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Im Netz seit 1.1.2001

63. Preise für Elke Erb und Volker Sielaff

Die Dichterin Elke Erb bekommt den Anke Bennholdt-Thomsen-Preis für Lyrik der Deutschen Schillerstiftung. Die Jury lobte Erbs anspruchsvolles Schreiben und ihre hochreflexive Sprache, wie die Schillerstiftung mitteilte.

In der Begründung hieß es auch: „Die 1938 in Scherbach in der Eifel geborene Dichterin Elke Erb, die 1949 mit ihrer Familie in den Osten Deutschlands ging, hat in ihrem über Jahrzehnte angewachsenen Werk eine völlig eigenständige Poetik entwickelt.“

Als älteste bürgerschaftlich organisierte Fördereinrichtung unterstützt die Deutsche Schillerstiftung von 1859 Autorinnen und Autoren. “Seit fast 150 Jahren zeichnen wir besondere schriftstellerische Leistungen aus”, erklärt sie auf ihrer Homepage. Seit 2010 wird alle zwei Jahre der  Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis  vergeben. Er fördert deutschsprachige Lyrikerinnen, die durch ihre künstlerische Leistung hervorgetreten sind. Bisherige Preisträgerinnen waren Dorothea Grünzweig (2010) und Sabine Scho (2012). Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert und wird im kommenden Mai zusammen mit der Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung in Weimar verliehen. Diese mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung geht an den Lyriker Volker Sielaff.

42. Geistesblitzfrequenz

Mit seiner Eloquenz und der hohen Geistesblitzfrequenz wirkt Steffen Popp auf sein Publikum immer etwas einschüchternd; dabei ist er kein gewiefter alter Fuchs, kein weißhaariger Lyrikdoyen, sondern ein junger Mann, der seine Zuhörerschaft in Erstaunen versetzt, wenn er Querverbindungen zwischen Knotenpunkten der internationalen Geistes- und Literaturgeschichte herstellt, die Möglichkeiten poetischen Denkens und dessen Verhältnis zum Diskursiven auslotet – und seine eigenen Äußerungen zugleich (sprach)kritisch kommentiert.

Einen Moderator braucht Steffen Popp eigentlich nicht, um in Fahrt zu kommen, bestenfalls einen Stichwortgeber – ein Luxus also, dass die Veranstalter des Duisburg-Essener Poet in Residence-‚Spezials’: Zwischenspiel Lyrik für die Abschlussveranstaltung Norbert Wehr eingeladen hatten: Mit seiner Zeitschrift Schreibheft, die seit 1977 (seit 1982 unter seiner Leitung) „avancierte Literaturkonzepte in internationalen Literaturen aufzuspüren versucht“, ist Wehr ein Leuchtturm inmitten der literarischen Unternehmungen im Ruhrgebiet – und könnte selbst abendfüllend erzählen.

(…)

Wer aber waren die poetischen Helden, die Steffen Popp, ähnlich wie Nicolas Born damals Norbert Wehr, ‚auf die Spur’ gebracht haben? Es sei „keine Einzelperson“ gewesen, entgegnet Popp (für Eingeweihte vielleicht etwas überraschend, s.u.) auf die Frage des Moderators, vielmehr die ersten lyrischen Gehversuche auf Vorlesebühnen in Berlin und bei Wohnzimmerlesungen: „Dort erhielt man Kritik von Leuten, die sich besser auskannten.“ Ferner: das Netzwerk um den kookbooks-Verlag. Bei einem Autorencamp am Müggelsee, das von einer kleinen literarischen Gesellschaft ausgerichtet wurde, kam es zum ersten und folgenreichen Zusammentreffen von Steffen Popp und Daniela Seel. Der später von Seel gegründete Verlag brachte ihn mit Daniel Falb, Hendrik Jackson und Monika Rinck zusammen, mit denen er 2011 im Merve-Verlag Helm aus Phlox vorlegen wird, bei dem auch Ann Cotten mitwirkte, ein eigenwilliges gemeinschafts-poetologisches Unterfangen, das Grundzüge und Probleme möglicher zeitgenössischer Dichtung einkreist, skizziert und mehrstimmig diskutiert.

Zugleich klären die fünf Lyriker*innen jeweils für sich, aber auch grosso modo die Frage nach den Motiven ihres Schreibens, nach ihren je spezifischen Interessen an bestimmten Modi der Wahrnehmung. Fünf äußerst unterschiedliche Persönlichkeiten seien sich da in der Lyrik begegnet; ihre unterschiedlichen Personalstile und heterogenen Zugriffe auf ihr dichterisches Material hätten sich ausgerechnet das Gedicht als optimales Ausdrucksmedium gesucht. Und welch ein Glück sei so eine Gemeinschaftsarbeit, so Steffen Popp, da nicht wenige Autoren an den hedonistisch-isolierten Produktionsbedingungen von Literatur leiden: allein an einem Tisch arbeiten zu müssen.

