Ach du mein armer, alter Vater

260 Wörter, 1 Minute Lesedauer.

Jelena Schwarz

(auch Elena Shwarz oder Shvarts, russisch Елена Андреевна Шварц, * 17. Mai 1948 in Leningrad; † 11. März 2010 in Sankt Petersburg)

Cynthia: Buch I

II

Wieder predigt der Vater auf mich ein:
Man müsse nicht so, sondern so leben.
»Gut, Papa«, sag ich ihm,
»Das wird nicht wieder vorkommen, Vatilein.«

Sanftmütig schaue ich auf den grauen Kopf,
Auf die krummen Arme, den viel zu roten Mund.
Zu den Sklaven sprech ich: »Schmeißt ihn,
Den Trottel, schleunigst ins Becken.«

Man schleift ihn über den Marmorboden,
Er will sich festkrallen, aber zu glatt alles,
Blut fließt übers Gesicht und Tränen:
»Mein Kind«, schreit er, »verzeih mir, hab Gnade!«

Nein! Zu Muränenfutter wirst du,
Du heuchlerischer Lüstling
Oder ich stelle mir vor – wie der Löwe im Circus
Vatis Leber zu Ende kaut.

»Schon gut, schon gut«, sag ich, »ich werde mich bessern,
Ach du mein armer, alter Vater.«
Als der Tiger sogar den Blutdampf ausgeleckt hatte, –
Tat er mir ein wenig Leid.

In Gedanken richte ich ihn auf diverse Weisen hin –
Tausend und abertausend Male, –
Um ihm nicht auch tatsächlich einmal,
Mit erhobenem Hammer, – gegen die Schläfe zu schlagen.

Aus: Jelena Schwarz: Buch auf der Fensterbank und andere Gedichte. Herausgegeben und aus dem Russischen übersetzt von Daniel Jurjew. Berlin: Matthes & Seitz, 2022, S. 88f

Zu dem, der sie liest, ist die Dichtung von Jelena Schwarz, im Unterschied zu den meisten anderen Beispielen ernsthafter Dichtung des zwanzigsten Jahrhunderts, überaus gnädig. Sie unterhält ihn und lehrt ihn etwas, sie erzählt ihm vor dem Einschlafen Schauermärchen und tröstet ihn letztendlich. Tritt mit ihm in einen spielerischen Dialog (biedert sich aber nicht an). 

(aus einem Essay von Oleg Jurjew)

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