Ein Gedicht für die Christen

Jerome Rothenberg

Aus: Polen / 1931. Aus dem Amerikanischen übersetzt und herausgegeben von Norbert Lange. Berlin, Encinitas und Schupfart, Mai 2019 (roughbook 049)


Titelblatt:

Kein Wunder

Veronica Gambara

(* 30. Juni 1485 Pratalboino, Provinz Brescia; † 13. Juni 1550 in Correggio)

Wenn die schöne Venus

Wenn die schöne Venus damals, als sie
für Adonis oder Mars entbrannte,
dich gesehen hätte, Herr, dann

wäre sie ringsum von heißer Flamme
ganz ergriffen worden und sie wäre
nur für dich entbrannt, denn du bist

würdiger als alle andern, du besiegst
den kriegerischen Mars mit Waffen, deine
Schönheit kann Adonis nicht erreichen.

Darum ist’s kein Wunder, daß der Himmel dich begehrt,
und, weil du so bist, nun mit Unsterblichkeit dich ehrt.

Aus: EMANUELA SCARPA (HRSG.): Zehn italienische Lyrikerinnen der Renaissance. Dieci poetesse
italiane del Cinquecento. Übersetzt von Gio Batta Bucciol und Irmgard B. Perfahl unter Mitwirkung von Helga Böhmer. Mit Zeichnungen von Hans Joachim Madaus (Italienische Bibliothek). Tübingen: NARR, 1997, S. 79

Se, quando per Adone e ver per Marte
arse Venere bella,
stato fossi, Signor, visto da lei,

quella ardent facella
sol per te, che di lor più degno sei,
aras e accesa l’avrebbe in ogni parte,

perché ne l’arme il bellicoso Marte
vinci d’assai, e di bellezza Adone
cede al tuo paragone;

dunque se ‚l Ciel t’aspira e fa immortale
meraviglia non è, perché sei tale.

Hier eine englische Version

Die Feile ist stumpf

Giacomo Leopardi

(* 29. Juni 1798 in Recanati; † 14. Juni 1837 in Neapel)

Scherz

Als ich, ein Knabe noch,
die Musen bat, dem Lehrling beizustehen,
da nahm mich ihrer eine bei der Hand,
und während mancher Stunde
macht ich mit ihr die Runde,
die Werkstatt anzusehen.
Sie wies mir den Bestand
zuerst des Kunstgerätes,
die wechselnde Verrichtung
sodann, wo sich ein jedes
zur Arbeit nützlich fand
an Prosa und an Dichtung.
Ich sah mich um und fragte:
„Wo ist die Feile denn?“ Die Muse sagte:
„Sie taugt nicht mehr; wir lassen sie beiseit.“
Und ich: „So mögt ihr sie
nicht wieder schärfen, wenn sie stumpf geworden?“
Sie sprach: „Das müssen wir, doch fehlt die Zeit.“

Deutsch von Hanno Helbling, aus: Giacomo Leopardi: Ich bin ein Seher. Gedichte. Kleine moralische Werke. Zibaldone. Leipzig: Reclam, 1991, S. 123

Scherzo

Quando fanciullo io venni
A pormi con le Muse in disciplina,
L’una di quelle mi pigliò per mano;
E poi tutto quel giorno
La mi condusse intorno
A veder l’officina.
Mostrommi a parte a parte
Gli strumenti dell’arte,
E i servigi diversi
A che ciascun di loro
S’adopra nel lavoro
Delle prose e de’ versi.
Io mirava, e chiedea:
Musa, la lima ov’è? Disse la Dea:
La lima è consumata; or facciam senza.
Ed io, ma di rifarla
Non vi cal, soggiungea, quand’ella è stanca?
Rispose: hassi a rifar, ma il tempo manca.

Einsamer Gesichteschneider

Welimir Chlebnikow

(Велимир Хлебников; eigentlich Wiktor Wladimirowitsch Chlebnikow/ Виктор Владимирович Хлебников; * 28. Oktober jul./ 9. November 1885 greg. in Malyje Derbety, Gouvernement Astrachan; † 28. Juni 1922 in Santalowo, Rajon Krestzy, Oblast Nowgorod)