Eine Lyrikerin, deren kritischen Blick Steffen Popp ebenso schätzt wie ihr Werk, ist Elke Erb. Als ausgesonderte Buchbestände aus ostdeutschen Bibliotheken wohlfeil zu haben waren, hielt er Vexierbild in der Hand, einen der ersten Gedichtbände der Autorin – und sah hier zum ersten Mal, dass Gedichte sich wie Archipele über die Seiten verteilen können. 2003 habe er in Berlin eine Lesung von ihr gehört – und gemerkt: „Ist die gut!“ Aus dieser Begegnung hat sich eine produktive Dichterfreundschaft entwickelt: Er besucht sie immer mal, sie lesen und beäugen einander mit Wohlwollen. „Es ist eigentlich kaum machbar, aber sie wird immer noch besser!“, sagt Steffen Popp über Elke Erb. Und letztere hat den ersten Zyklus aus seinem jüngsten Gedichtband lektoriert, ihr ist das Titelgedicht gewidmet, das mit Erbs Gedicht „Die wirkliche Möglichkeit“ (aus Sonanz, 2008) in einen Dialog eintritt:

Dickicht mit Reden und Augen

Möglichkeit und Methode überschneiden sich
ein kühner Satz bricht sich im Wald, fortan er hinkt

kein Sprung ins Dickicht dringt, kein Huf hinaus
kein ausrangiertes Fahrrad betet hier um Ruh
kein altes Lama spuckt, kein junges auch

sie hängen in den Tag, in Baumschaukeln
kein Baum, genau besehen, keine Schaukel, nicht mal
ein sie, nur hängen, Tag

Reden, durch nichts gedeckt, doch lebhaft
Lebewesen fast in einem Dickicht
hängend, hinkend eine, darum nicht weniger wahr
nicht wahr, nicht weniger, nicht – ungerührt

schaukeln oder grasen zur Pflege der Landschaft
oder stehen nur in ihr, schauen herüber mit Augen.

für Elke Erb

Aus: Steffen Popp: Dickicht mit Reden und Augen. Berlin: kookbooks, 2013, S. 38.

Steffen Popp versteht zu loben, wo es angebracht ist: Er würdigt Elke Erb als die „größte lebende deutschsprachige Lyrikern – was Männer einschließt!“ Ihr Gesellschaftsbezug, ihre Radikalität, auch diejenige der Synthese von Leben und Werk als „Gesamtkunstwerk“ – all das hat ihn zutiefst beeindruckt, vielleicht auch, weil er in der Lyrikerin seine Formel von „Poesie als Lebensform“ personifiziert findet, die rasch zum Motto von kookbooks avanciert ist. Ein „nicht unproblematischer philosophischer Topos“, findet Popp, der auf das frühromantische Konzept einer progressiven Universalpoesie zurückverweise: „Die Welt muss romantisiert werden“, heißt es in Novalis’ Fragmenten – doch Popp quittiert: „Nein, bitte nicht!“ Für Wittgenstein war das „Sprechen der Sprache [Teil] einer Lebensform“. Übertragen ins 21. Jahrhundert kann man darunter womöglich eine gelungene Synthese von gesellschaftlichem Leben und poetisch-philosophischem Gebäude verstehen, und da kommt (womöglich) wieder Elke Erb ins Spiel: „Elke Erb und Lyrik: Da passt kein Blatt Papier dazwischen! Sie trennt nicht zwischen ‚Schreibtisch’ und ‚Rest’. „Kann mir das auch passieren?,“ fragte sich Steffen Popp – und winkt resignativ (oder: bescheiden?) ab: seine Generation sei „zu profan“.

(…) / Maren Jäger, literaturkritik.de

71. Faltungen

Aus: Jan Kuhlbrodt, Faltungen – zum Experiment

Wie es scheint, wird das Experiment als Gattung betrachtet, was dem Begriff widerspricht. Denn im Grunde müsste das Experiment ja im Bereich vor jeder Gattung liegen. Aus dem Experiment könnte sich, wenn es denn gelingt, eine Gattung konstituieren.

Was verbindet also Texte?

Das ist natürlich eine unsinnige Frage. Eine Frage, die von ihrem metaphorischen Gehalt her sofort auf eine falsche Fährte führt, denn verbunden sind Texte zunächst durch etwas ihnen rein Äußerliches, die Willkür der Auswahl, die sie in einer Publikation zusammenbindet, und durch die Unmöglichkeit, irgendetwas, schon gar nicht die sogenannte experimentelle Dichtung, in seiner Vollständigkeit zu präsentieren.

(…)

Mayröcker steht für eine Art experimentelle Innerlichkeit. Die Sprache durchwandert das Selbst und trifft dort auf die Sedimente von Welt. Innerlichkeit hat hier also nichts mit dem Kitsch zu tun, der anderenorts unter diesem Label verbreitet wird. Sie ist analytisch. Und an Mayröcker schließen sich all jene an, die auf diesem Feld experimentieren und forschen.

Jürgen Becker erforscht die Ränder der Gattung zumindest auf literarischem Gebiet, vielleicht könnte man an dieser Stelle auch Brinkmann nennen. Eventuell hat es auch etwas mit dem B im Nachnamen zu tun. Beide also arbeiten zwischen Hörspiel und Prosa am Gedicht.

