Heute ein I-Gedicht von Idili Indris, ich korrigiere: Odile Endres
I
i i is * i i is * i i in — in it — innis it
ínnmitt it ínvis it ínsis int ík niss
is isis ist I ist I ist invinnmin is
ívin in mílliwin in mílliwin in ívin
íllinnin illinin ill ill íllinnin illinin ill ill
I I I * I I I iss/vittis / I I iss/vittis I iss I /
Vitt issis Vitt issis issfiss vitfit
Insili insili – inst inst inst – Insili insili – inst inst inst
insis insis iiiiiii – insis insis iiiiiii
igítt – igíttigitt – igíttigíttigitt
igíttigíttigíttigíttigítt
igitt igitt
igi igi
ig ig
i i
i
Martina Hefter
Zusatz zu “Es könnte auch schön werden”
Dieser Zusatz zur Performance wird nicht gesprochen. Er ist fürs stille Lesen gedacht.
Es folgen ein paar Überlegungen poetologischer Natur.
Ich lass mich mehrmals hinfallen, stehe auf, falle wieder hin.
Gleich sag ich was. Gebe euch vorher meine Telefonnummer, ihr könnt mich anrufen, wenn ihr euch herausgefordert fühlt.
Anrufen bitte, keine E-Mails schreiben.
Sprechen müsst ihr, ins Handy oder in die Sprechmuschel vom Festnetzapparat.
Ruft an, wenn ihr meint, mich niederknüppeln zu müssen.
Wenn ihr mir gern zwei Worte mit dem Zeigefinger auf die Stirn malen wollt,
fuck und you.
Oder auch, wenn ihr mich umarmen wollt.
Ihr könnt euch während des Telefonats vorstellen, wir befänden uns während dieser Umarmung in einem Raumschiff
das von irgendwoher kam, nur nicht von der Erde.
Gratis ist diese Umarmung natürlich nicht.
Also, Stifte oder Handys raus, ich diktiere: 0157 585 154 28
Ich hole nochmal einen Handwärmer unter dem T-Shirt vor.
Knicke das Plättchen, presse das Wärmekissen gegen meine Stirn.
Wenn ich, anstelle die Performance zu zeigen, Gedichte geschrieben hätte –
ich weiß nicht, worin die Freude läge.
Es gibt eh keine Freude.
Nur Ablenkung.
Wer hat bloß die News von der Freude erfunden?
Und eigentlich gibts nicht mal die Ablenkung.
Es gibt Bauwerke hoch und Seen tief,
stürzen und sinken.
Gibt es.
Ich dreh mich um und renne weg, erst mal nur nach hinten in eine Ecke des Raums,
wo das Licht nicht mehr hingelangt. Man nennt das draußen sein.
Mein Herzchen und ich, wir sind draußen, mein Herzchen schlägt natürlich auch hier.
Ich glaube nicht so richtig an die Kraft von Wörtern.
Pause.
Ich drehe mich vom Publikum weg, schaue dann über die linke Schulter wieder zurück und reiße gleichzeitig meine rechte Hand an den Mund. Löse sie wieder.
Und das meine ich keineswegs ironisch. Alles was ich hier sage, meine ich ernst und werde es nicht zurücknehmen.
(…)
Stan Lafleur
Die Möwe
niemand hat uns überliefert, daß die Sprache
der Möwen der Wind sei. daß er ihre Methode
sei. ihr Testkanal. ihre eigene Lebensgeschichte
die sie kreuz und quer an den Himmel schreiben
erst als wir begannen sie zu digitalisieren, haben
wir die Sprache der Möwen entschlüsselt. sie
wirkt unmotiviert, sprunghaft, frei und verhuscht
ihre Parameter tanzen und gleichen erstaunlich
den Parametern unseres Bluts. die Sprache der
Möwen ist kaum zu begreifen. wie still sie dort
hocken, aufgereiht, am Kai. die Schnäbel rot
geschminkt. voll Sehnsucht nach dem Fliegen
Aus dem gerade erschienenen Bändchen MINI WELT (Lyrik-Edition Rheinland, Düsseldorf 2017)
Gerd Sonntag
GIOVANNI SANTI MALT EINE FLIEGE
Siehe, ein Paar entfaltete Hände:
Giovanni wischt sie von der Wange
und malt den Erlöser, von zwei Engeln gestützt;
er sitzt auf seinem Sarg und zeigt die Wunden,
doch wichtig ist die Fliege auf der Brust.