Einsamer Gesichteschneider

Während über Zarskoje Selo
Der Achmatowa Gesang und Tränen strömten,
Habe ich, der Zauberin Gespinst entflechtend,
Wie ein Leichnam, schläfrig, mich durch Einöden geschleppt,
Dort war am Verschmachten das Unmögliche:
Abgematteter Gesichteschneider
Der fürbaß ging über Stock und Stein.
Unterdessen hat die Kraushaarstirn
Jenes unterirdschen Stiers in dunklen Höhlen
Blutrünstig geschmatzt und Menschen viel gepraßt
Im Dunst unflätiger Bedrohung.
Doch von Mondes wegen eingehüllt
Einem abendlichen Wandrer gleich im Schlafumhang,
Sprang im Schlaf ich über Klüfte hin,
Schritt von einem Fels zum andern.
Blind ging ich, indes
Der Wind der Freiheit mich antrieb,
Mich mit schrägem Regen peitschte.
Ich nahm das Stierhaupt ab vom mächtigen Fleisch und Knochen
Und lehnte es an eine Wand.
Ich schwang es wie ein Kämpfender der Wahrheit über dieser Welt:
Seht, da ist es!
Da ist die Kraushaarstirn, für die die Menge sich entflammt hat!

Und mit Grausen
Begriff ich, daß ich nicht gesehen war:
Daß es vonnöten, Augen auszusäen,
Daß für die Augen kommen muß ein Sämann!

1921/22

Deutsch von Roland Erb, aus: Welinir Chlebnikow: Ziehn wir mit Netzen die blinde Menschheit. Berlin: Volk und Welt, 1984, S. 221

ОДИНОКИЙ ЛИЦЕДЕЙ

И пока над Царским Селом
Лилось пенье и слезы Ахматовой,
Я, моток волшебницы разматывая,
Как сонный труп, влачился по пустыне,
Где умирала невозможность,
Усталый лицедей,
Шагая напролом.
А между тем курчавое чело
Подземного быка в пещерах темных
Кроваво чавкало и кушало людей
В дыму угроз нескромных.
И волей месяца окутан,
Как в сонный плащ, вечерний странник
Во сне над пропастями прыгал
И шел с утеса на утес.
Слепой, я шел, пока
Меня свободы ветер двигал
И бил косым дождем.

И бычью голову я снял с могучих мяс и кости
И у стены поставил.
Как воин истины я ею потрясал над миром:
Смотрите, вот она!
Вот то курчавое чело, которому пылали раньше толпы!
И с ужасом
Я понял, что я никем не видим,
Что нужно сеять очи,
Что должен сеятель очей идти!

Конец 1921 — начало 1922

Lockergedicht

Andreas Okopenko

(* 15. März 1930 in Košice (Tschechoslowakei); † 27. Juni 2010 in Wien)

MIDLIFE

O Tagebuch, o Tagebuch,
wie grau sind deine Blätter.
Wo blieb „des Lebens goldner Baum“,
wo blieb das Meer im Pfeifenschaum?
O Klagefluch, o Klagefluch,
bald gibt es schlechtes Wetter.

Mehr

Ein Massaker unter anderen

Aimé Césaire

(* 26. Juni 1913 in Basse-Pointe, Martinique; † 17. April 2008 in Fort-de-France)

Ein Massaker unter anderen

Mit aller Kraft stoßen Sonne und Mond zusammen
die Sterne fallen ab wie überreife Zeugen
und wie ein Wurf grauer Mäuse

Fürchte nichts bereite deine gewaltigen Wasser
die so schön die Ufer der Spiegel fortreißen

Sie haben mir Dreck in die Augen gestreut
und ich sehe sehe schrecklich sehe ich
von allen Bergen und von allen Inseln
werden nur ein paar faule Stümpfe übrigbleiben
im verstockten Speichel des Meers

Deutsch von Janheinz Jahn. Aus: Museum der modernen Poesie, eingerichtet von Hans Magnus Enzensberger. 2. Band. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1980, S. 645

ENTRE AUTRES MASSACRES

De toutes leurs forces le soleil et la lune s’entrechoquent
les étoiles tombent comme des témoins trop mûrs
et comme une portée de souris grises

ne crains rien apprête tes grosses eaux
qui si bien emportent la berge des miroirs

ils ont mis de la boue sur mes yeux
et vois je vois terriblement je vois
de toutes les montagnes de toutes les îles
il ne reste plus rien que les quelques mauvais chicots
de l’impénitente salive de la mer

Ohne Titel

Ingeborg Bachmann

(* 25. Juni 1926 in Klagenfurt; † 17. Oktober 1973 in Rom)

Seht ihr, Freunde, seht ihrs nicht!
daß ichs nicht überlebt
auch nicht überstanden habe, seht ihrs nicht,
daß ich einwärts gehe, daß
fürderhin einwärts rede, daß
ich mich einziehe, mein Haar
herablasse meine Hände einstreiche
mein Wort einziehe, seht ihrs nicht,
seht ihr,

daß ich mir abgehe, daß ich abwärts
gehe, daß ich mich abgebe,

und schreie, weil die Irren nach
ihren Wärtern tasten suchen, wie
ich nach meinem Wärter

