L&Poe Rückblende – Oktober 2001

Thomas Kling lebt und kommt auch im Oktober öfter vor

Z.B. hier

„Das Abscannen von Gesichtsdaten“ nannte Thomas Kling in seiner Laudatio das poetische Verfahren von Friederike Mayröcker, und es ist, als hätten die jungen Lyriker eine Ahnin im alten Wien gefunden: eine Meisterin des physiognomischen Denkens, eine Dichterin, deren Poesie dem Körper verfallen ist, in des Wortes doppelter Bedeutung – und eine wunderliche Vortragskünstlerin: Denn was ist diese müde, mürbe, eintönige Stimme, die da aus dem schwarzen Vorhang der Haare und der lose hängenden Kleider hervordringt, wenn nicht ein leibhaftiges memento mori? / THOMAS STEINFELD, Süddeutsche 29.10.01

Und hier

„Ohne Österreich und die österreichische Literatur hätte ich einpacken können. Ich habe es geschafft, früh genug nach Wien zu gehen“, so Thomas Kling , erster Preisträger des Ernst Jandl Preises für Lyrik in seinen Dankesworten.

Poeterey der Adenauer-Generation

…und immer wieder die Aversion gegen die Poeterey der Adenauer-Generation: Noch liegt das Zischen der «Brandpfeile» in der Luft, die Kling in seiner Essaysammlung «Botenstoffe» gegen Enzensberger und Co. abgefeuert hat. … Kling ist Spurenleser, Zeichendeuter, Cross-Overianer, hat das Naheliegende mit dem «Fernhandel» kurzgeschlossen, fast «exzessiv» gedrängt von kulturarchäologischem Trieb und sprachlistiger Metaphernstürmerei. Bild- und Gemäldegedichte, auditiv einverleibbar, aus Zeit wird Schall und Raum, der Dichter zum «Ohr, mit dem das Hören erst erschrieben werden muss» («brennstabm»). /Alexander Marzahn , Basler Zeitung 24.10.01

Schule für Dichtung

„die sfd ist ein autonom verwaltetes institut, das sich inhaltlich und formal an der amerikanischen „jack kerouac-school of disembodied poetics“ orientiert. kein wunder, daß ober-beatnik allen ginsberg als einer der ersten dichtenden gastdozenten nach wien geladen wurde. die lehrkräfte werden über ein multinationales netzwerk rekrutiert, dem namhafte dichterfürsten wie ernst jandl, gerhard rühm oder gabriel garcia marquez angeschlossen sind. sechs unterrichtseinheiten à zwei stunden sind die basis der klassen; performances und symposien kommen begleitend hinzu.“
from rolling stone, dezember 1998
(Homepage der sfd )

Poesie gegen Gewalt: Adolf Muschgs Rede

Der kulturstiftende Spielwitz des Hafis: Mir ist in diesen Wochen kein vergleichbares Heilmittel gegen Gewalt vorgekommen. Ich habe seine Wirkung auch an den Umgangsformen gespürt, mit denen unsere Gastgeber der Gewalt in New York und Afghanistan begegnen: Sie haben von ihren Folgen mehr zu fürchten und lassen sich von dieser Furcht weniger beherrschen. Sätze wie: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.“ Oder geiles und ahnungsloses Gerede über den „Clash of Civilizations“ kommen Leuten, die Hafis lesen können, wie er seinen Koran gelesen hat, nicht über die Lippen, auch nicht angesichts des Komplexes „Terrorismus“. … Gerade heute ist es zumutbar, in ein und derselben Person zugleich guter Amerikaner und guter Nichtamerikaner, Muslim und Nichtmuslim, Jude und Nichtjude zu sein. Fundamentalisten schaffen es nicht und sind stolz darauf. / Adolf Muschg, FR 31.10.01

Hafis-Orakel

Goethe stach sich mit der Nadel Botschaften zur Lebenshilfe aus dem „Divan“; jetzt erfahren wir, daß man im Iran bis heute das Hafis-Orakel befragt, vom religiösen Führer des Landes bis zum Müllmann. Und vor allen andern die Liebenden. Hafis genießt als Dichter der Liebe im nichtarabischen Persien kaum geringere Autorität als der heilige Koran, dem der Dichter seinen Ehrennamen „Hafez“ verdankt. Nur: Dieser „Bewahrer des Korans“ verfügte über 99 Lesarten von Allahs Wort, und über vier gleichermaßen bindende Kommentare dazu. Als verfügte keiner über ihn, und seine Poesie blieb vergleichsweise ungebunden. Dank ihres Zaubers darf das Wort auch in Volkes Munde immer wieder werden, was es bei Hafis von Haus aus war: fromm, frech und frei. / Adolf Muschg, FAZ 30.10.01

Auch er schrieb Gedichte

Am Flughafen in Mashad hatte der Taxifahrer seinen abgegriffenen Hafez am Sitz neben sich liegen, wollte zuerst wissen, wie alt ich sei und las mir dann, bevor er sich erkundigte, wohin er mich noch bringen könne, den Anfang der 37. Ghasele vor, übersetzte und legte ihn mir aus. Er setzte mich an einem der großen Hotels gegenüber des Komplexes, in dem der Heilige Schrein steht, eine golden aufglänzende Kuppel, zu der alle Straßen führen. Auch er schrieb Gedichte. / Raoul Schrott, SZ 27.10.01

Man muß die Dichter verbrennen

In einer ähnlichen Entwicklung und im gleichen kulturellen Klima Bagdads fanden in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts großartige poetische Umwälzungen statt, die praktisch das Gegenstück zu der poetischen Revolution waren, die im 19. Jahrhundert in Frankreich stattgefunden hat. Es gab damals Dichter, die einem Baudelaire entsprachen, einem Verlaine, einem Rimbaud, sogar einem Mallarmé , eben in dem Auftreten eines sich radikal widersetzenden Individuums und die in sehr starker Weise die sprachliche Überschreitung als Motor des Gedichts geltend machten. Eines der wichtigsten Beispiele wurde von einem persischen Dichter gegeben, der aber in Arabisch schrieb, Abu Nuwas (763 ca. 813). Er war der Dichter, der in höchst provokanter und heftiger Weise den Wein besang, der im Islam verboten ist, und in seinen Amouren die homosexuelle Liebe. Das führt zur vielleicht lebendigsten Dichtung, die man heute lesen kann, in einer so lebendigen Sprache, als sei sie gestern geschrieben worden. … Wenn man zum Buchstaben des Islam zurückkehren möchte, muß man die Sufis und Theosophen verbrennen, die gewagt haben, frei zu denken wie Ibn Arabi, sie auf den Index setzen oder verbieten. Man muß die Märchen aus Tausendundeiner Nacht verbrennen und so weiter. Man wird dazu übergehen, einen sehr berühmten Dichter auszulöschen, ich habe ihn schon erwähnt, den Freidenker von Bagdad aus dem 9. Jahrhundert, Abu Nuwas . Man muß also feststellen, daß das Aufkommen dieses Islam der reinen Lehre gegen den Islam selbst als Kultur und Gesellschaftsordnung gerichtet ist./ Abdelwahab Meddeb: DIE KRANKHEIT DES ISLAM, in: Lettre international  54/ Herbst 2001

Und die Lyrik der Gegenwart?

Für die Haltbarkeit und Lebensdauer von Robert Gernhardt-, Durs Grünbein-, Sarah Kirsch- oder Thomas Kling-Gedichten gibt es derzeit zwar günstige Prognosen. Eine vorauseilende Sitzplatzreservierung für Gegenwartsdichter im Lyrik-Kanon ist aber noch nicht möglich. / Michael Braun , Basler Zeitung 1.10.01

Celan Realist

Er sah, dass Celan kein hermetischer L’art-pour-l’art-Dichter war, sondern «Realist» auf seine Weise. – Marina Dmitrieva-Einhorn hat die kostbaren Briefe, die ihr Vater und Celan zwischen 1944 und 1967 tauschten, behutsam und kenntnisreich ediert. / Beatrice von Matt, NZZ 27. Oktober 2001

Our modern problems

I don’t say that our modern problems are properly faced as they should be; they are solved in a hugger-mugger, bad fashion; but to wait till you get absolute values which you’ll never ever achieve that is infantilism or quixotic incompetence, to say the least.

Das ist kein Kommentar zur Weltlage – jedenfalls nicht zur jüngsten. Das schreibt Vater Ginsberg an Sohn Ginsberg (Allen). Ihr Briefwechsel erschien unter dem Titel “Family Business“ bei Bloomsbury in New York. NYT  30.9.01

Popular Poetry?

The Associated Press report of Billy Collins’s appointment as poet laureate in June was a document of startling philistinism. Under the headline „Popular Poet Named U.S. Laureate,“ it began: „Billy Collins, a popular poet who makes money at the job, is becoming the 11th U.S. poet laureate….Collins can collect $2,000 for a single reading of his poetry and Random House has reportedly offered him a publishing contract of at least $100,000 for three books….His one-year post as laureate will net him a $35,000 salary, a Washington office at the Library of Congress and few duties except to give more readings.“ Nor does Collins’s new publisher hesitate to beat the drum. The dust jacket of Sailing Alone Around the Room announces that Collins’s „last three collections of poems have broken sales records for poetry.“ All of this man-bites-dog astonishment condescends to poetry, where such small sums count as fortunes. Yet the very existence of a „popular poet“ is reassuring for an art seemingly doomed to ivory-tower irrelevance.

Collins’s verse makes clear, however, that his ideal reader is by no means the man on the street.

Sailing Alone Around the Room: New and Selected Poems by Billy Collins (Random House, 172 pp., $21.95) / Adam Kirsch, The New Republic 10.29.01

Tadeusz Rózewicz 80

Geboren wurde Rozewicz am 9. Oktober 1921 im polnischen Radomsko. Der Bildungsweg (Gymnasium, erste Gedichte in kleinen Blättern) verläuft unauffällig bis zur Katastrophe der Okkupation. In der Zeit arbeitet Rozewicz in der Fabrik und wird 1943/44 Widerstandskämpfer der Untergrundarmee – 1944 gibt es ein konspiratives Gedichtmanuskript «Waldechos», 1946 einen satirischen Band mit Versen, «In einem Löffel Wasser», 1947 dann den Gedichtband «Unruhe».

«Die zahmen Gegenstände beginnen sich zu beunruhigen und wüst aufeinander zu häufen, Photographien und Bücher voll stiller Träume zischen und winden sich. Bilder und Früchte, Wände und Fenster zeigen Feuerzungen. Sie brechen plötzlich aus und brüllen.» In einem solchen Pfingstwunder des Unbelebten gingen die Worte der Menschen verloren.