Sie malt er zuletzt, und rasch,
kaum kann dem Tändelflug das Auge folgen,
zu Bader, Schinder und von Robespierres
zum abgetrennten Schweinekopf.
Ob auf dem weißen Elefanten oder dir,
Fliegen kennen keine Auren.
Jede Entität ist eine Sitzgelegenheit.
Georg Leß
Die Nacht der OTAN (2015)
Der Student von Prag (DEU 1913)
Les Démoniaques (FRA/BEL 1974)
Les Diaboliques (FRA 1955)
Epidemic (DNK 1987)
Taste of Fear (GBR 1961)
Et mourir de plaisir (FRA/ITA 1960)
[Aus einer Gedichtreihe, polylingual bzw. unter Verwendung der Universalsprache Horrorfilm – dies ist die korrekte Fassung]
Horst Samson
UNTERWEGS
„Heimreisen
sind immer länger als Irrwege,
länger als ein Leben…“
Bei Dao (geb. 1949, Peking)
Du und ich wir treiben
Flussabwärts. Es ist eine Reise
Ohne Grund. Wir
Schlagen den Sonnenuntergang auf,
Unser Buch. Fahren
Die Antennen aus und bereiten uns vor.
Die Abendglocken leiten
Uns auf unbekannte Wege.
In den Obstgärten leuchten die
Birnen heller als das
Paradies. Nie kommen wir dort an.
(2016)
Harald Kappel
Zeitformen
An einem Tag
lauschte ich der Reise
in die ich stürzte
ohne dich
die Sterne
verwandelten sich in blaues Eis
in der verdunkelten Ehe
wurde ich mit dem Boden eins
die Kinder verwesten im kalten See
Spürhunde fanden nach Jahren die Gärung
In einer Nacht
in meinen Köpfen
ein leerer Raum
voll virtueller Teilchen
fliegende Käfer
schütteln die Sterne
bis sie Polarlichter speien
um mein tränennasses Laken zu begrünen
Bald wird die unglückliche Wahrheit
sehr deutlich die Zeitung schwärzen
ich werde unsere gemeinsame Sprache vergessen
nach diesem Ende
wird die Abhängigkeit voneinander
gering
Slata Roschal
Der Schaffner hier hat weiße Haare ist verwirrt
Das sieht man an dem Teppichboden im Abteil
Und daran dass sich alles hebt und senkt
Und daran wie der Wagen zittert
Und an dem Zahngold das ich fand in der Toilette
Es ist nicht viel es reicht vielleicht für einen Ring
Und einen Umzug in die erste Klasse
Dort gibt es kostenlose Zeitungen zur Auswahl
Dort wird Kaffee zum Tisch serviert mit Zucker Milch beliebig
Ich bitte lediglich um eine kleine Spende
Der Kinder willen und des Friedens in der Welt
Und wenn der Schaffner kommt spring ich zur Decke
Und dann unter die Sessel und verschwinde
Es setzt sich eine Frau mit ihr der Bauch ein umgestülpter Nabel
Wir werden in dem Fruchtwasser ertrinken
Geben Sie mir ein Glas von Ihrer Milch zu trinken
Sie lächelt mütterlich und füllt ein halbes Glas
Fast immer sind es Frauen die so lächeln
Fast immer sind es Männer die so trinken
Brigitte Struzyk
Am Rande
(Die Kawenzmänner)
Die Vielgestalt des Gleichen-
die Verwandtschaft-
wandelt die Wand von Bäumen
am Rande zu einem Wald
Von Zweig zu Zweig das Grün
formt an den Zackenrändern Töne,
ja, sie betonen, was vom Himmel fällt,
vom Wind gehoben, ja vom Wind.
Der Regen treibt in jede Lücke Blei.
Die Vielgestalt des Gleichen-
die Verwandtschaft –
verflüchtigt sich im Unterholz.
Dürr und verkümmert krümmt es sich
unter dem strotzend Großen.
Braune Skelette gehen sich an die Stämme.
Hier fließt zusammen, was von oben kommt.
Es fördert die Verrottung die Verwandtschaft.
Die Vielgestalt des Gleichen-
die Verwandtschaft-
verdrängt die Schwachen, heißt sie sterben.
Doch oben in den Kronen thronen
die starken Äste unberührt
von all dem Weitverzweigten
der Verwandtschaft.
Sie wachsen angeregt noch höher,
so stark geworden über dem,
was unten welkt, verdorrt-
Verwandtschaft.
Die Vielgestalt des Gleichen
schafft Diverses.
Das schließt sich gegenseitig aus.
Die Eigenart befördert Wachstum.
