Veröffentlicht am 3. Februar 2017 von lyrikzeitung
Am 7. Februar
Veröffentlicht am 3. Februar 2017 von lyrikzeitung
Wintermitte. Aßmann von Abschatz, Bellman, Ulrike von Levtzow, Jacques Prévert, Dietrich Bonhoeffer, Neal Cassady u.a. hier
Hans Fallada (70. Todestag), Lou Andreas-Salomé (80. Todestag). Runebergtag in Finnland u.v.a. hier
Nationaler Tag der Samen. Zwei politische Antipoden haben an diesem Tag Geburtstag: Der Pole Julian Ursyn Niemcewicz (* 1757) schrieb ein verschwörungstheoretisches Buch über eine organisierte „jüdische Verschwörung“ gegen Polen. Der deutsche und jüdische Schriftsteller Saul Ascher (* 1767) schrieb gegen die mit Namen wie Ernst Moritz Arndt und Friedrich Ludwig Jahr verbundene völkische und antisemitische Ideologie an und bemerkte hellsichtig, dass nach der Verdammung der Philister und Juden nun „Indier, Mohammedaner, Chinesen und ungläubige Barbaren an die Reihe kommen“. Mehr hier
Botticelli verbrennt seine pornographischen Bilder. Baldassare Castiglione glaubt, daß alles, was Männer begreifen, auch Frauen begreifen können. 66% der Schweizer stimmen ihm 450 Jahre später zu. Max Bense, Alejandro Jodorowsky und viele andere hier.
Prešerentag (Slowenien). France Prešeren, Samuel Butler, Arndt von Rügen? Eva Strittmatter und Austin mehr hier
Der größte tschagataiische Dichter, der wichtigste moderne japanische Dichter, der Erneuerer des englischsprachigen Theaters und wichtigste irische Dichter… und andere Koryphäen und Kuriositäten hier Plus: 90. Geburtstag von Rainer M. Gerhardt
Geburtstag Bertolt Brechts und des ersten Trobadors Wilhelm IX. von Aquitanien („Ich mach ein Lied aus reinweg nichts“). Außerdem von Giuseppe Ungaretti, Boris Pasternak und Margarete Hannsmann. Und der 180. Todestag Alexander Puschkins. Mehr hier
Veröffentlicht am 3. Februar 2017 von lyrikzeitung
Am 6. Februar
Nationaler Tag der Samen (die in Norwegen, Schweden, Finnland und Rußland leben) (Lyrikzeitung)
Veröffentlicht am 3. Februar 2017 von lyrikzeitung
Veröffentlicht am 3. Februar 2017 von lyrikzeitung
Am 4. Februar
Veröffentlicht am 3. Februar 2017 von lyrikzeitung
Die europäische Kulturzeitschrift erscheint in ihrem 115. Heft mit den Schwerpunkten
Roger Friedland schreibt angesichts der Wahl Donald Trumps über Staat und Geschlecht. Die Erotisierung der Macht und die Verheißungen des Patriarchats. Bei der US-Wahl sei es um das Geschlecht des Staates gegangen. „Donald Trump hatte sich als erigierter Phallus beworben, als sexuell aggressiver Mann, der die Regeln verletzen, unsere Feinde zerschmettern und Amerika wieder stark machen könne. (…) Die Leute haben seinen Schwanz gewählt. Nie zuvor hatte ein amerikanischer Präsidentschaftskandidat die Länge seines Penis verteidigt, geschweige denn in einem Rededuell in bester Sendezeit versichert, seine kleinen Hände ließen nicht darauf schließen, daß auch alles andere klein sei. ‚Ich garantiere Ihnen, es gibt da kein Problem. Glauben Sie mir!‘, schoß er in einem Streitgespräch des Vorwahlkampfes zurück. (…) Auf dem Nominierungsparteitag der Republikaner skandierte die Menge nicht ‚Yes, we can‘, sondern ‚Yes, you will‘.“ (S. 7)
Timothy Snyder rät in 20 Vorschlägen „zur Bewahrung der Freiheit in der Unfreiheit„, angesichts dieser Wahl ein Zeichen zu setzen. Hier stark verkürzt einige dieser Vorschläge:
[In der öffentlichen Debatte geschieht es längst, ich meine nicht seine Anhänger]
6. Gehen Sie glimpflich mit unserer Sprache um. Meiden Sie Phrasen, die jeder drischt.Überlegen Sie sich ihre eigene Ausdrucksweise, auch wenn es nur darum geht, auszudrücken, was Ihrer Ansicht nach jeder sagt. (Benutzen Sie das Internet nicht vordem Schlafengehen. Halten Sie Ihre Gerätschaften vom Schlafzimmer fern und lesen Sie was.)
9. Ermitteln Sie selbst. Versuchen Sie selbst auf etwas zu kommen. Gehen Sie den Dingen selbst auf den Grund. Verwenden Sie mehr Zeit auf lange Artikel.
12. Übernehmen Sie Verantwortung für das Gesicht der Welt. Achten Sie auf Hakenkreuze und all die anderen Zeichen von Haß. Schauen Sie nicht weg und gewöhnen Sie sich nicht an sie. Entfernen Sie sie selbst und setzen Sie somit selbst ein Zeichen.
Und Masha Gessen plädiert für hartnäckigen Widerstand (und kritisiert Obama und Clinton, die nach der Wahl resigniert und konziliant redeten – als hätte Trump all das, was er im Wahlkampf sagte, nicht so gemeint).
Martin Burckhardt denkt über das Verschwinden des Intellektuellen im Posthistoire nach. Der Intellektuelle habe sich aus der Öffentlichkeit verabschiedet. Im Posthistoire werden die Visionäre durch Manager ersetzt, fleißige Arbeitsgruppen nähmen die Rolle der Gründerväter ein. Jede Vernunfttätigkeit, die dem pragmatischen Prinzip widerspreche, stehe als l’art pour l’art und Orchideenwissenschaft unter Generalverdacht.
„Können wir also, schlußendlich, den Tod des Intellektuellen ausrufen? Ja und nein. „Ja“ deswegen, weil die Repräsentationsfunktion des Großschriftstellers oder Großphilosophen ausgedient hat, zerschellt ist an einer Welt, in deren Inneres man nicht mehr vordringen kann, jedenfalls nicht, solange man das Geheimnis ihrer Ordnung ignoriert: den Code der Simulation. Schon von daher sind Rundumschläge à la Enzensberger („Schmeiß dein Handy weg!“) Zeugnisse einer gründlichen Satisfaktionsunfähigkeit — stürmt man hier unbewaffnet auf einen Gegner zu, der sich um derlei Kampfgeschrei nicht bekümmert, so wenig wie sich die Windmühlen um Don Quixotes Ehrbegriff sorgen. Weiß er sich dennoch nicht anders zu helfen, regrediert der Intellektuelle zum Ritter von der traurigen Gestalt. Ein Zurückgebliebener, der vielleicht bei Kirchentagen oder im Heimatmuseum seine besorgte Zuhörerschaft findet, aber der Herrschaftsgrammatik verlustig gegangen ist: jenes Codes, über den sich die Ordnung der Dinge (und damit die Welt) fügt. Hatte Julien Benda den „Verrat der Intellektuellen“ im Partikularismus und in der Parteinahme verortet, könnte man im Schriftverlust die entscheidende Ursache für den Bedeutungsverlust des Intellektuellen sehen. Indes ist die Agraphie keineswegs eine Zwangsläufigkeit. Dort nämlich, wo das Verhältnis zur Herrschaftsgrammatik nach wie vor existiert, gibt es Anlaß, die Frage nach dem Tod des Intellektuellen mit einem entschiedenen „Nein“ zu beantworten. „Nein“ deswegen, weil die Funktion des Intellektuellen — also seine Fähigkeit, zwischen den Zeilen zu lesen — sich keineswegs erübrigt hat. Ganz im Gegenteil. Sie ist um so nötiger, als sich die Schrift nicht mehr zwischen Buchdeckeln einhegen läßt, sondern im Begriff ist, die ganze Welt zu erobern.“ (S. 35)
Noch zwei Splitter.
