Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,
seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. In der heutigen Ausgabe: Hefter, Shakespeare, Huygens, Close vs. Far Reading, 1 Million und Zehntausend Dichter, Das Volk in Greifswald steht auf, der Sturm im Wasserglas bricht los; das Verb koeppen (wie jazzen oder rocken) und manches andere. Lesen!
Die Themen in dieser Ausgabe
Martina Hefter
Pflegeheimkatze Lucy spaziert durch die Gänge des Pflegeheims
Die Klänge kenn ich: Scherz,
Bluff, Schwärze, Pech, Kram,
Muff, Schmutz, Rotz, Kotz,
Krach, Cäsch, Träsch, Zeug, Kois, Gong,
Pfiff, Korsett, Kammer, Kapern.
Kennen heißt, man weiß unterscheiden,
Furunkel und Delle, dunkel und hell.
Man kennt, dass man stirbt.
Stirbt heißt, auf einem Kissen driftet man
raus aus seinem Schnauf.
Weiß nicht, was beim stirbt passiert,
aber kenn den Ton, er verästelt sich,
klatscht hin und rück und zu und auf,
da liegt wer zwischen Kloß und Klotz,
Stick und Sick.
Was ich wirklich weiß, weiß nicht.
Irgendwas wird stimmen.
Davon werd ich dann wissen.
Zum Beispiel, Wind ist, wenn Pfiff durch Spalte fizt.
Wind fitzt durch vieles, das ergibt einen Griff,
er packt mich babyleicht.
Überall rein quetscht er mich.
Überall ist alles,
aber ich hab gelernt
unterscheiden,
wo was nah an mir
und wo s fern ist.
Wie sie was weiß
sieht anders aus als
wie sie was nicht weiß.
Wie sie was nicht weiß: Sie schrumpft
ein Stück in sich zurück, steht dann hölzern in eim Eck.
Wenn sie was weiß, siehts aus, als strample sie
lange Zeit auf einem Fleck, pfeile dann durchs Fenster.
Sie weiß von was.
Ich spürs, als spürte ich in Höhlen
nur Luft, nicht den dunklen Druck.
Ich sprüh seltsamen Duft
unter die Leute, sie sitzen hier, was wissend
was ich vom Schnuppern her weiß,
sie driften auf Kissen, und sie umgibt: Ich.
Ich spinne. Ich spinne nicht.
Ich pritschle in einer Pfütze
mit Nass in Wanne. Da kommt die Frau, streichelt mich,
ihre Hand langt an Dings, wo Nass raus,
ich fang an, nach was zu fangen,
fang, fang, fang, fang, fang.
Ein Tag fasst viel Gefangenes.
Sie säuselt manchmal, sie verstehe, was ich sage.
Was verstehen ist: Nachts hör ich
draußen diese stachligen Tiere, sie schuffeln zum Müll,
ich versteh, ich muss nicht hin, nicht in ihren Kreis springen.
Die Tierchen, nicht mein Friss.
Spalten mich nicht in lieb sein oder Biss.
Ich bin so ein Tierchen nicht.
Jedoch die Frau – auf flachen Füßen
sie schlängelt sich um was,
das es in den Zimmern hier gibt,
nicht als Ding, es ist eine Luft.
Immer denkt sie an das, von dem ich weiß,
es ist ein Wort, das in jede Luft einen Kasten stellt.
Es klingt kloßig, wie Brot.
Keine Borte ziert den Topf, in dem was kocht,
das Tod bringt.
Da ist es schon.
Das ist alles.
Aber was ist alles? Ich weiß, wie sie eine Schleife um den Tisch geht.
Ich weiß, wie sie ein Rund um diese Stelle dreht.
Wo jeder Mittag anhält,
der Sittich im Käfig umfällt.
Sie umrundet dieses Rund.
Tut ihr das gut, wie mir guttut ausgedehntes Dehnen
mitten in der Nacht? Ist das Love, in der sie immerzu tobt?
Ich krieg mit, dass sie mich lobt,
weil ich Whiskas runterschlinge,
Bildchen bin für das,
wovor sie allmählich wegpennt.
Wach doch auf. Schluck was!
Immerzu döst du auf Kissen.
Wie könnt ich dich erfrischen,
soll ich Tupfer setzen auf dein Kinn?
Hallo, mein Mim-Mim, wollen wir ausloten
die Kraft unserer Pfoten?
So dumm dachte ich, als ich klein war.