Aus: Ingeborg Bachmann: Ich weiß keine bessere Welt. Unveröffentlichte Gedichte. München, Zürich: Piper, 2000, S. 115

Die fremden Länder

Edith Södergran

(* 4. April 1892 in Sankt Petersburg; † 24. Juni 1923 in Raivola/Karelien, damals Finnland, heute Rußland)

Die fremden Länder

Meine Seele liebt die fremden Länder,
als hätte sie keine Heimat.
In fernem Land stehen große Steine,
auf denen meine Gedanken ruhen.
Es war ein Fremder, der schrieb seltsame Worte
auf eine feste Tafel: meine Seele.
Tage und Nächte liege ich und denke
an Dinge, die niemals geschahen:
Einmal bekam meine durstige Seele zu trinken.

Aus dem Schwedischen von Christiane Grosz
Aus: Edith Södergran: Klauenspur. Gedichte und Briefe. Hrsg. Richard Pietraß. Leipzig: Reclam, 1990, S. 26

Woronesch

Anna Achmatowa

(Анна Андреевна Ахматова, * 11. Juni jul./ 23. Juni 1889 greg. in Bolschoi Fontan bei Odessa, Russisches Kaiserreich; † 5. März 1966 in Domodedowo bei Moskau)

WORONESH

Für O.M.

Und diese Stadt ist ganz zu Eis erstarrt.
Wie unter Glas ruhn Bäume, Firste, Schnee.
Unsicher ist des bunten Schlittens Fahrt.
Trägt der Kristall, auf dem ich zögernd geh.
Woroneshs Dom ein Krähenschwarm umgellt,
Und Pappeln und das Patinagewölbe,
Verwaschen, trüb, von Sonnenstaub getönt,
Und einen Hauch der Schlacht vom Schnepfenfeld
Verströmt das Land, machtvoll und sieggekrönt.
Und jäh wie die erhobenen Pokale
Klirrn Pappeln über uns mit ihren Ästen,
Als feierten auf unserm Hochzeitsmahle
Die Freudenstunde Tausende von Gästen.

Jedoch in des verbannten Dichters Zimmer
Stehn wechselnd Angst und Muse ihre Wacht.
Nun kommt die Nacht,
Und einen neuen Morgen kennt sie nimmer.

4.März 1936

Deutsch von Uwe Grüning. Aus: Anna Achmatowa: Poem ohne Held. Späte Gedichte. russ./dt. Hrsg. Fritz Mierau. Leipzig: Reclam, 1993 (6. veränd. Aufl.), S. 13

Воронеж

О. М.

И город весь стоит оледенелый.
Как под стеклом деревья, стены, снег.
По хрусталям я прохожу несмело.
Узорных санок так неверен бег.
А над Петром воронежским — воро́ны,
Да тополя́, и свод светло-зелёный,
Размытый, мутный, в солнечной пыли́,
И Куликовской битвой веют склоны
Могучей, победительной земли.
И тополя, как сдвинутые чаши,
Над нами сразу зазвенят сильней,
Как будто пьют за ликованье наше
На брачном пире тысячи гостей.

А в комнате опального поэта
Дежурят страх и Муза в свой черёд.
И ночь идёт,
Которая не ведает рассвета.

<4 марта 1936>

Voronezh
For Osip Mandelshtam

And the town is frozen solid in a vice,
Trees, walls, snow, beneath the glass.
Over crystal, on slippery tracks of ice,
Painted sleighs and I, together, pass.
And over St Peter’s poplars, crows
A pale green dome there that glows,
Dim in sun-shrouded dust.
The field of heroes lingers in my thought,
Kulikovo’s barbarian battleground caught.
Frozen poplars, like glasses for a toast,
Clash now, more noisily, overhead.
As though at our wedding, and the crowd
Drinking our health and happiness.

But Fear and the Muse take turns to guard
The room where the exiled poet is banished,
And the night, marching at full pace,
Of approaching dawn, has no knowledge.

Note: The field of Kulikovo was the scene of a famous battle against
the Tartar Horde in 1378. Mandelshtam was exiled for a time to
Voronezh, south of Moscow on the River Don.