Wie fatal sich die Abwesenheit eines kritischen Bewußtseins auswirkt, macht die Debatte über die Digitalisierung deutlich, die, politisch begriffen, vielmehr dem Code der Simulation hätte gelten müssen: jener Herrschaftstechnik also, welche die überkommenen repräsentativen Institutionen schleift und ersetzt. Daß die Debatte über die NSA—Überwachung lediglich eine Forderung nach „Datensouveränität“ produziert hat (was immer das ist), aber jede ernsthafte Diskussion, wie die Digitalisierung den Charakter des Politischen überhaupt affiziert, eine Leerstelle geblieben ist, läßt auf einen fatalen Mangel an intellektueller Geistesgegenwart schließen. Das Ausbleiben dieses längst überfälligen Diskurses (der darüber hinaus auch klären müßte, inwiefern sich dieser Prozeß in den Lauf unserer geschichtlichen Überlieferung einfügt) bewirkt, daß man sich blind und bewußtlos in sein Schicksal ergibt, metaphorisch gesprochen: daß die sozialen Systeme in den Selbstfahrermodus übergehen. (…)
2. (…) die Universalisierung der Schrift ermöglicht selbst dem Analphabeten, das in der Maschine inkorporierte geistige Navigationssystem für sich nutzbar zu machen. Folgt man den Anweisungen der Benutzeroberfläche, wird man in eine Welt der Gespenster entführt, ein Spektrum von Möglichkeiten, das Jahr für Jahr an Verführungskraft zunimmt. Dabei führt die Skalierungslogik des Netzes dazu, daß, neben dem Konsum, vor allem die starken Gefühle, Ressentiment, Gruppenzugehörigkeit, Angst und Indolenz verstärkt werden — als habe man das Internet erfunden, um die Existenz von Geistern und paranormalen Aktivitäten beweisen zu können. (…)
Wie zu Zeiten der Reformation, da Luthers Lehre die Gläubigen aus dem katholischen Vermittlungsprozeß löste und sie in eine Gottesunmittelbarkeit hinein katapultierte, fühlen sich die User durch die Maschine ermächtigt, elektrisiert, mag sich ein jeder einreden, der Größte zu sein.
Gewiß handelt es sich hier um ein Phantasma — dennoch belegt die Rede von der postfaktischen Weltsicht, daß die Ablösung vom Realitätsprinzip zum Massenphänomen geworden ist. Wo jede Fremdheit mit einem Copy-and-paste assimiliert werden kann, muß der Hinweis auf das kryptische Innere der Schrift wie Spielverderberei wirken, eine ebenso übellaunige wie hinterhältige Erinnerung an jene Alterität, welche die glänzende Oberfläche doch vergessen machen will.
In Anbetracht dieser abgründigen Selbstermächtigungslogik versteht man den Intellektullenhaß, ja, die tiefe Verachtung, die sich in der Internationale der Katzenvideoliebhaber breitgemacht hat. Denn zuvorderst geht es darum, die innere Natur der Sache nicht zur Kenntnis zu nehmen, sie statt dessen als Wunschmaschine für alle erdenklichen Begierden zu instrumentalisieren.
Was es sonst noch gibt. Darknet. Literarisches Erzählen in Zeiten des Internets. Harold Pinter zu Shakespeare. Goethes italienische Reise. Bora Ćosić. Ostukraine. Kunst von Valérie Favre. Lange Gedichte von Vicente Huidobro und Yang Lian. Jakob der Fatalist. … Viel Lesestoff, Denkstoff.
Dichter, die Welt ignoriert euch, weil eure Sprache zu winzig ist, zu sehr klebt
an eurem mittelmäßigen Ich, feiner ist als euer Konfekt. Ihr habt den Sinn für das Ganze verloren,
vergessen, wie das schöpferische Wort heißt.
(…) Als Spezialist, Dichter,
ist es dein wichtigstes Spezialgebiet, Mensch zu sein, ganz Mensch. Es geht nicht darum, deine Arbeit
zu verneinen, doch deine Arbeit ist die eines Menschen und nicht die einer Blume.Vicente Huidobro: Total. Lettre 115, S. 93
Veröffentlicht am 3. Februar 2017 von lyrikzeitung
Am 5. Februar
Heute ist Runebergtag. Und der 80. Todestag von Lou Andreas-Salomé und der 70. von Hans Fallada.
Veröffentlicht am 3. Februar 2017 von lyrikzeitung
Leseecke ist eine Rubrik, die sich langsam, Stück für Stück der digitalen Veröffentlichung aller 154 Sonette Shakespeares in Günter Plessows Übersetzung und dem Originaltext (im Jubiläumsjahr 2016 bei Signaturen) anschließt und hier Leseecke und Forum zur Diskussion über die Sonette und / oder Übersetzungen sein kann. Jedenfalls ich werde an 154 Tagen (mit Zwischenraum, um durchzuschaun) mir jeweils eins der Sonette vornehmen und hier den Originaltext und zusätzliches Material anbieten. Einladung zum Pendeln von Shakespeare zu Plessow und zurück (wenns sein muß auf Umwegen über Schlegel/Tieck, Bodenstedt, George, Kraus & Co). (Die Zahl neben dem Wort Leseecke ist die Nummer des Shakespearesonetts). Zur Originalschreibweise: u / v und i / j sind fast regellos austauschbar, liue lies live, ioy lies joy.
Sonette 22-28 bei Signaturen hier
Bisherige Folgen der Leseecke hier.
23
AS an vnperfect actor on the stage, Who with his feare is put besides his part, Or some fierce thing repleat with too much rage, Whose strengths abondance weakens his owne heart; So I for feare of trust, forget to say, The perfect ceremony of loues right, And in mine owne loues strength seeme to decay, Ore-charg’d with burthen of mine owne loues might O let my books be then the eloquence, And domb presagers of my speaking brest, Who pleade for loue, and look for recompence, More then that tonge that more hath more exprest. O learne to read what silent loue hath writ, To heare with eies belongs to loues fine wit.
Einige Anmerkungen zum Text:
2 Who with his feare … part der vor Lampenfieber seinen Text vergißt
3 repleat voll von
5 for feare of trust a) fearing to trust b) fearing to be trusted
6 loues right manche Herausgeber lesen loves rite (wobei die Mehrdeutigkeit verlorengeht)
9 books Sewell 1725 liest: looks
10 presagers Boten
Deutsche Fassung von Eduard Saenger:
23
Dem schlechten Spieler auf der Bühne gleich,
Der ängstlich in der Rolle stockt und irrt,
Oder dem Rasenden, der zornesbleich
Aus überspannter Kraft zum Schwächling wird:
Also vergeß auch ich im Liebeswerben,
Von Zweifeln bang, der Liebesbräuche Pflicht;
Im Rausch der Liebe glaub ich hinzusterben,
Erdrückt von meiner Liebe Vollgewicht.
Laß meine Bücher für mich Rede stehen,
Die stummen Künder der bewegten Brust,
Die Liebe flehn und nach Belohnung sehen,
Mehr als die Zunge, die sonst zielbewußt.
Entsiegle nur, was Liebe stumm geschrieben:
Mit Augen hören, das ist feinstes Lieben.
