerer und äußerer Welt, die sich, einem Möbiusband gleich, notorisch ineinander verschieben und ihre Perspektiven, ihre Orte des Anschauens, wechseln.

Was „Körpertexte“ sind, was daran Körpertext ist, wird nicht ausgeführt, die Teilsätze dieses Satzes schieben sich gleichsam „einem Möbiusband gleich, notorisch ineinander“. Körpertexte, Möbiusband, klingt (post)modern, aber wieso „Schnittstellen“ (Chirurgie?). Es geht [ich spreche von Drawerts Satz, nicht von Campbells Gedicht) gar nicht um Schnitte, sondern um Vermittlung. Es ist Dialektik (bald wird das Wort auftauchen), aber es ist keine schneidende Dialektik, keine hart im Raume stoßende Materie – es ist jene eigenartig vermittelnde „Dialektik“, wie sie im DDR-Sprachgebrauch bis in die Umgangssprache gedrungen war. „Das mußt du dialektisch sehen“ hieß da: nimm die Schärfe raus, frag nicht so dumm nachbohrend, alles iiiiiiiiiist wie es iiiiiiiiiist. Damit nahm man jeder schüchternen oder forschen Frage den Schneid, was IST, IST, weil es IST… Die Perspektive wird eben nicht gewechselt, wie das Möbiusband suggerieren will. Schnittstellen zwischen innerer und äußerer Welt, das ist der älteste Hut der sozialistischen Ästhetik und des irgendwie hegelianischen idealistischen deutschen 19. Jahrhunderts.

Weiter im Text:

Das Subjekt im Gedicht wird so zu einem Allgemeinen, wie das Allgemeine im Subjekt erscheint.

Idealistischer Budenzauber, „erscheint“. 50er Jahre:

„Lyrik (…) unmittelbare Gestaltung innerseelischer Vorgänge im Dichter, die durch gemüthafte Weltbegegnung (…) entstehen, in der Sprachwerdung aus dem Einzelfall ins Allgemeingültige, Symbolische erhoben werden …) (Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur – West -, 1955). – „literar. Hauptgattung, in der die subjektive Aussage bzw. die auf das Subjekt bezogene Widerspiegelung der Wirklichkeit ihren allgemeinsten Ausdruck findet.“ (DDR-Lexikon)

Im weiteren spricht er von „Form“ und „Stoff“, geht kurz auf Campbell ein, um dann in die große „positive“ Zwischenbilanz zu münden:

Das jedoch mündet nie in absoluter Negation oder einer Lust an der Zerstörung dessen, das über zerstörerische Kräfte verfügt. Im Gegenteil, es ist reines dialektisches Denken und nimmt poetisch auf, was die Erfolgsgeschichte in sich selbst nicht mehr spiegelt.

Es ist kein „unreines“, negatives dialektisches Denken, sondern „reines dialektisches Denken“, das heißt bei ihm nicht „absolut negierend“, sondern eben vermittelnd. Damit ist er bei seinem Thema:

– „die verschleppte rache / der schlachten, die im wechselspiel kalter schultern / verschlungene wege der schuld vergelten. // diese seltsame periode, darin in jeder aggression/ eine notwehr trauert, hilflos vor angst (…).“ Das ist im expressiven O-Menschheits-Ton vielleicht nicht ganz so modern, wenn man die oft sprachverspielten und in sich selbst versunkenen Poetiken anderer Autorinnen und Autoren seiner Generation dagegenhält, die sich manchmal an Harmlosigkeit noch überbieten. Aber es ist, in eben dieser Unterscheidung, überhaupt ein Ton, eine Stimme, eine Haltung.

Es gibt Kritiken, da verreißt Rezensent die Konkurrenten, damit sein zu lobender Gegenstand desto heller strahle. Bei Drawert kommt es mir anders herum vor. Der lobt Campbell – zu Recht. Ich sage nicht, daß er es nicht meint. Ich sage, er benutzt die Gelegenheit, um seine Position im Lyrikkampf zu bekräftigen. Campbell ist ihm zu einem Rundumschlag gut.

