Getagged: Bertram Reinecke

96. Deutsches Zentrum für Poesie

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir laden Sie herzlich ein, am Samstag, den 9.3.2013 um 17 Uhr in die Literaturwerkstatt Berlin zu kommen. Nehmen Sie teil, wenn wir die Kampagne „Für ein Deutsches Zentrum für Poesie“ starten.
Was steckt dahinter? Es ist an der Zeit, der Poesie ein Haus zu geben. Es ist an der Zeit, die Interessen und Möglichkeiten, die Dichtung ausmachen, zu bündeln und das „Kulturgut Dichtung“ in Deutschland zu stärken sowie dafür zu sorgen, dass Dichtung aus unserem Land in anderen Sprachen und Ländern stärker wahrgenommen wird. Umgekehrt ist ein Zentrum für Poesie in Deutschland natürlich ein Ort für den internationalen Austausch der Dichtung aus aller Welt. Poesie ist eine Kunst, die nicht nur auf eine große Tradition in Deutschland zurückblickt, sondern auch heute und in allen Generationen höchst lebendig ist. Das ist zunächst den Dichterinnen und Dichtern zu danken, die ihre Kunst unter teilweise arg prekären Bedingungen schaffen. Das ist aber auch dem Publikum geschuldet, das in Poesie immer häufiger eine geradezu lebensnotwendige Form der Selbstvergewisserung sieht. Poesieveranstaltungen können auf wachsende Besucherzahlen aus allen Generationen verweisen. Dichtung ist eine eigen-ständige Kunst, existiert aber auch in vielen medialen und künsteübergreifenden Formaten.
Diese Kunst braucht einen Ort, ein Haus für internationale Dichtung in unserem Land, in dem Dichterinnen und Dichter um eine Interessenvertretung wissen. Einen Ort, der die in Deutschland agierenden Institutionen und Initiativen zur Zusammenarbeit einlädt und genauso befördert, wie es den internationalen Austausch pflegt und ausbaut.
Das „Deutsche Zentrum für Poesie“ wird all diese Interessen national wie international vertreten.
Wir haben gemeinsam mit Dichtern – besonderer Dank gilt Monika Rinck – eine Veranstaltung vorbereitet, die Sie über ganz konkrete Aktionen mit den Inhalten des „Deutschen Zentrum für Poesie“ bekannt machen wird.
Seien Sie dabei, diskutieren Sie mit uns. Wir hoffen auf Ihr Interesse und Ihre Unterstützung.
Was erwartet Sie am 9. März um 17 Uhr?

Drei Dichtergruppen aus Berlin, München und Leipzig nehmen sich das weltweit am meisten benutzte Nachschlagewerk vor. Was sagt das umstrittene Wikipedia über deutsche Dichtung des 20, Jahrhunderts? Geradezu nichts. Hören Sie streitbare Versionen und diskutieren Sie mit darüber, wer oder was uns und Ihnen wichtig ist. Das Ergebnis geht online, wir halten Sie auch nach dem 9.3. auf dem Laufenden. Was lernen eigentlich unsere Kinder über Poesie? Junge Dichter aus der Gruppe G 13 durchforsten derzeit die Schulbücher der 10. Klassenstufe nach dem poetischen Gehalt. Der „Schulbuchreport“ geht dann auch an die Kultusminister der Länder. Vorher aber werden die Ergebnisse Ihnen in einer Performance vor- und zur Diskussion gestellt.
Wie schafft man es in anderen Ländern, dass die eigenen Dichter und deren Zeugnisse gut in der Welt und anderen Sprachen publiziert werden? Lassen Sie uns von den Nachbarn lernen: Thomas Möhlmann, “Poesieverantwortlicher“ des Nederlands Letterenfonds, erzählt, wie es funktionieren kann. Deutsche Autorinnen und Autoren haben sich solidarisch erklärt und sich fotografieren lassen mit dem Schild „Zentrum für Poesie“ – wir laden Sie zur Premiere einer hintergründigen Fotoschau ein.
Und am Ende: Die Verbindung von Alkohol und Poesie ist nicht von der Hand zu weisen. Dichter und Barmixer haben gemeinsam vier Rezepte entwickelt, die „Georg Maurer“ oder „Heroischer Alexandriner“ heißen – auch alkoholfrei! Mit Rezeptgedicht!