Quellen
Veröffentlicht am 3. Februar 2017 von lyrikzeitung
Doch es war vor allem die surreale Lektüreerfahrung, die Saalberg „unmerklich veränderte, zu einem anderen Menschen machte“. Allerdings sah die Kunstironie des Nachkriegsschicksals für Deutschland kaum mehr die surreale Strömung vor (obwohl oder gerade weil sich alle horriblen und abstrusen Erfahrungen ebenso abstrus und horribel abbilden lassen). Und dennoch arbeitet sich Saalberg nun schon vier Jahrzehnte bruchlos an den surrealen Gedankenbrüchen ab. Dass er dabei immer wieder überrascht vor seinen eigenen Werken steht, kann der verstehen, der seine Texte kennt. Doch „man schreibt auch, um zu wissen, was in einem steckt“, sagt Saalberg. …
Saalbergs Texte feiern die Welt als ein Rätsel, dessen Lösung kein Sanktnimmerleinstag je offenbaren mag und dem nur ebenso gelassen wie respektlos entgegenzutreten ist. Dies tut der Dichter gern mit großen Worten, die sich über subtile Umwege wieder mit ihrer eigenen Suggestivkraft paaren, um dann ein Paradox als Wahrheit auszuspucken. Etwa im Gedicht: DIE WAHRHEIT DAUERT. Dreifach legt / der Mittag hiervon Zeugnis ab / schweigend, brennend, regungslos. / Bevor der Sämann kommt, ist schon / der Schnitter da, vor dem Stern die / Finsternis, das Nein vor dem Ja.
Heute feiert Christian Saalberg seinen 75. Geburtstag; man kann nur wünschen und hoffen, dass Stadt, Land und Fluss wissen, was sie an diesem Mann haben. / Max Drathmann, Kieler Nachrichten 10.12.01
Ulrike Draesner träumt manchmal Gedichte. Halbwach, erinnert sie sich an die Abfolge langer und kurzer Zeilen. Sie weiß auch: Es war ein schönes Gedicht. „Aber die Wörter sind weg“, sagt sie. „Es ist wie eine Berührung mit einer inneren Quelle. Ich könnte die Struktur aufzeichnen, sie bleibt als inneres Bild.“ Sie könnte in diese Form sogar ein Gedicht hineinschreiben. Doch das geträumte Gedicht wäre es nicht.
Monika Rinck wacht nachts des öfteren auf mit dem Gefühl, „einen großartigen Gedanken“ zu haben. Sie macht sich eine Notiz. Aber gelegentlich staunt sie am nächsten Morgen. Neulich, erzählt sie, „hatte ich dann neben meinem Bett einen Zettel: Es gibt 41 Gründe, warum Deutsche Sozialhilfe beziehen“. Ganz gewiss gehört Humor dazu, solche Fehlzündungen zu ertragen und trotzdem weiterzumachen. Aber es ist wohl nicht so, dass man (oder frau) einfach aufhören kann mit dem Gedichte-Schreiben. Träume wie diese bezeugen gerade die Antriebe aus dem Unbewussten. / Mehr im Kölner Stadtanzeige r, 28.12.01
Richard Anders lebt und schreibt in der NZZ über hypnagoge Literatur:
Dass hypnagoge Halluzinationen Autoren zu literarischen Werken inspirieren können, ist oft bezweifelt worden. Ein Hauptgrund ist, dass sie sich jeder sprachlichen Festlegung entziehen, wie es Edgar Allan Poe in seinen «Marginalien» beklagt: «Doch gibt’s da auch noch Phantasien von exquisiter, zartester Feinheit, die man nicht als Gedanken bezeichnen kann und angesichts deren mir’s bisher unmöglich gewesen, das passende Sprachkleid zu finden.» Samuel Taylor Coleridge wurde bei der Niederschrift seines im Opium-verstärkten Wachtraum (?) «empfangenen» Gedichtes «Kubla Khan» durch Besuch gestört. Danach war alles gelöscht, und das Gedicht blieb Fragment. / Richard Anders , NZZ 22.12.01
(Der Beitrag steht in einem Dossier der NZZ zum Thema Schlaf und ist die Zusammenfassung eines umfangreichen Essays, der 2002 als Hauptbeitrag eines Essaybandes im Verlag des Wiecker Boten erscheint. ( «Wolkenlesen. Über hypnagoge Halluzinationen, automatisches Schreiben und andere Inspirationsquellen» )
Der Wahn, den Lavant hier beschwört, ist – psychiatrisch gesprochen – ein Liebeswahn. Auch für ihn gibt es – ebenso wie für den Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik – eine reale Erfahrung im Leben der österreichischen Autorin. Sie hat wesentlich dazu beigetragen, dass Lavant die „Aufzeichnungen“ so angstvoll zurückhielt. Sich und den geliebten Mann wollte sie schützen – nicht vor der Wahrheit, sondern vor dem Geifern der Öffentlichkeit. So schloß sich Lavant, die vielen Lesern eher als Lyrikerin bekannt ist, mit ihrem Schreiben vom Leben der selbsternannten Normalen aus und konnte zugleich nur durch ihr Schreiben als einer „Not-wendigkeit“ im Leben bleiben. Die „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“ sind ein faszinierendes und bestürzendes Zeugnis dieses fundamentalen Konflikts. / Gabriele Michel Donaukurier , 30.11.2001
Christine Lavant : Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus, Otto Müller Verlag, Salzburg-Wien, 160 Seiten, 29,50 Mark.
Da zögerte sogar Stalin:
Ossip Mandelstam (1891-1938) war der Dichter, der die sittliche Konstante der Poesie entdeckt hat, und es ist verblüffend zu sehen, wie lange das «Jahrhundert der Wölfe» (Nadeschda Mandelstam) gezögert hat, ihn zu vernichten. Noch im Juni 1934 warnt Bucharin Stalin brieflich: «Die Dichter haben immer Recht. Die Geschichte steht auf ihrer Seite», und der lenkt ein, nachdem er sich bei Boris Pasternak telefonisch versichert hatte: «Er ist doch ein Meister, nicht wahr?» Es folgen, verhältnismässig milde nach den «Epigrammen gegen Stalin», drei Jahre Verbannung nach Woronesch. / Gregor Wittkop, Basler Ztg 1.11.01
Die FAZ lobtThomas Klings “ Sprachspeicher “ als „extrem subjektives, geschmäcklerisches und autoritäres Korrektiv zum herkömmlichen Lyrikkanon“.
Der „Dichter der Négritude“ Léopold Sedar Senghor ist im Alter von 95 Jahren in Paris gestorben. Er war nicht nur ein großer Dichter, sondern auch „einer der wenigen afrikanischen Staatsoberhäupter, die freiwillig zurücktraten“, schrieb die Frankfurter Rundschau.
Als Beispiel für die Senghorsche Vision einer universellen Kultur kann das Gedicht «New York» gelten, in dem es heisst: «New York! Ich sage dir: New York lass schwarzes Blut zufliessen deinem Blut / Dass es die Stahlgelenke dir mit Lebensöl entroste / Dass deinen Brücken es den Schwung von Kruppen schenke und die Biegsamkeit der Lianen. / Da kommen die uralten Zeiten zurück, die wiedergefundene Einheit, Versöhnung von Löwe, Stier und Baum.» / Heinz Hug, NZZ 22.12.01
(Außerdem schreibt in der NZZ Marc Zitzmann über die „heikle Liebe“ zwischen Senghor und Frankreich).
Zum Tod des Dichters und Staatsmanns schreiben heute auch die taz („Ein schwarzes Athen“) und die FAZ („Ja, Herr, verzeihe Frankreich“ und „Marabu des Worts“).