Im folgenden Absatz spricht Drawert von sich selber:

Es mag an meinem Alter liegen, dass ich wie das Huhn über dem Kochtopf hängend die digitale Welt mehr erleide als verstehe und deren Reflexe in der Literatur eben darum auch nicht oder eben nur schlecht lesen kann.

Aha; bis hierhin war nur von – analogen – poetischen Positionen die Rede, Campbell versus „andere Autorinnen und Autoren seiner Generation“, die er für „sprachverspielt“, „in sich selbst versunken“ und harmlos hält. Offensichtlich sind das „Reflexe“ der digitalen Welt, wie nur? „Digitale Welt“ ist für ihn eine Metapher für alles, was ihn an der Gegenwartslyrik stört. Um die geht es im Folgenden wieder. Ein Satz noch zur Betrachtung:

Aber es erschreckt mich zutiefst, wenn das sowieso schon bis zur Auslöschung zerstreute Subjekt auch von denen aufgegeben wird, die es zu bewahren und sprachlich neu zu organisieren hätten – den Schriftstellern nämlich, und im besonderen den Dichtern.

Das ist interessant. Aufgabe der Dichter wäre es, die Risse im Weltbau zu kitten und das „sowieso schon“ bedrohte „Subjekt … zu bewahren und sprachlich neu zu organisieren“? Starker Tobak. Wenigstens im Gedicht möge die Welt heil sein. Das Subjekt ganz sein.

Es war, beiläufig, Sigmund Freud vor über hundert Jahren, der der kosmologischen Kränkung – daß die Erde nicht mehr im Mittelpunkt des Weltalls stand – und der biologischen Kränkung durch Darwin – daß der Mensch nicht mehr das Zentralgestirn des Lebens und Krone der Schöpfung, sondern Ergebnis der Evolution war – die psychologische Kränkung hinzufügte: daß der Mensch auch nicht mehr Herr im eigenen Ich war. Dichter, antreten zur Wunderheilung! kann man da nur sagen. Man braucht nicht mehr den folgenden Satz, in dem er direkt seine Position „kürzlich“ gegenüber anderen jüngeren Autoren rechtfertigt. Das hat Campbell nicht verdient.

Nachsatz: Aber ab der Stelle, wo Drawert sagt, hier frage er nicht weiter, sondern zitiere, kann ich ihm wieder uneingeschränkt zustimmen, der Schluß lautet:

„wie axthieb wie hindurch wie brustbein/ wie ein kalter nasser schmerz wie krass/ wie im erwachen wie ohne wie mit naht/ der nacht (…)/ und auskehrend wieder o atem/ und er geht fort (…)/ jener/ komplize des skalpells der offen sah dich/ dir ins herz“. Würde er die Verse laut lesen, könnten wir seinem hastigen Gestus folgen, seiner Geschwindigkeit, mit der er denkt, lebt und handelt. Es ist, als hätte einer niemals Zeit, auch wenn er Zeit hat. In diesem Zyklus nämlich geht es um Leben und Tod, denn Paul-Henri Campbell muss mit einer schweren Herzkrankheit leben, und er lebt so immer auch in einem Bewusstsein von der Endlichkeit. Und wie die Kerze, die an beiden Seiten brennt, beschleunigt sie auch seine Zeit, seine Dichtung, seine kluge, hellwache Art, die Welt sich verständlich zu denken.

11. Februar

Am 11. Februar

  • 2017 findet zum 15. Mal der Tag der vietnamesischen Poesie statt. Ort: Tempel der Literatur, Hanoi. U.a. mit einem Gedicht- und Rezitationswettbewerb: Gedichte auf das Land, die Partei und Präsident Ho Chi Minh (1890-1969). Auch wird eine „Gedichtstraße“ eröffnet. Mehr

 

Leseecke 24

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 22-28 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

24

MIne eye hath play’d the painter and hath steeld,
Thy beauties forme in table of my heart,
My body is the frame wherein ti’s held,
And perspectiue it is best Painters art.
For through the Painter must you see his skill,
To finde where your true Image pictur’d lies,
Which in my bosomes shop is hanging stil,
That hath his windowes glazed with thine eyes:
Now see what good-turnes eyes for eies haue done,
Mine eyes haue drawne thy shape, and thine for me
Are windowes to my brest, where-through the Sun
Delights to peepe, to gaze therein on thee
   Yet eyes this cunning want to grace their art
   They draw but what they see, know not the hart.

