ich habe meine meinung gesagt

515 Wörter, 3 Minuten Lesedauer.

Das kurze Gedicht „I Expressed My Opinion“, das ich zum 80. Todestag der amerikanischen Schriftstellerin Gertrude Stein ausgesucht habe, wirkt auf den ersten Blick fast belanglos. Es reiht Ortsnamen aneinander, stellt eine einfache Frage und endet mit einer Art Pointe. Gerade in dieser scheinbaren Einfachheit liegt jedoch Steins poetisches Programm. Nicht die Mitteilung einer Botschaft steht im Mittelpunkt, sondern der Vorgang des Sprechens selbst.

Die wiederholte Präposition „In“ erzeugt einen sprachlichen Rhythmus, der wichtiger wird als die geografischen Bezeichnungen. Iowa, Idaho, Illinois und Tennessee sind weniger Orte als Klangereignisse. Die Sprache bewegt sich vorwärts, weil die Wörter sich gegenseitig antreiben. Bedeutung entsteht nicht allein durch logische Zusammenhänge, sondern durch Wiederholung, Lautähnlichkeit und Rhythmus.

Gertrude Stein

(geboren 3. Februar 1874 in Allegheny West in Pittsburgh, Pennsylvania; gestorben 27. Juli 1946, heute vor 80 Jahren, in Neuilly-sur-Seine bei Paris),

I Expressed My Opinion

In lowa
In Idaho
In Illinois
In Tennessee
Indeed
In there.
And what did they say.
They said they don't like puzzles.
We give them jam.

Aus: Gertrude Stein. Spinnwebzeit. Bee Time Vine und andere Gedichte. Übertragungen und Lesarten von Marcel Beyer, Erica & Raymond Federman, Thomas Gruber, Barbara Heine, Norbert Hummelt, Ernst Jandl, Andreas Kramer, Jürg Laederach, Oskar Pastior, Jennifer Poehler, Ronald Pohl, Friedhelm Rathjen und Annette Zimmermann. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Marcel Beyer, Barbara Heine und Andreas Kramer. Zürich: Arche, 1993, S. 9

Ich Habe Meine Meinung Ausgedrückt

In lowa
In Idaho
In Illinois
In Tennessee

Tatsächlich
In dem dorten.

Und was haben sie gesagt.
Sie sagten sie mögen keine Rätsel.
Wir geben ihnen Verstopfung.

Deutsch von Erica & Raymond Federman. Ebd., S. 10

ich habe meine meinung gesagt

in iowa
in idaho
in illinois
in tennessee
in der tat
innerorts.
und was meinten sie.
meinten sie sind nicht für rätsel.
wir geben ihnen eins auf.

Deutsch von Thomas Gruber/Annette Zimmermann. Ebd. S. 11

Der Kritiker Richard Bridgman nennt diese Arbeiten »belanglose Wortspiele, die nur dazu dienen, die Zeit totzuschlagen«. Doch die Texte begehen keinen Totschlag, sondern sie strukturieren die Zeit, die Sprech- und Atemzeit, indem sie kleinere oder größere rhythmisch-prosodische Abschnitte bilden. Sie arbeiten sich lautlich und klanglich voran, sind assoziativ mehr oder weniger verbunden und erreichen gerade dadurch einen Reichtum an Bedeutung. »Satt sattsam in einem Satz. Das gibt dem Ton die Farbe.« (Carry/Fuhre) Die Autorin hat diese Schaffensphase später in ihrer unnachahmlichen Manier so kommentiert: Sie sei » mehr und mehr« davon fasziniert gewesen, »wie Wörter die die Wörter waren die machten daß das was ich ansah, aussah wie es selber nicht die Wörter waren die in sich irgendeine Eigenschaft von Beschreibung besaßen«.

Eine Abkehr vom Deskriptivismus also, die innersprachlich vollzogen wird, indem die Autorin syntaktische Bindungen zugunsten von klanglichen aufgibt. Das bedeutet, daß die Wörter autonom werden, daß sie in sich und für sich eine neue Qualität bekommen. Diese frühe spanische Periode, wie Stein sie genannt hat, prägte den Texten eine »außergewöhnliche Wortmelodie und eine Melodie von Erregung« auf (Lectures in America, 1935; deutsch: Was ist englische Literatur und andere Vorlesungen, 1965).

Ebd. S. 115 (aus dem Nachwort von Marcel Beyer, Barbara Heine und Andreas Kramer)

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