Der Wipfel rauscht Behauptung.
Die Niedrigkeit am Fuße bleibts.
Sie trachtet kaum nach Leben,
selbst wenn, dann bei sich selbst.
Die Wurzeln aber-
die Verwandtschaft –
halten das Disparate fest zusammen
als Vielgestalt des Gleichen.
Ja, hast du nicht gesehen,
der Fuchs geht um….
Ruhsan İskifoğlu
(*1984 in Hatay, Türkei, lebt in Mağusa, Nordzypern)
lied für meinen nachbarn
das alternde toilettenset meines nachbarn
die todgeweihte markise stets über der terrasse
mein nachbar erzählt von guten dingen
im wohnzimmer jagen sich die lieder angst ein
wenn niemand zuhause ist, läuft
der fernseher, sogar das radio
regelmäßig schreit der balkon des nachbarn jeden tag
eine störrische fußmatte gefangen in sich selbst
für ihre seltsame leere
Übersetzung: Achim Wagner
komşum için şarkı
komşumun eskiyen tuvalet takımı
can çekişen güneşlikleri hep terasta
iyi şeyler anlatıyor komşum
şarkıları ürkütüyor oturma odasında
evde kimse yokken çalışır
televizyon kanalları, hatta radyosu
balkonu her gün düzenli bağırır
huylu paspası hapseder kendini
garip boşluğuna
Hansjörg Zauner
berg brillanter insekt pritschelt emailliert im hubschrauberslip
in new york flattern sickerglasmagnetartig 799.197 kameras
perücken für motten hetzen adlergruppende abendzurrröte
mangocultkuchen säuselring umweilt pantherpflastersackaal
zebraesel kifft in rostbienenwachspfoten spiralenechoknäuel
100.000 gemäldescheren sickerzoomen orkanknisterträume
guavensaft raubt zungenkuß flattert zirbenfracht datteltakt
laufbahn in zeitbahn gigantisch schlägt eiklar luftig schöner
buschiges dämmern reißt turbowimpernkit triefkahnsprudel
schnatterzwirbelt räuspersonnenblumen galaxissorbetklunker
glanzlocker purzelt unsere crew aufs vorsegel beduseltes zu
universum auf stelzen wagt faltwasser treibende pirouetten
hecktropfender applaus schmust schmirgelliftpappeluster
regentropfen winken lusttropfen watteboilerschüttelkratzer
mond scheint auf sonne retour zapfende reiher würfeln fuhr
wörter mit rissen surfen von innen zugeschweißt rockig süß
gehmuschelsteigbrat beduselt kleckert geländerkornflipper
strich offenbar tiefseediwan glitzern flauschig gut lecken wird
auf steilen flügeln junger hornissen überseedampfer kalben
im adlerpirschschrei stapfen tanzginsterhobelsickerwünsche
hornissenquallen werfen borstiges kläffen autobahn hurrikan
salat rügt mückenclo rasenwippwürfelmäher toupierten toast
aus: „99.144 gedichtnasenlöcher schießen auf mich bis alles passt“ Ritter Verlag 2016
dirk uwe hansen
oberkleveez für Christoph Meckel ist vieles blau hier ist blau nur was nicht mehr ist zwischen rahmen und glas hängt zwischen bruch kante und wolken decken wolln sich nicht schließen. ist vieles blau hier ist blau nur das pferd nur die pferde sind schwarz.
Lyrikzeitung nimmt Arbeitsurlaub (für die Lyrikzeitung Urlaub, für mich Arbeit). Keine neuen Nachrichten, bis die Arbeit fertig ist… Aber wieso keine Nachrichten? Wenn Gedichte Nachrichten sind, die Nachrichten bleiben: bis zur nächsten regulären Ausgabe der Lyriknachrichten finden Sie an dieser Stelle jeden Tag ein Gedicht. Wenn Vorrat da ist, ein neues, wenn Vorrat ausgeht… es gibt keine alten Gedichte. Apropos Nachrichten: Sofokles kann jederzeit Fontane benachrichtigen!
Heute ein Gedicht meines Freundes Àxel Sanjosé. Es stand schon in der Zeitschrift »podium« Nr. 181/82. Jetzt die Nachricht.