*

„Für mich war Lyrik eine Aktion und kein Schreiben schöner Gedichte“, sagte Rozewicz einmal vor allem über seine frühen Werke. „Meine Sache waren nicht Gedichte, sondern Fakten.“ Seine Gedichte standen in starkem Widerspruch zur romantischen Tradition der polnischen Dichtung. Doch mit seiner „Poesie für Entsetzte, für Überlebende“ traf er den Nerv der Nachkriegsgeneration. / Wiener Zeitung 9.10.01

Léopold Sedar Senghor 95

War die Poesie von Senghor und seinen Freunden zu Anfang auch „rassebedingt“, so habe sie doch, meint Jean-Paul Sartre, das Potenzial gehabt, ein „Gesang für alle“ (auch für die Europäer) zu werden. Das „Neger-Sein“ (dem Jean-Paul Sartre in seiner berühmt gewordenen Einleitung „Schwarzer Orpheus“ zu Senghors „Anthologie“ die philosophische Weihe verliehen hatte), dieses „Neger-Sein“ beinhaltet auch schon im Verständnis von Senghor und seinen Mitstreitern all die Ambivalenzen und widerstreitenden Tendenzen zwischen Autonomie, Anpassung und Kooperation. (schreibt Hans-Jürgen Heinrichs zum heutigen 95. Geburtstag des senegalesischen Autors Léopold Sédar Senghor) / FR 9.10.01

Cohens Vorliebe für Reime

Ich hatte schon immer eine Vorliebe für Reime. Diese Form bringt nicht nur  ästhetische Vorteile mit sich. Eine meiner Lieblingszeilen auf meinem neuen  Album heißt: „I dont trust my inner feelings. Inner feelings come and go.“ Auf  diesen Satz bin ich allerdings nur deshalb gekommen, weil die Strophe davor „I  know that Im forgiven, but I dont know how I know“ lautete und ich etwas  brauchte, das sich auf „know“ reimt. Man ist durch die Zwänge des Reims  genötigt, sich intensiver mit den Worten und letztlich auch mit deren Qualität  auseinander zu setzen./ Leonard Cohen in einem taz -Interview, 13.10.01

Habermas Lyriker

Vielleicht ist der heurige Friedenspreisträger, der 1929 in Düsseldorf geborene Jürgen Habermas, doch im Grunde ein Lyriker? Auf eine Bitte der Zeit an Dichter, ihre Lieblingswörter zu nennen, antwortete Jürgen Habermas vor einem Jahrzehnt u. a. mit diesen Wörtern: „aber“; „sofern“; „dennoch“; „eingedenk“. / Richard Reichensperger, Der Standard 13.10.01

Erika Mitterer in Wien gestorben

„Ich kenne die Namen nicht mehr, /die Namen der neuen Autoren. / Die Minister verwechsle ich meistens. / Die Namen der Hausgenossen memorier ich / anhand der Türschilder / Wer war ich wirklich? Und was bin ich selber? // Ich habe zu lange gelebt!“: Aus diesem letzten Gedicht in einer erst heuer, mit Hilfe ihres Sohns Martin Petrowsky herausgegebenen dreibändigen Gesamtausgabe ihrer Lyrik spricht Ruhe, Ironie, Zuversicht.
Erika Mitterer war, das wußte sie ohne Bitternis zu ertragen, aus der Mode gekommen. / Die Presse 16.10.01

Ferner starben im Oktober 2001
  • Am 13. Willi Habermann, schwäbischer Mundart-Dichter (79)
  • Am 15. Anne Ridler, britische Lyrikerin (89)
  • Am 19. der russische Dichter und Publizist Aleksandr Aronow (67)
  • Am 25. der kamerunische Dichter René Philombe (geb.. 1930)
  • Am 26. Elizabeth Jennings, englische Lyrikerin (75)

Donald der Schotte

Eine schottische Zeitung entdeckte es zuerst. Aber ich gebe zu, als ich es las, hielt ich es für Parodie und mußte lange nach Anzeichen dafür suchen. Aber es gab keine, alles war blutiger Ernst. „Ein von Schottland inspiriertes Gedicht für Trumps Inauguration“ hieß die Überschrift. Eine amerikanische Poetenvereinigung habe ein Gedicht zu dem Anlaß vom heutigen Freitag (20.1.) geschrieben. Der preisgekrönte amerikanische Dichter Joseph Charles MacKenzie von der Society of Classical Poets habe es verfaßt und spiele darin auf Trumps schottische Wurzeln an. Dem Gedicht liege der Gedanke zugrunde, „an die klassische Tradition zu rühren, die es durch die gesamte amerikanische Geschichte hindurch gegeben habe“. Habe, spiele, sei – wie schon gesagt, es scheint kein Hoax. Das Gedicht beginnt mit der Strophe

Come out for the Domhnall, ye brave men and proud,
The scion of Torquil and best of MacLeod!
With purpose and strength he came down from his tower
To snatch from a tyrant his ill-gotten power.
Now the cry has gone up with a cheer from the crowd:
“Come out for the Domhnall, the best of MacLeod!”

Auf der Seite der klassischen Poeten erklärt der Autor:

  • Die Refrains am Ende jeder Strophe werden von den Zuschauern der Zeremonie gesprochen.
  • Domhnall, die schottische Form des Namens Donald, wird wie “TONE-all” ausgesprochen.
  • Torquil war der königliche Stammvater der MacLeods of Lewis, Torquil MacLeod, und der Geburtsort von Präsident [elect, hätte es da noch heißen müssen] Trumps Mutter

Man weiß nicht, was schlimmer ist, der politische Inhalt oder die poetische „klassische Form“. Ein paar Aussagen in schnöde Prosa übersetzt:

  • Wenn die Freiheit bedroht wird durch die Ketten der Sklaverei … suchen wir einen Führer von wahrem Mut und soliden Tugenden … Er wird uns nicht vergessen, uns Menschen der Menge, die den Domhnall wählten, den besten MacLeod!
  • Als verkrüppelnde Korruption unsere Nation besudelte und unsere Wirtschaft in Stagnation versank … bildete das Vergessene eine große Menschenmenge, zu verteidigen den Domhnall, den besten MacLeod!
  • Als wahrer Freund der Migranten von fern und von nah heißt er die Würdigen willkommen, doch schützt unsere grenze, damit nicht eine mörderische Horde, für die die Hölle die Norm ist, unser Leben bedroht und unsere Nation deformiert!
  • Der schwarze Mann, vergessen, in Armut sterbend, der arme Mann, der kranke Mann, mit weinenden Kindern, die Jungen ohne Arbeit oder hinter Gittern … sie alle bewillkommnen die Menge, die für den Domhnall kämpft, den besten MacLeod!
  • Während alte Vetteln den Frauen beibringen, auszusehen und sich aufzuführen wie wir Männer, kommt der Domhnall und verteidigt die schutzlosen Verlorenen…
  • Doch bei all seiner großen Weisheit … reichen seine Kinder, der hübsche Trumpclan, an ihn heran, und Melania die Schöne, Europens Blume mit ihrem langen wehenden Haar etc.

Manche Zeitungen hielten das für Trumps Inaugurationsgedicht. Der Dichter höchstselbst meinte, Trump solle der erste Republikaner sein, der ein Inaugurationsgedicht habe. Kein dröge akademisches wie bei Clinton und Obama, sondern ein kraftvoll heiteres, klassisches: seins. Aber die Nachricht erreichte den Domhnall nicht mehr. Oder das Gedicht traf nicht seinen Geschmack. Oder Gedichte überhaupt sind nicht sein Fall. Oder seine Berater rieten ab. Oder oder.

Mehr davon bei http://www.scotsman.com

Oder bei dem klassischen Poetenverein selbst, wo man das Gedicht, vorgetragen „von einer wunderbaren schottischen Stimme“, anhören kann. (Ich gebe zu, für meine Ketzerohren hört sich auch der Vortrag nach Parodie an. Aber es ist ernst gemeint, das scheint sicher.)

Kalendarium 3/2017

Gedenktage 21.-27. Januar

Sonnabend 21.1.
  • 1532: Ludwig Helmbold, lutherischer Kirchenlieddichter *. Vom deutschen Kaiser Maximilian II. 1566 zum poeta laureatus gekrönt
  • 1609: Joseph Justus Scaliger, französischer Philosoph und Naturwissenschaftler †. Seine berühmte Poetik in 7 Bänden erschien postum und wurde viel genannt und wenig gelesen.
  • 1765: Christian Braunmann Tullin, norwegischer Dichter †
  • 1773: Alexis Piron, französischer Jurist und Schriftsteller †. Arbeitete als Anwalt in Besançon. Um 1718 verlor er das Amt wegen seiner Ode à Priape.
  • 1793: Bürger Louis Capet, der ehemalige König Ludwig XVI., wird in Paris  guillotiniert.
  • 1794: Adolf Ludwig Follen, deutscher Burschenschafter, Schriftsteller und Verleger * (Textkette)
  • 1815: Matthias Claudius, deutscher Dichter (Der Mond ist aufgegangen) † (Textkette | Lyrikzeitung)
  • 1823: Imre Madách, ungarischer Dichter * (Die Tragödie des Menschen)
  • 1831: Achim von Arnim, deutscher Dichter † (Lyrikzeitung)
  • 1856: Benedictus Gotthelf Teubner, deutscher Buchhändler, Verlagsgründer (Teubnersche Verlagsbuchhandlung) †
  • 1868: Ludwig Jacobowski, deutscher Lyriker, Schriftsteller und Publizist *
  • 1872: Franz Grillparzer, österreichischer Schriftsteller †
  • 1878: Egon Friedell, österreichischer Schriftsteller *
  • 1902: Ernst Wichert, deutscher Schriftsteller und Jurist † (nicht mit Ernst Wiechert zu verwechseln)  „Dichter und Richter“ genannt. War Mitbegründer der Deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren und Komponisten, Leipzig 1871, später Verband Deutscher Bühnenschriftsteller, der älteste überregionale Autorenverband in Deutschland.
  • 1912: Rainer Maria Rilke sendet die erste seiner Duineser Elegien von Duino an Marie Taxis.
  • 1961: Blaise Cendrars, schweizerisch-französischer Schriftsteller † (Lyrikzeitung)
  • 1963: Franz Jung, deutscher Schriftsteller, Ökonom und Politiker † (Lyrikzeitung)
  • 1975: Mascha Kaléko, Schweizer Dichterin † (Lyrikzeitung | Textkette)
  • 1997 (vor 20 Jahren): Hans Egon Holthusen, deutscher Schriftsteller † (Lyrikzeitung)
  • 2008: Mit dem Tod von Marie Smith Jones stirbt die Eyak-Sprache aus.

Sonntag 22.1.