Elke Erb schließlich, auch eine, die forscht. Vielleicht könnte man ihre Art mit literarischem Exerzitium des 21. Jahrhunderts beschreiben. Alles wird Gegenstand lyrischer Analyse, und dabei unterscheidet sie nicht zwischen hergestellter und (sozusagen im Volksvorurteil) natürlicher Welt. Und Ausgangspunkt dieser Analyse ist ein Wundern.

Die Kleider der hier ausnahmsweise namentlich angeführten Alten werfen Falten. Wie gute Großeltern sitzen sie nicht auf einem Sockel, sondern mitten unter uns, und wir spielen zwischen den Falten. Verlassen auch schon mal das Zimmer, um bei den Nachbarn reinzuschauen und langsam wird uns auch klar, dass wir fremde Sprachen lernen sollten, um uns zu verstehen.

(Das wussten die angeführten Alten schon, vor allem Jandl und Erb haben in übersetzerischer Hinsicht Unglaubliches geleistet, aber die sind ja schon lange erwachsen.)

Am Ende eine sehr sehr unvollständige Liste der Kinder und Enkelkinder, wie sie mir in den Sinn gekommen sind. Zwei Stunden später wäre das sicherlich anders ausgefallen:

Rinck, Falkner, Czernin, Hefter, Winkler, Piekar, Crauss, Berends, Futscher, Popp, Filips, Seel, Elze, Bresemann … …

(Komplett bei Signaturen)

68. Spielraum

Die Greifswalder Tagung “Poetische Horizonte”, die vom 13. bis 16.11. “Dichter, Lyrikverlage, Literaturwissenschaft” zusammenführte, hinterließ neben den Spuren sprühender Funken bei Beteiligten und Gästen viele Stunden Tonaufzeichnungen, an deren Aufarbeitung in den nächsten Jahren intensiv gearbeitet werden wird. Eine erste Kost- bzw. Tonprobe wird morgen abend im unabhängigen Radio 98,1 zu hören sein (Raum Greifswald oder Internet). Sie hören u.a. Bertram Reinecke, Simone Kornappel, Pindar (gesungen von Immanuel Musäus), Odile Endres, Léonce Lupette, Silke Peters, Norbert Lange und Elke Erb.

Zur Vorfreude hier ein poetischer Gruß an Greifswald von Elke Erb.

15. Poetische Horizonte in Greifswald

Dafür lohnt es glatt nach Greifswald zu pilgern:

Poetische Horizonte – Tagung zur Poesie: Dichter, Lyrikverlage, Literaturwissenschaft

13.-16.11.2014 im Koeppenhaus und Falladahaus in Greifswald

Ähnlich wie in den Wissenschaften schreitet die Differenzierung auch in der Poesie voran. Ein einzelner Dichter kann das Feld dessen, was probiert worden oder möglich ist nicht überblicken. Kein Kenner der Poesie hat für alle Richtungen der Poesie gleichermaßen Verständnis. Leider fehlt im öffentlichen Gespräch über Poesie weitgehend eine Reflexion über die Tendenz zunehmender Fragmentierung.
Für einige Tage versammeln sich Dichter und Herausgeber verschiedener Generationen und Szenen aus unterschiedlichen Teilen Deutschlands in Greifswald und diskutieren gemeinsam mit Literaturwissenschaftlern Probleme, an denen sie aus jeweils unterschiedlicher Perspektive arbeiten.
Die Tagungsbeiträge werden in der randnummer – literaturhefte (Berlin) publiziert.
Alle Veranstaltungen sind öffentlich und Gäste sehr willkommen!

Veranstalter: Literaturzentrum Vorpommern in Zusammenarbeit mit dem Verlag Reinecke & Voß (Leipzig)

Wir danken für die Unterstützung: Arbeitsgemeinschaft literarischer Gesellschaften und Gedenkstätten e.V (ALG), der Hanse- und Universitätsstadt Greifswald, der Universität Greifswald, randnummer – literaturhefte (Berlin) und dem pom-lit Verein/Falladahaus.

Veranstaltungsorte
Koeppenhaus, Bahnhofstr. 4-5 und Falladahaus, Steinstr. 59

Donnerstag, 13.11.2014, Falladahaus (Steinstr. 59)
17.30 Uhr, Begrüßung

18.00 Uhr, Podiumsdiskussion, Falladahaus
„Sich selbst neu Erfinden – Poetische Utopien“
Norbert Lange, Bertram Reinecke, Elke Erb

21.00 Uhr, Lesung, Falladahaus, Eintritt 5/3 Euro
Norbert Lange, Elke Erb, Simone Kornappel, Bertram Reinecke

 

Freitag 14.11.2014, Falladahaus + Koeppenhaus
Fremde Literaturen

10.00 Uhr Vortrag, Falladahaus
„Pindars Traum“
Immanuel Musäus

10.30 Uhr Vortrag, Falladahaus
„Untote – Vom Weiterleben antiker Formen und Motive“
Dirk Uwe Hansen
anschließend Diskussion

12.00 Uhr Podiumsdiskussion, Falladahaus
„Übersetzungen“
Christian Filips, Dirk Uwe Hansen, Ann Cotten

++++ Koeppenhaus ++++
16.00 Uhr Lesung, Koeppenhaus
Christian Filips, Jan Kuhlbrodt, Ann Cotten, Dirk Uwe Hansen lesen und kommentieren Übersetzungen von Texten von Pier Paolo Pasolini, Christian Prigent, Keith Waldrop, Konstantín Kavafis und Anderen