Bringen Sie Ihre Kinder mit. Sylvia Krupicka lädt zum Spielen, Dichten Basteln ein.

Es treten auf: Jan Kuhlbrodt, Alexander Makowka, Thomas Möhlmann, Maria Natt, Bertram Reinecke, Monika Rinck, Lea Schneider, Armin und Christel Steigenberger, Linus Westheuser, Ilja Winther, Nele Wolter

Wir hoffen auf Ihr Interesse und würden uns freuen, Sie am 9.3 begrüßen zu dürfen.

Am: Sa 9.3.2013, 17:00 Uhr
Ort: Literaturwerkstatt Berlin, Knaackstr. 97 (Kulturbrauerei), 10435 Berlin

Thomas Wohlfahrt
Leiter der Literaturwerkstatt Berlin

52. Liste

Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und die Stiftung Lyrik Kabinett präsentieren ihre Lyrik-Empfehlungen des Jahres 2012

Eine Jury aus 11 Lyrikerinnen und Lyrikern, Kritikerinnen und Kritikern hat aus den Neuerscheinungen des Jahres 2012 ihre Empfehlungen deutschsprachiger oder ins Deutsche übersetzter Dichtung ausgewählt.

Der Jury gehören an: Michael Braun, Heinrich Detering, Maria Gazzetti, Harald Hartung, Ursula Haeusgen, Florian Kessler, Michael Krüger, Kristina Maidt-Zinke, Monika Rinck, Daniela Strigl und Jan Wagner.

Die Empfehlungsliste für Lyrik ist Bestandteil der zwischen der Stiftung Lyrik Kabinett und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung vereinbarten Kooperation. Ihre Zusammenarbeit wurde 2012 mit der Veranstaltungsreihe „Das Lyrische Quartett“ begründet und hat zum Ziel, die Stimmenvielfalt der gegenwärtigen Poesie stärker ins öffentliche Gespräch zu bringen. Die Empfehlungsliste für Lyrik erscheint jährlich im Januar und bezieht sich jeweils auf Neuerscheinungen des zurückliegenden Jahres. Sie wird auf www.daslyrischequartett.de veröffentlicht. Die Jury ist auf zwei Jahre gewählt.

Unter den 9 von den 11 Juroren genannten Titeln (Derek Walcotts Buch wurde dreimal nominiert) sind 3 deutsche, darunter 2 von Autoren der Gegenwart: Bertram Reinecke und Kerstin Preiwuß.

Empfehlungen

Lyrische Neuerscheinungen des Jahres 2012

(Begründungen der Juroren in der angehängten Pdf)

Michael Braun:

  • Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Heinrich Detering:

  • Wolfgang Bächler: Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Katja Bächler und Jürgen Hosemann. Mit einem Nachwort von Albert von Schirnding. S. Fischer Verlag 2012.

Maria Gazzetti:

  • Als Gruß zu lesen. Russische Lyrik von 2000 bis 1800. Russisch-deutsch. Herausgegeben und übersetzt von Felix Philipp Ingold. Dörlemann 2012.

Ursula Haeusgen:

  • István Géher: In Jahre gegossene Jahre. Aus dem Ungarischen von Daniella Jancsó und Wolfgang Berends. Wenzendorf, Stadtlichter Presse 2012.

Harald Hartung:

  • Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Florian Kessler:

  • Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. roughbooks 2012.

Michael Krüger:

  • Adam Zagajewski: Unsichtbare Hand. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Carl Hanser Verlag 2012.

Kristina Maidt-Zinke:

  • Derek Walcott: Weiße Reiher. Aus dem Englischen von Werner von Koppenfels. Carl Hanser Verlag 2012.

Monika Rinck:

  • Kerstin Preiwuss: Rede. Gedichte. Suhrkamp 2012.

Daniela Strigl:

  • Roberta Dapunt: Nauz. Gedichte und Bilder. Aus dem Ladinischen von Alma Vallazza. Folio 2012.