  • 628: Anastasius, persischer Mönch, Märtyrer und Heiliger † Trat zum Christentum über, wurde dafür gefoltert und gehängt. Patron der Goldschmiede; hilft gegen Kopfschmerzen und Raserei.
  • 1349: Die etwa 400 Mitglieder umfassende jüdische Gemeinde in Speyer wird durch ein Pogrom bei den Judenverfolgungen zur Zeit des Schwarzen Todes vernichtet. (Lyrikwiki)
  • 1536: Bernd Knipperdolling, Führer der Täufer in Münster † Auf dem Prinzipalmarkt in Münster werden die Anführer der Münsterschen Täufer, Jan van Leyden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling, öffentlich gefoltert und hingerichtet.
  • 1561: Francis Bacon, englischer Philosoph, Staatsmann, Autor und als Wissenschaftler Wegbereiter des Empirismus *
  • 1572: John Donne, englischer Schriftsteller * (Textkette | Lyrikzeitung)
  • 1657: Niels Aagaard, dänischer Schriftsteller und Gelehrter †
  • 1729: Gotthold Ephraim Lessing, deutscher Dichter der Aufklärung * (Lyrikzeitung)
  • 1767 (vor 250 Jahren): Johann Friedrich Pierer, deutscher Mediziner und Lexikograf *
  • 1788: George Gordon Byron, britischer Dichter, Teilnehmer am Freiheitskampf der Griechen * (Lyrikzeitung)
  • 1820: Hermann Lingg, deutscher Dichter *
  • 1840: Rosa Maria Antonetta Paulina Assing, deutsche Lyrikerin, Erzählerin, Übersetzerin, Scherenschnittkünstlerin und Erzieherin †
  • 1849: August Strindberg, schwedischer Schriftsteller und Dramatiker * (Lyrikzeitung)
  • 1860: Aennchen Schumacher, deutsche Gastronomin, Sammlerin studentischen Liedguts („Ännchen-Liederbuch“) *
  • 1886: Oskar Jellinek, österreichischer Schriftsteller *
  • 1904: George Balanchine, russischer Choreograph, Gründer des American Ballet *
  • 1917 (vor 100 Jahren): Rainer Brambach, Schweizer Schriftsteller * (Lyrikzeitung)
  • 1921: Krzysztof Kamil Baczyński, polnischer Dichter *
  • 1922: Howard Moss *. Langjähriger Poetry Editor The New Yorker.
  • 1945: Alfred Wolfenstein, expressionistischer Lyriker, Dramatiker und Übersetzer † (Textkette | Lyrikzeitung)
  • 1945: Else Lasker-Schüler, Dichterin † (Lyrikzeitung | Textkette)
  • 1945: Jan Skala, sorbischer Publizist und Schriftsteller †
  • 1947: Ingrid Puganigg, österreichische Schriftstellerin *
  • 1966: Kawada Jun, japanischer Lyriker und Wirtschaftsmanager †
  • 1976: Charles Reznikoff, US-amerikanischer Poet † (Lyrikzeitung)
Montag 23.1.
  • 1570: In Linlithgow verübt James Hamilton of Bothwellhaugh einen Anschlag auf den schottischen Regenten James Stewart, 1. Earl of Moray. Es ist das weltweit erste Attentat mit einer Feuerwaffe.
  • 1729: Johannes le Francq van Berkhey, niederländischer Naturforscher, Dichter und Maler *
  • 1751: Jakob Michael Reinhold Lenz, eins der jungen Genies des Sturm und Drang * (Lyrikzeitung)
  • 1761: Friedrich von Matthisson, deutscher Lyriker und Prosaschriftsteller * (Lyrikzeitung)
  • 1762: Christian August Vulpius, deutscher Schriftsteller, Schwager Goethes (im Unterschied zu Goethe ein Erfolgsschriftsteller seiner Zeit; „Rinaldo Rinaldini“) *
  • 1777 (vor 240 Jahren): Christian Friedrich Daniel Schubart wird auf Befehl des württembergischen Herzogs Carl Eugen verhaftet und auf der Festung Hohenasperg zehn Jahre lang eingekerkert. (Textkette)
  • 1843: Friedrich de la Motte Fouqué, deutscher Dichter der Romantik †
  • 1849: Elizabeth Blackwell wird nach ihrer Promotion die erste Ärztin in den USA.
  • 1878: Oton Župančič, slowenischer Schriftsteller *
  • 1889: Rikard Long, färöischer Dichter und Literaturkritiker *
  • 1891: Antonio Gramsci, italienischer Schriftsteller, Politiker und Philosoph *
  • 1893: José Zorrilla y Moral, spanischer Dichter und Dramatiker †
  • 1905: Jesse Thoor, deutscher Schriftsteller * (Lyrikzeitung)
  • 1923: Franz Rieger, österreichischer Schriftsteller *
  • 1927: Hilma Kristina Elisabet Angered-Strandberg, schwedische Schriftstellerin †
  • 1929: Hannelore Valencak, österreichische Schriftstellerin *
  • 1930: Derek Walcott, karibischer Dichter und Schriftsteller aus St. Lucia, Nobelpreisträger * (Lyrikzeitung)
  • 1939: Ernst Blass, deutscher Dichter, Kritiker und Schriftsteller des frühen Expressionismus † (Lyrikzeitung)
  • 1939: Fred Wah, kanadischer Dichter, Schriftsteller und Hochschullehrer *
  • 1944: Hugo Achugar, uruguayischer Schriftsteller, literarischer Essayist und Dozent *
  • 1960: Wolfgang Kayser, deutscher Germanist und Literaturwissenschaftler † Seine Bücher wurden jahrzehntelang nachgedruckt: Kleine deutsche Versschule (1946, 25. Aufl. 1995) – Das sprachliche Kunstwerk. Eine Einführung in die Literaturwissenschaft (1948, 20. Aufl. 1992)
  • 1968: Matthias Stührwoldt, deutscher Autor *
  • 1968: Wilhelm Klemm, deutscher Lyriker †. Ernst Jandl: „Mein lyrischer Proviant zwischen 1938 und 43, als Gymnasiast, hatte aus je drei Gedichten von Stramm, Wilhelm Klemm und Johannes R. Becher bestanden, aufgefunden in einer Gedichtsammlung aus dem Jahr 1926.“ In: Ernst Jandl: Autor in Gesellschaft. Aufsätze und Reden. (Poetische Werke 11). München: Luchterhand, 1999, S. 35. Die Anthologie ist „Die Lyrik der Gegenwart“ (Oskar Benda), Wien u. Leipzig 1926. (LyrikzeitungTextkette)
  • 1986: Joseph Beuys, deutscher Aktionskünstler, Bildhauer, Zeichner, Kunsttheoretiker und Hochschullehrer †
  • 1989: Salvador Dalí, spanischer Maler, Grafiker, Schriftsteller, Bildhauer und Bühnenbildner, Hauptvertreter des Surrealismus †
Dienstag 24.1.
  • 76: Hadrian, römischer Kaiser †. Unternahm ausgedehnte Reisen durch sein weites Reich, förderte den Wohlstand und stärkte die Infrastruktur. „Da er nur wenige Kriege führte, war seine Regierungszeit für den weitaus größten Teil des Reichs eine Epoche des Friedens. Er verzichtete auf Eroberungen und gab die von Trajan im Partherkrieg gewonnenen Gebiete auf, womit er einen scharfen und umstrittenen Kurswechsel vollzog. Auf militärischem Gebiet konzentrierte er seine Bemühungen auf eine effiziente Organisation der Reichsverteidigung. Diesem Zweck dienten insbesondere seine Grenzbefestigungen, darunter der nach ihm benannte Hadrianswall. Überschattet wurde seine Regierungszeit jedoch von seinem gespannten Verhältnis zum Senat, in dem er viele erbitterte Feinde hatte.“ (Wikipedia)  (Eine utopische Idee aus der Vorzeit: Volker Braun, Neuer Zweck der Armee Hadrians). Schrieb ein bedeutendes, schwer übersetzbares Gedicht: Animula, vagula, blandula. (Text, Übersetzung und Kommentar hier)
  • 1670: William Congreve, englischer Dramatiker und Dichter *
  • 1712: Friedrich II., „der Große“, König von Preußen, Kurfürst von Brandenburg, Verächter der deutschen Literatur *. Schrieb Unmengen französischer Gedichte, die weder in Frankreich noch in Deutschland jemand groß aufregen.
  • 1732: Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, französischer Dramatiker *
  • 1746: Gustav III. von Schweden, schwedischer König *. „Er war gegen die Todesstrafe und führte 1778 ein Gesetz ein, das diese dem König vorbehielt. Er verhängte sie nie, was ihm scharfe Kritik wegen übertriebener Milde bei Sittlichkeitsdelikten einbrachte, da insbesondere die Ausübung der Homosexualität mit der Todesstrafe belegt zu werden pflegte. Er wurde verdächtigt, selbst homosexuell zu sein.“ (Wikipedia) Holte den Dichter Carl Mikael Bellman an seinen Hof.
  • 1776: E. T. A. Hoffmann, deutscher Schriftsteller, Jurist und Komponist, Kapellmeister und Musikkritiker, Zeichner und Karikaturist *
  • 1809: Carl Friedrich Zelter gründet in Berlin die erste deutsche Liedertafel.
  • 1852: Ján Kollár, slowakischer Lyriker, Altertumsforscher und Sprachwissenschaftler †
  • 1889: Victor Eftimiu, rumänischer Schriftsteller *
  • 1895: Albin Zollinger, Schweizer Schriftsteller * (Lyrikzeitung)
  • 1895: Eugen Roth, deutscher Lyriker und Erzähler * (Lyrikzeitung)
  • 1900: „Obwohl sie sich vom Berg bereits zurückgezogen haben, besiegt eine demoralisierte Buren-Armee im Zweiten Burenkrieg in der Kapkolonie die gleichfalls demoralisierten Briten, die in Unkenntnis der Lage in der Schlacht von Spion Kop ebenfalls abgezogen sind.“ (Wikipedia)
  • 1913: Wolf von Niebelschütz, deutscher Schriftsteller und Historiker *
  • 1935: In den Vereinigten Staaten kommt nach einer vorausgegangenen Testphase das erste Dosenbier, abgefüllt von der Brauerei Gottfried Krueger Brewery Company, in den Handel. (Wikipedia)
  • 1941: Neil Diamond, US-amerikanischer Sänger und Liedermacher *
  • 1947 (vor 70 Jahren): Felix Timmermans, belgischer Dichter und Maler †
    2007 (vor 10 Jahren): Wolfgang Iser, deutscher Literaturwissenschaftler † (Der implizite Leser, Der Akt des Lesens)
  • 2011: Peter-Paul Zahl, deutsch-jamaikanischer Schriftsteller † (Lyrikzeitung)
Mittwoch 25.1.
  • 390: Gregor von Nazianz, Bischof in Kappadokien, Kirchenlehrer, Heiliger und Dichter, Schutzpatron der Dichter †
  • 1635: Daniel Casper von Lohenstein, deutscher Dichter * (Lyrikzeitung)
  • 1640: Robert Burton, englischer Schriftsteller und anglikanischer Geistlicher †
  • 1759: Robert Burns, britischer Schriftsteller und Poet der Aufklärung * (Lyrikzeitung | Textkette)
  • 1776: Joseph Görres, deutscher Publizist*
  • 1777: Karoline Jagemann, deutsche Sängerin und Schauspielerin *. Über eine Intrige von ihr stürzte Goethe als Theaterdirektor. Nachfolgerin wurde Jagemann. Goethe war mit dem Herzog befreundet, aber Jagemann war seine Geliebte. Übrigens hat der junge Schopenhauer ein Liebesgedicht für sie geschrieben.
  • 1804: Antoni Edward Odyniec, polnischer Lyriker, Dramatiker und Übersetzer *
  • 1831: Ernst August Friedrich Klingemann, deutscher Schriftsteller der Romantik †. (Ihm werden die „Nachtwachen“ des Bonaventura zugeschrieben)
  • 1855: Dorothy Wordsworth, britische Poetin und Tagebuchautorin, Schwester von William Wordsworth † (Lyrikzeitung)
  • 1876: Herbert Eulenberg, deutscher Dichter und Schriftsteller *
  • 1882: Virginia Woolf, britische Schriftstellerin *
  • 1885: Kitahara Hakushū, japanischer Schriftsteller *
  • 1887: Johannes Carl, deutscher evangelischer Theologe, Konsistorialrat und Dichter †
  • 1889: Nakamura Kenkichi, japanischer Lyriker *
  • 1902: Nakano Shigeharu, japanischer Schriftsteller *
  • 1923: Eva Zeller, deutsche Schriftstellerin * (Lyrikzeitung)
  • 1925: Paul Pörtner, deutscher Schriftsteller und Übersetzer *
  • 1938: Wladimir Semjonowitsch Wyssozki, russischer Schauspieler, Dichter und Sänger *
  • 1986: Ernst Schnabel, deutscher Schriftsteller und Pionier des Radio-Features †
  • 1997: Karl Werner Aspenström, schwedischer Lyriker und Essayist †
  • 2012 (vor 5 Jahren): Knud Wollenberger, deutschsprachiger Lyriker dänischer Nationalität †
Donnerstag 26.1.

Viele Fußballer wurden am 26.1. geboren. Was war sonst?

  • 1275: Ulrich von Liechtenstein, mittelhochdeutscher Dichter †
  • 1628: Der kaiserliche Feldherr Wallenstein kauft heimlich die beiden Herzogtümer Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Güstrow, der Schlingel.
  • 1725: Johann Christopher Jauch, deutscher Theologe und Barockdichter †
  • 1725: Sulchan-Saba Orbeliani, georgischer Mönch, Politiker und Schriftsteller †
  • 1761: Jens Zetlitz, norwegischer Lyriker *
  • 1781: Achim von Arnim, deutscher Dichter der Heidelberger Romantik * (Lyrikzeitung)
  • 1783: Helmina von Chézy, deutsche Dichterin und Librettistin *
  • 1788: Erste Sträflingskolonie in Australen, Australia Day
  • 1793: Nicolas-Germain Léonard, französischer Dichter und Romanautor †
  • 1797 (vor 220 Jahren): Therese von Jacob, deutsche Schriftstellerin, Volksliedforscherin und Slawistin *
  • 1804: Delphine Gay, französische Dichterin *
  • 1833: Josef Barák, tschechischer Politiker, Journalist und Dichter *
  • 1849: Thomas Lovell Beddoes, britischer Dichter †
  • 1854: Eli Marcus, deutscher Schriftsteller und Schauspieler *
  • 1855: Gérard de Nerval, französischer Schriftsteller † (Lyrikzeitung)
  • 1859: Richard Wossidlo, deutscher Ethnologe *
  • 1863: Hans Fraungruber, österreichischer Schriftsteller *
  • 1865: Sabino Arana Goiri, spanischer Dichter und Politiker *
  • 1878: Rudolf Alexander Schröder, deutscher Schriftsteller * (Lyrikzeitung)
  • 1881: Alfons Paquet, deutscher Journalist, Schriftsteller und Dichter *
  • 1884: Edward Sapir, US-amerikanischer Ethnologe und Linguist *
  • 1891: Ilja Grigorjewitsch Ehrenburg, russischer Schriftsteller und Kriegsberichterstatter * (Lyrikzeitung)
  • 1915: Akaki Zereteli, georgischer Schriftsteller und Politiker †
  • 1935: Lee Baxandall, US-amerikanischer Schriftsteller, Übersetzer und Aktivist der Nudismusbewegung *
  • 1940: Rafael Martínez, kolumbianischer Sänger, Komponist und Dichter *
  • 1941: Jochen Missfeldt, deutscher Schriftsteller *
  • 1945: Ulrich Gumpert, deutscher Jazzmusiker *
  • 1948: Heinrich Sohnrey, deutscher Volksschriftsteller und Publizist †
  • 1948: Thomas Theodor Heine, deutscher Maler, Zeichner und Schriftsteller †
  • 1974: Siegfried von Vegesack, deutscher Schriftsteller †
  • 2003: Annemarie Schimmel, deutsche Islamwissenschaftlerin † (Lyrikzeitung)
  • 2014: José Emilio Pacheco, mexikanischer Schriftsteller † (Lyrikzeitung)
Freitag 27.1.