19.30 Uhr Buchpremiere, Koeppenhaus
“Muse, die zehnte: Antworten auf Sappho von Mytilene”
Dirk Uwe Hansen, Anne Martin, Georg Christoph Rohrbach, Bertram Reinecke

21.00 Uhr Gespräch & Lesung, Koeppenhaus, Eintritt 5/3 Euro
Gespräch zwischen Bert Papenfuß, Alexander Pehlemann und Michael Gratz über die Kulturlandschaft der späten DDR
anschließend
Sounds’n’Poetry „1648“
Bert Papenfuß feat. Underwater Agent Alexander Pehlemann

 

Samstag, 15.11.2014, Falladahaus (Steinstr. 59) + Koeppenhaus (Bahnhofstr. 4-5)
Moden – Zeiten – Räume

10.00 Uhr, Podiumsdiskussion, Falladahaus
„Hausse und Baisse. Über Konjunkturen und Moden in der Poesie“
Kai Pohl, Jan Kuhlbrodt, Alexander Pehlemann, Tom Bresemann

12.00 Uhr, Vortrag, Falladahaus
„Geschichte des Politischen Witzes der DDR“
Karl-Heinz-Borchardt

13.30 Uhr, Vortrag, Falladahaus
„Experiment Textanalyse“
Monika Schneikart und Gudrun Weiland

14.15 Uhr, Vortrag, Falladahaus
„Zukunft schreiben“
Eckhard Schumacher

15.30 Uhr, Podiumsdiskussion, Falladahaus
„Das Zentrum und die Ränder“
Wie prägt Herkunft Schreibstile und die Wahrnehmung eines Lyrikers in der Öffentlichkeit?
Daniela Seel, Angelika Janz, Martin Holz, Simone Kornappel

++++ Koeppenhaus ++++
18.00 Uhr, Lesung, Koeppenhaus
tEXTRAbatt
Odile Endres, Irmgard Senf, Ulrike Sebert

19.00 Uhr, Lesung, Koeppenhaus
„Lyrik aus dem Hinterland“
Martin Holz, Tobias Reußwig, Christoph Georg Rohrbach, Christiane Kiesow

21.00 Uhr, Lesung, Koeppenhaus, Eintritt 5/3 Euro
Daniela Seel, Angelika Janz, Kai Pohl, Ron Winkler

 

Sonntag, 16.11.2014, Falladahaus (Steinstr. 59)

10.00 Uhr, gemeinsames Frühstück

11.00 Uhr, Schlussdiskussion & Lesung
Silke Peters und Tom Bresemann

69. Poesiealbum

In der traditionsreichen Lyrikreihe “Poesiealbum” neu erschienen:

Heft 313: Ingolf Brökel

Heft 314: Monika Rinck

Jeweils 32 Seiten, 4 €

Neu bei Lyrikwiki:

Poesiealbum

ist eine Lyrikreihe in Heftform, die 1967 von Bernd Jentzsch gegründet wurde. Bis August 1990 erschien monatlich ein Heft von 32 Seiten Umfang, das bis Anfang 1990 90 Pfennig kostete und in den ersten Jahren auch von der Post im Abonnement und an Kiosken vertrieben wurde. Trotz schmalen Umfangs war es sorgfältig ediert – stets von Kennern des Gesamtwerks ausgewählt und mit Titelvignette und doppelseitiger Grafik im Innern ausgestattet (Grafiken von Werner Klemke, Horst Hussel, Rolf Münzner, Hans Ticha, Wolfgang Mattheuer, Gerhard Altenbourg, Nuria Quevedo, Günter Horlbeck, Hannelore Teutsch, Carlfriedrich Claus, Willy Wolff, Robert Rehfeldt, Horst Antes, Einar Schleef, Hermann Glöckner, Werner Tübke, Uwe Pfeifer, Dagmar Ranft-Schinke, Baldwin Zettl u.v.a.). Als Bernd Jentzsch in einem Brief an die DDR-Führung gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und den Ausschluß Reiner Kunzes aus dem Schriftstellerverband protestierte, wurde er abgesetzt. Ein paar Jahre später wurde auch sein Nachfolger Richard Pietraß aus politischen Gründen abgesetzt.

Neben klassischen deutschen und internationalen Autoren war die Reihe ein Ort für Lyrikdebüts (Wulf Kirsten, Kurt Bartsch, Harald Gerlach, Jürgen Rennert, Gabriele Eckart, Thomas Brasch, Richard Leising, Brigitte Struzyk, Steffen Mensching, Uta Mauersberger, Christa Kozik, Hans Brinkmann, Klaus-Peter Schwarz, Kathrin Schmidt, Hans-Eckardt Wenzel, Wilhelm Bartsch, Udo Degener, Johannes Jansen u.v.a.) sowie zahlreiche DDR-Erstveröffentlichungen (u.a. Allen Ginsberg, Octavio Paz, René Char, W.H. Auden, Dylan Thomas, Welimir Chlebnikow, César Vallejo, Julian Przyboś, Arthur Rimbaud, Bob Dylan, Claes Andersson, Jannis Ritsos, Itzik Manger, Charles Bukowski, Anna Achmatowa, Aimé Césaire, Arsenij Tarkowski, Konrad Bayer, Boris Vian).

