59. Versunken in Karstadt-Gedanken

(Rezension von Kristoffer Cornils, erschienen in junge Welt 11.8.)

Wer im dichterischen Gestus zwischen Zeige- und Mittelfinger changiert, bekommt schnell Vorwürfe zu hören. Vor allem den der Eindeutigkeit, Plattitüdenhaftigkeit. Je höher die (gesellschafts-)kritische Aufladung der Texte, desto unpoetischer sind sie, ist ein beliebtes Vorurteil. Es gibt Gegenbeispiele genug, es gibt aber auch Lyrik, die sich sprachlich selbst aushebelt und ihre Grundhaltung unterläuft. Dazu gehört auch Florian Voß‘ mittlerweile vierter Lyrikband. Auch an dem könnte man die Apparatur der vorschnellen Verdikte bedienen: Man könnte die Texte mit ihrem raubeinigen Sarkasmus und ziemlich deutlichen Absichten als Meinungsmache abkanzeln, als Entmündigung des Lesers.

Sieht man aber über die offensichtlichen Kritik und die  Polemiken hinweg, die »Datenschatten Datenströme Staub« überwiegend ausmachen, bleibt die Sprache eine Materialschlacht, die zum Friendly fire wird. Voß bedient sich dem Medien- und Alltagssprech, verwendet technische Termini und ist selbst preziösen Genetivmetaphern wie „Der ausgekippte Rosé der Sonne“ nicht abgeneigt, was Vorbilder aus dem expressionistischen Jahrzehnt erahnen lassen. Und analog zu den geistigen Vorfahren versucht Voß die Menschheitsdämmerung an den großstädtischen Dönerstand zu zeichnen. Andererseits wirft er mit sperrigen Begriffen um sich, Schlagworten, die sich nicht zusammenfügen oder im schlimmsten Fall dem zureden, was er zu kritisieren meint. Komposita wie „Karstadt-Gedanken“, „Laden-Mädchen“ oder „Maggi-Gesichter“ sind nicht nur ziemlich platt, die Pointen kopieren sogar die Manier der Boulevardpresse bis in die Orthographie hinein und sind vielleicht noch als Rezeption dieser zu verstehen, aber nicht wirklich kritisch weiterzudenken. Die Impulse, die die Gedichte liefern könnten, bleiben so aus.

Es liegt dann eben alles zu offen da: Der Stumpfsinn des Konsumentenlebens, die zu absoluter Apathie führenden medialen Mindfucks und der digitale Eskapismus, die Voß‘ Hauptthemen ausmachen, sind eher erdrückend als eindringlich gezeichnet. Die Provokation, die von Zeilen wie die vom „Spielplatz / auf dem besoffene Kinder sich / die Knüppel übern Schädel ziehen“ ausgehen soll, oder überzynische Appelle wie „Laßt [sic, im Buch wird die neue Rechtschreibung verwendet. Anm. K. C.] uns Kinder abtreiben / und sie bei Oliver Geissen hochhalten“ verpuffen sehr schnell. Anstatt also die Perversion des 21. Jahrhunderts zu demaskieren, tragen die Texte noch eine weitere Schicht auf.

Stärker zeigt sich Voß beim Rückzug ins Private. Im Mittelteil findet der Band seinen Höhepunkt in Texten, die sich überwiegend mit dem Tod von Familienangehörigen auseinandersetzen, bevor er sich in literaturhistorisch ausgerichteten Texten wieder verliert. Voß‘ Stärken liegen nicht unbedingt in der kritischen Auslassung, sein Umgang mit der Sprache steht ihm, selbst bei den vielleicht besten Intentionen, zu sehr im Weg: Für ein geschmackloses Celan-Echo wie „Hellgraue Milch des verhangenen Vormittags / wir trinken dich und fragen uns: / hat da jemand reingeascht?“ gibt es schon fast keine Entschuldigung mehr.