Jan Wagner:

  • Ezra Pound: Die Cantos. In der Übersetzung von Eva Hesse. Ediert und kommentiert von Heinz Ickstadt und Manfred Pfister. Zweisprachige Ausgabe. Arche Verlag 2012.

Lyrik-Empfehlungen_Neuerscheinungen_2012 (Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung und Stiftung Lyrik Kabinett)

33. Merkvers

Alle Antworten finden sich hier. Wie viele
Knochen im menschlichen Körper? Genug
einen Archäologen glücklich zu machen.

Sandra Trojan: Ohne Titel. In: S.T.: Um uns arm zu machen. Gedichte. Leipzig: Poetenladen 2009, S. 18.

Ich lese gern alte Texte aus den Frühzeiten der Völker. Man findet da mehr Authentizität als in den tausendsten Aufgüssen. Was nicht heißt, daß ich neue Gedichte generell für Aufgüsse halte. Der Spätere hat es schwerer, zugleich authentisch und originell zu sein, weil soviel schon da war. Aber immer wieder versuchen es manche!.

Vorliegendes Buch heißt Middle English Lyrics. A Norton Critical Edition (zuerst 1974). Das Wort Lyrics muß erklärt werden. Sein Gebrauch für diese Texte, sagt das Vorwort, ist unhistorisch. Die früheste vom OED dokumentierte Verwendung dieses Wortes stammt von Philip Sidney (1554-1586) und stammt aus dem Jahr 1581.

Die Gedichte sind in thematischen Gruppen zusammengefaßt. Gruppe V beginnt mit Merkversen über verschiedene Gegenstände: Welcher Monat hat wieviel Tage? Wie unterscheiden sich die vier Charaktertypen? Ich bleibe hängen an diesem, um das Jahr 1470 offenbar für Medizinstudenten geschrieben:

xxxii teeth that bethe full kene,
cc bones and nintene,
ccc vaines sixty and five,
Every man hathe that is alive.

Zwei Wörter werden erläutert: bethe = are, kene = sharp.

Man kann also übersetzen:

xxxii Zähne die voll scharf sind,
cc Knochen und neunzehn,
ccc Venen [und] fünfundsechzig
Hat jeder lebende Mensch.

Die Fragen scheinen beantwortet: 32 Zähne, 219 Knochen, 365 Venen. Aber stimmt das? Bei den Zähnen ja. Aber dann wird es immer schwieriger. Der erwachsene Körper hat 206 Knochen, lese ich in den meisten Quellen, gelegentlich ist von 206-208 Knochen die Rede. Wie kommen die auf 219?

Vom erwachsenen Körper ist die Rede. Kinder haben um 300 Knochen, heißt es.  Die wachsen erst später zusammen, so daß sich die Zahl reduziert. 219 ist also schon ziemlich nah an der Zahl beim Erwachsenen.

Wenn man sich vergegenwärtigt, daß Papst Sixtus IV. 1481 in sein Amt kam und während seiner Amtszeit in einem Erlaß erlaubte, die Leichen von hingerichteten Kriminellen und unidentifizierte Leichen zur medizinischen Forschung oder zu anatomischen Studien für Künstler freizugeben, stellt das Gedicht ein Dokument aus der unmittelbaren Frühzeit der Leichensektion dar bzw. knapp davor. Bis dahin konnte man nur Totgeburten sezieren. Die Zahl 219 dokumentiert eine schon ziemlich genaue Annäherung, die gültigen Ergebnisse der medizinischen Forschung.* Damit bekommt das Gedicht den von Brecht eingeforderten Status eines Dokuments. Reallyrik im wahrsten Sinne des Wortes! (Die Zahl der Adern ist auch heute schwerer zu bestimmen, die Zahlen schwanken beträchtlich).

Ob es sich dabei um Lyrik handelt? Gehören lyrics, Songtexte, zur Lyrik? Manche Puristen lehnen das ab, aber who cares? Oskar Pastior, in seinen Frankfurter Vorlesungen, sprach den Satz “Ich weiß nicht was Lyrik ist” und unmittelbar darauf ein Gedicht, das man für zu seinem “Krimgotischen Fächer” gehörig halten mag, wenn er es nicht anschließend erläuterte:

Ich weiß nicht was Lyrik ist.