Die Reihe konnte die Währungsunion nicht überleben. Das letzte Heft, Nr. 275: August von Platen, wurde vom Staatlichen Buchhandel der DDR nicht mehr ausgeliefert und zum größten Teil als Müll entsorgt. Nur private Buchhandlungen lieferten das Heft noch an ihre Kunden aus. [1] 1991 erschien noch ein Heft zu Ehren des Gründers Bernd Jentzsch im BrennGlas Verlag Assenheim.

Die letzte Herausgeberin Dorothea Oehme startete 1992 in der »Unabhängigen Verlagsbuchhandlung Ackerstraße« in Berlin die Lyrikreihe »Poet´s Corner« nach ähnlichem Konzept, Herausgeber war “Orplid & Co., Gesellschaft zur Pflege und Förderung der Poesie” (Hefte von Elke Erb, Ossip Mandelstam, Frank-Wolf Matthies, Quirinus Kuhlmann u.a.).

1996 wurde ein Verein “Poesiealbum” gegründet, der die Reihe fortsetzen wollte. Bert Papenfuß und Sascha Anderson sollten die Hefte herausgeben – wegen der Stasimitarbeit Andersons verweigerte Bernd Jentzsch die Zustimmung. Daher gründeten sie eine Heftreihe “Poetische Bögen”, von der 12 Hefte in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung Leipzig erschienen.

Seit Herbst 2007 erscheint das Heft wieder im Märkischen Verlag Wilhelmshorst, Verleger ist Klaus-Peter Schwarz. Anfangs erschienen Hefte, die in der DDR aus politischen Gründen oder aus Gründen der Ignoranz der Entscheider nicht erscheinen durften, wie Peter Huchel, Ernst Jandl und Ezra Pound. Derzeit erscheinen 4 Hefte im Jahr im originalen Format. Gleichzeitig (seit März 2007) gibt Ralph Grüneberger für die Leipziger “Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik” unter dem Titel “Poesiealbum neu” ebenfalls eine Heftreihe im Originalformat mit thematischen Anthologien heraus.

Anmerkung

[1] Der Autor dieses Artikels hatte ein Abonnement bei der Greifswalder Buchhandlung Paul und Wilhelmine Singelnstein und wurde bis zum Schluß zuverlässig beliefert.

Herausgeber

  • Bernd Jentzsch (1967-1976)
  • Richard Pietraß (1976-1979
  • Dorothea Oehme (1980-1990)

Weblink

Poesiealbum.info mit vollständiger Bibliographie

ISSN 1865-5874

2. Olga Martynova mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnet

Die Stiftung Preußische Seehandlung hat auf Beschluss ihrer Preisjury die Schriftstellerin Olga Martynova mit dem Berliner Literaturpreis ausgezeichnet. Der Preis ist mit 30.000 Euro dotiert. Die Autorin nimmt die mit dem Preis verbundene Berufung der Freien Universität Berlin auf die „Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik“ im Sommersemester 2015 an. Seit 2005 bietet der Preis mit der „Heiner-Müller-Gastprofessur für deutschsprachige Poetik“ am Peter-Szondi-Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft der Freien Universität Berlin den Preisträgern jeweils im Sommersemester ein Forum für Textarbeit mit Studierenden der Universitäten und Hochschulen in Berlin und Brandenburg. Bisherige Preisträger und Dozenten waren Herta Müller, Durs Grünbein, Ilija Trojanow, Ulrich Peltzer, Dea Loher, Sibylle Lewitscharoff, Thomas Lehr, Rainald Goetz, Lukas Bärfuss und Hans Joachim Schädlich. Der Jury des Berliner Literaturpreises 2015 gehören Peter-André Alt, Sonja Anders, Jens Bisky, Kristin Schulz und Thomas Wohlfahrt an.

In der Begründung für die Preisvergabe heißt es:

„Die Spirale der Geschichte ruiniert die Zentren, indem sie sich durch die Randzonen mahlt. (Heiner Müller) Olga Martynova (geboren 1962 bei Krasnojarsk, aufgewachsen in Leningrad, seit 1991 in Deutschland lebend) schreibt aus diesem Mahlstrom von Geschichte heraus, den die nach-sozialistische Ära ausmacht. Mit überbordender Phantasie und traumwandlerischer Leichtigkeit gelingt es ihr in ihren Romanen Sogar Papageien überleben uns (2010) und Mörikes Schlüsselbein (2013), gängige Themen wie Herkunft, Liebe oder Familie in ein trans-historisches Universum zwischen St. Petersburg, Berlin, Frankfurt, Chicago und Sibirien zu übersetzen, in das sich die Protagonisten fügen und finden und das dem Leser den eindimensionalen Plot verweigert. Wir begegnen Schneemenschen und Schamanen, Untergrunddichtern und Kagus, Philemon und Baucis. Sie alle erwehren sich poetisch der Funktionsschemata und Gegebenheiten des Kalten Kriegs, um wie nebenbei beispielsweise in einer Spionage-Science-Fiction zu landen. Besonders in ihrer Lyrik Brief an die Zypressen (2001), In der Zugluft Europas (2009) und Von Tschwirik bis Tschwirka (2012) offenbart sich Martynovas verschroben anarchischer Witz und ihr erfrischend respektvoll-respektloser Umgang mit literarischen Traditionen, weil wendig mit Welt-Geschichte als wechselnder Gesellschafts- bzw. mythologischer Formiertheit hantiert und geschichtete Vermächtnisse anders begründet werden – u. a. um den unter Stalin umgekommenen Avantgardekünstlern Daniil Charms oder Alexander Wwedenski gerecht zu werden. Martynovas Handhabung von Sprache ist höchstsensibel und genau, gerade weil sie ihre Suchbewegungen in der Nicht-Muttersprache – deutsch – bekennt und Instrument von Spracherkundung werden lässt. Aus dieser poetischen Weltanschauung und -aneignung blitzt die vergangene als nicht vergehende Zeit auf, deren rätselhaft magische Vexierbilder den Leser dauerhaft in den Bann ziehen und bleiben, indem auch sie sich verändern.“

Der Berliner Literaturpreis wird am 18. Februar 2015 in Berlin im Roten Rathaus verliehen. Der Präsident der Freien Universität wird die Berufung auf die Heiner-Müller-Gastprofessur vornehmen. Die Laudatio auf die Preisträgerin hält Elke Erb. / FU

18. TRAKL UND WIR

Neue Publikation der Stiftung Lyrik Kabinett:

TRAKL UND WIR. Fünfzig Blicke in einen Opal. Herausgegeben und mit einem Nachwort sowie einer Lebenstafel versehen von Mirko Bonné und Tom Schulz. Mit einem Geleitwort von Hans Weichselbaum

Aus Anlass des 100. Todestags von Georg Trakl (am 3. November 2014) haben Mirko Bonné und Tom Schulz – gemeinsam mit dem Münchner Lyrik Kabinett – zeitgenössische Lyrikerinnen und Lyriker eingeladen, sich mit Trakls Gedichten auseinanderzusetzen. Jeder der fünfzig deutschsprachigen Autoren hat einem Gedicht, einem Textfragment oder einer Briefstelle von Georg Trakl einen eigenen poetischen oder essayistischen Text zur Seite gestellt. Entstanden ist so eine außergewöhnliche poetische Würdigung des Lyrikers Trakl.

Das Buch erscheint im Oktober und wird am Mittwoch, den 12. November, von den Herausgebern und von Hans Weichselbaum im Lyrik Kabinett präsentiert.

TRAKL UND WIR
Fünfzig Blicke in einen Opal
Herausgegeben und mit einem Nachwort sowie einer Lebenstafel versehen
von Mirko Bonné und Tom Schulz. Mit einem Geleitwort von Hans Weichselbaum
Stiftung Lyrik Kabinett, München
196 S., 22 Euro, ISBN 978 3 938776 36 0
erscheint im Oktober 2014

Trakls Gedichte funkeln wie Sterne über der Szenerie. Sie sind aus einem seltenen Material, nicht aus Eis oder Weltraumschrott, sondern aus indianischem Gold. Unschätzbar die Anzahl an Karat, letztlich unverkäuflich, und an keinem Handelsplatz dieser Welt erhältlich. Jedoch lesbar und haltbar bis in alle Ewigkeit.

Mirko Bonné und Tom Schulz, im Frühjahr 2014

Mit Beiträgen von:

Andreas Altmann, Christoph W. Bauer, Marcel Beyer, Nico Bleutge, Marica Bodrozic, Nora Bossong, Carolin Callies, Heinrich Detering, Michael Donhauser, Elke Erb, Sylvia Geist, Nora Gomringer, Durs Grünbein, Dorothea Grünzweig, Ulla Hahn, Günter Herburger, Nancy Hünger, Norbert Hummelt, Karin Kiwus, Ulrich Koch, Angela Krauß, Ursula Krechel, Nadja Küchenmeister, Johannes Kühn, Björn Kuhligk, Michael Lentz, Marie T. Martin, Friederike Mayröcker, Brigitte Oleschinski, Christoph Peters, Martin Piekar, Steffen Popp, Marion Poschmann, Kerstin Preiwuß, Arne Rautenberg, Monika Rinck, Jan Volker Röhnert, Hendrik Rost, Silke Scheuermann, Sabine Schiffner, Evelyn Schlag, Kathrin Schmidt, Katharina Schultens, Farhad Showghi, Jan Skudlarek, Ulf Stolterfoht, Hans Thill, Jan Wagner, Ron Winkler, Uljana Wolf.

Buchpräsentation im Lyrik Kabinett am 12. November 2014.

76. Wie der Dichter einmal nicht recht hatte

Peter Hacks

Auf die Spaltung der linken Zeitschrift “Sklaven” in die linken Zeitschriften “Sklaven” und “Sklaven Aufstand”

Wer untergehen will, muß sich entzwein.
Der Schwache ist am sterblichsten allein.

In: Peter Hacks: Die Gedichte. Hamburg: Edition Nautilus, 1998, S. 324.