Florian Voß: Datenschatten Datenströme Staub. Verlagshaus J. Frank, Berlin 2011. 80 S., 13,90€.

(hier Cornils Text mit fast 8 Minuten Audio: Voß liest Gedichte – darunter gleich eingangs das mit dem Milchzitat)

Vgl. L&Poe #38. Paul Celan-Anspielungstest

23 Comments on “59. Versunken in Karstadt-Gedanken

  1. Ach ich weiß nicht, es war vielleicht auch schon einfach genug Gespräch. Abgesehen von einer gewissen Gereiztheit kam doch auch einiges zur Sprache. Mir wäre auch etwas schummerig geworden. Da gibt es eine Debatte über ein Aufregergedicht, weils ein Aufreger ist und sein will. Und dann ist so schon einiges gelaufen und da kommt so ein nn („ich bin neu hier“) und möchts näher erklärt. Da muss müsste man sich dann wieder über einen Text beugen, der einen nicht recht interessiert. Braucht Zeit Zeit erstens. Und dann wird’s richtig schummerig: Man müsste zeigen, was mit dem Material möglich ist oder nicht möglich ist. Und wie schnell oder langsam es geht damit, Tiefsinniges, Bösartiges etc. zu machen. Wenn vieles nämlich sehr schnell ginge, (Man könnte es nur durch eine Vielzahl mehr oder minder geschmackvoller Beispiele belegen) spräche das für oder gegen das Gedicht? Und dieses Material öffentlich für Demonstrationszwecke zu verwenden, finde ich heikel. Aber Tom macht das, was einem dann eben übrig bleibt und demonstriert: Solches haben doch viele Lyriker in der Hand gehabt. Die einen öffentlich, ich auch, die anderen nicht. Und wenn man das nicht möchte, naja. Durch das spezifische Material ist also auch das Gedicht selbst daran beteiligt, das Gespräch darüber zu torpedieren. Da finde ich überfordert nn ein wenig und hinterher siehts dann so aus, als hätten die wütenden Gegner den Fedehandschuh nicht aufgenommen, wäre auch unfair.

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    • danke für die sensible erläuterung. und ja doch: was wäre eine LYRIK-zeitung, wenn man nicht lyrik mit lyrik kOMmentieren dürfte 🙂

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  2. http://poemie.jimdo.com/pseudonyme/der-nach%C3%A4ffer-dn%C3%A4/

    DNÄ (Der Nachäffer), 8.5.1999
    inspiriert durch Paul Celan’s „TODESFUGE“

    ÜBERHALS
    (TODESBEFUGNIS)

    schwache mitte der feinen
    wir tauschen dich aus
    wir tauschen dich mittags
    bis mitternacht aus
    wir tauschen und tauschen
    wir schaffen gesetze wie
    lügen weitgehend ab
    weil manch eine faust
    zu den ratten schielt
    die schreien die schreien
    wenn liebe nicht streng
    genug flunkert noch
    deutlicher rollt bloß
    die morgenröte heran
    in blasser ferne
    über den hals so
    reift ein prüder brei
    und reift ohne duden
    im chor zur restschande
    als gruß an die herde
    bestiehlt und besauft euch
    nur dumm und taktlos

    oh schwache mitte
    der feinen verwirrung
    wir trauern um dich
    mehr und mehr ja
    wir trudelten anfangs
    noch hinterher

    dann prüft einer rasch
    des anderen recht
    seid schlau
    ringet und hurt
    vor der abreise
    in höheren raten
    spuckt eiter
    auf den firlefanz

    spuckt treffsicher genau
    in die goldene mitte
    der ratten tat

    ist ein märchen für doofe
    ein strenger geruch
    jeder glaube ein wahn
    macht davon gebrauch

    daß zu früh geschmeichelte
    bleichgesichter
    den kindern das märchenland
    zeigen ein schlimmer traum
    der traum aller ratten
    taten sind märchen für doofe
    und schwarzrotgoldener
    dynamit deine wahre
    morgenröte verkleistert
    die hüften rasch
    rasch wer
    wird sich schon fügen

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  3. Da ich Florian Voß nun schon seit vielen Jahren kenne, würde ich nie auf die Idee kommen, daß er solch eine Reminiszenz zu plumpen Verhohnepiepelungszwecken verwurstet.