Probleme mit dem „Neger“ nicht nur aber auch auch bei den Linken. In der Süddeutschen Zeitung erinnert sich Thomas Steinfeld:
Als Léopold Senghor 1968 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen wurde, hatte diese Auszeichnung von vornherein etwas Paternalistisches: Dieser Afrikaner, der da, Goethe zitierend, von Wilhelm Lübke in der Paulskirche geehrt wurde, wurde als gelungener Empfänger des eigenen moralischen Engagements gefeiert, als idealer Adressat eines protestantischen Normenkatalogs. Vor der Paulskirche verteilte der SDS Flugblätter, in denen Senghor als „sensibler Poet“ beschimpft wurde, dessen „lyrisierendes Geschwätz die weißen Werte der Faschisten als schwarze Kultur der Neger verkauft“. Unter einem guten Afrikaner wollte man sich den Chef einer Guerillatruppe vorstellen. / Süddeutsche 24.12.01
bringt die taz vom 15.12.
Ich war Zeuge, dass sie gegen die scharfe Klinge stets Schwierigkeiten gegenüberstanden und zusammenstanden . . . Wenn die Dunkelheit über uns kommt und wir von einem scharfen Zahn gebissen werden, sage ich . . . “Unsere Häuser waren mit Blut überflutet und der Tyrann schreitet frei in unseren Häusern“… Und vom Schlachtfeld verschwanden das Leuchten der Schwerter und der Pferde . . . Und über Klagerufe hören wir jetzt die Schläge von Trommeln und Rhythmus Sie stürmen seine Festungen und rufen: „Wir werden unsere Angriffe nicht beenden, ehe ihr nicht unsere Länder befreit.“
einer der wenigen DDR-Dichter, die überdauern werden, hat im Zusammenstoß mit Leben und Lyrik Trakls den eigenen poetischen Sinn entdeckt und den ideologischen Sumpf trockengelegt, dessen Opfer er vor und nach 1945 geworden war. Das Protokoll seines verzweifelten Bildungsromans mit Georg Trakl hat er 1982 in der Bundesrepublik unter dem Titel „Der Sturz des Engels“ publiziert. Das Buch wurde viel gelobt, ging aber in der Flut der Neuerscheinungen unter. Jetzt hat es Klaus Löwitsch unter dem Titel „Offenbarung und Untergang“ (Vertrieb: Aktivraum). / Gert Ueding. Die Welt 17.12.01
ist mehr als mager. Eine dreitausender Auflage gilt hier schon als hoch. Im Schnitt um die fünf Prozent erhält der Autor als Anteil von jedem verkauften Exemplar. Den Verkaufspreis des „Apollo“ von knapp 20 Mark gesetzt, wäre das eine Mark. Bei drei Jahren Produktionszeit (1998 war Thomas Rosenlöcher in Wiepersdorf, dort entstanden die ersten Ideen) käme man bei vollständig verkaufter Auflage auf ein Jahresgehalt von tausend Mark. So eine Rechnung macht keiner auf, aber sie würde jeden Angestellten eines Sozialamtes zu Tränen rühren. / Dresdner Neueste Nachrichten 17.12.01
Thomas Rosenlöcher: Am Wegrand steht Apollo, Insel Verlag Leipzig, 19,80 Mark
Veröffentlicht am 3. Februar 2017 von lyrikzeitung
Hansens Flaschenpost
Aus dem Hermeneuterion
Vom Scheitern und Gelingen beim Übersetzen
Von Dirk Uwe Hansen (Greifswald)
Übersetzen ist leicht. Da gibt es die Wörter und es gibt das Zwischen-den-Wörtern. Beides muss der Übersetzer nur in einer anderen Sprache spiegeln oder sichtbar machen (obwohl: Auf den weißen Flecken zwischen dem „Spiegeln” und dem „Sichtbarmachen” ist wahrscheinlich Platz für fünf bis fünfundzwanzig literaturwissenschaftliche Sonderforschungsbereiche, aber hiervon vielleicht später mehr).
Manchmal ist es das wirklich. Leicht. Natürlich nicht in dem Sinne, dass ich einmal nicht um halb drei Uhr nachts aus dem Bett springen muss, um eine neue Version zu tippen, und dann um halb fünf noch einmal, um die ursprüngliche Version wiederherzustellen. Aber doch in dem Sinne, dass ich mich tatsächlich davon überzeuge, dass es ein deutsches Gedicht geben kann, das einem griechischen angemessen genug ist, um als dessen Übersetzung zu gelten, und dass ich dieses Gedicht finden und aufschreiben kann.
In diesem Sinne leicht ist das Übersetzen von Gedichten für mich häufig dann, wenn das Zwischen-den-Wörtern mir klar zu sein scheint. Dann muss ich, wie ein Regisseur, dem ein guter Plot vorliegt, nur noch ein Ensemble geeigneter Wörter zusammensuchen und sie mit etwas diplomatischem Geschick dazu bringen, im Sinne dieses Plots miteinander zu agieren. Ich idealisiere. Aber manchmal klappt das wirklich so.
Aber wenn die Wörter sich vordrängeln, und ich, noch ehe ich weiß, was auf der Bühne passieren soll, mit dem fertigen Ensamble konfrontiert bin, dann wird die Sache schwierig. Denn auch wenn ich brav griechische Vokabeln gelernt habe, und mir auch eine Reihe von Wörterbüchern zur Verfügung stehen: Da werden aus harmonischen Paaren erbitterte Gegner, die, kaum in der Zielsprache angekommen, wie Eteokles und Polyneikes einander an die Gurgel gehen, oder aus erbitterten Gegnern harmonische Langweiler, die einander müde anschnarchen, oder die Ensemblemitglieder kümmern sich überhaupt nicht umeinander und erfinden jeder für sich neue Handlungen.
Ἡ παλίουρος ἐγώ, τρηχὺ ξύλον, οὖρος ἐν ἕρκει.
τίς μ‘ ἄφορον λέξει, τὴν φορίμων φύλακα;
Ein relativ schlichtes Epigramm des Dichters Geminos, von dem nichts weiter bekannt ist als die zehn Epigramme, die in der Anthologia Graeca unter seinem Namen überliefert sind. Ein eher trockener Busch brüstet sich darin mit seiner Funktion als bewahrende Hecke um einen Garten voller fruchtbarer Pflanzen. Ein hellenistisches Genrestück, nach dem Zeitgeschmack ganz hübsch. Der Reiz des Gedichtes liegt in den Assonanzen: οὖρος, der äußere Rand der Hecke, klingt in dem Namen παλίουρος bereits an, es häufen sich kratzige r-Laute, die fruchtbaren Pflanzen und ihr Wächter werden durch Alliteration verbunden…
Die „Handlung” des Gedichtes fällt also nicht weiter ins Gewicht, dafür kommt es zwischen den Wörtern es zu einer Menge von interessanten Interaktionen. Dummerweise aber kennen wir den Paliurus inzwischen als Christdorn.
Ich, der Christdorn, bin ein struppiges Gewächs, äußerer Rand der Hecke.
Wer will mich unfruchtbar nennen, mich, den Wächter der Nutzpflanzen?
So spielt das Ensemble in der Übersetzung den Plot eher lustlos und ohne die manieristische Lust an Lautwiederholungen herunter und, was noch schlimmer ist, die unspektakuläre Heckenpflanze bringt noch einen religiösen Hallraum zum Schwingen, der Geminos gewiss nicht interessiert hat und der dem kleinen Gedicht mehr schadet als nützt.
(Hätte ich das Ganze vielleicht dadurch aufpeppen können, dass ich eine andere Pflanze wähle? Hainbuche? Tuja? Eibe? Bestimmt, besonders die hanebüchene Hainbuche hätte mich gereizt. Allein, bei der Übersetzung der griechischen Anthologie rechne ich mit Lesern, die sich tatsächlich für antike Erwähnungen des Christdorns interessieren, und habe mich das nicht getraut.)
Es kann natürlich auch anders kommen. In Katerina Angelaki-Rookes Gedicht „In den Himmel des Nichts mit leichtem Gepäck” gibt es diese drei wunderbaren Zeilen:
Αναρωτιέμαι τι άλλους συνδιασμούς θα εφεύρει η ζωή
ανάμεσα στο τραύμα της οριστικής εξαφάνισης
και το θαύμα της καθημερινής αθανασίας.
