Die Sylt Foundation schreibt bereits zum 18. Mal das „Sylt-Quelle Literaturstipendium Inselschreiber“ für deutschsprachige Autorinnen und Autoren aus.
Das Stipendium beinhaltet einen acht Wochen langen Aufenthalt auf der Insel Sylt. Neben kostenfreiem Wohnen in einem komfortablen 2-Zimmer-Appartment auf dem reizvollen Gelände der Sylt-Quelle in Sylt/Rantum umfasst das Stipendium eine einmalige Zahlung von 2.000 Euro. Während des Stipendiums besteht Präsenzpflicht.
Bewerben können sich deutschsprachige Autor/innen, die bereits in Buchform publiziert haben, unabhängig von Alter, Wohnsitz oder Staatsangehörigkeit. Publikationen im Selbstverlag/Selbstzahlerverlag sowie Beiträge in Anthologien erfüllen die Voraussetzung nicht. Der Bewerbung hinzuzufügen sind ein Lebenslauf und ein noch unveröffentlichter Essay oder eine noch unveröffentlichte Erzählung von ca. 4 DIN A4 Seiten Länge. Mit der Teilnahme am Wettbewerb willigen die Bewerber/innen ein, dass der Gewinnertext auf der Website der Stiftung veröffentlicht wird. Die Rechte am Text bleiben beim Autor/der Autorin.
Thema des Essays / der Erzählung 2018: „Wandel und Identität“
Die Bewerbungsunterlagen bitte nur per Mail (max. 9 MB) an:
inselschreiber@syltfoundation.com, Stichwort: Inselschreiber.
Bewerbungsschluss ist der 5. Juni 2017.
Über die Vergabe des Sylt-Quelle Literaturstipendiums entscheidet eine unabhängige Jury in einem zweistufigen Auswahlverfahren. Der Preisträger / die Preisträgerin wird im Juli bekannt gegeben.
Die bisherigen Gewinner waren André Georgi, Uwe Kolbe, Britta Boerdner, Jan Brand, Katharina Hartwell, Petra Morsbach, Gunther Geltinger, Gernot Wolfram, Judith Kuckart, Franzobel, Jan P. Bremer, Jenny Erpenbeck, Thomas Hettche, Juli Zeh, Feridun Zaimoglu, Moritz Rinke, Terézia Mora.
Eleven Eleven 21
Hugh Behm-Steinberg, Editor
Poetry. Fiction. Drama. Literary Nonfiction. California Interest. Asian & Asian American Studies. African & African American Studies. Latino/Latina Studies. Native American Studies. Jewish Studies. Middle Eastern Studies. Women’s Studies. Gay. Lesbian and Transgender Studies. Art.
Featuring poetry by Frank Lima, Michael McClure, K. Lorraine Graham, Dong Li, Jennifer Elise Foerster, Heather Bourbeau, Cole Swensen, Erín Moure, Mónica de la Torre, Dan Encarnacion, Rajiv Mohabir, Laura Da‘, Jesse Nissim, Shamala Gallagher, nick johnson, Marcela Sulak, Joshua Merchant, Paula Cisewski, Will Alexander, and Chloé Veylit;
Prose by Shizue Seigel, Katie Farris, J.K. Fowler, Lisa Locascio, Sequoia Nagamatsu, Harrison Candelaria Fletcher, Lucas Church, Sonya Huber, Jennifer Zeynab Maccani, Joel Hans, Tessa Mellas, Deborah Steinberg, Na’amen Gobert Tilahun, Rochelle Spencer, Janet Towle, Kevin A. Thayer, Sandy Yang, Tom Pyun, Jenny Bhatt, Megan Padilla, and Erika T. Wurth;
Translations and adaptations of Sara Tuss Efrik (Johannes Göransson), Laura Cesarco Eglin (Jesse Lee Kercheval & Catherine Jagoe), Surah al-Jinn (Adam al- Sirgany), Marosa di Giorgio (Jeannine Marie Pitas), The Chemical Wedding by Christian Rosencreutz (Adapted by John Crowley), Minerva Reynosa (Stalina Emmanuelle Villarreal), Elisa Biagini (Gregory Conti), Uri Zvi Greenberg (Leonard Kress), Philippe Soupault (Alan Bernheimer), Shuzo Takiguchi (Mary Jo Bang & Yuki Tanaka), Maruxa Vilalta (Alia Volz), Dalthon Pineda (Jake Sandler), Abraham Sutzkever (Maia Evrona), Dashdorjiin Natsagdorj (Ottilie Mulzet), Kazuko Shiraishi (Yumiko Tsumura), Florencia Castellano (Alexis Almeida), and Nhã Thuyên (Kaitlin Rees);
Plays by Erik Ehn and Zakiyyah Alexander; Art by Joshua Lee, Cianna Valley, Hyeyoung Kim & Arlo Keo Valera, Devin Leonardi, Ellen Kooi, Jason Adkins, Fran Herndon, Mequitta Ahuja, Paper Buck, Max Papeschi, Samuel Ribitch Martin, and Shannon Ebner;
Reviews of IF, by Nicholas Bourbaki (Emily Swaim), PRESENTIMIENTO: A LIFE IN DREAMS by Harrison Candelaria Fletcher (Sonja Swift), Know The Mother by Desiree Cooper (Audrey T. Williams), and MOSS-HAIRED GIRL: THE CONFESSIONS OF A CIRCUS PERFORMER: By Zara Zalinzi: Annotated by Joshua Chapman Green by R.H. Slansky (Nathan Freeman);
Plus an interview with John Crowley by Will Waller, and excerpts from the diaries of Lola Ridge, afterword by Terese Svoboda.