    Aber selbst wenn man den Autor nicht kennt, könnte man vielleicht auf den Gedanken kommen, daß kein Dichter, der ernst genommen werden möchte, Celans „Todesfuge“ auf die in der Kritik geäußerten Art und Weise „be/abhandelt“.

    Deshalb schlage ich vor, den Text aus diesem Blickwinkel noch einmal abzuklopfen und sich mit dem daraus resultierenden Ergebnis auseinander zu setzen … – Weshalb / Ist der Bezug zur Todesfuge misslungen? – Metrik-Vergleich – Taugt der Titel etwas? – Worauf bezieht es sich noch? … (Ich bin hier nicht der Lyrikfreak.)

    Wie wäre es, Kristoffer Cornils, (dessen Emphase ich sehr schätze, weil voller frischen Feuer!) den Florian Voß in einem Interview, auf all die Kritiken hin auszufragen und es dann zu veröffentlichen?

    Das würde ich sehr spannen finden.

    Peace!

    Liebe Grüße
    nn

    Nachtrag michael gratz 15.8.: erhielt folgende mail:

    „Es tut mir leid, Ihnen diese Umstände zu bereiten, aber nach dem „Beitrag“ von Tom de Toys dazu,
    möchte ich mich mit meinem Namen auf dieser Seite nicht mehr veröffentlicht sehen und über Google gefunden werden können.“

    nur ungern frisier ich debatten nachträglich. ich lösch den namen, okay?

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  4. Vielleicht will der Voß mit diesem Text sagen, wie „wir“ heute mit diesem „Thema“ umgehen.

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  5. mir geht eher auf die nerven, dass ich beim lesen des gedichts nicht mehr voss‘ stimme ausm kopf kriege. und das schadet dem text sehr.

    (kann, nebenbei bemerkt, die ganze aufgebrachtheit über dieses gedicht nicht nachvollziehen und -fühlen. dafür ist das gedicht, blendet man celans todesfuge einmal aus, einfach zu uninteressant)

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  6. Ja, interessant, es handelt sich um das einzige verschickte Gedicht, das anschließend nicht auf der Lyrikmail-Homepage archiviert wurde, stattdessen steht dort eine Stellungnahme des Herausgebers. Interessant, wie gesagt. — Hier das Gedicht:

    Verfugtes Meisterstück

    Hellgraue Milch des verhangenen Nachmittags
    wir trinken dich und fragen uns:
    hat da jemand reingeascht – das schmeckt doch nicht
    Die Balkonbrüstung bröckelt schon
    wir blicken auf die neonblaue Spree
    und fragen uns: liegen die Fische bequem
    in ihrem Flussbett – ist ihr Bahnhof
    im Westhafen gut ausgestattet mit
    glänzenden Schienen Richtung Fischölfabrik
    (Alle Schienen die wir sehen führen nach Osten)
    Das Brot das wir essen kommt meistens aus Deutschland
    da sind doch bittere Körner drin – das schmeckt doch nicht
    Mein lieber Herr Gesangsverein
    mit so einem Brot im Leib trifft man doch
    kaum einen Ton – trotzdem singen wir heut
    Wir schlürfen die Töne – wir schlürfen die Milch
    hellgrau sind unsere Zellen im Kopf
    Wir liegen ganz gut hier im Bett
    Unsere Hunde lieben das neueste
    Futter von Pedigree Pal

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  7. das gedicht stand übrigens vor 3 jahren in gregor koalls lyrikmail – scheint dort aber nicht mehr archiviert. herr voß, könnten sie den text eventuell hier einstellen?

