100. Notwendigkeit blitzartiger Reaktionen

Das Leben des Dichters stand für Jahre im Schatten von Repression und Diktatur. Unter Ministerpräsident Papagos war Ritsos zwischen 1948 und 1952 in sogenannten Umerziehungslagern interniert, desgleichen 1967/68 unter der Obristen-Herrschaft in Straflagern auf Jaros und Leros. Anschließend lebte er streng überwacht und unter Hausarrest auf Samos. Erst nach dem Sturz der Junta 1974 kam er endgültig frei: als Dichter ungebrochen und inzwischen eine internationale Berühmtheit. Endlich musste er seine Gedichte nicht mehr in Flaschen und Blechdosen aus dem Lager schmuggeln. Endlich konnte er sich frei bewegen und wieder reisen.

In diese Zeit zwischen Unterdrückung und Freiheit führen uns zwei neue Übertragungen aus dem großen Fundus von Ritsos’ Werk aus Anlass des hundertsten Geburtstags im Mai dieses Jahres: der Zyklus „Martyríes – Zeugenaussagen“ und die Gedichtreihe „Monovassía“. Die Übersetzer der Bände haben sich durch frühere Editionen griechischer Lyrik profiliert: Günter Dietz als Übersetzer von Odysseas Elytis und Klaus-Peter Wedekind mit den Bänden „Gedichte“ und „Die Umkehrbilder des Schweigens“ von Jannis Ritsos.

„Martyríes – Zeugenaussagen“ entstand zwischen 1957 und 1967, also in den Jahren vor dem Putsch der Obristen. Für den dreiteiligen Zyklus gibt uns der Dichter einen Schlüssel an die Hand. In einer Notiz von 1962 benennt er die Motive, die ihn zum Schreiben der zumeist kurzen Texte führten. Darunter die „Notwendigkeit blitzartiger Reaktionen auf gravierende, dringliche Probleme unserer Zeit“. Daher das Epigrammatische und Lakonische der Gedichte. Für diese Lakonie bringt Ritsos halb im Scherz seine Herkunft aus Monemvassía ins Spiel, das in Lakonien liegt. / Harald Hartung, FAZ

Jannis Ritsos: „Martyríes – Zeugenaussagen“. Elfenbein Verlag, Berlin 2009. 336 S., geb., 24,– €.

Jannis Ritsos: „Monovassía“. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 108 S., geb., 11,80 €.

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