Animal Farm II: Welche Mitgliederliste?

L&Poe berichtete vergangene Woche, daß die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch, Literaturnobelpreisträgerin, das russische PEN-Zentrum verlassen hat. Einer Organisation, die der Staatsmacht die Stiefel lecke, schrieb sie, wolle sie nicht mehr angehören. Inzwischen behauptet der russische PEN in einer Antwort auf amerikanische Kollegen, Alexijewitsch sei nie Mitglied in ihrem Club gewesen. Und erklärt, sich für Oleh Senzow einzusetzen sei sehr schwierig, weil er wegen „terroristischer Akte“ verurteilt wurde. Gegenüber dem Spiegel sagte die Autorin, die auf Russisch schreibt und dem PEN schon zu Sowjetzeiten angehörte:

Und nun wurde sogar erklärt, ich sei gar kein Mitglied des PEN gewesen, weil ich Weißrussin und Russophobin sei.

SPIEGEL ONLINE: Kein Mitglied?

Alexijewitsch: Ja, einfach lächerlich.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange waren Sie dabei?

Alexijewitsch: Genau weiß ich es nicht mehr, aber seit den Perestroika-Jahren. Aus irgendwelchen Gründe bin ich vor vier oder fünf Jahren aus der Mitgliederliste verschwunden. Erst, als später jemand nachgefragt hat, wo ist Alexijewitsch geblieben, wurde ich wieder in die Liste aufgenommen – mit der Begründung, dass jemand mich zufällig gestrichen habe. Bizarr ist das.

Hier gibt es screenshots mit verschiedenen Stadien der Mitgliederliste. Orwell, übernehmen Sie!

Außer Alexijewitsch sind etwa 30 Autoren aus dem PEN ausgetreten. In dem Brief an die „lieben amerikanischen Freunde“ weist die Leitung darauf hin, daß nur 10% der Mitglieder protestierten – 90% hätten Vertrauen in die Politik des Clubs.

Zeitschriftenschau: Sinn und Form 1/2017

fullsizerender-41Sinn und Form verkörpert Gediegenheit und akademische Weihen. Insofern ist Johannes R. Bechers, des Gründers, Plan wohl aufgegangen. Maß und Wert sollte seine Zeitschrift heißen (man wies ihn darauf hin, daß es bereits eine Zeitschrift mit diesem Titel gab). Sinn und Form paßte auch. – Meine Rede ist ganz unironisch. Becher kannte seine Genossen und wußte schon vor Gründung der DDR, wohin die Reise geht. Er wollte eine weitgehend unabhängige, international konkurrenzfähige Zeitschrift und hat sie bekommen. Er setzte Peter Huchel als Chefredakteur ein, der bis 1962 ohne Vorzensur arbeiten durfte. Noch jeder seiner Nachfolger in der DDR, mochte der Kurs auch schwanken, war sich der Tradition bewußt.fullsizerender-47

Prominente Namen zieren jede Ausgabe. In der ersten des 69. Jahrgangs u.a. Yves Bonnefoy, Elisabeth Borchers, Giorgos Seferis, Helmut Heißenbüttel und Norman Manea. Elisabeth Borchers erinnert sich in Tagebuchnotizen an Marie Luise Kaschnitz, Jurek Becker, Wolf Biermann, Johannes Bobrowski (sie nennt ihn Hannes), Thea Sternheim, Pierre Jean Jouve, Georges Bataille, sie kannte und besuchte sie alle, sie erzählt von Besuchen in Ostberlin und vergißt auch ihre Zeit in BDM-Uniform („Wir sangen: Eh der Fremde dir deine Krone raubt, Deutschland, fallen wir Haupt bei Haupt.“) und den fälschlich vermeldeten „Heldentod“ des Vaters nicht.

fullsizerender-43Giorgos Seferis erinnert sich in Paris 1942 an eine riskante und strapaziöse Reise durch den Suezkanal nach Jerusalem. Erzählt von der Fahrt eines Seelenverkäufers unter Panama-Flagge von irgendeinem rumänischen Hafen mit 1000 Juden an Bord nach Haifa. Die (britischen) Behörden in Palästina wollen sie nicht haben aus Furcht vor den Arabern, sie fahren zurück nach Istanbul, wo die Türken sie nicht einmal stundenweise an Land lassen, nicht einmal eine Leiter darf das Schiff auswerfen, so daß Lebensmittel in Körben an Bord hochgeseilt werden müssen. Notgedrungen geht die Fahrt ins Schwarze Meer zurück: „Im offenen Meer dringt bei schwerer See Wasser ins Schiff, es sinkt. Gerettet wurden, wie man hört, nur vierzig. Was ist das für eine Kultur, unsere Kultur, daß so etwas geschehen darf.“fullsizerender-48

Tagebuchaufzeichnungen von Mopsa Sternheim über das Frauen-KZ Ravensbrück, von ihr im Mai-Juni 1945 in Schweden und dann bis 1954 in Frankreich und Deutschland verfaßt, schwer erträgliche Szenen, ergänzen die Zeitzeugenberichte.

Es folgt ein Block über Poésie bzw. Littérature Noire, wozu man neben afrikanischen Autoren auch lateinamerikanische zählen kann, wie Aimé fullsizerender-45Césaire (Martinique), der zusammen mit Léopold Sédar Senghor (Senegal), Léon-Gontran Damas (Französisch Guyana), Guy Tirolien (Guadelupe), Birago Diop (Senegal) und René Depestre (Haiti) das Konzept der Négritude entwickelte. Ernstpeter Ruhe schreibt über Aimé Césaires Wirkung „in den deutschsprachigen Ländern“, hauptsächlich ist es die Bundesrepublik, mit einem kurzen Anhang zur DDR. Wieder einmal zeigt sich, daß die Rezeption fremdsprachiger Literatur jenseits staatlicher Förderprogramme hauptsächlich an der Person engagierter Übersetzer hängt. In der Bundesrepublik war das Janheinz Jahn, „für den das fullsizerender-46erste Auftreten Léopold Sedar Senghors 1951 in Frankfurt zum Schlüsselerlebnis wurde“. Die neoafrikanische Dichtung wurde sein Lebensthema. 1954 erschien die Anthologie Schwarzer Orpheus, ein Buch mit afrikanischer Poesie als Bestseller. In für eine erste Bestandsaufnahme äußerst beeindruckender Fülle gibt es dort (die Entkolonialisierung hatte noch kaum begonnen, Ländernamen und -grenzen weichen z.T. beträchtlich von den heutigen ab) Texte von Autoren aus: Senegal, Liberia, Ghana, Nigeria, Benin, Kongo (Kinshasa), Südafrika, Lesotho, Malawi, Sambia, Ruanda, Kenia, Madagaskar, Kuba, Jamaika, Haiti, Puerto Rico, Guadelupe, Martinique, St. Lucia, Barbados, Trinidad und Tobago (beiden Landesteilen), Guyana (Cayenne), Guyana (Georgetown), Kolumbien, Ekuador, fullsizerender-44Peru, Brasilien und Uruguay. 1954! Die Pionierarbeit Jahns kann gar nicht genug gewürdigt werden. Jahn starb früh schon 1973. Jetzt kommt laut Ruhe der andere deutsche Staat ins Spiel. Aimé Césaire war 1956 aus der Französischen Kommunistischen Partei ausgetreten und damit für die DDR zur Unperson geworden. Der Übersetzer Klaus Laabs übernimmt die Staffette und veröffentlicht 1989 eine erste Auswahl in der Weißen Lyrikreihe des DDR-Verlages Volk und Welt. (Zuvor, 1986, hatte es schon ein Heft der Poesiealbum-Reihe gegeben.) „Nach vielen Einzelpublikationen von Gedichten steht nun eine weit umfassendere, fullsizerender-39wiederum zweisprachige Edition kurz vor dem Erscheinen. Sie läßt hoffen, daß den deutschsprachigen Lesern eines Tages Césaires gesamte Lyrik zugänglich sein wird.“

Spannend(er) und Jahrzehnte voraus die Rezeption in der französischen Literatur (für die er nicht übersetzt, aber doch einmal entdeckt werden mußte). André Breton floh 1941 vor den Nazis nach Amerika via Martinique. Dort fand er in einem Kurzwarenladen ein lokales Zeitschriftenheft mit Gedichten Césaires, die ihn elektrisierten. Sie lernten sich dann kennen und beeinflußten einander – ein fullsizerender-42beidseitiger Vorgang. Der eurozentrische Blick sieht gern den (zeitweiligen) surrealistischen Einfluß auf Césaire. Ruhe schreibt: „Breton dagegen wurde nachhaltig durch die Begegnung mit der kämpferischen Lyrik Césaires geprägt und ließ fortan ein Thema in Gedichten zu. Seine »Ode an Charles Fourier« macht den Konzeptionswandel schon im Titel offensichtlich.“ Césaire wiederum: „Paßt Ihr Euch an mich an. Ich passe mich nicht an Euch an.“

In Jahns Sammlung von 1954 erhält Césaire 14 Seiten, mehr als jeder andere Dichter. Schon 1956 veröffentlichte er einen ersten zweisprachigen Lyrikband des Autors, mit dem er intensive Arbeitskontakte pflegte. 1960 veranstaltete die fullsizerender-38Akademie der Schönen Künste in München das erste deutsch-afrikanische Dichtertreffen. Ruhe urteilt, Césaires Eröffnungsrede habe bis heute nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. 1961 wurden Césaire und Senghor Mitglieder der Bayerischen Akademie und hielten ihre Antrittsreden über Poesie. Während Senghors Rede in der Akademiereihe gedruckt wurde, ist die Césaires verlorengegangen. Das Politische überwog offensichtlich (Senghor war Präsident des nun unabhängigen Senegal).