Einige Anmerkungen zum Text:

steeld stelled, a) gesetzt, gestellt b) gemalt, porträtiert; könnte aber auch mit steel zusammenhängen: gehärtet, gestählt

2 table (Bild)Tafel oder Notizbuch

3 ti’s ‚tis (it is)

perspectiue gesprochen pèrspective

5, 8 der Wechsel von thy zu you Zufall oder Absicht? In diesem Fall laut Plessow selbstgewisses Bekenntnis versus ungeschützte Nähe

glazed zweisilbig zu sprechen: glazèd

12 peepe peep, blicken gaze starren

13 cunning Können, Fähigkeit: lassen diese Fähigkeit vermissen

Deutsche Fassung von Karl Simrock:

Mein Auge wird zum Maler, und geschickt
 Malt es dein Bild in meines Herzens Tiefe.
 Der Rahmen ist mein Leib, durch den man blickt;
 Des Malers beste Kunst ist Perspektive.
Nur durch den Künstler schaut dein Herz hinein
 Und sieht dein wohlgetroffen Angesicht:
 Es hängt in meines Herzens Kämmerlein
 Und dies empfängt von deinen Augen Licht.
So schafft ein Aug dem andern Auge Wonne:
 Meins malt dein Bild, und deins in meiner Brust
 Dient mir als Fenster, wo hindurch die Sonne
 Zu blicken liebt und dich beschaut mit Lust.
  Ach, daß den Augen eine Kunst gebricht:
  Sie malen was sie schaun, die Liebe nicht.

Quellen

  • Q = Shake-speares Sonnets. Never before imprinted (1609) (Quelle der Originaltexte)
  • B = Benson, Poems: Written by Wil. Sh. (1640)
  • Burrow = W. Shakespeare: The Complete Sonnets and Poems. Ed. Colin Burrow (Oxford World’s Classics), Oxford University Press, 2002
  • B/H = Shakespeare, The Sonnets. Hrsg. Raimund Borgmeier, Michael Hanke. Stuttgart: Reclam, 2006
  • Borgmeier = Shakespeare: The Sonnets. Die Sonette. Engl. u. in ausgewählten deutschen Versübersetzungen. Hrsg. Raimund Borgmeier. Stuttgart: Reclam, 1974

Wer kennt Ales Rasanau?

Wer kennt Ales Rasanau? Der bedeutendste zeitgenössische Dichter weissrussischer Sprache lebt zurückgezogen in Minsk, macht von seiner Person kein Aufhebens, schreibt jedoch beharrlich an seinem Œuvre, das mittlerweile rund zwei Dutzend Bände umfasst. Seine jüngste poetische Arbeit stellt einen Dialog mit den Schriften des Buchdruckers Franzisk Skaryna dar, der vor fünfhundert Jahren den Psalter ins Altbelarussische übertrug.

(…)

Obwohl er politische Inhalte mied, trugen ihm nach Lukaschenkos Machtübernahme 1994 einige allegorisierende Texte mit regimekritischem Unterton jahrelanges Publikationsverbot ein. Ab 1999 weilte dRasanau auf Einladung häufig in Deutschland, Österreich und der Schweiz, wo einige seiner Bücher in beleuadeutscher Übersetzung erschienen und wo er den Versuch unternahm, Kurzgedichte auf Deutsch zu schreiben. «Wortdichte» nannte er diese Miniaturen, die nun, durch neue Proben ergänzt, unter dem Titel «Von nah und fern» einen aparten Band der Minsker Werkausgabe bilden. Rasanau spielt so souverän auf den Registern der deutschen Sprache, dass es einem schwerfällt, ihn nicht als Muttersprachler anzusehen. Vor allem aber bleibt er sich auch in der Fremdsprache treu. / Ilma Rakusa, Neue Zürcher Zeitung

Ales Rasanau: Von nah und fern. Neue Wortdichte. Verlag Logvinau, Minsk 2016. 143 S.