Getagged: Elke Erb

76. Wie der Dichter einmal nicht recht hatte

Peter Hacks

Auf die Spaltung der linken Zeitschrift “Sklaven” in die linken Zeitschriften “Sklaven” und “Sklaven Aufstand”

Wer untergehen will, muß sich entzwein.
Der Schwache ist am sterblichsten allein.

In: Peter Hacks: Die Gedichte. Hamburg: Edition Nautilus, 1998, S. 324.

Anmerkung:

Die Überschrift besagt nicht, daß der Dichter Peter Hacks nur einmal irrte; denn auch der Dichter ist nur humanum. Es bezieht sich ausschließlich auf einen einzigen hier dokumentierten Vorgang, insofern der überprüfbar ist.

Die SKLAVEN (erschienen zwischen Mai 1994 und Mai 1999) wurden mit der Nummer 50 eingestellt. Parallel wurden 1998 neun Ausgaben SKLAVEN AUFSTAND (Hefte 44/45, 46, 47/48, 49, 50, 51, 52, 53, 54/55) infolge der Spaltung nach Heft 43 bei Petersen Press herausgegeben. Auf der Titelseite des Abschlußheftes DIE LETZTEN SKLAVEN (Juni-September 1999) wird der Übergang der SKLAVEN zum GEGNER erklärt.

Oktober 1999: Aus Sklaven werden Gegner. Von der Zeitschrift “Gegner” erscheinen bis 2013 32 Hefte.

Ab März 2014 erscheint die Zeitschrift ABWÄRTS als Gemeinschaftsprojekt folgender Zeitschriften: Es beerbt die seligen Sklaven, den unregelmäßig erschienenen Nachfolger Gegner und integriert die floppy myriapoda (als „Subkommando für die freie Assoziation“), den politjournalistisch ausgerichteten telegraph, der dem katastrophalen Abbau ostdeutscher Ökonomie, Kultur und Identität seit 1989 – als Nachfolgeblatt der Ostberliner Umweltblätter – nachgeht, und den kulturpolitischen Almanach Zonic. Das neue literarisch-politische Periodikum wird ab März 2014 alle zwei Monate herausgegeben.

Gerade erschien Heft 3 von Abwärts. Die Zeitschrift bringt, was man in Baden-Württemberg mit Grundschauer Anarchosyndikalismus nennt, aber auch z.B. Gedichte (Elke Erb, Kai Pohl, Bert Papenfuß).

Wie man hört & hofft, wird zumindest Zonic trotzdem weiter bestehen.

 

101. literaturlabor in der Lettrétage: Zuß und Ames suchen Streit / VII. Teil


Zuß und Ames suchen Streit
und begegnen sich in Berlin; in der Art in der ein Freistoßschütze dem Torwart begegnet; wer wer ist, ist egal, weil es wechselt. Es geht um Kollegialität, um Polemik, Poetik, um zwölf coole Arbeiter im Lyrikstandort Berlin, um Unzufriedenheit und andere Beweggründe und „Konsonanz ist nur ein Teil künstlerischen Schaffens; Dissonanz, Digression und Überraschung die anderen. Wir beobachten hier das Verfahren der Anreicherung neben forcierter Flapsigkeit […] und harte Zäsuren und weite Sprünge neben zarten Zoten.“

(Konstantin Ames: sTiL.e(ins) Art und Weltwaisen. S. 6f.)

Teil VII – Die Kommunikation der Literatur: Gesichtsschwitzer und zwölf coole Arbeiter (unrohe Störer), die dann doch vierzehn sind

Wenn Einzelkämpfer (Heinrich Heine, Friedrich Nietzsche, Kurt Tucholsky, Thomas Kling) oder Einzelkämpferinnen (Barbara Köhler, Renate Rasp, Helga M. Novak, Sarah Kirsch, Mascha Kaléko) antraten und antreten, ergab und ergibt es Sinn, diesen Personen Mut zu attestieren.

Mir kommt es schlicht bigott vor, wenn jemand verzweifelt versucht, einen anarchistischen Markenkern zu erhalten: durch gezielte Schüsse aus dem sicheren Dickicht nahender bürgerlicher Ehrbezeigungen heraus. Clever mag das sein, interessant ist es nicht. Wenn eine Angehörige einer literarischen Clique Kollegen plump anmacht, Dekadenz, Perversion, Dummheit, Protzerei unterstellend, dann sehe ich mich außerstande, diesem Tun Mut und poetologische Substanz zuzugestehen.