Pub Date:9/14/2016
Publisher: Eleven Eleven
Product Number:24304
ISBNNo ISBN
SKU #: H11G
Binding:PAPERBACK
Pages:248
Weight1 lbs.0 oz.
Quantity Available: 23
Price:
$ 12.00
Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,
seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. In der heutigen Ausgabe: Scho, Hansen, Huidobro, Söllner, Shakespeare, Harry Mathews, Rinck und manches andere. Lesen!
Die Themen in dieser Ausgabe
Sabine Scho
alligator
man stelle sich einfach vor
man habe diesen alligator
dieses krokodil, ich frag’
besser den kurator (später)
als farbenblindes, oder nur
mit einem schwarzweiß-tv
auf diesen schrank hier, dabei
fällt mir ein, es müsste wie
bei dickinson sein, wir
sperren es gleich da rein
regeln die temperatur hoch
und backen uns eins aus
blätterteig, schicht um schicht
krokodile häuten sich nicht
die schuppen sich auf
mit fingergleichen tastorganen
fingern sie nach den häppchen
baklava. das sieht nur nicht
ganz so filigran wie hier
beschrieben aus, ich such’
sofort den kanal, dann alles
nochmal in zeitlupe
Die Tastsinnrezeptoren sind bei Krokodilen höher entwickelt als bei allen anderen Reptilien. Sie liegen in der Unterhaut und erreichen die Sensibilität menschlicher Fingerspitzen, sind allerdings über den ganzen Krokodilkörper verteilt. Mit ihnen nehmen sie Druckwellen wahr
und spüren so unter anderem ihre Beute auf.
Emily Dickinson
They shut me up in Prose –
As when a little Girl
They put me in the Closet –
Because they liked me “still” –
Still! Could themself have peeped –
And seen my Brain – go round –
They might as wise have lodged a Bird
For Treason – in the Pound –
Himself has but to will
And easy as a Star
Abolish his Captivity –
And laugh – No more have I –
(ca. 1862)
Mit freundlicher Genehmigung aus: Sabine Scho. Andreas Töpfer. The Origin of Senses. An Intervention. Museum für Naturkunde Berlin 2015, S. 20

Eine neue Kolumne von Dirk Uwe Hansen
In diesem Sinne leicht ist das Übersetzen von Gedichten für mich häufig dann, wenn das Zwischen-den-Wörtern mir klar zu sein scheint. Dann muss ich, wie ein Regisseur, dem ein guter Plot vorliegt, nur noch ein Ensemble geeigneter Wörter zusammensuchen und sie mit etwas diplomatischem Geschick dazu bringen, im Sinne dieses Plots miteinander zu agieren. Ich idealisiere. Aber manchmal klappt das wirklich so.
Aber wenn die Wörter sich vordrängeln, und ich, noch ehe ich weiß, was auf der Bühne passieren soll, mit dem fertigen Ensamble konfrontiert bin, dann wird die Sache schwierig. Denn auch wenn ich brav griechische Vokabeln gelernt habe, und mir auch eine Reihe von Wörterbüchern zur Verfügung stehen: Da werden aus harmonischen Paaren erbitterte Gegner, die, kaum in der Zielsprache angekommen, wie Eteokles und Polyneikes einander an die Gurgel gehen, oder aus erbitterten Gegnern harmonische Langweiler, die einander müde anschnarchen, oder die Ensemblemitglieder kümmern sich überhaupt nicht umeinander und erfinden jeder für sich neue Handlungen. Hier gehts zum kompletten Text
[zurück]
Alexandru Bulucz: Deine Zeilen „Freiheit, wort- / los zu sein! // Als sei jenseits der Sprache / eine andere, flüssige Welt.“ („Seestück“) kann man auch mit dem verstehen, was du soeben gesagt hast: Wir müssen gar nichts. Als ich deine Zeilen gelesen habe, dachte ich vielmehr an Celans berühmtes Gedicht „Fadensonnen“: „Fadensonnen / über der grauschwarzen Ödnis. / Ein baum- / hoher Gedanke / greift sich den Lichtton: es sind / noch Lieder zu singen jenseits / der Menschen.“
Werner Söllner: Wenn du Celan erwähnst, fühle ich mich fast auf Metaphysisches verwiesen, und dann fühle ich mich ein bisschen klein. Ich selber habe nichts Metaphysisches im Sinn. Ich habe mich jahrelang dazu verpflichtet gefühlt, zu sprechen, zu schreiben. Das hat in der Jugend angefangen. Das Schreiben, auch das Nachdenken über Schreiben und Sprechen, hat oft in der Gruppe stattgefunden, im Freundeskreis, im Kollegenkreis. Sprechen war wie eine moralische Verpflichtung, eine moralische Selbstverpflichtung. Das war aber nicht nur in der Jugend so, die ich in einer Diktatur verbracht habe, wo man auch nachvollziehen kann, dass Sprechen, das Sprechen gegen die Diktatur, so etwas wie eine moralische Verpflichtung sein kann. Ich habe auch in den Jahren danach das Sprechen und das Schreiben als ein Muss teilweise praktiziert, teilweise empfunden. Dieses Sprechenmüssen gibt es auch hier unter ganz anderen Voraussetzungen. Hier hat es etwas mit dem Kommerz zu tun. Man muss andauernd im Gespräch sein, man muss andauernd liefern, man muss präsent sein, wenn man berufsmäßig schreibt oder diesen Beruf ausübt, man muss andauernd artikulieren bis zum Gehtnichtmehr. Was passiert, wenn man unter diesen Voraussetzungen vielleicht ganz normal nur eine Phase erlebt, in der man einfach Lust hat, die Schnauze zu halten. Im Extremfall ist man beruflich tot.