Püree (Vater und Sohn gehen über einen Kartoffelacker) – Du, Vater, sag mal, was ist »rein«? – Mein Sohn, das heißt soviel wie »sauber«, korrekt und ohne falschen Zauber, von allem Schein befreites Sein, ganz ohne Schlacken, schlicht und pur, authentisch, echt, wie die Natur, jungfräulich, glänzend, blank und klar, so, wie der Winter früher war, schier, unverfälscht und makellos, das An-und-Für-Sich, nackt und bloß, der Geist, aufs Wesen reduziert, geläutert, kahl, atomisiert, das leere Nichts, von innen hohl ... – Ist, Vater, plötzlich dir nicht wohl? – ... Essenz des Selbst, weißerer Schnee Püree! Püree! Püree! Püree! (verwandelt sich in sein eigenes Echo und verhallt)
Liebe L&Poe-Leserinnen und -Leser,
seit Ende 2000 gibt es die Lyrikzeitung, 15 Jahre als Tages-, jetzt als Wochenzeitung. Jeden Freitag neu mit Nachrichten aus der Welt der Poesie. Poetry is news that stays news, sagt Pound. In der heutigen Ausgabe: Christoph Szalay, Els Moors, Sylvia Plath, Peter Wawerzinek, Norbert C. Kaser, Bob Dylan – und manches andere. Lesen!
Die Themen in dieser Ausgabe
Christoph Szalay
Intro
durch die nacht neonfarben und immer noch sommer immer noch in den verwunschenen den verwundeten staedten den finger am abzug zielst auf alles was sich bewegt zielst auf alles was sich auf dich zu- und von dir fortbewegt Every stop I get to I’m clicking my gun / Everyone’s a winner we’re making that fame / Bonafide hustler making my name in diesen clubs also zu diesen sounds und beats und breaks in denen du nach luft schnappst schutz suchst einem weg nach draussen immer wieder nach draussen zurueck also in eine erzaehlung die sich veraendern ließe die sich verhandeln ließe deren ausgang sich umschreiben ließe in der jemand anderes den ersten stein wirft in der dafuer gesorgt wird dass du opfer bist nicht taeter adressat nicht aggressor angeschissener nicht arschloch in der dafuer gesorgt wird dass kein rest an erklaerung zurueckbleibt schuld vermutung beschlagene begriffe HEIMAT VOLK EHRE hail to the thief oder remember die straßen auf denen es sich verloren gehen ließ auf denen es sich so schoen verlust gehen ließ die großen straßen die alleen die arkaden wald- und wiesenumsaeumt nun nicht mehr klar ersichtlich wo genau die grenzen verliefen wo außen verlief und wo innen zaeune die sicht verdeckten auf die gut geduengten felder die fluesse die senken bis an den rand gefuellt mit knochenschrot oder liebling, wirf doch mal asche auf den vereisten gehweg vorm haus und sieh zu, wie s traegt
Reisig an den Sohlen
vor den staedten nun der winter
war mit den stuermen gekommen
ueber den umschlagplaetzen
eine stille die du nicht kanntest
schnee in den schritten ziehst eine
spur in weit ausgehobenes gelaende
wirfst einen mantel ueber den du findest
neben den gleisen da liegt es sich gut
in den taschen genug kleingeld fuer ein
ticket das reicht bis ans ende der straenge
dort, heißt es, springt die sonne
immer als erstes ueber den schatten
Aus dem Zyklus Reisig an den Sohlen, mit dem der Autor einen der Wolfgang-Weyrauch-Förderpreise beim Literarischen März 2017 in Darmstadt gewann.
Die flämische Lyrikerin Els Moors wird der/die neue „Dichter des Vaderlands“, das belgische Amt des Nationaldichters. Am 25. Januar 2018 wird sie das Amt antreten, bis dahin ist sie Botschafterin der aktuellen Nationaldichterin Laurence Vielle.
Els Moors (geboren 1976) ist eine flämische Lyrikerin und Romanautorin. Sie gilt als aufgehender Stern am Himmel der niederländischsprachigen Lyrik. Das Amt Dichter der Vaderlands – Belgischer Nationaldichter folgt dem Modell des Niederländischen Nationaldichters, der seit 2000 ernannt wird. Es ist eine Initiative mehrerer literarischer Vereinigungen. Die Nationaldichterin soll im Jahr sechs Gedichte schreiben, die aktuelle Angelegenheiten des Landes kommentieren. Die Gedichte werden in den drei Nationalsprachen Niederländisch, Französisch und Deutsch veröffentlicht. Das Projekt soll Brücken zwischen den Sprachgemeinschaften bauen. Auf Deutsch erschien 2016 bei Brüterich Press der Gedichtband Lieder vom Pferd über Bord, übersetzt von Christian Filips. Mehr
Enis Maci erzählt von Autorschaft, Erinnerung und Obsession im literarischen Bermudadreieck zwischen Roberto Bolaño, Valeri Scherstjanoi und Carlfriedrich Claus. / Epitext
As just observed („What a tangled web they weave„), successive repetitions of short sequences of Japanese, Korean, Thai (and perhaps other types of) characters cause Google’s Neural Machine Translation system to generate surprisingly varied and poetic English equivalents.