Es gibt diese besondere Neigung zur Niedertracht: Deutsch im Endstadium.

Wenn nicht mehr übers Gedicht im 39. Jahrhundert gemunkelt wird, coole Bandwürmer auch einen Existenzberechtigungsschein ausgestellt bekommen, wenn nicht mehr altklug-clevere Mitmenschen von einem Zuviel an Poesieproduktion unken, dann kann die Poesie und die Poetik des 21. Jahrhunderts in ihre konstruktive Phase übergehen. Dann ist die »innere Dreizehnjährigkeit« (Bernhard Pörksen) überwunden, dann sind die Möglichkeiten der Poesie als Kommunikationsspiel zu erproben.

Wenn irgendwer keine zwölf coolen Arbeiter kennt und loben kann, ist er ignorant. Allein in Berlin kenne ich zwölf coole Arbeiter. Da sind Tom Bresemann, Richard Duraj, Elke Erb und Christian Filips*, Mara Genschel, Catherine Hales, Ursula Krechel, Simone Kornappel, Norbert Lange, Georg Leß, Katharina Schultens*, Ulf Stolterfoht. Es sind auch Wunderkinder darunter, ich habe sie markiert, für den Fall, dass das Wunderkindhafte irgendwen interessiert. Wer jünger ist als 25 Jahre bei der Publikation seines Debüts, der galt in den Nullerjahren offenbar als Wunderkind, und heute wieder. – Mir ist das egal; was ist ein Wunderkind gegen einen coolen Arbeiter, hm? Eben. Das würden nur Stalinisten versuchen niederzumaulen, die alles nur regional betrachten können, die Pablisten. – Diese zwölf coolen Arbeiter, mit Brigitte Oleschinski und Ron Winkler sind es übrigens vierzehn (was vermag ein Abendmahl, so ein Cliquen-Dinner, gegen ein Sonett?) zeichnen sich durch vita activa im Sinne Hannah Arendts aus, und durch etwas, was man sich noch nicht vollends abgewöhnt hat, progressive Absicht zu nennen. Literaturpolitiker sprechen von Avantgarde; handkehrum von Retro-Avantgarde und deren Irrelevanz. Relevanter Realismus; handfeste Verse mitten aus dem Leben; Authentizität? Ihr und Eure redundanten PR-Shows!

Es gibt bereits Gründungsdokumente und Unabhängigkeitserklärungen. Es gibt ein Format der Polemik, das konstruktiv ist: die Anthologie, und zwar solche, die nicht bloß mitleidswürdige Beispiele ideologischer Onanie oder Auswüchse karrieristischer Egozentrik oder quietistische Leistungsschau sind (Selbst diese Anthologien enthalten noch Rohrkrepierer. Was ja klar ist.) Poesie- und Poetik-Anthologien aus den Jahren 2008 bis 2014, der Maxime ›intelligent werden, intelligent bleiben!‹ verpflichtet, wären zu untersuchen. Ein andermal mehr davon.

Zuß, ein Freund von Kunstkatalogen, Agrarministerbesuchen auf Agrarmessen; Analyst meiner Einkaufszettel, übrigens mit einer Wonne, als gingen nach heftigstem Drogenabusus die Drogen zur Neige. Schnee unter der Haut – bekanntes Gefühl. Aktionismus, schnell wechselnde Launen, dünkeldeutschländische Wahl schlechtester Substrate. Ach Zuß! Itzt kömmt er, tritt an mich heran, und erbittet den Vortrag eines Poems der Droste; er bettelt darum, er fleht und sieht mich dabei mit pferdsgroßen Augen eines totwundgeschossenen Pferds an – Ich willfahre ihm und lasse mich also vernehmen:

Das Spiegelbild

Schaust du mich an aus dem Kristall
Mit deiner Augen Nebelball,
Kometen gleich, die im Verbleichen;
Mit Zügen, worin wunderlich
Zwei Seelen wie Spione sich
Umschleichen, ja, dann flüstre ich:
Phantom, du bist nicht meinesgleichen!