From: Anna Akhmatova
Selected Poems
Including ‘Requiem’
Translated by A. S. Kline 2005, 2012. p. 112

An allem sind die Schmächtigen schuld

Sándor Weöres

(* 22. Juni 1913 in Szombathely; † 22. Januar 1989 in Budapest)

Antischmächtig

Am Ende zeigt sich: an allem Sind die Schmächtigen schuld. Sie stehen in einer Gasse im Hinterhalt, und wenn eine alte Frau kommt, grüßen sie nicht. Ihre größte Sorge ist es, den Strohhut gegen Lotterielose auszutauschen und in Europas Gewässern Krokodile einheimisch zu machen, aber auch darin liegt keine Sicherheit. Morgens im Bett beginnen sie ihre Umtriebe, nachher gehen sie auf die Straße. Manche begeben sich ins Amt, andere sind zum Schein Kellner oder Schlosser: denn alle maskieren sich. Aber ihr wahres Handwerk ist die Schmächtigkeit. Am Ende zeigt sich: an allem sind etc.

Deutsch von Robert Stauffer. Aus: Sándor Weöres, Der von Ungern. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1969,  S. 24

Report 1953

Helmut Heißenbüttel

(* 21. Juni 1921 in Rüstringen; † 19. September 1996 in Glückstadt)

Report 1953

l   versuchsweise existierend
2   es ist nicht schief gegangen es hat auch nicht 
    geklappt
3   der Wunsch Geld zu verdienen
4   kein Beruf
5   Tote nur von weitem gesehen Krieg und Hunger 
    als Dauerlauftraining
6   Alter 32 Jahre kein Beruf
7   Mädchen 19 mit 7 davon ins Bett gegangen 
    verheiratet
8   Meinungen von Parteifunktionären als mit-
    zumachende Moden Tote im Traum
9   Ärger über Spaziergänger an Sonntagnachmittagen
    zu Tränen gerührt von Wochenschauen 
10  Angst totzusein
II  Vaterunserderdubistimhimmel
12  vorbereitet
13  unvorbereitet

Aus: Helmut Heißenbüttel. Kombinationen. Topographien. Gedichte. München: Lyrikedition 2000, 2000, S. 105

DAS G&GN-INSTITUT PRÄSENTIERT: 20 JAHRE NAHBELLPREIS 2000-2019

http://www.POESIEPREIS.de (1 Jahr lang bis zum 21.6.2020 = https://poesiepreis.jimdofree.com/aktuell/presse-2019/ )

WER BELLT AUS WELCHER NÄHE? DIE GEBURT EINES LYRIKPREISES AUS DEM GEISTE DER SATIRE & VISION: 3 JUBILÄUMSPREISTRÄGER(INNEN) 2019 – ERSTMALS VERGABE DES „FÖRDERPREISES“ AUFGRUND DER UNERWARTET VIELEN BEWERBUNGEN! DER NAHBELLPREIS GEHT 2019 DREIMAL INS AUSLAND: NACH MEXIKO, WIEN UND KÖLN 🙂 DIE STILE DER DREI LYRIKER(INNEN) KÖNNTEN NICHT UNTERSCHIEDLICHER SEIN: SLAMPOETISCHE, SOUNDPOETISCHE UND KLASSISCH-MODERNE DICHTUNG VOM FEINSTEN! DIE DIESJÄHRIGEN GEWINNER(INNEN) SIND: MELAMAR (HAUPTPREIS) / THOMAS HAVLIK (HAUPTPREIS) / KARIN POSTH (FÖRDERPREIS) – IM JAHRE 2000 VERLIEH DAS G&GN-INSTITUT AM 21. JUNI ERSTMALS DEN NAHBELLPREIS! SEITDEM WÜRDIGT DAS „INSTITUT FÜR GANZ & GARNIX“ ALLJÄHRLICH AUSGEWÄHLTE LEBENDE DEUTSCHSPRACHIGE LYRIKER(INNEN) MIT SEINER HAUSGEMACHTEN PARODIE AUF DAS VERKLÜNGELTE ESTABLISHMENT, UM AUF SOLCHE DICHTER(INNEN) AUFMERKSAM ZU MACHEN, DIE EINEN „ECHTEN“ NOBELPREIS VERDIENT HÄTTEN, DEN ALLERDINGS HEUTZUTAGE NACH DEM PEINLICHEN SKANDAL KEINER MEHR WILL…

DER ERSTE HAUPTPREIS GEHT 2019 AN:
melamar, bürgerlich: Melanie Marschnig, geboren 1976. Leiterin von Schreibworkshops, Moderatorin von Open Mics.

