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Veröffentlicht am 10. Juli 2026 von lyrikzeitung
541 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.
Die Bundeshauptstadt ist reich an Prominenten aller Fächer, also auch an Prominentenfriedhöfen. Auf dem Friedhof Pankow III, der direkt an die ehemalige Berliner Mauer grenzte – von hier wurde 1961 der erste Fluchttunnel in die Freiheit gegraben – ruhen neben Politikern und Widerstandskämpfern gegen den Nationalsozialismus, Wissenschaftlern, Erfindern, Ärzten und vielen Normalbürgern auch zahlreiche Persönlichkeiten aus Kunst und Kultur. Vertreten sind Bildhauer und Maler wie Theo Balden, Fritz Cremer, Heinrich Drake, Will Lammert, Fritz Dähn, Paul Kuhfuss, Max Lingner, Oskar Nerlinger und Hans Vent und Komponisten, Dirigenten und Musiker wie Reiner Bredemeyer, Max Butting, Kurt Sanderling sowie Ernst Busch. Die Literatur ist unter anderem durch die Schriftsteller Adolf Endler, Uwe Greßmann, Rolf Haufs, Henryk Keisch, Inge Müller, Günther Deicke und Maik Hamburger, den Literaturwissenschaftler Heinz Kamnitzer sowie den Verleger Hans Marquard vertreten. Hinzu kommen von Bühne, Film und Fernsehen bekannte Persönlichkeiten wie der Fernsehregisseur Olaf Barutzki, Schauspieler wie Stefan Lisewski, Martin Trettau und Marianne Wünscher oder der Sportreporter Heinz Florian Oertel. Heute in der Lyrikzeitung ein Gedicht von Uwe Greßmann, dem „seltsamsten und eigensinnigsten Dichter der DDR in den Jahren nach 1960“ (Adolf Endler). Es stammt aus dem Schilda-Komplex – „die sowohl subtilste als auch offensivste Beschimpfung der DDR durch einen Außenseiter ihrer ‚eigenen‘ Literatur“, wie Herausgeber Andreas Koziol schrieb. Das Gedicht beschreibt die Nöte und Ängste der Zensoren und Lektoren mit aufsässigen Texten des Dichters. Es wurde weniger als 30 Jahre nach dem Tod des Autors gedruckt. Vielleicht muss man den nachgeborenen LeserInnen noch sagen, dass das damalige Partei- und Staatsoberhaupt im Volksmund den Spitznamen „Spitzbart“ trug.

SCHILDAS ZENSOREN
Der Lektor saß am Tisch
Und trank ein Glas Tee
Und las das Werk durch:
Gewiß ist das so
Aber so kann man das nicht sagen.
Wohl wissen wir:
Die Ziege hat einen Bart
Mit einem Spitzel
Wer sollte daran zweifeln.
Aber Sie wissen doch
Daß die Ziege in Volkes Munde
Noch weit mehr als ein Haustier bedeutet
Wenn sie an der Krippe sitzt und wühlt
Mit der Schnauze darin herum.
Gewiß ist das so
Aber so kann man das nicht sagen.
Wohl wissen wir:
Die Ziege meckert über die Schlangen
Die vor den Geschäften zusammengerollt liegen und zischen
Und hält ihre Schnauze hin
Wo immer was zu grasen ist,
Ob auf Wiesen, an Bäumen
Des Käufers. Die Preise
Blühen ja hoch genug in den Wipfeln dafür auch.
Und wer wohl mag ihren Anblick genießen,
Ohne zu seufzen: Wie teuer ist mir doch das Leben
In diesem Handel mit dem Vieh!
Wohl wissen wir:
Aber so kann man das nicht sagen.
Wohl wissen wir:
Der Ziegenstall ist ein Regierungssitz
Der Haustiere im Staat zu Schilda
Und das Gekrähe und Geblöke darin
Eine dem Menschen unverständliche Tonart der Diskussion.
Wer weiß was die Viecher wollen
Orakeln die Leute und sehen sich um
Ob die Linden dort noch grünen
Oder ob der Vogelkäfig schon dasteht.
Da sollen nämlich die Papageien
Wegen der auswärtigen Angelegenheiten
Das Gitter hoch und runter klettern
Zu plappern wieviel Zoll die Grenze hat.
Nagels wissen wie man da durchkommt:
Es pocht der Hammer
Bis man herein sagt.
Aber das geht nicht.
Das müssen Sie ändern.
Solche Zustände
Im Text
Gewährleisten, daß ein Lektor seine Stellung
Verliert, wenn er die Arme
Leibes bei der Arbeit
Mit dem Tisch unterstützt und solche Haltung
Einnimmt.
Aus: Uwe Greßmann, Schilda Komplex. Zeichnungen von Christine Schlegel. Herausgegeben von Andreas Koziol. Berlin: Edition qwert zui opü, 1998, S. 161ff.
Kategorie: DDR, Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Adolf Endler, Allegorie, Andreas Koziol, DDR-Literatur, DDR-Lyrik, deutsche Lyrik, Edition qwert zui opü, Friedhof Pankow III, Literaturgeschichte, politische Satire, Schilda Komplex, Spitzbart, Uwe Greßmann, Walter Ulbricht, Zensur
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