Bist nur entschlüpft der Träume Hut,
Zu eisen mit das warme Blut,
Die dunkle Locke mir zu blassen;
Und dennoch, dämmerndes Gesicht,
Drin seltsam spielt ein Doppellicht,
Trätest du vor, ich weiß es nicht,
Würd ich dich lieben oder hassen?

Zu deiner Stirne Herrscherthron,
Wo die Gedanken leisten Fron
Wie Knechte, würd ich schüchtern blicken;
Doch von des Auges kaltem Glast,
Voll toten Lichts, gebrochen fast,
Gespenstig, würd, ein scheuer Gast,
Weit, weit ich meinen Schemel rücken.

Und was den Mund umspielt so lind,
So weich und hülflos wie ein Kind,
Das möchte in teure Hut ich bergen;
Und wieder, wenn er höhnend spielt,
Wie von gespanntem Bogen zielt,
Wenn leis es durch die Züge wühlt,
Dann möchte ich fliehen wie vor Schergen.

Es ist gewiß, du bist nicht Ich,
Ein fremdes Dasein, dem ich mich
Wie Moses nahe, unbeschuhet,
Voll Kräfte, die mir nicht bewußt,
Voll fremden Leides, fremder Lust;
Gnade mir Gott, wenn in der Brust
Mir schlummernd deine Seele ruhet!

Und dennoch fühl ich, wie verwandt,
Zu deinen Schauern mich gebannt,
Und Liebe muß der Furcht sich einen.
Ja, trätest aus Kristalles Rund,
Phantom, du lebend auf den Grund,
Nur leise zittern würd ich, und
Mich dünkt – ich würde um dich weinen!

(Ames öffnet die Augen. ZdW ist verschwunden. Er hebt einen angeschwitzten grünen Schein vom Boden auf.)

Zuß, du fieses Schwein! Komm zurück! Was soll ich mit diesem doofen 20-D-Mark-Schein!?

Vorhergehender Teil

Die Reihe „Zuß und Ames suchen Streit“ ist eine e-Polemik und Bestandteil des literaturlabors in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat. Das Lettretagebuch ist hierbei als eine Art Fortsetzung des Raumes “Literaturhaus” mit digitalen Mitteln zu verstehen. Wir schließen auf, stellen die Biere kalt und sprechen offen miteinander. Beiträge herzlich willkommen!

98. Labor

Donnerstag, 30. Januar 2014, 20 Uhr, Eintritt frei

der Andere bin ich

Rezitation: Denis Abrahams, Moderation: Tom Bresemann
literaturlabor in der Lettrétage, gefördert vom Berliner Senat
Mehringdamm 61, 1091 Berlin, U6/U7 Mehringdamm

Der Februar kommt … das literaturlabor in der Lettrétage geht. Und zwar in die dritte Runde. Gefördert vom Berliner Senat sind im kommenden Monat u.a. Daniela Seel, Mara Genschel, Simone Kornappel, Nikola Richter (und ihr mikrotext Verlag), Richard Duraj, Martin Lechner und Sonja vom Brocke als LaborantInnen am Mehringdamm 61 tätig.

Und: Das literaturlabor in der Lettrétage hat neben dem Mehringdamm 61 eine Online-Dependance eröffnet. Dort streitet Konstantin Ames mit einem gewissen Wimpernknecht Zuß über den Unterschied von Polemik und Poetik, darüber hinaus sind dort auch viele Videos der bisherigen Laboruntersuchungen anzuschauen, mit Sandra Gugic, Lukas Lauermann, Maik Lippert, Valeri Scherstjanoi u.v.a. Checken Sie das doch ruhig mal aus!

Unsere letzte labor-Veranstaltung im Januar: Unser Stammrezitator Denis Abrahams liest gegenwärtige Gedichte lebender, jüngerer LyrikerInnen. Dahingehend Labor, als dass sich derzeit kaum Rezitatoren mit dem Feld der Gegenwartslyrik auseinandersetzen. Zum Einen liegt das wohl an der großen Bühnenpräsenz der gegenwärtigen AutorInnen selbst, zum Anderen aber – so möchten wir im literaturlabor fragen – vielleicht auch in der Natur der Sache? In welcher eigentlich, das wäre dann noch hinterherzufragen – der des Rezitators, seiner Werkzeuge und Praxis oder der des schlichtweg “unlesbaren”, weil als kompliziert und unverständlich verstandenen Gegenwartsgedichts?