AUSZUG AUS DEN ANTWORTEN VON MELAMAR IM NAHBELL-INTERVIEW:
Jene meiner Texte, die als „politisch“ wahrgenommen werden, sind häufig Anklagen oder Beschreibungen von Missständen oder einfach Niederschriften von Begebenheiten. Die frühen Gedichte waren sicher in viel stärkem Ausmaß autobiografisch geprägt. Da ging es sehr viel um Einsamkeit, um Wut, um Trauer, um Verzweiflung, bis hin zur Todessehnsucht. Es ging viel mehr darum, das eigene Gefühlsleben auf Papier zu bannen. Ich entdeckte das Schreiben als ein seelisches Gleichgewichtsorgan für mich. Das Schreiben hat mir in schwierigen Phasen vielleicht das Leben gerettet. Als ich zu schreiben begann, wurde das erst so richtig zur Kenntnis genommen, als ich im Alter von 16 meinen ersten öffentlichen Auftritt hatte und die Lokalzeitungen darüber berichteten. Ich habe in sehr jungen Jahren im Alter von 15, 16 meine eigenen Lyrikhefte gebastelt und in meinem Freundeskreis vertrieben. Mir war phasenweise die gesprochene Darbietung sehr viel wichtiger als das gedruckte Wort. Ich habe dann auch selbst gebrannte CDs angeboten. Das allerste Mal aber, dass ich mich um die Veröffentlichung eines Gedichtbandes bemühte, war ich erst 18. Der Verleger, weit über 30, und für mein damaliges Empfinden uralt, machte mir Avancen. Als ich mich nicht mit ihm einlassen wollte, ließ er das Projekt, das bereits so weit gediehen war, dass Layout-Fragen erörtert wurden, platzen. Was die klassischeren Publikationen betrifft, da fällt auf, dass im Großen und Ganzen die Selfpublisher heutzutage nicht mehr so Fanzine-mäßig auftreten wie vielleicht vor zwanzig Jahren noch. Das hat wohl damit zu tun, dass durch den Digitaldruck heute auch kleine Auflagen von Taschenbüchern gedruckt und bei Bedarf nachgedruckt werden können.
DAS GANZE INTERVIEW HIER: https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/20-nahbellpreis-2019-melamar/

melamar
LESESTUNDE

ich wähnte mich
unbeobachtet
als ich das buch
küsste
doch er stand
in der tür

krieg ich auch einen kuss?
aber klar doch!

komm, lass mich lesen
gedichte
auf deinen lippen
in deinem mund

lass mich
geschichten lesen
auf deiner haut

lass dein geschlecht
und mein geschlecht
neue stücke aufführen
in eigenregie

DER ZWEITE HAUPTPREIS GEHT 2019 AN:
Thomas Havlik, geboren 1978. Mitherausgeber des Magazins Huellkurven.

AUSZUG AUS DEN ANTWORTEN VON THOMAS HAVLIK IM NAHBELL-INTERVIEW:
Eine möglichst große Unmittelbarkeit zwischen Künstler und Rezipient wollte ich erreichen, die Entgrenzung bis hin zu körperlicher Erfahrbarkeit von Poesie voran treiben, die dabei stattfindet und die bei gedruckten Texten nur schwer möglich ist: Mittel und Wege zu erschließen, um dem nahe zu kommen, hat mich schon immer interessiert. Schlecht vorgetragene Gedichte oder Texte ähneln meiner Meinung nach mehr irgendwelchen Produktpräsentationen als einem „Live-Erlebnis“ welcher Art auch immer, Veranstaltungen, bei denen man nicht unbedingt etwas versäumt, wenn man nicht dabei ist. Bin ich dem manipulativen Einsatz politischer Rede oder Schein-Bedürfnisse triggernder Werbung ausgesetzt, ist das, als würde eine fremde Macht Botenstoffe eines Gifts in mich einspritzen, das unterbewusste Signale überträgt, gegen die mir zum Beispiel Lautpoesie oder sprachexperimentelle visuelle Arbeiten ein wirksames Gegenmittel zu sein scheinen. Viel zu oft kommt ein Text oder ein Gespräch, in dem es um „Sprachkunst“ geht, nicht ohne ein Wiederkäuen der historischen Avantgarden aus, und es wird zum Beispiel betont, sie seien unter anderem eine Reaktion auf die beiden Weltkriege gewesen: das mag schon stimmen, doch Beweggründe, ebenso den auf uns im gegenwärtigen postliterarischen Emoji-Zeitalter einprasselnden Botschaften und Informationen mit einer zarten Grundskepsis zu begegnen, gibt es meiner Meinung nach genug, um den verschiedenen Techniken so genannter experimenteller Literatur auch heute Relevanz zuzusprechen. Ich glaube, die allermeisten meiner transmedialen Arbeiten beinhalten im Kern ein mehr oder weniger politisches Element – und sei es ihre Flüchtigkeit, die sich sträubt gegen das allzu Gefällige und Vermarktbare. Vielleicht sind meine sprachexperimentellen Werke eine einzige Meditation über die Spuren, die menschliche Kommunkation hinterlässt.
DAS GANZE INTERVIEW HIER: https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/20-nahbellpreis-2019-thomas-havlik/