Schlicht, fast alltäglich formuliert das Ganze und doch binden τραύμα und θαύμα hier durch ihren Gleichklang die zweite und dritte Zeile, das Verschinden und die Unsterblichkeit, untrennbar aneinander. Wie schön! Wie schön auch, dass genau das in der Übersetzung ganz von allein eintritt, auch wenn „Wunder” und „Wunde” soweit ich sehe, etymologisch so wenig verwandt sind, wie τραύμα und θαύμα.
Ich frage mich, welche weiteren Kombinationen
das Leben sich ausdenken wird,
zwischen der Wunde des endgültigen Verschwindens
und dem Wunder der täglichen Unsterblichkeit.
Hier das gesamte Gedicht auf Griechisch und in der deutschen Übersetzung von Jorgos Kartakis und mir:
Στον ουρανό του τίποτα με ελάχιστα
Από την κλειδαρότρυπα κρυφοκοιτάω τη ζωή
την κατασκοπεύω μήπως καταλάβω
πώς κερδίζει πάντα αυτή ενώ χάνουμε εμείς.
Πώς οι αξίες γεννιούνται κι επιβάλλονται πάνω σ΄αυτό
που πρώτο λιώνει: το σώμα.
Πεθαίνω μες στο νου μου χωρίς ίχνος αρρώστιας
ζω χωρίς να χρειάζομαι ενθάρρυνση καμιά ανασαίνω
κι ας είμαι σε κοντινή μακρινή απόσταση
απ΄ό, τι ζεστό αγγίζεται, φλογίζει…
Αναρωτιέμαι τι άλλους συνδιασμούς θα εφεύρει η ζωή
ανάμεσα στο τραύμα της οριστικής εξαφάνισης
και το θαύμα της καθημερινής αθανασίας.
Χρωστάω τη σοφία μου στο φόβο΄
πέταλα, αναστεναγμούς, αποχρώσεις τα πετάω.
Χώμα, αέρα, ρίζες κρατάω΄ να φεύγουν τα περιττά,
λέω να μπω στον ουρανό τού τίποτα με ελάχιστα.
In den Himmel des Nichts mit leichtem Gepäck
Ich betrachte das Leben heimlich durchs Schlüsselloch,
spioniere ihm nach, vielleicht verstehe ich dann,
warum es immer gewinnt
während wir verlieren.
Wie die Werte entstehen und dem aufgezwungen werden,
was als erstes schmilzt, dem Körper.
In meinem Verstand bin ich tot ohne eine Spur von Krankheit,
ich lebe ohne irgendeine Ermutigung zu brauchen, ich atme,
auch wenn ich in naher-weiter Entfernung bin von dem,
was warm berührt wird, was entzündet …
Ich frage mich, welche weiteren Kombinationen
das Leben sich ausdenken wird,
zwischen der Wunde des endgültigen Verschwindens
und dem Wunder der täglichen Unsterblichkeit.
Meine Weisheit verdanke ich der Angst.
Blütenblätter, Seufzer, Farbtöne,
die werfe ich fort,
Erde, Luft, Wurzeln behalte ich;
fort mit dem Überflüssigen, sage ich,
auf dass ich in den Himmel des Nichts gehe
mit leichtem Gepäck.
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,
seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. In der heutigen Ausgabe: Hefter, Shakespeare, Huygens, Close vs. Far Reading, 1 Million und Zehntausend Dichter, Das Volk in Greifswald steht auf, der Sturm im Wasserglas bricht los; das Verb koeppen (wie jazzen oder rocken) und manches andere. Lesen!
Die Themen in dieser Ausgabe
Martina Hefter
Pflegeheimkatze Lucy spaziert durch die Gänge des Pflegeheims
Die Klänge kenn ich: Scherz,
Bluff, Schwärze, Pech, Kram,
Muff, Schmutz, Rotz, Kotz,
Krach, Cäsch, Träsch, Zeug, Kois, Gong,
Pfiff, Korsett, Kammer, Kapern.
Kennen heißt, man weiß unterscheiden,
Furunkel und Delle, dunkel und hell.
Man kennt, dass man stirbt.
Stirbt heißt, auf einem Kissen driftet man
raus aus seinem Schnauf.
Weiß nicht, was beim stirbt passiert,
aber kenn den Ton, er verästelt sich,
klatscht hin und rück und zu und auf,
da liegt wer zwischen Kloß und Klotz,
Stick und Sick.
Was ich wirklich weiß, weiß nicht.
Irgendwas wird stimmen.
Davon werd ich dann wissen.
Zum Beispiel, Wind ist, wenn Pfiff durch Spalte fizt.
Wind fitzt durch vieles, das ergibt einen Griff,
er packt mich babyleicht.
Überall rein quetscht er mich.
Überall ist alles,
aber ich hab gelernt
unterscheiden,
wo was nah an mir
und wo s fern ist.
Wie sie was weiß
sieht anders aus als
wie sie was nicht weiß.
Wie sie was nicht weiß: Sie schrumpft
ein Stück in sich zurück, steht dann hölzern in eim Eck.
Wenn sie was weiß, siehts aus, als strample sie
lange Zeit auf einem Fleck, pfeile dann durchs Fenster.
Sie weiß von was.
Ich spürs, als spürte ich in Höhlen
nur Luft, nicht den dunklen Druck.
Ich sprüh seltsamen Duft
unter die Leute, sie sitzen hier, was wissend
was ich vom Schnuppern her weiß,
sie driften auf Kissen, und sie umgibt: Ich.
Ich spinne. Ich spinne nicht.
Ich pritschle in einer Pfütze
mit Nass in Wanne. Da kommt die Frau, streichelt mich,
ihre Hand langt an Dings, wo Nass raus,
ich fang an, nach was zu fangen,
fang, fang, fang, fang, fang.
Ein Tag fasst viel Gefangenes.
Sie säuselt manchmal, sie verstehe, was ich sage.
Was verstehen ist: Nachts hör ich
draußen diese stachligen Tiere, sie schuffeln zum Müll,
ich versteh, ich muss nicht hin, nicht in ihren Kreis springen.
Die Tierchen, nicht mein Friss.
Spalten mich nicht in lieb sein oder Biss.
Ich bin so ein Tierchen nicht.
Jedoch die Frau – auf flachen Füßen
sie schlängelt sich um was,
das es in den Zimmern hier gibt,
nicht als Ding, es ist eine Luft.
Immer denkt sie an das, von dem ich weiß,
es ist ein Wort, das in jede Luft einen Kasten stellt.
Es klingt kloßig, wie Brot.
Keine Borte ziert den Topf, in dem was kocht,
das Tod bringt.
Da ist es schon.
Das ist alles.
Aber was ist alles? Ich weiß, wie sie eine Schleife um den Tisch geht.
Ich weiß, wie sie ein Rund um diese Stelle dreht.
Wo jeder Mittag anhält,
der Sittich im Käfig umfällt.
Sie umrundet dieses Rund.
Tut ihr das gut, wie mir guttut ausgedehntes Dehnen
mitten in der Nacht? Ist das Love, in der sie immerzu tobt?
Ich krieg mit, dass sie mich lobt,
weil ich Whiskas runterschlinge,
Bildchen bin für das,
wovor sie allmählich wegpennt.
Wach doch auf. Schluck was!
Immerzu döst du auf Kissen.
Wie könnt ich dich erfrischen,
soll ich Tupfer setzen auf dein Kinn?
Hallo, mein Mim-Mim, wollen wir ausloten
die Kraft unserer Pfoten?
So dumm dachte ich, als ich klein war.
Mein Flausch, er zog aus meinem Denken
den letzten Biss.