Wir haben uns für die erste Option entschieden und den Rezitator Denis Abrahams eingeladen, sich mit den Texten einiger gegenwärtiger LyrikerInnen wie Ann Cotten, Elke Erb, Mathias Traxler u.a. auseinanderzusetzen, und sich damit, ganz im Sinne des literaturlabors, an einer Rekalibrierung rezitatorischer Werkzeuge zur Literaturvermittlung zu versuchen.

Im Namen der Lettrétage lädt Sie dazu herzlich ein
Tom Bresemann

Alle weiteren Infos: www.lettretage.de

32. Neue Lyrik: Rüge & Ratschlag

Der Krüger des Tages (siehe L&Poe hier und hier) stammt heute von Adolf Endler:

Möglicherweise aber ist Hans Richters Stirnrunzeln nichts anderes als die Frucht der Ungeschicklichkeit des sonst recht geschickten Organisators seiner Texte, der merkwürdigerweise immer dann ungelenk wirkt, wenn es um Rüge und Ratschlag geht für junge und neuere Poeten, wie man sie offenkundig von deutschen Literaturprofessoren heutzutage erwartet. Möglicherweise will er nur seinem Eindruck oder Gefühl Ausdruck geben, daß sich die neuere deutsche Lyrik nicht mehr so kontinuierlich entwickelt wie vorgestern, daß die Maschine stottert. Dann allerdings wäre Richter zu einem falschen Eindruck gekommen. Denn wer die veröffentlichten (und vor allem die Vielzahl der unveröffentlichten) Arbeiten der jüngeren Lyriker der DDR vor Augen hat, der lebt mit dem begründeten Bewußtsein, daß sich unsere Lyrik in einer Phase permanenter und nicht abreißender Produktivität befindet!

Adolf Endler, in: Sinn und Form 6/ 1971 (sein Beitrag, Antwort auf ein Buch des Jenaer Germanisten Hans Richter, leitete und läutete eine kontroverse Lyrikdebatte ein). 

Was das mit Michael Krüger zu tun hat? Nicht nur daß, davon bin ich überzeugt, sich die Debatten, die expliziten und impliziten, zu allen Zeiten an allen Orten letztlich immer um dasselbe oder zumindest -gleiche drehen; Michael Krüger stellte als junger Autor in Heft 5 der Akzente von 1973 ein Dossier zur Literaturkritik in der DDR zusammen, darin auch Beiträge von Endler. Im gleichen Hefte Interviews mit Volker Braun, Bernd Jentzsch und Martin Stade, Prosa von Elke Erb, Irmtraud Morgner, Kristian Pech, Karl-Heinz Jakobs und Fritz Rudolf Fries sowie Gedichte von Heinz Czechowski, Rainer Kirsch, Adolf Endler und Bernd Jentzsch.

(Die Serie wird morgen fortgesetzt)

10. Sein Novalis

Steffen Popp hat seinen Novalis gelesen. “Alles muss poetisiert werden”, schrieb er in der gemeinsam mit Ann Cotten, Daniel Falb, Hendrik Jackson und Monika Rinck verfassten Poetik “Helm aus Phlox”. Popp bekennt sich zur “Poesie als Lebensform”, auf seinem Schreibtisch steht der “frühromantische Elektrochemiebaukasten Friedrich von Hardenbergs”. Enthält er die Mixtur für den Sprung durch die Sprachmauer? Den Dichter drängt es, “das Gedicht zu verlassen, in Richtung auf ein schöner-größer-tiefer angelegtes Ding”. Nicht nur die Sprache, “alle Bereiche des Lebens müssten poetischen Kriterien unterworfen werden”. Popps Poesie artikuliert die Sehnsucht, die Grenzen der Sprache zu sprengen.

“Dickicht mit Reden und Augen”, der Text, der dem neuen Band den Titel gab, ist der Dichterin Elke Erb gewidmet. Im Dialog mit Erbs Gedicht “Die wirkliche Möglichkeit” treibt Popp sein Spiel mit Wort und Wirklichkeit. (…)

“Das war wie nachts im Stockdunklen da auf Kaninchen zu schießen, wo es gar keine Kaninchen gibt, und ein Gewehr hast du auch nicht”, sagt Elke Erb im Kapitel “Beuteschema” in “Helm aus Phlox”. Was Steffen Popp an Erbs “Möglichkeits”-Gedicht und anderen Texten aus ihrem Band “Sonanz” so begeistert hat, ist die Beobachtung, “dass im Gedicht symbolische Bewegungen (des Textes, des Sprechens) Domänen jenseits der Sprache begegnen”. / Frank Kaspar, Die Welt 30.11.