… Beli Boku
Stisa Flune
Namagalsi Phoschwehklar
Kakazkati – Wackermann: Feconi!
Cuzygalgen! Assel! Brotcryp! …

Es handelt sich um “die formelhafte Schlüsselstelle – oder Eselsbrücke – aus einem ganz frühen Gedicht (April 1955) mit dem Titel “Das periodische System”, der Elemente natürlich. Das mir – private Weltbeschwörung, durch die Fugen eben einer Eselsbrücke – den Absprung von der Hermannstädter Baufirma ins Bukarester Universitätsgedümpel plausibel machen wie erscheinen lassen sollte.”

Oskar Pastior: Das Unding an sich. Frankfurter Vorlesungen. Suhrkamp 1994, S. 14f.

Das Gedicht mit Nutzwert (“Poesie als Sachbuch”, schreibt Pastior), die Reihenfolge der Elemente – Beryllium, Lithium, Bor, Kupfer, Beli Boku, Stickstoff, Sauerstoff, Stisa und so weiter –  und zugleich private  Weltbeschwörung. Oskar Pastior schrieb und publizierte damals auch ganz andere Gedichte: “Als der neue Hochofen fertig war, wurde er angeblasen, und nun liefert er / Roheisen, Charge um Charge. / Nichts ist verwunderlich dran, aber alles ist / wunderbar, denn seit jenem, unserem glühenden August / vollziehen die Menschen in unserem Land / selber die Wunder der Ordnung (…)”. (In: “… sage, du habest es rauschen gehört”.  Werkausgabe Bd. 1. München Wien: Hanser 2006, S. 39). Aber in dem privaten Memoriervers – so etwas in Rumänien zu veröffentlichen wäre völlig unmöglich gewesen – erfand er sich als der Dichter, der er wurde. Die Frage, ob das Lyrik ist, ist irrelevant und in die Irre führend. Vielleicht war es in den Frühzeiten des 15. Jahrhunderts anders, und man mußte nur aufschreiben und es war immer gleich Poesie. (Ovids Liebeskunst war ja  auch ein Sachbuch!). Jetzt, Schiller hat es beschrieben, kann man sich nur aus der Distanz definieren – oder sich neu erfinden. Die soz-realistischen Gedichte waren bloße Reproduktion erwünschter Weltmodelle, im Spiel des Memorierverses ersteht Poesie. Und für mich kobolzen die Verbindungen, wenn ich den namenlosen alten Engländer lese und grad bei Sandra Trojan Spuren aus einem Buch von Bertram Reinecke aufsuchte (sein Gedicht, von dem ich mich auf die Spur setzen ließ, heißt “Für Archäologen”). Lyrik, das ist, wenn Verbindungen hergestellt werden.

Für Leute, die glauben, in einer wissenschaftlichen, kritischen Textausgabe bekämen sie zu lesen, was der Dichter wirklich aufgeschrieben hat, setze ich unter den Strich den Text und die Beschreibung aus DIMEV, dem Digital Index of Medieval Verse, zur Verdeutlichung noch einmal den edierten Text dazu.

Weiterlesen

15. Quellenarbeit

Verfolgt man das endlose Gerede in Medien und Blogs und an den Stammtischen, mag man schon irre werden am Menschen und der Möglichkeit des Gesprächs, das wir seit Hölderlin* sind. Verwirrte Lehre zu verwirrtem Handeln, so faßte schon Goethe zusammen. In der Tat, mancher der Mitredenden handelt ja später, wie ers nicht besser hörte.

Wie wohltuend dann, in einem Gedichtbuch zu lesen. Das Gespräch mit einem Gedicht zu führen, das man mehrmals liest und bedenkt. Dabei beobachtend wie es selbst schon ein Gespräch zwischen seinen Zeilen und Worten ist. Wie es ins Gespräch mit den anderen Gedichten im Band tritt, und mit anderen, direkt oder indirekt, bewußt oder unbewußt zitierten Sätzen. Ein Stimmengewirr, in dem Ordnung und Chaos zugleich walten.