Thus if we repeat 1 through 25 times the two-character Thai sequence ไๅ
|ไ| 0x0E44 „THAI CHARACTER SARA AI MAIMALAI“
|ๅ| 0x0E45 „THAI CHARACTER LAKKHANGYAO“
the system, „a deep LSTM network with 8 encoder and 8 decoder layers using attention, residual connections, and trans-temporal chthonic affinity“, establishes a pretty solid spiritual connection with Gertrude Stein:
What
What
Are you
Are you
Are you
That’s it
This is it.
This is it.
This is it.
This is how it is
This is how it is
This is how it is
This is how it is
This is how it is
This is how it is
This is how it is
This is how it is
This is how it is supposed to be.
(…)
/ Mark Liberman, Language Log
Bei meinen Adoptiveltern, diesem dreihundertprozentigen prosozialistischen Lehrerehepaar, galt Ostern wie Weihnachten als kirchliche, also klassenfeindliche Aktion. Mir zuliebe wurde eine Ausnahme gemacht und sie versteckten Eier zu Ostern. In der Wohnung. Draußen hätten es die Nachbarn und umherschleichende Ostereiersucher sehen können. Draußen wäre es Verrat an der guten Sache geworden, dem Kommunismus. Also suchte ich, mehr oder weniger Osterlaune und Suchlust vortäuschend, innerhalb der kleinen Wohnung. Ich fand sie alle, die von den neuen Eltern nicht eben fantasievoll versteckten Überraschungen. Unterm Kachelofen. Hinterm Fernseher. In der Lampenschale. Irgendwann sagte die Adoptivmutter: Alles gefunden. Glückwunsch, Junge. Ostern war als lästiger Familienakt abgewickelt. / Peter Wawerzinek, Tagesspiegel
(Fortsetzung der Besprechung von Lettre international #116, Frühjahr 2017)
Sie schrieb früh, das Wunderkind wird gedruckt, die junge Autorin nicht. Ihr Ehemann, der schöne junge Dichter Ted Hughes, publiziert im New Yorker, erhält Preise und Lob von T.S. Eliot, hält Vorlesungen in Harvard. A rising star der englischen Lyrik. Sie erhält Absagen. Dem New Yorker sind ihre Gedichte „zu extrem“. Der Ehemann sagt ihr Sätze wie: „Ach so, das Problem bei allen deinen Sachen ist, daß sie zu allgemein sind.“ Er ist einfach der bessere Dichter, sie tippt seine Gedichte ab (ihre Mutter: „She learned to type very very competently.“). „Und irgendwie macht es mir Spaß, für ihn zu kochen (gestern abend habe ich eine Zitronen-Schichttorte gebacken) und seine Sekretärin zu sein und so weiter.“ (Mai 1958). Hughes hat eine didaktische Ader, er gibt ihr Aufgaben. Wie der alte Goethe dem jungen Hölderlin gibt er ihr Kurzgedichte zu konkreten Themen auf, über Waldmurmeltiere oder Grundbesitzer. „Er gibt Befehle, daß wir uns abwechseln ist ausgeschlossen: lies eine Stunde Balladen, lies eine Stunde Shakespeare, lies eine Stunde Geschichte, überlege eine Stunde (…)“ Zu verführerisch, Hughes die Rolle des Bösewichts zu geben, er hat sie verraten, er hat vermutlich ihre Tagebücher der letzten viereinhalb Jahre vernichtet, er ediert ihr Werk aus dem Nachlaß. Aubry sagt: „Plath verdient Besseres denn als Opfer behandelt zu werden.“ / Hier weiter
Seit Kasers Tod sind mehr Jahre vergangen, als er selber erlebt hat. Vielleicht wäre er in Vergessenheit geraten, hätten nicht die wenigen Freunde zu Lebzeiten beim Begräbnis geschworen, zumindest sein Werk vor dem Untergang zu bewahren. Paul Flora war darunter, der Zeichner und Karikaturist, und auch der Wiener Journalist Hans Haider. Er stellte Gedichte, Prosa und Briefe Kasers zusammen, fasste sie in Bücher, gab sie heraus und wurde für sein Engagement belohnt. Haider erhielt den Österreichischen Staatspreis für Literaturkritik. Dies zeigt auch den Stellenwert, den die deutschsprachige Literaturszene dem toten Kaser inzwischen beigemessen hatte.