1. Total sozial

Elke Erb im Gespräch mit Dorothea von Törne, Die Welt:

Die Welt: Welche Texte sind Ihnen jetzt unverzichtbar?

Elke Erb: Fast alle. Mein Schreiben ist eigentlich politisch orientiert. Aber jetzt habe ich von den frühen Texten einen so merkwürdig stillen Eindruck gehabt. So als ob es um gar nichts weiter geht. Jetzt habe ich gemerkt, dass diese genau die prinzipiellen Texte sind.

Die Welt: Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen beiden?

Erb: Ich schreibe über Themen, wo es schmerzt. Bei Politik schmerzt es sowieso. Aber es ist wiederum nicht so, dass die anderen Texte eine heile Welt haben. Es ist eine aktive Welt und es kommt darauf an, wie man spricht. Es ist doch ganz egal, wovon man spricht, Hauptsache, es wird anständig erzählt.

(…)

Die Welt: Schreiben Sie nach der Wende 1989 anders als zuvor?

Erb: Man sagt mir nach, dass ich seit der Wende umgänglicher geworden bin. Aber wenn Sie sich die Gedichte vor der Wende ansehen: die sind sehr lebendig. Nur ist da noch viel Klage: Über die Umwelt und die Mängel der Außenwelt. Es ist nicht so offensichtlich, aber es ist da. Wir Schriftsteller wurden von den Ideologen immer angesehen als welche, die nicht am “Klassenkampf” teilnehmen oder gar “Klassenfeinde” sind. Als ich einmal für einen Amerikaner aus meinen ersten Büchern Gedichte aussuchte, konnte ich nachträglich sehen, wie viel Reaktionen auf DDR-Realität darin war. Das überraschte mich. Später zeigte mir auch mein Buch “Sonanz” wieder, dass ich total sozial orientiert bin.

Die Welt: Seit “Sonanz” mehren sich lockere Rede und Ironie?

Erb: Ja, ich gebe meinem Hirn jetzt diesen kleinen Schwung – Schwapp: “tja”, “jesses” “ach?”, “wie nicht?”. Seit den “Sonanz”-Gedichten ist kein Halten mehr. Das war eine totale Befreiung. Es ist ja wirklich alles automatisch geschrieben. Da ist kein Text vorher überlegt worden. Die Notate sind natürlich bearbeitet worden. Du weißt nur das Datum. Zuerst war ich von Leitmotiven überrascht. Zum Beispiel trat unter anderem immer wieder das Motiv “Kante” auf.

(…)

Die Welt: Im Prenzlauer Berg kamen die jungen Samisdat-Dichter zu Ihnen. Waren Sie Mittelpunkt der “Prenzlauer Berg-Connection”? Nach 1989 wurde sie von manchen als “elitärer Zirkel” abgetan. Wie sehen Sie das heute?

Erb: Die Initiative war bei den Jungen. Ich habe nur etwas dazugegeben. Ich sollte das Lyrik-Jahrbuch 1986 mit herausgeben und habe dafür Texte eingesammelt. Außerdem habe ich sie auch herausgegeben in der Anthologie “Berührung ist nur eine Randerscheinung”. Ich wollte, dass sie etwas haben, wo sie sich selber als Versammlung sehen.

Die Welt: Da herrschte eine kreative Atmosphäre?

Ja, das waren neue Texte für Menschen mit geistigen Bedürfnissen.

Die Welt: Haben Sie das als Opposition gesehen?

Erb: Das ist schwierig. Sie waren schon irgendwie Aussteiger. Ich weiß noch, dass der Verlagslektor fragte, ob diese jungen Autoren Versager seien gegenüber der Realität. Und ich sagte: Nein, die Realität hat versagt. Diese Jungen haben neu angefangen, und zwar grundsätzlich. Da spielten jetzt Dinge im Denken eine Rolle, die vorher nicht zählten oder nicht da waren. Besonders gut in Ableitungen von einem Wort zum anderen war Stefan Döring, der dann aufgehört hat, als die DDR aufgehört hat. Diese Einheit von Sozialem, Politischen und neuer Sprache. Im Westen Deutschlands gab es nur einen noch, bei dem ich das so gefunden habe: Thomas Kling.