Mein Flausch, er zog aus meinem Denken
den letzten Biss.
Und der Tag ploppte in seine Blüten,
man musste nur nach Fliegen springen,
bisschen spielen.
Spielen aber tat man sowieso.
Und spielen hilft nichts.
Ich setz mich jetzt auf jemands Bauch,
spende einen guten Blick.
Ich bin mehr als ein Tierchen, weiß ich.
Und jemand stirbt auch.
Der Mittag rast viel schneller voran, als ich dachte.
Wie alt ich bin? Dreihundertachtzig.
Wie alt die andern hier?
Wie sie so liegen auf ihren Pritschen,
sind keine Anfänge zu sehen.
Fährt ein LKW vorbei,
wirbelt kein Lärm sie auf,
sie nehmen alle Geräusche hin.
Sie sind so alt wie Wind.
Mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin. Aus einem 2018 bei Kookbooks erscheinenden Buch.
Augentrost – das ist mal ein Buchtitel! Dabei ist es gar keine Neuschöpfung, denn Constantijn Huygens schrieb seine Euphrasia schon 1647. Der Titel ist übrigens schnell erklärt: Der Augentrost (Euphrasia officinalis) ist eine Wiesenpflanze, seinen Namen hat er aufgrund seiner angenommenen Heilwirkung. Das muss uns aber nicht weiter beschäftigen, denn hier geht es ja um Literatur. Um ein Trostgedicht, das aus eher privatem Anlass entstand (und zunächst auch noch nicht über 1000 Verse umfasste): Huygens, der selbst (manchmal) eine Brille trug, schrieb es als Trost für eine Freundin (die im Text als „Parthenine“ auftaucht) und offenbar den Verlust eines Auges zu beklagen hatte. Aber, wie das Nachwort wiederum ganz richtig bemerkt, es ist mehr als ein Trostgedicht (ich würde sogar sagen: Es ist gar kein Trostgedicht mehr …), es ist ein richtiger Narrenspiegel, der die ganze Gesellschaft – die Dichter übrigens ausdrücklich eingeschlossen – aufspießt. / mehr bei mathiasmader.de
Constantijn Huygens: Euphrasia. Augentrost. Übersetzt und herausgegeben von Ard Posthuma. Leipzig: Reinecke & Voß 2016. [ohne Seitenzählung]. ISBN 9783942901222
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Reading may be passé, what about Close reading?
Close reading ist Bad old days, beziehungsweise, schreibt Marjorie Perloff, heutige Studenten wissen vielleicht gar nicht mehr, was das ist. Ihre Lehrer mögen eine ferne Erinnerung haben. Und fährt fort:
But would a far reading, then, be better than a close one? Well, not exactly, but perhaps reading is itself passé, what with the possibility that a given poem or novel could serve as an exemplar of this or that theory, in which case one might only have to focus on a particular passage. In the case of T. S. Eliot’s “Gerontion,” for example, one need only discuss the speci¤cally anti-Semitic passages so as to demonstrate Eliot’s racism.
Perloff, Marjorie.
Differentials : poetry, poetics, pedagogy / Marjorie Perloff. (Modern and contemporary poetics) 2004
The University of Alabama Press
Tuscaloosa, Alabama
geht weiter mit Sonett #22: MY glasse shall not perswade me I am ould, deutsch von Stefan George: Nicht glaub ich meinem spiegel ˙ ich sei alt. Im übrigen bin ich der Meinung, Shakespearejahr hin oder her, daß wir experimentelle Übersetzungen von Shakespeares Sonetten, oder von Gedichten Puschkins Byrons Shelleys Mickiewicz‘ Villons usw. usf. … brauchen. Àxel Sanjosé hatte im vergangenen Mai darauf hingewiesen. Ich weiß ja nicht, ob jemand diese Sonette in Wochenhäppchen mitliest, jetzt wo das Shakespearejahr 2016 passé ist. Am liebsten experimentelle Übersetzungen mit mehreren Varianten einzelner Gedichte: wie es sie von Chlebnikow (Ausgabe Peter Urbans bei Rowohlt 1985), Petrarca (Poesiealbum 178/ 1982) oder Gertrude Stein (bei Arche 1993) gab. Aber das ist lange her, wen interessiert sowas heute?
Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen
Patrick Kavanagh estimated that the standing army of Irish poets at any one time is least 10,000 strong; I was aware that while I might make nine friends among the ranks for my inclusion of their poems with my own, I would surely make 9,991 enemies. / Paula Meehan über den Auftrag, 10 Gedichte aus Irland auszusuchen, The Irish Times
Rechnet man die geschätzte Gesamtzahl der gegenwärtig in China schreibenden und veröffentlichenden Lyrik-Autoren auf die Gesamtpopulation des Riesenreiches hoch, so kommt man auf ein frappierendes Ergebnis: Momentan gibt es mehr als eine Million lyrischer Dichter unter den ungefähr 1,3 Milliarden Chinesen, ein stupender Prozentsatz, der vermutlich von keinem anderen Lyrik-Land der Welt oder nur noch von Island erreicht wird. / Benjamin Rossi, Neue Zürcher Zeitung
Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik. Hrsg. Lea Schneider. Edition Polyphon. Verlagshaus Berlin, 2016. 390 S., Fr. 32.90.
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Haft wegen Kritik an Erdoğan
Der türkische Dichter Yılmaz Odabaşı wurde am Mittwoch zu 20 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt, weil er in einer Kolumne im Jahr 2015 den Präsidenten beleidigt haben soll. Mehr
Koeppen kannte ich von Kindesbeinen, im Elternhaus wurde er vorgelesen, und für die Prosaverse gab’s dort ein Flügelwort: „Koeppen“. Koeppen wie Jazzen wie Rocken.
Wenn die Uni stur bleibt und die Landesregierung nicht vor organisiertem und selbstinduziertem Volkszorn einknickt, können sie ja ihre Stadt in Ernst-Moritz-Arndt-Stadt umbenennen, damit ihre „Identität“, von der auf einmal alle posaunen, gewahrt bleibt. Deutschland 2017. Wohin auswandern. / Kommentar von Michael Gratz zu Diskussionen um den Namen der Universität Greifswald hier.
Kalendarium heißt ab jetzt Lyrikkalender und ist prallvoll hier. Viel passiert Ende Januar/ Anfang Februar: Serendipity wird erfunden, Dichter sterben und werden geboren, Hölderlin schläft mit geladener Pistole unterm Kopfkissen. Adolf Hitler nutzt die ersten Tage nach der „Machtergreifung“, um Fakten zu schaffen. George Forestier wird bejubelt und fallengelassen. Der Dichter Schickele pfeift darauf, ob er deutscher oder französischer Staatsangehöriger ist.
Anfang des Monats starb Thomas Brasch, Ende George Harrison. Große Verlage setzen auf Mainstream. Celan paßte nicht nach Wien. Der heutige Leser? Alles soll sofort kapiert werden, leicht verstanden, flüchtig aufgenommen, rasch vergessen. Wer Gedichte schreibt, hat ´nen Stich (Annerose Kirchner). Wenn Erich Fried vom „Bumsen“ schreibt, so übersetzt sie es mit „elste nüe Woort“ (das eklige neue Wort). Friedrich Rückerts Liedertagebuch ist das größte geschlossene Poesiewerk des Neunzehnten Jahrhunderts. Türkische Literatur, Suaheliliteratur und noch viel mehr hier.
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Serendipity, Sömmering, Hölderlin, John McCrae, Akiko Baba, Hitler u.v.a.
Emanuel Swedenborg, Salis-Seewis, Poe, Ernst Moritz Arndt, Edward Lear, Anacker, Paul Celan u.v.a.
