„Plappernde Plauderlyrik“

Nachüberlegungen zum NZZ-Essay „Sie schreiben, wie sie talken“ (2017-02-02) und zur anschliessenden Debatte in der Presse und im Internet

Dass man meine nüchternen Beobachtungen und Überlegungen zur sprachlichen Verfassung der Gegenwartsliteratur für „polemisch“ halten kann, bleibt mir ebenso unbegreiflich wie deren Einschätzung als Plädoyer für das „Erhabene“.
Aus den zahlreichen Feedbacks auf den kleinen stilkritischen Essay in der NZZ – insgesamt ein Dutzend privat, drei via die Redaktion, weitere im Internet – kann ich, egal ob lobend oder kritisch reagiert wird, kaum Gewinn ziehen.
Auffallend sind vorab Missverständnisse und Vorurteile. Missverstanden wird fast durchweg der von mir verwendete Stilbegriff. Es geht mir keineswegs darum, guten und schlechten Stil in Widerstreit zu bringen – alle Stillagen haben ihre Berechtigung, und ich halte ja explizit fest, dass es mir nicht um deren hierarchische Bewertung geht, vielmehr um deren Koexistenz.
Ich wende mich freilich gegen die Vermengung aller möglichen Silformen zu einem General- oder Zeitstil, der individuelle Stilbildungen zunehmend verdrängt. Stets sind es Personalstile gewesen, die die Literatur als Kunst vorangebracht haben, Epochenstile waren und bleiben in ihrer Konventionalität befangen.
Stillosigkeit bezeichnet bei mir mithin einen Mangel an individueller stilistischer Ausprägung, und nicht einen grundsätzlich „schlechten“ Stil:
Stillos, in meinem Verständnis, kann auch ein noch so brillant praktizierter Zeitstil sein, und umgekehrt ist es, wie bei Handke oder Strauss, durchaus gängig, dass ein unverkennbarer, „starker“, „schwieriger“ Personalstil reichlich ungeschlacht daherkommt – nicht durch Anpassung an die defizitäre Alltagssprache, sondern in Durchsetzung der eigenen sprachlichen Unverkennbarkeit.
Dass im Übrigen weithin auch die Handschrift als individuelle sprachliche Äusserung in Verfall gekommen ist, mag als zusätzliches Argument für meine These gelten:
Die übliche Schreibbewegung ist heute der Tasten- oder Sensordruck, allenfalls das Wegwischen, derweil die meisten Zeitgenossen (Autoren, Autorinnen nicht ausgenommen) kaum mehr in der Lage sind, mit der Hand einen zusammenhängenden, unverkennbar persönlichen Schriftzug zu entfalten, ganz zu schweigen von persönlichen handschriftlichen Briefen, die neuerdings bloss noch als Kuriositäten durchgehen.
Meine Sorge gilt allgemein dem Schwinden individueller Freiheits- und Ausdrucksambitionen – jedes noch so ausgefallene Verhalten oder Gestalten wird sogleich zum Trend, die einzelne, verifizierbare und belangbare Person verliert sich im Dunst des aktuellen, bunt und doch bloss dumpf brodelnden Zeitgeists.
Eigentlich sollte man doch den herben Verlust beziehungsweise die bewusste Vernachlässigung individueller, eben auch sprachlicher, literarischer Qualitäten bedauern dürfen, ohne deswegen den „grauen Häuptern“ zugeordnet zu werden.

Nachbemerkung: Fortschritt ist, zumindest in kulturellen Dingen, einzig noch durch Rückschritte zu verwirklichen. Autoren wie Camus, Char, Hemingway, Beckett, Nabokov, sogar Solshenizyn haben – vor einem halben Jahrhundert – bei all ihrer Unterschiedlichkeit einen jeweils individuellen Stil entwickelt, der sich auf jeder Seite, in jeder Strophe ihres Werks unverkennbar manifestiert. Dennoch, nein, eben deswegen fanden sie bei der Kritik wie auch beim breiten Publikum damals ein Interesse, von dem kaum etwas übriggeblieben ist.

Felix Philipp Ingold
2017-02-10

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