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  8. Pingback: Florian Voß – Datenschatten Datenströme Staub « good friends with bad habits

  9. Ach, wie peinlich! Sie können doch ihren „nicht gerade tiefgründigen Umgang mit der Sprache“ (ich würde sagen schlampigen Umgang) rechtfertigen weil Manuel „auch“ nicht gerade ‚tiefgründig‘ mit der Sprache umging. Ich denke den meisten hier ist die Begriffsgeschichte von Holocaust bewusst und Shoa wäre sicherlich der bessere Begriff – so ist Holocaust aber nun mal auch besser geeignet im deutschen Sprachraum um klar zu machen welche Scheiße eigentlich gemeint ist, weil viele Deutsche den Begriff auch leider nicht kennen. Das ändert aber nichts daran dass ihr Gedicht wie hier schon gesagt wurde ohne Seitenblick auf die Todesfuge nicht bestehen könnte und zudem ein empfindliches, komplexes und vor allem schwer zu begreifendes Thema völlig unüberlegt, flapsig und vor allem falsch anpackt. Der Text selbst kann mit der Thematik der Shoa überhaupt nicht umgehen und egal was er will oder was ich ihm als Leser entlocken kann oder möchte, er versagt. Er versagt auf so unangenehme Art und Weise dass ich mich beim Konsum fremd schämen muss und nicht sagen kann ob ich das lyrische-Wir für antisemitisch oder einfach nur für dumm halten soll. Was ich aber sagen möchte ist, dass ich den Text für einen wunderbaren Ausdruck der selbstgerechten deutschen bürgerlichen Wohlstandsgesellschaft halte. Nicht etwa dass er ihr Spiegel ist, sie reflektiert oder pointiert, sondern nur so, dass er offensichtlich aus ihr entstanden ist und genau wie sie: nichts – aber auch nichts in sich hat.

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  10. Ich lese dies nur am Rande mit und will mich in den eigentlichen Streit nicht einmischen (wollte ichs, ich bäte drum, über das Gedicht zu streiten und nicht über das Reflektionsvermögen des Kontrahenten); aber eines werfe ich dann doch schnell ein: ja, der Begriff Holokaust ist problematisch, nicht der implizierten Freiwilligkeit halber (das freiwillige Mitgehen des Opfertieres, das im antiken Ritus fingiert wird, hat nichts damit zu tun, ob es ein gänzlich verbranntes Opfer werden sollte), sondern weil er eine religiöse Bedeutung hat; aber auch der Begriff Shoa ist problematisch, weil er viele der Opfer (etwa Sinti und Roma) auszuschließen scheint. Und nun plädiere ich doch dafür, nicht weiter über Begriffe zu streiten – ich wüsste nämlich lieber mehr über das hier verhandelte Gedicht.
    DUH

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    • Ich will mich auch nicht über diese Begriffe streiten, möchte aber darauf hinweisen, dass es mir unmöglich scheint, von einem „freiwillige[n] Mitgehen“ eines Opfertiers zu sprechen. Der religiöse (d.h. auch kultische, rituelle etc.) Aspekt der Sache – ist der nicht auch in der Sache begriffen? So wie ich das sehe, wird keiner der drei hier verwendeten Begriffe dem Bezeichneten gerecht: Wenn wir dabei sind ist auch das pars pro toto „Auschwitz“ problematisch – wo sind Treblinka, Sachsenhausen etc. pp. – haben die kein Gewicht? Das ist aber, ganz richtig, in dieser Diskussion marginal und definitiv nie Teil Manuels oder meiner Kritik gewesen.

      Das Gedicht kann bei Soundcloud angehört werden: http://soundcloud.com/verlagshaus/datenschatten Es ist das erste. Den Text habe ich gerade nicht parat.