Die Gedanken kamen mir, als ich in Bertram Reineckes “Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst” las. Ich las das Sonett “Ich zöger noch, mir jenen Kinderort” und fand in der Anmerkung zur Entstehung dieses Gedichts, das auf einem Prosagedicht Jürgen Beckers basiert, Überlegungen des Autors zu alten und neuen Denkstrukturen. Dann ging ich zum fünfteiligen Titelgedicht, und hier fand ich dann in den Anmerkungen folgende Reflexion:

Damit man nicht in einen solchen Text wiederum seine Vorurteile über diese Zeit und deren Autoren hineinträgt, sondern deren Vorstellungen herausarbeitet, ist hier eine besonders strenge Quellenarbeit notwendig. So darf das Montageverfahren Inhalte nur neutral zusammenziehen und nicht durch geschickte Kombinatorik versuchen Witz zu erzeugen, wie es in den Texten nach der Centoregel geschieht.

Bertram Reinecke: Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst. Hrsg. Ulf Stlterfoht. (roughbook 019). Leipzig, Berlin und Solothurn, 2012, S. 81.

Ah danke. Abermals, abermals. Poetry made my day. Weggebeizt das bunte Gerede des An-/erlebten – das hundert-/züngige Mein-/gedicht, das Genicht.

*) Paulus / Gilgamesch

168. Abwesenheit in Halle

Liebe Freunde der Kunst,

hiermit laden wir Sie herzlich zum 8. Langen Abend der Galerien in Halle ein.

Begleiten Sie das blaue Wunder auf dem Galerierundgang oder philosophieren Sie mit Bertram Reinecke am Kiosk über das Thema “Abwesenheit”.

Ab 17 Uhr – und immer zur vollen Stunde – können Sie Andrea Knoblochs Skulptur “blaues Wunder” ausleihen und so selbst eine temporäre Kunstausstellung im öffentlichen Raum arrangieren.

Bertram Reinecke referiert, diskutiert, rezitiert, erzählt und schildert Abwesendes zu jeder halben Stunde in unserer Schaubude am Reileck.

Wir freuen uns auf Sie!
Herzliche Grüße,
Ihr hr.fleischer e.V.

Die Ausstellung läuft bis zum 6.12.2012 und wird gefördert vom Land Sachsen-Anhalt.

9. Was soll das – Poetik mit Grönemeyer, subjektiv

Von Bertram Reinecke (Leipzig)

Ich verstehe die Kritiker der Poetikvorlesung mit Herbert Grönemeyer: Dass die ohnehin schmale Kulturförderung für etwas ausgegeben wird, was sich so ähnlich auch anderswo finden lässt. Ich besuchte dennoch ebenso die Poetikvorlesung, wie das Gespräch über Poesie mit Michael Lentz am Folgetag. Über weite Strecken hatte die Veranstaltung besseres (wohlgemerkt immerhin) Talkshowniveau. Es war unterhaltsam und tatsächlich konnte ich auch etwas über Poesie lernen: In gewisser Hinsicht sind Grönemeyertexte denen Gertrud Kolmars verwandt, die er auch rezitierte. (Aufgefallen ist es mir besonders bei der zweiten Veranstaltung.) Ich bin sicher, dass einige Fans diesen Ball aufnehmen werden. (Weniger interessant für mich seine Vorträge von Mascha Kaléko, Ringelnatz, Tucholsky und Heinz Erhardt, auswendig.) Seltsam zu beobachten, welche Emphase beim Lob der Dichtung noch glaubwürdig wirkt, wenn ein verehrter Star sie vorträgt. Ein Lyriker wäre längst als Spinner abgetan worden. Die Aura eines Grönemeyer, der von wohlwollenden Fans umgeben war, beschützte sein Pathos vor dem Glaubwürdigkeitsverlust. (Er lobte intensiv das Gedicht als Hilfsmittel zur abendlichen Selbstreflektion im Gegensatz zur anspruchslos prosaischen Bettlektüre).