geht weiter mit Sonett #23: AS an vnperfect actor on the stage, deutsch von Eduard Saenger: Dem schlechten Spieler auf der Bühne gleich

Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen
12 von 4160 Begriffen aus dem Begriffsstudio von Monika Rinck, Supplement zur Dezemberliste, Stand (27) Jan 2017,
Mr. Mathews, an idiosyncratic novelist, poet, essayist, translator and self-described refugee from an upper floor of an apartment building on the Upper East Side of Manhattan, died on Jan. 25 in Key West, Fla., after decades of confounding critics and captivating readers. He was 86. (…)
Since his first book was published, in 1962, when he was 32 and living in Paris, he had become a cult figure, more so to non-English-speaking fans abroad than in his native United States. In its interview with him, The Paris Review said Mr. Mathews “rightfully belongs to the experimentalist tradition of Kafka, Beckett and Joyce.” / New York Times
Ein Artikel in der Zeit vom 11.9. 1992
[zurück]
[✺]
Zum Lyrikkalender gehts hier. Wintermitte. Zum 70. Todestag Hans Falladas am 5. gibt es im Geburtshaus in Greifswald, Steinstraße 58, ein Festival vom 3.-5.
[zurück]
[✺]
Christian Saalberg, Thomas Kling und Richard Anders leben. Léopold Sédar Senghor stirbt und viele Deutsche haben ihre Probleme mit dem „Neger“. Viel Traum (Draesner, Rinck), Halluzinogenes (Anders) sowie Liebeswahn (Lavant). Die Dichter haben immer recht (sogar Stalin zögert einen Moment), aber die Dichtung wirft nicht viel ab., Dies und mehr hier.
[zurück]
[✺]
Zum Schluß Hansjürgen Bulkowskis Poetopie
Werte wackeln – Wünsche werden immer dringlicher
In Slowenien ist Prešerentag (siehe unter 1849)
Am 10. Februar
Wintermitte. Aßmann von Abschatz, Bellman, Ulrike von Levtzow, Jacques Prévert, Dietrich Bonhoeffer, Neal Cassady u.a. hier
Hans Fallada (70. Todestag), Lou Andreas-Salomé (80. Todestag). Runebergtag in Finnland u.v.a. hier
Nationaler Tag der Samen. Zwei politische Antipoden haben an diesem Tag Geburtstag: Der Pole Julian Ursyn Niemcewicz (* 1757) schrieb ein verschwörungstheoretisches Buch über eine organisierte „jüdische Verschwörung“ gegen Polen. Der deutsche und jüdische Schriftsteller Saul Ascher (* 1767) schrieb gegen die mit Namen wie Ernst Moritz Arndt und Friedrich Ludwig Jahr verbundene völkische und antisemitische Ideologie an und bemerkte hellsichtig, dass nach der Verdammung der Philister und Juden nun „Indier, Mohammedaner, Chinesen und ungläubige Barbaren an die Reihe kommen“. Mehr hier
Botticelli verbrennt seine pornographischen Bilder. Baldassare Castiglione glaubt, daß alles, was Männer begreifen, auch Frauen begreifen können. 66% der Schweizer stimmen ihm 450 Jahre später zu. Max Bense, Alejandro Jodorowsky und viele andere hier.
Prešerentag (Slowenien). France Prešeren, Samuel Butler, Arndt von Rügen? Eva Strittmatter und Austin mehr hier
Der größte tschagataiische Dichter, der wichtigste moderne japanische Dichter, der Erneuerer des englischsprachigen Theaters und wichtigste irische Dichter… und andere Koryphäen und Kuriositäten hier Plus: 90. Geburtstag von Rainer M. Gerhardt
Geburtstag Bertolt Brechts und des ersten Trobadors Wilhelm IX. von Aquitanien („Ich mach ein Lied aus reinweg nichts“). Außerdem von Giuseppe Ungaretti, Boris Pasternak und Margarete Hannsmann. Und der 180. Todestag Alexander Puschkins. Mehr hier
Am 6. Februar
Nationaler Tag der Samen (die in Norwegen, Schweden, Finnland und Rußland leben) (Lyrikzeitung)
Am 4. Februar
Die europäische Kulturzeitschrift erscheint in ihrem 115. Heft mit den Schwerpunkten
Roger Friedland schreibt angesichts der Wahl Donald Trumps über Staat und Geschlecht. Die Erotisierung der Macht und die Verheißungen des Patriarchats. Bei der US-Wahl sei es um das Geschlecht des Staates gegangen. „Donald Trump hatte sich als erigierter Phallus beworben, als sexuell aggressiver Mann, der die Regeln verletzen, unsere Feinde zerschmettern und Amerika wieder stark machen könne. (…) Die Leute haben seinen Schwanz gewählt. Nie zuvor hatte ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat die Länge seines Penis verteidigt, geschweige denn in einem Rededuell in bester Sendezeit versichert, seine kleinen Hände ließen nicht darauf schließen, daß auch alles andere klein sei. ‚Ich garantiere Ihnen, es gibt da kein Problem. Glauben Sie mir!‘, schoß er in einem Streitgespräch des Vorwahlkampfes zurück. (…) Auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner skandierte die Menge nicht ‚Yes, we can‘, sondern ‚Yes, you will‘.“ (S. 7)
Timothy Snyder rät in 20 Vorschlägen „zur Bewahrung der Freiheit in der Unfreiheit„, angesichts dieser Wahl ein Zeichen zu setzen. Hier stark verkürzt einige dieser Vorschläge:
[In der öffentlichen Debatte geschieht es längst, ich meine nicht seine Anhänger]
6. Gehen Sie glimpflich mit unserer Sprache um. Meiden Sie Phrasen, die jeder drischt.Überlegen Sie sich ihre eigene Ausdrucksweise, auch wenn es nur darum geht, auszudrücken, was Ihrer Ansicht nach jeder sagt. (Benutzen Sie das Internet nicht vordem Schlafengehen. Halten Sie Ihre Gerätschaften vom Schlafzimmer fern und lesen Sie was.)