Thomas Havlik
D, taumur b, z labe B
(Aus: Vocology #03: „Voices of Babel // Babel of Voices“, 2015)

Und d Zange: derE/Ä tahte
neie rape-Sch! –
Lei-Niere, rote W
Und s haschge.
s Haschge sl eis chan gozen.
ad faden N: s ene bEnee m dealn –
Saiern N onthwene: ad selbst
Und s schrenpa reine muz, randeen. Onl-Wah? – Tals, sst
n´s geZiel, schreiten n! – rath beren-nn, n
s geziel dein-te hinne sal n-Site, n´s
HD-Ezrar dein-te hinne sal Mörtel
Und s schrenpa: onl-Wah! anbeu w, anbeu r s ee dat-St!
Dat-St! u ee mur-T essend zeit-Sp a-den emil-Hm eriche
u hamcen w u ei e mean-N
ss-ad: w chint zurtet ser wrd br d g-z eder!
Und vah-Jeo fr hrndr, d tat-Sd u dn Trm z he-n
wheel-c
d Mnschn: n riked, n eu bat
Und vah-Jeo schrap: he-eiS, s nd n lok-V u: n beha ll n Schrape
u ds beha-n sss gegangen fan zzz tn u
nn dr w nine h – n
chts ver ehrt w, erden w, w ss e z t – ers, innen
onl-Wah, la ns hernieder ah-fner u re rape-Sch!
ad ss- belt rev rein wr d d d ssss n d
edn arne rape-Sch nnnn, rev-ente hs!

DER ERSTMALS VERGEBENE NAHBELL-FÖRDERPREIS GEHT 2019 AN:
Karin Posth, geboren 1945, seit 1976 Übersetzerin.

AUSZUG AUS DEN ANTWORTEN VON KARIN POSTH IM NAHBELL-FÖRDERINTERVIEW:
Die Liebe zum Wort bestand schon immer. Lyrik gibt meinem Leben Sinn. Und ist ein guter Grund, nicht lange über das Altern nachzudenken. Braucht nicht jedes Haus ein gutes Fundament? Egal, wie genial die Form ist, die jemand darauf stellt? Wer ist schon ein angeborenes Genie? Wer hat im Vorschulalter angefangen, Lyrik zu schreiben und es im Laufe seines Lebens zur Meisterschaft gebracht? Talent braucht zu seiner Entfaltung Anregungen und gezielte Unterstützung. Und die habe ich durch das Fernstudium bekommen. Juli 2010 habe ich das Studium begonnen. Seitdem schreibe ich Gedichte. Für mich gilt: Jede Woche Lyrik von guten Lyrikern lesen, für die ich mich begeistern kann; ein Thema finden für ein Gedicht, was mir wirklich wichtig ist; nach Worten, Wendungen, Bildern, Vergleichen suchen; Gedichte bis zur Veröffentlichung überarbeiten. Wenn es sein muss, gefühlte hundert Mal. Mich einem Trend zu unterwerfen, gefiele mir nicht. Ich pausiere nie. Ich schreibe immer an mehreren Gedichten gleichzeitig. 10 Stück liegen meistens ausgedruckt auf dem Schreibtisch und warten auf ihre Überarbeitung. Ich fange immer wieder von vorne an. Nicht selten ist der Funke, der Veranlasser des Gedichts, am Ende erloschen. Ob das Gedicht dann besser ist, weiß ich nicht zu sagen. Die Buchhandlungen wie z. B. Thalia und Mayersche müssen ihre Einstellung ändern und auch der Lyrik eine Chance geben. Sie geben sie auch Romanen, unabhängig vom Bekanntheitsgrad oder der Romanqualität. Da sie keine „neuen“ Anthologien und Lyrikbücher in den Lyrikregalen haben, weichen Käufer auf Online-Bestellungen aus.
DAS GANZE INTERVIEW HIER: https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/20-nahbellpreis-2019-karin-posth/

Karin Posth
geduldig wartet die erde
(Aus: „der himmel ist kein geschenk“, 2013)

am morgen. die vier elemente
sitzen am tisch und spielen
versessen ein spiel nach
dem anderen. der einsatz ist
hoch. sie versetzen dünen,
falten gebirge, schnippeln kontinente
auseinander oder stecken sie
zusammen. türmen wellen
auf und versenken schiffe,
werfen häuser und bäume
aus dem spiel. zug um zug,
wie es im buch der erde
geschrieben steht. der himmel
über der erde schläft
einträchtig wie ein bruder. uns
reißen sie gewaltsam aus dem
schlaf und lassen uns vor
angst erstarren.
hört endlich auf, schreien wir.
spielverderber, antworten sie.