Franz Brümmer, Karl Bleibtreu, Hitler, Brautigan & Bloody Sunday
Rodolphe Töpffers Proto-Comics, Griechenmüller, Georges Forestier, Dorothea Tanning
Nur noch 333 Tage bis Jahresende. Conrad Celtis, Kosegarten, Handrij Zejler, Otto Julius Bierbaum
Donnerstag, 2. Februar
Lichtmeß, JamesJoyce, Gostan Zarian, Daniil Charms
Ettenhueber, Siegfried Schmid, Marie von Najmájer,
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Am 3. November 2001 starb Thomas Brasch mit nur 56 Jahren. Die NZZ schreibt
« Die Wetter schlagen um: Sie werden kälter. Wer vorgestern noch Aufstand rief, ist heute zwei Tage älter.» In dem Gedicht «Und der Sänger Dylan in der Deutschlandhalle» mokiert sich der Autor über die «brüllende Meute», die dem Barden die Höhe der Gage und fehlendes Engagement vorhält; die «dürren Studentinnen mit dem Elend aller Trödelmärkte der Welt in den Augen» finden nicht die Sympathie eines erklärten Hedonisten, für den zunächst die artifizielle Zuspitzung zählt und nicht die political correctness. Womöglich war er darin sogar seiner Zeit voraus … / Martin Krumbholz, NZZ 5. November 2001
Im November starben auch
Während grosse Verlage mehr und mehr das Risiko scheuen, sogenannte schwierige Literatur zu veröffentlichen, und auf Mainstream, sprich Gutverkäufliches, setzen, entstehen Nischenverlage, deren Ehrgeiz just darin besteht, sich um Entlegenes, Untrendiges zu kümmern. Zu einer dieser löblichen Neugründungen gehört die Edition Korrespondenzen des Wieners Franz Hammerbacher, der schon mit seinem ersten Programm hohe inhaltliche und gestalterische Qualität beweist und ein klares Verlagsprofil erkennen lässt. / Ilma Rakusa, NZZ 1. 11.2001
Es fehlt durchaus nicht an Anerkennung für seine dichterische Begabung, auch nicht an Respekt und Hilfsbereitschaft, aber der Preis für sein Mitmischen in den Wiener Künstlerkreisen, deren Aufbruchselan etwas eigentümlich Nachholendes und Anachronistisches anhaftet, ist eine gewisse Selbstverrenkung: In Wien wird zwanghaft das Kaffeehaus zurückerobert und in einem verspäteten, umso lauteren Bekenntnis zum Surrealismus der Anschluss an die internationale Moderne gesucht. Also verkauft Celan seine Lyrik als surrealistisch und verfasst zusammen mit dem Maler Edgar Jené das großsprecherische Manifest „Eine Lanze“ (das Anagramm der Namen der beiden Verfasser): „Wieder wird ein großer Hammer geschwungen und wen soll er zermalmen, wenn er niedersaust? Ein Geschöpf, den Menschen nicht mehr ähnlich, eine Mißgeburt aus Sodom, Methusalems letzten Sproß, gezeugt mit seiner Todesstunde: den Surrealismus.“ Celan wird diesen Ton nicht lange durchhalten. Wie später in der Gruppe 47 war er auch in Wien ein Fremdkörper… / IJOMA MANGOLD über die Ausstellung Displaced. Paul Celan in Wien FR 28.11.01
Günter Kunert über Probleme mit Gedichten in Schnell-Lesezeiten
Wahrlich, ich lebe in Zeiten, da die Dichter wenig gelten. Vorbei die gute alte schlechte Zeit, während welcher man noch einander Gedichte vorlas, von ihren Worten bewegt oder erregt, zumindest im Einklang, in seelischer Übereinstimmung mit den Sprachgebilden. Und ganz unauffällig fand bei derlei gemeinsamen Unterhaltsamkeiten auch etwas statt, dass man mit einem trockenen Begriff „Belehrung“ nennen könnte. Nämlich Belehrung über das wundersame Wesen der Sprache.
Zeilen prägten sich dann einem ein. Verse blieben im Gedächtnis, Intonation und Rhythmus weckten die Aufmerksamkeit für Genauigkeit. In einem weitaus umfassenderen und auch strengerem Maße forderte die Dichtung, die Lyrik, etwas vom Leser oder Zuhörer, was ihm oft die Prosa nicht abverlangte. Nämlich sich um Verständnis für verbale Bilder zu bemühen und ihre Hintergründigkeit, manchmal auch ihre Rätsel zu ergründen.
Ich weiß, der heutige, auf Hurtigkeit gestrimmte Leser besitzt nicht mehr, was früher kostenlos vorhanden war, und zwar die Muße, um sich mit einem sprachlichen Kunstwerk zu befassen. Alles soll sofort kapiert werden, leicht verstanden, flüchtig aufgenommen, rasch vergessen. (Laudatio auf Heinz Czechowski , Nordwest- Zeitung 26.11.01)
Kommentar der Lyrikzeitung 2001: Aber woher weiß er das, übrigens? …
Kommentar der Lyrikzeitung 2017: Naja…
Popo-selig, wer erkennt:
Durch Hipperbeln popotent!
Wer ob der Hippnose witzelt,
Wird von Popo scharf bespitzelt.
Hippopot, ganz Hippospot,
Tritt ihn eigenhändig tot.