Ein anderes Detail: Er  verglich die Unterdrückungsprozesse von Texten mit Zensur, ist also offensichtlich kein Anhänger der Totalitarismustheorie, die im politischen Diskurs vielerorts noch verbindlich ist. Er sprach aber auch von den privaten Codes die der DDR-Bürger aufgebaut hätte, um sich über die Mankos des System geheim zu verständigen und das traf zumindest in den Achzigern wohl allenfalls für die öffentlichen Codes noch zu. Nicht jeder Code, der einem Auswärtigen unzugänglich ist, ist gleich ein Geheimcode. Wie umgekehrt: Der offenbar pointiert gemeinte Verweis auf seine Anfänge bei Süverkrüp z.B. löste ebensowenig Erheiterung aus, wie seine Anspielung aufs KBW-Milieu.  („Unverschlüsselt“ ist immer der Code einer unreflektierten Mehrheit.)

Mir war nicht deutlich, dass Grönemeyer häufig, nicht nur aus akustischen Gründen, dem Vorwurf der Unverständlichkeit ausgesetzt ist. Was Grönemeyer auch immer ist: Selbst seine Texte sind also offensichtlich keine „Realpoesie“. In der zweiten Veranstaltung (die Presse war offenbar schon abgezogen) widersprach er der These, seine Texte seien unverständlicher geworden und zog von Album zu Album die Linien nach: Unverständlichkeit ist eben nicht nur eine Sache der sprachlichen Strategien, wie viele behaupten, sondern auch ein Effekt komplexer Sachverhalte und Erfahrungen, die mit denselben Mitteln vermittelt werden sollen. Könnte man verständlicher werden, wenn man zu anderen weniger eingeführten Mitteln griffe oder ist man genötigt, dies eben hinzunehmen. Grönemeyer strahlte in Bezug auf dieses Problem eine wohltuende Gelassenheit aus. Ein zweiter wichtiger Aspekt: Grönemeyer nimmt sich die englische Kultur des Poptextes mehr und mehr zum Vorbild: Diese Texte seien weniger gradlinig, weil sie stärker die Neigung hätten sich selbst in Frage zu stellen. Das strebe er auch an. Andererseits vermittele ihm der ausprobierend spielende Umgang mit dem Material eine größere Tiefe der Beschäftigung, während er den deutschen gradlinigen Ernst als eine kulturelle Attitüde in Verdacht zog.

Dabei zeigte sich an Textvarianten für bestimmte Songs, die er vorstellte, dass das Thema des Textes erstaunlich unabhängig ist von der Stimmung der Musik. Texten ist für ihn nicht das Übermitteln von Inhalten: „Ich habe dies und das über diesen Gegenstand zu sagen“, sondern eher das Vermitteln von versprachlichten Haltungen. Schnell wird aus einem Liebeslied das ist immer einfach ein Lied wie Schiffsverkehr. (Andere Beispiele waren noch deutlicher, aber ich war zum Vergnügen da, also ohne Stift und konnte sie mir als Nichtkenner so nicht merken.)

Den Vertextungsprozess beschrieb er als dreistufig: Zunächst ein sogenannter Bananentext während der Komposition, der fließend und veränderlich vielleicht die sprachlichen Möglichkeiten der Melodie auslotet. Anschließend wird ein fester Dummy erstellt, der die Längen der Phrasen und ihre Betonungsverhältnisse festlegt  (er arbeitet offensichtlich intuitiv und nicht mit dem Abzählen von Hebungen und Senkungen), bis dann verschiedene echte Textvarianten mit dem Vorhaben der Veröffentlichung entstehen.

Leider ließ sich Herbert Grönemeyer am zweiten Abend nur teilweise auf die von Michael Lentz gut vorbereiteten poetologischen Fragen im Detail ein.

Immerhin wurde sehr deutlich, dass Grönemeyer wie etwa auch Element of Crime sehr stark von der Verfremdung von Sprichwörtern und Redewendungen ausgeht, während die Geschichte bzw. Handlungssituation des Liedes erst in einem späteren Stadium hinzutritt, um die Intentionen zu bündeln. Ebenfalls wurde deutlich, wie der symbolische Gehalt mitunter die sachliche Orientierung aus den Angeln hebt.