Und der Tag ploppte in seine Blüten,
man musste nur nach Fliegen springen,
bisschen spielen.
Spielen aber tat man sowieso.
Und spielen hilft nichts.
Ich setz mich jetzt auf jemands Bauch,
spende einen guten Blick.
Ich bin mehr als ein Tierchen, weiß ich.
Und jemand stirbt auch.
Der Mittag rast viel schneller voran, als ich dachte.
Wie alt ich bin? Dreihundertachtzig.
Wie alt die andern hier?
Wie sie so liegen auf ihren Pritschen,
sind keine Anfänge zu sehen.
Fährt ein LKW vorbei,
wirbelt kein Lärm sie auf,
sie nehmen alle Geräusche hin.
Sie sind so alt wie Wind.
Mit freundlicher Genehmigung der Verfasserin. Aus einem 2018 bei Kookbooks erscheinenden Buch.
Augentrost – das ist mal ein Buchtitel! Dabei ist es gar keine Neuschöpfung, denn Constantijn Huygens schrieb seine Euphrasia schon 1647. Der Titel ist übrigens schnell erklärt: Der Augentrost (Euphrasia officinalis) ist eine Wiesenpflanze, seinen Namen hat er aufgrund seiner angenommenen Heilwirkung. Das muss uns aber nicht weiter beschäftigen, denn hier geht es ja um Literatur. Um ein Trostgedicht, das aus eher privatem Anlass entstand (und zunächst auch noch nicht über 1000 Verse umfasste): Huygens, der selbst (manchmal) eine Brille trug, schrieb es als Trost für eine Freundin (die im Text als „Parthenine“ auftaucht) und offenbar den Verlust eines Auges zu beklagen hatte. Aber, wie das Nachwort wiederum ganz richtig bemerkt, es ist mehr als ein Trostgedicht (ich würde sogar sagen: Es ist gar kein Trostgedicht mehr …), es ist ein richtiger Narrenspiegel, der die ganze Gesellschaft – die Dichter übrigens ausdrücklich eingeschlossen – aufspießt. / mehr bei mathiasmader.de
Constantijn Huygens: Euphrasia. Augentrost. Übersetzt und herausgegeben von Ard Posthuma. Leipzig: Reinecke & Voß 2016. [ohne Seitenzählung]. ISBN 9783942901222
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Reading may be passé, what about Close reading?
Close reading ist Bad old days, beziehungsweise, schreibt Marjorie Perloff, heutige Studenten wissen vielleicht gar nicht mehr, was das ist. Ihre Lehrer mögen eine ferne Erinnerung haben. Und fährt fort:
But would a far reading, then, be better than a close one? Well, not exactly, but perhaps reading is itself passé, what with the possibility that a given poem or novel could serve as an exemplar of this or that theory, in which case one might only have to focus on a particular passage. In the case of T. S. Eliot’s “Gerontion,” for example, one need only discuss the speci¤cally anti-Semitic passages so as to demonstrate Eliot’s racism.
Perloff, Marjorie.
Differentials : poetry, poetics, pedagogy / Marjorie Perloff. (Modern and contemporary poetics) 2004
The University of Alabama Press
Tuscaloosa, Alabama
geht weiter mit Sonett #22: MY glasse shall not perswade me I am ould, deutsch von Stefan George: Nicht glaub ich meinem spiegel ˙ ich sei alt. Im übrigen bin ich der Meinung, Shakespearejahr hin oder her, daß wir experimentelle Übersetzungen von Shakespeares Sonetten, oder von Gedichten Puschkins Byrons Shelleys Mickiewicz‘ Villons usw. usf. … brauchen. Àxel Sanjosé hatte im vergangenen Mai darauf hingewiesen. Ich weiß ja nicht, ob jemand diese Sonette in Wochenhäppchen mitliest, jetzt wo das Shakespearejahr 2016 passé ist. Am liebsten experimentelle Übersetzungen mit mehreren Varianten einzelner Gedichte: wie es sie von Chlebnikow (Ausgabe Peter Urbans bei Rowohlt 1985), Petrarca (Poesiealbum 178/ 1982) oder Gertrude Stein (bei Arche 1993) gab. Aber das ist lange her, wen interessiert sowas heute?
Hier die aktuelle und alle bisherigen Folgen
Patrick Kavanagh estimated that the standing army of Irish poets at any one time is least 10,000 strong; I was aware that while I might make nine friends among the ranks for my inclusion of their poems with my own, I would surely make 9,991 enemies. / Paula Meehan über den Auftrag, 10 Gedichte aus Irland auszusuchen, The Irish Times
Rechnet man die geschätzte Gesamtzahl der gegenwärtig in China schreibenden und veröffentlichenden Lyrik-Autoren auf die Gesamtpopulation des Riesenreiches hoch, so kommt man auf ein frappierendes Ergebnis: Momentan gibt es mehr als eine Million lyrischer Dichter unter den ungefähr 1,3 Milliarden Chinesen, ein stupender Prozentsatz, der vermutlich von keinem anderen Lyrik-Land der Welt oder nur noch von Island erreicht wird. / Benjamin Rossi, Neue Zürcher Zeitung
Chinabox. Neue Lyrik aus der Volksrepublik. Hrsg. Lea Schneider. Edition Polyphon. Verlagshaus Berlin, 2016. 390 S., Fr. 32.90.
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Haft wegen Kritik an Erdoğan
Der türkische Dichter Yılmaz Odabaşı wurde am Mittwoch zu 20 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt, weil er in einer Kolumne im Jahr 2015 den Präsidenten beleidigt haben soll. Mehr
Koeppen kannte ich von Kindesbeinen, im Elternhaus wurde er vorgelesen, und für die Prosaverse gab’s dort ein Flügelwort: „Koeppen“. Koeppen wie Jazzen wie Rocken.
Wenn die Uni stur bleibt und die Landesregierung nicht vor organisiertem und selbstinduziertem Volkszorn einknickt, können sie ja ihre Stadt in Ernst-Moritz-Arndt-Stadt umbenennen, damit ihre „Identität“, von der auf einmal alle posaunen, gewahrt bleibt. Deutschland 2017. Wohin auswandern. / Kommentar von Michael Gratz zu Diskussionen um den Namen der Universität Greifswald hier.
Kalendarium heißt ab jetzt Lyrikkalender und ist prallvoll hier. Viel passiert Ende Januar/ Anfang Februar: Serendipity wird erfunden, Dichter sterben und werden geboren, Hölderlin schläft mit geladener Pistole unterm Kopfkissen. Adolf Hitler nutzt die ersten Tage nach der „Machtergreifung“, um Fakten zu schaffen. George Forestier wird bejubelt und fallengelassen. Der Dichter Schickele pfeift darauf, ob er deutscher oder französischer Staatsangehöriger ist.
Anfang des Monats starb Thomas Brasch, Ende George Harrison. Große Verlage setzen auf Mainstream. Celan paßte nicht nach Wien. Der heutige Leser? Alles soll sofort kapiert werden, leicht verstanden, flüchtig aufgenommen, rasch vergessen. Wer Gedichte schreibt, hat ´nen Stich (Annerose Kirchner). Wenn Erich Fried vom „Bumsen“ schreibt, so übersetzt sie es mit „elste nüe Woort“ (das eklige neue Wort). Friedrich Rückerts Liedertagebuch ist das größte geschlossene Poesiewerk des Neunzehnten Jahrhunderts. Türkische Literatur, Suaheliliteratur und noch viel mehr hier.
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Serendipity, Sömmering, Hölderlin, John McCrae, Akiko Baba, Hitler u.v.a.
Emanuel Swedenborg, Salis-Seewis, Poe, Ernst Moritz Arndt, Edward Lear, Anacker, Paul Celan u.v.a.