DAS G&GN-INSTITUT GRATULIERT ALLEN ZU IHRER BEMERKENSWERTEN DICHTUNG UND WÜNSCHT WEITERHIN GUTES GELINGEN!

Lügenmärchen (2)

Robert Prutz

(* 30. Mai 1816 in Stettin; † 21. Juni 1872 ebenda)

Lügenmärchen

(1842) Fortsetzung von gestern

Und noch einmal den Berg hinan, 
  Was sah ich da!
Die Volksvertreter, Mann für Mann,
Da ging's um Kopf und Kragen:
Doch dachte kein Minister dran,
Den Urlaub zu versagen.
  Wunder über Wunder!     
    Keine Barone
    Neben dem Throne?
    Glückliche Staaten  
    Ohne Soldaten?
    Kein Paßvisieren
    Und Schikanieren?
    Ohne Spione,
    Denkt euch nur: ohne?
    Ganz ungenierte
    Volksdeputierte?
Unterdessen nimmt mich's wunder.

Und immer höher ging's hinan,
  Was sah ich da!
Sah Poesie und Wissenschaft
Mit Lust die Schwingen breiten,
Und die Zensur war abgeschafft
In alle Ewigkeiten.
  Wunder über Wunder!
    Keine Barone
    Neben dem Throne?
    Glückliche Staaten  
    Ohne Soldaten?
    Kein Paßvisieren
    Und Schikanieren?
    Ohne Spione,
    Denkt euch nur: ohne?
    Ganz ungenierte
    Volksdeputierte? 
    Freie Autoren
    Ohne Zensoren? 
Unterdessen nimmt mich's wunder.

Und weiter, weiter, frisch hinan,
  Was sah ich da!
Ich sah die Weisen Hand in Hand,
Wie sie der Lüge wehrten,
Und wie für Recht und Vaterland
Mitkämpften die Gelehrten.
  Wunder über Wunder!
    Keine Barone
    Neben dem Throne?
    Glückliche Staaten  
    Ohne Soldaten?
    Kein Paßvisieren
    Und Schikanieren?
    Ohne Spione,
    Denkt euch nur: ohne?
    Ganz ungenierte
    Volksdeputierte? 
    Freie Autoren
    Ohne Zensoren? 
    Die Philosophen
    Nicht hinterm Ofen?
Unterdessen nimmt mich's wunder.

Und immer wieder ging's hinan,
  Was sah ich da!
Im ganzen Lande keine Spur
Von Muckern und von Frommen,
Und niemand kann durch Beten nur
Ins Ministerium kommen.
  Wunder über Wunder!
    Keine Barone
    Neben dem Throne?
    Glückliche Staaten  
    Ohne Soldaten?
    Kein Paßvisieren
    Und Schikanieren?
    Ohne Spione,
    Denkt euch nur: ohne?
    Ganz ungenierte
    Volksdeputierte? 
    Freie Autoren
    Ohne Zensoren? 
    Die Philosophen
    Nicht hinterm Ofen?
    Kein Pietismus
    Kein Servilismus?
Unterdessen nimmt mich's wunder.

Und nun zum letzten Mal hinan, 
  Was sah ich da!
Ein jeder durft auf eignem Bein
Die ew'ge Wahrheit suchen,
Kein Pfaffe durfte kreuz'ge! schrein
Und von der Kanzel fluchen.
  Wunder über Wunder!
    Keine Barone
    Neben dem Throne?
    Glückliche Staaten  
    Ohne Soldaten?
    Kein Paßvisieren
    Und Schikanieren?
    Ohne Spione,
    Denkt euch nur: ohne?
    Ganz ungenierte
    Volksdeputierte? 
    Freie Autoren
    Ohne Zensoren? 
    Die Philosophen
    Nicht hinterm Ofen?
    Sanfte Theologen –
    Das ist gelogen!
Unterdessen nimmt mich's wunder.

(Wird fortgesetzt)

Aus: Neuer poetischer Hausschatz. Hochdeutsche Gedichte aus der Zeit vom Beginne der Romantik bis auf unsere Tage in systematisch geordneter Auswahl aus den Quellen. Halle a. d. S.: Hendel Verlag, o.J. [ca. 1896], S. 845ff

Lügenmärchen

Robert Prutz

Lügenmärchen

(1842)

Jüngst stieg ich einen Berg hinan,
  Was sah ich da!
Ich sah ein allerliebstes Land,
Der Wein wuchs an der Mauer,
Und dicht am Throne, rechter Hand,
Stand Bürgersmann und Bauer.
  Wunder über Wunder!
    Keine Barone
    Neben dem Throne?
Unterdessen nimmt mich's wunder.