9. Ermitteln Sie selbst. Versuchen Sie selbst auf etwas zu kommen. Gehen Sie den Dingen selbst auf den Grund. Verwenden Sie mehr Zeit auf lange Artikel.
12. Übernehmen Sie Verantwortung für das Gesicht der Welt. Achten Sie auf Hakenkreuze und all die anderen Zeichen von Haß. Schauen Sie nicht weg und gewöhnen Sie sich nicht an sie. Entfernen Sie sie selbst und setzen Sie somit selbst ein Zeichen.
Und Masha Gessen plädiert für hartnäckigen Widerstand (und kritisiert Obama und Clinton, die nach der Wahl resigniert und konziliant redeten – als hätte Trump all das, was er im Wahlkampf sagte, nicht so gemeint).
Martin Burckhardt denkt über das Verschwinden des Intellektuellen im Posthistoire nach. Der Intellektuelle habe sich aus der Öffentlichkeit verabschiedet. Im Posthistoire werden die Visionäre durch Manager ersetzt, fleißige Arbeitsgruppen nähmen die Rolle der Gründerväter ein. Jede Vernunfttätigkeit, die dem pragmatischen Prinzip widerspreche, stehe als l’art pour l’art und Orchideenwissenschaft unter Generalverdacht.
„Können wir also, schlußendlich, den Tod des Intellektuellen ausrufen? Ja und nein. „Ja“ deswegen, weil die Repräsentationsfunktion des Großschriftstellers oder Großphilosophen ausgedient hat, zerschellt ist an einer Welt, in deren Inneres man nicht mehr vordringen kann, jedenfalls nicht, solange man das Geheimnis ihrer Ordnung ignoriert: den Code der Simulation. Schon von daher sind Rundumschläge à la Enzensberger („Schmeiß dein Handy weg!“) Zeugnisse einer gründlichen Satisfaktionsunfähigkeit — stürmt man hier unbewaffnet auf einen Gegner zu, der sich um derlei Kampfgeschrei nicht bekümmert, so wenig wie sich die Windmühlen um Don Quixotes Ehrbegriff sorgen. Weiß er sich dennoch nicht anders zu helfen, regrediert der Intellektuelle zum Ritter von der traurigen Gestalt. Ein Zurückgebliebener, der vielleicht bei Kirchentagen oder im Heimatmuseum seine besorgte Zuhörerschaft findet, aber der Herrschaftsgrammatik verlustig gegangen ist: jenes Codes, über den sich die Ordnung der Dinge (und damit die Welt) fügt. Hatte Julien Benda den „Verrat der Intellektuellen“ im Partikularismus und in der Parteinahme verortet, könnte man im Schriftverlust die entscheidende Ursache für den Bedeutungsverlust des Intellektuellen sehen. Indes ist die Agraphie keineswegs eine Zwangsläufigkeit. Dort nämlich, wo das Verhältnis zur Herrschaftsgrammatik nach wie vor existiert, gibt es Anlaß, die Frage nach dem Tod des Intellektuellen mit einem entschiedenen „Nein“ zu beantworten. „Nein“ deswegen, weil die Funktion des Intellektuellen — also seine Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen — sich keineswegs erübrigt hat. Ganz im Gegenteil. Sie ist um so nötiger, als sich die Schrift nicht mehr zwischen Buchdeckeln einhegen läßt, sondern im Begriff ist, die ganze Welt zu erobern.“ (S. 35)
Noch zwei Splitter.
Wie fatal sich die Abwesenheit eines kritischen Bewußtseins auswirkt, macht die Debatte über die Digitalisierung deutlich, die, politisch begriffen, vielmehr dem Code der Simulation hätte gelten müssen: jener Herrschaftstechnik also, welche die überkommenen repräsentativen Institutionen schleift und ersetzt. Daß die Debatte über die NSA—Überwachung lediglich eine Forderung nach „Datensouveränität“ produziert hat (was immer das ist), aber jede ernsthafte Diskussion, wie die Digitalisierung den Charakter des Politischen überhaupt affiziert, eine Leerstelle geblieben ist, läßt auf einen fatalen Mangel an intellektueller Geistesgegenwart schließen. Das Ausbleiben dieses längst überfälligen Diskurses (der darüber hinaus auch klären müßte, inwiefern sich dieser Prozeß in den Lauf unserer geschichtlichen Überlieferung einfügt) bewirkt, daß man sich blind und bewußtlos in sein Schicksal ergibt, metaphorisch gesprochen: daß die sozialen Systeme in den Selbstfahrermodus übergehen. (…)
2. (…) die Universalisierung der Schrift ermöglicht selbst dem Analphabeten, das in der Maschine inkorporierte geistige Navigationssystem für sich nutzbar zu machen. Folgt man den Anweisungen der Benutzeroberfläche, wird man in eine Welt der Gespenster entführt, ein Spektrum von Möglichkeiten, das Jahr für Jahr an Verführungskraft zunimmt. Dabei führt die Skalierungslogik des Netzes dazu, daß, neben dem Konsum, vor allem die starken Gefühle, Ressentiment, Gruppenzugehörigkeit, Angst und Indolenz verstärkt werden — als habe man das Internet erfunden, um die Existenz von Geistern und paranormalen Aktivitäten beweisen zu können. (…)
Wie zu Zeiten der Reformation, da Luthers Lehre die Gläubigen aus dem katholischen Vermittlungsprozeß löste und sie in eine Gottesunmittelbarkeit hinein katapultierte, fühlen sich die User durch die Maschine ermächtigt, elektrisiert, mag sich ein jeder einreden, der Größte zu sein.