Der zweite Beitrag zum Thema Afrika kommt von dem französisch-fullsizerender-42kongolesischen Autor Alain Mabanckou, es ist seine Antrittsvorlesung am Collège de France. Ich stelle die Titel der beiden Beiträge zusammen: Die Vitalität der Poésie noire (Ruhe). / „Lettres noires“. Afrikanische Literaturen heute (Mabanckou). Der Afrikaschwerpunkt in Sinn und Form ist nicht allein informativ, er bietet viel Stoff zum Nachdenken über bewußtes Benennen und Unterscheiden. Eine Liste der von ihm verwendeten Begriffe beim Schreiben der Literaturgeschichte der kolonialen und postkolonialen Zeit in ihrer Verschränktheit mit der europäischen Politik (in zwei thematisch-chronologischen Kreisen):

  1. Kongreß der schwarzen Rasse, 1919 – der erste roman nègre (Negerroman), 1921 – Kongreß der Schwarzen Schriftsteller und Künstler, 1956 (damals wurde Paris „zum Leuchtturm der Schwarzen Welt“) – Mitte der 70er Jahre fand die uneingeschränkte Zuwanderung von Frankreich nach Afrika ein Ende, „Beginn einer Politik, die den Anderen als Ursache für die Schwierigkeiten Europas betrachtete“ – aber den teils schon in Frankreich geborenen „Schwarzen Frankreichs“ blieb die Frage, wohin sie nun gehörten – in den 80er Jahren fanden sie Platz in der Geschichte Frankreichs – in der Euphorie über die gewonnene Fußballweltmeisterschaft 1998 sah sich Frankreich als schwarz-weiß-arabische Mischkultur („Black-Blanc-Beur“) – und heute ist man immer noch unfähig, „sich Frankreich als eine Nation vorzustellen, die verschiedenartig und vielfältig und genau deshalb reich und groß ist“. – Bin ich ein Congaulois? (Mischwort aus Kongolesisch und Gaulois, Gallisch)
  2. Die Literatur Schwarzafrikas und die französische Kolonialliteratur sind fullsizerender-40untrennbar miteinander verbunden. Diese Kolonialliteratur hat eine Littérature nègre gezeugt, „der es gelang, den vom Okzident verbotenen oder konfiszierten eigenen Ausdruck durchzusetzen“, wenn auch vielfach unter Bevormundung oder unter Entfremdung, bis es mit der Négritude zum offenen Bruch kam.
    Zeit der Entdeckungsreisen ab 16. Jahrhundert (Leo Africanus). Welle von Forschungs- und Abenteuerfiktionen. „Da das Wissen ihr wesentliches Merkmal war, mußten die Fiktionen der Afrikaforschung den Gegenstand auf ihre Weise überhöhen und ihn mit vorhersehbarem Ungeschick als einen ganz besonderen, fremdartig-faszinierenden Kontinent darstellen.“ – Danach begleitete eine sog. exotische Literatur die kolonialen Eroberungen des 19. Jh. (kein Gegensatz zur Kolonialliteratur, sond. spätere Etappe). Jean-Marie Seillan, Joseph Conrad. Die in der kolonialen Propaganda Dargestellten sprachen noch nicht. Zur Hochzeit bezeichnete man die Kolonialliteratur schlicht als littérature africaine. Dann nacheinander: négrophile / esclavagiste / exotique / coloniale

Man muß das Klischee überwinden, wonach die Kolonialliteratur im wesentlichen von den Kolonisatoren verfaßt wurde. Einheimische sprachen mit, um es den anderen nicht zu überlassen. Dadurch werde der afrikanische Roman der Zeit nicht dem französischen Diskurs eingegliedert, im Gegenteil.

Die französische Literatur der Kolonien oder über die Kolonien grenzte sich von der exotischen Literatur ab, sie setzte das genaue Kennen, Erlebthaben voraus. Robert Randau, wie Kipling in den Kolonien geboren. Anders als die kurz Durchreisenden. Manche Reisende prangerten das Kolonialsystem an (André Gide, Michel Leiris), die Kolonialliteratur verteidigte es. Gide provozierte sowohl die kolonialistische Linke wie die kolonialistische Rechte.

Die Kolonisierung hat eine afrikanische Literatur in französischer Sprache hervorgebracht, aber die profitierte auch vom frischen Wind aus Amerika, wo Schwarze für ihre Rechte kämpften. In den 20er/30er Jahren kamen viele wegen der Rassentrennung ins Exil nach Europa. Die nach Paris verlegte Harlem Renaissance stärkte das schwarze Denken in den USA und beförderte die Emanzipation der schwarzen Studenten in Frankreich. Um 1956 knüpften manche an die Kolonialliteratur an, indem sie die Kolonialherrschaft beschrieben, dekonstruierten, aber auch einen neuen Blick auf den kolonisierten Raum warfen. Beispiel Bernard Dadié „Un nègre à Paris“, worin ein Afrikaner in „umgekehrtem Exotismus“ die westliche Kultur seziert.

Soweit das Skelett dieses Teils der Rede. In der zweiten wird eine neue Chronik aufgemacht, von den senegalesischen Mestizen Léopold Panet und David Boilat 1850/53 über die Négritude mit der Interaktion: „André Breton schreibt ein Vorwort für Aimé Césaire, Jean-Paul Sartre für Senghor – später auch für Frantz Fanon – und Robert Desnos für Damas.“ – bis heute. Wegen seiner Kolonialgeschichte hat Frankreich da einen Vorteil, zumindest im idealen Raum geistiger Beziehungen. Wir aber haben viel nachzuholen. (Während populistische Politiker und Richter von aufgezwungener Völkermischung faseln.)

Diese Umschau ist so lang geworden, daß ich in der nächsten Ausgabe eine Fortsetzung bringen werde. Da ist noch mehr drin!

Michael Gratz

Sinn und Form 2017-01

Ein guter Tag für Fußballer

Geburtstag am 26. Januar haben

Geboren am 25.1.

Animal Farm I

Russischer Dichter wird erneut wegen eines Gedichts zur Unterstützung der Ukraine angeklagt.

Am 17.1.2017 wurde das Haus von Alexander Byvshev in Komy (Oblast Oryol, Südwestrussland) durchsucht, und sein Computer zusammen mit zahlreichen Speichermedien beschlagnahmt.

Der Dichter war bereits 2015 wegen eines ähnlichen Gedichts zu 300 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden und verlor darauf hin seinen Job.

Eine bei der lokalen Universität bestellte „linguistische Analyse“ seines Gedichtes hatte damals ergeben, dass sich der „feindliche Charakter des Werks in Äußerungen zu russischen staatlichen Organen und Präsident Putin“ zeigen würde, so hieß es dort: „Keinen Fußbreit der Krim an Putins Tschekisten“. Außerdem würde das Gedicht Russen herabwürdigen, weil in diesem die auf die Krim einmarschierenden Soldaten als „Bande von Moskalen“ bezeichnet wurden.

Das angesehene russische Antirassismus-Zentrum „SOWA“ widersprach der Analyse, und wies darauf hin, dass sich das Schimpfwort in diesem Fall nicht gegen Russen als Ethnie, sondern gegen eine konkrete Aktivität richtete. Dieser Einwand wurde vom Richter jedoch mit dem Hinweis abgetan, die Analyse der Universität würde genügen.

Auch die Umstände des Verfahrens erinnerten an sowjetische Prozesse: Es wurden 40 Zeugen befragt, die sich durch das Gedicht angeblich beleidigt fühlten – sich aber auf Nachfrage an nicht eine einzige Zeile des Gedichts erinnern konnten.

Ein bedenklicher Nebenaspekt der Strafverfolgung zeigte sich daran, dass der russische Wikipedia-Eintrag des Dichters noch vor dem eigentlichen Urteil gelöscht, und bisher nicht wiederhergestellt wurde.

— Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe (KhPG)

Deutsch: Berliner Osteuropaexperten

Ausführlichere Meldung mit weiteren Linbks auf Englisch hier

L&Poe ’17-02

Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,

img_4431seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. In den nächsten Wochen werde ich Logo und Leitbegriffe und -motive der alten und neuen Lyrikzeitung erörtern: Digest, Poe, Pound, die tödliche Dosis und die Flöte. In der heutigen Ausgabe: Sanjosé, Kandinsky, Rilke, Rinck, Rumi, Shakespeare, Ingold, Jandl, Landt, Papenfuß, Zoff im russischen PEN-Club und manches andere. Lesen!

Als Ganzes lesen    

Die Themen in dieser Ausgabe

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Das neue Gedicht

Àxel Sanjosé

Die Zungen zucken
von den nichtgesagten Flüchen,
den vergessenen Lauten,
den Sümpfen der Vorfahren,
den Tälern, Buchten, Geröllwüsten.
Was für Chöre,
wie Natur aber mit Splittern,
hineingerufen in die Abende
oder das Rauschen,
Narben und Scherben,
ein Glossar der Herkunft:
Funde und Verluste.
Beim Zurückblicken Krümel für Vögel,
in unserem früheren Dialekt
bildeten wir die Vergangenheitsform
durch Halbieren der Wörter.

Dieses unveröffentlichte Gedicht stellte Àxel Sanjosé freundlicherweise zur Verfügung (Initialtext für ein Kooperationsprojekt mit Ayna Steigerwald).
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In Syrien

… steht nicht nur zur Debatte, wie Bürger noch einem Staat zugehörig sein können, der seine eigenen Städte bombardiert und damit an seinem eigenen Verfall arbeitet. / Über den syrischen Dichter Ra’id Wahsh hier
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Kandinsky 1 – Empfohlen von F. Ph. Ingold

Mit dem Band „Vergessenes Oval“ wird Kandinskys absurdistische Dichtung nun vollständig zugänglich gemacht. Das ist verdienstvoll und sollte Anlass zu einer umfassenden Würdigung des Malers als Wortkünstler sein. (…)  So sehr diese gravierenden Defizite zu bedauern sind, sie sollten das Interesse und das Vernügen an Kandinskys fabulösen Dichtwerken gleichwohl nicht trüben. Mehr

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Kandinsky 2 – Abgeraten von F. Ph. Ingold (?)

In der NZZ empfiehlt Felix Philipp Ingold die Lyrik Kandinskys, aber nicht unbedingt die Ausgabe, in der sie präsentiert wird.

Schreibt Perlentaucher. Aber stimmt das? Empfiehlt er etwa eine nichtvorhandene ideale Ausgabe? Stehen die Großverlage Schlange, um uns nach 90 und mehr Jahren unverzüglich das lyrische Werk des großen Malers zu präsentieren? Tun sie leider nicht. Alexander Graeff, Alexander Filyuta und das Verlagshaus Berlin haben uns dieses Werk zugänglich gemacht. Bitte unbedingt diese Ausgabe lesen. (Lesen Sie in der vorigen Nachricht, was Ingold wirklich gesagt hat).
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Irseer Pegasus

Kai Bleifuß erhält für seinen Text „Fünf Variationen auf das Unsagbare“ den Autorenpreis Irseer Pegasus. Der Jurypreis Irseer Pegasus geht an David Krause für Auszüge aus „Eine andere Brechung des Lichts“. Mehr
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Nature Writing

Marion Poschmann erhält den Deutschen Preis für Nature Writing. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird zum ersten Mal vom Verlag Matthes & Seitz Berlin in Kooperation mit dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) vergeben. Die Begründung der Jury hat es in sich. / Schreibt das Börsenblatt für den deutschen Buchhandel
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In den „Duineser Elegien“

ist für mich der ganze Husserl, Heidegger, die frühe Existenzphilosophie drin. Rilke entwickelt hier eine Ontologie, die man auf das erste Hören hin nicht verstehen kann, aber auch nicht verstehen muss. Deshalb ist die Musik so wichtig. Es ist ja heute fast ein Zwang, alles verstehen zu müssen. Wir gehen einen anderen Weg. / Mehr
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Zum Festival Poetica 3

… in Köln spricht Michael Köhler mit Kuratorin Monika Rinck: „Ich würde sowohl einem uninformierten Gefühl wie auch einem komplett gefühllosen Gedanken misstrauen. Und das, was ein Gedicht eben zu einem Objekt von Interesse macht, ist, dass es beides verbindet, dass es eben die Relationen in den Blick rückt, mit denen man es zu tun hat.“ Mehr
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Rumi beyond our preconceptions

His books are also riddled with footnotes. Reading them requires some effort, and perhaps a desire to see beyond one’s preconceptions. That, after all, is the point of translation: to understand the foreign. As Keshavarz put it, translation is a reminder that “everything has a form, everything has culture and history. A Muslim can be like that, too.” / Mehr
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Krimi und Lyrik
  • Eine sehr britische Kritikerschlacht um die Krimiserie Sherlock geführt in Versen hier
  • Viel Jandl im Tatort hier

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Gestorben
  • Am 7.  der litauische Fotograf und Dichter Paulius Normantas
  • Am 8. die serbische Dichterin und Schriftstellerin Jovanka Nikolić (64)
  • Am 8. der spanische Schriftsteller José Ignacio Montoto (37)
  • Am 11. der amerikanische Dichter Conrad Hilberry (88)

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Die Shakespeare-Leseecke

geht weiter mit Sonett #20: A Womans face with natures owne hand painted, deutsch von Stefan George: Ein frauenantlitz das Natur selbsthändig Gemalt. Aus dem Kommentar:

„Quaint“ war damals ein Slangausdruck für das weibliche Geschlechtsorgan: „thou hast a womans heart but not a quaint“. Das Wortspiel erscheint nicht so fernliegend, da das Sonett ab V. 11 auf die Pointe des „hinzugefügten“ Teils hinausläuft. Nicht einmal George konnte das mitübersetzen. – Wer keine Fußnoten liest, liefert sich den Entscheidungen irgendwelcher Vordenker aus.

 Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen

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Chodassewitschs Prosa

Dieser Dichter, der größte unserer Zeit, ein literarischer Nachfahre Puschkins in der Linie Tjutschews, wird der Stolz der russischen Dichtung bleiben… Mehr
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Zoff im russischen PEN-Club

Inzwischen traten der Dichter Lew Rubinstein und die Autoren Aleksandr Ilitschewski und Boris Akunin aus der Organisation aus, vorgestern auch die Nobelpreisträgerin von 2015, Swetlana Alexijewitsch. Akunin warf dem PEN vor, daß er sich nicht für verfolgte Autoren einsetze und deshalb nichts mit der internationalen PEN-Organisation gemein habe. Mehr
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Neue Zeitschriften
  • Sprache im technischen Zeitalter 220: Matthias Göritz stellt ein Langgedicht von Chigozie Obioma aus Nigeria vor und zitiert in der Einleitung Hendrik Rost: „Ein politisches Gedicht ist auf jeden Fall ein Gedicht, das ich verstanden habe, wenn ich es lese.“ Vielleicht ist es das. Ich kam mir ein bißchen wie Brecht vor, als er die Gedichte von 400 feinsinnigen (bürgerlichen) Dichtern verwarf und stattdessen ein Gedicht aus einer Sportzeitung auszeichnete. Ich habe das Gedicht aus Nigeria, aus Biafra, 1968 und heute, auf einen Ritt durchgelesen und es hat mir etwas mitgeteilt, das mir wichtig war. Mehr
  • Risse Sonderheft 8/2016 featuring Jürgen Landt hier
  • Abwärts! 17/ 2016 – Was hat mich an den religiösen Schwärmern der frühen Neuzeit gereizt? Ich habe in ihnen – z.B. Quirinus Kuhlmann (…) – ein Äquivalent zu heutigen (gestrigen) Punks, Autonomen und sonstigen Sozialrebellen gesehen. Mich hat nie ihre Religiosität interessiert, Spiritualität ist mir brenne – sondern ihre Abgefahrenheit. (…) Kuhlmanns Kühlpsalter ist purer Rock’n’Roll. Mehr

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Kurz gesagt
  • Ich habe immer nur dann Gedichte geschrieben, wenn es mir seelisch sehr schlecht ging, wenn ich mit dem Gesicht an der Wand stand und in den Spiegel schauen musste. Sie werden verstehen, dass ich lieber Stücke schreibe. Da kann man sich hinter seinen Figuren verstecken. / Peter Turrini, Die Presse
  • Fellow Bay Area Beat poet Diane di Prima called David Meltzer “one of the secret treasures on our planet. Great poet, musician, comic; mystic unsurpassed, performer with few peers.” mehr

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Kurz berichtet
  • Der Günter-Eich-Preis 2017 für das Lebenswerk eines Hörspiel-Autors geht an Friederike Mayröcker / Leipziger Medienstiftung
  • Der Internationale Johann-Gottfried-Seume-Verein „ARETHUSA“ e. V. Grimma schreibt den Johann-Gottfried-Seume-Literaturpreis aus (3.000,- €.) Mehr
  • Der Kunstraum Makroscope an der Friedrich-Ebert-Straße 48 stellt sämtliche Gedichte des Düsseldorfer Schriftstellers A.J. Weigoni unter dem Titel „Der Schuber“ vor. Am Samstag, 21. Januar, findet die Vorstellung des Schubers im Rahmen einer Ausstellung mit Holzschnitten des Neheimer Künstlers Haimo Hieronymus und dem Klangwerk „Unbehaust“ von Tom Täger (Mülheim) statt. Beginn ist um 20 Uhr, Einlass 19.30 Uhr, Eintritt frei. / mehr

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Wiki Wiki

Warum zwei Wikis besser sind als ein Wiki (und drei besser als zwei) am Fallbeispiel hier erörtert.
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Kalendarium
  • Von Spenser bis zum Lenz-,  zum Inaugurations-, zum Flüchtlingstag mit vielen Namen und Links hier

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Meine Tweets der Woche
  •  „Harry Potter und die verwunschene Kunst, Artikel vor dem Kommentieren ganz durchzulesen“ 
  • „Translating Translating Apollinaire (Gallifreyan)“—(the poem „Zone“ by Guillaume Apollinaire, translated into the language of Dr. Who): 
  • We had a great News Conference at Trump Tower today. A couple of FAKE NEWS organizations were there but the people truly get what’s going on 
  • Säufer, schwächelnde Generale, Selbstdarsteller: Die USA haben schon manch skurrilen Präsidenten überstanden. 

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Rückblende L&Poe September 2001

Ernst Jandl macht einen Vorschlag wider die Hetzerei gegen Ausländer. Thomas Kling lebt und bringt den Müll runter. Horaz und Pound sind tot. Kontroverse Gedichte sind lebensgefährlich und die Schweizer kein poetisches Volk. Dies und viel mehr hier. Alle bisherigen Rückblenden hier.
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Zuguterletzt die wöchentliche Poetopie

des Berliner Schriftstellers Hansjürgen Bulkowski.

eine Zeitung verrät mehr Wirklichkeit als sie selbst mitteilen will

Seit 2013 versendet der Berliner Autor wöchentlich einen Aphorismus als Poetopie per eMail, 2013-16 sonntags in der Lyrikzeitung und von nun an jeden Freitag im L&Poe-Digest.

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Kalendarium 2-2017

13.1.
  • 1599 † Edmund Spenser, englischer Dichter, Namensgeber der Spenserstrophe
  • 1749 * Maler Müller (Friedrich Müller), deutscher Maler, Kupferstecher und Dichter der Empfindsamkeit und des Sturm und Drang. Geheiligt sey, o Bach! den sanften süßen Schmerzen, / Den Schmerzen, wie mein Herz sie fühlt. / Dein sanftes Murmeln weck die Zärtlichkeit dem Herzen, / Dem Herzen, das die Liebe fühlt! Mehr
  • 1782: Am Nationaltheater Mannheim wird Friedrich Schillers Drama Die Räuber uraufgeführt (vor 225 Jahren). Vorsichtshalber hatte der Regisseur das Stück 300 Jahre vorverlegt, aber da der Hauptdarsteller August Wilhelm Iffland in zeitgenössischer Kleidung auftrat, kam es zu einem Skandal wegen der unverblümten Kritik an der Feudalherrschaft. „Das Theater glich einem Irrenhaus, rollende Augen, geballte Fäuste, heisere Aufschreie im Zuschauerraum. Fremde Menschen fielen einander schluchzend in die Arme, Frauen wankten, einer Ohnmacht nahe, zur Tür. Es war eine allgemeine Auflösung wie ein Chaos, aus dessen Nebeln eine neue Schöpfung hervorbricht.“
  • 1897 * Gerty Spies, deutsche Schriftstellerin
  • 1898 * Kaj Munk, dänischer Pastor, Poet, Gegner Hitlers und Märtyrer, wurde auf Befehl Himmlers erschossen.
  • 1907 * Stanisław Wygodzki, polnisch-jüdischer Schriftsteller und Übersetzer, überlebte Auschwitz und andere Lager. 1968 wegen der antisemitischen Politik der polnischen Führung nach Israel ausgewandert.
  • Am 13. 1941 † James Joyce, irischer Schriftsteller (Lyrikzeitung | Textkette)

14.1.

  • 1622 * Jean-Baptiste Molière, französischer Dramatiker und Theaterdirektor (395. Geburtstag)
  • 1700 * Christian Friedrich Henrici, deutscher Schriftsteller, Lyriker und Librettist, Textdichter Johann Sebastian Bachs
  • 1870 * Ida Dehmel, deutsche Lyrikerin und Frauenrechtlerin (Textkette)
  • 1898 † Lewis Carroll, britischer Schriftsteller (Alice im Wunderland), Mathematiker und Fotograf (Lyrikzeitung)
  • 1908 † Holger Drachmann, dänischer Maler und Dichter
  • 1912 * Rudolf Hagelstange, deutscher Schriftsteller
  • 1944: † Hans Schiebelhuth, deutscher Schriftsteller und Dichter des Expressionismus, Übersetzer aus dem Chinesischen (Lyrikzeitung)
  • 1971 † Heinrich Anacker, schweizerisch-deutscher Schriftsteller, glühender Hitler-Verehrer
  • 1977 † Anaïs Nin, US-amerikanische Schriftstellerin
15.1.
  • 1711 * Sidonia Hedwig Zäunemann, deutsche Dichterin (Lyrikzeitung)
  • 1791 * Franz Grillparzer, österreichischer Schriftsteller
  • 1795 * Alexander Sergejewitsch Gribojedow, russischer Diplomat und Dichter
  • 1850 * Mihai Eminescu, rumänischer Dichter (Lyrikzeitung)
  • 1869 * Stanisław Wyspiański, polnischer Dramatiker, Poet, Maler und Architekt
  • 1889 * Walter Serner, aus Böhmen stammender Schriftsteller, Dadaist. 1913 mit einer plagiierten Arbeit in Greifswald zum Dr. jur. promoviert. Mit dem – wiewohl juristischen – Doktortitel gelang es ihm 1914, dem Dichter Franz Jung die Flucht vor dem Kriegsdienst zu ermöglichen. Manifest „Letzte Lockerung“ löste 1919 in Zürich einen Skandal aus. „Dichtung ist und bleibt ein, wenn auch höherer, Schwindel. Ich lege Wert darauf, das zum ersten Mal ausgesprochen zu haben. Menschen gestalten, heißt: sie fälschen.“ (Lyrikzeitung)
  • 1891 * Ossip Emiljewitsch Mandelstam, russischer Dichter
  • 1895 * Geo Milew, bulgarischer Literaturkritiker und Dichter
  • 1919 Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. „Der Mann ward zum Sieb, die Frau / mußte schwimmen, die Sau, / für sich, für keinen, für jeden – / Der Landwehrkanal wird nicht rauschen. / Nichts / stockt.“ (Paul Celan)
  • 1922 * Franz Fühmann, deutscher Schriftsteller (22 Tage oder Die Hälfte des Lebens) (Lyrikzeitung)
  • 1939: * Hartmut Geerken, deutscher Musiker, Schriftsteller und Komponist, Publizist, Hörspielautor und Filmemacher (Lyrikzeitung)
  • 1941 * Captain Beefheart, US-amerikanischer Rock- und Bluesmusiker
  • 1955 † Johannes Baader, deutscher Architekt, Schriftsteller, Dadaist und Aktionskünstler, Oberdada
  • 2009 † Maurice Chappaz, Schweizer Schriftsteller
16.1.
  • 1747 † Barthold Heinrich Brockes, deutscher Schriftsteller und Dichter. „Irdisches Vergnügen in Gott“. „der erste wirkliche Realist und Kirchenvater deutscher Naturbeschreibung“ (Arno Schmidt) (Lyrikzeitung)
  • 1874 * Robert W. Service, kanadischer Dichter und Novelist
  • 1888 * Ossip Maximowitsch Brik, russisch-sowjetischer Avantgarde-Schriftsteller, Freund Majakowskis
  • 1912 Georg Heym, deutscher Schriftsteller, Lyriker des frühen literarischen Expressionismus, beim Eislaufen in der Havel ertrunken (Lyrikzeitung | Textkette)
  • 1935 * Inger Christensen, dänische Dichterin (Lyrikzeitung)
  • 1969: Der Student Jan Palach verbrennt sich aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei auf dem Prager Wenzelsplatz selbst.
17.1.
  • 1584 * Diederich von dem Werder, deutscher Übersetzer, Epiker und Lyriker
  • 1820 * Anne Brontë, britische Schriftstellerin
  • 1830 † Wilhelm Waiblinger, deutscher Dichter und Schriftsteller
  • 1914 William Stafford, amerikanischer Dichter und Pazifist, in Hutchinson, Kansas, geboren
  • 1936 * Klaus M. Rarisch, deutscher Lyriker
  • 1946 * Frank Geerk, Schriftsteller, Dichter
  • 1962 † Gerrit Achterberg, niederländischer Dichter
  • 1964 * Raoul Schrott, österreichischer Schriftsteller (Lyrikzeitung)
  • 1965 † Hans Marchwitza, deutscher Arbeiterdichter, Schriftsteller und Kommunist
  • 1989 † Georges Schehadé, libanesischer Dichter und Dramatiker
  • 2001 † Gregory Corso, US-amerikanischer Dichter (Lyrikzeitung)
  • 2002 † Camilo José Cela, spanischer Schriftsteller und Nobelpreisträger
  • 2004 † Czesław Niemen, polnischer Rocksänger
  • 2010 † Kurt Bartsch, deutscher Lyriker, Dramatiker und Prosaautor (Lyrikzeitung)
18.1.
  • 1547 † Pietro Bembo, italienischer Humanist, Kardinal und Gelehrter, Theoretiker der italienischen Literatursprache
  • 1867 * Rubén Darío, nicaraguanischer Schriftsteller und Diplomat
  • 1914 * Arno Schmidt, deutscher Schriftsteller und Übersetzer
  • 1936 † Rudyard Kipling, britischer Schriftsteller und Journalist, Nobelpreisträger (Lyrikzeitung)

19.1.