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  11. Wenn ich in einem Gedicht „Wir“ sage, kann das Dreierlei bedeuten: Ich bin schizophren, ich bin ein König, ich meine nicht mich selbst (jedenfallsfalls nicht ausschließlich).
    Wenn sie euch im DLL mehr beibringen als verhuschte Polemik, solltest du das wissen, Kollege.

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    • kristoffer, genau diese arroganz, welche es sich herausnimmt auf (selbst)reflexion zu verzichten meine ich.
      abgesehen davon: textkritik und kritik am autor unterscheiden sich, ja – aber seine berechtigung hat beides. ein text fällt ja nicht vom himmel, sondern wird von jemandem gemacht, warum soll man ihn nicht kritisieren dafür.

      florian, ich unterstelle dir jetzt einfach mal, dass du weder schizophren bist, noch dich für so’n könig hältst – ergo: du meinst dich nicht selbst oder du meinst dich und andere. zweiteres der letzten möglichkeit hab ich ja angegangen (oder ist es etwa unberechtigt das herauszulesen?), das andere, nämlich, dass du mit deinem ‚wir‘ ein ‚ihr‘ meinst – dafür ist’s mir zu plump.

      das dll tut in der hinsicht übrigens wirklich nichts zur sache.

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    • Und nebenbei gesagt: so unreflektiert zu sein, noch den Begriff „Holocaust“ zu verwenden (= freiwilliges Brandopfer, in der ursprünglichen Bedeutung) anstelle von „Shoa“ oder „Auschwitz“ (letzterer als Statthalter für den Gesamtkomplex der Vernichtungsmaschinerie), das zeugt auch nicht gerade für einen tiefgründigen Umgang mit Sprache.

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      • Wikipedia sagt dazu: „vom griechischen Adjektiv ὁλόκαυστον, holókauston: „vollständig verbrannt““, ich finde auch nichts, wo von „Freiwilligkeit“ die Rede ist, von der Verwendung bei Milton abgesehen, die für mich nicht ausreicht, schon gar nicht als, wie du sagst, „ursprüngliche Bedeutung“. (Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust_%28Begriff%29#Begriffsgeschichte)

        Insofern kann ich einerseits nicht nachvollziehen, wo Manuel oder auch ich hier unreflektiert mit Sprache umgehen; zudem wäre es vielleicht schön, eine inhaltliche Äußerung zu lesen.

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  12. ach, pipapo. kurz gesagt: das gedicht lebt auf pump, borgt sich schärfe und tiefe von celan, und könnte ohne den steten seitenblick auf die todesfuge niemanden auf den beinen halten.

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  13. zaungast des anstands

    es gibt themen bei denen bleibt den meisten menschen mit anstand das wort im halse stecken, zumindest aber machen sie keine witze darüber. florian voß scheint gerade dann besonders viel spaß zu haben. da nimmt er sich also celans todesfuge vor und macht daraus laut eigener einschätzung ein „verfugtes meisterstück“.

    „hellgraue milch des verhangenen nachmittags / wir trinken dich und fragen uns / hat da jemand reingeascht“ heißt es darin, dem wird noch ein äußerst geschmackloses „das schmeckt doch nicht“ hinterhergeschoben. das ist – und da kann voß von humor schwadronieren soviel er will – schlichtweg abstoßender jargon der da betrieben wird. dem dichter scheint jegliche einsicht abzugehen über die barbarei die auschwitz bedeutet, da kann in die milch geascht werden, als wäre asche in diesem kontext ein begriff mit dem sich willkürlich hantieren lässt. das ist er beileibe nicht, die assoziation von verbrennungsöfen muss man nicht von weit her holen.

    noch viel ärgerlicher wird es dann ein paar zeilen weiter (ich habe das gedicht leider nicht vorliegen, nur nach gehör abgetippt):