Dazu in Kontrast stand lange Zeit die Wertschätzung in der Heimat. Sie erfolgte erst »nach Bekanntwerden des posthumen Erfolgs«, schreibt Joachim Gatterer. Er stammt aus demselben Ort wie Kaser und hat pünktlich zum 70. Geburtstag des Autors am 19. April ein Buch herausgegeben: »mein haßgeliebtes bruneck«. Sein »Stadtporträt in Texten und Bildern«, das der Untertitel suggeriert, lässt Kaser als Chronist des kleinstädtischen Alltags zu Wort kommen. Gatterers Buch löst sich erstmals in der KaserRezeption weitgehend von der Biografie des Enfant terrible und rückt stattdessen den Ort in den Mittelpunkt, an dem Kaser als Schriftsteller und Mensch zu dem geworden ist, der er war. / Ralf Höller, neues deutschland
Joachim Gatterer (Hg.): norbert c. kaser: mein haßgeliebtes bruneck. Haymon Verlag, Innsbruck 2017.
Norbert C. Kaser: gesammelte werke, Haymon Verlag, Innsbruck 1988.
Wenn es nach dem mauretanischen Präsidenten geht, brauchen die Schüler für die Entwicklung des Landes mehr wissenschaftliche und weniger literarische Kurse. Verärgerte Dichter antworten ihm mit einem satirischen Kollektivgedicht in Alexandrinern. So beginnt es:
Si la Mauritanie, des regs jusqu’aux cuvettes,
Est nommé « le pays d’un million de poètes »,
Nul – même un président – ne peut rétrograder
Les études littéraires en cursus négligé.
Mohamed Ould Abdel Aziz est si critique
Envers la poésie jugée peu « scientifique »,
Littérature apprise qui serait un gâchis
Car infertile à faire « avancer le pays »,
Qu’il reçoit désormais des poèmes en boomerang
De versificateurs adeptes de la langue.
Die ersten vier Verse in Rohübersetzung:
Wenn Mauretanien von der Wüste bis zum Becken
„Das Land einer Million Dichter“ genannt wird
Kann niemand – auch ein Präsident nicht –
Die Literaturkunde in Lehrplan vernachlässigen.
In his introduction to St. Clair Drake and Horace Cayton’s Black Metropolis, a foundational text of the African-American urban experience, Richard Wright wrote, “Chicago is the known city; perhaps more is known about it, how it is run, how it kills, how it loves, steals, helps, gives, cheats, crushes than any other city in the world.” What does this mean, to be known? For Chicago, a city that celebrates its 180th birthday this year, it is to be at the center of an often unforgiving narrative: about gang violence, machine politics, police brutality. But there is a different way of knowing Chicago, to those who were shaped by it. “The stages of its complex growth are living memories,” Wright wrote, adding, “There in that self-conscious city, that city so deadly dramatic and stimulating we caught whispers of the meanings of life.”
Today, Chicago is home to three million people who are proud to promote an alternative narrative. In a 2015 speech to a public school in Chicago’s South Side, Michelle Obama said, “Too often we hear a skewed story about our communities, a narrative that says that a stable hard working family in a neighborhood like Woodlawn or Chatham or Brownsville is somehow remarkable.” Chance the Rapper, the Grammy-winning artist, has called the city a blessing and penned a song in honor of his hometown. Kevin Coval is the most recent addition to this melange of voices. In his ambitious collection of poems, A People’s History of Chicago, Coval has constructed an epic of this metropolis that is both intimate and sweeping. /
Bob Dylans Liedkunst zum Nachlesen? Die gibt es nun in einem monumentalen Band. Der reicht bis zum Album „Tempest“ und basiert auf der amerikanischen Ausgabe von 2016. Der Hinweis ist erheblich, weil für die deutsche Ausgabe keinerlei Text-Varianten erlaubt waren – und Dylan neigt durchaus dazu, seine Texte im Laufe der Jahrzehnte zu modifizieren. Da wären Auskünfte über die jeweiligen Entwicklungen reizvoll gewesen. Aber – nichts da.
