101. Lyrikstationen 2009 (4)

Fortsetzungsessay von Theo Breuer

4

Unübersetzbar –

Die gelenkige Sprache das Englische

Strike, churl; hurl, cheerless wind, then; haltering hail
May’s beauty massacre and wisped wild cloud grow
Out on the giant air; tell Summer No,
Bid joy back, have at the harvest, keep Hope pale.

Gerard Manley Hopkins

Mit achtzehn Gedichten ist Gerard Manley Hopkins (1844–1889) in The Oxford An­thology of Great English Poetry, die seit Jahren Teil meiner Sammlung ist, vertreten, was allein schon zeigt, mit welcher lyrischen Größe wir es hier zu tun haben. (Zum Vergleich: Von Seamus Heaney finde ich vier, von Ted Hughes sechs Gedichte.) Dennoch nehme ich die Gedichte von Hopkins in ihrer lebendigen Originalität erst vollends wahr, als ich – just in derselben Woche, als ich Friederike Mayröckers die­ses Jäckchen (nämlich) des Vogel Greif lese – Geliebtes Kind der Sprache auf­schlage und mir wie der Blitz mit dem ersten, sich über zwölf Seiten hinziehenden Gedicht The Wreck of the Deutschland ein Licht aufgeht, dessen Leuchten von einer selten erlebten, in alle fühl- und wahrnehmbaren Bereiche von Kopf und Körper vor­dringenden Durchschlagskraft ist, daß Hören und Sehen, nein, nicht vergeht, son­dern in atemberaubender Art und Weise vermehrt, verschärft, verstärkt wird, wenn Sie verstehn, was ich meine.

Friederike Mayröcker weist verschiedentlich darauf hin, daß sie Wörter kursiv setzt, damit diese beim Lesen und Vortrag in besonderer Weise hervorgehoben werden: Das Kursivgedruckte simuliere ich auf meiner Schreibmaschine, indem ich die Worte un­terstreiche. Das heißt dann, dass es ganz wichtig ist und anders ausgesprochen werden muss. Wenn ich Großbuchstaben verwende, dann muß es laut gesagt, ja fast geschrieen werden.

Die ungewöhnlich wirkende Setzung von Akzenten bei Hopkins verfolgt eine ähnliche Absicht und zeigt, für sich betrachtet bereits, was für eine innovative Explosionskraft in diesem dem Wortakzent, der Silbenbetonung und der Satzmelodie, diesen Grund­pfeilern der Prosodie, so viel Gewicht einräumenden Gedicht steckt. Bild, Erlebnis, Gedanke, Idee, Vorstellung: Alles wird direkt durch (neologistisches) Wort und (idio­synkratische) Kollokation und (kongenialen) Rhythmus vermittelt – alles.

The Wreck of the Deutschland ist, wie mehr oder weniger jedes der folgenden Ge­dichte, ein einziger allegorischer, alliterativer, antithetischer, as­sonan­ter, bilddurch­tränkter, binnen-/ketten-/endreimender, latent erotischer, hyper­bolischer, lautmalen­der, paronomistischer, worthäufender, religiös behauchter, Gott lobender, mit dem Lebensschicksal hadernder englischer Wortwirbel, in dem eine Wortwelle über die nächste und nächste und nächste hereinbricht, der mir nichts ermöglicht, als mich diesen suggestiven Kaskaden hinzugeben, mitreißen zu lassen im Strom der zwi­schen himmelhochjauchzend und zutodebetrübt changierenden Wörter, Wörter, Wörter, deren avantgardistische Bedeutsamkeit erst lange nach seinem Tod öffent­lich gemacht wurde – zu Lebzeiten wurde kein Gedicht publiziert.

Ich empfinde bei diesem Tanz durch total musikalische, naht- und im­mer wieder punktlos ineinander verschlungene Verse mit zahllosen Allusionen, As­soziationen, Bedeutungsebenen und -wendungen, Echos, Chiffrierungen usw. eine bemerkens­werte Verwandtschaft zur poésie pure eines Stéphane Mallarmé, dessen Zeitge­nosse Hopkins war (ohne von ihm zu ahnen). Auf frappante Weise wird mit die­sem in der Edition Rugerup erschienenen 299seitigen Buch (das, zweisprachig, mit ausführ­lichen Anmerkungen zu den einzelnen Gedichten sowie in die Tiefe ge­hen­den Auf­sätzen der einfühlsamen Übersetzerin und exzellenten Fachfrau Doro­thea Grün­zweig – Hopkins ist unübersetzbar – ediert, eine grandiose verlegerische Leis­tung der in Südschweden lebenden Margitt Lehbert darstellt) auch der Bogen zur zeit­ge­nössischen, ebenfalls extrem verdichteten, permanent pulsierenden Lyrik einer Frie­derike Mayröcker (die gelenkige Sprache das Englische) geschlagen.

Hier geht das Intermezzo der miteinander tanzenden Sprachen weiter:

  • Bei Dao, Das Buch der Niederlage
  • Werner Bucher (Hg.), Poesie Agenda
  • Patrizia Cavalli, Diese schönen Tage zweisprachige Ausgabe it/d
  • Urs Engeler (Hg.), Zwischen den Zeilen zweisprachige Ausgabe dän/d
  • Peter Ettl, Inseln – Isole zweisprachige Ausgabe d/it
  • Pierre und Ilse Garnier, Erträumtes Leben / Gärten der Kindheit
  • Michael Hamburger, Letzte Gedichte zweisprachige Ausgabe d/e
  • Gerard Manley Hopkins, Geliebtes Kind der Sprache zweisprachige Ausgabe e/d
  • Gerard Manley Hopkins, Auf dem Rückflug zur Erde zweisprachiges Hörbuch e/d
  • Karl E. Jirgens (Hg.), Rampike zweisprachige Ausgabe d/e
  • Jean-Michel Maulpoix, Eine Geschichte vom Blau / Une Histoire de Bleu
  • Pablo Neruda, 20 Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung
  • Charles Plymell, MINDEATER. Altes Land
  • Göran Sonnevi, Das brennende Haus
  • John Updike, Endpunkt
  • Stefanie Weh (Hg.), Decision dreisprachige Ausgabe d/e/f

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