Anmerkung:

Die Überschrift besagt nicht, daß der Dichter Peter Hacks nur einmal irrte; denn auch der Dichter ist nur humanum. Es bezieht sich ausschließlich auf einen einzigen hier dokumentierten Vorgang, insofern der überprüfbar ist.

Die SKLAVEN (erschienen zwischen Mai 1994 und Mai 1999) wurden mit der Nummer 50 eingestellt. Parallel wurden 1998 neun Ausgaben SKLAVEN AUFSTAND (Hefte 44/45, 46, 47/48, 49, 50, 51, 52, 53, 54/55) infolge der Spaltung nach Heft 43 bei Petersen Press herausgegeben. Auf der Titelseite des Abschlußheftes DIE LETZTEN SKLAVEN (Juni-September 1999) wird der Übergang der SKLAVEN zum GEGNER erklärt.

Oktober 1999: Aus Sklaven werden Gegner. Von der Zeitschrift “Gegner” erscheinen bis 2013 32 Hefte.

Ab März 2014 erscheint die Zeitschrift ABWÄRTS als Gemeinschaftsprojekt folgender Zeitschriften: Es beerbt die seligen Sklaven, den unregelmäßig erschienenen Nachfolger Gegner und integriert die floppy myriapoda (als „Subkommando für die freie Assoziation“), den politjournalistisch ausgerichteten telegraph, der dem katastrophalen Abbau ostdeutscher Ökonomie, Kultur und Identität seit 1989 – als Nachfolgeblatt der Ostberliner Umweltblätter – nachgeht, und den kulturpolitischen Almanach Zonic. Das neue literarisch-politische Periodikum wird ab März 2014 alle zwei Monate herausgegeben.

Gerade erschien Heft 3 von Abwärts. Die Zeitschrift bringt, was man in Baden-Württemberg mit Grundschauer Anarchosyndikalismus nennt, aber auch z.B. Gedichte (Elke Erb, Kai Pohl, Bert Papenfuß).

Wie man hört & hofft, wird zumindest Zonic trotzdem weiter bestehen.

 

101. literaturlabor in der Lettrétage: Zuß und Ames suchen Streit / VII. Teil


Zuß und Ames suchen Streit
und begegnen sich in Berlin; in der Art in der ein Freistoßschütze dem Torwart begegnet; wer wer ist, ist egal, weil es wechselt. Es geht um Kollegialität, um Polemik, Poetik, um zwölf coole Arbeiter im Lyrikstandort Berlin, um Unzufriedenheit und andere Beweggründe und „Konsonanz ist nur ein Teil künstlerischen Schaffens; Dissonanz, Digression und Überraschung die anderen. Wir beobachten hier das Verfahren der Anreicherung neben forcierter Flapsigkeit […] und harte Zäsuren und weite Sprünge neben zarten Zoten.“

(Konstantin Ames: sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen. S. 6f.)

Teil VII – Die Kommunikation der Literatur: Gesichtsschwitzer und zwölf coole Arbeiter (unrohe Störer), die dann doch vierzehn sind

Wenn Einzelkämpfer (Heinrich Heine, Friedrich Nietzsche, Kurt Tucholsky, Thomas Kling) oder Einzelkämpferinnen (Barbara Köhler, Renate Rasp, Helga M. Novak, Sarah Kirsch, Mascha Kaléko) antraten und antreten, ergab und ergibt es Sinn, diesen Personen Mut zu attestieren.

Mir kommt es schlicht bigott vor, wenn jemand verzweifelt versucht, einen anarchistischen Markenkern zu erhalten: durch gezielte Schüsse aus dem sicheren Dickicht nahender bürgerlicher Ehrbezeigungen heraus. Clever mag das sein, interessant ist es nicht. Wenn eine Angehörige einer literarischen Clique Kollegen plump anmacht, Dekadenz, Perversion, Dummheit, Protzerei unterstellend, dann sehe ich mich außerstande, diesem Tun Mut und poetologische Substanz zuzugestehen.

Es gibt diese besondere Neigung zur Niedertracht: Deutsch im Endstadium.

Wenn nicht mehr übers Gedicht im 39. Jahrhundert gemunkelt wird, coole Bandwürmer auch einen Existenzberechtigungsschein ausgestellt bekommen, wenn nicht mehr altklug-clevere Mitmenschen von einem Zuviel an Poesieproduktion unken, dann kann die Poesie und die Poetik des 21. Jahrhunderts in ihre konstruktive Phase übergehen. Dann ist die »innere Dreizehnjährigkeit« (Bernhard Pörksen) überwunden, dann sind die Möglichkeiten der Poesie als Kommunikationsspiel zu erproben.