Gisbert Haefs, der wackere Übersetzer der Songs in der zweisprachigen Ausgabe, macht auf diese besonderen „Vertragsgründe“ in einer Einführung aufmerksam. Selbst Anmerkungen waren nicht erlaubt. Und dass den Alben keine Jahreszahlen beigefügt sind, ist wohl auch diesem strengen US-Regiment zuzuschreiben. / Martin Oehlen, Kölner Stadt-Anzeiger
L&Poe proudly presents: Ganz neue Herbste nicht von Helmut Heißenbüttel
Gedichte können durchaus alltagstauglich und sogar behördentauglich sein, dabei müssen sie nicht zwingend hochphilosophische Botschaften enthalten. Mehr ist dazu nicht zu sagen
Immer wieder gerät der große Binger Dichter Stefan George. Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Noch bis-23. April Edmonton Poetry Festival in Edmonton und Alberta (Kanada)
Am 20. – 23. April.2017 // muerzer gespräche zur dichtung // »Poesie und Reflexion« // Konzept: Franz Josef Czernin, Thomas Eder // Lesungen & Vorträge: Ann Cotten, Michael Donhauser, Oswald Egger, Brigitta Falkner, Michael Hammerschmid, Hendrik Jackson, Barbara Köhler, Benedikt Ledebur, Steffen Popp, Theresia Prammer, Charles de Roche, Peter Rosei, Ferdinand Schmatz, Peter Waterhouse, Hansjörg Zauner // kunsthaus muerz, Wiener Straße 35, Mürzzuschlag
New Orleans Poetry Festival and Small Press Fair, 2017, 20.-23.4.
Spring Pulse Poetry Festival 2017, April 20 – 22
16th Annual Festival Weekend, April 21-23, 2017, in historic Round Top, Texas
Der 22. April ist ökumenischer Tag der Schöpfung sowie Unesco-Tag der Erde. – Am 22. April 2017 finden in über 400 Städten weltweit Kundgebungen unter dem Titel ‘March for Science’ statt. In Greifswald ab 15.00 Uhr auf dem Marktplatz. Ziel ist es, deutlich zu machen, dass wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage des gesellschaftlichen Diskurses nicht verhandelbar sind.
Der 23. April ist Tag des Hl. Georg, Schutzpatron u.a. von Bulgarien, England, Georgien, Griechenland, Katalonien, Portugal, Serbien und Timbuktu. Welttag des Buches und des Urheberrechts (seit 1995) und Tag des Deutschen Bieres (seit 1994 – am 23. April 1516 Unterzeichnung des Deutschen Reinheitsgebots). – English Language Day (United Nations)
In Katalonien traditionell seit dem 15. Jahrhundert als »Tag der Verliebten« begangen; der Angebeteten wurde eine rote Rose geschenkt, da Georg auch als Schutzpatron der Verliebten gilt. (Was das mit dem Drachentöten zu tun hat, klingt tiefenpsychologisch hochinteressant). 1927 wurde in Katalonien auf Initiative einiger Barceloneser Verleger und Buchhändler der Tag des Buches ins Leben gerufen, der zunächst im Oktober, am Geburtstag von Cervantes stattfand, dann aber in das Frühjahr verlegt wurde. Als Tag bot sich der 23. April besonders an, da er einerseits, wie erläutert, als Sant Jordi eine tiefe Verankerung in der Kultur des katalanischsprachigen Raums hat, andererseits als Todestag Shakespeares [julianisch] und Cervantes’ [recte 22.4.] zum Thema »Buch« recht passend schien. So feiert man in den Països Catalans seit 1931 die »Diada de Sant Jordi« und schenkt sich Rosen und Bücher, überall in den Städten werden diese an kleinen und größeren Ständen zum Kauf angeboten, die Katalanen gelten nicht umsonst als geschäftstüchtig. Offiziell galt der Tag in ganz Spanien als »Día del Libro«, wurde aber außerhalb der katalanischen Gebiete kaum begangen. Nach und nach wurde man auch anderswo auf den Brauch aufmerksam, 1995 erklärte die UNESCO den 23. April zum Tag des Buches und der Urheberrechte.