Gewiß handelt es sich hier um ein Phantasma — dennoch belegt die Rede von der postfaktischen Weltsicht, daß die Ablösung vom Realitätsprinzip zum Massenphänomen geworden ist. Wo jede Fremdheit mit einem Copy-and-paste assimiliert werden kann, muß der Hinweis auf das kryptische Innere der Schrift wie Spielverderberei wirken, eine ebenso übellaunige wie hinterhältige Erinnerung an jene Alterität, welche die glänzende Oberfläche doch vergessen machen will.
In Anbetracht dieser abgründigen Selbstermächtigungslogik versteht man den Intellektullenhaß, ja, die tiefe Verachtung, die sich in der Internationale der Katzenvideoliebhaber breitgemacht hat. Denn zuvorderst geht es darum, die innere Natur der Sache nicht zur Kenntnis zu nehmen, sie statt dessen als Wunschmaschine für alle erdenklichen Begierden zu instrumentalisieren.
Was es sonst noch gibt. Darknet. Literarisches Erzählen in Zeiten des Internets. Harold Pinter zu Shakespeare. Goethes italienische Reise. Bora Ćosić. Ostukraine. Kunst von Valérie Favre. Lange Gedichte von Vicente Huidobro und Yang Lian. Jakob der Fatalist. … Viel Lesestoff, Denkstoff.
Dichter, die Welt ignoriert euch, weil eure Sprache zu winzig ist, zu sehr klebt
an eurem mittelmäßigen Ich, feiner ist als euer Konfekt. Ihr habt den Sinn für das Ganze verloren,
vergessen, wie das schöpferische Wort heißt.
(…) Als Spezialist, Dichter,
ist es dein wichtigstes Spezialgebiet, Mensch zu sein, ganz Mensch. Es geht nicht darum, deine Arbeit
zu verneinen, doch deine Arbeit ist die eines Menschen und nicht die einer Blume.Vicente Huidobro: Total. Lettre 115, S. 93
Am 5. Februar
Heute ist Runebergtag. Und der 80. Todestag von Lou Andreas-Salomé und der 70. von Hans Fallada.
Leseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 22-28 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
23
AS an vnperfect actor on the stage, Who with his feare is put besides his part, Or some fierce thing repleat with too much rage, Whose strengths abondance weakens his owne heart; So I for feare of trust, forget to say, The perfect ceremony of loues right, And in mine owne loues strength seeme to decay, Ore-charg’d with burthen of mine owne loues might O let my books be then the eloquence, And domb presagers of my speaking brest, Who pleade for loue, and look for recompence, More then that tonge that more hath more exprest. O learne to read what silent loue hath writ, To heare with eies belongs to loues fine wit.
Einige Anmerkungen zum Text:
2 Who with his feare … part der vor Lampenfieber seinen Text vergißt
3 repleat voll von
5 for feare of trust a) fearing to trust b) fearing to be trusted
6 loues right manche Herausgeber lesen loves rite (wobei die Mehrdeutigkeit verlorengeht)
9 books Sewell 1725 liest: looks
10 presagers Boten
Deutsche Fassung von Eduard Saenger:
23
Dem schlechten Spieler auf der Bühne gleich,
Der ängstlich in der Rolle stockt und irrt,
Oder dem Rasenden, der zornesbleich
Aus überspannter Kraft zum Schwächling wird:
Also vergeß auch ich im Liebeswerben,
Von Zweifeln bang, der Liebesbräuche Pflicht;
Im Rausch der Liebe glaub ich hinzusterben,
Erdrückt von meiner Liebe Vollgewicht.
Laß meine Bücher für mich Rede stehen,
Die stummen Künder der bewegten Brust,
Die Liebe flehn und nach Belohnung sehen,
Mehr als die Zunge, die sonst zielbewußt.
Entsiegle nur, was Liebe stumm geschrieben:
Mit Augen hören, das ist feinstes Lieben.
Quellen
Doch es war vor allem die surreale Lektüreerfahrung, die Saalberg „unmerklich veränderte, zu einem anderen Menschen machte“. Allerdings sah die Kunstironie des Nachkriegsschicksals für Deutschland kaum mehr die surreale Strömung vor (obwohl oder gerade weil sich alle horriblen und abstrusen Erfahrungen ebenso abstrus und horribel abbilden lassen). Und dennoch arbeitet sich Saalberg nun schon vier Jahrzehnte bruchlos an den surrealen Gedankenbrüchen ab. Dass er dabei immer wieder überrascht vor seinen eigenen Werken steht, kann der verstehen, der seine Texte kennt. Doch „man schreibt auch, um zu wissen, was in einem steckt“, sagt Saalberg. …
Saalbergs Texte feiern die Welt als ein Rätsel, dessen Lösung kein Sanktnimmerleinstag je offenbaren mag und dem nur ebenso gelassen wie respektlos entgegenzutreten ist. Dies tut der Dichter gern mit großen Worten, die sich über subtile Umwege wieder mit ihrer eigenen Suggestivkraft paaren, um dann ein Paradox als Wahrheit auszuspucken. Etwa im Gedicht: DIE WAHRHEIT DAUERT. Dreifach legt / der Mittag hiervon Zeugnis ab / schweigend, brennend, regungslos. / Bevor der Sämann kommt, ist schon / der Schnitter da, vor dem Stern die / Finsternis, das Nein vor dem Ja.
Heute feiert Christian Saalberg seinen 75. Geburtstag; man kann nur wünschen und hoffen, dass Stadt, Land und Fluss wissen, was sie an diesem Mann haben. / Max Drathmann, Kieler Nachrichten 10.12.01
Ulrike Draesner träumt manchmal Gedichte. Halbwach, erinnert sie sich an die Abfolge langer und kurzer Zeilen. Sie weiß auch: Es war ein schönes Gedicht. „Aber die Wörter sind weg“, sagt sie. „Es ist wie eine Berührung mit einer inneren Quelle. Ich könnte die Struktur aufzeichnen, sie bleibt als inneres Bild.“ Sie könnte in diese Form sogar ein Gedicht hineinschreiben. Doch das geträumte Gedicht wäre es nicht.