Franz Brümmer, Karl Bleibtreu, Hitler, Brautigan & Bloody Sunday
Rodolphe Töpffers Proto-Comics, Griechenmüller, Georges Forestier, Dorothea Tanning
Nur noch 333 Tage bis Jahresende. Conrad Celtis, Kosegarten, Handrij Zejler, Otto Julius Bierbaum
Donnerstag, 2. Februar
Lichtmeß, JamesJoyce, Gostan Zarian, Daniil Charms
Ettenhueber, Siegfried Schmid, Marie von Najmájer,
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Am 3. November 2001 starb Thomas Brasch mit nur 56 Jahren. Die NZZ schreibt
« Die Wetter schlagen um: Sie werden kälter. Wer vorgestern noch Aufstand rief, ist heute zwei Tage älter.» In dem Gedicht «Und der Sänger Dylan in der Deutschlandhalle» mokiert sich der Autor über die «brüllende Meute», die dem Barden die Höhe der Gage und fehlendes Engagement vorhält; die «dürren Studentinnen mit dem Elend aller Trödelmärkte der Welt in den Augen» finden nicht die Sympathie eines erklärten Hedonisten, für den zunächst die artifizielle Zuspitzung zählt und nicht die political correctness. Womöglich war er darin sogar seiner Zeit voraus … / Martin Krumbholz, NZZ 5. November 2001
Im November starben auch
Während grosse Verlage mehr und mehr das Risiko scheuen, sogenannte schwierige Literatur zu veröffentlichen, und auf Mainstream, sprich Gutverkäufliches, setzen, entstehen Nischenverlage, deren Ehrgeiz just darin besteht, sich um Entlegenes, Untrendiges zu kümmern. Zu einer dieser löblichen Neugründungen gehört die Edition Korrespondenzen des Wieners Franz Hammerbacher, der schon mit seinem ersten Programm hohe inhaltliche und gestalterische Qualität beweist und ein klares Verlagsprofil erkennen lässt. / Ilma Rakusa, NZZ 1. 11.2001
Es fehlt durchaus nicht an Anerkennung für seine dichterische Begabung, auch nicht an Respekt und Hilfsbereitschaft, aber der Preis für sein Mitmischen in den Wiener Künstlerkreisen, deren Aufbruchselan etwas eigentümlich Nachholendes und Anachronistisches anhaftet, ist eine gewisse Selbstverrenkung: In Wien wird zwanghaft das Kaffeehaus zurückerobert und in einem verspäteten, umso lauteren Bekenntnis zum Surrealismus der Anschluss an die internationale Moderne gesucht. Also verkauft Celan seine Lyrik als surrealistisch und verfasst zusammen mit dem Maler Edgar Jené das großsprecherische Manifest „Eine Lanze“ (das Anagramm der Namen der beiden Verfasser): „Wieder wird ein großer Hammer geschwungen und wen soll er zermalmen, wenn er niedersaust? Ein Geschöpf, den Menschen nicht mehr ähnlich, eine Mißgeburt aus Sodom, Methusalems letzten Sproß, gezeugt mit seiner Todesstunde: den Surrealismus.“ Celan wird diesen Ton nicht lange durchhalten. Wie später in der Gruppe 47 war er auch in Wien ein Fremdkörper… / IJOMA MANGOLD über die Ausstellung Displaced. Paul Celan in Wien FR 28.11.01
Günter Kunert über Probleme mit Gedichten in Schnell-Lesezeiten
Wahrlich, ich lebe in Zeiten, da die Dichter wenig gelten. Vorbei die gute alte schlechte Zeit, während welcher man noch einander Gedichte vorlas, von ihren Worten bewegt oder erregt, zumindest im Einklang, in seelischer Übereinstimmung mit den Sprachgebilden. Und ganz unauffällig fand bei derlei gemeinsamen Unterhaltsamkeiten auch etwas statt, dass man mit einem trockenen Begriff „Belehrung“ nennen könnte. Nämlich Belehrung über das wundersame Wesen der Sprache.
Zeilen prägten sich dann einem ein. Verse blieben im Gedächtnis, Intonation und Rhythmus weckten die Aufmerksamkeit für Genauigkeit. In einem weitaus umfassenderen und auch strengerem Maße forderte die Dichtung, die Lyrik, etwas vom Leser oder Zuhörer, was ihm oft die Prosa nicht abverlangte. Nämlich sich um Verständnis für verbale Bilder zu bemühen und ihre Hintergründigkeit, manchmal auch ihre Rätsel zu ergründen.
Ich weiß, der heutige, auf Hurtigkeit gestrimmte Leser besitzt nicht mehr, was früher kostenlos vorhanden war, und zwar die Muße, um sich mit einem sprachlichen Kunstwerk zu befassen. Alles soll sofort kapiert werden, leicht verstanden, flüchtig aufgenommen, rasch vergessen. (Laudatio auf Heinz Czechowski , Nordwest- Zeitung 26.11.01)
Kommentar der Lyrikzeitung 2001: Aber woher weiß er das, übrigens? …
Kommentar der Lyrikzeitung 2017: Naja…
Popo-selig, wer erkennt:
Durch Hipperbeln popotent!
Wer ob der Hippnose witzelt,
Wird von Popo scharf bespitzelt.
Hippopot, ganz Hippospot,
Tritt ihn eigenhändig tot.
,,Hippopotamos“ (zu Deutsch: Flusspferd) heißt das Gedicht, aus dem diese Zeilen stammen. Der Russe Wjatscheslaw Kuprijanow hat es geschrieben. / Frankenpost 24.11.01
»Wer Gedichte schreibt, hat ´nen Stich«, räumt die Geraer Lyrikerin Annerose Kirchner vor dem Bergaer Publikum ganz freimütig ein. / Ostthüringer Zeitung 23.11.2001
Der Gedicht-Titel „Entmystifizierung des Sex“ klingt bei Marlies Jensen viel lieblicher: ¸“Mit den Holthamer op dat sööte Geheemnis“ ist gleichzeitig der Buchtitel. Drastisches vermeidet sie: Wenn Fried vom „Bumsen“ schreibt, so übersetzt sie es mit „elste nüe Woort“ (das eklige neue Wort).
Manches akzentuiert sie anders: „Krieg“ nennt sie „Mord und Dootslag“, und die von Fried so geschätzte „innere Ruhe“ wird bei ihr zu „Kehrdiannix“ (Scher dich um nichts). Frei übersetzt sie das „Computerzeitalter“ mit „Tieden vun de Orwellsche Schrievmaschin“ (Zeiten der Orwellschen Schreibmaschine).
Erich Fried, Mit den Holthamer op dat sööte Geheemnis, Agimos Verlag, Kiel, 146 Seiten, 29,90 Mark. / Südwest Presse 23.11.01
Das „Liedertagebuch“ stelle, so der editorische Bericht der Herausgeber, das „größte geschlossene Poesiewerk des Neunzehnten Jahrhunderts“ dar. Es sei, so Wollschläger bei der Präsentation, ein Werk, das geeignet sei, das Bild, das sich Zeitgenossen und Nachwelt von Rückert gemacht haben, entscheidend zum Positiven hin zu korrigieren. Diese rund 10 000 Verse, die im Schweinfurter Archiv „ruhten“, bis sie vor einem Dutzend von Jahren von den Herausgebern gesichtet und in ihrem Wert erkannt wurden, stellten die „gewichtigere Hälfte von Rückerts Werk“ dar, im Vergleich zu den von Rückert selbst zu Lebzeiten in Druck gegebenen Schriften. / Main-Post 16.11.01
Die Welt 11.11.01 (Interview mit Wolf Biermann)
Jetzt wächst Deutschland zusammen, und wir so genannten Intellektuellen kippen auseinander.
WamS: Nirgends wurde das deutlicher als im Golfkrieg.
