Unsere Mignon

335 Wörter, 2 Minuten Lesedauer.

Bohdan Lepkyj (Богдан Сильвестрович Лепкий; * 9. November 1872 in Krywenke, Galizien, Österreich-Ungarn; † 21. Juli 1941 in Krakau)


https://de.wikipedia.org/wiki/Bohdan_Lepkyj

Unsere Mignon

Kennst du das Land, wo Blut in Strömen fließt,
Wo Grab an Grab in dichter Reihe steht,
Ein Kind, gleich einer Blume, eh' sie welkt,
Erfroren und krank zugrundegeht –
Kennst du dies Land?
Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, oh mein Geliebter, ziehn!

Kennst du das Haus? Schon lange brennt darin
Kein Ofen mehr, verfallen ist das Dach.
Und niemand weint dort mehr, und niemand lacht –
Verwaist und traurig schimmert das Gemach.
Kennst du dies Haus?
Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, oh mein Geliebter, ziehn!

Kennst du die Kirche? Zersplittert die Ikonen,
Besudelt und geschändet der Altar.
Die Glocke schweigt, sie haben sie mitgenommen,
Nachdem das Kreuz vom Turm gestoßen war.
Kennst du die Kirche?
Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, oh mein Geliebter, ziehn!

Kennst du die Schule? Verwaiste kleine Kinder
Irren fremd umher in Angst und Not.
Der Feind ist nun der Herr der Schule,
Die Lehrerin – gefoltert, tot.
Kennst du die Schule?
Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, oh mein Geliebter, ziehn!

Kennst du das Heer? Das keine Waffen,
Und weder Brot, Gewand noch Stiefel mehr erhält.
Was macht das schon? Es schützt die Heimat,
Und Feind ist ihm – die ganze Welt.
Kennst du das Heer?
Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, oh mein Geliebter, ziehn!

Aus dem Ukrainischen von Stefan Simonek, aus: Europa erlesen. Galizien. Hrsg. Stefan Simonek und Alois Woldan. Klagenfurt/Celovec, 1998, S. 55f

Bohdan Sylwestrowytsch Lepkyj (ukrainisch Богдан Сильвестрович Лепкий; * 9. November 1872 in Krywenke, Galizien, Österreich-Ungarn; † 21. Juli 1941 in Krakau) war ein ukrainischer Schriftsteller, Literaturwissenschaftler und Künstler.
Lepkyj kam im Dorf Krywenke (heute im Rajon Tschortkiw der ukrainischen Oblast Ternopil) zur Welt. Er studierte an den Universitäten von Lemberg, Wien und Krakau und lehrte im Anschluss zwischen 1895 und 1899 an einem Gymnasium in Bereschany und darauf folgend ab 1899 an der Universität in Krakau. Während des Ersten Weltkrieges lehrte er an der Wiener Universität, in den Jahren 1921 bis 1926 lebte er in Berlin und anschließend lehrte er erneut bis 1939, von 1932 an als Professor für ukrainische Literatur, an der Krakauer Universität. 1938/39 war er Mitglied des polnischen Senats.

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