Und weiter stieg ich frisch hinan,
  Was sah ich da!
Kein Leutnant war, kein Fähnrich dort
Und kein Rekrut zu sehen,
Man wußte nicht das kleinste Wort
Von stehenden Armeen.
  Wunder über Wunder!
    Keine Barone
    Neben dem Throne?
    Glückliche Staaten
    Ohne Soldaten?
Unterdessen nimmt mich's wunder.

Und weiter frisch den Berg hinan,
  Was sah ich da!
Das ganz liebe Land entlang,
Ins Bad und auf die Messe,
Man reiste frei und reiste frank
Und brauchte keine Pässe.
  Wunder über Wunder!
    Keine Barone
    Neben dem Throne?
    Glückliche Staaten
    Ohne Soldaten?
    Kein Paßvisieren
    Und Schikanieren?
Unterdessen nimmt mich's wunder.

Und wiederum ein Stück hinan,
  Was sah ich da!
Ein jeder durfte laut und frei
Von Herzen räsonieren,
Man wußte nichts von Polizei
Und nichts von Denunzieren.
  Wunder über Wunder!
    Keine Barone
    Neben dem Throne?
    Glückliche Staaten
    Ohne Soldaten?
    Kein Paßvisieren
    Und Schikanieren?
    Ohne Spione,
    Denkt euch nur: ohne?
Unterdessen nimmt mich's wunder.

(Wird fortgesetzt)

Aus: Neuer Poetischer Hausschatz. Von G. Emil Barthel. Halle: Otto Hendel, o.J., S. 845ff

Bei mir bistu schejn

Am 18. Juni 1913 wurde ein Dichter geboren, von dem jeder schon den ein oder anderen Text gehört hat: Sammy Cahn. Gesungen von Frank Sinatra, Ella Fitzgerald, Zarah Leander und überhaupt allen. Ist das etwa keine Lyrik, wenn jeder wenigstens ein paar Zeilen und ganze Melodien im Kopf hat? Let it snow! Let it snow! Let it snow! ist von ihm (wie im Business üblich in Koproduktion mit anderen) und auch die englisch-jiddisch-deitsche Fassung von Bei mir bistu schejn. Hier sein Text, gefolgt von der jiddischen Originalfassung von Jacob Jacobs mit ein paar Vorschlägen zur Übersetzung* (Refrain und letzte Strophe). Gesungen können Sie es noch anders hören.

*) Im übrigen handelt das Lied von der Unübersetzbarkeit der Schejnhajt

Of all the boys I've known, and I've known some
Until I first met you I was lonesome
And when you came in sight, dear, my heart grew light
And this old world seemed new to me

You're really swell, I have to admit, you
Deserve expressions that really fit you
And so I've wracked my brain, hoping to explain
All the things that you do to me

  Bei mir bist du schoen, please let me explain
  Bei mir bist du schoen means you're grand
  Bei mir bist du schoen, again I'll explain
  It means you're the fairest in the land

I could say bella, bella, even say wunderbar
Each language only helps me tell you how grand you are
I've tried to explain, bei mir bist du schoen
So kiss me, and say you understand

  Bei mir bist du schoen
  You've heard it all before, but let me try to explain
  Bei mir bist du schoen means that you're grand
  Bei mir bist du schoen
  Is such an old refrain, and yet I should explain
  It means I am begging for your hand

I could say bella, bella, even say wunderbar
Each language only helps me tell you how grand you are
I've tried to explain, bei mir bist du schoen
So kiss me, and say that you will understand

(kh sprich wie ch in ach)

baj mir bistu shejn,*
baj mir hostu khen,**
baj mir bistu ajner ojf der welt.***
baj mir bistu gut
baj mir hostu „it“,****
baj mir bistu tajerer fun gelt.

fil schejne jinglekh † hobn shojn gewolt nemen mikh
un fun sajn ale ojsgeklibn †† hob ikh nor dikh.
baj mir bistu shejn
baj mir hostu khen
baj mir bistu ajner oif der welt

*) Für mich bist du schön. Oder: Wenn du bei mir bist, bist du schön. Oder auch: Verglichen mit mir bist du schön.
**) Für mich hast du Anmut. Oder vielleicht: Mit mir hast du Gnade oder Erbarmen.
***) Vielleicht: Mit mir bist du eins auf der Welt. Vielleicht aber auch: Für mich die Einzige? Oder noch anders.
****) Hast du „Es“, das gewisse
†) Jüngelchen
††) ausgewählt