Kategorie: DDR

Nebel, der fehlte

„Mein Freund, dass du gestorben bist / Liegt am Nebel / Der fehlte“: Die letzten beiden Wörter von Martin Bernhardts „Bootsfahrt“ verändern das Gedicht. 1983 geschrieben, führt es an die Ostsee und an die bewachte Seegrenze der DDR. Dazu ein Blick auf Bernhardts Biographie und die unabhängige Greifswalder Kunstszene der 1980er Jahre. Am Freitag sind im Falladahaus Filme von Martin Bernhardt mit Oskar Manigk und Lutz Wohlrab zu sehen.

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TrakTat

Er sollte das Leben studieren, Menschen beobachten – ihre Sorgen und Siege kennen und dann mit ihnen fühlen – und dann für sie schreiben. Das was er bisher vorgelegt hat, ist für unser kostbares und knappes Papier zu schade.
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Aber so kann man das nicht sagen

Der Lektor saß am Tisch
Und trank ein Glas Tee
Und las das Werk durch:
Gewiß ist das so
Aber so kann man das nicht sagen. //

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Die alte Fahne die klirrt

das alte Lied das stirbt
im Taumel der blauen Kolonnen
an Niemandes Strand. //

Endstelle

SPRACHLOS UND KALT: mein Herz schlägt gegen vieles
– nicht nur die Gitterstäbe in der Brust –
und überschlägt sich für ein bißchen Lust
und schlägt sich durch zum Ende dieses Spieles.

Vegetativ

Ich schreibe, wie ich existiere:
Vegetativ. Ich treibe kein
Bedarfsgerechtes Kunstgewerbe.
Schreiben ist meine Form von Sein.

kehrst erst zurück wenn rufe dich erreichen

wenn es klopft öffne
nicht
es könnten die anderen sein
verschließe die fenster
sieh in den spiegel
sieh diese blässe diese
müdigkeit in den augen

Keiner weiß

Keiner weiß, wo wir allein sind,
überall ein Alp.
Formhaft genormtes Leben
im normhaft geformten Land.

Bert Papenfuß wäre erst 70

dahl spricht, papenfuß antwortet nicht
in seinem unverständlichen deutsch
wah-wah, wat? pogg, pogg, patt
wat is‘ dat hier schön natt

Mehr geworden die Passionswege

Sein freier Fall in Apathie. Glasiges Blicken
durch mich hindurch. Die Annahme der Ärztin, es könnte Magenkrebs sein.
Die Unmöglichkeit einer Diagnostik. Derart geschwächt, eine Magenspiegelung
könnte ihn umbringen. Das bisschen Freude darüber, dass er wieder isst.

Mein Einreden auf ihn, er solle nicht aufhören zu essen. Er braucht Spinat
wie Popeye der Spinatmatrose. Mein Unbehagen bei der Ankunft, ihn zu umarmen,
ihn auch nur zu umarmen. Meine Entfremdung von Vater u. vom sog. Vaterland

Wenn es auf Weihnachten geht

was haben sie alles gehört was
nachgedacht, ihre Zeitung geschrieben
durch Fabriken gestiegen, den Kartoffeln
brachten sie menschliche Umgangsformen bei, sahn
dem Rauch nach der kriecht und steigt
sie haben alles geschluckt manchmal Manhattan-
Cocktails wegen des Namens

Eigenwillig

meine Mutter sagt
ich bin das intelligenteste ihrer vier Kinder und begabt
aber ich hätte am wenigsten daraus gemacht
ich habe keinen Mann
ich habe kein Auto
ich habe keine feste Arbeit
und ich lande immer wieder bei denen, die es nie schaffen

sprachzeiten

der panscht den
Wein zu Wasser, lobt Inzest von Hemdenblau
Und Bindenrot und uniformem Blaugrüngrau, der
Übt den Stechschritt, pflegt die Tradition

Lesung mit Publikum und Spitzel

Ich sehe vom zimmer aus das konspirative zucken des
hintern meines kleinen narren in der zitronengelben
hose, ein schäbiger mond, der animierend über der
dunklen Straße tanzt.

Martin Bernhardt (1961-2000)

Nur noch die Bäume
passen sich der Gedrücktheit
dieses Landes nicht an