Wenn irgendwer keine zwölf coolen Arbeiter kennt und loben kann, ist er ignorant. Allein in Berlin kenne ich zwölf coole Arbeiter. Da sind Tom Bresemann, Richard Duraj, Elke Erb und Christian Filips*, Mara Genschel, Catherine Hales, Ursula Krechel, Simone Kornappel, Norbert Lange, Georg Leß, Katharina Schultens*, Ulf Stolterfoht. Es sind auch Wunderkinder darunter, ich habe sie markiert, für den Fall, dass das Wunderkindhafte irgendwen interessiert. Wer jünger ist als 25 Jahre bei der Publikation seines Debüts, der galt in den Nullerjahren offenbar als Wunderkind, und heute wieder. – Mir ist das egal; was ist ein Wunderkind gegen einen coolen Arbeiter, hm? Eben. Das würden nur Stalinisten versuchen niederzumaulen, die alles nur regional betrachten können, die Pablisten. – Diese zwölf coolen Arbeiter, mit Brigitte Oleschinski und Ron Winkler sind es übrigens vierzehn (was vermag ein Abendmahl, so ein Cliquen-Dinner, gegen ein Sonett?) zeichnen sich durch vita activa im Sinne Hannah Arendts aus, und durch etwas, was man sich noch nicht vollends abgewöhnt hat, progressive Absicht zu nennen. Literaturpolitiker sprechen von Avantgarde; handkehrum von Retro-Avantgarde und deren Irrelevanz. Relevanter Realismus; handfeste Verse mitten aus dem Leben; Authentizität? Ihr und Eure redundanten PR-Shows!

Es gibt bereits Gründungsdokumente und Unabhängigkeitserklärungen. Es gibt ein Format der Polemik, das konstruktiv ist: die Anthologie, und zwar solche, die nicht bloß mitleidswürdige Beispiele ideologischer Onanie oder Auswüchse karrieristischer Egozentrik oder quietistische Leistungsschau sind (Selbst diese Anthologien enthalten noch Rohrkrepierer. Was ja klar ist.) Poesie- und Poetik-Anthologien aus den Jahren 2008 bis 2014, der Maxime ›intelligent werden, intelligent bleiben!‹ verpflichtet, wären zu untersuchen. Ein andermal mehr davon.

Zuß, ein Freund von Kunstkatalogen, Agrarministerbesuchen auf Agrarmessen; Analyst meiner Einkaufszettel, übrigens mit einer Wonne, als gingen nach heftigstem Drogenabusus die Drogen zur Neige. Schnee unter der Haut – bekanntes Gefühl. Aktionismus, schnell wechselnde Launen, dünkeldeutschländische Wahl schlechtester Substrate. Ach Zuß! Itzt kömmt er, tritt an mich heran, und erbittet den Vortrag eines Poems der Droste; er bettelt darum, er fleht und sieht mich dabei mit pferdsgroßen Augen eines totwundgeschossenen Pferds an – Ich willfahre ihm und lasse mich also vernehmen:

Das Spiegelbild

Schaust du mich an aus dem Kristall
Mit deiner Augen Nebelball,
Kometen gleich, die im Verbleichen;
Mit Zügen, worin wunderlich
Zwei Seelen wie Spione sich
Umschleichen, ja, dann flüstre ich:
Phantom, du bist nicht meinesgleichen!

Bist nur entschlüpft der Träume Hut,
Zu eisen mit das warme Blut,
Die dunkle Locke mir zu blassen;
Und dennoch, dämmerndes Gesicht,
Drin seltsam spielt ein Doppellicht,
Trätest du vor, ich weiß es nicht,
Würd ich dich lieben oder hassen?

Zu deiner Stirne Herrscherthron,
Wo die Gedanken leisten Fron
Wie Knechte, würd ich schüchtern blicken;
Doch von des Auges kaltem Glast,
Voll toten Lichts, gebrochen fast,
Gespenstig, würd, ein scheuer Gast,
Weit, weit ich meinen Schemel rücken.

Und was den Mund umspielt so lind,
So weich und hülflos wie ein Kind,
Das möchte in teure Hut ich bergen;
Und wieder, wenn er höhnend spielt,
Wie von gespanntem Bogen zielt,
Wenn leis es durch die Züge wühlt,
Dann möchte ich fliehen wie vor Schergen.

Es ist gewiß, du bist nicht Ich,
Ein fremdes Dasein, dem ich mich
Wie Moses nahe, unbeschuhet,
Voll Kräfte, die mir nicht bewußt,
Voll fremden Leides, fremder Lust;
Gnade mir Gott, wenn in der Brust
Mir schlummernd deine Seele ruhet!

Und dennoch fühl ich, wie verwandt,
Zu deinen Schauern mich gebannt,
Und Liebe muß der Furcht sich einen.
Ja, trätest aus Kristalles Rund,
Phantom, du lebend auf den Grund,
Nur leise zittern würd ich, und
Mich dünkt – ich würde um dich weinen!

(Ames öffnet die Augen. ZdW ist verschwunden. Er hebt einen angeschwitzten grünen Schein vom Boden auf.)

Zuß, du fieses Schwein! Komm zurück! Was soll ich mit diesem doofen 20-D-Mark-Schein!?

Vorhergehender Teil

Die Reihe „Zuß und Ames suchen Streit“ ist eine e-Polemik und Bestandteil des literaturlabors in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat. Das Lettretagebuch ist hierbei als eine Art Fortsetzung des Raumes “Literaturhaus” mit digitalen Mitteln zu verstehen. Wir schließen auf, stellen die Biere kalt und sprechen offen miteinander. Beiträge herzlich willkommen!

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