,,Hippopotamos“ (zu Deutsch: Flusspferd) heißt das Gedicht, aus dem diese Zeilen stammen. Der Russe Wjatscheslaw Kuprijanow hat es geschrieben. / Frankenpost 24.11.01
»Wer Gedichte schreibt, hat ´nen Stich«, räumt die Geraer Lyrikerin Annerose Kirchner vor dem Bergaer Publikum ganz freimütig ein. / Ostthüringer Zeitung 23.11.2001
Der Gedicht-Titel „Entmystifizierung des Sex“ klingt bei Marlies Jensen viel lieblicher: ¸“Mit den Holthamer op dat sööte Geheemnis“ ist gleichzeitig der Buchtitel. Drastisches vermeidet sie: Wenn Fried vom „Bumsen“ schreibt, so übersetzt sie es mit „elste nüe Woort“ (das eklige neue Wort).
Manches akzentuiert sie anders: „Krieg“ nennt sie „Mord und Dootslag“, und die von Fried so geschätzte „innere Ruhe“ wird bei ihr zu „Kehrdiannix“ (Scher dich um nichts). Frei übersetzt sie das „Computerzeitalter“ mit „Tieden vun de Orwellsche Schrievmaschin“ (Zeiten der Orwellschen Schreibmaschine).
Erich Fried, Mit den Holthamer op dat sööte Geheemnis, Agimos Verlag, Kiel, 146 Seiten, 29,90 Mark. / Südwest Presse 23.11.01
Das „Liedertagebuch“ stelle, so der editorische Bericht der Herausgeber, das „größte geschlossene Poesiewerk des Neunzehnten Jahrhunderts“ dar. Es sei, so Wollschläger bei der Präsentation, ein Werk, das geeignet sei, das Bild, das sich Zeitgenossen und Nachwelt von Rückert gemacht haben, entscheidend zum Positiven hin zu korrigieren. Diese rund 10 000 Verse, die im Schweinfurter Archiv „ruhten“, bis sie vor einem Dutzend von Jahren von den Herausgebern gesichtet und in ihrem Wert erkannt wurden, stellten die „gewichtigere Hälfte von Rückerts Werk“ dar, im Vergleich zu den von Rückert selbst zu Lebzeiten in Druck gegebenen Schriften. / Main-Post 16.11.01
Die Welt 11.11.01 (Interview mit Wolf Biermann)
Jetzt wächst Deutschland zusammen, und wir so genannten Intellektuellen kippen auseinander.
WamS: Nirgends wurde das deutlicher als im Golfkrieg.
Biermann: Da ging es ja auch an die Substanz. Wie auch heute wieder. Klar: Für den Frieden sind wir alle. Aber wenn es dann um das Wie geht, schließen sich die Menschen gegenseitig aus der Menschheit aus, und es entsteht die von Hölderlin besungene stumme, kalte Zwietracht.
Es gibt kaum eine andere literarische Gattung, die sich der vermeintlichen Verstehbarkeit der Welt so dezidiert entgegenstellt wie die Poesie. Dutli definiert die Lyrik nachgerade als den «dauernd inszenierten Totalverlust aller Gewissheit». … Bereits im 11. Jahrhundert verfasste der provenzalische Dichter Guilhem IX. einen unerhört modernen Text, der mit den Zeilen beginnt: «Ich mach ein Lied aus reinem Nichts.» Solch kalkulierte Informationsverweigerung lenke die Aufmerksamkeit des Lesers auf das Eigentliche: auf die musikalische Konstruktion des literarischen Gebildes. Dabei diktiere die Sprache selbst den lyrischen Sinn: Der Dichter sei nur ein Troubadour, der das in der Wort- oder Satzstruktur bereits Angelegte «finde». Im Gedicht vereinigen sich Autor und Leser, so Dutli, zu einer magischen Sprachzelebration. / NZZ 10.11.01
Wie reagiert die deutsche Literaturkritik, wenn die Texte eines Autors, einer Autorin aus der Türkei zu bewerten sind? Ignorant und snobistisch.
/ Monika Carbe NZZ 10.11.01
„Unser Wahn“: Die Krise arabischer Intellektueller
Zweifellos sind Araber und Muslime ungerechter Behandlung ausgesetzt. Wenn wir aber nur dies sehen, so bedeutet das, daß wir vom anderen noch gar nichts gelernt haben.