Biermann: Da ging es ja auch an die Substanz. Wie auch heute wieder. Klar: Für den Frieden sind wir alle. Aber wenn es dann um das Wie geht, schließen sich die Menschen gegenseitig aus der Menschheit aus, und es entsteht die von Hölderlin besungene stumme, kalte Zwietracht.
Es gibt kaum eine andere literarische Gattung, die sich der vermeintlichen Verstehbarkeit der Welt so dezidiert entgegenstellt wie die Poesie. Dutli definiert die Lyrik nachgerade als den «dauernd inszenierten Totalverlust aller Gewissheit». … Bereits im 11. Jahrhundert verfasste der provenzalische Dichter Guilhem IX. einen unerhört modernen Text, der mit den Zeilen beginnt: «Ich mach ein Lied aus reinem Nichts.» Solch kalkulierte Informationsverweigerung lenke die Aufmerksamkeit des Lesers auf das Eigentliche: auf die musikalische Konstruktion des literarischen Gebildes. Dabei diktiere die Sprache selbst den lyrischen Sinn: Der Dichter sei nur ein Troubadour, der das in der Wort- oder Satzstruktur bereits Angelegte «finde». Im Gedicht vereinigen sich Autor und Leser, so Dutli, zu einer magischen Sprachzelebration. / NZZ 10.11.01
Wie reagiert die deutsche Literaturkritik, wenn die Texte eines Autors, einer Autorin aus der Türkei zu bewerten sind? Ignorant und snobistisch.
/ Monika Carbe NZZ 10.11.01
„Unser Wahn“: Die Krise arabischer Intellektueller
Zweifellos sind Araber und Muslime ungerechter Behandlung ausgesetzt. Wenn wir aber nur dies sehen, so bedeutet das, daß wir vom anderen noch gar nichts gelernt haben.
Schreibt Abbas Baydoun. Der libanesische Dichter wurde 1945 geboren. Er ist Feuilletonchef der Tageszeitung “ As-Safir“ in Beirut. / Frankfurter Allgemeine Zeitung , 09.11.2001
Oskar Kanehl, Lyriker, Publizist und später Anarchist, war ein ausgesprochener Querdenker, der 1913 von Greifswald nach Wieck zog und Lust bekam, „eine Bombe ins schwarze Ketzernest Greifswald zu werfen“. Am 16. Juli erscheint die erste Ausgabe des „Wiecker Boten“. Das Blatt findet Beachtung, erntet Widerspruch, zieht den Hass der Korpsstudenten und die Missbilligung der Universität auf sich. Die Schrift, dem Expressionismus zugetan, versteht sich als kritischer Beobachter, als „Parteiblatt der Parteiüberwinder“. Kanehl wird 1914 einberufen, der widerspenstige „Wiecker Bote“ verschwindet.
Heute ist das [1995 wiederbegründete] Blatt weniger widerspenstig, aber noch immer kritischer Beobachter seiner Zeit. / MARKUS KOWALZYCK, Ostsee-Zeitung 7.11.01
Kult
Volly Tanner wird alt. Der Underground-Poet geht neuerdings bei Grün über die Straße. Volly Tanner ist schüttere, kränkliche 31; doch dafür hat er etwas geschafft, das an keiner Umrahmung seiner gepflegten Feindbilder notiert ist: Er genießt Kult-Status. / Leipziger Volkszeitung 6.11.01
Zwar hatte sich bereits die frühere Swahili-Literatur – die ersten schriftlichen Zeugnisse gehen bis ins 17. Jahrhundert zurück – mit Politik beschäftigt, doch ausschliesslich in einem affirmativen Sinne. Sexualität dagegen war früher nie ein Thema; das Erscheinen von [des Tansaniers] Euphrase Kezilahabis erstem Roman im Jahre 1971 führte denn auch zu einem Skandal. Zu Diskussionen Anlass gaben auch seine in freien Versen geschriebenen Gedichte, bestimmten doch Reim und Metrum ausnahmslos die traditionelle Swahili-Lyrik. / Heinz Hug, NZZ 1. November 2001
Verschwunden
25 Jahre nach ihrem Tod ist die bedeutende Dichterin Martha Saalfeld, von Elisabeth Langgässer einst als „pfälzische Sappho“ apostrophiert, aus der literarischen Öffentlichkeit so gut wie verschwunden. / Michael Buselmeier, Freitag 45/01
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Nur noch 333 Tage bis Jahresende
Veröffentlicht am 27. Januar 2017 von lyrikzeitung
Ein Kommentar von Michael Gratz
Seit 20 Jahren wird in Greifswald wieder über den Namen der Universität diskutiert.
500 Jahre lang war die zweitälteste Universität nördlich von Heidelberg überhaupt ohne Personennamen ausgekommen. 1933 erhielt sie den Namen „Ernst-Moritz-Arndt-Universität“ aus den Händen des zuständigen Ministers Hermann Göring. Beantragt hatte die Namensgebung Professor Walter Glawe, Mitglied von DNVP, Stahlhelm und dann NSDAP. Zwischen 1945 und etwa 1954 war der Namenszusatz „Ernst-Moritz-Arndt“ gestrichen, dann führte ihn die SED wieder ein. Professor in Greifswald war immer noch Walter Glawe, jetzt SED.
Vor fünf Jahren kam im Senat nicht die erforderliche Zweidrittelmehrheit für eine Namensänderung zustande. Vor zwei Wochen wurde erneut abgestimmt, diesmal waren 24 Senatorinnen und Senatoren für die Streichung, 11 dagegen. Eine klare Mehrheit gegen Arndt und eine knappe Zweidrittelmehrheit, die Namensänderung ist damit beschlossen. Die Landesregierung muß noch zustimmen.
Noch während die Sitzung lief, begann der Aufschrei der Arndtanhänger in sozialen Medien. Einer rief die Greifswalder auf
Wo bleibt der Aufstand der Eingeborenen?
Ihr Greifswalder müsst damit leben, also lauft Sturm und lasst euch nicht so vorführen. #sturmaufbastille
Man sprach von „Hinterhofdemokratie, die jeglicher Legitimation entbehrt“, „Handstreich“ und „Nacht und Nebelnummer“, von „Geschichtsexorzismus“ und „tiefen Gräben zwischen Bürgern und Universität“. Der AfD-Abgeordnete Prof. Weber nannte eine erfundene Zahl von mindestens €300000, die die Umbenennung kosten würde. Alle verbreiten die Zahl weiter, #fakenews. Bald sprang die regionale Ostsee-Zeitung auf den Zug auf. Wie zu DDR-Zeiten während der Biermann-Ausbürgerung druckt sie tagelang Stellungnahmen von Greifswaldern, allesamt gegen die Umbenennung, Zustimmung gibt es anscheinend nicht, nicht bei der Zeitung. Die „Junge Union“ meldete sich zu Wort, die CDU fordert eine Sondersitzung der Bürgerschaft und sogar des Landtags. „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“. Mein Kommentar:
„Die Greifswalder“, schallt es jetzt überall, sind stolz auf den „traditionellen“ (seit 1933) Namen. Da werden sie wohl im Recht sein. Das Ding heißt doch nicht Einsteinuniversität. Diese Stadt, die jetzt lautstark den Aufstand probt und mit Stimmen von CDU und alten Linken der schon gescheiterten Provinzpegida noch einmal die Chance gibt, sich als „mächtige Volksbewegung“ in Szene zu setzen, hat sich den Namen verdient.
Wenn die Uni stur bleibt und die Landesregierung nicht vor organisiertem und selbstinduziertem Volkszorn einknickt, können sie ja ihre Stadt in Ernst-Moritz-Arndt-Stadt umbenennen, damit ihre „Identität“, von der auf einmal alle posaunen, gewahrt bleibt. Deutschland 2017. Wohin auswandern.
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