    „wir blicken auf die neonblaue spree und fragen uns
    liegen die fische beqeum in ihrem flussbett
    ist ihr bahnhof im westhafen ausgestattet
    mit glänzenden schienen richtung fischölfabrik“

    was soll das? im kontext des holocaust mal eben über fische zu reden, die in die fabrik kommen um zu fischöl verarbeitet zu werden, das verklärt die vernichtung der juden im laufschritt zur banalität. aber es geht noch schlimmer: „alle schienen die wir sehen führen nach osten“ schreibt voß direkt darunter. nach osten führten auch die schienen richtung auschwitz, das weiß voß, muss er wissen, dann muss er aber auch wissen was er da macht.

    und natürlich weiß er’s. so macht er es sich am ende des gedichts in seinem bett bequem, erzählt von den hunden die das neueste futter lieben und hat doch kurz vorher erwähnt: „das brot das wir essen kommt meistens aus deutschland“. dass der tod ein meister aus deutschland ist, das wurde für millionen von menschen zur mörderischen realität, voß lässt sich davon aber lediglich zu banalen, pseudoironischen verdrehungen hinreißen.

    das selbstanpreisende gerede des gedichts, die gemütlichkeit mit der hier der holocaust zu irgendeinem harmlosen ereignis verklärt wird und die industrielle vernichtung von menschen mit fischölfabriken abgeglichen wird, das alles negiert jegliche moralische substanz, ist zeichen einer bodenlosen arroganz. eine (man muss es hoffen: naive) arroganz, die jedwede verantwortung für den eigenen gedanken abgelegt hat. voß hantiert in dem gedicht so willkürlich, so gleichgültig, dass man ihm häme unterstellen muss.

    cornils schreibt, dass es für dieses geschmacklose celan-echo fast keine entschuldigung mehr gibt, damit hat er damit völlig recht.

    voß beschwert sich hier, auf lyrikzeitung.com, dass sein humor meistens nicht begriffen wird und die leute auf seinen lesungen so ernst bleiben, dies zeigt dabei höchstens eines: dass die, welche ihm auf den lesungen zuhören weitaus mehr anstand haben als er. und dass er sich der tragweite dessen was er schreibt entweder nicht bewusst ist, oder aber es nicht wissen will, weil’s sich in der eigentlichkeit halt am bequemsten einrichten lässt, wenn man sie ignoriert. fremdschämen tut man sich.

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    • Manuel,

      da sind wir (schizophrene [sic, tausend mal sic!] Könige, die du und ich ja vielleicht sind? Oder ihr vom DLL?) durchaus anderer Ansicht, würde ich mal behaupten. Von einem „Meisterstück“ zu reden und damit zeitgleich auf einen der bekanntesten Verse der deutschen Nachkriegsdichtung anzuspielen, das ist allerdings problematisch: Der Holocaust, ein Meisterstück – der Konnex liegt fast zu nah, leider, leider. Das ist aber meiner Meinung nach nicht der „Arroganz“ geschuldet, von der du sprichst, sondern mangelnder Reflexion über das, was sich da an Verweisen und Assoziationen auftut. (Ganz abgesehen davon: Celan ganz profan, das ist, so wie ich das sehe, durchaus die Grundbewegung, in die der Text geht, heißt: Da soll eine Reaktion provoziert werden. Widerspruch, Wut, dass man so lax über die Massenvernichtung von Menschen sprechen kann; da wird die Apathie eines Volkes (des deutschen, heute, 2011, hier, Berlin) nachvollzogen und mit überbordendem Schrecken gespickt. Holocaust-Opfer ab in die Fischölfabrik während „wir“ sein Brot frisst. Da wird doch gerade das attackiert, was du in dem Text siehst, Manuel. Das ist jedenfalls das, was ich mir dachte und was ich eigentlich schon als banal empfinde; den Autoren Florian Voß‘ jetzt für jemanden zu halten (was mir nicht in den Sinn käme, definitiv nicht)