Monika Rinck wacht nachts des öfteren auf mit dem Gefühl, „einen großartigen Gedanken“ zu haben. Sie macht sich eine Notiz. Aber gelegentlich staunt sie am nächsten Morgen. Neulich, erzählt sie, „hatte ich dann neben meinem Bett einen Zettel: Es gibt 41 Gründe, warum Deutsche Sozialhilfe beziehen“. Ganz gewiss gehört Humor dazu, solche Fehlzündungen zu ertragen und trotzdem weiterzumachen. Aber es ist wohl nicht so, dass man (oder frau) einfach aufhören kann mit dem Gedichte-Schreiben. Träume wie diese bezeugen gerade die Antriebe aus dem Unbewussten. / Mehr im Kölner Stadtanzeige r, 28.12.01
Richard Anders lebt und schreibt in der NZZ über hypnagoge Literatur:
Dass hypnagoge Halluzinationen Autoren zu literarischen Werken inspirieren können, ist oft bezweifelt worden. Ein Hauptgrund ist, dass sie sich jeder sprachlichen Festlegung entziehen, wie es Edgar Allan Poe in seinen «Marginalien» beklagt: «Doch gibt’s da auch noch Phantasien von exquisiter, zartester Feinheit, die man nicht als Gedanken bezeichnen kann und angesichts deren mir’s bisher unmöglich gewesen, das passende Sprachkleid zu finden.» Samuel Taylor Coleridge wurde bei der Niederschrift seines im Opium-verstärkten Wachtraum (?) «empfangenen» Gedichtes «Kubla Khan» durch Besuch gestört. Danach war alles gelöscht, und das Gedicht blieb Fragment. / Richard Anders , NZZ 22.12.01
(Der Beitrag steht in einem Dossier der NZZ zum Thema Schlaf und ist die Zusammenfassung eines umfangreichen Essays, der 2002 als Hauptbeitrag eines Essaybandes im Verlag des Wiecker Boten erscheint. ( «Wolkenlesen. Über hypnagoge Halluzinationen, automatisches Schreiben und andere Inspirationsquellen» )
Der Wahn, den Lavant hier beschwört, ist – psychiatrisch gesprochen – ein Liebeswahn. Auch für ihn gibt es – ebenso wie für den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik – eine reale Erfahrung im Leben der österreichischen Autorin. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass Lavant die „Aufzeichnungen“ so angstvoll zurückhielt. Sich und den geliebten Mann wollte sie schützen – nicht vor der Wahrheit, sondern vor dem Geifern der Öffentlichkeit. So schloß sich Lavant, die vielen Lesern eher als Lyrikerin bekannt ist, mit ihrem Schreiben vom Leben der selbsternannten Normalen aus und konnte zugleich nur durch ihr Schreiben als einer „Not-wendigkeit“ im Leben bleiben. Die „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“ sind ein faszinierendes und bestürzendes Zeugnis dieses fundamentalen Konflikts. / Gabriele Michel Donaukurier , 30.11.2001
Christine Lavant : Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus, Otto Müller Verlag, Salzburg-Wien, 160 Seiten, 29,50 Mark.
Da zögerte sogar Stalin:
Ossip Mandelstam (1891-1938) war der Dichter, der die sittliche Konstante der Poesie entdeckt hat, und es ist verblüffend zu sehen, wie lange das «Jahrhundert der Wölfe» (Nadeschda Mandelstam) gezögert hat, ihn zu vernichten. Noch im Juni 1934 warnt Bucharin Stalin brieflich: «Die Dichter haben immer Recht. Die Geschichte steht auf ihrer Seite», und der lenkt ein, nachdem er sich bei Boris Pasternak telefonisch versichert hatte: «Er ist doch ein Meister, nicht wahr?» Es folgen, verhältnismässig milde nach den «Epigrammen gegen Stalin», drei Jahre Verbannung nach Woronesch. / Gregor Wittkop, Basler Ztg 1.11.01
Die FAZ lobtThomas Klings “ Sprachspeicher “ als „extrem subjektives, geschmäcklerisches und autoritäres Korrektiv zum herkömmlichen Lyrikkanon“.
Der „Dichter der Négritude“ Léopold Sedar Senghor ist im Alter von 95 Jahren in Paris gestorben. Er war nicht nur ein großer Dichter, sondern auch „einer der wenigen afrikanischen Staatsoberhäupter, die freiwillig zurücktraten“, schrieb die Frankfurter Rundschau.
Als Beispiel für die Senghorsche Vision einer universellen Kultur kann das Gedicht «New York» gelten, in dem es heisst: «New York! Ich sage dir: New York lass schwarzes Blut zufliessen deinem Blut / Dass es die Stahlgelenke dir mit Lebensöl entroste / Dass deinen Brücken es den Schwung von Kruppen schenke und die Biegsamkeit der Lianen. / Da kommen die uralten Zeiten zurück, die wiedergefundene Einheit, Versöhnung von Löwe, Stier und Baum.» / Heinz Hug, NZZ 22.12.01
(Außerdem schreibt in der NZZ Marc Zitzmann über die „heikle Liebe“ zwischen Senghor und Frankreich).
Zum Tod des Dichters und Staatsmanns schreiben heute auch die taz („Ein schwarzes Athen“) und die FAZ („Ja, Herr, verzeihe Frankreich“ und „Marabu des Worts“).
