Und dennoch

Tadeusz Borowski 

(* 12. November 1922 in Schytomyr; † 3. Juli 1951 in Warschau)

Und dennoch, über verbissene Worte 
wie über einen gerodeten Pfad
werd ich mich kämpfen, bis meine wahre
Dichtkunst sich wiedergefunden hat.

Als wär ich todkrank gewesen,
muß neu ich die Welt beginnen,
jede Gestalt neu erlernen,
neue Wortgefüge ersinnen.

Wer schreit nach diesem schrecklichen Krieg
Agitpropverse auf den Plätzen herum!
Ich werde ruhig und leise sprechen.
Ich überlebte. Die Toten sind stumm.

Mit den Augen geradeaus in die Welt sehn,
tief Atem holen mit der Brust
eines Menschen, der lang wie mit einem Freund
mit dem Tode zu leben gewußt.

Deutsch von Annemarie Bostroem, aus: Polnische Lyrik aus fünf Jahrzehnten. Hrsg. Henryk Bereska und Heinrich Olschowsky. Berlin und Weimar: Aufbau, 1975, S. 308

Tadeusz Borowski schrieb dieses Gedicht nach seiner Befreiung aus den deutschen Konzentrationslagern. Während des Zweiten Weltkriegs studierte er an der geheimen Warschauer Untergrunduniversität und veröffentlichte erste Gedichte. 1943 wurde er von den deutschen Besatzern verhaftet und nach dem KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Später kam er in das KZ Dautmergen und schließlich in das KZ Dachau, wo er am 1. Mai 1945 befreit wurde. Die Erfahrung von Lagerhaft, Massenmord und Überleben prägte sein gesamtes literarisches Werk. 1951 nahm er sich im Alter von nur 28 Jahren, wenige Tage nach der Geburt seiner Tochter, das Leben.

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