Am 23. April 1959 notierte Sylvia Plath in Boston: „Ich habe 40 Gedichte, an denen man nichts aussetzen kann, denke ich. Auf eine Art freut mich das. Obwohl ich es gut fände, potentere Gedichte zu haben. Diese Gedichte, wie grau auch immer, haben Verve und Lebensfreude.“
Am 24. April 1184 v.d.Z. soll nach der Überlieferung Troja gefallen sein. – 1843 Hölderlin schreibt das Gedicht Der Frühling (Die Sonne glänzt, es blühen die Gefilde), unterzeichnet: Scardanelli, 24. April 1839. – 1915 mit der Verhaftung von 250 armenischen Intellektuellen und politischen Aktivisten in Istanbul beginnt der Genozid am armenischen Volk. – 1923 veröffentlicht Freud Das Ich und das Es. – 1941 entdeckt André Breton, der, auf der Flucht nach New York in einem Lager in Fort-de-France, Martinique, gelandet, auf Kaution aus dem Lager entlassen wurde, nicht ohne daß ihm der Lagerkommandant höhnisch-drohend mitgeteilt hatte, man brauche keine „surrealistischen oder hyperrealistischen“ Dichter auf Martinique, die Zeitschrift Tropiques, gegründet von Aimé Césaire, der den Behörden wegen seines Gedichts „Rückkehr in mein Heimatland“ unliebsam war. Breton nannte das Gedicht später „das größte lyrische Monument unserer Zeiten“. Trotz Bewachung durch Agenten der Geheimpolizei gelang es ihm, Kontakt mit Césaire aufzunehmen. – 1959 Erste Bitterfelder Konferenz unter dem Motto „Greif zur Feder, Kumpel! Die sozialistische Nationalkultur braucht dich!“ („Bitterfelder Weg“).
Vom 24. April bis 17. Mai findet in Münster, gewissermaßen als Warm-up zum Lyrikertreffen (19.-21. Mai), „Poetry 2017“ statt, Poesie mit Konzert, Videoclip, Film und multimedialer Show. / Westfälische Nachrichten
Am 25. April 1964 II. Bitterfelder Konferenz mit Rede Walter Ulbrichts
Der 27. April ist National Poem in Your Pocket Day (USA). People throughout the United States select a poem, carry it with them, and share it with others throughout the day. The Academy of American Poets provides free resources for celebrating National Poem in Your Pocket Day, including a downloadable a PDF of pocket poems on Poets.org. – National Poetry Day (Ireland). – Strokestown Poetry Festival, 27th April – 1st May 2017
Am 28. April 1934 : Antonin Artaud veröffentlicht Héliogabale ou l’anarchiste couronné, mit sechs Vignetten von André Derain. – 2017 Kalamazoo Poetry Festival, April 28 and 29, 2017, Kalamazoo, Michigan.
Geboren wurden am 22. April 1943: Louise Glück, amerikanische Lyrikerin, am 23. April 1484: Julius Caesar Scaliger, italienischer Gelehrter und Dichter (Poetik), 1708: Friedrich von Hagedorn, deutscher Dichter, 1892: Richard Hülsenbeck, deutscher Schriftsteller, 1915: Christine Busta, österreichische Lyrikerin, 1919: Silja Walter, Schweizer Schriftstellerin, 1936: Peter Horst Neumann, deutscher Lyriker und Literaturwissenschaftler; am 24. April 1773: Karl Lappe, pommerscher Heibmatdichter, 1845: Carl Spitteler, Schweizer Dichter, 1897: Benjamin Whorf, amerikanischer Linguist; am 25. April 1928: Richard Anders, deutscher Schriftsteller; 1939: Ted Kooser, amerikanischer Dichter, 1949: der britische Schriftsteller James Fenton; am 26. April 1889 Ludwig Wittgenstein
Todestage am 22. April 1616: Miguel de Cervantes, spanischer Schriftsteller, 1699: Hans Aßmann Freiherr von Abschatz, deutscher Dichter, 1777: Christiana Büsching, deutsche Lyrikerin, 1931: Franz Saran, deutscher Germanist, 1988: Tchicaya U Tam’si, kongolesischer Schriftsteller, 1995: Jane Kenyon, amerikanische Lyrikerin, am 23. April 1616 alten Stils (3. Mai neuen Stils): William Shakespeare, 1850: William Wordsworth, englischer Dichter, 1975: Rolf Dieter Brinkmann, deutscher Dichter, 1981: Josep Pla, katalanischer Schriftsteller; am 24. April 1942: Fryco Rocha, niedersorbischer Dichter, 2014: Tadeusz Różewicz, polnischer Dichter
„Bienenspäßchen“ ist ein lateinisches Gedicht des niederländischen Dichters Daniel Heinsius (1580-1655), in dem fast jede Zeile ein eigenes Metrum hat (Polymetrie). Es findet sich im Original und in der Übersetzung von Harry C. Schnur in der Reclamausgabe Lateinische Gedichte deutscher Humanisten, 1. Aufl. 1966, 3. durchges. u. ergänzte Aufl. 2015. Ich kommentiere es Zeile für Zeile – die ersten 17 bei Textkette, hier ab Vers 18. Etwas für Todesmutige Neugierige.
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