Probleme mit dem „Neger“ nicht nur aber auch auch bei den Linken. In der Süddeutschen Zeitung erinnert sich Thomas Steinfeld:
Als Léopold Senghor 1968 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde, hatte diese Auszeichnung von vornherein etwas Paternalistisches: Dieser Afrikaner, der da, Goethe zitierend, von Wilhelm Lübke in der Paulskirche geehrt wurde, wurde als gelungener Empfänger des eigenen moralischen Engagements gefeiert, als idealer Adressat eines protestantischen Normenkatalogs. Vor der Paulskirche verteilte der SDS Flugblätter, in denen Senghor als „sensibler Poet“ beschimpft wurde, dessen „lyrisierendes Geschwätz die weißen Werte der Faschisten als schwarze Kultur der Neger verkauft“. Unter einem guten Afrikaner wollte man sich den Chef einer Guerillatruppe vorstellen. / Süddeutsche 24.12.01
bringt die taz vom 15.12.
Ich war Zeuge, dass sie gegen die scharfe Klinge stets Schwierigkeiten gegenüberstanden und zusammenstanden . . . Wenn die Dunkelheit über uns kommt und wir von einem scharfen Zahn gebissen werden, sage ich . . . “Unsere Häuser waren mit Blut überflutet und der Tyrann schreitet frei in unseren Häusern“… Und vom Schlachtfeld verschwanden das Leuchten der Schwerter und der Pferde . . . Und über Klagerufe hören wir jetzt die Schläge von Trommeln und Rhythmus Sie stürmen seine Festungen und rufen: „Wir werden unsere Angriffe nicht beenden, ehe ihr nicht unsere Länder befreit.“
einer der wenigen DDR-Dichter, die überdauern werden, hat im Zusammenstoß mit Leben und Lyrik Trakls den eigenen poetischen Sinn entdeckt und den ideologischen Sumpf trockengelegt, dessen Opfer er vor und nach 1945 geworden war. Das Protokoll seines verzweifelten Bildungsromans mit Georg Trakl hat er 1982 in der Bundesrepublik unter dem Titel „Der Sturz des Engels“ publiziert. Das Buch wurde viel gelobt, ging aber in der Flut der Neuerscheinungen unter. Jetzt hat es Klaus Löwitsch unter dem Titel „Offenbarung und Untergang“ (Vertrieb: Aktivraum). / Gert Ueding. Die Welt 17.12.01
ist mehr als mager. Eine dreitausender Auflage gilt hier schon als hoch. Im Schnitt um die fünf Prozent erhält der Autor als Anteil von jedem verkauften Exemplar. Den Verkaufspreis des „Apollo“ von knapp 20 Mark gesetzt, wäre das eine Mark. Bei drei Jahren Produktionszeit (1998 war Thomas Rosenlöcher in Wiepersdorf, dort entstanden die ersten Ideen) käme man bei vollständig verkaufter Auflage auf ein Jahresgehalt von tausend Mark. So eine Rechnung macht keiner auf, aber sie würde jeden Angestellten eines Sozialamtes zu Tränen rühren. / Dresdner Neueste Nachrichten 17.12.01
Thomas Rosenlöcher: Am Wegrand steht Apollo, Insel Verlag Leipzig, 19,80 Mark
Hansens Flaschenpost
Aus dem Hermeneuterion
Vom Scheitern und Gelingen beim Übersetzen
Von Dirk Uwe Hansen (Greifswald)
Übersetzen ist leicht. Da gibt es die Wörter und es gibt das Zwischen-den-Wörtern. Beides muss der Übersetzer nur in einer anderen Sprache spiegeln oder sichtbar machen (obwohl: Auf den weißen Flecken zwischen dem „Spiegeln” und dem „Sichtbarmachen” ist wahrscheinlich Platz für fünf bis fünfundzwanzig literaturwissenschaftliche Sonderforschungsbereiche, aber hiervon vielleicht später mehr).
Manchmal ist es das wirklich. Leicht. Natürlich nicht in dem Sinne, dass ich einmal nicht um halb drei Uhr nachts aus dem Bett springen muss, um eine neue Version zu tippen, und dann um halb fünf noch einmal, um die ursprüngliche Version wiederherzustellen. Aber doch in dem Sinne, dass ich mich tatsächlich davon überzeuge, dass es ein deutsches Gedicht geben kann, das einem griechischen angemessen genug ist, um als dessen Übersetzung zu gelten, und dass ich dieses Gedicht finden und aufschreiben kann.
In diesem Sinne leicht ist das Übersetzen von Gedichten für mich häufig dann, wenn das Zwischen-den-Wörtern mir klar zu sein scheint. Dann muss ich, wie ein Regisseur, dem ein guter Plot vorliegt, nur noch ein Ensemble geeigneter Wörter zusammensuchen und sie mit etwas diplomatischem Geschick dazu bringen, im Sinne dieses Plots miteinander zu agieren. Ich idealisiere. Aber manchmal klappt das wirklich so.
Aber wenn die Wörter sich vordrängeln, und ich, noch ehe ich weiß, was auf der Bühne passieren soll, mit dem fertigen Ensamble konfrontiert bin, dann wird die Sache schwierig. Denn auch wenn ich brav griechische Vokabeln gelernt habe, und mir auch eine Reihe von Wörterbüchern zur Verfügung stehen: Da werden aus harmonischen Paaren erbitterte Gegner, die, kaum in der Zielsprache angekommen, wie Eteokles und Polyneikes einander an die Gurgel gehen, oder aus erbitterten Gegnern harmonische Langweiler, die einander müde anschnarchen, oder die Ensemblemitglieder kümmern sich überhaupt nicht umeinander und erfinden jeder für sich neue Handlungen.
Ἡ παλίουρος ἐγώ, τρηχὺ ξύλον, οὖρος ἐν ἕρκει.