Schreibt Abbas Baydoun. Der libanesische Dichter wurde 1945 geboren. Er ist Feuilletonchef der Tageszeitung “ As-Safir“ in Beirut. / Frankfurter Allgemeine Zeitung , 09.11.2001
Oskar Kanehl, Lyriker, Publizist und später Anarchist, war ein ausgesprochener Querdenker, der 1913 von Greifswald nach Wieck zog und Lust bekam, „eine Bombe ins schwarze Ketzernest Greifswald zu werfen“. Am 16. Juli erscheint die erste Ausgabe des „Wiecker Boten“. Das Blatt findet Beachtung, erntet Widerspruch, zieht den Hass der Korpsstudenten und die Missbilligung der Universität auf sich. Die Schrift, dem Expressionismus zugetan, versteht sich als kritischer Beobachter, als „Parteiblatt der Parteiüberwinder“. Kanehl wird 1914 einberufen, der widerspenstige „Wiecker Bote“ verschwindet.
Heute ist das [1995 wiederbegründete] Blatt weniger widerspenstig, aber noch immer kritischer Beobachter seiner Zeit. / MARKUS KOWALZYCK, Ostsee-Zeitung 7.11.01
Kult
Volly Tanner wird alt. Der Underground-Poet geht neuerdings bei Grün über die Straße. Volly Tanner ist schüttere, kränkliche 31; doch dafür hat er etwas geschafft, das an keiner Umrahmung seiner gepflegten Feindbilder notiert ist: Er genießt Kult-Status. / Leipziger Volkszeitung 6.11.01
Zwar hatte sich bereits die frühere Swahili-Literatur – die ersten schriftlichen Zeugnisse gehen bis ins 17. Jahrhundert zurück – mit Politik beschäftigt, doch ausschliesslich in einem affirmativen Sinne. Sexualität dagegen war früher nie ein Thema; das Erscheinen von [des Tansaniers] Euphrase Kezilahabis erstem Roman im Jahre 1971 führte denn auch zu einem Skandal. Zu Diskussionen Anlass gaben auch seine in freien Versen geschriebenen Gedichte, bestimmten doch Reim und Metrum ausnahmslos die traditionelle Swahili-Lyrik. / Heinz Hug, NZZ 1. November 2001
Verschwunden
25 Jahre nach ihrem Tod ist die bedeutende Dichterin Martha Saalfeld, von Elisabeth Langgässer einst als „pfälzische Sappho“ apostrophiert, aus der literarischen Öffentlichkeit so gut wie verschwunden. / Michael Buselmeier, Freitag 45/01
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Nur noch 333 Tage bis Jahresende
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Ein Kommentar von Michael Gratz
Seit 20 Jahren wird in Greifswald wieder über den Namen der Universität diskutiert.
500 Jahre lang war die zweitälteste Universität nördlich von Heidelberg überhaupt ohne Personennamen ausgekommen. 1933 erhielt sie den Namen „Ernst-Moritz-Arndt-Universität“ aus den Händen des zuständigen Ministers Hermann Göring. Beantragt hatte die Namensgebung Professor Walter Glawe, Mitglied von DNVP, Stahlhelm und dann NSDAP. Zwischen 1945 und etwa 1954 war der Namenszusatz „Ernst-Moritz-Arndt“ gestrichen, dann führte ihn die SED wieder ein. Professor in Greifswald war immer noch Walter Glawe, jetzt SED.
Vor fünf Jahren kam im Senat nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit für eine Namensänderung zustande. Vor zwei Wochen wurde erneut abgestimmt, diesmal waren 24 Senatorinnen und Senatoren für die Streichung, 11 dagegen. Eine klare Mehrheit gegen Arndt und eine knappe Zweidrittelmehrheit, die Namensänderung ist damit beschlossen. Die Landesregierung muß noch zustimmen.
Noch während die Sitzung lief, begann der Aufschrei der Arndtanhänger in sozialen Medien. Einer rief die Greifswalder auf
Wo bleibt der Aufstand der Eingeborenen?