Die Welt: Was bedeutete diese Entdeckung für Sie?

Erb: Ich war nicht das Zentrum. Ich bin einfach nur hingegangen und meinte: Die werden jetzt das machen, was ich versäumt habe.

84. Es gibt sie

Doch, es gibt sie: Autoren, die Sprache verdichten, Worte und Sinn beleuchten, befragen, reflektieren. Dichter, die ihre Texte nicht nur, aber auch für die berüchtigte Schublade produzieren, weil zeitgenössische Lyrik als schwer zugänglich gilt (es oft auch ist) und sich nur schwer verkaufen lässt; die Sprache nicht nur benutzen wollen, sondern sich mit ihr auseinandersetzen.

Diese andere, die verdichtete, reflektierte Sprache bekam in Düsseldorf auch in diesem Jahr wieder Raum beim Poesiefest im Heine-Haus. Auf der Einladungsliste der Buchhandlung Müller & Böhm stand mit Elke Erb eine der profiliertesten deutschen Dichterinnen. Die 75-Jährige stellte Texte aus ihrem jüngsten Band vor, der anlässlich der Verleihung des Ernst Jandl-Preises 2013 veröffentlicht wurde: “Das Hündle kam weiter auf drein”. / Sabine Schmidt, Rheinische Post

81. Das ist das Leben

“Vermutlich im März notiert” ist das kürzeste Gedicht betitelt, das vielleicht am besten die Spontanität und Offenheit (und Schönheit!) von Elke Erbs Lyrik auf den Punkt bringt:

Wenn der Hirsch aus dem Wald tritt – denk nicht, das ist nichts.
Oh, weißt du, das ist das Leben!

2012

/ Fabian Thomas, The daily frown

Elke Erb: Das Hündle kam weiter auf drein. Roughbooks, Berlin, Wuischke und Solothurn, 62 Seiten, 7 €

52. Mut & Wahnsinn

Zum 75. Geburtstag hat die Lyrikerin Elke Erb in diesem Jahr den Ernst-Jandl-Preis bekommen. Ein guter Verleger reagiert natürlich mit einem neuen Buch. Der Schweizer Urs Engeler ist ein guter Verleger. Er hat soeben in seiner nur über das Internet zu beziehenden ISBN-freien Reihe “roughbooks” Erbs gesammelte Lyrik aus den Jahren 2005 bis 2012 herausgegeben, Titel: “Das Hündle kam weiter auf drein”. (…)

Am 3. 9. 2007 schreibt sie das Gedicht “Zu gleich”:

Das eintretende Alter erheiterte mich
mit einer neuen Neugier und der Lust,

die Nase in Dinge zu stecken, die einen gar nichts angehen,
z. B. Diverses von Pflanzen:

Heimat in Mittelasien. So?
Hat eine Pfahlwurzel, ach?

Eingenommen sein im Alter ist getrennt sein zu gleich.
Ein Ich, das geht – und so kommt, wie es geht.

Prosaisch klar strömen die ersten Verse dahin. Die letzte Strophe hat es dann in sich: eine feine Minimeditation, die zum Wiederlesen einlädt. Davon hat das Buch mehrere in petto, mal bekenntnishaft-beklemmend wie in dem “Was sie will”, mal philosophisch-vielschichtig wie in dem großartigen “Ein Bild springt einem Satz bei”.

Erb eröffnet dieses Gedicht mit einem hochabstrakten Zitat des Philosophen Theodor W. Adorno und schließt das dann auf faszinierende Weise mit “Strohhalmsträhnen [ ... ] / an den seitlichen Hecken” kurz.

Dazwischen stehen viele Gedichte aus dem, was Volker Braun einmal Erbs “Reservat der poésie pure” genannt hat – schwer zugänglichen Gedankengelände. Lyrikeinsteiger brauchen für diesen Band deshalb Mut. Fortgeschrittenen reicht die übliche Portion poetischen Wahnsinns.  / André Hatting, DLR

Elke Erb: Das Hündle kam weiter auf drein
roughbooks, Wuischke und Solothurn 2013
62 Seiten, 7,00 Euro