τίς μ‘ ἄφορον λέξει, τὴν φορίμων φύλακα;
Ein relativ schlichtes Epigramm des Dichters Geminos, von dem nichts weiter bekannt ist als die zehn Epigramme, die in der Anthologia Graeca unter seinem Namen überliefert sind. Ein eher trockener Busch brüstet sich darin mit seiner Funktion als bewahrende Hecke um einen Garten voller fruchtbarer Pflanzen. Ein hellenistisches Genrestück, nach dem Zeitgeschmack ganz hübsch. Der Reiz des Gedichtes liegt in den Assonanzen: οὖρος, der äußere Rand der Hecke, klingt in dem Namen παλίουρος bereits an, es häufen sich kratzige r-Laute, die fruchtbaren Pflanzen und ihr Wächter werden durch Alliteration verbunden…
Die „Handlung” des Gedichtes fällt also nicht weiter ins Gewicht, dafür kommt es zwischen den Wörtern es zu einer Menge von interessanten Interaktionen. Dummerweise aber kennen wir den Paliurus inzwischen als Christdorn.
Ich, der Christdorn, bin ein struppiges Gewächs, äußerer Rand der Hecke.
Wer will mich unfruchtbar nennen, mich, den Wächter der Nutzpflanzen?
So spielt das Ensemble in der Übersetzung den Plot eher lustlos und ohne die manieristische Lust an Lautwiederholungen herunter und, was noch schlimmer ist, die unspektakuläre Heckenpflanze bringt noch einen religiösen Hallraum zum Schwingen, der Geminos gewiss nicht interessiert hat und der dem kleinen Gedicht mehr schadet als nützt.
(Hätte ich das Ganze vielleicht dadurch aufpeppen können, dass ich eine andere Pflanze wähle? Hainbuche? Tuja? Eibe? Bestimmt, besonders die hanebüchene Hainbuche hätte mich gereizt. Allein, bei der Übersetzung der griechischen Anthologie rechne ich mit Lesern, die sich tatsächlich für antike Erwähnungen des Christdorns interessieren, und habe mich das nicht getraut.)
Es kann natürlich auch anders kommen. In Katerina Angelaki-Rookes Gedicht „In den Himmel des Nichts mit leichtem Gepäck” gibt es diese drei wunderbaren Zeilen:
Αναρωτιέμαι τι άλλους συνδιασμούς θα εφεύρει η ζωή
ανάμεσα στο τραύμα της οριστικής εξαφάνισης
και το θαύμα της καθημερινής αθανασίας.
Schlicht, fast alltäglich formuliert das Ganze und doch binden τραύμα und θαύμα hier durch ihren Gleichklang die zweite und dritte Zeile, das Verschinden und die Unsterblichkeit, untrennbar aneinander. Wie schön! Wie schön auch, dass genau das in der Übersetzung ganz von allein eintritt, auch wenn „Wunder” und „Wunde” soweit ich sehe, etymologisch so wenig verwandt sind, wie τραύμα und θαύμα.
Ich frage mich, welche weiteren Kombinationen
das Leben sich ausdenken wird,
zwischen der Wunde des endgültigen Verschwindens
und dem Wunder der täglichen Unsterblichkeit.
Hier das gesamte Gedicht auf Griechisch und in der deutschen Übersetzung von Jorgos Kartakis und mir:
Στον ουρανό του τίποτα με ελάχιστα
Από την κλειδαρότρυπα κρυφοκοιτάω τη ζωή
την κατασκοπεύω μήπως καταλάβω
πώς κερδίζει πάντα αυτή ενώ χάνουμε εμείς.
Πώς οι αξίες γεννιούνται κι επιβάλλονται πάνω σ΄αυτό
που πρώτο λιώνει: το σώμα.
Πεθαίνω μες στο νου μου χωρίς ίχνος αρρώστιας
ζω χωρίς να χρειάζομαι ενθάρρυνση καμιά ανασαίνω
κι ας είμαι σε κοντινή μακρινή απόσταση
απ΄ό, τι ζεστό αγγίζεται, φλογίζει…
Αναρωτιέμαι τι άλλους συνδιασμούς θα εφεύρει η ζωή
ανάμεσα στο τραύμα της οριστικής εξαφάνισης
και το θαύμα της καθημερινής αθανασίας.
Χρωστάω τη σοφία μου στο φόβο΄
πέταλα, αναστεναγμούς, αποχρώσεις τα πετάω.
Χώμα, αέρα, ρίζες κρατάω΄ να φεύγουν τα περιττά,
λέω να μπω στον ουρανό τού τίποτα με ελάχιστα.
In den Himmel des Nichts mit leichtem Gepäck
Ich betrachte das Leben heimlich durchs Schlüsselloch,
spioniere ihm nach, vielleicht verstehe ich dann,
warum es immer gewinnt
während wir verlieren.
Wie die Werte entstehen und dem aufgezwungen werden,
was als erstes schmilzt, dem Körper.
In meinem Verstand bin ich tot ohne eine Spur von Krankheit,
ich lebe ohne irgendeine Ermutigung zu brauchen, ich atme,
auch wenn ich in naher-weiter Entfernung bin von dem,
was warm berührt wird, was entzündet …
Ich frage mich, welche weiteren Kombinationen
das Leben sich ausdenken wird,
zwischen der Wunde des endgültigen Verschwindens
und dem Wunder der täglichen Unsterblichkeit.
Meine Weisheit verdanke ich der Angst.
Blütenblätter, Seufzer, Farbtöne,
die werfe ich fort,
Erde, Luft, Wurzeln behalte ich;
fort mit dem Überflüssigen, sage ich,
auf dass ich in den Himmel des Nichts gehe
mit leichtem Gepäck.
Neueste Kommentare