Ihr Greifswalder müsst damit leben, also lauft Sturm und lasst euch nicht so vorführen. #sturmaufbastille
Man sprach von „Hinterhofdemokratie, die jeglicher Legitimation entbehrt“, „Handstreich“ und „Nacht und Nebelnummer“, von „Geschichtsexorzismus“ und „tiefen Gräben zwischen Bürgern und Universität“. Der AfD-Abgeordnete Prof. Weber nannte eine erfundene Zahl von mindestens €300000, die die Umbenennung kosten würde. Alle verbreiten die Zahl weiter, #fakenews. Bald sprang die regionale Ostsee-Zeitung auf den Zug auf. Wie zu DDR-Zeiten während der Biermann-Ausbürgerung druckt sie tagelang Stellungnahmen von Greifswaldern, allesamt gegen die Umbenennung, Zustimmung gibt es anscheinend nicht, nicht bei der Zeitung. Die „Junge Union“ meldete sich zu Wort, die CDU fordert eine Sondersitzung der Bürgerschaft und sogar des Landtags. „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“. Mein Kommentar:
„Die Greifswalder“, schallt es jetzt überall, sind stolz auf den „traditionellen“ (seit 1933) Namen. Da werden sie wohl im Recht sein. Das Ding heißt doch nicht Einsteinuniversität. Diese Stadt, die jetzt lautstark den Aufstand probt und mit Stimmen von CDU und alten Linken der schon gescheiterten Provinzpegida noch einmal die Chance gibt, sich als „mächtige Volksbewegung“ in Szene zu setzen, hat sich den Namen verdient.
Wenn die Uni stur bleibt und die Landesregierung nicht vor organisiertem und selbstinduziertem Volkszorn einknickt, können sie ja ihre Stadt in Ernst-Moritz-Arndt-Stadt umbenennen, damit ihre „Identität“, von der auf einmal alle posaunen, gewahrt bleibt. Deutschland 2017. Wohin auswandern.
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Lichtmeß
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Leseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 22-28 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
22
MY glasse shall not perswade me I am ould, So long as youth and thou are of one date, But when in thee times forrwes I behould, Then look I death my daies should expiate. For all that beauty that doth couer thee, Is but the seemely rayment of my heart, Which in thy brest doth liue, as thine in me, How can I then be elder then thou art? O therefore loue be of thy selfe so wary, As I not for my selfe, but for thee will, Bearing thy heart which I will keepe so chary As tender nurse her babe from faring ill, Presume not on thy heart when mine is slaine, Thou gau'st me thine not to giue backe againe.
Einige Anmerkungen zum Text:
1 glasse Spiegel
2 are of one date gleich alt werden
3 forrwes furrows (Furchen, Runzeln) Gildon 1710 verbessert: sorrows
4 expiate sühnen, hier: beenden: dann hoffe ich, daß der Tod meine Tage beenden wird
6 seemely seemly (passend) rayment
9 wary wachsam
10 will: will be wary
11 chary behutsam, sanft
13 presume not on beharre/bestehe nicht auf slaine erschlagen, getötet
14 gau’st gavest
Deutsche Fassung von Stefan George:
Quellen
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Auch in Sachen Lyrik ist Sinn und Form vornehm (ich sage nicht: akademisch)[✺]. Bei deutscher Gegenwartslyrik eher zurückhaltend, lieber einem kleinen Stamm von Autoren die Treue haltend als neueste Namen riskierend. Und sonst auf Klassizität und große Namen orientiert. Das erste Heft des Jahrgangs 2017 beginnt mit dem 2016 verstorbenen französischen Dichter Yves Bonnefoy großartig mit dem Abdruck des auf Deutsch noch nicht veröffentlichten Langgedichts Weiter vereint, das Elisabeth Edl und Wolfgang Matz übersetzt haben, eine Lebensbilanz, Auszug:
Was haben wir gewollt?
Nur das, den Worten einen Sinn bewahren.
Sie waren unser Becher, die Sprache,
ich hebe ihn für euch und mit euch,
sind das unsere Stimmen, dies Durcheinander
von Echos unter dem Gewölbe, dunkel, dann diese Stille?
Mit Gewalt sind Unbekannte bei uns eingedrungen,
sie gehen wie ein Wind durch uns hindurch,
und unser Saal wird voll, wird leer.
Dem folgt eine Erinnerung an Bonnefoy von Wolfgang Matz. Der „späte“ Auftritt des Dichters in Berlin im Juni 2011 wird so beschrieben:
… und als nach den mehr oder minder lauten Auftritten der zeitgenössischen Lyrik-Szene dieser alte Mann langsam auf die Bühne ging und anhob zu seiner wie aus der Zeit gefallenen, feierlichen, sehr französischen Rezitation, da spürte man ergriffenes Staunen bei dieser Begegnung mit etwas fast Vergessenem: der großen Poesie.