  • Welttag des Migranten und Flüchtlings
  • 1576 † Hans Sachs, deutscher Schuhmacher, Sänger und Dichter
  • 1729 † William Congreve, britischer Dramatiker und Dichter
  • 1809 * Edgar Allan Poe, US-amerikanischer Schriftsteller. „Philosophy of Composition“. „The Raven“. Heimlicher Namensgeber der Lyrikzeitung. Quoth the raven: nevermore. (Lyrikzeitung)
  • 1829: Eine stark veränderte und gekürzte Fassung von Johann Wolfgang von Goethes Drama Faust. Eine Tragödie. wird am Hof-Theater in Braunschweig von Ernst August Klingemann uraufgeführt.
  • 1873* Dr. Owlglass, deutscher Arzt, Schriftsteller und Lyriker
  • 1874 † August Heinrich Hoffmann von Fallersleben, deutscher Germanist und Dichter (Deutsche Nationalhymne)
  • 1877 * Fráňa Šrámek, tschechischer Dichter, Schriftsteller und Dramatiker
  • 1919 * Joan Brossa, spanisch-katalanischer Dichter, Schriftsteller, Dramatiker, Graphik- und Plastikkünstler
  • 1923 * Eugénio de Andrade, portugiesischer Lyriker
  • 1925 * Werner Riegel, deutscher Lyriker und Essayist (Zeitschrift „Zwischen den Kriegen“)
20.1.
  • Den 20. ging Lenz durchs Gebirg. Die Gipfel und hohen Bergflächen im Schnee, die Täler hinunter graues Gestein, grüne Flächen, Felsen und Tannen. Es war nasskalt, das Wasser rieselte die Felsen hinunter und sprang über den Weg. Die Äste der Tannen hingen schwer herab in die feuchte Luft. Am Himmel zogen graue Wolken, aber alle so dicht, und dann dampfte der Nebel auf und strich schwer und feucht durch das Gesträuch, so träg, so plump. Er ging gleichgültig weiter, es lag ihm nichts am Weg, bald auf- bald abwärts. Müdigkeit spürte er keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, dass er nicht auf dem Kopf gehen konnte.
  • Inauguration Day. Donald Trump als Präsident vereidigt
  • 1586: * Johann Hermann Schein, deutscher Musiker und Komponist
  • 1813 † Christoph Martin Wieland, deutscher Dichter, Übersetzer
  • 1850 † Adam Oehlenschläger, dänischer Nationaldichter der Romantik 
  • 1859 † Bettina von Arnim, deutsche Schriftstellerin der Romantik 
  • 1902 * Nazım Hikmet, türkischer Schriftsteller (Lyrikzeitung)
  • 1925 * Eugen Gomringer, Schweizerischer Schriftsteller, geboren in Bolivien, Vater der Konkreten Poesie (lyrikzeitung)
  • 1925 * Ernesto Cardenal, nicaraguanischer Theologe und Politiker
  • 1930 * Edeltraud Eckert, deutsche Schriftstellerin, starb 1955 an den Folgen eines Arbeitsunfalls im Gefängnis Hoheneck. Ihre Gedichte wurden erst 2005 veröffentlicht. (lyrikzeitung)
  • 1930 * Egon Bondy, tschechischer Dichter und Philosoph
  • 1950 * Edward Hirsch, amerikanischer Dichter, geboren in Chicago, Illinois
  • 1963 * Guy Helminger, Luxemburger Schriftsteller (Lyrikzeitung)

Zoff im russischen PEN

Prominente russischsprachige Autoren verlassen den PEN-Club aus Protest gegen den Ausschluß des Journalisten und Aktivisten Sergej Parchomenko. Parchomenko wurde ausgeschlossen wegen „provokativer Handlungen“. Er selber schrieb auf der Website des Senders Echo Moskwy, man habe ihn dafür bestrafen wollen, daß er das Russische PEN-Zentrum kritisiert habe, weil es sich nicht für den ukrainischen Filmemacher Oleh Senzow eingesetzt habe. Senzow, der von der Krim stammt, sitzt in einem russischen Gefängnis eine 20jährige Haftstrafe wegen „Vorbereitung terroristischer Akte“ ab. Senzow hatte gegen den Anschluß der Krim an Rußland protestiert, bestreitet aber die Vorwürfe. Die USA, die EU und Amnesty International hatten gegen Verhaftung, Prozeß und Verurteilung Senzows protestiert.

Am 10. Januar bestritt der russische PEN-Präsident Jewgeni Popow, daß es eine Spaltung der Organisation gebe. Es gebe 400 Mitglieder, aber „nur einen Parchomenko“.

Inzwischen traten der Dichter Lew Rubinstein und die Autoren Aleksandr Ilitschewski und Boris Akunin aus der Organisation aus, vorgestern auch die Nobelpreisträgerin von 2015, Swetlana Alexijewitsch. Akunin warf dem PEN vor, daß er sich nicht für verfolgte Autoren einsetze und deshalb nichts mit der internationalen PEN-Organisation gemein habe. / Radio Free Europe / Radio Liberty

Außerdem veröffentlichten die PEN-Mitglieder Maksim Amelin, Aleksandr Archangelski, Denis Dragunski, Timur Kibirow, Nikolai Kononow, Maija Kutscherskaja und andere eine Erklärung, in welcher die Entscheidung des Vorstands beschämend genannt und eine außerordentliche Dringlichkeitssitzung des PEN in Moskau gefordert wird. Eine Reihe anderer Autoren, darunter Wladimir Sorokin und Olga Romanowa, schlossen sich der Erklärung an. / Colta.ru

Leseecke 20

FullSizeRenderLeseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 15-21 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.

20

A Womans face with natures owne hand painted, 
Haste thou the Master Mistris of my passion,
A womans gentle hart but not acquainted
With shifting change as is false womens fashion,
An eye more bright then theirs, lesse false in rowling:
Gilding the obiect where-vpon it gazeth,
A man in hew all Hews in his controwling,
Which steales mens eyes and womens soules amaseth.
And for a woman wert thou first created,
Till nature as she wrought thee fell a dotinge,
And by addition me of thee defeated,
By adding one thing to my purpose nothing.
   But since she prickt thee out for womens pleasure,
   Mine be thy loue and thy loues vse their treasure.

Einige Anmerkungen zum Text:

1 painted a) gemalt b) geschminkt

Master Mistris Malone 1780 verbessert master-mistress

acquainted: „Quaint“ war damals ein Slangausdruck für das weibliche Geschlechtsorgan: „thou hast a womans heart but not a quaint“. Das Wortspiel erscheint nicht so fernliegend, da das Sonett ab V. 11 auf die Pointe des „hinzugefügten“ Teils hinausläuft. Nicht einmal George konnte das mitübersetzen. – Wer keine Fußnoten liest, liefert sich den Entscheidungen irgendwelcher Vordenker aus.

4 shifting change: weiblicher Wankelmut ist ein Gemeinplatz der Zeit.

5 Dein Auge ist heller als ihrs und weniger bereit, nach anderen „zu rollen“.

6 Gilding, vergolden ist bei Shakespeare selten eindeutig positiv

7 man in kleiner Blick in die Welt der Konjekturen und Emendationen: Beeching 1904 verbessert: maiden. Mackail verbessert: native. Kommentar in einer modernen Ausgabe (Signet Classic Shakespeare Serie 2001):

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7 hue … controwling: hue bedeutete ursprünglich Form, Gestalt, dann Gesichtsfarbe, dann Farbe generell. a) ein Mann, dessen Schönheit alle anderen bezaubert b) ein Mann in Form, der fähig ist, jede Farbe anzunehmen, auch die einer Frau c)  daß er alle Gesichtsfarben (erröten, erbleichen) annehmen kann.

8 Which entweder maskulin, also a man who oder Neutrum: a hue which

10 fell a dotinge begann sich zu verlieben

11 addition zunächst auf das zusätzliche Teil, Penis, bezogen; kann vielleicht auch hinzugefügten sozialen Status mitbedeuten. (Burrow)

13 prickt thee out a) dich auswählte b) dich mit einem prick, Penis ausstattete

14 In der hier verwendeten Originalschreibweise steckt grammatische Mehrfachlesbarkeit a) thy loves (do) use their treasure b) thy love’s use (is) their treasure. Burrow kommentiert: „Strained? Maybe. But Shakespeare is in the Sonnets still the poet of Venus and Adonis, urging his readers to make it lewd, to stray towards the ‚bottom grass‘. Local mobilities of sense shift the reality from which the poems seem to spring. The only way to grasp the circumambient reality is to grasp hold of the totality of the poem’s possible senses.“ A.a.O. S. 130. Deshalb greift die Frage zu kurz, ob Shakespeare homosexuell war. Es geht um das Spiel der Möglichkeiten. In Sonett 136 wird es auf die Spitze getrieben, indem der Name des Dichters, „Will“, spielerisch eingeführt wird in der  Mehrfachbedeutung a) und b) der Geschlechtsorgane beider Geschlechter, c) des sexuellen Begehrens und d) der Person namens Will. In diesem Sonett (wird lange dauern, bis wir dahin kommen) kommt Will in Klein- und Großschreibung sowie im Plural insgesamt siebenmal vor, sechsmal allein im ersten Satz und am Schluß eingesammelt in der Phrase „for my name is Will“. Moderne „Normalisierung“ in Orthographie, Grammatik und Interpunktion beschneidet eben die Deutungsmöglichkeiten, auf die es den Sonetten ankommt. (Man sieht unschwer, daß die erst 1904 vorgenommene „Konjektur“ maiden hue für man in hue in Vers 7 dem bewußten oder vielleicht auch unbewußten Bestreben nach Verkürzung der nun als heikel empfundenen Ambiguität dient. Bloß nicht fragen, ob gleichgeschlechtliche Liebe mitgemeint sein könnte!). Philologie ist Politik!

„20 beschreibt seine weiblichen Züge (Master Mistris of my passion) und unterstreicht das durch weibliche Reime“ (Plessow). „Weibliche Reime treten oft in sexuell suggestiven Momenten auf, wie in Hero and Leander II. 555-8.“ (Burrow 2002)

Deutsche Fassung von Stefan George:

Ein frauenantlitz das Natur selbsthändig
Gemalt – hast du · Herr-Herrin meiner minne ·
Ein zartes frauenherz · doch das nicht ständig
Den wechsel sucht nach falscher frauen sinne.

Ein aug so hell wie ihrs doch nicht so hehlend ·
Jed ding vergoldend worauf es sich wendet ·
Ein mann in form · den formen all befehlend ·
Der mannes aug und weibes seele blendet.

Du warst als frau gedacht als erst dich schaffte
Natur · doch sie verliebte sich beim werke ·
lndem durch zutat sie dich mir entraffte
Tat sie ein ding bei – nicht für meine zwecke.
  