      Aber auf keine Art, die wirklich produktiv wäre – die Celan-Zitatekiste ist nicht nur schon ziemlich abgenutzt, der Text bedient sie nicht mal ordentlich. Das ist wie gesagt im Titel schon höchst prekär, und geht mit den ersten drei Versen in eine Pointendichte über, die jede Menge reißerische Geste bietet, aber darüber hinaus nichts. Rein gar nichts! Oder, fühlt sich hier jemand ernsthaft ertappt? Im gesamten Gedicht fühlt man sich nicht ertappt und das, obwohl es so sehr darum ringt, dass man sich ertappt fühlt und in seiner spießbürgerlichen, doppelmoralischen Lebenshaltung getroffen sieht, auf dass man aufschreien muss: Das kannst du doch nicht sagen! – nur um sich dann selber wieder nach der erfolgten Moralkatharsis ins Bett zu legen und dem Golden Retriever zuzusehen, wie er mampft. Man fühlt sich nicht ertappt, ich fühle mich keineswegs ertappt, und da setzt doch die eigentliche Profanierung ein: Mehr bietet der Text nicht als eine Provokation, die verhallt, sobald sie ausgesprochen ist, die offene Türen einrennt und sonst nichts bietet, was seiner Leserschaft Instrument zur (Selbst-)Reflexion sein könnte. Was ist das also? Ein Text darüber, dass die anderen ja so moralisch heruntergekommen sind, dass sie nur noch scheinheilige Reflexe ausleben – ja, aber wieso stellt sich das Gedicht darüber? Wieso bedient es die „Todesfuge“ dafür? Das ist doch die eigentliche Profanierung: Nicht, dass in Celans Milch geascht wird, sondern dass diese Milch dafür genutzt wird, dass sich da über die breite Masse (das „wir“, was ist das denn anderes als ein „ihr“ – es gibt für mich in dem ganzen Gedicht keinen einzigen Anhaltspunkt, dass es sich selbst reflektiert oder jedenfalls Selbstreflexion darin stattfindet) erhoben wird. Das finde ich geschmacklos, denn da bewegt sich dieser Text so nah am Jargon von dem du, Manuel, sprichst, an der Propaganda, dass einem ganz schummrig wird – und damit, finde ich, unterläuft er sich selbst und wird tatsächlich zu einer Profanierung von dem, wovon er in erster Linie spricht.

      Zusammenfassend: Es ist meiner Auffassung nach okay, Celan, Motivik des Holocausts o.ä. zu verwenden; es ist nicht okay, wenn damit Propaganda betrieben wird, denn dann wird es schmutzig, wird der Holocaust herabgesetzt.

      Ich muss wohl abschließend dazu sagen, dass ich damit k e i n e s f a l l s sagen möchte, dass das Florian Voß‘ Absicht gewesen sei, ich möchte ihm keine Ideologie unterstellen oder behaupten, er würde den Holocaust herabsetzen o.ä. (der Autor ist mir da, ehrlich gesagt, relativ schnuppe und ich halte nichts davon, Texte als Selbstaussage einer Person zu lesen) – Was ich kritisiere ist nicht der Urheber dieses Textes, sondern die Tatsache, dass sein Text die Lesart, die ich nachvollzogen habe, allzu leicht anbietet und, meiner Meinung nach, nicht wirklich etwas anderes. Mich würde interessieren, ob das noch jemand so sieht, ob es jemand gänzlich anders sieht oder… Naja, wie der Rest der Leser/innen das so sieht.

      Best,

      k.

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      • Zusatz: Wobei ich natürlich Florian Voß insofern kritisiere, als dass ich denke, dass er seine Texte nicht ausreichend durchdacht hat und dass sie sich sprachlich schnell dekonstruieren und in ihr Gegenteil verkehren lassen – und das, obwohl sie, wie mein Eindruck ist, doch eigentlich eine eindeutige Richtung einschlagen sollen.

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