Ja, so ist Sinn und Form. Staunenswert Matz‘ Bericht vom späten Bonnefoy. Am 1. Juli 2016 ist er gestorben. Wenige Wochen zuvor waren noch zwei Bücher erschienen, das eine beginnt mit dem Gedicht Weiter vereint. Das Spätwerk, schreibt Matz, verändere „in extremis den Blick auf Yves Bonnefoys gesamtes Werk, ja dieses gesamte Werk selber“. Bonnefoy, der einen 1964 begonnenen Text vernichten wollte und ihn zuvor noch einmal liest, „glaubt … zum ersten Mal seinen eigenen Text, glaubt sich selber zu verstehen und damit auch das, was das Gedicht immer unabschließbar gemacht hat“. Weder verbrennt er es noch schreibt er es einfach fort, sondern er fügt ihm eine ungewöhnliche „Selbsterforschung, Selbstdeutung“ hinzu, nicht um anderen seine Poetologie zu erklären, sondern um für sich selber herauszufinden, „was ihn angetrieben hat sein ganzes langes Leben“. An der Übersetzung dieses Buchs, „L’écharpe rouge“ (Der rote Schal) wird gearbeitet. Sinn und Form, wie ich sie liebe.
Auch Ulla Berkéwicz schreibt Erinnerungen auf. Erinnerung ist vielleicht das Schlüsselwort für die Vornehmheit dieser Zeitschrift. Nicht die Niederungen der Gegenwart sind ihr Feld, sondern die durch Erinnerung beschworene große Zeit. Sie schreibt Erinnerungen an Wolfgang Koeppen. Was für ein Elternhaus:
Koeppen kannte ich von Kindesbeinen, im Elternhaus wurde er vorgelesen, und für die Prosaverse gab’s dort ein Flügelwort: „Koeppen“. Koeppen wie Jazzen wie Rocken.
Berkéwicz schreibt wider den öffentlichen Unsinn über Koeppen. Wunderbar diese Szene:
Einmal stellte er sich: „Meine Herren, Ihre Fragen machen mich verlegen, meine Antworten werden mir schaden“, sprach er freundlich lächelnd und fuhr fort: „Ich durfte jung die Carceri von Piranesi betrachten und bin in diesem bewundernswerten grausamen Labyrinth verirrt geblieben, gefesselt, geängstigt und unbegreiflich entzückt. Es war die Gewalt des Ästhetischen, des Möglichen, des Spiels. Vielleicht aber war mir aufgegeben, nach einem Ausweg zu suchen, den ich nicht finden werde. – Vergessen Sie also alle Deutungen und das Mißgefasel. Es ist komplizierter, meine Herren. Die Idee ist zu erschreckend für die Schreibmaschine.“
Und auf die Frage: „Wie lenken Sie sich von der Verzweiflung ab?“ antwortete er: „Ich lenke mich überhaupt nicht ab, ich riskiere den Wahnsinn.“
Sinn und Form 1/ 2017. 69. Jahr. 144 Seiten, 11 Euro
aka|de|misch <Adj.>:
1. an einer Universität od. Hochschule erworben, erfolgend, üblich, vorhanden: eine -e Position; a. [vor]gebildet sein.
2. a) (bild. Kunst abwertend) herkömmlich u. formal musterhaft, aber unlebendig u. ohne Verve: eine Kunst von -er Blässe; ein a. gemaltes Porträt;
b) (abwertend) lebensfern, trocken, theoretisch, voller Abstraktionen: ein in -em Stil verfasster Aufsatz;
c) müßig, überflüssig: wenn es bei diesem Preis bleibt, wird die Frage sowieso a.
© Duden – Deutsches Universalwörterbuch, 6. Aufl. Mannheim 2006 [CD-ROM].
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Der türkische Dichter Yılmaz Odabaşı wurde am Mittwoch zu 20 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt, weil er in einer Kolumne im Jahr 2015 den Präsidenten beleidigt haben soll.
Das Innenministerium hatte im vergangenen Monat mitgeteilt, daß gegen 10.000 Menschen Untersuchungen wegen Verdachts auf „terroristische Propaganda“ oder Beleidigung hoher Beamter in sozialen Medien laufen. In den letzten 6 Monaten seien 1656 Benutzer sozialer Medien verhaftet worden. 1203 davon seinen „zur Bewährung“ entlassen worden. Die Zusammenarbeit mit Twitter, Facebook, Youtube und nationalen und internationalen Providern sei auf eine neue Stufe geführt worden.
Die neuen Verordnungen zum Ausnahmezustand vom 6. Januar erlauben es der Polizei, Informationen über die Identität von Internetnutzern einzuholen. / turkeypurge.com
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