  Doch da sie dich erlas zu weibes labe ·
  Sei mein dein lieben · ihnen liebes-gabe-

Quellen

  • Q = Shake-speares Sonnets. Never before imprinted (1609) (Quelle der Originaltexte)
  • B = Benson, Poems: Written by Wil. Sh. (1640)
  • Burrow = W. Shakespeare: The Complete Sonnets and Poems. Ed. Colin Burrow (Oxford World’s Classics), Oxford University Press, 2002
  • B/H = Shakespeare, The Sonnets. Hrsg. Raimund Borgmeier, Michael Hanke. Stuttgart: Reclam, 2006
  • Borgmeier = Shakespeare: The Sonnets. Die Sonette. Engl. u. in ausgewählten deutschen Versübersetzungen. Hrsg. Raimund Borgmeier. Stuttgart: Reclam, 1974

Krimi & Lyrik 1: Kein schöner Land

Am Sonntagabend der neue Tatort, einerseits ein Krimi mit Leiche und Ermittlern, andererseits,

der Titel „Land in dieser Zeit“ sagt es schon, versucht der gestrige „Tatort“ ein Kurzporträt Deutschlands des Jahres 2016 zu sein. Eine Art subjektive Momentaufnahme dessen, was gerade alles Deutschland ausmacht.

Das kann natürlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit haben, aber für die Autoren zählen dazu: deutsches Liedgut, Geflohene, hessisches Lokalkolorit, die Neue Rechte, Chormusik, Drogendealer, Molotow-Cocktails, Kakao aus Offenbach, defekte Autos und ein Gedichte rezitierender Chef-Ermittler. / web.de (mit den üblichen Anti-Merkel-und-Medien-Kommentaren professioneller WirrsinddasVolk-Kommentarposter)

Man weiß, daß Fernsehkommentare Opern mögen und arrogante Kunstprofessoren verachten. Den Gedichte rezitierenden Chef würde ich freilich aus der Bestandsaufnahme Deutschland 2016 herausnehmen, wo gibts denn sowas? Vielmehr bilden Gedichte eine dritte dramaturgische Ebene, nicht „aristotelisch“-abbildend sondern brechtisch verfremdend. Alle paar Minuten unterbrechen Gedichte die Handlung und zeigen einen Jandl rezitierenden Chefermittler, der seinen verdutzten Kollegen nahtlos mitten in der Besprechung aus einem Büchlein ziemlich gekonnt Sprechgedichte vorträgt. „Glotzt nicht so romantisch!“

Dann gibt es die Volkslieder, die die volksfrohen Maiden im Chor mitsingen. Und noch ein Gedicht.

Die Stunde kommt da man dich braucht
Dann sei du ganz bereit
und in das Feuer das verraucht
wirf dich als letztes Scheit

Ein Lied von Friedrich Gundolf – etwas das Joseph Goebbels und Sophie Scholl gefällt. Und den „Identitären“ von heute. Deutschland eben.


Jandl im Film:

  • 0:17 eile mit feile (etüde in f)
  • 0:57 tohuwabohu
  • 1:25 lichtung
  • Im Abspann mehrere Fetzen durcheinander

Abwärts! 17

Abwärts! Nr. 17. 3. Jahrgang. November 2016. 5 €

Eine Art Sonderausgabe zum Tod, überschrieben mit der Heiner Müller variierenden Zeile: Der Tod bleibt ein Irrtum. Beiträge zum Tod von Norbert „Knofo“ Kröcher (Bert Papenfuß, Knobi, Silka Teichert, Jürgen Schneider), Brigitte Schulz (Annette Gröschner), Klaus M. Rarisch (Robert Wohlleben), Frank Hörnigk (Kristin Schulz).

Robert Wohllebens Nachruf auf Klaus M. Rarisch, der bereits am 20. Juli vorigen Jahres in Berlin im Alter von 80 Jahren starb,  ist überschrieben „5,85 Sonette per annum“ und beginnt so:

Ein unruhiger Geist mußte Ruhe geben. Klaus M. Rarisch war in erster Linie Lyriker, im Lauf der Zeit mehr und mehr bis schließlich einzig auf die Gedichtform Sonett spezialisiert. Seine Gedichte waren oft ebenso kämpferisch scharf in der Diktion wie seine Rezensionen und Stellungnahmen. Zelebritäten wie Heinrich Böll, Günter Grass, Marcel Reich-Ranicki, Wolf Biermann, Ulla Hahn flickte er am Zeuge. Mit dem als Substrat, was Marcel Reich-Ranicki in seinem FAZ-Artikel Das Ende der Gruppe 47über deren Abschiedstreffen in Saulgau schrieb, verfaßte Rarisch die nach Cefalù verlegte Kontrafaktur Das Ende der Mafia — Sizilien 1977, Namen des Personals der Lokalität angepaßt: Giovanni Giudice, Grasso, Gioacchino Imperatore, Federico Radezza, Marcello Ricco-Randellone. Das Ganze im Stil der späten Phantasus-Dichtung von Arme Holz, also mit reichlich Fiorituren. So müssen dem als früherem Treffensort erwähnten Gasthaus „Pulvermühle“ erst noch „Explosivklause“ und „Dynamitbaude“ vorangehen. (Ich machte 1981 nur allzugern — und grinsend — den Meiendorfer Druck Nr. 8 daraus: alle Buchstaben einzeln mit meinen „Signier-Stempeln“ aufs Papier gebracht, klebstoffliche Mittelachsmontage auf einem ausgehängten Stallfenster als Lichttisch.)

Andrerseits ging es ihm darum — ich zitiere mich: –, „mit blanker Schreibmaschine gefährdete Posten literarischer Rechtlichkeit freizukämpfen (zu entsetzen, im militärischen Verstande), — vorzugsweise, wenn Arno Holz tangiert ist“. Die Beziehung zu diesem Dichter begann, als Rarisch — wie er mir erzählte — als Junge beim Durchstreifen Berliner Ruinenkeller auf dessen Gesamtausgabe von 1924/25 stieß. Mithin nur konsequent, daß er später, nach dem Tod der Dichterwitwe, für eine Weile mit der Verwaltung des literarischen Nachlasses von Arno Holz betraut war und dessen ungefüges, zweibändiges Verstheater Die Blechschmiede zu einem Hörspiel kondensierte, von Heinz von Cramer für den Bayerischen Rundfunk inszeniert und von der Akademie der Darstellenden Künste (Frankfurt) als „Hörspiel des Monats“ Oktober 1979 ausgezeichnet. Auch für andre trat er ein: etwa für die ins Exil getriebenen Dadaisten Richard Huelsenbeck und Walter Mehring wie für vergessene Sonettdichter.

Bert Papenfuß versieht sein Gedicht oddech & orewoet, ursprünglich aus dem Konvolut der Rumbalotte-Rockoper (für die sich aus mir unverständlichen Gründen kein Theaterschwein interessiert), mit so poetischen wie philologischen sowie ausgreifenden Kommentaren und Fußnoten mit Bezügen auf polnisch-tschechische, alt-, mittel- und neuniederländische und russische Wörter. Ein Zitat:

Was hat mich an den religiösen Schwärmern der frühen Neuzeit gereizt? Ich habe in ihnen – z.B. Quirinus Kuhlmann (…) – ein Äquivalent zu heutigen (gestrigen) Punks, Autonomen und sonstigen Sozialrebellen gesehen. Mich hat nie ihre Religiosität interessiert, Spiritualität ist mir brenne – sondern ihre Abgefahrenheit. (…) Kuhlmanns Kühlpsalter ist purer Rock’n’Roll.

Mehr

 

Gemeinsam geht es besser

Zwei Wikis sind besser als ein Wiki. Und manchmal reichen sie nicht aus.

Über den dänischen Schriftsteller Leif Panduro  (1923-1977) lese ich in der deutschen Wiki:

Bis 1976 war er Mitglied der Dänischen Akademie (Det Danske Akademi).

In der englischen:

In 1971 he was awarded with the Grand Prize of the Danish Academy and five years later he became a member of the Danish Academy.

Rein oder raus? Oder haben beide recht? Lassen wir die dänische Fassung entscheiden:

Leif Panduro modtog bl.a. Herman Bangs Mindelegat i 1966, De Gyldne Laurbær i 1970 og Det Danske Akademis Store Pris i 1971, han blev i 1976 medlem af Det Danske Akademi.

Auf Deutsch

Leif Panduro erhielt unter anderem den Herman-Bang-Gedächtnispreis 1966, den Goldenen Lorbeer 1970 und den Großen Preis der Dänischen Akademie 1971; 1976 wurde er Mitglied der Dänischen Akademie.

Ach, verstehe. Vermutlich ein Fehler der automatischen Übersetzung. Jede Sprache sucht sich andere Seme aus der gemeinsamen Wurzel aus. Das Wort bleiben stammt von einem untergegangenen germanischen Verb līban „haften, klebrig sein“. Aus dieser Familie stammen auch leben, Leim sowie die Zahlwörter elf und zwölf und die Namen Detlev und Olaf. Olaf bleibt, aber im Dänischen heißt bliver „werden“. 1976 ist er Mitglied geworden*, schon 1977 starb er.

*) werden ist etymologisch auch interessant. Verwandt mit altindisch vártati (dreht), lateinisch vertere (kehren, wenden, drehen, „Vers“ ist ein Verwandter). Nur wer sich wandelt „bleibt“.

 

AUSSCHREIBUNG Johann-Gottfried-Seume-Literaturpreis 2017

Der Internationale Johann-Gottfried-Seume-Verein „ARETHUSA“ e. V. Grimma verleiht in Zusammenarbeit mit der Stiftung der Sparkasse Muldental 2017 den Johann-Gottfried-Seume-Literaturpreis. Das Preisgeld, das von der Stiftung der Sparkasse Muldental gestiftet wird, beträgt 3.000,- €. Der Preis hat den Charakter einer Zuwendung. Ein Rechtsanspruch auf den Preis besteht nicht.

Die Preisverleihung findet im Rahmen einer festlichen Veranstaltung am 3. Dezember 2017 statt, in Erinnerung an den 6. Dezember 1801, jenem Tag, an dem Johann Gottfried Seume seinen Spaziergang nach Syrakus von Grimma aus begann.

Berücksichtigt werden nur literarische Arbeiten, die in deutscher Sprache verfasst wurden und dem Internationalen Johann-Gottfried-Seume-Verein „ARETHUSA“ e. V. Grimma spätestens am 30. Juni 2017 übermittelt werden (es gilt der Poststempel).
Elektronische Textformen können nicht berücksichtigt werden!

Die eingereichten Texte dürfen in ihrer Entstehung höchstens fünf Jahre zurückliegen, somit sind nur Texte ab 2013 zugelassen. Das Stichjahr ist 2017. Bei Textzusammenstellungen ist glaubhaft zu versichern, dass die Texte tatsächlich nicht älter als fünf Jahre sind; fehlt dies, gilt der Text als nicht eingereicht.
Die Texte können bereits publiziert worden sein; die Ausstattung bereits publizierter Bücher findet aber bei der Bewertung durch die Jury keine Berücksichtigung.
Dem eingereichten Text ist ein kurzer Lebenslauf der Verfasserin / des Verfassers beizulegen. Auf bereits erhaltene Auszeichnungen soll im Lebenslauf verzichtet werden.

Der Text hat folgende Anforderungen zu erfüllen:
a) Gesellschafts- und kulturkritischer Ansatz, dem Geiste Seumes folgend
und
b) inhaltliche und sprachliche Qualität.

Nur vollständige Vorschläge [Text und Lebenslauf] können berücksichtigt werden. Anonyme Eingaben werden nicht berücksichtigt.

Die Vorschläge sind einzureichen beim

Internationalen Johann-Gottfried-Seume-Verein „ARETHUSA“ e. V. Grimma
Vereinssitz:
Museum Göschenhaus
Schillerstraße 25
04668 Grimma

Die Satzung und weitere Informationen zum Johann-Gottfried-Seume-Literaturpreis können unter www.seumeverein-arethusa.de eingesehen werden.

Grimma, im Januar 2017

Für den Vorstand
Thorsten Bolte (Seume-Verein „ARETHUSA“ e. V. Grimma – Mitglied des Vorstandes)

Internationaler Johann-Gottfried-Seume-Verein
„ARETHUSA“ e. V. Grimma
Vereinssitz:
Göschenhaus Grimma-Hohnstädt
– Seume-Gedenkstätte –
Schillerstraße 25 • 04668 Grimma
Tel. / Fax 0 34 37 – 91 11 18

(Unter den Siegertiteln waren Gedichte von Andreas Reimann und Helga M. Novak)