Dass das ihm als Autodidakt offensichtlich aber nicht immer ganz glückt, schälte dies Gespräch am Beispiel von Schiffsverkehr ebenfalls heraus. Wer hätte z.B. gedacht, dass die Textzeile „Fall auf meinen Fuß“ sich von der Wendung „auf die Füße fallen“ ableitet? Wenn mit dem Zeilenpaar „Geb Mir Ewigen Schnee / Pures Gold, Wohin Ich Seh“ so etwas wie „strahlendes Glück“ gemeint sein soll, dann ist der konzeptuelle Aufwand doch etwas hoch. „Unverständlich“ ist aus dem gleichen Grund unerwarteten Aufwands wohl auch das Zeilenpaar „Stell mich vor/ das Leere Tor“ die im Gedanken an einen Fußballstürmer entstanden. Das mag der Sportschauseher verstehen, aber selbst dem Mitglied der Autorennationalmannschaft Michael Lentz wollte das nicht recht plausibel sein.  („Unverschlüsselt“ ist immer der Code einer unreflektierten Mehrheit.) Klar wird aber auch, dass die Schwierigkeiten des Verständnisses oft nicht aus dem Komplexionsniveau eines Textes erwachsen, sondern viel häufiger aus einem starken Wechsel dieses Niveaus nach oben oder unten. Die Gefahr der Enttäuschung, dass sich ein schillerndes Geheimnis in eine Banalität auflöste, lag immer nahe, manchmal waren die Bemerkungen aber auch bereichernd. Man neigt ja dazu, ein Bild das man verstanden glaubt nicht weiter zu befragen und hier und da war manches auch stärker durchdacht als von mir angenommen. „Entfalte meine Hand“ ist in seiner Mehrdeutigkeit wohl ein Einstieg, der in Bezug auf Grönemeyers Sorge um eine gute erste Zeile als geglückt betrachtet werden darf. Diese Offenheit, sich vor großem Publikum hinterfragen zu lassen und sich selbst zu hinterfragen unterschied Grönemeyers Auftritte wohltuend z.B. von Uwe Tellkamps Poetikvorlesung, die ebenfalls auf kaum höherem technischen Niveau (was eventuell Michael Lentzens Einflussnahmen auf Grönemeyer zu danken gewesen sein mag) reines Marketing betrieb: „So toll sind Schriftsteller im Allgemeinen, weil sie ständig mit den großen Themen sich befassen und ich im Besonderen.“ (Die einzige wirklich technische Einlassung Tellkamps, wie man einen Charakter aufbaue, beschränkte sich seinerzeit auf eine Exerpierung der einschlägigen Auffassungen des Faz-Feuilletons zur Persönlichkeit des Terroristen an sich). Während Tellkamp sich in die Rolle des Sehers stilisierte, vertrat zwar auch Grönemeyer den Anspruch, dem Zeitgeist und den Menschen eine Stimme zu geben, rechtfertigte dies aber mit der Arbeitsteilung in der Gesellschaft. Er habe eben die Zeit, sich intensiv mit diesen Fragen zu beschäftigen, während anderen diese im Berufsleben mitunter nicht bliebe.

Dennoch hoffe ich natürlich, dass es bei diesem einmaligen Ausflug in die Popkultur bleiben möge. Mit Ingo Schulze, Harry Rowohlt und Herta Müller sind in der Vergangenheit Referenten gewonnen worden, die das Anliegen dieser Veranstaltungreihe weit besser verkörperten. Wenn es, wie Hans Ulrich Treichel auf lvz online angemerkt hat, darum ging Songwriting in das Nachdenken über Poetik einzubeziehen, hätten unter Umständen Leute wie Sven Regener, Gerhard Schöne oder Wolf Biermann einen besseren Zugriff auf ihr poetisches Tun gehabt. Dennoch wurde der Abend über den engeren Kreis der Grönemeyerfans hinaus als anregend und praktisch verwertbar für das Schreiben empfunden. (Zumal auch von Leuten, die sich nicht täglich mit dieser Materie beschäftigen.)

____________

Die Welt zum Thema:

Deutschlands größter Popstar verrät in Leipzig seine Betriebsgeheimnisse Von Richard Kämmerlings

66. lichtes rauschen. lyrik von der küste

Öffentliche Veranstaltung

Freitag, 26. Oktober 2012
20:00

jugendkunstschule ARThus, rostock

das literaturhaus rostock startet eine neue reihe für lyrikerinnen und lyriker des landes mecklenburg-vorpommern.

gäste: odile endres, peter neumann, bertram reinecke, marcus roloff

moderation: ron winkler

musik: marten pankow

freitag, 26. oktober, 20.00 uhr
theatersaal, jugendkunstschule ARThus
kuphalstr. 77, 18069 rostock
EUR 6,- / 4,-

24. Hoprichs Sprachkosmos

In dem Gedichtband “Bäuchlings legt sich der Himmel” unternimmt der Herausgeber Bertram Reinecke den Versuch, biografische Details und die Gedichte möglichst aus ihrer Verklammerung zu lösen. Aus circa 150 Gedichten, die im Nachlass erhalten sind, hat Reinecke eine Auswahl getroffen. Die Gedichte sollen, so Bertram Reinecke, eben nicht einfach auf ein Dokument “poststalinistischer Zwangsverhältnisse” reduziert werden.

Bertram Reinecke:
“Es würde mich stören, wenn unter der politischen Debatte der Dichter Hoprich nur noch als Stichwortgeber, Anlassgeber für politische Auseinandersetzungen fungierte, ich wollte das Werk wieder in den Vordergrund rücken.”

Ein großer Verdienst des Bandes ist es, auch Texte, die in der Ausgabe von 1983 aus politischen Gründen nicht erscheinen durften, nun für den Leser zugänglich zu machen. Für die Neuedition greift Reinecke auf Typoskripte zurück; Arbeitsvarianten einiger Texte sind mit Fußnoten markiert, auch zwei Übersetzungen aus dem Moselfränkischen leuchten den Hoprischen Sprachkosmos aus. Der Gedichtband ist in sechs Abschnitte untergliedert, die dem Leser einen Zugang zu den sprachlichen Bildern erleichtern sollen. Bertram Reinecke:

“Georg Hoprich ist von relativ konkreten Gedichten übergegangen zu einem sehr abstrakten Sprechen, ein Sprechen, das aber immer im Blick hat verallgemeinerbar sein zu wollen, und er ist dann zu dunklen Metaphern gekommen, zu Chiffren gekommen.”

/ Anja Kampmann, DLF

Georg Hoprich: Bäuchlings legt sich der Himmel – Gedichte
Verlag Reinecke & Voß, 100 Seiten, 10,00 Euro, Broschiert

12. Neu bei roughbooks

Roughbooks kündigt zwei Neuerscheinungen an:

Mütze #1, die neue literarische Zeitschrift (die “Zwischen den Zeilen” nach fast 20 Jahren ablösen wird),
mit Beiträgen von Pierre Guyotat (Holger Fock), William Faulkner (Günter Plessow), Tim Turnbull (Dagmara Kraus), Werner Hamacher und Simone Kornappel. 52 Seiten, 5 Euro / 7 Franken (plus 1 Euro/Franken für den Versand).
Bestellungen über das Bestellformular: http://www.roughradio.com/muetzebestellen.html

Und neu bei den roughbooks:

roughbook022: Chris Bezzel, isolde und tristan,
http://www.roughbooks.ch/chris_bezzel/isolde_und_tristan.html

Nicht minder reif und frisch ist roughbook021: Bruno Steiger, Der Trick mit dem Sprung aus dem Stuhl,
http://www.roughbooks.ch/bruno_steiger/der_trick_mit_dem_sprung_aus_dem_stuhl.html

Nur noch wenige Exemplare gibt es von roughbook020: Wolfgang Schlenker, doktor zeit,
http://www.roughbooks.ch/wolfgang_schlenker/doktor_zeit.html

Fast schon ein Klassiker ist roughbook019: Bertram Reinecke, Sleutel voor de hoogduitsche Spraakkunst,
http://www.roughbooks.ch/bertram_reinecke/sleutel_voor_de_hoogduitsche_spraakkunst.html

Das ist, was 2012 bisher an roughbooks brachte. Im Sommer bereitet sich der Herbst vor.
Mit einer Fortsetzungsbestellung, http://www.roughradio.com/abo.html, haben Sie das neuste roughbook immer automatisch im Briefkasten.
Und wenn Sie diesen newsletter abbestellen wollen, reicht ein “Bitte keine newsletter mehr” als Antwort auf diese mail.